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Autor: Claudine Borries

Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

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In diesem kleinen Büchlein über den Begriff des Anstands hat der Schriftsteller Axel Hacke in feuilletonistischer Art und Weise versucht, uns mit seiner Definition von Anstand bekannt zu machen.

Hacke beschreibt auf Seite zwanzig in wenigen Worten, wie man Anstand interpretieren kann, und das klingt ganz einfach: Begriffe wie Gerechtigkeit, Solidarität und Fairness fallen in diesem Zusammenhang ebenso wie Aufrichtigkeit im Handeln und Reden und, sehr wichtig wie mir scheint, die Fähigkeit, das eigene Denken kritisch zu überprüfen.

Schnell wird aus seinen folgenden Ausführungen jedoch klar, dass „Anstand“ in der Tat seit längerer Zeit der Verrohung herkömmlichen Umgangsformen gewichen ist. Es fällt im Alltag gar nicht so sehr auf, wie weit wir uns vom Verfall guter Sitten und der Grenzüberschreitung im persönlichen Umgang entfernt haben.

An zahlreichen Beispielen macht A. Hacke seine Thesen fest. Er nennt die Namen einer Vielzahl bekannter Dichter, Philosophen und Denker, um seine Argumente zu untermauern. Kästner, Fallada, Marc Aurel, Kant und nicht zuletzt David Foster Wallace und viele andere mehr werden in Zitaten herangezogen, um über Formen des Anstands zu referieren.

Vom Steinzeitmenschen bis in die Gegenwart reichen Hackes Vergleiche, was Formen des Anstands und des Umgangs miteinander betrifft. Durch seine Zeilen erfährt man, wie über die Jahrtausende durch Bildung, Entwicklung und Forschung ein faires Miteinander erst möglich wurde. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Studie von Norbert Elias „Über den Prozess der Zivilisation“ hingewiesen.

Da das Buch eher die Erwartung an ein Feuilleton erfüllt, muss der geneigte Leser keine wissenschaftliche Studie erwarten. Der Bericht ist gewissermaßen ein Parforceritt im Plauderton durch die Geschichte und heutige Gegenwart.

Dazu gehören natürlich Tablets und Smartphones, die Paare, Eltern und Kinder im Beisammensein vereinsamen lassen, weil die Technik das Gespräch verdrängt.

In langen Passagen widmet sich der Autor den schrillen Tönen auf Facebook.

Axel Hacke fasst in seinem Buch zusammen, wie wir die Welt und die Formen unseres Umgangs erleben. Seine Ausführungen lassen uns von einer versöhnlichen Welt träumen, in der man Rücksicht nimmt, Gegensätze friedlich austrägt und insgesamt ein harmonisches Miteinander pflegt. Eine schöne, einträchtige Welt, wie wir alle sie uns wünschen würden! Leider sieht die Wirklichkeit anders aus, und Hoffnungen auf ein besseres Zusammenleben sind eine schöne Utopie!

Man kann Hackes Ausführungen als berechtigte Zivilisationskritik betrachten.

Sein Werk mag auch als ein Appel an uns alle gelten, uns um Umgangsformen zu bemühen, die uns Respekt, Höflichkeit und Zuhören abverlangen. In seltenen Fällen bei aufgeklärter Bildung und Erziehung mag das gelingen. Doch wenn man einmal mit Lehrern spricht, dann weiß man, wie schwer diese hoffnungsvollen Vorsätze an der Wirklichkeit integrativer Vielfalt zerschellen! Darüber hinaus bietet die derzeitige globale Politik keinen Hoffnungsschimmer auf eine bessere Welt.

Ich empfehle das Büchlein dennoch, weil es auf einfache Weise vermittelt, was uns allen so sehr fehlt: Eintracht, Freundlichkeit und—-Menschenliebe!

Axel Hacke
Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen
192 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann, August 2017
ISBN-10: 3956142004
ISBN-13: 978-3956142000
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Sonja Heiss: Rimini

Sonja Heiss: Rimini

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Familienleben mit vielen Zwischentönen.

Drei Paare: Eltern, Tochter und Sohn mit Partnern bilden den Mittelpunkt dieser Geschichte, in der es um Liebe, Treue, Anhänglichkeit, Versagen und wie immer auch Vergänglichkeit geht.

Die Eltern, Barbara und Alexander, haben bereits nach langen Ehejahren ihr Rentenalter erreicht. Weihnachten treffen alle wie gewohnt zusammen.

