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Autor: Claudine Borries

Bertina Henrichs: Ein Garten am Meer

Bertina Henrichs: Ein Garten am Meer

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Aufruhr und Widerstand eines Küstendorfes vor der Kulisse unwiederbringlicher Einmaligkeit einer gewachsenen Gemeinschaft an der Küste der Bretagne.

Hier am Meer mitten im urigen Gestein und von den Naturgewalten erschütterten Raum planen Investoren einen Freizeitpark. Die seit Jahren von einer kleinen Gemeinde bewohnten Häuser an diesem Platz sollen aufgekauft und die Bewohner vertrieben werden. Mit großzügigen Angeboten versucht die Baugesellschaft, die Bewohner zur Aufgabe ihrer Häuser zu bewegen.

Eine wachsende Gruppe um Marthe Simonet und Hans von Scharnbeck, zwei ebenfalls seit langen Jahren hier ansässigen Anwohnern, proben mit ihren Nachbarn und Freunden den Aufstand. Für Marthe hängen zu viele Erinnerungen an die ersten Ehejahre und das Leben mit ihren Kindern Claire und Aurélien an diesem Stück Land, als dass sie es widerstandslos aufgeben würde.

Bertina Henrichs hat eine kleine romantische Geschichte verfasst. Was es heißt, lange an einem Flecken zu leben und sich an Nachbarn und Freunde und die eigenwillige Natur gewöhnt zu haben, lässt sie in ihrem Roman anklingen. Im Mittelpunkt stehen die Figuren von Marthe und von Scharnbeck, einem ursprünglich in Ostpreußen beheimateten Adligen, die nach dem Verlust ihrer Ehepartner ein Leben abseits großer Abenteuer und Wünsche leben. Doch die Investitionsfirma, die einen jedem von ihnen ihr Land streitig machen will, löst ungewohnte Aktivitäten bei ihnen aus. Von Scharnbeck, den es als eigenbrötlerischen Sonderling in die Gegend verschlagen hat, erhebt ebenso seine Stimme und startet Aktivitäten wie Marthe, die mit dem Stricken von Pullovern den Verein zur Rettung des Pommiers-Viertels unterstützt.

Liebevoll gezeichnete Charaktere und eine herb- freundliche Landschaft sind ebenso Bestanteil dieser Geschichte wie unterschiedliche Schicksale, Kümmernisse und Alltäglichkeiten der Küstenbewohner. Henrichs hat eine fantasievolle Milieustudie entworfen, die den Leser in Bann zieht und für kurze Zeit aus dem eigenen Alltag herausreißt. Mit einem leicht melancholischen und doch hoffnungsfrohen Ende, in dem die Liebe zarte Bande schlägt, überzeugt Bertina Henrichs mit ihrer realistischen Einschätzung des Lebens auch abseits vom üblichen Mainstream. Gelungen und empfehlenswert ist ihre Erzählung!

Bertina Henrichs
Ein Garten am Meer
170 Seiten, gebunden
Hoffmann und Campe, Februar 2011
Sprache: Deutsch
ISBn-10: 3455403166
ISBN-13: 978-3455403169
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Beth Hoffman: Die Frauen von Savannah

Beth Hoffman: Die Frauen von Savannah

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Jugend und Menschwerdung unter besonderen Bedingungen!

CeeCee ist 12 Jahre alt, als sie frühzeitig von ihrer Mutter Abschied nehmen muss, denn diese ist bei einem Autounfall zu Tode gekommen.
Dem Ereignis gingen tragische Jahre voraus, denn der Vater war so gut wie nie zu Hause, und die Mutter, das ahnt CeeCee nur, ist krank. Sie benimmt sich sonderbar, kleidet sich bizarr und bietet ihrer Umwelt einen recht verrückten Anblick. Cecelia ist viel alleine, liest und findet Trost bei einer alten Nachbarin. Sie weiß nicht, dass ihre Mutter psychotisch ist. Mit dem Tag ihrer Beerdigung entscheidet der Vater, CeeCee zu zwei alten Tanten nach Savannah zu geben. Cecelia wehrt sich und trauert, fasst aber dennoch bald Vertrauen zu Tante Tootie, die sie mit offenen Armen bei sich aufnimmt. In einem herrlichen, geräumigen und von einem großen Garten umgebenen Südstaatenhaus beginnt zum ersten Mal ein glückliches Leben für das junge Mädchen.

