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Schlagwort: Gegenwart

Anne Gesthuysen: Sei mir ein Vater

Anne Gesthuysen: Sei mir ein Vater

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Fantasie und Wirklichkeit…

Die bekannte Fernsehmoderatorin Anne Gesthuysen hat nach dem Roman über drei Tanten „Wir sind doch Schwestern“ einen neuen Roman geschrieben. Die Geschichte ist angelehnt an die authentische Malerin Georgette Agutte und ihres Mannes Marcel Sembat.

Wie hat alles angefangen?

Zwei Austauschschülerinnen aus den achtziger Jahren haben enge Freundschaft geschlossen. Besonders Lilie Agutte aus Frankreich hat in dem Vater von Hanna am Niederrhein einen „Gastvater“ gefunden, dem sie sich eng verbunden fühlt. Ihre eigenen Eltern und besonders der Vater waren nie so richtig für sie da. Sie fährt 2007 nach Veen an den Niederrhein, um den Gastvater zu besuchen, der an Krebs erkrankt ist. Mit im Gepäck hat sie ein Bild, das lange in ihrer Wohnung in Paris herum hing ohne rechte Würdigung zu erfahren. Man hatte es ihr bei einem Einbruchsversuch zu entwenden versucht. Ist es denn etwas wert, und wer ist der/ die MalerIn? Hermann, der Gastvater, wird neugierig und beginnt, sich intensiv mit der Entstehungsgeschichte zu befassen. Dabei erleben er und seine zwei „Töchter“ Neuigkeiten ganz eigener Art. Die Entstehungsgeschichte des Bildes datiert etwa um das Ende des 19. Jahrhunderts.

In wechselnden Szenen sind wir einmal in Deutschland um 2007, um uns dann wieder in die Darstellung des Bildes und seines möglichen Ursprungs zu vertiefen. Lilie, Hanna und ihr Vater machen sich auf eine abenteuerliche Reise, um der Geschichte des Bildes und damit der Ahnen von Lilie auf die Spur zu kommen.

Wir werden zurückversetzt in die Zeit der Belle Epoque mit allen ihren damaligen Kunstrichtungen und den bekannten Malern und Künstlern des Impressionismus. Die drei erfahren bei ihrer Suche, dass Lilies Ururgroßtante Georgette Agutte eine talentierte Malerin war. Zu ihrem Freundeskreis gehörten Maler wie Matisse, Pissarro und viele andere Künstler. Sie war in zweiter Ehe glücklich verheiratet mit dem sozialistischen Politiker Marcel Sembat.

Anne Gesthuysen weiß leicht und unkompliziert zu erzählen, wenn ihr die Anfänge der Geschichte auch ein wenig breit und ausufernd geraten sind. Ihre Familiengeschichten sind warmherzig und liebevoll angelegt. Hier hat sie das Wagnis unternommen, eine wahre Geschichte mit einem fiktiven Roman zu verbinden. Das hat ihrer Fantasie keine Grenzen gesetzt. Man merkt, dass sie Lust am „Schreiben“ hat. In langen Passagen schildert sie Mensch und Natur, lässt ihre Figuren Dialoge führen und befasst sich mit Kunstgeschichte und Geschichte, die bis zum Beginn und Ende des Ersten Weltkriegs reicht. Wie den Faden eines Wollknäuels verwirrt und entwirrt sie ihre Geschichte mit immer neuen möglichen Lösungen. Nicht zuletzt dreht sich die Erzählung um Familienbeziehungen, gute wie weniger gelungene, und um die „Zeit“ als Rahmen für Beginn und Abschied.

Man darf mit Fug und Recht sagen: es ist eine leicht zu lesende Lektüre!