Hans, ihr Sohn und Anwalt von Beruf, dümpelt in seiner Ehe mit einer sehr dominanten Frau vor sich hin. Ihre beiden Kinder Lou und Leo sind in den Augen der Großeltern reichlich streng und rigide erzogen. Und Masha erst! Sie ist die jüngere Schwester von Hans und mit 39 eigentlich ein altes Mädchen, aber auch sie scheint den Absprung ins eigene Leben nicht recht zu schaffen. Das Weihnachtstreffen findet bei Hans und Ellen statt und rundheraus lässt sich sagen: alle gehen einander auf die Nerven. Irgendetwas scheint allen zu fehlen, um zu einem glücklichen und autonomen Leben zu finden.

Gespannt folgt der Leser einer Entwicklung, bei der so nach und nach die Eigenheiten aller Partner zum Vorschein kommen, und man ist nicht erfreut, wie unübersichtlich das emotionale Durcheinander aller Beteiligten ist.

Außer Ellen, dieser großen und durchsetzungsfähigen Frau von Hans, gehen alle scheinbar gegenseitig aneinander unter.

Hans leidet an unkontrollierten Wutanfällen und besucht regelmäßig eine Psychoanalytikerin, in die er sich zuletzt verliebt. Damit ist der Therapieerfolg natürlich ausgeschlossen.

Alles in allem beruhen die Thesen des Romans auf der Erkenntnis, dass Menschen im Laufe ihres Lebens Wandlungen durchmachen, die sehr häufig das Zusammenleben stören.

Sonja Heiss wirft einen realistischen Blick auf die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Geheime Wünsche, erwartete Freuden, mentale und sexuelle Erfüllung und immer wieder auch Enttäuschungen sind die Eckfeiler menschlicher Existenzen. Hier zappelt sich jeder und jede ab, um am Ende an den Widersprüchen von Wünschen und Wirklichkeit zu scheitern. Wie die Autorin die einzelnen Widrigkeiten beschreibt, ist der Wirklichkeit recht genau abgeschaut. Gerüche des Partners, Geiz oder eigensinnige Verhaltensweisen stören den ehelichen Frieden und führen zur inneren und äußeren Abkehr. Als Alexander stirbt, merkt Barbara erst, wie sehr sie das Zusammenleben mit ihm als Selbstverständlichkeit hingenommen hat, und die in ihren Augen abstoßenden Verhaltensweisen das Leben überschattet haben. Man ist nahe dran an den Protagonisten und kann sich lebensnah in die gegenseitigen Zweifel, die Wut und Abkehr einfühlen. Es ist ein wenig traurig mit anzusehen, wie nach und nach die Beziehungen aller zueinander in die Brüche gehen. Ein paar schöne Erinnerungen an die Frühzeit der Eltern bieten Lichtblicke, doch das Scheitern auch der beruflichen Erfolge von Hans und Masha überwiegt. Immerhin schafft Masha sich sehr verspätet noch ein persönliches Glück. Meint man beim Lesen aus der Ferne nicht „Die Korrekturen“ von Jonathan Franzen aufscheinen zu sehen? Der Zerfall von Familien ist in beiden Romanen zentrales Thema.

Am Ende des Romans findet man zu dem Schluss, dass Leben von unterschiedlichen Schattierungen geprägt ist, und dass es vieler zu bestehender Bewährungsproben bedarf, um heil und unverletzt aus dem Lebensschlamassel herauszukommen.

Der Debütroman von Sonja Heiss lässt auf weitere Erfolge hoffen!

Sonja Heiss
Rimini
400 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, August 2017
ISBN-10: 3462050443
ISBN-13: 978-3462050448
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Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben

Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben

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Pierre Lemaitre ist ein fein beobachtender Autor, der mit seinen Themen tief in das Leben seiner Protagonisten eindringt.

In dem kleinen Ort Beauval in Frankreich verschwindet kurz vor Weihnachten 1999 der sechsjähriger Rémi spurlos.

Niemand kann sich erklären, wo er geblieben ist.

Einer der Dorfbewohner ist 12 Jahre alt und heißt Antoine. Er hat sich im Wald ein Baumhaus gebaut. Dorthin begleitet ihn häufig der Hund vom Nachbarn Desmedt. Er ist der Vater von Rémi. Die anderen Kinder spielen mit dem Playmobil von Kevin. Antoines Mutter aber möchte, dass ihr Sohn weiter in der Natur und im Wald spielt. So fühlt er sich oft einsam. Sein Vater ist schon lange auf und davon, und die Mutter schlägt sich tapfer mit ihm durch.

Leider passiert ein Unglück, und Antoine zerstört sein Baumhaus in einem Anfall von Wut. Nachvollziehbar schildert uns P.Lemaitre, wie Antoine tags zuvor zusehen musste, als Desmedt seinen von einem Auto verletzten Hund erschießt. Das Ende des Hundes mit dem pikanten Namen Odysseus ist ein Schock für Antoine, denn er war sein stiller Begleiter und Tröster in der Not. Was aber weiß er vom Verschwinden Rémis? Er war derjenige, der ihn zuletzt gesehen hat.

