Browsed by
Autor: Claudine Borries

Mein schwarzer Hund

Mein schwarzer Hund

Matthew Johnstone
Mein schwarzer Hund
Kunstmann
ISBN 3888975379

Wer Depressionen aus eigener Anschauung kennt, der weiß, dass sie nur schwer zu beschreiben sind. Eine Stimmung tiefster Niedergeschlagenheit, Mutlosigkeit und Antriebslosigkeit gepaart mit dem Gefühl der Isolation, der Verlassenheit und der Unmöglichkeit, sich der Umwelt gegenüber zu erklären, breitet sich aus. Jede vierte Frau und jeder sechste Mann erkrankt im Laufe des Lebens daran. Aber was heißt hier Krankheit? Gibt es doch immer noch im Volksmund die Meinung, dass der Kranke sich nur anstelle, dass er sich nur zusammenreißen müsse, und dass ja alles nur „psychisch“ sei. Mit der Betonung auf dem Wörtchen „nur“ wird die endgültige Abwertung der Krankheit beschlossen. Wer so redet, der weiß nicht, wovon er spricht!
Wie in einem Vorwort von Gordon Parker, Psychiater und Professor an der New South Wales University in Sidney, angemerkt wird, gehört die Depression zu einer der schlimmsten Geißeln der Menschheit. Sie ist weit verbreitet, oft verkannt und nicht ernst genommen und kann den Betroffenen das ganze Leben verderben. Dabei gibt es unterschiedliche Schweregrade, und die Ausprägungen können ebenfalls sehr verschieden sein.

Matthew Johnstone, Artdirektor und Designer, hat seine eigene Geschichte hier gemalt! Seine Depression kommt in Gestalt eines schwarzen Hundes daher. Mit einfühlsamen Begleittexten malt er die Zustände, die er während einer Depression durchlebt. Indem Johnstone der Depression die Gestalt des schwarzen Hundes gibt, wird die Krankheit praktisch visualisiert. Der Hund ist die Depression! Mit ihr kann man sprechen, kämpfen und sie zu bezwingen versuchen. Dabei muss man Niederlagen einstecken, die bis zur Selbstaufgabe führen können. Der Hund ist groß und der Held ganz klein neben ihm, was die Wirkung der Gewalt verstärkt. Man kann den Hund aber auch an die Leine nehmen, man kann mit ihm schimpfen, ihn überreden, von einem zu lassen,–und er kann einem den Weg zu einem fachkundigen Helfer, sei es ein Arzt oder Therapeut, weisen! Der Autor verbindet mit seiner Geschichte die Hoffnung, dass auch die schlimmsten „Hundstage “ einmal vorübergehen werden!
Der Trübsinn in Form schwarzer Wolken, die Müdigkeit, Lebensunlust und die Verzweiflung werden in deutlichen Bildern mit klaren Farben wiedergegeben. Regen, Sturm und hohe Wellen untermalen den inneren Zustand des Helden.
Der Kampf um Befreiung mündet in die Einsicht, dass man mit dem Hund leben muss, ihn aber bezähmen kann.

Mit seinen humorvollen Texten und den dazu gemalten Aktivitäten bekommt die Krankheit Depression ein Gesicht. Sie wird fassbar und für den Laien vorstellbar. Es ist ein enormer Verdienst von Matthew Johnstone, dass er, der mit der Gabe des Zeichentalentes ausgestattet ist, dieses eindrucksvolle Buch geschaffen hat.
Dass hier kein Ratgeberbuch entstanden ist sondern eine einfache Geschichte, dass nicht nur die traurige und schwarze Seite der Krankheit gezeigt wird, ist erbaulich und ermutigend.
Sowohl für Menschen, die an einer Depression erkrankt sind als auch für Angehörige und Freunde ist das Buch ein Gewinn!
Man sollte es kaufen, verschenken und damit zur Aufklärung über einer Krankheit beitragen, die boshaft, heimtückisch, unerklärlich und in ihrer Ausdruckform absolut beängstigend ist! Am Ende der Geschichte steht die Zuversicht!

Bestellen

Weit gegangen

Weit gegangen

Dieses ist die wahre Geschichte von Valentino Achak Deng!

Er ist Sudanese und hat eine weite Reise hinter sich, als er eines Tages in Atlanta in seiner Wohnung überfallen wird.
Unbeweglich und gefesselt liegt er am Boden und beginnt seinem Wächter, einem Junge mit Namen Michael, in Gedanken seine Geschichte zu erzählen. Dazu fällt ihm seine unbefangene Kindheit in einem südsudanesischen Dorf ein. Unerklärlich für ihn, seine Familie und seine Freunde bricht ein Bürgerkrieg aus, der die gesamte Bevölkerung in Unruhe und Aufruhr stürzt, die Menschen zu tausenden in die Flucht treibt und vielen von ihnen den Tod bringt.
Valentino überlebt eine Flucht, die ihresgleichen sucht!
Durch Savannen bewegt sich der Flüchtlingstross auf wochenlangen Wegen ständig bedroht von Überfällen der Rebellen oder von aufständischen Soldaten, von Mord, Totschlag, von wilden Tieren oder einfach von Hunger und Durst. Valentino verliert seine ganze Familie und erlebt auf der Flucht immer wieder den Verlust guter Freunde. Er schlägt sich als Einzelkämpfer durch und gelangt über Äthiopien nach Kenia. Nach neun Jahren im Lager Kakuma in Kenia kann er schließlich mit vielen anderen als Flüchtling nach Amerika einreisen. Da ist er zwanzig Jahre alt.
Seine Erlebnisse zeugen von jammervollem Elend und außergewöhnlicher Überlebenskunst. Oftmals haben Glück und die Gunst der Stunde zu Valentinos Rettung beigetragen.

