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Autor: Claudine Borries

Annika Büsing: Nordstadt

Annika Büsing: Nordstadt

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Der vorliegende Roman von Annika Büsing glänzt durch eine kurze, lakonische Sprache, die zuweilen sehr witzig wirkt.Erzählt wird die Geschichte von Nene. Sie lebt im Norden einer Stadt im Ruhrgbeiet. Herkömmlich sind die Nordstädte die ärmeren Teile einer Stadt. Dort geht es nicht so gesittet zu wie etwa im Süden.

Nene arbeitet als Bademeisterin. Im Schwimmbad lebt sie ihr Leben, kennt die Menschen, knüpft Beziehungen an und ist dort ganz zu Hause.
Sie erzählt ihre Geschichte in der Ichform. Eines Tages kommt Boris ins Schwimmbad. Er humpelt und hat so schöne „Pumaaugen“ und vom Wasser verklebte Wimpern. Nene mag ihn.

Es ereignet sich nicht viel. Umso eindrucksvoller sind die Erlebnisse und die kleinen Erinnerungsfetzen an und Hinweise auf ihren Vater, der bei jeder Gelegenheit prügelte.

Die Protagonistin hat eine umwerfend komische, nüchterne und sehr ehrliche Sprechweise. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und denkt schnell und logisch. Mit Boris lässt es sich für sie schwer an. Ihre stakkatoartigen Sätze enthalten Gedanken und Überlegungen, die sich mit ihren Mitmenschen beschäftigen. Boris ist stolz, und zuweilen lügt er sie an. Bis sie herausfindet, wie er lebt und denkt, dauert es einige Zeit.

Die Art und Weise, in der Annika Büsing ihr Thema angeht, ist reizvoll. Immer wieder bleiben Fragen offen. Der Leser muss sich gedulden, um mehr über Hintergründe der Beziehung zwischen Nene und Boris herauszufinden. Nene wird von ihr so geschildert, dass man tiefe Einblicke in das Seelenleben ihrer Protagonistin bekommt. Sie ist rau, insgeheim zärtlich und liebevoll, dabei brüsk in ihren Äußerungen, und häufig fühlt sie sich einsam. Außerdem ist sie anhänglich und empfindsam. Auf eine verhaltene Art und Weise hat sie einen aufrechten und klaren Charakter. Es ist die vorsichtige Annäherung, mit der Annika Büsing den Leser*in bestrickt. Unter der äußeren Oberfläche schlummern bei Boris und Nene Traurigkeit, Einsamkeit und Verletzungen aus frühen Kinderjahren. Der feine Sarkasmus und die Schüchternheit ziehen beide zueinander hin. Durch das eigene erfahrene Leid ist das Verständnis für den anderen groß. Da sie gelernt haben, ihre Verletzungen zu verbergen, ist der Weg gegenseitiger Annäherung äußerst zurückhaltend. Boris geht allem aus dem Wege. Nene sucht sich Menschen, denen sie vertrauen kann, und zu denen sie eine Beziehung aufbauen möchte. So ist Nene die treibende Kraft, die sich Boris immer wieder zuwendet.

Es ist eine kurze aber sehr anrührende Geschichte, mit denen sich Annika Büsung in ihrem Debütroman ihrem Lesepublikum vorstellt. Man darf gespannt sein auf weitere Romane von dieser Autorin.

Sie leb mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Bochum.

Annika Büsing
Nordstadt
Steidl, Februar 2022
128 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3969990645
ISBN-13: 978-3969990643
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Navid Kermani: Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen

Navid Kermani: Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen

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Gedanken an Gott und die Auslegung religiöser Sprachen.

Im Zwiegespräch mit seiner zwölfjährigen Tochter versucht Navid Kermani, die Welt und die Religionen, vorwiegend den Islam, zu erklären.
Die Frage nach dem „Woher“ und „Wohin“ ist eine Menschheitsfrage von allgemeiner Bedeutung.
Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was war vor uns und was wird nach uns sein: das sind die Kernfragen unseres menschlichen Daseins. Zahlreiche weitere Fragen schließen sich an. Wie entstand das Universum? Wo fängt es an und wo endet es? Gab es einen Anfang und wird es ein Ende geben?

