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Autor: Claudine Borries

Armin Thurnher: Der Übergänger

Armin Thurnher: Der Übergänger

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Hommage an einen großen Pianisten!

In einem biographisch gefärbten Roman beschreibt der Autor Armin Thurnher seine Verehrung für den Pianisten Alfred Brendel. Österreicher wie dieser und Herausgeber der Wiener Stadtzeitung „Falter“ versucht der Autor in seinem Protagonisten ein Stück eigener Lebensgeschichte wiederzugeben.
Der Icherzähler bemüht sich auf unendlich vielseitigen Wegen und Umwegen, an ein Interview mit Alfred Brendel zu gelangen. Diese Versuche führen als roter Faden durch die gesamte Erzählung. Ob seine Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden?
Die Frau des namenlosen Icherzählers zieht ihn schon auf und meint, Verehrung müsse ja nicht gleich in Anbetung ausarten. Doch die Hochachtung des Erzählers vor dem genialen Musiker kennt keine Grenzen, und Thurnher hat seinen Roman zum Anlass genommen, sich unter anderem in langen musiktheoretischen Einlassungen zu ergehen. Da ist von Glenn Gould die Rede, von Adorno und vielen anderen, deren Auffassungen interpretiert und vor dem Auge des musikinteressierten Lesers ausgebreitet werden. Der letzte Mohikaner wird erwähnt, und unschwer ist in ihm der berühmte und anerkannte Musikkritiker Joachim Kaiser auszumachen.
Das slapstickhafte Wortgeplänkel zwischen dem „Übergänger,“ womit der Schritt von einer Liga zur nächsten gemeint ist, und dem seines verehrten Interpreten klassischer Musikwerke ist nicht ohne Wortwitz und Ironie.
An allen möglichen und unmöglichen Orten begegnen sich die beiden so unterschiedlichen Persönlichkeiten, doch für das Interview verpassen sie sich regelmäßig.

Nicht zuletzt führt die Geschichte zurück zur musikalischen Erziehung des Icherzählers, die zwar durchaus nicht glücklos, doch von zu später Einführung in die höheren Weihen genialer Musikgestaltung zu berichten weiß. So bleibt dem Protagonisten die Aufgabe, über die Erlebnisse eines Musikschülers mit Hoffnungen ohne weit reichende Erfüllung zu erzählen. Doch immerhin kann er mit Gleichgesinnten zusammen musizieren!

Musiker und Journalist auf der einen und angehender Romancier auf der anderen Seite: der Protagonist bleibt in einem Zwischenreich, in dem er werde das eine noch das andere richtig tut.

Für den Leser wäre es nützlich, sich im Wiener Zeitgeschehen und Lokalkolorit auszukennen. Nicht jeder kann sich die Treffpunkte, Örtlichkeiten und bekannten Persönlichkeiten vorstellen, die man in Wiener Künstlerkreisen trifft.

Insgesamt ist das Buch von feiner Machart, kultiviert und anregend, und der musikinteressierte  Leser wird sein Vergnügen beim Lesen haben!

Armin Thurnher
Der Übergänger
Gebundene Ausgabe: 252 Seiten
Verlag: ZSOLNAY-VERLAG
ISBN-10: 3552053670
ISBN-13: 978-3552053670

Yehan Sadat: Meine Hoffnung auf Frieden

Yehan Sadat: Meine Hoffnung auf Frieden

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Das Manifest einer mutigen und tatkräftigen Frau.

Als der 11.September 2001 mit seinen schrecklichen Folgen über die Menschheit hereinbrach, saß Yehan Sadat in ihrem Haus im Norden Virginias und konnte nicht fassen, was da geschah!

Ihre Erinnerungen tragen sie zurück zum Tag der Ermordung ihres Mannes 1981, der sie in eine ähnlich traumatische Verfassung gebracht hatte. Im Alter von 15 Jahren war sie mit Anwar Sadat verheiratet worden, dem späteren Staatspräsidenten Ägyptens. Es war eine lange und gute Ehe gewesen, die mit seiner Ermordung jäh endete.

Heute lebt, schreibt und lehrt Yehan Sadat abwechselnd in Amerika und Kairo, wo sie spät noch Literaturwissenschaften studierte, promovierte und sich als Friedensbotschafterin und Frauenrechtlerin betätigt.