Dave Eggers hat sich der Geschichte des sudanesischen Jungen angenommen und sie in eine Romanform übersetzt. Dabei gelingen ihm eindrucksvolle und aufrüttelnde Bilder, die das Leben in der Wildnis bar aller zivilisatorischen Einrichtungen wiedergeben. Immer bleibt Valentino im Fokus, aus dessen Blickwinkel Eindrücke von unbegreiflicher Grausamkeit und menschlicher Barbarei wieder gegeben werden. Verloren und alleine lehnt er sich an diverse Erwachsene an, zunächst auf der Flucht, im Lager und zuletzt auch in den USA. Hilfsorganisationen nehmen sich in Amerika der Lost Boys an, wie sie genannt werden. Hier muss Valentino zwischen Gut und Böse unterscheiden lernen. Neue Herausforderungen treten täglich auf den Plan, und das Leben bleibt ein unwägbares Abenteuer.

Eggers beschreibt unsentimental und beobachtend, was er mit Valentino zusammen erarbeitet hat. Anrührend und wirklichkeitsnah werden die Erlebnisse der Verfolgten und Geschundenen auf der Flucht und in verschiedenen Lagern erzählt. Das Amerika der Hilfsbereitschaft und das der Kriminalität findet ebenso Erwähnung wie die ethnische Vielfalt seiner Bewohner.
Das Buch ist faszinierend, spannend und aufwühlend und legt beredt Zeugnis ab von einer der grausigsten Völkermordgeschichten des letzten Jahrhunderts.
Zugleich kann Valentinos Lebensgeschichte als vorbildliches Beispiel für die Kraft, die Tapferkeit und die Überlebensfähigkeit von Menschen unter extremsten Lebensbedingungen stehen. Mutig und aufrecht bezwingt er die Gefahren und Enttäuschungen und gibt die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht auf.

Dave Eggers
Weit gegangen
Völkermord und Überlebenskampf, eine wahre Geschichte
ISBN:3462040332
Bestellen

Das Haus in den Orangengärten

Das Haus in den Orangengärten

Charif Majdalani
Das Haus in den Orangengärten
Knaus
ISBN 3813502856

Herrlich leuchten die Orangen, blühend und wunderbar ist das gesellschaftliche Leben vor dem 1. Weltkrieg im Libanon!

Weit zurück in das ausgehende 19. Jahrhunderts reichen die Wurzeln der Familie Nassar in der Region.

Als der Vater von Wakim und Selim Nassar aus unerklärlichen Gründen ums Leben kommt, muß die junge Witwe ihr Schicksal und ihr Vermögen dem Schwager anvertrauen. Dieser versteht geschickt, sie und die Söhne um ihr Erbe zu bringen. Lebenslanger Hass wird die beiden Zweige der Familie verbinden!
Als erwachsene Männer ziehen Wakim und Selim weg aus Marsad, um der Familie den Weg zu Reichtum und Wohlstand in der Gegend um Ayn Chir zu ebnen. Sie machen Land urbar und bauen Orangenbäume an, deren Ertrag den Grundstock für das Vermögen der Familie bilden soll. Herrlich ist der Duft der Orangenblüten! Doch drei Jahre muß Wakim um den Erfolg bangen, ehe die Bäume Früchte tragen.

C. Majdalani entwirft das Bild einer prosperierenden Gesellschaft, in der einzelne ihren Reichtum aufbauen und mehren konnten. Wer es geschafft hatte, zur Oberschicht zu gehören, der brauchte Gespür, Autorität und einflussreiche Freunde, um seinen Status zu halten. Rivalisierende Klans machten sich das Leben schwer.

Der Icherzähler berichtet über den Aufstieg seines Großvaters Wakim, der sowohl zu Reichtum als auch zu Einfluss und Ansehen gelangte. Weit ausholend wird der Aufstieg und Niedergang der Familie Nassar vom Ende des 19. bis ins 20. Jahrhundert beschrieben.
Der Enkel kann mit hinreichender Phantasie die Familiengeschichte rekonstruieren, denn wie in jeder Familie gibt es Geheimnisse und Familienmythen, deren Wahrheitsgehalt kaum überprüfbar ist. Er verlässt sich auf seine Fabulierkunst, mit der er uns Bilder seiner aufstrebenden Familie ausmalt.