Minutiös schildert uns PL, wie Antoine in ein Netz von Verstrickungen gerät. Er verhält sich auffällig, unruhig und verdächtig. Niemand käme auf die Idee, dass er etwas mit dem Verschwinden von Rémi zu tun haben könnte. PL zeigt uns seine tief verletzte Seele, die vom Tod des Hundes in eine Art Schockstarre gefallen ist. Der Junge wird von Einsamkeit und Schmerz überwältigt.

Das Dorf mit seinen aufgeschreckten Menschen, den untersuchenden Beamten und der Unruhe, die das Verschwinden des kleinen Rémi gebracht hat, ist höchst genau beobachtet. Es sind drei Tage, in denen die Suche nach Rémi das Geschehen bestimmt.

Ein apokalyptisches Unwetter verwischt schließlich alle Spuren, und die Suche wird aufgegeben.

Im Jahr 2015 ist Antoine Arzt. Er hat eine Freundin, und die Ängste und Schrecken der Vergangenheit scheinen überwunden. Er wird sich ein neues Leben aufbauen.

Doch Lemaitre wird die Geschichte neu ankurbeln und mit unglaublichen Ereignissen zu einem mehr oder weniger unerwarteten Ende führen.

Man kann nicht umhin, den Autor für das Maß an Genauigkeit und Recherche mit feinsten Details zu bewundern. Die Mischung aus Krimi und vorstellbarer Lebenstragödie gibt dem Roman den letzten Schliff. Darin ist Pierre Lemaitre ein Meister, wie er schon mit seinem Roman“ Wir sehen uns da oben“ bewiesen hat. Mit diffizilen und sparsamen Mitteln steigert er die Geschichte bis zu einem wirklich überraschenden Ende. Atemlos und gespannt kann man vom Lesen nicht mehr lassen. Einmal mehr beweist uns die Geschichte, dass das Leben unergründliche Wendungen nehmen kann, die Lebenspläne und Hoffnungen zunichtemachen können. Literatur kann die Schattenseiten des Lebens aufzeigen. Dieser Roman ist ein Beispiel dafür. Sehr empfehlenswert.

Pierre Lemaitre
Drei Tage und ein Leben
272 Seiten, gebunden
Klett-Cotta, September 2017
ISBN-10: 3608981063
ISBN-13: 978-3608981063
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Uwe Timm: Ikarien

Uwe Timm: Ikarien

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Zu Beginn der Lektüre fragt man sich, ob man wirklich noch einmal mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und seinen Gräueln konfrontiert werden will.

Doch nach den ersten Zeilen lässt einen die Geschichte nicht mehr los.

Worum geht es?

Michael Hansen geht als deutschsprachiger Offizier nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Frankreich und von dort nach Bayern. Seine Eltern sind durch Zufall schon vor dem Krieg aus Deutschland nach Amerika geraten, wo sie dann geblieben sind.

Uwe Timm hat die großartige Gabe, Sachliches mit Poetischem zu verbinden. Während der junge Offizier von einem Auftrag zum nächsten eilt, bemerkt er den nahenden Frühling und kann die Farben und Stimmungen in Worte fassen. Ihm begegnen die ersten Nazis und Menschen, die keine Parteimitglieder waren.

Unwillkürlich kommen beim Leser Erinnerungen hoch an die ersten Eindrücke vom Einmarsch der Alliierten und von den armseligen, verhungerten Gestalten, die durch die Straßen der zerstörten Städte schlichen.

Die sauber gekleideten Soldaten und die abgemagerte und gedrückte Bevölkerung bilden einen krassen Gegensatz.

Hansen bekommt einen besonderen Auftrag: er soll etwas über die Rassehygieniker herausfinden, deren Ideologie der reinrassigen Bevölkerung zu den unmenschlichen Versuchen an Menschen und Behinderten im Nazireich geführt hatten.

In München findet er einen Antiquar, den Dissidenten Wagner, der den Eugeniker Alfred Ploetz kannte.

Im weiteren Verlauf berichtet er Hansen, der ihn im Auftrag des CIC verhörte, von einer ideologisch verbrämten Gemeinde zu Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika.

Aufbauend auf sozialistischen und kommunistischen Gedankengut und den Ideen des französischen Revolutionärs Étienne Cabet, hatten sich die Auswanderer eine utopische Gemeinde mit Namen Ikarien vorgestellt und in die Praxis umzusetzen versucht.

Das Experiment scheitert, doch A. Ploetz wird zum Verfechter einer reinen Rasseidee.

Nun beginnt eine lange Abhandlung über die Verhöre und zugleich des Lebens der amerikanischen Soldaten in Deutschland.

Uwe Timm nimmt sich Zeit, in seinen Perspektiven zwischen Verhören und Leben in Deutschland zu wechseln.

