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Autor: Claudine Borries

Manfred Lütz: Irre

Manfred Lütz: Irre

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Geistige Krankheit und Gesundheit: Unterscheidungsmerkmale!

Sich mit der gesunden Reaktion Kranker auf ihre Umgebung und der Krankheit der Gesunden zu befassen, ist schon den englischen Antipsychiatern Ronald D. Laing und David Cooper vor mehr als sechzig Jahren gelungen. Hatten sie doch früh erkannt, dass der Wahnsinn eine gesunde Reaktion auf den ganz normalen Alltag sein kann; der schizoide oder paranoide Patient reagiert vollkommen adäquat auf eine Umgebung, die in ihrem Verhalten die vermeintlich kranken Reaktionen hervorrufen.

Manfred Lütz, der bekannte Psychiater und Theologe, hat den verdienstvollen Versuch gewagt, diese frühe Erkenntnis über den ganz alltäglichen Wahnsinn in humorvoller Weise an den Mann/ die Frau zu bringen, wobei sein Ansatz überwiegend auf der organisch bedingten Krankheit liegt.

Seine Eingangskapitel sind launig und spritzig und beschreiben unseren gewöhnlichen Alltag, in dem nicht jeder, der sich im Verhalten außerhalb der Norm bewegt, schon einer „Diagnose“ oder gar „Behandlung“ bedarf. Für den Laien verständlich und witzig zugleich sind seine Einführungskapitel, wozu auch die heiteren Betrachtungen des Arztes und Komikers Eckart von Hirschhausen im Vorwort beitragen.

Ein Zustand wird nach Lütz erst dann zur behandlungsbedürftigen Krankheit, wenn der Anteil eines so genannter „Leidensdrucks“ als belastendes Kriterium bei der Selbsteinschätzung und Fremdwahrnehmung hinzu kommt. Der Autor berichtet in überschaubarer Form über vielfältige Behandlungsmethoden in der Psychiatrie. Von den Gesprächsmethoden, Verhaltenstherapien und Hypnoseverfahren über die Medikamentenbehandlung bis zum Elektroschock reichen seine Hinweise. Eingeflochten sind Beispiele aus seiner Praxis, so dass er einen gründlichen Eindruck vermittelt, wie mit psychischen Störungen umzugehen sei.

Da der Laie häufig zu vorschnellen „ Diagnosen“ neigt, wird in einem anschließenden Kapitel auch darüber berichtet.

Über Schizophrenie, Depression und Demenz, über Alkohol -und Medikamentenabhängigkeit berichtet er so geläufig wie über Obdachlose und ihre oftmals erschütternden Geschichten.

In einem kurzen Kapitel finden noch die sozial verursachten psychischen Schäden Erwähnung und die Behandlungsmöglichkeiten dafür. Insgesamt ist der Ansatz von Manfred Lütz jedoch organmedizinisch. Den Theorien einer Gruppe von Wissenschaftlern um den Anthropologen Gregory Bateson, der den Begriff des „ double bind“ erfunden hat und in seine Theorien über das menschliche Verhalten einführte, misst Lütz bei seinen Ausführungen keinerlei Bedeutung bei. Er legt Wert auf eine humanitäre Einstellung zu allen Abartigkeiten in der Gesellschaft und vermittelt ein liebevolles und durchaus dem Humor zuneigendes Menschenbild. Der Theologe mit Fähigkeiten zur Wahrnehmung der Komik im Verhalten des Menschen führt hier das Wort. Seine Begründungen für zahlreiche psychische Krankheiten betonen immer wieder die organisch bedingten Ursachen. Damit schafft er Erleichterung für alle jene, die sich „ schuldig“ fühlen, sei es für die eigene Sucht oder für die psychischen Krankheiten ihrer Nächsten.

Für den Laien gut verständlich hat Manfred Lütz ein hilfreiches Buch geschrieben, das auf knapp 208 Seiten einen aufschlussreichen Beitrag zum Thema „ psychische Krankheit“ leistet.

Manfred Lütz
Irre
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Gütersloher Verlagshaus
ISBN-10: 3579068792
ISBN-13: 978-3579068794

Wallace Stegner: Die Nacht des Kiebitz

Wallace Stegner: Die Nacht des Kiebitz

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Subtile Ehegeschichte und Rückschau auf ein langes Leben.

Das Alter bedeutet nicht für jeden nur Spaß und Freude!

Da gibt es die kleinen Wehwehchen überall, und der Körper will nicht mehr so wie einst. Wallace Stegner weiß lebendig davon zu berichten. Sein alter ego ist Joe Allston, ein pensionierter 69 jähriger Literaturagent, der mit seiner Frau Ruth den Lebensabend im geruhsamen Kalifornien verbringt. Er führte alle die Jahre eine gute Ehe mit ihr und ist seiner Frau stets treu gewesen. Ein kleines Geheimnis blieb lange unentdeckt, bis Joe seine Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 1954 wiederfindet. Auf der Reise in die Vergangenheit entdeckt man eine fast kriminelle Familiengeschichte, die es in sich hat.