Kermani versteht es hervorragend, Religionen in ihren unterschiedlichen Ausrichtungen zu beschreiben.
Ob Hinduismus, Buddhismus, die christliche Religion, der Islam oder das Judentum: eine jegliche Religion hat eigene Gesetze und Normen. Und doch ist nach Kermanis Auslegung allen gemeinsam, dass es sich um „Beziehungen“ handelt. Ob zu Gott, der Unendlichkeit oder dem Menschen in seiner Kleinheit der Unendlichkeit gegenüber: Menschen suchen einen Anhaltspunkt, der ihnen die Welt und das Sein zu begreifen hilft. Dass dabei viele Fragen nicht zu beantworten sind, räumt Kermani in seinen Gesprächen ein.

Navid Kermanis Antworten auf die Fragen seiner Tochter sind so ausgeprägt und beispielhaft, dass auch der erwachsene Leser anhand seiner Erklärungen einen Wissensgewinn erfahren wird. Allerdings ist die Fülle der Beispiele an historischem Wissen und den Ergebnissen religionswissenschaftlicher Forschungen überwältigend.

In wortreichen Beispielen überzeugt Kermani mit seinen detailreichen Kenntnissen, mit denen er den Gott im Islam und den in anderen monotheistischen Religionen zu erklären trachtet. Dabei steht Gott für ihn für vieles, ja für alles, was menschliche Beziehungen ausmachen. Die zitierten Suren des Islam könnten nach Inhalt und in ihrer Bedeutung christliche Bibelverse sein.
Man merkt an den Fragen der Tochter, dass Physik, Quantenmechanik und die Erforschung der Natur als Ganzes in viele Antworten mit einfließen muss.
Zahlreich sind die Beispiele, mit denen der Autor alleine die „Sprache“ in ihrer vielschichtigen Verwendung und Bedeutung beispielhaft erklärt.

Alles in allem ist dieses Buch eine umfassende Geschichte der Religionen und ihrer Bedeutung für den Menschen.
Dass Navid Kermani die Erzählung gelegentlich auflockert, indem er auf die Tochter mit ihren alltäglichen Wünschen eingeht, gibt der ganzen Geschichte immer wieder einen bodenständigen Grundton.
Alles in allem kann man das Buch jedem empfehlen, der sich mit Religionen im Allgemeinen und dem Islam im Besonderen auseinandersetzen will. Eine Anleitung zum Glauben kann es nicht sein!

Navid Kermani
Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen
Carl Hanser Verlag, Januar 2022
240 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3446271449
ISBN-13: 978-3446271449
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Deborah Levy: Was das Leben kostet

Deborah Levy: Was das Leben kostet

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Deborah Levy ist eine gefeierte Schriftstellerin.
In ihrem schon 2019 erschienenen hier vorliegenden Selbstbild beschreibt sie ihren Neuanfang nach dem Ende ihrer Ehe.
Es ist ein nachdenklich stimmendes kleines Werk.
Sie hat zwei erwachsene Töchter, von denen eine schon studiert.

Der Neuanfang beginnt mit dem Umzug in ein kleines Holzhaus, das eher schon einem Schuppen gleicht.
Hier richtet sie sich spartanisch ein. Das Haus ist alt, Spinnweben überall und die Kälte der veralteten Heizung kriecht in alle Knochen.
Sie nimmt am Schreibtisch Platz. Hier ist sie ganz bei sich. Sie beschreibt das „Schreiben“ als einen mühevollen Prozess, in dem sich Erfahrung mit Fantasie und Wirklichkeiten mischen.
Nach ihrer Auffassung ist der Reiz des Schreibens “die Aufforderung, hinter die augenscheinliche Wirklichkeit aller Wesen und Dinge vorzudringen“. (S49)

Sie mischt in ihrer Erzählung Eindrücke ihres momentanen Lebens mit den äußeren Bedingungen und mit Erinnerungen an die frühe Zeit ihrer Ehe. Zu gleicher Zeit stirbt ihre Mutter, und sie entdeckt erst spät deren Qualitäten als Mensch und Mutter.

Die Erzählung bietet einen Reichtum an Assoziationen, der ihre Freundesbeziehungen, die Wahrnehmung von Stimmungen bezüglich des Klimas und der Natur und des Sterbens ihrer Mutter betrifft. Einen roten Faden gibt es nicht.