Beth Hoffman beschreibt mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit die Entwicklung von Cecelia Rose Honeycutt, die nach dem Tod der Mutter und deren Krankheit, die sie nicht begreifen konnte, verstört zurück geblieben war.

Man spürt die liebevolle und wärmende Hingabe, mit der Cecelia im Haus ihrer Tante, bei deren Freundinnen, Nachbarn und der Haushälterin Oletta aufgenommen wird. Treffend wird die heimelige Atmosphäre im Haus der Tante eingefangen. Hier erfährt Cecelia Verständnis und fürsorgliche Geborgenheit. Psychologisch einfühlsam geht Beth Hoffmann in ihren Schilderungen auf die schweren Jahre mit der kranken Mutter ein. In der Figur der Tante wächst für CeeCee eine liebevolle Person heran, die sie aus ihren düsteren Erinnerungen zu befreien trachtet.

Dort in Savannah lernt CeeCee auch noch Tante Lu und deren Freundin Rosa kennen, die eng befreundet sind. Im Kreise aller dieser Frauen findet sie zu sich, und lernt ein Leben kennen, in dem Anteilnahme und liebevolle Zuneigung den Ton angeben.
Ihre eigene Sehnsucht nach Glück gipfelt in dem Satz: “Ob ich je das Glück haben würde, ein Freundin zu finden, mit der ich alt wurde, eine Freundin, die meine Geheimnisse kannte, meine Ängste, meine Hoffnungen—und die mich trotzdem liebte.“
Die Icherzählerin wächst einem mit ihrer klugen, sensiblen und interessierten Neugierde ans Herz. Man folgt ihr auf allen Wegen und fühlt ganz mit ihr!

Dieser Südstaatenroman ist leicht, verständlich und originell geschrieben. Er ist echt, ehrlich und teilweise humorig und eignet sich hervorragend auch als Jugendbuch für Mädchen ab 15 Jahren.
Beth Hoffman wünscht man für ihren Debütroman recht viele Leserinnen!

Beth Hoffman
Die Frauen von Savannah
368 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, März 2011
ISBN-10: 3462042866
ISBN-13: 978-3462042863
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Didier Decoin: Der Tod der Kitty Genovese

Didier Decoin: Der Tod der Kitty Genovese

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Gewalttat und Untätigkeit: Psychogramm eines Verbrechens!

Als Kitty Genovese 1964 an den Messerstichen und Vergewaltigungen durch Winston Mosely starb, sahen mehr als 38 Zeugen ihre Not oder hörten ihre Hilferufe. Keiner alarmierte die Polizei oder einen Rettungswagen!

In meisterhafter Erzählkunst berichtet Didier Decoin von einem Verbrechen, das einer wahren Begebenheit nachempfunden ist.

Hier geht es nicht um die Suche nach einem Mörder oder in erster Linie um die Grausamkeit seiner Verbrechen, denn Kitty war nicht sein einziges Opfer. Es geht um die psychologischen Finessen, mit denen Decoin die Zeugen in den Focus der Tat rückt.

Wie verlaufen Verbrechen, wenn eine schweigende Mehrheit sich tatenlos innerlich abwendet und auf diese Weise erst einen Überfall ermöglicht, der an Grausamkeit kaum zu überbieten ist? In dem Krimi von Didier Decoin wird die Perspektive  aus einer ungewohnten Richtung beleuchtet.

Das Opfer steht fest. Der Täter steht fest. Seine Verbrechen werden zwar genauestens mit allen Details aufgeführt. Doch was ist mit den Zeugen?

Ein Dichter und seine Frau werden als erstes befragt. Sie waren zur Tatzeit nicht im Haus und treten hier als Berichterstatter auf.

Die Zeugenbefragung durch die Polizei zeigt mit makaberer Deutlichkeit, wozu Menschen fähig sind.

Je mehr Zeugen es gibt, desto unwahrscheinlicher wird die Anzeige, da jeder innerlich dem anderen die Aktivität zur Hilfe überlässt. Mit diesem Roman beweist Decoin einmal mehr, dass wir nicht Herr unseres Handelns sind, wenn wir uns in den Fängen eines gruppendynamischen Prozesses befinden. Dabei schiebt einer dem anderen innerlich die Verantwortung zu, auch um sich selber vor den Schrecknissen des Verbrechens zu schützen.