Anne Gesthuysen
Sei mir ein Vater
432 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, November 2015
ISBN-10: 3462048325
ISBN-13: 978-3462048322
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Julie Peters: Der vergessene Strand

Julie Peters: Der vergessene Strand

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Amelie glaubt, in ihrem Leben angekommen zu sein. Sie ist seit einigen Jahren mit ihrem ehemaligen Dozenten Michael liiert, in den nächsten Monaten soll Hochzeit sein. Das Studium hat sie erfolgreich abgeschlossen. Ein Verlag hat sich für ihre Recherchen über Beatrix Lambton interessiert und möchte ein Buch herausbringen. Ihre Freundin Diana lebt gerade in Neuseeland, aber dank Internet nimmt sie rege an deren Leben teil. Was braucht es noch? Doch dann muss Amelie schmerzlich erfahren, dass Michael mit einer anderen Frau ein Kind bekommt. Sie war davon ausgegangen, dass Michael den Seitensprung vor einigen Monaten tatsächlich nur einmal begangen hat und die Affäre längst beendet ist. Sie hat ihm und ihrer beider Liebe eine zweite Chance gegeben. Die Nachricht von dem werdenden Kind, obwohl doch sie zusammen mit Michael eine Familie gründen wollte, bricht wie ein Novembersturm über sie herein. Sie flüchtet nach Pembroke in Wales, dem Ort, in welchem die Lambton-Schwestern vor über hundert Jahren lebten, über deren Leben sie schreibt. Doch Amelie wird in diesem Ort von den Einwohnern angefeindet, ohne dafür ein Motiv erkennen zu können. Dann deutet sich an, dass sie hier bereits gelebt hatte und für die Einwohner keine Unbekannte ist. Erinnern kann sie sich daran nicht. Eine Reise in die Vergangenheit beginnt …

Julie Peters hat eine unterhaltsame und spannende Geschichte um die Suche nach dem Ich, die Suche nach den Wurzeln geschrieben. Die Protagonistin Amelie ist ohne Vater aufgewachsen, ihre Mutter hatte und wollte ihr nichts über ihren Vater erzählen. Die Wut um das Fremdgehen ihres Freundes und die Recherchen für ihr Buch treiben die Protagonistin auf den Weg in ihre eigene Vergangenheit. In einer Parallelhandlung wird dabei vom Leben der Lambton-Schwestern vor hundert Jahren erzählt. In nahezu jedem Kapitel aus der Gegenwart gibt es einen großen Absatz aus damaligen Zeit. Kenntlich wird dies durch eine andere Schriftart gemacht. Damit werden scheinbar zwei Geschichten in einem Roman angeboten. Doch schnell stellt sich heraus, dass die Protagonisten von vor hundert Jahren kaum einen Unterschied zu denen aus der Gegenwart aufweisen. Hier wie dort geht es um das Fremdgehen, um die Liebschaften der Männer, denen dies verzeiht wird, hingegen die Frauen gnadenlos dafür bestraft werden. Geht es in der Gegenwart um Schwangerschaft, so geht es auch in der Vergangenheit um Schwangerschaft. Können sich die Frauen in der Gegenwart nicht zu einer Entscheidung durchringen, so können sie es auch im Gestern nicht. Damit stellt sich die Frage, warum überhaupt dieser Griff zu der Parallelhandlung gemacht, zumal sie nach zwei Dritteln des Buches von der Autorin offenbar vergessen wurde? Still und heimlich gibt es plötzlich keine Ausflüge in die Vergangenheit mehr. Schade, war es doch eine angenehme und nette Verbindung in die Vergangenheit, die mit noch so mancher Überraschung aufwarten konnte.

Peters hat mit diesem Roman das Thema der heutigen Girli-Generation aufgegriffen, die nicht in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen. Ständige Zweifel nagen an der Protagonistin, sie ist hin- und hergerissen zwischen ihren Wünschen und dem, was sie für sinnvoll hält, kann jedoch keinen Schlussstrich ziehen oder mit der Faust auf den Tisch hauen, wie man es sich wünschen würde. Doch darin liegt bis zu einem gewissen Grade auch die Spannung dieses Romans. Denn der Leser wartet auf die längst fällige Entscheidung. Da die parallele Handlung eh im Sande verläuft, hätte man mit dem Kürzen des Romans weit mehr gewonnen.

Mein Fazit: unterhaltsam, spannend, etwas langatmig. Aber ohne Frage macht es Spaß, ihn zu lesen.