Sie zitiert Beauvoir, Baldwin und Duras bei ihren Einfällen zu Emanzipation, Freiheit und Männerherrschaft. Was ist Freiheit? Und wie lebt sie sich nach zwanzig Jahren Ehe?
Eine Antwort gibt es nicht. Vielleicht gelegentliche Melancholie und Bedauern, dass so vieles nicht gelungen ist.
Mit ihrer Freiheit muss sie sich noch einrichten, das schimmert bei allen Reflexionen durch.

Die Stille, die Vögel im Garten und das Alleinsein zu ertragen will eingeübt werden. Das alles fällt ja zusammen mit dem Älterwerden, auch dieses ein Prozess, der innerlich und äußerlich bewältigt werden muss.

Die richtigen Worte zu finden, um einzelne sie bewegende Begegnungen und Zustände zu beschreiben, das ist die Kunst von Deborah Levy. Dafür mag man sie loben.
Insgesamt aber fehlt ein Schwung, der die Gescshichte erst anziehend machen könnte.

Deborah Levy
Was das Leben kostet
HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH, Mai 2020
160 Seiten, broschiert
ISBN-10: 3455008925
ISBN-13: 978-3455008920
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Mary Lawson: Im letzten Licht des Herbstes

Mary Lawson: Im letzten Licht des Herbstes

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Eine höchst verwickelte Kleinstadtgeschichte bildet den Rahmen zu dem vorliegenden Roman von Mary Lawson.

Clara lebt mit ihren Eltern in Solace, einem kleinen Städtchen in Kanadas Norden.
Sie steht am Fenster und hält nach ihrer Schwester Ausschau. Rosa hat nach einem Streit mit der Mutter das Haus verlassen und ist seit Tagen verschwunden.
Mittlerweile zieht in das Nachbarhaus ein Fremder ein, denn die Besitzerin Mrs. Orchard ist verstorben. Sie hatte schon lange mit ihrem Mann in Solace gewohnt.

So beginnt Mary Lawson ihren Roman, in der es um Liebe, Vertrauen und drei Personen geht, die das Geschehen bestimmen werden.
Es sind die siebenjährige Clara, Mrs. Orchard und Liam, der eine bestimmende Rolle spielt.
In gewisser Weise sind alle miteinander verknüpft in ihren Beziehungen.

Mrs. Orchard glaubte in ihrer vor langer Zeit neu zugezogenen Nachbarin Annette eine Freundin zu finden. Während Mrs.Orchard keine Kinder bekommen konnte, hatte Annette gleich drei Kinder. Mrs. Orchard merkte bald, dass sich Annette von den Kindern überfordert fühlte und nahm ihr immer häufiger den Sohn Liam ab. Sachte und vorsichtig zog sie Liam in ihr Haus und entwickelt eine innige Beziehung zu ihm.

Liam will dann plötzlich nicht mehr nach Hause, und sein Verhalten führt zu einem großen Eklat, deren Folgen auch Mrs. Orchard zu spüren bekommt. Annette zieht kurz darauf mit ihren inzwischen fünf Kindern und Ehemann fort.

Als Liam schon über dreißig Jahre alt ist, erbt er unerwartet nach dem Tod von Mrs. Orchard ihr Haus. Er wird der Nachbar von Clara und ihrer Familie. An Mrs. Orchard kann er sich nur schwer erinnern, da er vier Jahre alt war, als es zu dem Eklat und Wegzug seiner Familie kam. Sein Leben ist in diesem Moment nach seiner kürzlich erfolgten letzten Scheidung aus den Fugen geraten. Das geerbte Haus will er möglichst bald verkaufen.

Alle diese Alltäglichkeiten werden in belebten Gesprächen und Erinnerungen geschildert.
Mary Lawson spürt den einzelnen Schicksalen nach. Die versteht es vorzüglich, die Verwicklungen kompliziert zu gestalten. Gelegentlich führt das zur Ermüdung beim Lesen. Man muss sich mächtig anstrengen, um auch den Zeitsprüngen in der Erzählung zu folgen. Insgesamt aber hat sie eine psychologisch nachfühlbare Geschichte ersonnen. Der in seiner Kindheit ungeliebte Liam bleibt nach den Aussagen seiner Ehefrau beziehungs-und liebesunfähig. Mrs. Orchard ist als warmherzige Frau der Verführung einer kindlichen Liebe ausgeliefert, so dass sie schließlich selber Liam als ihr Kind ansieht.