In einem Nachtrag wird auf das anerkannte Milgram-Experiment verwiesen. Der berühmte Sozialpsychologe Stanley Milgram forderte Studenten zur grausamen Bestrafung fiktiver Übeltäter auf. Die meisten von ihnen kamen dem Befehl nach, wenn sie von einer von ihnen geachteten Autorität dazu aufgefordert wurden. Es zeigt einmal mehr, dass Verbrechen ohne Menschlichkeit im weitesten Sinne keine Seltenheit sind.

Mit fesselnden Worten und einem gut konstruierten Plot gelingt dem Autor ein faszinierendes Szenario. Man schaut in die Fratze vom Verlust menschlicher Werte und ist erschrocken über den Ausfall von Teilnahme und Hilfsbereitschaft.

Literarisch wunderbar aufbereitet erzählt Didier Decoin eine wahrhaft außergewöhnliche Kriminalgeschichte. Die Gliederung in Zeugenvernehmung, Gerichtsverhandlung und Tatgeschehen gibt der Handlung einen fast protokollarischen Charakter.

Der vielfach ausgezeichnete Autor lebt in Frankreich, und seine Übersetzerin Bettina Bach hat die Geschichte hervorragend ins Deutsche übertragen.

Didier Decoin
Der Tod der Kitty Genovese
240 Seiten, gebunden
Arche Verlag, Februar 2011
ISBN-10: 3716026603
ISBN-13: 978-3716026601
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QueDu Luu: Vielleicht will ich alles

QueDu Luu: Vielleicht will ich alles

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Addi ist der Held einer neuen Zeit!

Addis Eltern, durchaus in bürgerlichen Berufen tätig, streiten und prügeln sich, und ihr Sohn kann es fast nicht mehr ertragen, diesem Familienklima ausgesetzt zu sein. Die Familie wohnt in einer Stadtrandsiedlung Bielefelds, in der sich alle möglichen Typen tagtäglich tummeln.

Addi ist ein Held, der still und unauffällig, doch durchaus wehrbereit, aus der Enge der elterlichen Wohnung zu entkommen trachtet. Begegnet er aggressiven Junkies, so gelingt ihm häufig der KO Schlag gegen gewisse Angreifer. Die fremdartige Alicia aus der neunten Klasse hat es ihm angetan. Sie sieht sich häufig ebenfalls ungerechtfertigten Aggressionen ausgesetzt, weil sie so anders als ihre Mitschülerinnen ausschaut. Addis Freund Jonas, der so gut in der Schule ist, und den er ein wenig bewundert, muss sich um seine betrunkenen Eltern kümmern, die von Hartz IV leben. Balduin, der verrückte Obdachlose, trottelt ständig hinter Addi her, und dieser versucht vergeblich, ihn los zu werden. Alles in allem lebt Addi in einer dubiosen Zwischenwelt, und er hat es nicht leicht, sich aus dem ganzen Durcheinander ein Weltbild zu zimmern, das ihm eine bessere Zukunft ermöglichen würde.

Mit Schmunzeln, ein wenig Mitleid und viel Empathie folgt man Addi bei der Suche, die richtigen Freunde und Freundinnen zu finden. Seine Eltern lässt er mit seinen sechzehn Jahren bald hinter sich. Nach zahlreichen Begegnungen, Gesprächen und Ausbruchsversuchen geht er das Wagnis ein, sich in eine WG einzumieten. Er ist nun zwar endlich den Nörgeleien und Streitereien seiner Eltern entkommen, das große Glück aber bleibt ein Traum für die ferne Zukunft. Zärtlich, liebevoll, zur rechten Zeit auch wagemutig bahnt sich Addi einen Weg durch das unübersehbare Dickicht der Welt.

