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Kategorie: Belletristik

Gérard Salem: Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst

Gérard Salem: Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst

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Gérard Salem beschreibt in seinem hier vorliegenden Roman die Konsultation eines Klienten, der mit seiner Familie seit sieben Jahren keinen Kontakt mehr hatte, nun in einer Ehescheidung steckt und seine zwei Söhne nicht mehr sehen darf.

Mit dem Rat, seinen Eltern einen Brief zu schreiben, beginnt die Lawine einer Familienbeziehungsgeschichte, die selten so präzise beschrieben zu finden ist.

Die bewusst gewählte Form handgeschriebener Briefe ermöglicht eine ganz ungewohnte Möglichkeit der gegenseitigen Wahrnehmung. Nach und nach sind zuerst die Mutter, dann der Vater, Geschwister aller Generationen und weitere entfernte Verwandte einbezogen in die Rückschau eines Familienlebens, in der jeder eine unterschiedliche Sicht des Zusammenlebens präsentiert. Alte Wunden brechen auf, vorsichtige Annäherungen finden statt, und man wird zuletzt ganz in den Bann einer Familienkonstellation hineingezogen, in der so manches irrig wahrgenommen und verschoben betrachtet wird.

Es kommunizieren zuerst einmal Boris, des Therapeuten Klienten Nr.1, mit seinem Therapeuten. Nach dessen Anschub zum Familienaustausch gerät die ganze Familie in den brieflichen Bann gegenseitiger Auseinandersetzungen. Nicht immer sind alle Namen gut zu unterscheiden, denn zuletzt schreiben Onkel, Tanten, Neffen, Cousins und Cousinen mit, so dass ein weit ausholendes und abgerundetes Bild der Familienkonstellation entsteht.

Die Schwester von Boris, Charlotte, ist Ärztin, und schaltet sich gewissermaßen als wissende Moderatorin und doch auch selbst Betroffene in die ganze Geschichte mit ein.

Familiendynamiken sind oft faszinierend, zuweilen erschreckend, fast immer spannend, häufig Unglück widerspiegelnd und selten so gut lösbar, wie das in dieser Geschichte passiert. Man kann eigene Erfahrungen wiedererkennen und die, die man bei anderen beobachtet. Es ist eine lehrreiche Geschichte, die man mit großem Interesse verschlingt.

Gérard Salem war Psychiater und Hypnosetherapeut in Lausanne und hatte sich auf Familientherapie spezialisiert. Er hat Sachbücher verfasst und an internationalen Kongressen teilgenommen Dem Buch merkt man seine Fachkompetenz an. Hier spricht einer aus langer Erfahrung, so dass keinen Moment der Eindruck eines künstlich angelegten Romans entsteht.

Das Leben schreibt die besten Romane, und wenn die Geschichte auch als fiktiv deklariert ist, lässt sich dieses mit Fug und Recht hier sagen.

Gérard Salem
Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst
206 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, April 2019
ISBN-10: 3832183752
ISBN-13: 978-3832183752
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J. Courtney Sullivan: Aller Anfang

J. Courtney Sullivan: Aller Anfang

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Celia, Bree, Sally und April gehören zu den Neuen am Smith College in Northampton, an dem nur Frauen zugelassen sind. Sie finden in diesem ersten Jahr zusammen und werden Freundinnen, einfach weil ihre Zimmer beieinanderliegen und sie in derselben Situation sind. Sie fühlen sich sofort verbunden. Dabei sind sie sehr unterschiedlich. Celia kämpft gegen Heimweh, Bree ist verlobt, Sally hat den Tod ihrer Mutter zu verkraften und April ist durch und durch Feministin. Es geht munter zu in ihrer Gemeinschaft, die fast schon die Familie ersetzt. Das aufregende Alltagsleben im College wird in all seinen Facetten von der Autorin beschrieben. Es ist eine eigene und etwas abgeschottete Welt. Eine Welt ohne Männer.

Jede der jungen Frauen, muss für sich klären, wohin die Zukunft führen soll. Jede hat die Wahl oder auch nicht. Manchmal spielt das Schicksal die Karten aus, zeigt verschiedene Wege auf oder lässt vermeintlich keine Alternative.

Der Zusammenhalt geht weit, aber nicht so weit, dass keine eigenen Entscheidungen getroffen werden können. Jede der vier jungen Frauen möchte akzeptiert werden, so wie sie ist. Doch es wird natürlich auch bewertet, was die andere tut und ein Urteil gefällt. Das geschieht nicht immer mit Respekt, sondern auch mal verletzend. So wird es nach dem Studium schwierig. Die Freundschaften innerhalb der Gruppe werden auf die Probe gestellt. Andere Meinungen können wichtig sein und Sichtweisen ändern. Doch gerade als es drauf ankommt, sind die Freundinnen aufgrund einer Unstimmigkeit nicht mehr uneingeschränkt füreinander da.