Wakim findet nach dem Aufstieg zum reichen Grundbesitzer die Frau seines Herzens und bekommt viele Söhne und Töchter mit ihr.
Malerisch und geheimnisvoll sind die Treffen der Notabeln und die Besuche der Verwandten und Bekannten im Hause von Wakim. Mit Spannung und Neugierig liest man über seine Kontakte zu Nachbarn und treuen Anhängern und über die dort herrschenden Lebensformen. Westliche Importe lassen die Familienmitglieder im Glanz schöner Kleider, Hüte und in westlich orientiertem Hausinventar mit Dienerschaft und Umgangsformen lebendig werden. Man taucht in die ferne Welt ein und ist verzaubert.
Die Bilder des Orients, die der Erzähler entwirft, sind erfüllt von Düften und Pflanzen, von herrlichen Früchten, fremdartigen Gebräuchen und prächtigen Bauten.

Mit dem Eintritt der Türkei in den zweiten Weltkrieg 1914 kommt es zum Einbruch für das florierende Unternehmen der Familie. Wurde doch das osmanische Reich bis 1923 von den Türken beherrscht. Weite Teile von Anatolien über Kleinasien, den Nahen Osten, Nordafrika, den Balkan und die Krim standen unter türkischer Herrschaft. In Beirut gab es innerhalb des Reichs ein autonomes Gebiet, auch Gouvernorat Mont – Libanon genannt. Hier hatten reiche Bürger Einfluss und konnten an der Gestaltung des Gemeinwesens mit arbeiten. Wakim hat Autorität, Geld und die notwendigen Beziehungen, um sich für lange Zeit als führender Wirtschaftsunternehmer zu behaupten.
Mit der Kriegserklärung der Türkei gegen Russland und Frankreich 1914 wurde der gesamte vorderasiatische Raum zum Kriegsschauplatz. Die Söhne und Männer der bäuerlichen Familien wurden nach der Aufhebung des Autonomiegebiets vom türkischen Heer zum Kriegseinsatz gezwungen. Wakims Reichtum schmolz dahin, als er verarmte Mitbürger mit Geld unterstützte und anderen zur Flucht vor den Militärs half. Für seine Orangenernten fand er bald keinen Absatz mehr.
Majdalani führt den Roman konsequent weiter, und man darf gespannt sein, wie alles endet.

Das Romandebüt von Majdalani hinterläßt einen nachhaltigen Eindruck. Der nahe Osten mit seinen wechselnden Regierungsformen bekommt ein Gesicht und ermöglicht Einblicke in politische Zusammenhänge, die uns die Geschichte der Region verständlicher macht.
Die poetische Fabulierkunst des Erzählers lässt uns an Stimmungen im geheimnisvollen Orient und an märchenhaften Vorstellungen vom Reichtum und Glanz einer Epoche teilnehmen, die längst Vergangenheit ist.

Charif Majdalani ist im Libanon geboren und lebt heute als Literaturwissenschaftler in Frankreich. Sein Buch wurde für die wichtigsten Literaturpreise in Frankreich nominiert.

Bestellen

A. M. Homes: Die Tochter der Geliebten

A. M. Homes: Die Tochter der Geliebten


„Ihr Päckchen ist angekommen, und es hat eine rosa Schleife „. Mit diesen Worten wird den Adoptiveltern von A. M. Homes die Geburt ihrer Adoptivtochter angekündigt.
A. M. Homes selber ist das Päckchen, von dem hier die Rede ist, und wie ein Päckchen fühlt sie sich, als sie im Alter von 31 Jahren ihrer Herkunft auf die Spur kommt.
Sie fährt zu Weihnachten 1992 nach Hause, und geheimnisvoll vertraut ihr die Mutter an, dass ihre leibliche Mutter sich gemeldet hat und sie treffen möchte! Für Homes beginnt eine unruhige Zeit. Sie lässt sich nur zögerlich auf den neuen Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter ein, denn bald danach meldet sich auch der leibliche Vater.
A. M. Homes ist im Buch wie im wirklichen Leben bereits eine erfolgreiche Schriftstellerin, als sie sich mit ihren biologischen Eltern konfrontiert sieht. Ihre Kontaktaufnahme wird zu einem für sie höchst kritischen emotionalen Erlebnis.
Nun erfährt sie, wer und wie ihre Eltern wirklich sind. Sie macht Erfahrungen, von denen sie sich nichts träumen ließ!
Im Hintergrund bleiben die stabilen Adoptiveltern, die ihr eine gute Kindheit beschert haben und sie herzlich lieben.
Ihre Erlebnisse mit den neuen Eltern sind eher sehr ernüchternd.
A.M. Homes schreibt mit einem klaren, emotional eher unterkühlten Ton über ihr Leben. Hinter der nüchternen Bestandaufnahme spürt man eine hoch sensible, tief berührte Frau, die nicht glauben kann, wie ihr Leben durch äußere Umstände in Bahnen gelenkt wurde, auf die sie keinen Einfluss hatte.
Umso mehr bemüht sie sich jetzt im Erwachsenenalter darum, ihr Geschick nicht von anderen bestimmen zu lassen. Das fällt schwer angesichts einer Mutter, die sich ihr drängend an den Hals hängt und eines Vaters, der in seiner robusten und unsensiblen Art jovial herablassend bei seinen Treffen mit ihr eine Schmuddelatmosphäre aufkommen lässt, in der sie sich wie ihre Mutter als junges Mädchen von ihm benutzt fühlt.