Mit ihren Friedenshoffnungen, denen Yehan Sadat in ihrem Buch Ausdruck gibt, hat sie zugleich ein Manifest über die langwierigen und widerständigen Friedensbemühungen im Nahen Osten  verfasst.

Sie beschreibt in ihrem Buch die vielfältigen Anstrengungen, die schon ihren Mann zu seinen Lebzeiten als Politiker der Friedenssuche ausgezeichnet hatte. Sein Friedensvertrag mit Israel kostete ihn schließlich das Leben, denn der Widerstand gegen eine Aussöhnung mit Israel bestand ja in weiten Kreisen der arabischen Welt fort.

Die Ausführungen Yehan Sadats setzen ein hohes Interesse am Fortgang der politischen Entwicklung im Nahen Osten voraus. Nicht alle Namen der Rebellionen und Ereignisse, die den Friedensprozess behindern, sind uns geläufig.

In einem Vorwort beschreibt der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt, wie sehr er Anwar Sadat vor allen anderen Staatsführern verehrte, da er mit ihm über die großen monotheistischen Religionen sprach. Noah, Abraham, Isaak und Ismael, Moses, Jesus und die jüdischen Propheten, sie alle kommen nach Aussagen in diesem Gespräch auch im Koran vor, so dass man von den gleichen Wurzeln aller drei Religionen sprechen kann.

Yehan Sadat erklärt  in langen Passagen die Intentionen des Islam, und stellt ebenfalls immer wieder die Verbindung zwischen den drei Religionen her. Dabei geht sie dem Friedensgedanken, der Versöhnung und den demokratischen Spielregeln nach, die sie in allen Religionen wieder findet.

Natürlich ist dieses Buch auch eine Hommage an einen geliebten Ehemann, die mit der Einrichtung eines  Anwar- Sadat Lehrstuhls in Kalifornien gekrönt wird.

Yehan Sadat ist eine fromme und sehr kluge Frau, der man glauben kann, dass sie die Dinge mit gerechtem Blick und Zukunftsvisionen sieht. Dass der Islam von Ideologen zu politischen Zwecken und Zielrichtungen missbraucht wird, ist wohl anzunehmen. Yehan Sadat richtet mit ihren Thesen den Blick auf Versöhnung, und der gute Wille, mit dem sie zwischen den Völkern und Religionen vermitteln will, ist glaubwürdig.

Leider hinkt die Realität den gutgläubigen Vorstellungen von Yehan Sadat hinterher.

Sie leistet mit ihren Ausführungen dennoch einen anerkennenswerten Beitrag zur Verständigung zwischen der arabischen und der übrigen Welt.

Yehan Sadat
Meine Hoffnung auf Frieden
Gebundene Ausgabe: 250 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN-10: 3455501265
ISBN-13: 978-3455501261

Diego de Silva: Ich habe nichts verstanden

Diego de Silva: Ich habe nichts verstanden

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Leben auf dem Drahtseil emotionaler  Unwägbarkeiten.

Frech und lustig kommt  hier ein Anwalt daher, der eigentlich ein Verlierertyp ist. Er schlägt sich wacker durch. Nives, seine Frau, hat ihn veranlasst, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen, denn sie  lebt inzwischen mit einem Architekten zusammen. Ab und zu lässt sie fünfe gerade sein für ein Liebestündchen mit ihm, je nachdem, wie es sich gerade ergibt.

Vincenzo Malinconico  hat einen 16 jährigen Sohn mit ihr, Alfredo, der eine verhängnisvolle Neigung zur Ermittlung von Gewaltursachen hat. Zu allem Übel wird Vincenzo als Pflichtverteidiger für einen Mafioso eingesetzt. Natürlich zeitigt das Folgen, denn wer lässt sich schon gerne mit dieser Gattung Mensch im Gerichtswesen ein!

Doch dann verliebt sich seine Kollegin Alessandra Persiano in den etwas ungeschickt agierenden Mann! Neues Glück, neue Perspektiven…

Nun ja, leicht melancholisch, etwas verschmitzt und urkomisch versteht es der Autor Diego De Silva aus Italien, mit den Erfahrungen aus seiner Anwaltskanzlei in Salerno zu unterhalten.