Clara ist später das Verbindungsglied in diesem Beziehungschaos, und ihre verschwundene Schwester bildet den kriminellen Hintergrund, der die Spannung steigern soll. Vielleicht ein bisschen viel der Zufälle!

Ob Mary Lawson ihrer Schriftstellerkollegin Elizabeth Strout nacheifern will? Das ist ihr nicht ganz gelungen.
Der Roman bietet dennoch anregende Unterhaltung!

Mary Lawson lebt in Kanada und gilt als angesehene Autorin.

Mary Lawson
Im letzten Licht des Herbstes
Heyne Verlag, August 2021
352 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3453273575
ISBN-13: 978-3453273573
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Otto de Kat: Freetown

Otto de Kat: Freetown

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Der Roman von Otto de Kat spielt in den Niederlanden.

Eines Tages erscheint Ishmael bei Maria. Er ist Zeitungsjunge, und sie interessiert sich von Beginn an für den schmalen, schwarzen Jungen. Er ist scheu fasst aber Zutrauen zu ihr.
Sie versucht ihm zu helfen, wenn er der Hilfe bedarf. Maria mag sich ihn gar nicht mehr wegdenken und entwickelt mütterliche Gefühle für ihn. Auf ihre Frage hin erfährt sie, dass er aus Sierra Leone und dort aus der Hauptstadt Freetown kommt.

Sieben Jahre hat sie Kontakt zu ihm. Dann ist er von einem Tag zum anderen verschwunden, und sie vermisst ihn sehr. In einer aufwendigen Suche möchte sie herausfinden, wo er geblieben ist.
Bei ihrem alten Freund Vincent, einem Psychotherapeuten, sucht sie Hilfe.
Nun bekommt der Roman von Otto de Kat eine ganz neue Wendung.

Der Leser*in wird damit konfrontiert, dass Maria und Vincent über längere Zeit eine intensive Liaison pflegten. Da waren sie beide verheiratet und hatten schon fast erwachsene Kinder.
Auch diese Beziehung endete sehr plötzlich. Beide konnten sich nie vergessen!
Der Leser*in wird auf eine Reise in die Vergangenheit der beiden hineingezogen.

Otto de Kat versteht es trefflich, seine Figuren in ihren jeweils unterschiedlichen Charakteren zu zeichnen. Im Hintergrund leben die Ehepartner der beiden, die wohl wenig bis gar nichts von Vincents und Marias Beziehung wissen. In kurzen Szenen kann man sich auch von ihnen ein Bild machen.

Es ist ein langes Versteckspiel, das sich ursprünglich um die Suche nach Ishmael drehte nun aber die Liebe von Maria und Vincent umkreist. Hoffnung, Verlust und Verzicht sind die Merkmale dieser Beziehung.

So geheimnisvoll sich Beziehungen zeigen: das Leben und die Liebe sind zuweilen unergründlich. Der Verlust einer Liebe prägt gelegentlich über Jahre das Leben zweier Menschen, die in ihren langjährigen Ehebeziehungen verhaftet sind.

In einer schönen Sentenz spricht Vincent davon, dass alle die Menschen, die zu ihm in Therapie kamen, sich letztlich nur eines wünschten:“ irgendwo zu Hause zu sein.“ ( S.117) So fühlten sich auch Maria und Vincent beieinander zu Hause!

Das Büchlein liest sich leicht. Es sind nur 166 Seiten, die aber inhaltsreich daherkommen.
Das überraschende Ende passt schlüssig in die ganze Erzählung.
Man kann den Roman uneingeschränkt empfehlen, weil sich hier wieder einmal zeigt, wohin die Wege des Menschen führen!

Otto de Kat
Freetown
168 Seiten, gebunden
Schoeffling, Februar 2019
ISBN-10: 3895615331
ISBN-13: 978-3895615337
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Michela Murgia: Chirú

Michela Murgia: Chirú

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Eleonore ist 38 Jahre alt, als sie dem Drängen des 18jährigen Musikstudenten Chirú nachgibt, seine Lehrerin zu werden.
Zwischen den beiden entsteht eine erotische, unterschwellige Spannung. In Sardinien, wo die Geschichte zunächst spielt, führt Eleonore den Studenten Chirú in einschlägige Künstlerkreise ein, und der Leser*in erfährt selber, wie es in diesen Kreisen zugeht.

