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Autor: Claudine Borries

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf

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Liebe und Tod als unversöhnliche Gegenpole.

Der Icherzähler und Held der vorliegenden Geschichte lebt als russischer Emigrant Ende der zwanziger Jahre in Paris. Er ist Journalist. Mit unverhohlener Gewalt plagen ihn Erinnerungen an einen Mord, den er als Weißgardist im Russland der Revolutionsjahre begangen hat. In der Gestalt einer Erzählung meint er, den von ihm Ermordeten wieder zu erkennen.

Mit feinem Strich und äußerst delikat beginnt eine Geschichte, in der es um Mord und Totschlag, um Liebe, Schuld, um Tod und Auferstehung geht.
Man wird nicht müde, der Erzählung zu folgen, die sich mit zarten Details über die moralischen Skrupel des Icherzählers auslässt.

Er war jung, vielleicht 14 oder 15, als er dem Gegner in einem Waldstück in Südrussland auf Erkundungstour begegnete. Um selbst dem Tod zu entgehen, hat er aus Notwehr zuerst geschossen. Dass der Getroffene den Angriff überlebt haben könnte, war ihm nie in den Sinn gekommen.
Doch er findet 15 Jahre später im Exil in Paris die Erzählung „I’ll Come Tomorrow“ von Alexander Wolf. In ihr werden die Ereignisse von damals so detailgenau beschrieben, dass unser Held nicht umhin kann, den von ihm vermeintlich Ermordeten in ihnen wieder zu erkennen.
Nun beginnt eine intensive Suche nach Alexander Wolf. Doch ist er ein Phantom oder ein lebender Schriftsteller?
Man wird sehen.

Fein ziseliert und konstruiert erlebt man die Geschichte die ganze Zeit als verwirrend, mysteriös und schemenhaft. Eine unergründliche Düsternis überschattet das Werk. Die dramatische Liebe zu Jelena verwirrt den LeserIn ebenso, wie vielfältige andere Begegnungen mit Exilrussen. Paris war zur damaligen Zeit das Auffangbecken für zahlreiche russische Emigranten, die nach der Revolution in ihrer Heimat nicht mehr bleiben konnten. Doch geht es hier um die innere Erkundung der jeweiligen seelischen Befindlichkeiten und nicht etwa um die politischen Verhältnisse. Erstere sind faszinierend und stimmen zuweilen sprachlos. Eine Erzählstrang greift unerklärlich in den nächsten, so dass man eifrig am Ball bleiben muss, um den Faden nicht zu verlieren.

Gaito Gasdanow ist ein spät wieder entdeckter russischer Schriftsteller, dessen kleine Novelle bereits 1947 zum ersten Mal aufgelegt worden ist. Jetzt ist sie in der Übersetzung von Rosemarie Tietze auf Deutsch erschienen. Die Kritiken zu seinem Werk ergehen sich in höchstem Lob. Zu Recht, wie ich finde!

Gaito Gasdanow
Das Phantom des Alexander Wolf
Kindle Edition
Seitenzahl des Buches: 133 Seiten
Carl Hanser Verlag, August 2012
ISBN-10: 3446238530
ISBN-13: 978-3446238534
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Tatiana de Rosnay: Das Haus der Madame Rose

Tatiana de Rosnay: Das Haus der Madame Rose

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Trostreich-wehmütige Erinnerungen…

In einem alten Haus im Distrikt „St. Germain“ in der Rue Childebert in Paris lebt 1868 einzig und alleine die alte Dame Rose. Die übrigen Häuser sind abgerissen worden und nun soll auch ihres der neuen Stadtplanung weichen. Dabei ist das Haus schon Jahre in Familienbesitz, und Rose will sich nicht davon trennen. Sie hat sich im Keller ihres Hauses verschanzt. Wütend auf die Obrigkeit, den Präfekten von Paris und den Kaiser Louis Napoléon Bonaparte, die städtebauliche Veränderungen planen, spricht sie in einem langen Brief zu ihrem geliebten Ehemann Armand, der schon seit zehn Jahren tot ist. Vor uns tut sich ihr vergangenes Glück noch einmal auf. Sie gedenkt der ersten Jahre ihrer Ehe, ihrer Eltern und sie gedenkt ihrer Kinder.