Auf diese Weise entsteht ein atmosphärisches Bild dieser „Zwischenzeit“. Zwischen dem Kriegsende bis zur Normalisierung des Lebens und Gründung der BRD lagen einige Jahre, in denen Fraternisierung verboten und schließlich übersehen wurde. Jeder sah am Ende, wie er am besten durchkam.

Das Buch ist umfassend und beleuchtet die Zustände der Euthanasie, über die schon während des Krieges und erst recht danach die unmäßigsten Behandlungspraktiken und Menschenversuche bekannt wurden.

Die Ausführung der Tötung der von oben bestimmten Kategorie von „unwertem Leben“ hat nach dem Krieg zu einem Aufschrei der Empörung und der Tabuisierung jedweder Euthanasiegedanken in Deutschland und in der Welt geführt.

Sich mit dem barbarischen Tun noch einmal zu konfrontieren ist aufschlussreich aber auch quälend. Die guten poetischen Einschübe beispielsweise über einen Vogelkundler unter den Amerikanern und kleine Liebeleien und Bootsfahrten auf dem Starnberger See entspannen die Erzählung und bieten den Rahmen der Menschlichkeit, die es schließlich überall und immer auch gab.

Die schwere Kost ist nicht für jeden erträglich. Uwe Timm ist ein Könner unter den Autoren, und wer ihn kennt, wird auch diesen Roman begrüßen.

Uwe Timm
Ikarien
512 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, September 2017
ISBN-10: 3462050486
ISBN-13: 978-3462050486
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Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt

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Realität mit krassen Erfahrungen.

In einer Art traumatisierter Verfassung erzählt der Icherzähler eine Geschichte, die sehr gruselig anmutet.

Eines Tages in einer Weihnachtsnacht begegnet Édouard auf dem Heimweg von einem Freundestreffen einem Mann unbekannter Herkunft. Der Fremde gerät in ein Gespräch mit ihm und folgt Édouard unaufgefordert, bis dieser ihn mit in seine Wohnung nimmt. Sie feiern eine Sexnacht zusammen, die zu einer überraschenden Wende führt: der Fremde, Reda, ist ein Gauner. Er bedroht und vergewaltigt Édouard, so dass dieser in ein schreckliches Trauma erleidet.

Reda ist Nachfahre algerischer Eltern. Was der Vater von Reda nach seiner Flucht aus Algerien in Frankreich erlebt hat, gab er seinem Sohn weiter. Rassistische Vorurteile haben den Flüchtlingen das Leben schwergemacht. Arbeitslos und ausgestoßen schlugen sie sich mühsam durchs Leben. Eine ausgedehnte Kriminalitätsrate ist die Folge dieser Ausgrenzung.

Die Tatsachen sind schnell erzählt. Édouard aber befindet sich fortan in einer Art somnambulen Ausnahmezustand. Er versucht Freunden oder seiner Schwester von der Geschichte zu erzählen. Es gelingt ihm kaum, einen zusammenhängenden Bericht zu geben. Sein gesamtes Weltbild scheint aus den Fugen geraten. Dem Leser teilt sich der Zustand nachfühlbar mit. Angst und Abscheu werden nach dem Ereignis die ständigen Begleiter von Édouards davonlaufender Zeit.

Der Roman trägt autobiographische Züge.

Grandios vermag uns der Autor in seine psychische Verfassung hinein zu ziehen. Man fühlt ständig die Angst vor neuer Bedrohung, die doch nach der ersten Begegnung und der verbrachten Nacht mit Reda so unwahrscheinlich schien.

In Wechsel erzählt der Autor aus dem Blickwinkel seiner Schwester, die ihrem Mann von Édouards Geschichte berichtet, um dann wieder Assoziationen einzufügen. Freunde sind zur Stelle, die ihm helfen, die Torturen der Nachforschungen seitens der Kriminalpolizei oder der Rechtsmediziner durchzustehen. Die eigenartige Erzählweise zwischen Bericht und Assoziation, Gefühlschaos und ängstlichen Visionen führt zu einer immensen Spannung, deren Sog man sich nicht entziehen kann. Die nächtlichen Straßen von Paris sind ebenso gegenwärtig wie die befremdliche Anziehung des Unbekannten.

Die Erzählung ist von Beginn an in einer düsteren Stimmung gehalten. Aus einer Straßenbekanntschaft kann nichts Gutes werden. Éduard ist verführbar und naiv in seinem Zutrauen einem Fremden gegenüber. Sein Verhalten scheint auch Ausdruck von Einsamkeit und Sehnsucht zu sein. Die Enttäuschung nach dem Ende der Nacht ist von ernüchternder Klarheit.