Eleonore hat Freunde und ehemalige Geliebte, die sie auf ihrem Lebensweg begleiten, und mit denen sie in regem Austausch steht, auch in Fragen ihres eigenen Lebens.
Fabrizio, einer von ihnen, warnt sie vor den Folgen, sich mit so einem jungen Studenten abzugeben. Aber sie kann es nicht lassen.
In langen Passagen geht es um Begegnungen aller Art, immer wieder aber auch um die stete Annäherung Chirús an Eleonore. Beide sind voneinander fasziniert.
Sie nimmt ihn mit auf eine Reise nach Rom, wo sie ein Engagement hat. In Museen und beim Essen sehen sie sich und tauschen Gedanken aus. Der Zauber der wunderbaren Stadt lässt Nähe und Sehnsüchte bei den beiden aufkommen. Oh Jugendzeit, Du schöne Zeit! Eleonore spürt erste Zeichen des Älterwerdens, wenn sie auch eine schöne Frau zu sein scheint.

Chirú und Eleonore werden als Antipoden dargestellt. Jeder sucht etwas beim anderen, das man selber nicht hat. Zwei verlorene Seelen, die sich unter dem Deckmantel der Lehre begegnen und in Wahrheit Liebe und Anerkennung suchen. Eleonore bewegt sich wissend durch ihre Kreise und zeigt Chirú, wie man sich gut darstellt.

Richtig spannend wird die Geschichte, als Eleonore ein Engagement in Stockholm erhält. Chirú will nachkommen. Unerwartet trifft Eleonore einen schwedischen Dirigenten wieder, den sie schon in Cagliari einst getroffen hat. Nun wendet sich das Blatt, und die Geschichte endet geheimnisvoll.

Murgia versteht es wunderbar, einzelne Charaktere hervorzuheben. Es geht ihr dabei auch um Treue, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit. Liebe kommt und vergeht und Dinge geschehen, die man nicht ändern kann. Die Frage nach Unrecht und Wahrhaftigkeit wird zuletzt zur Kernfrage der Geschichte. Ist der Mensch gut oder schlecht? Welche Folgen hat das Glück oder Unglück? Die Antwort bleibt die Autorin schuldig, denn Gefühle und Bedürfnisse wechseln, und die reine Wahrheit gibt es nicht. Aber schuldig wird der Mensch da, wo er Verletzungen auslöst, die nicht vermeidbar sind, wenn man seinen eigenen Weg gehen will. Ambivalenzen zeichnen zwischenmenschliche Beziehungen aus, so dass es immer wieder zu Missverstehen kommen kann. Das alles macht sie Erzählung zu einer faszinierenden Geschichte, die gut und schlüssig erzählt wird!

Michela Murgia
Chirú
Verlag Klaus Wagenbach, März 2017
206 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3803132878
ISBN-13: 978-3803132871
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Daniel Schreiber: Allein

Daniel Schreiber: Allein

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Eine Philosophische Abhandlung über das Leben mit seinen zahlreichen Facetten im Zusammen- und Alleinleben.

In den Schriften von Daniel Schreiber geht es darum, wie wir in der Welt verortet sind.
Schon in dem Buch „Zuhause“ ging es um sehr persönliche Fragen dieser Denkrichtung.
In dem jetzt erschienenen Buch „Allein“ stellt der Autor die gleichen Fragen nun aber bezogen auf sein Dasein als Schriftsteller.
Er bezieht Stellung zu seinem Alleinsein und sucht die Gründe für das Leben ohne Liebe oder eine Zweisamkeit. Wie und auf welche Weise lebt man überhaupt in den Beziehungen zu anderen Menschen?

Dass die Liebe und die Gemeinschaft mit anderen unser soziales Leben bestimmen, ist unleugbar.
Nicht jedem aber ist es vergönnt, eine anhaltend gute Beziehung in der Zweisamkeit zu finden.

Für uns Menschen können Freundschaften einen großen Teil sozialer Einsamkeit abdecken. Für seine Freundschaften ist D. Schreiber ausdrücklich dankbar und definiert genau, wo Freundschaften anfangen, und wie es um Bekanntschaften steht, und wie verschieden Beziehungen sein können. Unwillkürlich denkt man an den jungen Pianisten Igor Levit, der in allen Gesprächen betont, wie wichtig ihm Menschen, gute Freunde und Freundinnen sind, auch und gerade in schwierigen Zeiten, wichtiger sogar als die Musik!