Rose war ein hübsches und zartes Mädchen, als sie ihrem sechs Jahre älteren Ehemann begegnete. Sie hatten eine große Liebe miteinander, die durch die frühe Demenzerkrankung des Ehemannes schon bald Einschränkungen erfuhr. In allen bunten Farben ihrer Fantasie erscheint das Leben vor seinem Tod als eine glorreiche und innige Zeit. Dass sie mit ihrer Tochter Violette nicht konnte, nimmt sie als unerklärliches Schicksal hin. Dass aber ihr kleiner Sohn mit zehn Jahren an der Cholera starb, hat sie nie verwinden können.

Heute ist sie versponnen in ihre Vergangenheit, in ihren Beziehungen zu ihren Nachbarn und dem alten Lumpenhändler Gilberte, der ihr zuweilen etwas Essen zukommen lässt.
Zu ihrer Unterhaltung hat sie außerdem die Blumenverkäuferin Allexandrine und den Buchhändler in ihrer Straße, der sie mit aktueller Literatur vertraut macht. Sie weiß von diesen ihr lieben Menschen humorvoll und innig zu berichten. Falls ihr Mann ihr zuhören könnte, so wäre er immer auf dem Laufenden!

Es ist die Zärtlichkeit, die Sehnsucht und die Liebe, die Madam Rose beflügelt, alles zu Papier zu bringen. Ihre Liebe zu Armand begleitet Rose durch alle ihre Tage, und sie lebt in ihrem Geist ganz mit ihm. Auch ihre ehemaligen Nachbarn, Kinderfrauen und Hausmädchen sind ihr ganz nahe!

Das Paris in der Mitte des 19.Jahrunderts ersteht vor unseren Augen und man nimmt lebhaft Anteil an Veränderungen, die das Leben aller Bewohner jener Strasse berührte. Das gab es also schon damals: Verlust von Häusern durch städtebauliche Neugestaltungen und Widerstände dagegen.

Tatiana de Rosnay besitzt die wunderbare Gabe, aus Vergangenheit Gegenwart entstehen zu lassen. Man erlebt die Feste, Hochzeiten, Geburt und Tod, als geschähen sie gerade jetzt. Leicht und locker, ja fast verschmitzt, berichtet Rose von ihren Erlebnissen, und man meint gerade, neben ihr zu stehen und alles mit eigenen Augen zu betrachten. Wie in einem Puzzle fügt sich eins ins andere und man bleibt ständig dabei!

Eine schöne, gemütvolle und bemerkenswert realistische Darstellung und Erzählung für stille Tage ist der Autorin Tatiana de Rosnay mit ihrem Roman gelungen.

Tatiana de Rosnay
Das Haus der Madame Rose
240 Seiten, gebunden
Bloomsbury Berlin, September 2011
ISBN-10: 3827010330
ISBN-13: 978-3827010339
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Justus Bender und Jan Philipp Burgard: Glauben Sie noch an die Liebe?

Justus Bender und Jan Philipp Burgard: Glauben Sie noch an die Liebe?

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Ja, das Leben und die Liebe…

Wer meint, er/sie hätte es hier mit einer Lektüre a la Boulevard zu tun, der irrt gewaltig!

Die beiden Autoren, Journalisten von Beruf, hatten die glänzende Idee, bekannte Persönlichkeiten auf die „Liebe“ anzusprechen. Auslöser für die Idee war eine Taxifahrt, in der sie mitbekamen, wie der Taxifahrer mit seiner Frau im Zorn sprach und sich anschließend über seine Erfahrungen mit der Liebe/Ehe ausließ.
Diese Geschichte klingt sehr ermunternd, sich mit den weiteren Personen und ihren Vorstellungen über die Liebe zu befassen.

Die beiden Freunde machten sich auf und interviewten zahlreiche  Gesprächspartner von Rang und Namen. Darunter befanden sich die Grünenvorsitzende Claudia Roth, Roger Willemsen, Michel Friedman, Ursula Von der Leyen und viele andere mehr.
Die so entstandenen Kurzbiographien bieten uns Einblicke in das Leben von Menschen, von denen wir schon immer gerne mehr wissen wollten. Man erfährt Allgemeines und Privates. Rolf Eden und Roger Willemsen offenbaren sich mit ihrer jeweils individuellen Lebensgestaltung ebenso wie Michel Friedman und Gloria von Turn und Taxis. Es werden aufrichtig und ehrlich Fragen des menschlichen Miteinanders behandelt und diskutiert.

Ein jeder beantwortet in den Interviews Fragen nach der Liebe unterschiedlich. Der eine spricht über die Liebe persönlich und aus eigener Erfahrung, der andere geht auf die Liebe zwischen Eltern und Kindern ein, wieder ein anderer lässt allgemeine Fragen zum Thema Liebe anklingen.