Sein Berufsleben hat Joe in der anregenden und kulturell lebendigen Stadt New York verbracht. Jetzt bestimmen die Gartenarbeit und gelegentliche Geselligkeiten sein Leben.    Aber ist Joe wirklich zufrieden?

Sein italienischer Freund Césare ist entsetzt über die Abgeschiedenheit seines jetzigen Lebens und den Mangel an abwechslungsreicher Unterhaltung hier im friedlichen Umfeld seiner neuen kalifornischen Heimat.

Mit Witz, Ironie und einer guten Portion Sarkasmus bei gleichzeitiger Empfindsamkeit erzählt Joe Allston über seine kleinen Maläsen, über seine lange Ehe mit Ruth und über ihre eingeübten Gewohnheiten, die sehr originell beschrieben sind. Sie witzeln und kennen die Eigenarten des anderen. Gemütlich ist es allemal, wenn sie zusammen sitzen und Musik hören oder fernsehen. Seine Freunde sind ebenfalls alt, und er sieht, wie der eine oder andere schon scheiden muss. Die alltägliche Gegenwart ist absolut witzig und treffend gezeichnet. Gespräche über den Gartenzaun erzeugen eine sehr persönliche Atmosphäre. „ Der Wind rüttelt sanft, doch energisch am Haus. Man hörte den Regen gegen die Scheiben prasseln. Nichts konnte mehr Geborgenheit bieten als das. Und nichts ist so vergänglich.“

Depressionen überfallen ihn heute zuweilen, wenn er die Kürze der Zeit bedenkt, die seine Altersperspektive ihm gewährt.

Die Tagebücher, aus denen er Ruth eines Abends vorliest, führen die beiden zurück nach Dänemark, wo sich Joe im Jahr 1954 auf Spurensuche nach seinen Vorfahren begeben hatte. Hier beschreibt er ein mit reisendes Paar  als  “ fromm, kleinkariert, strikt gegen Rauchen, Trinken, Kartenspiel, Kino, Bücher, Sprachen, Denken.“ Spießbürger par excellence!

Die Abenteuer in Dänemark wirken fast wie eine eigene eingeschobene Geschichte, die nur mittelbar mit seinem Lebensbericht in Verbindung steht. Das Bild rundet sich und man beobachtet Joe Allston beim Nachdenken und Sinnieren. Geheimnisse werden aufgedeckt, die seiner Geschichte eine spannende Wende geben.

Wallace Stegners Werke handeln vom einfachen Leben, von Freude, Leid und der Vergänglichkeit. Sehr nahe kommt man seinen Empfindungen, denn er schreibt seine Romane wie Berichte an einen guten Freund. So fühlt man sich heimisch bei der Lektüre und meint, man könnte auch zu seinen Gästen zählen. Dieser Autor bietet Geschichten an, in denen es wie im wirklichen Leben zugeht: fröhlich, traurig, ehrlich, aufrichtig und nicht zuletzt oft versöhnlich.

Der Autor Wallace Stegner, 1909 -1993, gehört zu den wichtigsten amerikanischen Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts. Er wurde mit dem National Book Award 1977 ausgezeichnet.

Wallace Stegner  
Die Nacht des Kiebitz
Taschenbuch: 280 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3423247460
ISBN-13: 978-3423247467

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens

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Trauer, Krieg und eine außergewöhnliche Lebensgeschichte!

In Rom, der von ihm sehr geliebten Stadt, gelingt es dem Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil, noch einmal die Geschichte seiner Kindheit zu erinnern. Er beschreibt diese von einer ungeheuren Familienkatastrophe überschattete Kindheit beredt, sensibel und von magischen Eindrücken durchzogen.

Es ist die Geschichte eines stummen Jungen, der in enger Symbiose mit Mutter und Vater aufwächst.

Wie war es dazu gekommen?

Der Krieg hatte den Eltern tiefe Narben geschlagen. Vor Kummer um den frühen Verlust ihrer ersten Kinder im zweiten Weltkrieg hatte die Mutter ihre Sprache verloren. Als einige Jahre nach dem Krieg ein letzter Sohn geboren wurde, der nunmehr das einzige Kind seiner Eltern blieb, konnte weder die Mutter noch der Junge sprechen.

H.-J. Ortheil beschreibt das Aufwachsen wie einen stummen Traum: Glück ist es, mit der Mutter zu sein, den Vater nach Hause kommen zu hören, die Natur zu beobachten und sich versonnen am Rande der Gesellschaft zu bewegen. Es scheint, als seien mangels der Sprachfähigkeit seine übrigen Sinne besonders wach. Ortheil erzählt von dem hoch sensiblen und tief mit der Mutter verbundenen Jungen, der sie in unsichtbaren Gefahren wähnt. Er erlebt die Eltern in enger Zugehörigkeit und Liebe, und er erfährt erste unbekannte Schikanen in der Schule, die sein Leben bedrängen.