Er geht nämlich im wirklichen Leben erfolgreich dem Beruf eines Rechtsanwaltes nach. Das Verfassen von Schriftstücken brachte ihn auf die Idee, es mit einem Roman zu versuchen.

Sein Alter Ego Vincenzo ist ein  gelungener Protagonist, der sich amüsant und gewitzt den Aufgaben stellt, die das Leben ihm auch  in Gestalt seiner Kinder auferlegt, denn eine erwachsene Tochter, die Nives mit in die Ehe mit gebracht hatte, gehört auch noch dazu. Kunterbunt ist sein Leben, das zwischen seiner Exfrau, seinen Kindern, der neuen Liebe in Gestalt von Alessandra und der mehr oder weniger erfolgreichen Verteidigung seiner Klienten hin und her pendelt. Prall wie das Leben so ist, erlebt man Vincenzo zwischen allen Stühlen, ein wenig unbeholfen, ein wenig naiv und dabei äußerst liebenswert. Diego De Silvas Geschichte ist eine gelungene Mischung aus Krimi, Komik und Melancholie, absolut unterhaltsam und  erheiternd.

Diego de Silva
Ich habe nichts verstanden
Taschenbuch: 368 Seiten
Verlag: Sammlung Luchterhand
ISBN-10: 3630621740
ISBN-13: 978-3630621746

Paul Celan, Klaus und Nani Demus: Briefwechsel

Paul Celan, Klaus und Nani Demus: Briefwechsel

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Briefwechsel zwischen Freunden von ungewöhnlich enger Zugehörigkeit.

Paul Celans Schicksal als Dichter aus der Bukowina, der beide Eltern in Auschwitz verlor, ist den mit seiner Dichtkunst Vertrauten weitgehend bekannt.

Er wird in seinem Wesen und Charakter durch den Briefwechsel mit Freunden und seiner Frau Gisèle Celan – Létrange,  die in verschiedenen Ausgaben vorliegen, erst fassbar. Als eine geheimnisvolle, anziehende und tragische Erscheinung sehen wir ihn, dessen Gedichte von tiefer Ernsthaftigkeit und melodiöser Tiefenschärfe sind, immer ganz dicht bei dem Geschehen, dem er sich innerlich nahe fühlt.

Als er 1948 in Wien durch Vermittlung von Ingeborg Bachmann Klaus und Nani Demus kennen lernte, war er in den dortigen Künstlerkreisen angekommen. Mitglieder dieser Szene schildern ihn als einen sehr scheuen und zurückgenommenen Menschen. Seine Gedichte kamen nach Otto Basil, Herausgeber der Zeitschrift „Plan,“ als „traurige und sehr schöne, der östlichen Landschaft angepasste Lyrik“ an.

Klaus und Nani Demus, Kunsthistoriker, Dichter und Literaturwissenschaftlerin, erkannten neben Ingeborg Bachmann früh schon seine Genialität. Celan hat in besonderer Weise ein enges Vertrauensverhältnis zu ihnen aufgebaut und eine intensive Freundschaft entwickelt, die er Zeit seines Lebens beibehielt. Soweit Nähe zu ihm überhaupt möglich war, hatten diese beiden Zugang zu ihm.

1948 begab sich Paul Celan nach Paris, wo er sein weiteres Wirken  als Dichter des deutschsprachigen Raums  fortsetzte. Von dort datierten fast alle seine Briefe an Klaus und Nani Demus.

P. Celan und Klaus Demus dachten und dichteten sehr ähnlich. Demus bewunderte den älteren Freund, an dessen Werk er künstlerisch mit seinen Versen aber nicht heranreichte. Demus schreibt und zeigt seine Nähe zu Celan in Sätzen wie diesem:“ Weiße Flügel des Wassers über des Herzens schwarzer Wiese.“ Gegenüberstellungen von Helligkeit und Klarheit mit den düsteren Nebeln der Dunkelheit sind Merkmale beider Dichter. Sie schrieben sich zeitweise in Gedichtform, und es vereinte sie eine tiefe Sehnsucht nach Helligkeit und Schönheit, die sich fast immer in der Schwärze der Nacht verlor.