Die beiden Autoren gehen behutsam und einfühlsam mit ihren Gesprächspartnern um. Sie sind diskret und stellen sich auf ihr Gegenüber ein ohne streng insistierend zu sein.
In klugen Zwischentexten vermitteln sie ihre eigenen Eindrücke und Gedanken zu den Gesprächen. Verständnisvoll, einsichtig und fragend reflektieren sie das Gesehene und Gehörte. Margarete Mitscherlich bildet den Schlusspunkt der Gesprächsserie mit ihrer klaren und unumwunden artikulierten Weltsicht, zu der natürlich auch die Liebe gehört.

Justus Bender und Jan Philipp Burgard enden das ganze Buch mit einem Fazit über die Liebe, um die es doch immer und ewig bei allen Menschen geht.

Ein höchst lebendig zu lesendes, unterhaltsames und kultiviertes „Gesprächsbuch“ ist den Autoren Justus Bender und Jan Philipp Burgard mit ihrer Arbeit gelungen.

Justus Bender/ Jan Philipp Burgard
Glauben Sie noch an die Liebe?
288 Seiten
C. Bertelsmann Verlag, Oktober 2012
ISBN-10: 3570101436
ISBN-13: 978-3570101438
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Marilynne Robinson: Haus ohne Halt

Marilynne Robinson: Haus ohne Halt

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Leben im Nirgendwo…

Ein wenig kantig und rau beschrieben erleben wir in diesem Buch den Gegenentwurf zu den Romanfiguren der Ostküstenschriftsteller, deren Helden in ihren Geschichten gebildet, männlich und „gesellschaftlich maßgebend“ sind. So wird es in einem Nachwort der Herausgeberin Karen Nölle geäußert.

Hier geht es vorwiegend um Frauen, die unsere Erzählung bevölkern.
Marilynne Robinsons Titelfigur und Icherzählerin Ruth lebt mit ihrer Schwester Lucille Mitte der fünfziger Jahre in einem Westküstenort in den Rocky Mountains an einem großen See. Dort herrschen Naturgewalten in Form von Stürmen, Überschwemmungen und anhaltender Kälte. Nach dem frühen und spektakulären Verlust der Eltern kümmert sich Großmutter Sylvia Foster um die beiden Mädchen. Als auch Sylvias Leben zu Ende geht, erscheint Tante Sylvie, die den Mädchen Halt bieten soll.
Das aber ist fast unmöglich! Ist doch Sylvie selbst eine haltlose und ungefestigte Persönlichkeit.

Marilynne Robinson entwickelt die Charaktere ihrer Figuren subtil, feinfühlig und zugleich schroff. Schon der verstorbene Großvater der Mädchen war ein Eigenbrötler; um wie viel stärker motiviert zieht es seine drei Töchter fort in eine Welt, die sie sich vor allem aus Träumen zusammen gereimt haben.

Einige Todesfälle in der Familie sind ungewöhnlich. Die Mutter der Mädchen fährt mit ihrem Auto in den See, nachdem sie letztere bei der Großmutter abgesetzt hat. Auch der Großvater ist bei einem Eisenbahnunglück im See versunken. Das Haus, in dem alle ihren Halt suchen, ist windig, der Nässe ausgesetzt und ärmlich.

In diesem Klima kann man von einer normalen Erziehung der beiden Mädchen nicht sprechen. Sie schwänzen die Schule, gehen ihrer Wege und suchen Halt aneinander.
Als Eigenbrötler entpuppen sich auch die Tante und eines der Mädchen nachhaltig.

Ruth tritt in die Fußstapfen von Sylvie, die mehr und mehr das Haus im Unrat verkommen lässt, während Lucille einen normalen Lebensalltag mit der liebevollen Fürsorge einer mütterlichen Person bevorzugen würde. Sylvie ist eine Vagabundin, die nirgendwo Ordnung oder Struktur in ihr Leben bringen kann.

Mit herrlichen Naturbeschreibungen weckt Marilynne Robinson unsere Sehnsucht, selbst auf einem Stein am Ufer des Sees zu sitzen und den Barschen beim Schwimmen zuzuschauen. „Wenn die Abende kamen, waren sie kühl, weil die Berge so lange Schatten über das Land und den See warfen.“

Doch die Idylle trügt. Sehr allmählich leben sich die Schwestern über ihre unterschiedlichen Lebensauffassungen auseinander.
Das Haus vermüllt, und die Spuren der drei Heldinnen verlieren sich im Nirgendwo.
Dass es sich auch als Vagabund leben lässt, ist wahr. Doch wie wohl sich die eine oder andere dabei fühlt bleibt ungewiss.
Lucille zieht sich aus dem Chaotenleben zurück und bleibt für ihre Schwester und Tante verschollen.