Peters, Julie
Der vergessene Strand
480 Seiten, broschiert
Rowohlt, Hamburg
ISBN-10: 3499266644
ISBN-13: 9-783499266645

© Detlef Knut, Düsseldorf 2013
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Axel Hacke und Giovanni Di Lorenzo: Wofür stehst Du?

Axel Hacke und Giovanni Di Lorenzo: Wofür stehst Du?

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Freundesgespräche; eine Zwischenbilanz!

Zwei gute Freunde fragen sich eines Tages, für welche Werte sie eigentlich stehen. Der eine von beiden ist Journalist, der andere arbeitet als freier Schriftsteller. Aus einer Art Zwiegespräch ist ein sehr bemerkenswerter Dialog entstanden, der Schulzeit, Familie und Herkommen, Rebellion, politische Entwicklung seit Beginn der siebziger Jahre und die eigene Gesinnung bis heute thematisiert.

Dass die gedanklichen und politischen Überzeugungen und Lebensgewohnheiten der 68ger Generation bis weit in die  Jugendzeit jener hineinreichte, die erst Ende der fünfziger Jahre geboren wurden, ist gut nachvollziehbar. Unsicherheiten über die politischen Unruhen jener Jahre kennzeichnen das Leben beider Freunde.

Hier sprechen zwei  Männer mittleren Lebensalters, die aus der Rückschau ihrer Entwicklung zu eigenen Standpunkten gelangt sind. Sie geben deutlich zu verstehen, dass sie heute an Politiküberdruss leiden, dass ihnen eindrucksvolle Politikerpersönlichkeiten fehlen, und dass sie die tägliche Berieselung mit Talkshows aller Couleur verdrießlich stimmt. Sie üben harsche Kritik an der ständig öffentlich ausgetragenen Nörgelei über unser gut ausgestattetes Gemeinwesen, in der die Fürsorge für den einzelnen und das Recht in jeder Lebenslage funktioniert; eines der besten in der Welt übrigens, wie sie anmerken.

Aus wechselnden Perspektiven beleuchten Axel Hacke und Giovanni Di Lorenzo die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, die in jeder Hinsicht anders verlief als die erste Hälfte, in der zwei Kriege menschliche Existenzen vernichteten oder als seelisch Beschädigte zurück ließen.

Beide spiegeln in ihren Beiträgen, wie zerstrittene Herkunftsfamilien das Leben der nachfolgenden Generation beeinträchtigten. Die eigene Familiengründung muss da lange zurückstehen. Wie Erziehung heute gegenüber früher verläuft ist ein Thema, das neben vielen anderen die Gegensätze früherer und heutiger Generationen zeigt. Und doch: die Elterngeneration der heutigen Eltern liest die Passagen zur Erziehung auch deshalb mit Gewinn, weil sie eine gewisse Gelassenheit erfasst: Erziehung hat viel mehr mit dem „Sein“ als mit dem Wissen zu tun. Und jede Generation erlebt mit der Ablösung aus der vorherigen ihr eigenes Werden.

Allerdings lässt sich mit Fug und Recht feststellen, dass hier eine Generation herangewachsen ist, die es sich zur Gewohnheit gemacht hat, Ursachen für gesellschaftliche Vorgänge zu hinterfragen. Zwei nachdenkliche und reflektierte Männer versuchen, ihre Herkunft, Vergangenheit und Gegenwart kritisch zu durchleuchten. Wegschauen und Schweigen ist nicht mehr angesagt.

Insgesamt bietet diese Reflexion über ein ganzes Generationengeschehen einen sehr gründlichen Einblick in eine Gesellschaft, in der seit 70 Jahren kein Krieg herrschte, und in der weitgehende Freiheit und Liberalität ein friedliches Leben gewährleisten. Nutzt sie das auch?

Eine umfassende Bilanz ist den beiden Autoren gelungen; persönlich, ohne indiskret zu sein, nüchtern, selbstkritisch und ehrlich. Man liest das Buch mit Anteilnahme und Interesse!

Axel Hacke
Giovanni Di Lorenzo
Wofür stehst Du?
230 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, September 2010
ISBN-10: 3462042416
ISBN-13: 978-3462042412
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