Als eines Tages ein Klavier ins Haus kommt, empfindet er ungeahntes Glück: Musik zu hören wird zum außergewöhnlichen Ereignis.

Mit einem entschlossenen Kraftakt beschließt der Vater eines Tages, ohne die Mutter mit dem Jungen aufs Land zu fahren. Dort auf dem  heimischen Bauernhof, der zur Familie des Vaters gehört, mit vielen Onkeln und Tanten, mit geregeltem Arbeitsablauf, festen Mahlzeiten und langen Spaziergängen mit dem Vater vollzieht sich die erhoffte und unerwartete Wende: der Junge blüht auf, kräftigt sich an Leib und Seele, lernt schreiben und lesen und zuletzt auch das Sprechen. Wie sich sein weiteres Leben entwickelt, ist von ebenso besonderer Eigenart wie seine frühe Kindheit

In feiner Manier, ganz aus den Augen eines verstörten Kindes, berichtet Ortheil seine Erlebnisse als Kind und die Folgen, die das jahrelange Schweigen für sein Aufwachsen hatte. Man wir zum Zeugen einer „ Sprachwerdung“, die von ungewöhnlichem Ausdruck ist. Kaum vorstellbar sind die Entwicklungen, die im Zeitraffertempo in wenigen Wochen auf dem Land stattfinden.

Der Junge entwickelt allmählich einen zaghaften eigenen Willen, mit dem er seinen weiteren Lebensweg beschreitet. Musik und Literatur bestimmen sein weiteres Leben.

Freude, Glück und Enttäuschung aber liegen immer weiter nahe beieinander.

Der Autor hat seine eigene Kindheitsgeschichte zu einem fiktiven Roman verfremdet. Sein harmonischer Charakter scheint das Ergebnis des besonders einfühlsamen und pädagogisch befähigten Vaters zu sein. Beiden Eltern zollt der Autor in seinem Buch Respekt und Anerkennung, ohne die kritischen Phasen seiner Entwicklung zu verschweigen. Seine Geschichte hat er in einen Strom poetischer Worten gekleidet, mit dem man ganz nah an sein inneres Erwachen herangeführt wird. Der ruhige Erzählstrom entspricht den sich langsam entfaltenden Möglichkeiten des heranwachsenden Jungen. Er ergeht sich nicht in tiefenpsychologischen Deutungen und verrät dennoch Gründe und Ursprünge einer außergewöhnlichen seelischen Entwicklungsgeschichte. Diese seltene Form der Biographie ist höchst beeindruckend!

Hanns-Josef Ortheil
Die Erfindung des Lebens
Gebundene Ausgabe: 592 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN-10: 3630872964
ISBN-13: 978-3630872964

Wolfgang Schorlau: Das München-Komplott

Wolfgang Schorlau: Das München-Komplott

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Ein Krimi der Spitzenklasse!

Zugegeben: dieses ist mein erster Krimi von dem Autor Wolfgang Schorlau. Er hat mich aber sogleich gepackt, denn das umfangreiche Netz, mit dem man sich dem Kriminalfall nähert, ist faszinierend.

Worum geht es?

1980 wurde auf den Theresienwiesen in München ein Attentat begangen. Viele Tote, Verletzte und Schwerverletzte waren als Opfer zu beklagen. Die Tat konnte nie wirklich aufgeklärt werden, weil man sich auf die Einzeltäterschaft eines Neonazis, Gundolf Köhler, geeinigt hatte, der bei dem Attentat ebenfalls ums Leben gekommen war.

W. Schorlau rollt den unaufgeklärten Fall in seinem Roman noch einmal auf. Danach wird der ehemalige Zielfahnder des Bundeskriminalamtes Georg Dengler nach fast dreißig Jahren erneut auf den Fall angesetzt. Auftraggeber ist der Chef des BKA.

Im „ Basta,“ seiner Stammkneipe in Stuttgart, trifft sich Dengler regelmäßig mit Freunden, deren private Lebensgeschichten, Freuden und Leiden  die Geschichte umrahmen und auflockern. Die Freunde können Dengler nicht helfen, der, vom Ehrgeiz gepackt, beim Studium der Akten schon bald auf Ungereimtheiten bei der Aufklärung des Falles stößt.

Er muss sich auf eine lange Recherche gefasst machen!