Daniel Schreiber entwickelt seine Ideen, in dem er u.a. auf die Aussagen bekannter Schriftsteller und Philosophen zurückgreift. Er bleibt in der Erzählung jedoch bei sich, denn die Reflexion eigener Erfahrungen werden zur Grundlage für seine Theorien über das Alleinsein.

Die Natur als Entdeckung und Horizonterweiterung wird von ihm unglaublich einfühlsam beschrieben. Er war zu einem Literaturaufenthalt in der Schweiz eingeladen. Sehr lustlos hat er die Reise angetreten, um dann in Schnee, Kälte und einsamen Wanderungen die Befreiung seiner Seele zu erleben. Das ist hinreißend geschildert.

In weiten Teilen greift Schreiber die Wochen und Monate der Pandemie auf, um anhand der Lebensformen, die uns alle betreffen, über Isolation und Einsamkeit nachzudenken.

Zwischen den Reflexionen über sein Leben zitiert Schreiber unzählige Autoren und Philosophen, die ihm bei seinen Einsichten Stützpfeiler zur Selbsterkenntnis waren.

Das Buch mit seinen Essays regt zum Nachdenken an. Die Abhandlungen sind intensiv und einprägsam.

Die Denkschrift von Daniel Schreiber ist nicht unterhaltsam. Sie enthält eine Analyse wichtiger Stadien menschlichen Seins im Sozialgefüge menschlichen Zusammenlebens am Beispiel seines eigenen Lebens. Dabei eröffnet sich auch für uns Lesende der Horizont in Richtung Kontemplation und Begreifen. Eine sehr empfehlenswerte und erhellende Studie ist Daniel Schreiber mit seiner Schrift gelungen.

Im Anhang findet man eine lange Liste zitierter Schriften und Autoren.

Daniel Schreiber
Allein
Hanser Berlin, 6. Auflage September 2021
160 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3446267921
ISBN-13: 978-3446267923
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Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

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In der Autobiographie des bekannten Schauspielers Edgar Selge kann man die schrecklichen Zustände in einer bürgerlichen Nachkriegsfamilie nach dem 2. Weltkrieg kennenlernen. Wir schreiben das Jahr 1960.

Der Icherzähler ist 12 Jahre alt und lebt mit seinen drei Brüdern und den Eltern in einem Haus des Gefängnisdistrikts von Herford. Sein Vater ist dort Gefängnisdirektor.

Die Eltern betreiben Hausmusik in großem Rahmen. Mutter spielt Geige und Vater Klavier. Auch ausgewählte Gefangene dürfen gelegentlich an den in großen Räumen stattfindenden Hauskonzerten teilnehmen.

Maßgeblich im Hause sind die strengen Regeln des Miteinanders. In der Wahrnehmung eines 12Jährigen sind die häuslichen Lebensformen ein Schrecken ohne Ende. Mit ängstlichen Augen beobachtet der Junge, was um ihn her vor sich geht. Er kennt die Regeln, will sich aber nicht einfügen. Er übertritt ganz bewusst immer wieder die väterlichen Gebote, klaut und lügt, was ihm schreckliche körperliche Züchtigungen einträgt. Das Prügeln hat System. Die frömmelige und fast bigotte Atmosphäre trägt erschreckend sadistische Züge.
Man kennt alles das aus der schwarzen Pädagogik des 19. Jahrhunderts.
Die ängstliche Mutter und der alles dominierenden Vater bieten das Bild einer Gemeinschaft, in der der Vater das Sagen hat.

Im Gegensatz zu seinem Schauspielerkollegen Joachim Meyerhoff, dessen Bücher vor Witz und Komik sprühen, wirkt bei Edgar Selge alles strenger, kälter und abschreckend.

Selges Erinnerungen sind ernst, und man fühlt als Leser:in einen Schauer der Einsamkeit. Die älteren Brüder legen sich mit den Eltern an, kritisieren ihre deutschtümelnden Verhaltensweisen und das verklemmte, nationalsozialistische Gedankengut.

Die alles überragende Strenge beim Lernen, Musikspielen und im Umgang mit den Lehrern ist wahrlich bedrückend.