Édouard Louis kommt selber aus ärmlichstem Milieu. Er hat in dem Roman “Das Ende von Eddy“ über seine Herkunft berichtet. Er konnte seinem Herkunftsort entkommen und ein Soziologiestudium in Paris beginnen. Sein Debütroman schlug hohe Wellen in der literarischen Welt. Der zweite Roman steht dem ersten in Nichts nach. Die biographischen Züge geben dem Ganzen einen hoch komplexen literarischen Glanz.

Édouard Louis
Im Herzen der Gewalt
224 Seiten, gebunden
S. FISCHER, August 2017
ISBN-10: 3103972423
ISBN-13: 978-3103972429
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Lize Spit: Und es schmilzt

Lize Spit: Und es schmilzt

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Eine dörfliche Gemeinschaft im Dunstkreis düsterer Lebensumstände

Eva wuchs in dem Ort Bovenmeer in Holland auf.

Nach langen Jahren macht sie sich mit einem großen Eisblock im Kofferraum auf, einer Einladung ihres einstigen Jugendfreundes Pim in das Dorf ihrer Herkunft zu folgen. Ihre Eltern hat sie neun Jahre nicht mehr gesehen.

Seit dreizehn Jahren war sie nicht mehr hier, wo sie in ihrer Kindheit und Jugend auf den weiten Feldern, Wäldern und Seen mit den anderen Dorfkindern ihren Spielen nachgegangen war.

Was mag in jenem Sommer vorgefallen sein, dass sie die Heimat floh? Gab es eine Tragödie?

Im Wechsel mit dem Heute, das mit der fortschreitenden Uhrzeit eines undatierten Tages angegeben wird, kann man sich in die dörfliche Vergangenheit des Jahres 2002 einlesen.

Die Geschichte ist in ihrem Grundton traurig angelegt. U.a. hat der Tod von Jan, dem Bruder von Pim, die Gemeinschaf erschüttert.

Eva erinnert sich der Spiele in den langen Sommern, die das Landleben verschönten. Pim, dessen Eltern einen Bauernhof bewirtschafteten, Laurens aus der Metzgerfamilie und Eva denken sich allerlei Spiele aus, die allerdings mehr und mehr von grausamen Pubertätsritualen abgelöst werden.

Eva hat noch einen älteren Bruder und Tesje, die magersüchtige und zwanghaft veranlagte kleinere Schwester. Die Mutter ist Trinkerin und der Vater geht müde seinen Geschäften als Bankangestellter nach. Alles in allem ist das Leben der Erwachsenen eher freudlos und unspektakulär.

Ob Winter oder Sommer: die Jugendlichen planen ihre Spielchen, bei denen immer auch Dritte einbezogen werden. Elisa ist eine kluge Außenseiterin, die erst später in die Grundschulklasse gekommen ist. Sie hat einen Vater, ein Pferd und keine Mutter mehr und wirkt reifer und erfahrender als die anderen.

Dräuend meint man die ganze Zeit herannahendes Unheil zu spüren.

Lize Spit wählt eine raue und sehr direkte Sprache. Man wartet auf einen Eklat oder eine Erlösung mit dem Heranwachsen der Kinder. Doch weit gefehlt: es bleibt bei der unglücklichen Verfassung aller Beteiligten.

Die Geschichte wird hintergründig aufgezogen: während die Spiele Unschuld vermuten lassen, braut sich eine Ladung unguter und sadistischer Spielchen zusammen.

Der Vater von Eva zeigt ihr bei Gelegenheit, dass er schon eine Schlinge für sich bereithält.

Die magersüchtige Tesje wird schließlich von Eva und ihrem Bruder im Hospital abgeliefert.

Eva, die Hauptfigur, ist Strippenzieherin und Opfer zugleich. Ihr älterer Bruder Jonas scheint sich als einziger dem Wahnsinn dieses desaströsen Familien- und Dorfgefüges entziehen zu können. Er verlässt das Haus, um zu studieren.

Allen erwartungsvollen Hoffnungen zum Trotz gibt es kein Happy End. Lize Split zieht den Tenor ihrer von düsteren Untertönen gefärbten Geschichte erbarmungslos bis zum bitteren Ende durch.

Vielleicht gehört es zu ihrem Bestreben, Hoffnungen zu säen und die grausame Wirklichkeit siegen zu lassen. Ist Wirklichkeit so unerquicklich?

Man bleibt als Leser fraglos ein wenig ratlos zurück.

Lize Spit
Und es schmilzt
512 Seiten, gebunden
S. FISCHER, August 2017
ISBN-10: 3103972822
ISBN-13: 978-3103972825
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Jess Jochimsen: Abschlussball

Jess Jochimsen: Abschlussball

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Eine ganz und gar skurrile und aberwitzige Geschichte beschert uns der Schriftsteller und Kabarettist Jess Jochimsen!

Zumal das erste Kapitel zeigt uns einen Trompeter der Extraklasse: er spielt auf Beerdigungen, da es zum Konzertmusiker nicht gereicht hat.