Die Suche nach ihren Wurzeln führt Homes tiefer und tiefer in die Vergangenheit. Es tun sich Abgründe auf, die sie auf ihrem Weg der Wahrheitssuche findet. Dabei offenbart sie tiefste Gefühle der Verlassenheit, gerät in Wut, Auflehnung und einen Nachforschungszwang, der an Besessenheit grenzt. Immer drängender werden für sie die Fragen, wer sie wirklich ist, von wem sie welche Eigenschaften hat und welche Krankheiten oder Abartigkeiten es in den Familien gab. Sie fühlt sich hin und her gerissen zwischen dem Wunsch nach noch mehr Wahrheit und der Sehnsucht nach Ruhe.
In einer fast fanatischen Überaktivität erforscht sie ganze Familienzweige über Generationen zurück und sieht sich selbst als Erzählerin, die aus ihren vielen Suchergebnissen ihre Romane zusammensetzt.
Selten liest man eine so spannende und aufrichtige Vergangenheitsaufklärung wie bei A.M. Homes. Atemlos schlägt einen die Lebensgeschichte in Bann und man kann nicht von ihr lassen. Einmal mehr zeigt sich, dass das Leben die spannendsten Romane schreibt!

A. M. Homes
Die Tochter der Geliebten
Kiepenheuer&Witsch
ISBN 3462040340
Bestellen

Bittersüße Heimat

Bittersüße Heimat

Necla Kelek
Bittersüße Heimat
Kiepenheuer & Witsch
ISBN 3462040421

Heutiges Leben in der Türkei.
Bittersüß sind die Erfahrungen, die Necla Kelek auf einer Reise in ihre Heimat macht, in eine von gesellschaftlichen Gegensätzen beherrschte Türkei. Es gibt dort eine alte Kultur, liebenswerte Menschen, gutes Essen, aufgeklärte und gebildete Bürger und herrliche Landstriche, und es gibt daneben barbarische archaische Gesellschaftsstrukturen.
Die politische Vergangenheit zeigt äußerst komplizierte Entwicklungen hin zum heutigen Staat Türkei!

In einem Eingangskapitel philosophiert Necla Kelek über den Begriff von Heimat, den sie dahingehend definiert, dass Heimat da sei, wo man sich verantwortlich fühle. Ein Satz für ihren Neubeginn in Deutschland gipfelt in der Einsicht, dass
„Respekt kein Gehorsam, sondern Achtung vor dem anderen ist, dass Zurückhaltung keine Kälte, sondern Höflichkeit ist.“ Um in Deutschland nicht fremd zu bleiben, hat sie sich mit diesen Begriffen auseinander gesetzt. Sie bilden eine der Grundlagen ihres Demokratieverständnisses.

Ihr Bericht beginnt mit dem Tod ihres sehr geliebten Onkels, der in Ankara beerdigt wird. Der Rahmen seiner Bestattung bietet Einblicke in eine von Traditionen und starkem Familienzusammenhalt geprägte Gesellschaft.

Kelek steigt in ihrem Buch tief in die jüngste türkische Geschichte ein, in der Atatürk als Nationalheld gefeiert wird. Sie kritisiert den heute waltenden türkischen Nationalismus, den unterschiedliche politische Richtungen auf ihre Fahnen geschrieben haben. Diesen Nationalismus mit seinem chauvinistischen Anspruch bezeichnet sie als sinnentleert und überholt. Er passt “ besser zu den noch existierenden Diktaturen in der Welt als in ein demokratisches Europa.“ Argwöhnisch betrachtet sie die Trennung von Staat und Religion, da in der Realität der Islam in der Türkei stark in den Staat hineinwirkt.
Bei ihrer Suche nach einer nach Anatolien entführten Deutsch-Türkin geht Kelek auf den Begriff der Ehre in diesen abgelegenen Landstrichen ein. Die harten Auslegungen des Ehrbegriffs in den östlichen Landesteilen erfahren harsche Kritik. Positives weiß sie über die Arbeit einer Frauenhilfsorganisation Kamer zu berichten, die Frauen bei der Suche nach Recht und Befreiung zur Seite steht.