Edgar Selge muss eine schreckliche Jugend gehabt haben. Das sensible und still beobachtende Kind wittert überall die Gefahr der Bestrafung. Vor lauter Angst kann der Junge beim Lernen nicht folgen. Er flüchtet sich in Fantasiespiele, in denen er seinen Frust auslebt.

Beeindruckend ist die nüchterne Darstellung, in der alles so wirkt, als passiere es gerade jetzt.
Insofern ist die Geschichte literarisch gut erzählt.
Das Buch liest sich in weiten Teilen wie die Inkarnation eines deutschnationalen, judenfeindlichen Bürgertums.
Einziger Lichtblick ist die Musik, die breiten Raum einnimmt, und der man sich mit Hingabe widmet.

Edgar Selge
Hast du uns endlich gefunden
Rowohlt Buchverlag, 4. Auflage, Oktober 2021
304 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3498001221
ISBN-13: 978-3498001223
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Elizabeth Strout: Oh William!

Elizabeth Strout: Oh William!

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Wieder geht es in diesem Roman um Lucy Barton, die schon aus einigen früheren Romanen bekannt ist.

Heute ist sie schon fortgeschrittenen Alters.
Ihr zweiter Mann David ist tot, und sie lebt alleine.
Zu William, ihrem ersten Mann, einem Biologieprofessor, hat sie den Kontakt nie verloren.

In kurzen Episoden erinnert sie sich an das Leben, das sie als glückliche Familie mit ihren zwei Töchtern und William einst gelebt hat.
Wir erfahren, warum sie ihn verließ, und wir hören, wie innig ihre Beziehung zu ihren Töchtern ist, die inzwischen längst verheiratet sind, und an deren Leben sie lebhaft Anteil nimmt.

Inzwischen ist Lucy eine gefeierte Schriftstellerin.
Sie ist eine sehr gefühlvolle Frau, die gute wie schlechte Zeiten in ihrem Leben erlebt hat.
Die Nähe und das Heimatgefühl, das sie bei William immer gefühlt hat, das hat sie nie vergessen.
Die beiden sind Freunde fürs Leben geworden. In schwierigen Momenten suchen sie immer Kontakt zu einander. Jetzt ist es so weit: auch Williams dritte Frau hat ihn verlassen.
Die Sprache, die die Eheleute mit einander sprechen, lässt auf eine tiefe Vertrautheit schließen.

Elizabeth Strout hat die besondere Gabe, sich ihren Figuren mit sehr viel innerer Wärme zu nähern und auf diese Weise den Leser*in ganz in den Bann ihrer Erzählung zu schlagen.
Sie ist den beiden Hauptprotagonisten so nah, dass man fast meint, es hier mit einer Biographie zu tun zu haben.

Der Roman ist ein wenig episodenhaft aufgebaut. So hört man einmal, wie es früher war, um dann wieder im Heute anzukommen. Es sind die feinen kleinen Details, die uns immer wieder begeistern.
Die Nachbarn, Freunde, das tägliche Leben oder auch Landschaftseindrücke: wir dürfen an allem teilnehmen.

Strouts Protagonistin Lucy, die in der Ichform erzählt, ist ausgesprochen reflektiert in ihren Überlegungen; dass sie aus sehr armseligen und lieblosen Verhältnissen stammt, kann man fast nicht glauben. Ihre traurige Kindheit und Williams liebevolle Mutter, die allerdings ein Geheimnis mit sich trägt, sind ebenso Gegenstand der Erzählung, wie die momentanen Gefühlszustände ihrer Hauptpersonen: Lucy und William.
Ein ganzes Leben mit Höhen und Tiefen erschließt sich vor dem Auge des Lesers/ Leserin.

Da allgemeine Lebenserfahrungen zur Sprache kommen, lassen sich Parallelen zum Leben des/der Lesenden durchaus herstellen. Tiefe Erkenntnisse und Einsichten bringen uns immer wieder zum Nachdenken.

Weisheit bietet das Ende des Romans, in dem es heißt: „Wir sind alle gleich unerforschlich. Das ist die einzige wirkliche Wahrheit, deren bin ich mir ganz sicher.“

Elizabeth Strout ist eine Meisterin der Innenschau, der psychologischen Beobachtung und der unendlichen Suche nach dem Kern der Wahrheit unseres Selbst. Sie spürt feinste Unterschiede zwischen den Charakteren ihrer Hauptfiguren auf und blickt mit überzeugender Menschenkenntnis hinter die nach außen gezeigten Fassaden.