In tragischer Weise  zerbrach diese Freundschaft, die von beiden Seiten als einmalig empfunden wurde, an der Affäre Goll, die Celan in den seelischen Abgrund gestürzt hatte. (s. Paul Celan „Die Gollaffäre“ von Barbara Wiedemann.)

Zu viel erlittenes Leid machte Paul Celan empfindsam gegen jede Art von Kritik. Der von Klaus Demus vorgetragene Verdacht einer Paranoiaerkrankung bei Celan führte zum totalen Kontaktabbruch zwischen den Freunden, wenngleich Celan in der Tat als Folge seiner existenziellen und seelischen Nöte in eine Geisteskrankheit abgeglitten war.

Sehr viel Persönliches erfährt man über beide Briefpartner, denn ihr ganzes Leben, Denken und Fühlen spiegelt sich in den Briefen, in die ihre Frauen einbezogen waren.

Der Herausgeber des vorliegenden Briefwechsels, Joachim Seng, kommentiert in einem Nachtext die „Fremde“ und die „Nähe“ als das Kriterium, unter dem man sich Freundschaft mit Paul Celan vorstellen muss.

Der Briefwechsel beginnt mit einem Gedicht von Klaus Demus und endet vor Celans Tod mit letzten Versen aus seiner Feder im März 1970.

Wie in früher schon veröffentlichten Briefwechseln zwischen Celan und Freunden wird man Zeuge eines Lebensschicksals, das in seiner künstlerischen Größe und persönlichen Lebenstragik tief anrührend ist.

Paul Celan, Klaus und Nani Demus
Briefwechsel
Gebundene Ausgabe: 675 Seiten
Verlag: Suhrkamp
ISBN-10: 3518421220
ISBN-13: 978-3518421222

Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent

Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent

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Schöne, traurige und arglistige neue Welt!

Darius Kopp ist ein Technikfreak.

Er ist Informatiker und vertritt als einziger auf dem Kontinent eine amerikanische Firma für kabellose Netzwerke. Er ist Deutscher und Ossi, eine Kombination, die ihn nicht gerade zu einem Liebling unter den ausländischen Kollegen macht. Als ihm ein englischer Chef vor die Nase gesetzt wird, ist er ganz schön ärgerlich. Er wird dazu verdammt, ausstehende Gelder von Kunden einzutreiben, eine Arbeit, für die er sich bisher nicht zuständig fühlte. Ein Armenier bringt ihm einen Koffer voll Geld, weniger, als er der Firma schuldet, aber immerhin… Nun weiß Kopp nicht, wie und wo er das Geld unterbringen soll. Niemand von seiner Firma ist zu erreichen, weder per Telefon noch per E-Mail.

Irgendwie bekommt Darius Kopp so recht nicht mit, dass wir uns alle mitten in einer globalen Krise befinden. Seine Frau ist eine zarte Seele, die ihren Träumen von einem besseren Leben nachhängt. Er seinerseits isst, und isst, und isst und wird immer dicker,–Ausdruck seines unbewussten Frusts?

Ein Wochenende verbringt er mit seiner Frau Flora im Wochenendhaus einer Freundin. Sie liebt den Wald und das Wasser, die Stille und die Geräusche der Natur. Er ist eher hilflos ohne Telefon, Fernsehen und seinen Laptop. Er verkörpert ganz die neue Zeit und kann mit der Stille der Nacht und der Natur nichts anfangen. Spannungen zwischen ihm und Flora treten unmerklich in den Fokus.

Eine Woche im Leben des Darius Kopp zeigen ihn als an sich selber irre werdenden, die Realität verleugnenden, seine Frau liebenden und zwischen seinem beruflichen Chaos und der wahren Geschäftswelt hin und her irrenden Zeitgenossen, der sich an das klammert, was ist. Die Wirklichkeit ist ihm zuwider, und so träumt er sich weiter in die Rolle des erfolgreichen und  geliebten Mannes,–dabei ist seine Frau Flora drauf und dran, ihn zu verlassen.

Der Roman verkörpert Zeitgeschichte, wie sie besser nicht dargestellt werden kann. Gibt es doch diese Abhängigkeiten und Unwägbarkeiten in der Welt der Manager und Erfolgreichen, die zu Opfern ihrer eigenen Vorstellungswelt werden und nicht fassen können, dass alles ganz anders ist.