Einmal im Monat wird vom Bestatter Berger ein als „Abschlussball“ titulierter Abgesang auf einen Toten abgehalten. Zumeist gilt dieser einem Armenbegräbnis. Komisch und witzig sind die Reden, die da auf die Toten gehalten werden.

Marten, unser Begräbnistrompeter, erfährt von Schocht, einem ehemaligen Klassenkameraden und Klassenprimus, der unter den Toten weilt. Auch zu seiner Beerdigung spielt er auf. Alleine der Aufzug der Trauernden bei dieser Gelegenheit ist höchst amüsant und komisch dargestellt, denn sie stammen aus den so genannten Randgruppen der Gesellschaft. Es handelt sich um ehemalige Bohemiens und Unterweltler, die sich zum „Abschlussball“ an Schochts Beerdigung einfinden. Man sieht sie förmlich in einem schleppenden Trauerzug aufmarschieren.

Nun, in weiteren Kapiteln kann man Marten in seiner Familie und auf seinem Lebensweg kennenlernen. Lakonisch, trocken und insgeheim äußerst witzig erfährt man von einem absoluten Individualisten und Außenseiter der Gesellschaft, der sich nie und nirgends auf Dauer festlegen kann. So lebt er vor sich hin, umgeben von skurrilen Einzelgängern wie ihm selbst.

Das Buch ist etwas für Menschen mit Sinn für abseitigen Humor und die skurrile Neigung zum Einzelgängertum. Man kommt die ganze Zeit aus dem Schmunzeln nicht heraus.

Immer wieder spielt der Friedhof, das Leben und der Tod die entscheidende Rolle in diesem witzigen, geistreichen und bildungsfreudigen Roman. Von Goethe bis Cioran werden die Dichter und Philosophen im passendem Zusammenhang zitiert. Man glaubt es kaum, dass man einen ganzen Roman damit bestreiten kann. Nichts ist wirklich traurig, denn der Tod gliedert sich umstandslos in das hiesige Leben. Die Musik bleibt schließlich das einzige Medium, das quasi unsterblich ist. In diesem Rankwerk um den Tod spielen frühere und späte Begegnungen hinein, sie geben dem Ganzen den lebendigen Touch, so dass man bis zuletzt gut unterhalten und immer wieder amüsiert bleibt.

Herrlich und lesenswert!

Jess Jochimsen
Abschlussball
312 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, Juni 2017
ISBN-10: 3423281162
ISBN-13: 978-3423281164
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Leila Slimani: Dann schlaf auch du

Leila Slimani: Dann schlaf auch du

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Ein grausiges Psychogeschehen eröffnet sich dem Leser mit diesem Roman.

In der Wohnung in einem ruhigen Pariser Vorort werden ein totes Baby und ein sterbendes kleines Mädchen gefunden. Die Mutter der beiden Kinder kommt fröhlich und nichts ahnend nach Hause. Beim Anblick ihrer Kinder bricht sie schreiend zusammen.

Eine dritte Person, offensichtlich Kindermädchen und Täterin zugleich, hat versucht, sich zu töten. Letzteres ist ihr nicht gelungen.

Mit einem grausamen Auftakt beginnt Leila Slimani die Geschichte einer unglaublichen Persönlichkeitsentwicklung.

Im Mittelpunkt der Handlung steht das Kindermädchen Louise.

Myriam und Paul, ein bis dahin glückliches Paar, haben nach der Geburt ihrer zwei Kinder eine Kinderfrau gesucht, die nach allem, was sie über Louise hörten und sahen, perfekt war. Sie haben sich alle Mühe gegeben, die Beste unter vielen anderen auszuwählen.

Nach anfänglicher Begeisterung gleitet man in Betrachtung dieser Person in eine unglaubliche Geschichte hinein.

Leila Slimani entwickelt das Psychogramm einer abstrusen und sehr ungewöhnlichen Persönlichkeit in Gestalt von Louise.

Die langsame Veränderung, in der Louise zuerst die Kinder und später auch die Eltern einwickelt und sich allen gegenüber nach und nach unentbehrlich macht, zeugt von psychopathischer Struktur mit einleuchtendem Muster.

Angefangen von kleinen Auffälligkeiten zeigt Louise sehr bald paranoide, ängstliche und von übertriebener Fürsorge gekennzeichnete Merkmale ihrer Persönlichkeit. Man spürt, dass mit Louise etwas nicht stimmt, kann es aber nicht benennen.

Die Eltern sind zunächst noch begeistert von der Fürsorge und Sorgfalt, mit der Louise den Haushalt führt, die Kinder versorgt und selbst den Eltern stets zu Diensten ist. Langsam aber entgleist die Fürsorge und führt zu einer penetranten Intimität und Eigenmächtigkeit mit zwanghaften Zügen in der Persönlichkeit der Hauptfigur.