Necla Kelek gibt mit ihrem fundierten Wissen über den Staat und seine Geschichte und den aus eigenen Erfahrungen bei Reisen ins Landesinnere gewonnenen Eindrücken beredt Auskunft über ihr Land. Es ist von diversen ethnischen Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten geprägt. Das Übergewicht der muslimischen Bevölkerung bestimmt den Alltag, und Familienclans herrschen auch heute noch über ganze Regionen.
Ausführlich sind ihre Studien, genau ihre Beobachtungen und wissenswert ihre Schlussfolgerungen.
Sie ist eine streitbare Frau, der das Land ihrer Herkunft am Herzen liegt. Mit ihrem Buch leistet sie einen gelungenen, nachdenklich stimmenden und kritischen Beitrag zur Aufklärung über die Lage in der heutigen türkischen Gesellschaft.
Necla Kelek ist Türkin von Geburt lebt jedoch seit vierzig Jahren in Deutschland. Hier gehört sie einer emanzipatorischen Bewegung an, die sich der Unterdrückung türkischer Frauen annimmt. Sie ist eine mit vielen Ehrungen ausgezeichnet Sozialwissenschaftlerin und lebt als freie Publizistin in Berlin.

Bestellen

Stehle

Stehle

Robert, der Icherzähler dieses Romans, hat es geschafft: mit einem Freund und zwei Frauen bewohnt er eine WG. Er ist Programmierer, verdient am meisten und ist der Hauptmieter.
In der WG der Freunde erscheint eines Tages ein sonderbarer Mensch: er hat nichts, braucht nichts und will doch gleich in die kleine Kammer neben der Tür einziehen, die für die WG bisher nur Ballast beherbergt hat. Trotz der Einwände eines Freundes wollen es die Mitglieder mit Stehle, so heißt der Neue, versuchen.
Stehle bezieht eine Kammer, die voll gemüllt war, und als alternativer Zeitgenosse ist ihm das Zimmerchen gerade recht. Er bringt einen Anorak und eine Zahnbürste mit. Alles Weitere ergibt sich!
Sehr subtil und unscheinbar erkennen die anderen, dass da in der Tat ein Sonderling neu eingezogen ist. Jeans und Pullover der anderen sind häufiger einfach verschwunden, oder sie haben in der Waschmaschine ihre Form verloren. An Roberts Computer hat sich jemand zu schaffen gemacht, und auf einer Party verlustiert sich Stehle mit der polnischen Küchenhilfe.
Dann zerbricht die ganze WG und Robert findet eine Wohnung für sich, klein, überschaubar und ganz auf seine Bedürfnisse zugeschnitten.
Als Robert zufällig Stehle in einem Supermarkt trifft, lässt er sich erneut mit ihm ein, und die Geschichte geht erst richtig los. Die Eskapaden von Stehle weiten sich aus und führen zu unvorhergesehenen Absurditäten.

Andreas Münzner beschreibt mit schwarzem Humor ein Stück Psychogeschichte.
In ihr mischt sich Wahrheit und Fiktion, und in ihr findet man den ganz normalen Alltagswahnsinn auf die Spitze getrieben. Die Aussteigermentalität und das tägliche zu beobachtende Stalking spiegeln unseren Alltag treffend wider. Die Verrücktheiten unseres Alltags mit ihren unterschiedlichen Gesichtern finden sich hier zusammen gedrängt, skurril, witzig und zuweilen unheimlich. Robert kann sich den Verrücktheiten nicht entziehen, hat sogar zuweilen selber Spaß am Mitspielen, und pendelt doch zwischen seiner Welt der Normalität und jener der Absurdität hin und her. Ein hoch aktueller Roman, teils Science – Fiktion, teils der Realität abgeschaut, auf jeden Fall amüsant und ein wenig schauerlich zu lesen.
Claudine Borries

Andreas Münzner
Stehle
Über die Abgründe des Menschen am Beispiel eines Sonderlings.
ISBN:3935890559
Bestellen

Klippen

Klippen

Melancholische Reflexionen über eine verlorene Kindheit!

Schwer trägt der Protagonist in diesem kleinen Roman am Leben!

Olivier ist mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter am Ferienort seiner Kindheit, einem Badeort an der normannischen Küste. Rührend schweifen seine Blicke zu der schlafenden Frau und zu dem ebenfalls schlummernden Töchterchen. Er findet keine Ruhe und schaut gedankenverloren auf die Klippen hoch über dem Meer.
Schleichend kommen Erinnerungen, die ihm die Kindheit ins Gedächtnis zurück rufen. Wie aber war diese Kindheit?

In poetisch wortreichen Beschreibungen erleben wir ein Leben, das durch den frühen Freitod der Mutter aus den Fugen geriet. Olivier ist erst 11 Jahre alt, als die depressive und gestörte Mutter ihrem Leben ein Ende setzt. Schon vor ihrem Tod gab es keine Fröhlichkeit oder unbeschwerte Kindertage.
Für Olivier ist die Mutter ein schwebender Schatten, zart, leidend und unnahbar. Ihre Beerdigung setzt erdenschwere Akzente, trübe, traurig und unverständlich für das Kind.
Antoine, der ältere Bruder, fällt für lange Wochen in ein Koma, und Olivier ist ganz der düsteren Trauer in einem leeren Haus überlassen.
Wen wundert es, dass Alkohol und Drogen sein späteres Leben bestimmten?