Schorlau steigert die Handlung von Kapitel zu Kapitel, in dem man sich der Lösung des Falles zu nähern glaubt. Interessant ist die Mischung aus wahrer Begebenheit und Fiktion, die den Fall realitätsnah und glaubwürdig macht. Die Handlungsstränge sind verworren, und gespannt folgt man Dengler bei seiner Suche, bei dem ihm das Studium vermeintlich originaler Dokumente helfen soll. Geheimdienste, Verfassungsschutz und das CIA mit internationaler Zielrichtung spielen eine gewichtige Rolle, und Dengler bewegt sich auf gefährlichen  Pfaden.

Wolfgag Schorlau hat die Tatsachen vor Augen, während er seine Figuren zum Leben erweckt und die Handlung erfindet. Sein nüchterner Erzählstil, der stakkatoartig Tatsache für Tatsache aneinanderreiht, löst eine faszinierende Wirkung aus: man glaubt, das alles sei wirklich so geschehen!  Sein Roman führt in die nahe deutsche Geschichte und spart auch Gegenwärtiges nicht aus. Selbst die Stasibehörde hält Einzug in den Roman, denn sie hält wichtiges Aufklärungsmaterial bereit.

Ein wirklich großartiger Wurf ist Wolfgang Schorlau  mit diesem Politthriller gelungen. Zu Recht gilt der Roman als Krimi des Monats!

Wolfgang Schorlau 
Das Münchenkomplott
Broschiert: 304 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462041320
ISBN-13: 978-3462041323

Sibylle Herbert: Bin ich zu blöd?

Sibylle Herbert: Bin ich zu blöd?

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Tücken der schönen Neuen Welt!

Liest man die ersten Zeilen dieses Buches, fühlt man sich noch fast als Teilnehmer einer gemütlichen Runde im Verlagswesen bei einem Glas Champagner. Dann aber geht es los: ist doch in dieser Runde der Gedanke aufgekommen, einmal über den Sinn und Unsinn unserer heutigen Verkaufs- Sicherheits- und Kommunikationswelt nachzudenken.

Da wird sehr bald klar, dass es um Zahlen, Pins, Hotlines, Tans und Beschreibungen moderner Konsumtitel wie DVDs, Telefone, Waschmaschinen und…und…und geht.

Alsbald schwirrt einem der Kopf vor Zahlen, Vorgängen zur Selbstbedienung beim Einkauf, Zusammenbau von Möbeln, Beschreibungen von Installationen für Telefone, Handys, Fernseher etc.  Ob beim Flugeinschecken oder bei der ausufernden Zahl von Hinweisen zur Erlangung einer Auskunft über so genannte Hotlines: bis man einen richtigen sprechenden Menschen erreicht, kann es lange dauern! Man fasst sich an den Kopf, denn just jetzt begreift man, dass wir schon mitten in einer schönen neuen Welt leben, in der frühere Bedienungs- und Dienstleistungen aller Art noch von dafür bezahlten Menschen ausgeübt wurden.

Sibylle Herbert hat sich einmal die Mühe gemacht, aufzulisten, wo überall Fallstricke  auf uns warten; eine beträchtliche Übersicht ist entstanden, die einen schwindeln macht. Und doch: fühlt man sich nicht auch getröstet, dass man nicht alleine nur „zu  blöd“ ist? Geht es doch unseren Mitmenschen nicht anders als uns selbst: sie scheitern an den Tücken der Technik und werden an sich selber irre. Wenn plötzlich 22000,- € für einen Parkschein gefordert werden, und man sicher sein kann, dass ein Irrtum vorliegt, so ist das nicht mehr witzig, wenn niemand erreichbar ist, der einem aus der Patsche hilft.

Ein witziges, lebendiges und ironisch auflistendes Mahnmal ist unter der Feder von Sibylle Herbert entstanden: sich nicht alleine zu fühlen in einer Zeit, die von uns Allwissenheit verlangt wird, in der wir Bankangestellter, Flugassistent, Kassierer und Möbelschreiner in einem zu sein haben.

Herrlich, erfrischend, konfrontativ und aufklärend erscheint  das Buch. Man möchte hoffen, dass die vielen Erfinder aller unserer schönen und angeblich vereinfachenden Neuerungen auf die Idee kommen mögen, wenigstens technische Beschreibungen so herzustellen, dass sie nicht für aber auch JEDES Gerät eine neue Einführung erforderlich macht!

Fazit: niemand wird sich heute ohne Grundkenntnisse in der Computertechnologie noch an den Kauf technischer Hilfsmittel herantrauen. Darüber hinaus hat sich das Klauen der Bankräuber ebenso in die virtuelle Welt verlagert wie der Einkauf fast aller Güter, und die Ticketbestellungen für welche Events auch immer so wie so.

Eine flott geschriebene Satire auf unser neuzeitliches Leben hat Sibylle Herbert geschrieben.

„Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe,“ möchte man mit dem guten alten Wilhelm Busch sagen, der mit diesem Ausspruch die Streiche von Max und Moritz unterstrichen hat.