Nicht jeder wird sich in den Lebenskonflikt des Protagonisten einfühlen können, doch fängt Terézia Mora  die Welt ein, wie sie sich für viele Vierzigjährige heute darstellt.

Ein aufwühlender und bemerkenswerter Roman ist der erfolgreichen Autorin Terézia Mora mit ihrem neuen Roman gelungen.

Terézia Mora 
Der einzige Mann auf dem Kontinent
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN-10: 3630872719
ISBN-13: 978-3630872711

Ceridwen Dovey: Der Koch, der Maler und der Barbier

Ceridwen Dovey: Der Koch, der Maler und der Barbier


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Über Rebellionen, das Leben mit dem Putsch und die Lebensumstände in Ländern mit Diktaturen.

In ihrem Debütroman erzählt Ceridwen Dovey  wie es in Diktaturen zugehen kann, und welche irrwitzigen Auswirkungen ständige politische Richtungswechsel mit sich bringen.

Hier findet in einem unbekannten südamerikanischen Staat wie so häufig wieder einmal ein Putsch statt. Der Koch, der Maler und der Barbier des Präsidenten werden auf seine Sommerresidenz verbracht, wo sie nunmehr den neuen Kommandanten bedienen sollen.

Einer nach dem anderen kommen im Wechsel zu Wort, und jeder erzählt die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel.

Jeder hatte ein anderes Motiv, das zum Dienst am Präsidenten geführt hat. Der eine will seinen Bruder rächen, der andere hat eine geliebte Frau, die ihm verloren scheint,–und was will die Tochter des Kochs mit der neuen Regierung?

Fast jeder gerät in den  Verdacht der Korruption oder zeigt sich mit wechselnder Dienerschaft als Verräter.

Angedeutet, hingetupft und einmal näher dann wieder fern im Blick des Fokus entsteht das Bild einer verlorenen Gesellschaft, in der keiner dem anderen traut. Brüder werden zu Verrätern, Mütter bevorzugen einen Sohn vor dem anderen, und Frauen können keine rechte Treue halten. Unheimlich, verzweifelt und geheimnisumwittert vollziehen sich Wandlungen, die nach und nach alle mit in den Abgrund zu reißen drohen.

Sehen die Folgen, die Verrohungen und die Lebensbedingungen unter Diktaturen so aus?

Auf dem südamerikanischen Kontinent haben fast alle Staaten mit den heftigsten politischen Rebellionen und wechselnden Tyranneien zu kämpfen. Einen kleinen Eindruck davon vermittelt diese Studie, die eindringlich von unheimlichen Praktiken, Angst und Frucht durchsetzt ist. Die Berufung des Barbiers, des Malers und des Kochs bieten allen dreien Möglichkeiten zum Mord oder zur Gefolgschaft. Wie werden sie entscheiden?

Geschickt und aufmerksam leitet die Autorin das Interesse in verschiedene Richtungen, so dass der Leser verunsichert nach dem Platz sucht, wo er seine Parteilichkeit hinlenken könnte.

Er findet diesen Platz nicht. Symbolisch spiegelt er damit wieder, was die Menschen in der Region umtreibt.

Der Debütroman der jungen Ceridwen Dovey ist gelungen, und zahlreiche Preise winkten ihr. Sie erhielt schließlich  den Sunday Times Fiction Prize 2008.

Ceridwen Dovey
Der Koch, der Maler und der Barbier
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN-10: 363087309X
ISBN-13: 978-3630873091

J.M.G. Le Clézio: Lied vom Hunger

J.M.G. Le Clézio: Lied vom Hunger

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Kriegsschicksale in Frankreich: eine Familienstudie.

Vor dem zweiten Weltkrieg versammelten sich in Paris zahlreiche russische Adeligen, die nach der Revolution von 1917 ihre russische Heimat verlassen mussten. Mitte der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts wohnt auch Ethel mit ihren Eltern, die aus Mauritius stammen, in der Stadt.

Ethel freundet sich mit Xenia an, einer russischen Fürstentochter, die schon etwas älter, leicht raffiniert und ein wenig berechnend ist. Doch Ethel bewundert sie, weil sie zu Hause unter den Spannungen zwischen ihrem leichfertigen Vater und der streitenden Mutter leidet. Sie hätte so gerne ein Geschwisterkind und sucht in Xenia einen Ersatz dafür.