Adams beschreibt eine leere, traurige und schwer erträgliche Jugend unter dem Zeichen der Verlassenheit und überschattet durch den Jähzorn und die Wut eines mit einfachem Gemüt ausgestatteten Vaters. Dieser ist viel zu sehr mit seinem eigenen Unglück beschäftigt ist, als dass er nur das geringste Verständnis für seine verlassenen Söhne aufbringen kann.
Antoine und Olivier bilden die ersten Jahre nach dem Tod der Mutter eine unzertrennliche Einheit. Um sie herum versammeln sich andere Jugendliche, mit denen sie ein Eigenleben aufbauen, in dem sie trinken, Drogen konsumieren und sich gegenseitig mit Sex und Zärtlichkeiten trösten.
Sie sind Outlaws der Gesellschaft, die sozial im Abseits leben.
Nachdem sich ein Freund erschossen hat und die Freundin Loretta mit Magersucht in einer Klinik landet, ist auch diese Zeit der Zuflucht beendet.
Adams beschreibt die Freundin Loretta grandios mit einem Feuerwerk an Worten und tänzelnden Sätzen, die einen Eindruck von der Trostlosigkeit der einsamen und verlorenen Jugendlichen widerspiegelt.
In seinen Gedanken erlebt der Held eine Spurensuche, in der als ferne Gestalt die Mutter immer wieder auftaucht.
Die Lebensgeschichte des jungen Mannes, z.Zt. der Handlung ist Olivier erst 31 Jahre alt, wird zu einer Biographie, an deren Ende eine Art Metamorphose steht. Aus dem in die Tiefen des Lebens abgesunkenen Helden wird ein Schriftsteller, der erste Romane mit Erfolg auf den Büchermarkt bringt.
Die handlungsarme Geschichte ist atmosphärisch nahe an der Wahrheit und so differenziert beschrieben, dass man sich ganz gefangen genommen fühlt. Eine poetischen Gesang gleich wechseln die Stimmungen, tauchen die Verstorbenen aus der Vergangenheit auf und offenbaren ein Leben, das fernab von Glück und Heiterkeit stattfand. Die beschriebene Tristesse steht im krassen Gegensatz zu der leichten, poetisch farbigen und ungeheuer bildhaften Sprache, mit der darüber geschrieben wird.
Wohl selten hat ein Autor über randständige Mitmenschen so verstörend und einfühlsam berichtet.
Olivier Adam ist ein vielfach ausgezeichneter Autor, der mit Frau und Tochter an der bretonischen Küste lebt.

Claudine Borries

Olivier Adam
Klippen
Eine Spurensuche
ISBN:3865550517
Bestellen

Tirza

Tirza

Arnon Grünberg
Tirza Diogenes
ISBN 3257066376

Schrecklich können Familienbande sein!
Die Rolle eines neurotischen und zerrissenen Vaters, an dessen Abnormität seine ganze Familie zugrunde geht, steht in Grünbergs neuem Roman im Fokus.
Väter mit Besitz ergreifender, grausamer und beherrschender Allmacht sind suspekt. Die neuesten Nachrichten aus der Hölle eines die Zivilisation missachtenden Vaters kann man täglich in den Medien verfolgen. Der Kulturschock ist immens. Die Übergriffe gegen Kinder und Frauen ziehen sich durch alle Schichten.

Jörgen Hofmeester, Ende fünzig, ist Lektor in einem angesehenen Literaturverlag und wohnt mit seiner Familie in einem vornehmen Viertel in Amsterdam. Von seinem Verlag ist er vorzeitig in den Ruhestand verabschiedet worden. Er beginnt, sich ein Scheinleben aufzubauen und klammert sich intensiv an seine Vaterrolle. Auch diese Rolle wird nicht von Dauer sein, denn das letzte ihm verbliebene Familienmitglied, seine jüngste Tochter, will nach dem Abitur nach Afrika. Die ältere Tochter und seine Frau haben ihn schon vor längerer Zeit verlassen.
Sein ganzes Sinnen und Trachten gilt der jüngsten Tochter, die in Anlehnung an das Alte Testament Tirza genannt wurde, Übersetzung für „die Anmut/ das Wohlgefallen.“ Er bemerkt nicht, dass auch sie ihm längst entglitten ist. Hofmeester zeigt sich wie besessen von seiner Vaterrolle, die ihm bei der Trübsal seines Lebensalltags als einzige noch geblieben ist.
Er ist gerade bei den Vorbereitungen für das Abiturfest, als unerwartet seine Frau wieder auftaucht.
Nun beginnt ein makaberes Spiel, das wie ein Kammerspiel aufgezogen ist und nicht weit entfernt von Tennessee Williams und seinem Theaterstück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf “ angesiedelt zu sein scheint.
Zwischen den Eheleuten kommt es zu wortreichen Auseinandersetzungen und Anspielungen. Alle bisher unausgesprochenen Gemeinheiten der Ehejahre werden aufgetischt. Seine Frau schleudert ihm mit wütenden Ausbrüchen entgegen, wie er sie verkannt und beleidigt hat, und wie sehr sie ihn als ewigen Nutznießer ohne Gefühle für andere erlebt hat, so dass sie geradezu gezwungen war, das Weite und andere Männer zu suchen.
Offensichtlich geht Hofmeester verblendet durchs Leben. Seine Wahrnehmung ist getrübt, weil er überhaupt nicht fähig ist, die Realität zu sehen. Seine Tochter Tirza wird zu seinem einzigen Lebenselixier, und er entpuppt sich als Psychopath und aggressiver Sonderling, der schnell tätlich wird.
Unfassbare Abgründe tun sich auf!
Die Rolle eines Mieters im Obergeschoss seines Hauses wirft ein weiteres Schlaglicht auf die penible und verrückte Persönlichkeit des J. Hofmeester. Er reibt sich auf und ärgert sich, wenn die Miete nicht pünktlich entrichtet wird. Längst hat sich die älteste Tochter beim Eintreiben der Miete verdient gemacht,–und sich sexuell mit dem Mieter eingelassen. Immer wieder verliert Hofmeester daraufhin die Kontrolle über sich, und seine Mitmenschen sind ernstlich in Gefahr.
Wie kann man überhaupt die Kontrolle über sich gewinnen?
Tirza zeigt es ihm, denn die Probleme in der Familie haben eine lange Geschichte!
Der Protagonist wird als bedauernswerter Verlierer porträtiert. Keiner mag ihn wirklich, schon als Junge bekam er Prügel, und am Ende steht er nur noch mit leeren Händen und einer kaputten Familie da.