Leila Slimani weiß die richtigen Akzente zu setzen und den Spannungsbogen trefflich zu steigern. Die Szenen werden nach und nach düster und bedrohlich. Man möchte mit dieser Art Mensch eigentlich nichts zu tun haben und mag doch nicht aufhören, sich dem grausigen Geschehen in der Rückschau zu nähern.

Insgesamt ist dieser Psychothriller die ganze Zeit überschattet von der alles beherrschenden offensichtlichen seelischen Not einer Frau, die durch unglückliche Herkunft und Verluste mit dem Leben kaum noch fertig wird. Sie saugt sich fest, um aus dem Leben anderer ihre emotionalen Spannungen zu bewältigen. Als sie damit scheitert, wird sie zur Mörderin.

Bemerkenswert ist die Form des Romans, in dem der Schluss vorweggenommen wird, um das Augenmerk ganz auf die psycho- pathologische Seite der Hauptprotagonistin zu fokussieren.

Leila Slimani stand mit diesem Buch lange auf Platz 1 der französischen Bestsellerlisten und erhielt dafür den Prix Concourt.

Leila Slimani
Dann schlaf auch du
224 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, August 2017
ISBN-10: 3630875548
ISBN-13: 978-3630875545
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Richard Ford: Zwischen ihnen

Richard Ford: Zwischen ihnen

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Richard Ford ist einer der angesehensten Schriftsteller des 20.Jahrhunderts. Mit seinen Romanen „Die Lage des Landes“ und „Kanada“ hat er sich bleibenden Ruhm verdient. Er ist einer der ganz Großen im amerikanischen Literaturbetrieb.

In seinem neuen Büchlein beschreibt er das Leben als Sohn mit seinem Vater und seiner Mutter.

Dass er eine liebevolle Beziehung zu ihnen hatte, merkt man bereits nach den ersten Zeilen und Seiten.

Beide Eltern stammen aus dem US Staat Arkansas, in dem sie mit wechselnden Wohnsitzen lebten.

Sie sind sehr verliebt, als sie sich in jungen Jahren zusammenfanden und heirateten. Der Vater war Handelsreisender. Sie liebten das Zusammensein so sehr, dass die Mutter Edna ihn auf seinen wöchentlichen Berufsreisen immer begleitete. In den Hotelzimmern schrieb er seine Berichte, und zum Wochenende fuhren sie in ihre gemeinsame Wohnung zurück. Von Anfang an wünschten sie sich Kinder. Da sich diese jedoch nicht einstellten, wuchs das Paar umso enger zusammen. Erst nach fünfzehnjähriger Ehe kündigte sich ihr Sohn Richard an. Während er als Baby noch auf die wöchentlichen Reisen mitgenommen wurde, änderte sich das, als er heranwuchs. Jetzt nahm das Leben eine Wende. Die Woche über blieb Edna mit dem kleinen Richard alleine. Umso freudiger wurde am Freitag die Ankunft des Vaters begrüßt.

Wie Richard Ford seine Eltern und deren Herkunft beschreibt, zeugt von herzlichem Interesse und ebenso herzlicher Zuneigung.

Der Vater wird als zärtlicher, gutaussehender und liebevoller Mann beschrieben. Richard fühlt sich von beiden Eltern angenommen. Diese führten eine sehr glückliche Ehe, in der Richard schnell seinen Platz fand.

In seinen Erinnerungen beschreibt Richard Ford das gleiche Leben, wie in seinen Romanen: amerikanische Mittelschicht in einem der Südstaaten der USA. Frank Bascombe ist der Held seiner Romane, der wie sein Vater Handelsreisender und Makler ist. Im Gegensatz zu den Romanen R. Fords, in denen viel über das Leben, Vergänglichkeit und Gegenwart nachgedacht wird, haben die Eltern einen sehr gegenwärtigen Spaß am Leben, erfreuen sich eines  guten Freundeskreises und führen ein unbesorgtes Dasein, ohne viel nach dem Woher und Wohin zu fragen.

Als der Vater in seinen fünfziger Jahren starb, war das glückliche Leben für die kleine Familie erst einmal zuende. Richard macht seinen eigenen Weg und sieht seine Mutter ihr Leben meistern, ohne wirklich zu wissen, wie es ihr geht.

Insgesamt reicht das Büchlein nicht an die großen Romane Richard Fords heran.

Im Leben der Familie läuft alles immer bestens, bis der Tod sie scheidet.

Es gab keine besonderen Vorkommnisse, Höhepunkte oder Niederlagen.

Die Geschichte einer glücklichen, liebevollen und unbesorgten Kindheit ist gelungen. Tiefenschärfe oder psychologisch aufschlussreiche Einsichten darf man nicht erwarten.