Ein in jungen Jahren von einem Onkel ererbtes  größeres Vermögen bringt Ethels Vater Alexandre als Vormund an sich. Er bringt alles Geld dann auch ganz schnell durch, so dass die Familie sehr bald dank der unseriösen Geschäftspraktiken des Vaters mittellos dasteht.

Früh schon taucht Laurent Feld im Kreise geselliger Abende bei Ethels Eltern auf. Ethel mag ihn, vertraut ihm und wünschte sich aufs sehnlichste einen Bruder wie ihn! Wie sich das Schicksal der beiden erfüllen wird, das erfahren wir später!

Durchsichtig und leicht spinnt Clézio seine Geschichte aus, in der es um Flüchtlinge in Paris, um Reichtum, Armut, um Rivalität, große Geselligkeiten und amouröse Abenteuer geht.

Die Atmosphäre der Vorkriegs – und Kriegszeit bestimmt die Gefühlslage in den Familien. Dass Alexandre ein schwadronierender Angeber ist, der seine Frau betrügt und die Familie in den Ruin führt, zeigt die eine Seite des damaligen Lebens. Die andere zeigt eine entschlossene junge Frau, die das Schicksal der Familie in die Hand nimmt und den traurigen Niedergang zu Ende führen muss. Die Familie hungert im Süden Frankreichs dem Kriegsende entgegen.

Ethel ist die Heldin dieses Stücks Zeitgeschichte, in der durch den Krieg und familiäre Umstände ihr Glück und ihre Zukunft nur noch durch eigene Kraft zu bewältigen sein wird. Ethel beeindruckt durch ihre sensible und scharfe Beobachtungsgabe, mit der sie ihr persönliches Unglück realisiert. Fein gezeichnet erlebt man eine dekadente Gesellschaft, die in den letzten Zügen liegt. Dass Esther ihr Leben und das ihrer Familie zu meistern versteht, bildet den Plot der Geschichte. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes ihre „eigene Schmiedin des Glücks!“

Die Naziherrschaft und die Judenverfolgung in Frankreich sind Themen, denen sich Clézio schon in anderen Werken( Fliehender Stern) angenommen hat.

Nachvollziehbar, lebhaft und glaubwürdig zeigt Clézio  als Meister der Poesie erneut, dass er den Nobelpreis 2008 verdient hat!

J.M.G. Le Clézio
Das Lied vom Hunger
Gebundene Ausgabe: 217 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462041363
ISBN-13: 978-3462041361

Erich Kästner: Als ich ein kleiner Junge war

Erich Kästner: Als ich ein kleiner Junge war

Erinnerungen und Bilder aus einer anderen Zeit……

Erich Kästner hat in diesem Büchlein in einer liebevollen Aufzeichnung die Schilderung seiner frühen Kindheit und Jugend  festgehalten. Er ist 1899 geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf.

Der Vater konnte als Sattlermeister nur mühsam alleine das Auskommen für die Familie sichern. Seine Mutter trug mit harter Arbeit zum Lebensunterhalt bei: zuerst als Putzmacherin und später als Friseurin. Als einziges und sehr geliebtes Kind fühlte sich Erich geborgen und behütet im Kreise einer großen und weitläufigen Familie mit vielen Onkeln und Tanten, in der es schon einmal krachte. Man blieb sich aber über alle Zeiten hinweg gewogen nach dem Motto „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.“

Damals gab es keineswegs soziale Hilfen wie heute, die einen gewissen Lebensstandard garantierten, sondern jeder sah zu, wie er auf eigene Faust den Lebensunterhalt sichern konnte.
Alleine das Vorbild seiner fleißigen Eltern, die man nach damaligen Maßstäben wohl als „rechtschaffen“ bezeichnen würde, gab dem Jungen Halt, Sicherheit und das Gefühl der Geborgenheit. In liebevollen Worten, anerkennend, schlicht und selbstverständlich entsteht das Bild einer geordneten Welt, in der feste Bindungen zur Sicherheit des Lebens beitrugen. Die äußeren Umstände wie Krieg und Not brachten zwar Schmerzen und Entsagungen, doch konnten sie der innerlich übersichtlichen Welt nichts anhaben.