Grünberg lässt keinen Augenblick ungenutzt, um das abnorme Verhalten seines Protagonisten zu illustrieren, so dass man sich unweigerlich in den Sog eines psychischen Ausnahmezustands hinein versetzt fühlt. Die Helden bei Grünberg versuchen, Mensch zu sein und scheitern an ihrem eigenen Irrwitz.
Mit ausufernder Phantasie und Talent baut der Autor seine Geschichte langsam auf, bis er zielstrebig auf einen überraschenden und grausamen Schluss zusteuert.

Als Meister der feinen psychologischen Beobachtung zeigt sich der Autor Arnon Grünberg einmal mehr! Wie in seinem Buch “ Gnadenfrist“ setzt Grünberg die Zeichen, die einen Mann in seiner Verrücktheit und Absonderlichkeit zeigt.
Es ist ein Stück aus dem Tollhaus, das aber durchaus im Bereich der Realität liegt.

Claudine Borries

Bestellen

Blaufeuer

Blaufeuer

Das Blaufeuer steht für ein Notsignal von Schiffen und Menschen auf den Weltmeeren, die Hilfe suchen. Der Titel signalisiert, dass es in der vorliegenden Geschichte um Untergang und Verderben geht.
Janne, eigentlich zweite Geigerin in einem Berliner Orchester, gerät in Angst und Bedrängnis, als sie mit der Nachricht konfrontiert wird, dass ihr Bruder Erik ertrunken ist.
Im großbürgerlichen Haus des Adoptivvaters, einem erfolgreichen Reeder, ist Janne in Cuxhaven wohl behütet aufgewachsen. Dann hört sie von Tod ihres Bruders, der vermutlich einem Mord zum Opfer gefallen ist. Er ist auf sehr ungewöhnliche und grausame Weise ums Leben gekommen. Assoziationen an den Unfalltod der eigenen Eltern kommen ihr in Erinnerung.
Von Beginn an sind die Tatsachen und Umstände des Mordes bekannt. Die Hintergründe und das Motiv aber bleiben unfassbar und harren der Aufklärung.
Bei der Beerdigung von Erik brodeln Gefühle auf. Die Familie zeigt sich nicht so stabil wie zunächst vermutet. Janne entdeckt im Zuge der Ermittlungen, dass ihre Geburt von einem Geheimnis umgeben ist. Sie versucht, diesen Nebel zu lüften und dem Mörder ihres Bruders auf die Spur zu kommen. Beide Unterfangen führen sie in unerwartete Gefahren!

Die Nordseeküste mit ihren Stimmungen, das Städtchen Cuxhaven und die Einwohner mit ihrer Spießigkeit und Verschlossenheit bieten das Bild einer zufriedenen Welt, die in Ordnung ist. Erst langsam spürt man, dass ein äußeres Bild täuschen kann.
Die wohlhabende Reederfamilie zeigt sich allmählich als brüchiges Gebilde, in dem jeder sein Geheimnis hat.
Janne erfährt bei ihrer Suche nach Aufklärung einige Neuigkeiten, die sie verunsichern. Das Schweigen aller Beteiligten macht sie wütend und ärgerlich. Der Vater erleidet nach der Beerdigung des Sohnes einen schweren Schlaganfall und liegt im Hospital. Er kann kaum bei der Beantwortung so vieler Fragen behilflich sein, und Janne muss die Geschäfte der Firma führen. Als sie mehrfach Opfer von missglückten Anschlägen wird, spitzt sich die Lage zu.