Das Büchlein entspricht in seinem Habitus der Momentaufnahme einer amerikanischen Durchschnittsfamilie Mitte des vorigen Jahrhunderts im Süden der USA.

Richard Ford
Zwischen ihnen
144 Seiten, gebunden
Hanser Berlin, August 2017
ISBN-10: 3446256806
ISBN-13: 978-3446256804
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Eva Gesine Baur: Einsame Klasse – Das Leben der Marlene Dietrich

Eva Gesine Baur: Einsame Klasse – Das Leben der Marlene Dietrich

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Die opulente Biographie über den Weltstar Marlene Dietrich umspannt fast das gesamte 20.Jahrhundert.

1901 in Berlin geboren starb sie nach einem langen nicht immer glücklichen und doch erfüllten Leben 1991 in Paris.

Beginnend mit einer unruhigen Kindheit, in der schon früh ihr Talent und ihr eiserner Wille zutage trat, spannt sich der Bogen des Schicksals von Marlene Dietrich über die Jahre als Schauspielerin, Sängerin und Bühnentalent.

Die Autorin Gesine Baur begibt sich ganz in die Tiefen des Lebens, um auszuloten, wo die Stärken, die Größe oder die Niederlagen von M.Dietrich zu finden sind.

Sie zeichnet das Bild einer exzentrischen, von ihren eigenen Gefühlen häufig überforderten Frau, die mit ungeheurer Selbstdisziplin und Strenge ihr Leben meistert. Sie ist schlagfertig, hat Humor und geht häufig durch seelische Tiefen.

Unvergessene Filme und Lieder machten Marlene unsterblich.

Unabhängig von ihrer Karriere umfasst die Biographie das unruhige politische Zeitalter der zwei Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts und der rauschhaften Nachkriegszeiten.

Ende der zwanziger Jahre führte sie ihr Weg nach Hollywood. Dort fanden sich kurze Zeit später die Exilanten ein, die dem Naziregime entkommen konnten. Bekannte Schriftsteller, Musiker und Schauspieler sind darunter. Man kennt sie aus vielen Erzählungen, Berichten und Romanen.

Marlene eilt von Erfolg zu Erfolg. Ihre Einnahmen sind immens und ihre Ausgaben auch! Sie unterstützt viele ihrer Freunde, natürlich ihren Mann und seine Geliebte, ihre Tochter Maria, Mutter und Schwester.

Ihr Leben ist kräftezehrend. Gesine Baur kann durchaus vermitteln, wie großartig und elegant sie war, und wie entzückt die Menschen von ihrer Ausstrahlung waren. Marlene faszinierte durch ihr Kühle, ihren Glamour, ihre Tatkraft und Schönheit. Sie war klar, direkt und ehrlich in ihren Aussagen, wozu auch die frühe Abneigung gegen das Naziregime gehörte.

Als sie älter wurde, klagte sie über Einsamkeit und gierte nach Bewunderung, denn Selbstzweifel quälten sie ihr Leben lang. Liebesaffären gab es zuhauf, Schmerz über Trennungen schließlich auch.

Je älter sie wurde, umso verbissener bastelte sie an ihrem Ruhm und ihrer Karriere. Eine stete Überforderung macht ihr in späteren Jahren körperlich und seelisch zu schaffen.

Die Vielzahl der Verehrer, Liebhaber und Bewunderer sind  am Ende nicht mehr zu fassen. Zahlreiche berühmte Namen tauchen auf. Im Krieg konnte sie die alliierten Soldaten ermuntern, und jeder, der von ihr sprach, bewunderte ihre Detailbesessenheit, mit der sie ihre Bühnenshows akkurat plante. Je älter sie wurde, desto härter arbeitete sie an ihrem Image und überwand schier unüberwindlich Schwierigkeiten.

Selbst die Jahre des Vergessens weiß die Diva zu inszenieren; ein passenderes Ende als „mittellose Diva in Einsamkeit“ hätte nicht erfunden werden können. Und doch schwärmten zu allen Zeiten ihre Gönner und Bewunderer bis in ihr hohes Alter von ihrem Charme. Zuletzt allerdings wurde sie wohl sehr, sehr unberechenbar und launisch.

G.Baur geht minutiös dem Leben dieses Ausnahmetalents nach, so dass man sich überhaupt nicht langweilt. Im Anhang sind Ergänzungen zu den einzelnen Kapiteln aufgeführt.

Eine ehrenwerte hommage an Marlene Dietrich ist Gesine Baur mit diesem Werk gelungen. Sie ist eine anerkannte Kulturhistorikerin.

Eva Gesine Baur
Einsame Klasse – Das Leben der Marlene Dietrich
576 Seiten, gebunden
C.H.Beck, Mai 2017
ISBN-10: 3406705693
ISBN-13: 978-3406705694
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