Wohin das Leben in dieser neuen Technikwelt wohl noch führen wird?

Sibylle Herbert 
Bin ich zu blöd?
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462041541
ISBN-13: 978-3462041545

Roman Graf: Herr Blanc

Roman Graf: Herr Blanc

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Auf den Spuren eines Sonderlings!

Versonnen geht Herr Blanc in einer hellen Mondnacht seiner Wege. Er kommt gerade aus der Wohnung seiner Mutter, wo er zu Abend gegessen hat wie immer an jedem Montag und Freitag, und wie immer gab es das gleiche Essen an jedem dieser Tage.

Seine Arbeit hat er nach zwanzig schönen Berufsjahren wegen Umstrukturierungen in der Firma verloren. Zu Recht nimmt er nun die Arbeitslosenunterstützung in Anspruch!

Ob er wohl ein anderes Leben geführt hätte, wenn er einstmals mit Heike in England geblieben wäre?

Er und die junge Deutsche haben in ihren jungen Jahren in Cambridge zusammen studiert, ein Vorzug, den er seinem Vater verdankte. Dieser hatte mit einer früh angelegten Sparsumme für sein Studium gesorgt. Verheiratet waren seine Eltern nie, und die Mutter hat sich redlich geplagt, um für ihren Jungen sorgen zu können. Nun sollte wenigstens er es zu etwas bringen!

Heike war seine erste große Liebe, die nur noch in der Erinnerung besteht, denn geheiratet hat er schließlich die Witwe Vreni, die ihn mit ihrem angepassten Wesen nervt.

Die gleitenden Gedanken, die ihm sein vergangenes Leben vor Augen führen, zeigen ihn als einen eigenbrötlerischen Sonderling, und er überlegt, was wohl aus Heike geworden sein mag!

In lakonischem Tonfall beginnt Roman Graf seinen Roman über Herrn Blanc, dessen Lebensweg ein einziges  langweiliges Desaster war. Immer zog es ihn wieder nach Hause in die Schweiz und zur Mutter, die bis an ihr Lebensende für ihren Sohn gesorgt hat. Als sie stirbt, ist Herr Blanc nun wirklich ganz alleine auf der Welt, und so fühlt er sich auch.

Roman Graf liefert das  überraschende Porträt  eines Menschen, der pedantisch bis zu Zwanghaftigkeit agiert und lediglich seine Zeit mit Heike als unbeschwert und frei von seiner beharrlichen Ordnungsliebe erlebt hat.

Die Charakterstudie dieses Mannes, der blass und fahrig durchs Leben geht, der fast immer Opfer ist und doch eine verhaltene Obsession nach Rebellion beweist, ist dem Autor hervorragend gelungen. Mit kleinen Details bekommen seine Figuren Stimme und Form, so dass man sie lebhaft in ihrem Element sieht: Vreni, die Witwe, die ihn zuvorkommend umhegt, Anton Blancs Mutter mit ihrer aufdringlichen Fürsorge,–und Herr Blanc selber! In dem man ihn immer nur mit dem Titel „ Herr Blanc“ beschrieben findet, ahnt man seine naive Einfalt, seine immerwährende Distanz zu Menschen  und Dingen und die Utopie einer Nähe, die er sich in der Erinnerung an Heike  vorgaukelt.

Mit seiner zurückgenommener Ausdrucksweise und seinem stillen Humor beweist Roman Graf, dass in einem Leben als Sohn und Mann, in dem eher der versorgte Sonderling zu sehen ist, auch ein verborgener Herausforderer des Schicksals lauert, der am Ende siegen wird, -und wie!

Das Debüt ist herausragend und lässt auf ein Talent schließen, auf dessen weitere Werke wir gespannt sein dürfen.

Roman Graf   Herr Blanc
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Limmat Verlag; Auflage: 1., Aufl. (August 2009)
ISBN-10: 3857915854
ISBN-13: 978-3857915857

Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro

Nick Cave: Der Tod des Bunny Munro

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Sexbesessenheit und ein verkrachtes Leben.
Bunny Munro ist eine ziemlich verkrachte Existenz. Er ist unterwegs in England, wo er lebt und als Vertreter für Kosmetikartikel Geld verdient und seine Tage verbringt. Mit Sex, Alkohol und Zigaretten vertreibt er sich die Zeit, während seine Frau zu Hause auf ihn wartet. Schon bald wird bekannt, dass sie depressiv ist, eine traurige Mitteilung, wenn man bedenkt, wie viele berühmte und unscheinbare Menschen daran kranken und auch sterben.
Bunny taxiert Frauen vor allem nach ihrer Verwertbarkeit für sein Sexbedürfnis. Dieses zusammen mit seinen anderen animalischen Triebbedürfnissen macht ihn zu einer armseligen Gestalt der Öde und der Leere.
Dann kommt er eines Tages nach Hause und seine Frau Libby hat sich umgebracht. In dem heftigen Durcheinander der Wohnung sitzt sein Sohn Bunny Junior und sieht fern!
Damit ist die Urszene des Buches vorgegeben: es handelt sich um ein psychisch und physisch abgewracktes Paar, das an den armseligen Bedingungen eines äußerst dürftigen Lebens herumlaboriert. Nach dem Tod von Libby steht den beiden Verlassenen, Vater und Sohn, ein trostloses Weiterleben bevor.
Durch das ganze Buch hindurch wird Bunny seine Sexfreuden, alleine oder mit vorübergehenden Partnerinnen, als Trost suchen, während Bunny Junior seine Zeit im Auto oder Hotelzimmern alleine verbringt. Nur teilweise komisch, wie es im Klappentext heißt, mehrheitlich aber traurig folgt man den beiden auf ihrem Weg, der heimatlos und entwurzelt erscheint. Freuden sind bescheiden angelegt: ein Essen zu zweit, Gespräche in Zweisamkeit und auf die Fragen des kleinen Bunny, z.B. warum er nicht wie andere Kinder zur Schule gehen darf, legt sich Munro eine Antwort nach seinen eigenen Bedürfnissen zurecht. Man gewinnt überhaupt den Eindruck, dass hier ein Egoist par excellence am Werke ist. Nur merkt er gar nicht, wie er selber nach und nach zugrunde geht. Die Leere bleibt durch das ganze Buch hindurch spürbar. Unter den verborgenen Strömungen dieser Lebensstrukturen spürt man die Hoffnungslosigkeit und eine Ergebenheit ins Schicksal, die einen schaudern lassen! Bunny wird und kann sich nicht wirklich zu einem beruhigten Leben aufraffen. Verstörend ist die Lektüre, wenn man nicht über die gelegentlich slapstickartig angelegten Ereignisse auch schmunzeln könnte.

Nick Cave ist ein erfolgreicher und berühmter Rockstar. Leben auf der Bühne kommt sicher dem Leben „on the road“ nahe, so dass er aus dem eigenen Leben beim Verfassen des Romans geschöpft haben mag.

Nick Cave
Der Tod des Bunny Munro
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462041290
ISBN-13: 978-3462041293

Kim Echlin: Der verschollene Liebhaber

Kim Echlin: Der verschollene Liebhaber

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Liebe in Zeiten des Krieges und des Untergangs.

Wie überall in den großen Städten der westlichen Welt war Montreal zu Ende der siebziger Jahre erfüllt von Lebenslust, Musik und den ungebundenen und fröhlichen Klängen einer Jugend, die sich frei und unbeschwert amüsierte.

Anne Greves ist sechzehn Jahre alt und macht erste Erfahrungen in den Clubs und Musikkneipen der Stadt. Blues und Rock sind die Musikströmungen, denen sie anhängt. Ihr Vater ist ein eigenbrötlerischer Sonderling, Prothesenbauer von Beruf und Professor an der Universität. Nach dem frühen Tod von Annes Mutter lebt sie mit ihrem Vater alleine. Als sie mit ihrem ersten Freund, einem Kambodschaner, bei ihrem Vater erscheint, ist er nicht gerade beigeistert und hält ihr immer wieder vor, dass sie ihr Leben mit diesem Freund ruinieren wird.

Die Liebesgeschichte von Anne und Serey steht am Beginn einer Erzählung, die uns später nach Kambodscha führt, wo wir uns mit Land und Leuten und den Folgen des unsäglichen Krieges unter der Gewaltherrschaft Pol Pots konfrontiert sehen. Von 1975 -1979 haben bekanntlich die marodierenden Truppen der Roten Khmer grausamen Völkermord an den Kambodschanern begangen.

Serey ist vor den Roten Khmer aus Kambodscha geflohen. Als Musiker, Student und Tutor an der Universität schlägt er sich wacker durch. Anne verliebt sich tief und ernst in den aparten und ungewöhnlichen Exilanten. Zart und warmherzig leben sie ihre Liebe, die sie unzertrennlich macht. Doch Sereys Heimweh ist größer als seine Liebe. Als er eine Möglichkeit sieht, in das vom Krieg zerstörte Land seiner Vorfahren zurückzukehren, verlässt er Anne,–und zehn Jahre hört sie nichts mehr von ihm.
Abenteuerlich und irrwitzig macht Anne sich nach langer Zeit Anfang der neunziger Jahre auf, um Serey in Phnom Penh zu suchen. Sie findet ihn tatsächlich, und für eine kurze Weile leben sie wieder zusammen.

Anne besteht in der Folgezeit zahlreiche Irritationen und berichtet rückblickend nach dreißig Jahren von ihrem und dem Schicksal ihres geliebten Serey.