Die subtile Art, mit der A. Kui ihr Familienepos aufbereitet hat, ist beeindruckend. Sie lüftet nach und nach die Geheimnisse der Familie. Janne bleibt im Fokus, denn sie ist es, die mit den Wahrheiten, die ans Tageslicht drängen, nur schwer fertig wird. Dabei bleibt sie stark und ungebrochen; nur das Vertrauen in alt gewohnte Familienstrukturen ist dahin, und ein allgemeines Misstrauen gegen alle und jeden macht sich breit.
Sie findet Helfer, und sie wird auf ihrer Spurensuche in die Irre geleitet. Birger Harms, ein ehemaliger Mitarbeiter ihres Vaters, ist ihr treuster Helfer. Welche Rolle hat er im Leben ihres Vaters gespielt? Und wie steht es um Meinhard, den älteren zweiten Bruder, Arzt und in der dritten Welt engagiert?

Die atmosphärische Schilderung ist wirklichkeitsnah und echt.
Werden doch häufig bei Katastrophen Dinge ans Licht gespült, die lange verborgen blieben und zugunsten des äußeren Scheins kaschiert wurden. Janne macht sich zur Sprecherin der radikalen Wahrheitsfindung, unbeirrbar und mutig. Dabei erlebt man das Zusammenbrechen der heilen Welt, und ihr Gleichgewicht geht verloren. So wird eine Spur nach der anderen aufgedeckt, und der Krimi ist in seiner Struktur perfekt.
Das Ende zeigt die Lösung eines gut geplanten Verbrechens.
Die Autorin baut die Spannung geschickt auf, ohne die Familiengeschichte mit allen psychologischen Finessen dabei zu vernachlässigen. Man sollte sich den gut zu lesenden Krimi nicht entgehen lassen!

Die junge deutsche Autorin Alexandra Kui hat ihren vierten Roman geschrieben, —– und er ist gelungen!
Sie lebt als Musikerin, Journalistin und Autorin bei Hamburg.

Claudine Borries

Alexandra Kui
Blaufeuer
Ein Mord in der Familie,–und was nun?
ISBN:3455401147
Bestellen

Softcore

Softcore

Tirdad Zolghadr, geb. 1973 als iranisch-amerikanischer Doppelbürger in San Francisco, wuchs in der Schweiz auf, wohin seine Familie nach der iranischen Revolution geflohen war.
Er kennt sich aus in der Kunstszene, in der er als Kurator arbeitet.
In dieser Szene spielt auch sein Roman Softcore, dessen Held ihm ähnlich ist. Softcore bedeutet sinnbildlich Pornofilm oder auch eine spezielle Form von IP Core.
Was immer der Titel besagen will:
mit einem ungeheuren Tempo, geistreich und witzig eröffnet Zolghadr seinen kleinen Roman.
Der Held gleichen Namens kehrt 25 Jahre nach der Revolution für einige Zeit in den Iran zurück, um in Teheran eine Kunstgalerie mit besonderem Charakter zu eröffnen. Es sollen dort Happenings, Lesungen, Videoinstallationen und vieles andere mehr stattfinden. Auf der Suche nach Talenten, Bildern und Geld für die Eröffnung des Promessa, einer ehemals glamourösen Cocktailbar, lernt er das bourgeoise Bürgertum kennen. Alkohol, westliche Kleidung, das Savoir Vivre westlicher Provenienz, französische Philosophie und Islam begegnen sich in einer fast dekadenten Kunstschickeria.
Was er nicht weiß: dass man ungestraft nicht alles darf!
Und so kommt er eines Tages beim Filmen eines schönen Blumenstandes unversehens ins Gefängnis. Denn hinter dem Bild verbarg sich das Gerichtsgebäude, gegen das schon hin und wieder Bombenanschläge verübt wurden.
Überall findet er etwas zu beobachten, so auch während seiner Haftzeit, und könnerisch fügt der Autor ein Erlebnis an das andere. Nach tagelangen Verhören gelingt dem Held die Freilassung und die Vorbereitungen auf die Eröffnung des Promessa gehen weiter. Quer durch die Teheraner Gesellschaft führt der Weg des Protagonisten und im Hinterrund schmieden die Mullahs und Geheimdienste ihre Intrigen.

Die poppige Sprache, die wie ein Feuerwerk daherkommt und einen geistreichen Plot an den anderen reiht, Schlager, Kleidung, Festivals und Lebensart zum Thema nimmt, ist so flott geschrieben, dass man ihm kaum folgen kann.
Die Teheraner Kunstszene ähnelt in vielem der in anderen Metropolen. Am Ende spielt eine hintergründige Politintrige in die Geschichte hinein, und unser Held nimmt indigniert alles hin.

Der Autor befleißigt sich eines spontanen Stils und ist mit detailreichem Hintergrundwissen ausgestattet. Seine Satire zeigt die Stadt Teheran, wie sie wohl wenige kennen.

Tirdad Zolghadr lebt in Berlin und ist in der internationalen Kunstszene überall zu Hause, so dass seine Erzählung auch auf eigenen Erfahrungen beruht.
Der Debütroman von Tirdad Zolghadr wird vermutlich viele begeisterte Leser und Leserinnen finden!

Claudine Borries

Tirdad Zolghadr
Softcore
Teheran und seine Kunstszene
ISBN:3462040065
Bestellen