Man begleitet den Helden durch ein Jahr der Wirrnisse und der Liebessuche. Sehr genau beobachtet die Autorin QueDu Luu die pubertäre Entwicklung eines Jungen, der sich nach Geborgenheit sehnt, stattdessen aber ständig als Zuhörer für seine unreifen Eltern herhalten muss. Auch Balduin, der Obdachlose, zählt zu den Bürden, derer sich der Held nur mühsam entledigen kann. Addi ist jedoch ein verständiger, egoistischer und zugleich mitfühlender Bürger, der mehr Reife zeigt, als alle Erwachsenen in seiner Umgebung zusammen. Die Autorin versteht etwas von der Seele des Jungen, und das ist anrührend und realitätsgerecht in Szene gesetzt.

QueDu Luu
Vielleicht will ich alles
336 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Februar 2011
ISBN-10: 3462042955
ISBN-13: 978-3462042955
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Adriana Altaras: Titos Brille

Adriana Altaras: Titos Brille

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Leben nach dem Holocaust in Deutschland, Jugoslawien und in aller Welt.

Mit vielseitigem Witz und wohltuendem Humor beginnt Adriana Altaras ihre biographischen Aufzeichnungen über ihre verrückte, amüsante und nach dem Krieg weit verstreute Familie.

Sie ist Jüdin, wurde in Zagreb geboren, wo ihr Vater bei den Partisanen um Tito mitmischte. Über sein Leben und das ihrer Mutter erfährt sie aber vieles erst, als die Eltern kurz nacheinander sterben, und sie in der seit vierzig Jahren nicht mehr aufgeräumten Wohnung in Giessen an die Hinterlassenschaft der Eltern gerät. Alte Fotos, Briefe und Aufzeichnungen öffnen ihr die Tür zu ihrer Familiengeschichte, in der es ernsthafte Geheimnisse gab.

Ihr Vater flüchtete aus Jugoslawien, als er 1964 im Rahmen der Säuberungen als Jude aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen werden sollte. Über die Schweiz ging er nach Deutschland, wo er in Giessen als Arzt und Professor am Universitätsklinikum eine Lebensstellung erhielt.

Beim Durchforsten der Hinterlassenschaft gelangen zahlreiche Familiengeheimnisse zutage. Mit jüdischem Scharfblick und aufmerksamer Beobachtung entwickelt die Autorin ein filigranes Familienbild. Von kleineren und größeren Liebschaften des Vaters und über mögliche Geschwister aus diesen Verbindungen ist die Rede, und es wird klar, dass es die Familie mit den jüdischen Riten nicht mehr gar so genau nahm. Dennoch wird die Beerdigung des Vaters natürlich nach jüdischem Ritus begangen. Der Kantor lehnt zum allgemeinen Erstaunen seine Alditüte an den Sarg und begeistert später alle mit seinem Gesang. Die Stimme „erhebt sich über Religion, Politik, über den Schnee, die Neustadt und das Klinikum in Gießen hinweg“, und alle hängen an „dieser Stimme mit Alditüte“.

In munterem Ton, der den Ernst nicht auslässt, erzählt Adriana Altaras lakonisch und frech ihre Familiengeschichte, die bis in die Gegenwart zu ihrem westfälischen Mann und den beiden kleinen Söhnen reicht.
Der Bogen ist weit gespannt und lässt uns teilhaben an der besonderen, zugleich distanzierten und doch warmherzigen Erzählkunst, wie wir sie aus vielen jüdischen Beiträgen in der Literatur kennen. Von Jugoslawien und seinen schönen Städten und Stränden, von Tanten, Cousinen und Cousins ist die Rede, die nach dem Holocaust, sofern sie denn überlebt haben, in aller Welt verstreut leben. Man findet sich und freut sich über ein Wiedersehen. Kuriose, dumme Aussagen alter und neuer Nazis mischen die Geschichte auf.

Israel, Anlaufstelle für hunderte von Flüchtlingen, ist nicht das ersehnte Ziel aller Geflohenen. Alles in allem geht es in dieser Geschichte um Freiheit und Bindung, um Konventionen, Traditionen und wie weit man seine Vergangenheit hinter sich lassen kann. Als die Bar – Mizwa des Sohnes David naht, wird das Fest mit allen erreichbaren Verwandten so gefeiert, wie sich das nach jüdischem Brauch gehört.