Die Autorin nutzt die Liebesgeschichte, die von besonderer Nähe und Innigkeit ist, um das Leid der Menschen in einem vom Terror geplagten Land krass herauszustellen. Anne stößt bei ihrer Suche nach Serey, der eines Tages wieder verschollen ist, weit in das Landesinnere Kambodschas vor. Sie findet neben der Verwüstung des Landes und den vielfach traumatisierten Menschen eine liebenswerte Gesellschaft, gastfreundlich und aufgeschlossen, die jedoch in erbärmlichen Unterkünften haust. Fast alle haben Familienmitglieder oder sogar die ganze Familien durch den Krieg verloren. Angst begleitet beinahe alle Kontakte, so dass man sich einem verschüchterten und resignierten Volk gegenüber sieht.

In fazettenreichen und eindrucksvollen Bildern zeigt uns die Autorin das Bild der bunten und orientalisch- exotischen Stadt Phnom Penh. Diese bietet in einem Land von einzigartiger Naturschönheit ein Bild der Zerstörung, der Armut, mangelnder Hygiene und des Untergangs.

Spannende Unterhaltung pur bietet der Roman, der nebenbei auch noch ein Stück Zeitgeschichte beinhaltet.

Auf Deutsch ist diesem ersten Roman von Kim Echlin in der guten Übersetzung von Claudia Feldmann hoffentlich ein ausgezeichneter Erfolg beschieden.

Kim Echlin
Der verschollene Liebhaber
Gebundene Ausgabe: 263 Seiten
Verlag: Kiepenheuer
ISBN-10: 3378011041
ISBN-13: 978-3378011045

Jonas T. Bengtsson: Submarino

Jonas T. Bengtsson: Submarino

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Leben am Rande der Gesellschaft.

In kurzen, undurchsichtigen Szenen öffnet Jonas T. Bengtsson den Blick in eine Welt, die außerhalb des normalen Durchschnittsbürgers ihre Mitglieder in den Strom des Abseits zieht.

Da ist Nick, der ehemalige Knacki, der im Fitnessstudio von Kamal die abgewrackten Mitglieder der Unterwelt trainiert.

Man lebt von Bier, Cola und Zigaretten, denen Drogen beigemischt sind. Nick wohnt in einem Wohnheim, wo Sofie ab und zu sein trübsinniges Dasein aufhellt.

Eine Versammlung von Outlaws hat sich in diesem Buch zusammen gefunden: drogenabhängige und früh verlassene einsame Außenseiter der Gesellschaft fristen ihr Dasein, das bar jeder Freuden ist.

Ana und Ivan, Jugoslawienflüchtlinge, teilen das Los der Randständigen, denn sie können in dem neuen Land am Rande der Stadt Kopenhagen kaum Fuß fassen.

Die Hauptprotagonisten sind Nick und sein älterer Bruder, die sich zuletzt bei der Beerdigung der Mutter sahen. Sie hatten sich aus den Augen verloren und finden auch jetzt nicht wirklich wieder zusammen.

In flüchtigen Szenen lässt uns Jonas Bengtsson an dem Leben dieser hoffnungslos Verlorenen teilnehmen. Seine Diktion vermittelt die Leere und Trostlosigkeit derer, die sich ganz am Rande der Gesellschaft bewegen. Es sind die Obdachlosen und  sozial Randständigen, die hoffnungslos und benachteiligt ihr Leben fristen. Sie haben keine Aussichten auf eine bessere Zukunft und sind ohne den Trost der Erinnerung, denn schon in der Kindheit erlebten sie Gewalt, Lieblosigkeit und frühe Verlassenheit.

Bengtsson Sprache entspricht dem kargen Innen- und Außenleben seiner Protagonisten. Diese Kargheit, deren Leere betroffen macht und fast in monotone  Langeweile ausartet, wird selbst von Gewaltszenen nicht unterbrochen. Das emotionslose Klima der vernachlässigten und ungeliebten Außenseiter der Gesellschaft ist gut eingefangen. Das Buch ist schwer zu lesen, weil es keine Ausblicke auf irgendwie geartete Besserung der Lage für alle Beteiligten aufzeigt. Brutal und hart ist das Milieu der Unterschicht, die hier beschrieben wird.

Man muss an die entsprechende Lektüre von Stephen King oder Stewart O’Nan denken, die sich im Randgruppenmilieu ähnlich gut auskennen und Sujets gleicher Art in ihren Romanen thematisieren.

Keine leichte Kost bietet  dieser Roman, den man zaudernd liest, wenn man sich in das beschriebene Milieu und das tragische Ende vertieft. Dennoch bietet er eine subtile Momentaufnahme der Gegenwart und der Drangsal, in die Menschen geraten können.