Ratlos wie Ruth muss der Leser zuletzt Abschied nehmen von dem Schicksal der allseits verwaisten Personen, die keinen Halt gefunden haben – nicht in dem Haus und nicht im Leben!

Marilynne Robinson
Haus ohne Halt
256 Seiten, gebunden
edition fünf, August 2012
ISBN-10: 3942374234
ISBN-13: 978-3942374231
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Anne Gesthuysen: Wir sind doch Schwestern

Anne Gesthuysen: Wir sind doch Schwestern

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Wanderung in eine ferne Zeit…

Wunderbar leicht, unbeschwert und humorvoll kommt eine Erzählung daher, die von drei Schwestern handelt. Sie sind die Großtanten der Erzählerin Anne Gesthuysen, die sich einfühlsam und umwerfend liebevoll mit den Charakteren der Tanten beschäftigt hat.

Der 100.Geburtstag von Gertrud steht an, und so versammeln sich die Schwestern bei Katty, die mit ihren 84 Jahren die jüngste der drei Schwestern ist. Paula ist nur zwei Jahre jünger als Gertrud. So ein runder Geburtstag bietet Anlass, zurück zu schauen. Das tun die drei Schwestern mit teils bitteren Erinnerungen immer aber auch mit wachem Nachdenken über all’ das Vergangene!

Verschlungen sind die Wege des Menschen, und so mussten auch die drei Schwestern neben frohen zahlreiche traurige und enttäuschende Erfahrungen machen.

Gertrud hatte 1915 gerade ihre Ausbildung zur Volksschullehrerin beendet, als sie Franz Hegmann kennen lernte. Dieser lebte mit seinem älteren Bruder Heinrich und den Eltern auf dem Tellemannshof. Die Hegmanns waren wohlhabend, während Gertrud und ihre Schwestern den eher dürftigen Ansprüchen eines kleineren Bauernanwesens entstammten. Die Liebe zwischen Gertrud und Franz wurde von Heinrich unterminiert, der bereits Chef des elterlichen Hofes war. Der Ausbruch des ersten Weltkriegs kam letzterem zupass. Wollte er doch die Ehe zwischen Franz und der armen Gertrud nicht dulden. Im Krieg verlor Franz sein Leben, und Gertrud blieb gebrochen zurück.

Nun, fast achtzig Jahre später, sind die Wunden immer noch nicht verheilt. Doch sehen die Geschehnisse aus unterschiedlichen Perspektiven anders aus, als es zunächst den Anschein hatte.

Der 100. Geburtstag von Gertrud wird zu einem Festtag. Fröhlich und voller Überraschungen geht man dem Ereignis entgegen, das doch so viele Erinnerungen heraufbeschwört.

Im Wechsel zwischen Heute und Gestern erzählt die Autorin die Geschichten ihrer Großtanten, die wohl in dieser Konstellation außergewöhnlich sind. Wo werden Geschwister schon gemeinsam so alt? Anne Gesthuysen schildert die drei Schwestern teils liebevoll und teils korrigierend und ärgerlich im Umgangston mit einander. Auch im hohen Alter haben sich die Hierarchien zwischen den Geschwistern nicht verändert. Sie sind jedoch alle unterschiedlich in Wesen und Charakter.

Paula musste eine traurige Ehegeschichte erleben, und Katty hatte das aufregendste Leben als „Haustochter“ auf dem Tellemannshof.

Liebe, Zwistigkeiten, Eifersucht, Missverstehen und Neid sind Komponenten, die unser aller Leben begleiten und so auch die drei Schwestern. Doch immer wieder und besonders jetzt im Alter finden sie einen guten Weg zueinander. Anne Gesthuysen zeichnet ein  facettenreiches Bild ihrer drei Tanten. Man kann sich gut vorstellen, wie sich alles zugetragen hat.

Doch der Leser überzeuge sich selbst vom Leben der drei Schwestern! Die Lektüre bleibt anregend und unterhaltsam bis zuletzt! Der Autorin ist es gelungen, eine heitere, witzige und mit Leben prallvolle Rückschau zu halten, die fast ein ganzes Jahrhundert umfasst.

Man ist amüsiert und hat sich gut unterhalten mit den Geschichten, die nicht im Oberflächlichen hängen bleiben.