Mit ihren Streifzügen durch die Gegenwart und Vergangenheit ist Adriana Altaras eine scharfzüngige und ehrliche Analyse gelungen, wie es sich als Jüdin mit dem Ballast einer Vergangenheit lebt, in der die Welt und das Judentum unterzugehen drohte. Sie bleibt sich treu und ist in ihrer Identität Jüdin geblieben, ohne das als aufdringliche Wahrheit zu verkünden.
Auch in ernsten Lagen spart Adriana Altaras die Komik nicht aus, und das Buch gewinnt die Aufmerksamkeit seiner Leser, die sich der klugen und beredt erzählenden Autorin ganz überlassen können.

Adriana Altaras
Titos Brille
272 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Februar 2011
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3462042971
ISBN-13: 978-3462042979
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Irmgard Hochreither: Schöner Mist

Irmgard Hochreither: Schöner Mist

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Begeisterung für ein anderes Leben!

Äußerst flott und schmissig geschrieben ist dieser Bericht der Sternredakteurin Irmgard Hochreither über ihre Erfahrungen mit dem Landleben.

Sie ist ein eingefleischter Stadtmensch, als der Mann an ihrer Seite sie mit dem Vorhaben überrascht, für die Wochenenden ein Haus auf dem Lande zu mieten. Empört weist sie das Ansinnen zurück, kann sich aber seinen Verführungskünsten nicht entziehen, als sie das Dörfchen Polkefitz im Wendland besuchen. Ein uriges Haus, freundliche Dorfbewohner und das beschaulich in der Landschaft ruhende Dorf haben es ihr alsbald angetan. Plötzlich empfindet sie eine Ruhe abseits der Hektik und dem Glamour der Großstadt, die sie nicht fassen kann! Freudig willigt sie in das  Abenteuer vorübergehenden „Aussteigens“ aus dem Hamburger Alltag ein.

Rundum unterhaltsam beschrieben, malerisch und treffend skizziert erscheint vor uns eine Landidylle, die man in den Bereich der Märchen verweisen möchte. Doch alles ist wahr: freundliche Nachbarn, der Duft von Brot, Wein und Käse und die wild und bunt beschriebene Natur lassen keinen Zweifel aufkommen, dass sich alles genauso zugetragen hat, wie hier beschrieben. Es gibt sie also noch: die Idylle der Natur, die liebenswerten Kauze, die so ganz im Kontrast zu den gestylten Stadtmenschen leben. Diese schauen natürlich neugierig einmal im Dorf vorbei, und man spürt die Unvereinbarkeit zwischen jenen und den Hiesigen!

I. Hochreither richtet unsere Blicke auf die zwei Welten „Stadt“ und „Dorf in ländlicher Abgeschiedenheit“, die nicht mit einander kompatibel zu sein scheinen. Wer jedoch diese Idylle für sich entdeckt und Sinn für sie hat, der kann von ihr offensichtlich nicht mehr lassen. Die Autorin macht nicht etwa Reklame nach dem Motto „Zurück zur Natur“. Sie lässt uns einfach teilhaben an der Freude, dem Reiz, den Überraschungen und den fröhlich zufriedenen Stunden, die sie hier verlebt. Auch die Menschen in diesen abgelegenen ehemaligen Zonenrandgebieten sind von einer so freundlichen Zugewandtheit und Selbstverständlichkeit im Umgang, dass man sich dort einfach wohlfühlen muss!

Hochreither beschreibt eine Welt, die fast am Rande steht, gäbe es da nicht Gorleben mit seinen Atommüllproblemen in der Nähe.

Leicht und locker geschrieben und amüsant zu lesen bietet der muntere Bericht angenehme und fröhliche Unterhaltung!

Irmgard Hochreither
Schöner Mist
208 Seiten, broschiert
Ullstein Tb, Februar 2011
ISBN-10: 3548373739
ISBN-13: 978-3548373737
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Philip Roth: Nemesis

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Schicksal, Fügung oder Gottes Wille?

Wieder einmal geht es bei Philip Roth in seinem neuen Roman um Glück und Unglück, um Schuld, Sühne, Moral und Verzweiflung.

Der Autor fabuliert aber nicht wie in seinen zuletzt erschienenen Romanen über das Alter und seine Gebrechen; dieses Mal geht es um eine Polioepidemie im Jahr 1944, von der viele Kinder dahingerafft werden, und die in ihren Auswirkungen tiefe Spuren bei dem Helden der Geschichte hinterlässt.