Ihr Roman gehört zu den Büchern, die man nicht aus der Hand legen will.

Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.

Elizabeth Strout
Oh William!
Luchterhand Literaturverlag, November 2021
224 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3630875300
ISBN-13: 978-3630875309
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Jonathan Franzen: Crossroads

Jonathan Franzen: Crossroads

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Dieser Roman des amerikanischen Autors Jonathan Franzen ist eine in epischer Breite angelegte Familiengeschichte. Es handelt sich um eine Pfarrersfamilie, die in einem Vorort von Chicago lebt. Marion und Russ Hildebrandt, die Eltern, haben vier Kinder, die sich alle in eigenwilliger Weise entwickeln.

Wir befinden uns im Jahr 1971. Christliche Gemeinden spielen eine wichtige Rolle im amerikanischen Gesellschaftsleben. Hier schaut jeder auf den anderen, und alles wir genau registriert. Moralische Tugenden sind das Ziel allen Handelns.

Marion und ihr Mann befinden sich in der Midlife – Crisis. Für Russ kommt erschwerend hinzu, dass ihm ein jüngerer Kollege mit modernen Formen des Miteinanders, die fast therapeutische Dimensionen annehmen, Konkurrenz macht. Besonders die Jugend fühlt sich zu dem jüngeren Pfarrer hingezogen.

Bei den diversen Aktivitäten der Figuren geht es immer um das rechte Verhalten, um Anstand und Ehrlichkeit. Marion und Russ verhalten sich beide nicht danach!
Sie hängt vergangenen Sünden nach, und Russ sucht Trost bei einer jüngeren Witwe, die zur Kirchengemeinde gehört.

Die Kinder werden selbständig, beobachten ihre Eltern, merken, dass da nicht alles stimmt und sind entsprechend verunsichert.
Clem, der älteste Bruder, verlässt irgendwann die Familie, um in den Krieg ziehen. Er will nach Vietnam, weil er das seinen Altersgenossen schuldig zu sein glaubt.
Becky leidet unter den Druck der Eltern so sehr, dass sie sich schließlich abwendet, um einen sehr eigenen Weg zu ihrem Glück zu finden.
Perry gerät vollends auf Abwege und wird krank.
Der jüngste Bruder spielt die unscheinbarste Rolle und kommt gar nicht zu Wort.

Über lange Strecken der Geschichte wird man Zeuge von gedanklichen Skrupeln der Eltern und ihren inneren Selbstvorwürfen. Unter den Geschwistern herrscht ein reichliches Durcheinander in ihrer Gläubigkeit. Sie suchen auf unterschiedlichen Wegen den Zugang zu Gott oder entziehen sich ganz.
Die Anklagen, Selbstbeschuldigungen, die unheimliche Dynamik zwischen den Familienmitgliedern und der innere Druck in Fragen eines tugendhaften Lebens wirken zuweilen erdrückend.

In dem Roman stimmt alles. Die Familiengeschichte ist realitätsnah geschildert. Leider aber hat der Roman unendliche Längen.
Jeder einzelnen Person werden lange Seiten in ihrem Sein und Werden gewidmet. Rückblicke und momentanes Handeln wechseln in der Erzählung ab. Jonathan Franzen scheint sich hier zuweilen zu verzetteln.
Zum Ende hin wirkt alles sehr schlüssig, und das ist die Stärke des Romans.

Es ist die Akzeptanz des Unabänderlichen, die beeindruckt. Und es ist die klare Haltung, mit der Becky ihr Leben in die Hand genommen hat, um ihr Glück vor den Forderungen der Familie zu schützen. Alle anderen scheinen nicht so weit gekommen zu sein.

Der Roman ist ein großartiges Zeitgemälde der siebziger Jahre, einer Zeit, in der verlogene Moral und nebulöse Tugenden die Menschen in ständige Konflikte mit sich und mit ihrer Umwelt brachten.
Wie wird das alles wohl weitergehen?

Jonathan Franzen hat mit dem Roman „Korrekturen“ Weltruhm erlangt und wurde vielfach ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Santa Cruz, Kalifornien.

Jonathan Franzen
Crossroads
Rowohlt Buchverlag, Oktober 2021
832 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3498020080
ISBN-13: 978-3498020088
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