Anne Gesthuysen
Wir sind doch Schwestern
416 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, 2. Auflage, November 2012
ISBN-10: 3462044656
ISBN-13: 978-3462044652
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Anne Enquist: Die Betäubung

Anne Enquist: Die Betäubung

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Familie und Beruf: ein Konfliktfeld der besonderen Art.

Der Psychoanalytiker Drik de Jong hat lange Zeit nicht gearbeitet. Er ist um die fünfzig Jahre alt und seine Frau Hanna ist nach langem Leiden kürzlich verstorben. Seine Schwester Suzan und ihr Mann Peter stehen ihm zur Seite. Wir haben es mit einem ausgedehnten Ärztemilieu zu tun, denn Suzan ist Anästhesistin und Peter Psychiater. Roos, die Tochter von Suzan und Peter, hat ihre kinderlose Tante Hanna sehr geliebt, wohl mehr als ihre eigenen Eltern.

Nach langer Trauerzeit beginnt Drik wieder mit seiner Arbeit. Sein erster Patient Allard Schuurman ist kompliziert zu behandeln, und Drik weiß nicht so recht, wie er an den Patienten herankommen soll. Dieser will ebenfalls Analytiker werden und macht eine so genannte Lehranalyse, die für den Beruf des Psychoanalytikers obligatorisch ist.

Die Familiengeschichte der de Jongs mischt sich mit den ärztlichen Verpflichtungen in der Anästhesiologie und dem Fachwissen der Psychoanalyse. Da Anne Enquist selber Psychoanalytikerin ist, kennt sie sich gut aus mit den Mechanismen der Abwehr, der Verdrängung, mit Übertragung, Projektionen und Idealisierungen. In ihrem gut konzipierten Roman stellt sie die „Betäubung“ im medizinischen Alltag der Anästhesiologie der Aufdeckung der Gefühlswelten in der Psychoanalyse gegenüber.

Spannend und aufreibend beschreibt sie den Klinikalltag mit Fachwissen, Konkurrenzen, Intrigen und Teamgeist.
In dem Berufsalltag verschwindet fast das Familienleben, das doch allen, besonders der Tochter Roos, so viel bedeutet.
Zu allem Übel spielt Allard Schuurman eine zwielichtige Rolle, die zuletzt das feine Netz der Zuneigung zwischen den Familienmitgliedern beschädigt.

Tief steigt man in das verborgene Seelenleben der einzelnen ein und lernt, sich mit den anspruchsvollen und konfliktreichen Gegebenheiten des Ärzteberufs aus verschiedenen Fachrichtungen zu befassen. Wohl niemand ahnt, wie nüchtern und praktisch  Operationen verlaufen. Das Mitgefühl wechselt mit der Distanz, ohne die man den Beruf des Arztes wohl kaum aushalten könnte.

Anregend, inhaltsreich und faszinierend versteht uns Anne Enquist in den Berufsalltag und in die menschlichen Verstrickungen ihrer Geschichte mit zu nehmen. Dass ganze Familien unter der Regie eines Psychopathen zerbrechen können, ist nicht neu. Doch wie sie ihre Figuren agieren lässt, welches Fachwissen sie mit ihren Protagonisten verbindet, das ist wohl einmalig unter den Literaten.

Ein Ärztekrimi der besonderen Sorte ist Anne Enquist gelungen.

Sehr lesenswert!

Anne Enquist
Die Betäubung
320 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, September 2012
ISBN-10: 3630874002
ISBN-13: 978-3630874005
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Tomi Ungerer: Der Nebelmann

Tomi Ungerer: Der Nebelmann

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Und immer wieder Neues von Tomi Ungerer…

Mit seiner klaren Sprache und mit Geschichten, die zu Herzen gehen, hat Tomi Ungerer schon viele Kinder- und Erwachsenenherzen erfreut!

„Der Nebelmann“ ist wieder einmal eine dieser Geschichten: einfach strukturiert und mit wunderbaren Bildern versehen erzählt T. Ungerer von zwei Kindern, die mit ihren Eltern hoch im Norden Irlands am Meer wohnen.

Finn und Cara sind Bruder und Schwester. Sie hüten die Lämmer auf der Weide. Ihre Eltern gehen der Hauswirtschaft und dem Fischen nach. Mützen und Schals weisen auf die Kälte hin, die zu der kühlen Landschaft gehören. Pferd und Kuh, Schwein, Katze und Hund gehören auch dazu. Am Abend versammeln sich die Kinder mit ihren Eltern in der warmen Stube. Man liest, strickt und plaudert zusammen. Es ist richtig gemütlich!