Bucky Cantor ist Sportlehrer im jüdischen Viertel von Newark/ New Yersey und einer der wenigen jungen Männer, die nicht im mörderischen Zweiten Weltkrieg kämpfen mussten. Er war nicht diensttauglich und sieht seine Aufgabe in seiner Rolle als Bezugsperson für seine Jungs, die er in der Schule, an Wochenenden und in den Ferien auf dem Sportplatz trainiert. Die Krankheit „Kinderlähmung“ platzt wie eine Bombe in das friedliche Leben der Stadt. Niemand kennt den genauen Verlauf der Krankheit. Es gibt keine Heilungsverfahren, keine Impfung, und in vielen Fällen endet sie mit dem Tod und häufig mit schwerster Behinderung. Wie soll man sich verhalten, wie vorbeugen, um sich zu schützen?

Heute kann sich kaum jemand mehr vorstellen, wie ernsthaft und bedrohlich diese Krankheit einmal war. Sie verkörperte die Apokalypse des vergangenen Jahrhunderts, bis man zu Beginn der sechziger Jahre einen Schutz gegen sie erfand.

Bucky Cantor gerät in das Räderwerk der Folgen dieser Krankheit, erkrankt selber und lebt mit dem Gefühl der Verbitterung und der Schuld, seinen Schülern die Krankheit womöglich weitergegeben zu haben, sein restliches Leben lang.

Der Kontrast zwischen dem jungen, sportlichen, gut erzogenen  und in seine erste Liebe vernarrten Helden und dem, was aus ihm wird, kann nicht gravierender ausfallen.

Philip Roth behandelt die tiefen moralischen Konflikte, in die sich der Held verstrickt. Subjektive Wahrnehmung von Schuld und Anklage gegen Gott behandeln die eine Seite der Geschichte; Selbstanklage und falsch verstandenes Ehrgefühl zeigen die andere Seite. Nach dreißig Jahren trifft Bucky eher zufällig einen seiner ehemaligen Schüler. Ein langer Dialog mit diesem, der sich als einer der Jungen vom Sportplatz zu erkennen gibt, und den das gleiche Schicksal wie Bucky ereilt hat, zeigt die unterschiedlichen Folgerungen, die jeder aus seinem persönlichen Geschick gezogen hat. Bucky verkörpert den Märtyrer und Selbstankläger; sein ehemaliger Schüler hat sein Schicksal angenommen und ist zufrieden und glücklich geworden. Letzterer spricht vom „Zufall“ und vom „Glück“, die man haben kann. Bucky aber schmäht einen Gott, der eigentlich diesen Zufall und das Glück verkörpert.

Philip Roth ist der hervorragende Erzähler, den wir aus vielen seiner Werke kennen. Das Thema hat ihn gepackt wie immer. Die Reflexionen des Helden Cantor sind mit der üblichen Tiefenschärfe gezeichnet. Weise, ein wenig sarkastisch und gelegentlich bissig zeichnet Philip Roth den Helden als den Irrgläubigen, der am Leben scheitert,weil er zu verbissen an die eigene Allmacht glaubt.

Philip Roth ist und bleibt der bemerkenswerte Erzähler, dessen neueste Bücher man immer wieder mit Freude liest.

Philip Roth
Nemesis
224 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Februar 2011
ISBN-10: 3446236422
ISBN-13: 978-3446236424
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Walter Kohl: Leben und gelebt werden

Walter Kohl: Leben und gelebt werden

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Kanzlersohn, was nun?

Beeindruckend und erschütternd sind die Erfahrungen und Erinnerungen, mit denen Walter Kohl eine Art Lebensbilanz über sein bisheriges Leben als Kanzlersohn zieht.

Der Satz seines Sohnes auf dem Weg zum Kindergarten: “Papa, ist das Leben schön?“ kann als Initialzündung angesehen werden, nach der Walter Kohl sich seiner Kindheit und seinem bisherigen Leben stellt.

Um es vorweg zu nehmen: es war keine glückliche Kindheit, die Walter mit seinem Bruder in dem immer dichter werdenden Netz von Fremdbestimmung, Bewachung und Isolation als Prominentenkind zugebracht hat.