Kästner spricht den Leser in seiner Erzählung unmittelbar an, so als sei er sich dessen Einverständnisses sicher. Das mag den Eindruck erwecken, als spräche er zu Kindern. Diese aber würden sicher mit dem Text wenig anfangen können; ist er doch ein wenig naiv und nostalgisch. Unsere technisch orientierten und befähigten Kinder, deren Welt rasant und schnell verläuft, und die einem Harry Potter mit seinen Mysterienabenteuern hinterherlaufen, könnten wohl kaum nachvollziehen, um wie viel langsamer, gemächlicher und entbehrungsreicher die Welt vor hundert Jahren aussah. Auch die Dankbarkeit für Kleinigkeiten und die Aufopferung der Mutter würde wohl heute kaum gewürdigt. Wird doch gegenwärtig alles für selbstverständlich genommen, und die Vielfalt der Angebote unserer lieben Kleinen könnte sich mit den einfachen Zinnsoldaten eines Erich Kästners wohl kaum begnügen.

Wir leben in einer anderen Zeit, und so werden vor allem die Älteren unter den Lesern ein Stück Vergangenheit wieder finden, sei es aus eigenem Erleben, Erzählungen oder Aufzeichnungen der Ahnen.

Erich Kästner
Als ich ein kleiner Junge war
Taschenbuch: 208 Seite
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3423130865
ISBN-13: 978-3423130868
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Gerard Donovan: Winter in Maine

Gerard Donovan: Winter in Maine

Zuweilen sind es erste Sätze, die einen Leser in Bann schlagen und sofort Neugierde wecken, weiter zu lesen.
Diese Erfahrung verbindet sich für mich mit dem „ Winter in Maine.“

Ruhe, Geruch nach Wald und Holz, Stille und das Knacken der Äste, dazu das prasselnde Feuer im Ofen: hier fühlt man sich wohl, hier möchte man sein! In der Hütte an den Wänden stehen  Bücherregale mit zahlreichen Büchern, erste und seltene Ausgaben sind darunter.

Julius Winsome, ein Mann von 51 Jahren, sitzt in seiner Hütte  hoch oben im Wald nahe der kanadischen Grenze am Feuer und liest. Dann peitscht ein Schuss nicht weit entfernt. Wer könnte da geschossen haben?
Nach kurzer Zeit vermisst der Mann seinen Hund  Hobbes. Es dauert nicht so lange, da findet er ihn angeschossen nicht weit von der Hütte entfernt. Der Tod des Hundes verändert sein Leben und trifft ihn tief.

Er ist ein einsamer Mann, der in Verehrung für und mit seinem Vater lange Jahre zusammen hier in der einsamen Hütte im Wald  gelebt hat. Mit Sätzen wie diesen: „ er war ein freundlicher Mensch, „ und „ solche Menschen gibt es nicht oft “ bis zu dieser besonders charakteristischen Bemerkung „von ihm lernte ich auch, wie man still ist,“ kann man sich ein Bild von Vater und Sohn machen.

Was so still und freundlich beginnt, wandelt sich allmählich in eine zuerst beschauliche und zuletzt gefährliche Lebensgeschichte. Der große Shakespeare begleitet mit seinen Worten und Werken das Leben von Julius Winsome, den nach dem Verlust seines Hundes eine stete Unruhe treibt, der Boshaftigkeit des Menschen auf die Spur zu kommen.

Philosophisch und weise sucht er nach der Fährte des Hundemörders. Er begegnet seiner erneut seiner einzigen Gefährtin, die ihn vorübergehend vor einigen Jahren aus seiner Einsamkeit beglückend erlöst hatte. Schon bald aber kam sie nicht mehr und überließ ihn wieder seinem Leben in der Abgeschiedenheit.

Löst die Ruhe und Stille und der verschneite Wald eher poetische und besinnliche Gedanken aus, so treibt eine unausgesprochene Spannung den Leser in Gedanken zu dem trauernden Mann, der auf Rache am Tod seines Hundes sinnt.
Das Böse und das Gute stehen sich gegenüber. Die anhängliche, arglose Kreatur und der nachdenklich- mitleidige Held bilden eine Einheit, die in Spannung zur Gnadenlosigkeit und Unmenschlichkeit in Gestalt eines plumpen und bedenkenlosen Polizisten steht.
Man ist berührt und steht dem Widerspruch zwischen sensibler Beobachtung und grausamer Handlung ratlos gegenüber.