Die Bilder zeigen eine karge Landschaft mit Felsen, wenig Grün und dem unendlichen grauen Meer.

Natürlich gehört zu dieser Geschichte auch ein ungewöhnliches Abenteuer. Der Vater hat den Kindern ein Boot gebaut, mit dem sie sich aber nicht so weit vom Ufer entfernen sollen. Er warnt sie vor dem Nebelmann, der draußen auf einem schmalen Stein im Meer sein Unwesen treibt.

Wie es das Schicksal so will, geraten die Kinder eines Tages bei einem ihrer Ausflüge aufs Meer hinaus und verirren sich auf die gefährliche Insel. Die Abenteuer, die sie da erleben, bleiben ihr Geheimnis, welches wir auch hier nicht verraten wollen.

Mit den gedämpften Farben, mit denen T. Ungerer die Menschen, die Landschaft, Haustiere und Vögel malt, zeigt er uns eine stille und ruhige Welt. In ihr ist alles überschaubar und schlicht. Doch mit dem Gesichtsausdruck seiner Figuren kann er Freude, Unglück, Sorge und Überraschung ausdrücken. Mit einer heiteren Fischergesellschaft wird das Glück vermittelt, das die wohlbehaltene Heimkehr der Kinder aus Seenot für alle bedeutet. Hier ist die Welt noch voller Zauber und Überraschungen, die der Nebelmann in das geheimnisvoll entlegene Land bringt.

Wie immer kann man Ungerer als Kinderbuch feiern, an dem doch auch die Erwachsenen ihre Freude haben.

Tomi Ungerer
Der Nebelmann
44 Seiten, gebunden
Diogenes; September 2012
ISBN-10: 3257011342
ISBN-13: 978-3257011340
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Edward Lewis Wallant: Mr Moonbloom

Edward Lewis Wallant: Mr Moonbloom

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Mikrokosmos einer engen Gemeinschaft

In gemächlichem Ton und mit prägnanten Eindrücken wartet der vorliegende nachgelassene Roman von Edward Lewis Wallant auf.

Norman Moonbloom ist der Mieteintreiber für seinen wohlhabenden Bruder Irwin. Jede Wohnung, in die er hineinschaut, bietet unterschiedliche Lebensläufe, Gewohnheiten und Lebensstandards.

In den recht verkommenen Wohnblocks in Manhattan lauert so manch‘ bedauernswerte Kreatur auf den Mieteintreiber, dem sie mit ihren Lebensgeschichten Mitleid abzuluchsen versuchen. Da wird getrunken und gelitten; Erinnerungen aus dem KZ treiben den einen um, während die anderen sich mühselig durchs Leben schlagen. „Karloffs Dauerwut schien ein wenig zerfasert;“ und „Mit seiner mächtigen gebeugten Gestalt hatten seine ( Kratz‘) Bewegungen die furchteinflößende Erhabenheit eines verletzten Elefanten“. In dieser Weise und so fort beschreibt Norman seine Eindrücke der zahlreichen verkrachten Existenzen, die Irwins Mietshäuser bevölkern. Er nimmt einen jeden ernst und versucht dennoch, seine Arbeit zu vollbringen. Dass einem bei so viel Armut und Einsamkeit nicht gerade froh zumute ist, beweist Norman mit einer müde resignierten Lebenshaltung. Doch auch er ist ein Einsamer, dem man etwas mehr Lebensmut und Zuversicht wünschen würde. Er aber bleibt der ärmliche Versager und ein vom Glück Benachteiligter. Sein Bruder ist der „Macher“, der den kleinen Bruder mit Verachtung und Schikane behandelt. Der ganze Roman endet mit einer fast surrealen Szene, die dem makabren Ganzen die Krone aufsetzt. Hier haben wir es wirklich mit einem bedauernswerten Individuum zu tun, dessen Leben sich in den Niederungen menschlichen Seins verirrt zu haben scheint.

E.L.Wallant zeigt in seinem vorliegenden Roman, wie in jeder Wohnung und in jedem Leben eine ganze eigene Welt an Empfindungen aus Kreuz und Leid zu finden ist. Norman hat ein Ohr für jeden. Doch ist die Last des Lebens schon für ihn selber schwer. Um wie viel schwerer wiegt die zusätzliche Last so vieler anderer Schicksale, denen er die Miete für die ärmlichen Wohnungen abverlangen muss. Minutiös wird aus jedem Leben ein Roman, wenn man denn die Geduld und Sensibilität aufbringt, sich für das Schicksal jedes einzelnen zu interessieren!