Zeitlebens und bis heute wird er als „der Sohn vom Kohl“ angesehen. Doch nach einem langen und beschwerlichen Weg der Besinnung und inneren Einkehr, der Reflexion und der Suche nach Lösungen für einen ersehnten inneren Frieden ist es Walter Kohl gelungen, sich auf einen eigenen Weg zu machen. Bis dahin aber gab es seelische Verletzungen und schwerste Erfahrungen, die ihn lange Jahre seines Lebens von seiner frühesten Kindheit an wie eine Gefangenschaft erleben ließen.

Dem alles beherrschenden Politikervater waren die Karriere und Partei immer wichtiger als die heimische Familie.

Walter Kohl findet die richtigen Worte, seinen Werdegang unter den o.g. Bedingungen zu beschreiben.

1963 geboren fühlte er sich früh alleine gelassen und musste harte Prüfungen durch Hänseleien, Ablehnungen und Attacken von Menschen aller Couleur hinnehmen lernen. Die Folge ist eine totale Vereinsamung und ein Rätselraten, wie das alles zusammenhängen mag: sein Aufwachsen unter Festungsbedingungen, seine Isolation unter Mitschülern  und die Unmöglichkeit, über seine inneren Zustände weder mit dem Vater noch mit der Mutter reden zu können.

In diesem Buch beschreibt er seinen langen Weg aus der Einsamkeit, der von wechselnden Stimmungen und einer steten Unsicherheit gekennzeichnet war.

Nach einem Studium in Harvard und einem längeren  beruflichen Amerikaaufenthalt fühlte er sich fast befreit. Doch als seine erste Ehe scheitert, seine Mutter stirbt und der Vater wieder heiratet und den Bruch mit ihm vollzieht, erlebt er hohe Anforderungen an sein „Stehvermögen“, einem beliebten Ausdruck der Eltern, um an diesen Erlebnissen nicht zu zerbrechen.

Bemerkenswert sind die klaren, sachlichen und doch von tiefster Not zeugenden Ausführungen, in denen Walter Kohl sich beinahe selbst analysiert. Die  außergewöhnliche Lebenssituation als Kanzlersohn ist die eine Seite seines Berichtes; die andere beschäftigt sich mit den Charakterstrukturen der Eltern, die er mit kenntnisreichem und verständnisvollem Blick zeichnet.

Dieser Lebensbericht ist ungewöhnlich in der Intention, die nicht auf eine Abrechnung zielt, sondern zu einer Klärung der Lebensverhältnisse und der Erziehungsbedingungen beiträgt, denen Walter mit seinem Bruder Peter ausgesetzt war. Wohl selten hat man so anrührend und zugleich um Wahrhaftigkeit bemüht Erinnerungen eines Politikersohnes gelesen. Walter Kohl zeigt eine Versöhnlichkeit, der man höchsten Respekt zollt.

Walter Kohl
Leben oder gelebt werden
274 Seiten, gebunden
Integral, Januar 2011
ISBN-10: 3778792040
ISBN-13: 978-3778792049
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Rose Tremain: Die Farbe der Träume

Rose Tremain: Die Farbe der Träume

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Abenteuer pur…

Neuseeland ist das Land der Träume, in das zahlreiche Zuwanderer aus England Mitte des 19. Jahrhunderts aufbrechen. Unter ihnen befinden sich auch Harriet und Joseph mit dessen Mutter. Die beiden jungen Leute kannten sich erst kurz und eigentlich gar nicht richtig, als sie ein halbes Jahr zuvor geheiratet haben. Nun stehen sie in einem Land, das karg und wüst und wenig besiedelt hohe Anforderungen an die neuen Einwohner stellt. Trockene Winde, eiskalte und schneereiche Winter machen die Besiedelung zu einem entbehrungsreichen Abenteuer, dem nicht jeder gewachsen ist.

In ihrem abenteuerreichen Roman entwickelt Rose Tremain ein Bild vom Leben der Einwanderer, das von Freundschaft, Feindschaft und von Liebe und Vergehen und von wüsten Klimabedingungen handelt.

Harriet und Joseph finden nicht ihr großes Glück und gehen schlussendlich eigener Wege. Harriet findet gute und wohlhabende, tüchtige Freunde auf der Orchard Farm, während ihr eigenes ungünstig gelegenes Lehmhaus den klimatischen Bedingungen zum Opfer fällt. Harriet bleibt tapfer, mutig und stark, Joseph hingegen entpuppt sich als charakterlicher Widerling.