Das Ende der Geschichte entspricht der Intention des Romans, in dem es um Einsamkeit, Sehnsucht nach Gemeinschaft und Liebe, Verlust, Güte, Verzeihen und die dem Menschen innewohnende Aggression geht. Eine ungewöhnliche  und widersprüchliche Geschichte bringt den Leser ganz nahe an die existenziellen Gefühle des Menschen und stimmt nachdenklich, anregend, traurig und wütend.

Gerard Donovan ist ein Meister der überzeugenden Erzählkunst, der sich in die Herzen der Leser hineinschreibt, weil man sich seiner menschlichen Wärme und Anteilnahme nicht entziehen kann.

Gerard Donovan
Winter in Maine
Gebunden 208 S.
Luchterhand
ISBN-10: 3630872727
ISBN-13: 978-3630872728
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Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr

Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr

Thriller um Religionskrieg zwischen Judentum und Islamisten.

Wieder einmal geht es Leon de Winter um eine Geschichte, die Israel und seine politische Lage in einen Thriller von ungeheurer Spannung mit einbezieht.

Bram Mannheim betreibt im Jahre 2024 eine Agentur zum Aufspüren verschwundener Kinder. Vor Jahren war er Hochschulprofessor in Princeton und mit einer sehr geliebten Frau und einem ebenso geliebten Sohn gesegnet.

Das unerklärliche und katastrophale Verschwinden seines kleinen Sohnes kurz nach dem Erwerb eines schönen alten Hauses in der Nähe von Princeton hat sein Leben aus der Bahn geworfen. Zwanzig Jahre ist das jetzt schon her! Er irrte zunächst mit verrückten Zahlenkombinationen durch das Land, immer auf der Suche nach seinem verschwundenen Sohn. Seine Ehe war längst zerbrochen, bis er in Israel bei seinem Vater eine neue Bleibe fand und sich mit einer anders gearteten schwierigen Aufgabe befasste, in der sich sein eigenes Schicksal spiegelt.

Atmosphärisch geschickt baut Leon de Winter seine Geschichte auf.
Als gut situierter Professor mit Frau und Kind und als Sohn eines hoch begabten Nobelpreisträgers der Biochemie gewährleisten die wissenschaftlichen Karrieren beider Männer die Zugehörigkeit zu einer angesehenen Schicht.

Brams Frau Rachel ist begabt und bildschön. Beide leben nach der Geburt von Ben in einer erotisch prickelnden Beziehung.
Unversehens und unheimlich bricht das unerklärliche Verschwinden von Ben den Glückszustand und Bram stürzt ab.
Die Geschichte seines Absturzes und die jahrelange Suche nach Ben bilden den eigentlichen Plot der Geschichte.
Dramatisch und hautnah erlebt man Bram auf seiner Irrfahrt durch sein weiteres Leben, das zeitweise von Irrwitz und Wahn bestimmt zu sein scheint. Die Verzweiflung, der Jammer und die seelische Verkümmerung eines Menschen nach einem unerträglichen Schicksalsschlag geben der Geschichte eine menschliche Seite und eine Spannung, die den Leser ganz in seinen Sog nimmt. Unerträglich erscheint das Leid, und der Mann gerät ganz aus dem Gleichgewicht.

Schließlich hat er sich fast schon in sein Schicksal und die neue Aufgabe ergeben, als sich eine annähernd märchenhafte und irrwitzige Lösung anbahnt.
Weltumspannend sind die Verwicklungen, und der Islam und das Judentum begegnen sich in einem dramatischen Verwirrspiel. Die zahlreichen Abirrungen, die väterliche Berühmtheit und eine neue Liebe versprechen die Auflösung eines Thrillers, der an Spannung nichts zu wünschen übrig lässt.

Leon de Winter
Das Recht auf Rückkehr
Gebundene Ausgabe: 549 Seiten
Verlag: Diogenes
ISBN-10: 325706733X
ISBN-13: 978-3257067330