Der Autor ist ein früh Vollendeter. Schon mit 36 Jahren verstarb der 1926 geborene Schriftsteller an einem Hirnschlag und hinterließ nur wenige Romane. Er wird in einem Atem genannt mit Saul Bellow, Philip Roth und Norman Mailer. Der vorliegende Roman wurde erst nach seinem Tod 1963 erstmals veröffentlicht. Dem Berlin Verlag gebührt das Verdienst, den Roman in der Übersetzung von Barbara Schaden vorzustellen.

Noch eine Anmerkung sei hier gestattet: es gibt Bücher, die als eBook gut zu lesen sind. Es gibt aber Bücher, die unbedingt als gebundene Ausgabe gelesen werden müssten. Dieses Buch gehört dazu, weil nur diese Form der altmodischen und detaillierten Erzählweise und dem literarischen Wert des gelungenen Werks gerecht wird.

Edward Lewis Wallant
Mr Moonbloom
288 Seiten, gebunden
Berlin Verlag, Oktober 2012
ISBN-10: 382700974X
ISBN-13: 978-3827009746
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Emmanuel Carrére: Limonow

Emmanuel Carrére: Limonow

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Russland der letzten achtzig Jahre war unter Stalin von krassen politischen Unwägbarkeiten gezeichnet und zeigte nach seinem Tod politische Umbrüche, die immense Anforderungen an alle jene stellten, die in dem System überleben wollten.

Eduard Sawenko war einer dieser Lebenskünstler. Er wurde 1942 geboren. Als Sohn eines KGB Offiziers und einer Historikerin  wuchs er in der ukrainischen Stadt Charkow auf. Aus dem eher verschreckten und ängstlichen Kind wurde ein Heranwachsender, den seine eigene Unbedeutendheit kränkte, so dass er sich früh in Künstlerkreise Eingang verschaffte. Aus einer Laune heraus wechseln die Mitglieder dieser Künstlergemeinschaft eines Tages ihre Namen. Eduard nennt sich beziehungsreich Ed Limonow in Anlehnung an Zitrone und Handgranate. Er lebte seit Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Moskau, wo er sich als Arbeiter und Schneider verdingte. Erst später entdeckte er seine schriftstellerischen Fähigkeiten.

Mit feinem Gespür für die jeweiligen turbulenten politischen Absurditäten im Sowjetsystem weiß Limonow die Gunst der Stunde für sich zu nutzen. Von Charkow und einer eher unansehnlichen Geliebten, mit der er es immerhin sieben Jahre lang ausgehalten hat, findet er in Moskau die richtigen Leute und ergeht sich in einer neuen Liebe, während er die alte nach Charkow abschiebt. Immer auf der Suche nach Abenteuern findet er Menschen, die ihm bei seiner Suche behilflich sind. 1974 wurde er aus Russland ausgewiesen und lebte fortan in New York. Von dort geht es über Frankreich nach der Perestroika zurück nach Russland.

Emmanuel  Carrére ist ein begabter Erzähler, der hier als Icherzähler fungiert. Limonow ist sein kumpelhaftes Gegenüber. Mit seinen kritischen Anmerkungen versehen erlebt man das zerrissene Russland mit den nach Stalins Tod wechselnden politischen Systemen, der Korruption, dem Beziehungsklüngel und der Fantasiewelt, in die sich der eine oder andere flüchtet. Limonow schlägt sich wacker durch, immer auf der richtigen Seite und doch auch gegen sie. Seine politische Haltung wechselte von links bis rechts. Mehrfach saß er im Gefängnis und kämpfte in Jugoslawienkrieg auf der Seite des Kriegsverbrechers Karadzic. Überall lebte er sein vitales und an Abenteuern und verrücktem Liebesleben reiches Dasein.

Sehr konzentriert geht Carrére seine Romanbiographie über den wirklichen Limonow an. Er kennt die Namen einflussreicher Künstler und die Mitglieder dieser Gesellschaft aus Hasardeuren, Angebern, Erfolgreichen und Verfolgten. Man taucht tief ein in das russische Gesellschaftssystem, das zwischen Verfolgung und Bewunderung für den rasanten Lebenskünstler Limonow mit seinen wilden Exzesse und Allüren schwankt.

Carrére endet seine Romanbiographie über Limonow mit der Vision eines friedlichen Lebens mit sicherer Rente und Wohlleben für den aufrührerischen Dichter. Dieser jedoch zöge wohl eher das anonyme, entbehrungsreiche Leben in Zentralasien einem friedlichen Leben in einem schönen Park vor.