Rose Tremain setzt ihrer Fantasie keine Grenzen. Auf diese Weise ist ein opulenter Abenteuerroman entstanden, im dem sich Gut und Böse findet, und in dem mit gravierenden Fehleinschätzungen und immer neuen Anstrengungen schließlich eine Goldgräbergesellschaft zusammen findet, in der es rau und übel zugeht. Das entbehrungsreiche Leben führt allenthalben zu menschlichen und charakterlichen Herausforderungen, denen nicht jeder standhält.

Wer ausufernde Schmöker liebt, der wird mit diesem Roman auf seine Kosten kommen. Unermüdlich wird die Handlung fortgesponnen und lässt Freund und Feind in krassem Licht des Dschungels und der reißenden Flüsse und gewaltigen Naturereignisse erschauern. Gekonnt und schmissig legt sich der Zauber des Abenteuers auf den Leser und entführt ihn in eine ferne Welt.

Rose Tremain
Die Farbe der Träume
459 Seiten, broschiert
Insel Verlag, Dezember 2010
ISBN-10: 3458357025
ISBN-13: 978-3458357025
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Daniel Clowes: Wilson

Daniel Clowes: Wilson

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Die Geschichte eines hässlichen, komischen und anrührenden Sonderlings.

Schon auf dem Buchtitel blickt uns ein grimmiger Wilson mit seiner dicken dunklen Brille entgegen.
Ahnt man nicht schon, dass hier ein Misanthrop und Miesmacher unterwegs ist?
Das einzig Liebenswerte an ihm scheint sein Hund zu sein, der Anlass zu Spaß, Unterhaltung und vor allem Anknüpfung mit seinen Mitmenschen auf seinen Spaziergängen bietet.

Sein erster Satz im Comic heißt: Ich mag Menschen!
Das wird sich erst noch zeigen, wie es damit steht!
Die Geschichte gleicht einer autobiographischen Erzählung, die in der dritten Person verfasst ist.

In Seite um Seite wechselnden Szenen ergeht sich Wilson in Betrachtungen über seine Mitmenschen, sein Befinden und seine Missachtung denjenigen gegenüber, die mit ihm sprechen und ihm ihr eigenes Leid klagen. „Ach, ist das Leben schwer“, meint man ihn die ganze Zeit klagen zu hören. Seine Mutter ist tot, seine Frau ist ihm weggelaufen und nun droht auch noch der Vater zu sterben. Zuweilen sind seine Gedanken melancholisch, um die Melancholie dann wieder mit einem nonchalanten Ausdruck auszulöschen. Dabei entstehen gelegentlich absurde Vorträge, die Nonsens gleichen. Den Tod der Mutter beklagt er, setzt ihn der Tatsache gleich, dass es so sei, als sähe man das Meer nie wieder, um zuletzt festzustellen, dass er das Meer ja vielleicht gar nicht mag… „ach, Scheisse“…

Es bleibt dabei: ob in der Kneipe, auf dem Gehweg mit Hund oder beim Wiedersehen mit ehemaligen Freundinnen: die Klagen über all das Vergangene, die sich verändernde Zeit, die vermaledeiten Computer: es gibt viel zu lamentieren, und Wilson, der hässliche, misanthropische Sonderling verliert nie die Spur und bleibt sich selber treu. Alle Versuche, seiner Frau und seinem vermeintlichem Kind noch näher zu kommen, sind zum Scheitern verurteilt. Er schimpft und strampelt um ein zu erstrebendes Glück, um zuletzt in weiser Einsicht vor den Regentropfen des Fensters zu sitzen. Hier findet er der Weisheit letzten Schluss: es ist doch alles so einfach; man muss es nur erkennen. Fast eine philosophische Einsicht!

Mit großflächigen und kantigen Bildern wird die Geschichte erzählt und mit Text unterlegt, so dass man ein lebhaftes Bild von dem mittelalten Kauz bekommt.

Ein großartiger Zeichner und Erzähler hat sich in diesem Werk verewigt. Glück für alle Comicliebhaber!

Daniel Clowes
Wilson
77 Seiten, gebunden
Eichborn, November 2010
ISBN-10: 3821861282
ISBN-13: 978-3821861289
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