Jonas T. Bengtsson 
Sumarino
Gebundene Ausgabe: 383 Seiten
Verlag: Klett-Cotta
ISBN-10: 3608501053
ISBN-13: 978-3608501056

James R. Gaines: Das musikalische Opfer

James R. Gaines: Das musikalische Opfer

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Zwei Giganten des barocken Zeitalters
Bach und Friedrich der Große, die beiden in diesem Buch als Gegenspieler dargestellten Genies des 18. Jahrhunderts, begegneten sich 1747 zum ersten Mal.
Bach war damals 62 Jahre alt, Friedrich der Große stand in seinem 35. Lebensjahr und war seit 1740 König in Preußen.
Beide sind Vertreter unterschiedlicher Geistesrichtungen: Geist und Mythos stehen gegen Aufklärung und Vernunft. Bach verkörperte die überzeugte Religiosität in der Tradition Luthers, die Friedrich der Große überwunden hatte zugunsten einer aufgeklärten und von der Vernunft bestimmten Geisteshaltung. Der Kampf der beiden Prototypen dieser unterschiedlichen Gesinnungen kulminierte in der Aufgabe, die Friedrich der Große Bach übertrug: zu einem vorgegebenen kontrapunktischen Thema eine dreistimmige, später sogar eine sechsstimmige Fuge zu komponieren. Man konnte darin eine fast unerfüllbare Aufgabe sehen, mit der Friedrich der Große den Meister der Komposition in die Knie zwingen wollte. Bach gelang es jedoch mit seiner Komposition, die später als < Musikalisches Opfer > in die Musikgeschichte eingegangen ist, Friedrich den Großen noch zu übertrumpfen.

Mit dieser Eingangsthese beginnt Gaines seine Doppelbiographie über Bach und Friedrich den Großen.
Letzterer war Zeit seines jungen Lebens Zielscheibe eines zornigen, aufbrausenden und grausamen Vaters, der als launischer und wütender Monarch seine gesamte Umwelt tyrannisierte und schikanierte. Friedrich war als leidenschaftlicher Musikliebhaber und Komponist nicht unbeschadet aus dem demütigenden Verhältnis zu seinem Vater herausgekommen. An dem sehr viel älteren Bach versuchte er in dieser Episode sein gebrochenes Vaterverhältnis zu wiederholen. Bach war der fleißige, biedere, gläubige und bestimmende Patriarch einer großen Familie und ließ sich von dem Monarchen nicht bezwingen.

In den folgenden Kapiteln wird noch einmal in einem Abriss auf die preußische Geschichte mit ihrem Vielvölkerstaat und der Kleinstaaterei eingegangen. Luther und die Folgen der Reformation, der Dreißigjährige Krieg, die höfische Lebensart und wechselnde Monarchen, die mehr oder weniger gebildet den Künsten und Geisteswissenschaften entsprechend aufgeschlossen oder ablehnend gegenüber standen, gewähren tiefe Einblicke in die deutsche Vergangenheit.
Es bleibt nicht bei den Beschreibungen über das Leben bei Hofe: in ausgedehnten Darlegungen werden musiktheoretische und philosophische Überlegungen zur Kompositionslehre abgehandelt. Parallel dazu wird die Ahnengeschichte der Familie Bach aufgeführt.
Die Trauerkantate „ Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit,“ BWV 106, die Bach im Alter von 22 Jahren zur Aufführung brachte, zeigt nach Gaines ein Genie, das mit der h-Moll- Messe, der Matthäus- Passion und vielen anderen seiner berühmten Werke seine Krönung erfährt.
Mit der Gegenüberstellung des frommen musikalischen Genies von Bach und des ebenfalls begabten aber störrischen, aufgeklärten und klugen König Friederich des Großen umfasst die Doppelbiographie beider Männer ein umfangreiches Kapitel deutscher Geistes – und Herrschaftsgeschichte.
Neben den theoretischen Details aus Geschichte und Musik sind es wissenswerte Erkenntnisse über die Charakterentwicklung von Friedrich dem Großen, die man mit Faszination und Staunen zur Kenntnis nimmt.

Gaines schreibt in einem wunderbar lockeren, leichten und eingängigen Stil, so dass man sofort mitten im Leben der damaligen Zeit ist. Die Fülle des Materials auf nur 350 Seiten mit einem ausführlichen Anhang und Quellennachweis ist überwältigend.
Geistesleben und politisches Leben bedingen einander. Macht, Moral, Herrschaft, Kunst, Philosophie und Forschung sind hier in ihrem Zusammenspiel überzeugend dargelegt.

Die äußere Aufmachung des Titels ist stilgerecht und kostbar. Das Buch ist in der Reihe Die Andere Bibliothek bei Eichborn erschienen und bietet neben dem komplexen Inhalt eine Rarität für Liebhaber bibliophiler Ausgaben.

James R. Gaines
Das musikalische Opfer
Verlag: Eichborn
ISBN-10: 3821847689
ISBN-13: 978-3821847689