Carrére behandelt eine Vielzahl von Erlebnissen, rasanten Perspektivwechseln und immer neuen Lebenseinsichten des russischen Dichters. Man steht verwirrt und ratlos vor dieser Romanbiographie mit überreichen Eindrücken. Ein großartiges und wildes Leben hat in Emmanuel Carrére seinen ausgezeichneten Biographen gefunden.

Emmanuel Carrére
Limonow
414 Seiten, gebunden
Matthes & Seitz, August 2012
ISBN-10: 3882219955
ISBN-13: 978-3882219951
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Majella Lenzen: Fürchte Dich nicht

Majella Lenzen: Fürchte Dich nicht

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Katholische Kirche kontra Armut und Not.

Majella Lenzen kehrte 1997 zwei Jahre nach ihrem Austritt aus einem deutschen Kloster nach Afrika zurück. Sie hatte bis 1995 vierzig Jahre als Nonne für die katholische Kirche in Afrika missioniert. Auseinandersetzungen mit dem Orden über die Arbeit in der Aidshilfe hatten sie mehr oder weniger unfreiwillig aus dem Kloster ausscheiden lassen. Jetzt beginnt sie ihre Arbeit für eine weltliche Organisation in dem unterentwickelten Land Tansania.

Mit Sensibilität und ständigem Hinterfragen ihrer Arbeit unter den strengen Regeln des Ordens hatte sie zunächst vorsichtig doch dann immer standfester erkannt, dass die katholische Kirche mit ihrem allgemeingültigen Anspruch auf die richtige Moral und Lebensführung dem alltäglichen Leben in Afrika nicht gerecht zu werden versteht.

Aids ist eine Krankheit, die eng mit sexuellen Verhaltensweisen in Zusammenhang gesehen wird. Sie ist in Afrika weit verbreitet. Einzige Hilfe ist Vorsicht. Kondome als probates Mittel zur Verhütung von Schwangerschaft und dem Schutz vor dieser Krankheit werden von der Kirche abgelehnt. Majella Lenzens Handeln orientierte sich jedoch an der täglich erlebten Realität und nicht an abstrakten Dogmen.

Sie schildert ausführlich die Zustände in den Slums von Tansania oder Simbabwe, wo sie zeitweilig gearbeitet hat. Die Widersprüche in der moralischen Haltung der katholischen Kirche gegenüber den Armen und Kranken dieser jenseits jeder zivilisatorischer und hygienischer Standards existierenden Länder waren für die ehemalige Nonne nicht auszuhalten. In einem langen, inneren Kampf beschließt sie ihren Weg zurück in die bürgerliche Gesellschaft. Wie schwer dieser Weg war, erzählt sie mit bemerkenswerter Offenheit und Klugheit. Ihre Geschichte ist ein Lehrstück über Doppelmoral, Intrige, Gruppenzwang und Selbstfindung. Man staunt darüber, wie weltfremd die katholische Kirche in der dritten Welt agiert und mit ihren dogmatischen Vorstellungen an der Realität vorbei geht. Doch Majellas Austritt aus dem Kloster lässt ahnen, wie schwer ein solcher Schritt ist, da er ihr auch die soziale Absicherung nimmt. Sie kämpft später für die Rechte „Ehemaliger“, tut sich mit Gleichgesinnten zusammen und rechtfertigt anhand von Beispielen ihren Austritt aus dem Orden immer von Neuem.

Mit ihrem eigenen Schicksal zeigt uns Majella Lenzen, wo es der Kirche an Einsicht und Toleranz im gesamten hierarchischen System mangelt.

Aufschlussreich und wichtig ist Majella Lenzens Beitrag, in dem zahlreiche Themenkomplexe wie Armut oder die Mentalitätsunterschiede zwischen schwarz und weiß und arm und reich aufgezeigt werden. Die Krankheit Aids ist ihr Thema ebenso wie die ungute Machtstellung der katholischen Kirche mit ihrem machohaften Gebaren gegenüber Andersdenkenden und Abtrünnigen.

Majella Lenzen hat offensichtlich mit diesen Aufzeichnungen ihrem Herzen Luft gemacht, um endlich ihr Selbstwertgefühl zu dokumentieren und ihren Frieden zu finden.

Majella Lenzen
Fürchte Dich nicht
253 Seiten, gebunden
Dumont Buchverlag, Oktober 2012
ISBN-10: 3832196897
ISBN-13: 978-3832196899
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