Die Autorin wechselt oft die Perspektive. Sie erzählt über Celia, Bree, Sally und April in eigenen Kapiteln bzw. lässt sie erzählen. So erhält man als Leser einen umfassenden Einblick in diese ungewöhnlich tiefe Freundschaft und kann die Handlungen, Sichtweisen und Entscheidungen der jungen Frauen nachvollziehen und verstehen. Es geht nicht darum, diese zu bewerten, sondern vielmehr darum, sich anzunähern. Die Autorin geht der Frage nach, wie es der Frauengemeinschaft gelingen kann, auch nach dem Studium, ohne das ständige Zusammensein, ihre Freundschaft aufrechtzuerhalten.

Rezension von Heike Rau

J. Courtney Sullivan
Aller Anfang
Aus dem Englischen von Henriette Heise
432 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552063951
ISBN-13: 978-3552063952
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Ernst Molden: Das Nischenviech – Die wilden Tiere meines Lebens

Ernst Molden: Das Nischenviech – Die wilden Tiere meines Lebens

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Die Wildnis ist überall. Nur wer schaut schon genau hin, wenn es um Tiere geht, die ein Nischendasein führen? Ernst Molden, Schriftsteller und Musiker, tut es! Mit großem Interesse erforscht er die Tierwelt in seiner Umgebung. Er sieht, was andere nicht sehen, recherchiert in Bestimmungsbüchern und hat sich so ein breites Wissen angeeignet. Seine Erlebnisse und Erkenntnisse hat er zu Kurzgeschichten bzw. Kolumnen aufgearbeitet und mit Wissenswertem untermalt. So hat man als Leser Anteil an seinen Erkundungsgängen und den alltäglichen sowie den fast schon spektakulären Entdeckungen.

Das Buch ist in vier Kapitel, die sich nach den Jahreszeiten richten, unterteilt. Jedes wird von einer Zeichnung geschmückt.

Diese erzählenden Porträts sind faszinierend. Der Autor begegnet den Tieren nie mit Abneigung. (Nun gut, der Höckerschwan macht eine Ausnahme, aber dafür kann er nichts.) Vielmehr steht jedem Lebewesen interessiert beobachtend gegenüber. Dabei ist er nicht scheu! Oft wird eine wunderbare Freude offenbart, besonders bei seltenen Begegnungen.

Ich habe eine vergnügliche Zeit mit dem Buch verbracht. Ernst Molden weiß sich auf unterhaltsame Weise auszudrücken und er hat Sinn für Details. Er regt damit zu mehr Achtsamkeit der Natur gegenüber an. Und dazu gehören nun mal nicht nur Amsel und Eichhörnchen, sondern auch Ohrenschliefer und Gemeine Feuerwanze. So manches, was man über diese Tiere hört, gehört ohnehin ins Reich der Mythen.

Die Geschichten haben auch eine persönliche Note. Denn oft ist Molden mit der ganzen Familie unterwegs. Auch der Urlaub wird für Tierstudien genutzt. So wird manche Entdeckung gemeinsam gemacht. Selbst das eigene Heim wird von Nischenviechern heimgesucht. Stubenfliege, Silberfischerl … Auch sie haben eine kleine Geschichte verdient. Der Autor hat hier eine eigene Auswahl getroffen, die natürlich nicht den Anspruch hat, vollständig zu sein.

Rezension von Heike Rau

Ernst Molden
Das Nischenviech – Die wilden Tiere meines Lebens
Illustrationen von Helmut Pokornig
Nachwort von Carl Manzano
176 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10:3552063935
ISBN-13:978-3552063938
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Máxim Huerta: Der Blumenladen der Mademoiselle Violeta

Máxim Huerta: Der Blumenladen der Mademoiselle Violeta

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Die Anzeige des Pariser Blumenhändlers Dominique Brulé lockt Violeta in den Blumenladen. Die junge Spanierin ist aus Verzweiflung nach Paris gekommen. Ihr Freund hat eine andere und mit ihren Eltern versteht sie sich nicht. Sie bekommt die Arbeit, weil ihr Name an eine Blume erinnert, so wie Monsieur Dominique das gerne wollte. Aber die junge Frau ruft auch Erinnerungen an seine große Liebe wach. Er hat Julie, die jung verstorben ist, nie vergessen. Violeta ist froh, nun ein Auskommen zu haben, zumal Monsieur Dominique ein sehr freundlicher alter Mann ist.

Jeden Tag kommen zwei alte Damen in den Laden. Mercedes und Tilde, beide stammen ebenfalls aus Spanien, kämpfen gegen ihre Einsamkeit. Auch Dominique kennt dieses Gefühl nur zu gut. Das Leben geht dem Ende entgegen. So ist das leider nun mal. Doch Violeta ist jung! Genau wie die drei alten Menschen hat auch sie ein Geheimnis. So beginnt etwas Neues. Und die ältere Generation mischt sich auf liebenswerte Weise ein und baut Brücken für Violeta.

Ältere haben die Lebenserfahrung, die jungen Leuten fehlt. So ist das Buch voll von gut gemeinten Lebensweisheiten, einfühlsamen Botschaften und liebevollen Gesten. Lebenswege kreuzen sich, gehen auseinander oder ineinander über. Aus einer alten Geschichte entwickelt sich eine neue.

Das Buch ist auf eine bezaubernde Art geschrieben, die vor allem romantisch veranlagten Lesern gefallen wird. Schon wie Monsieur Dominique an seinem Blumenladen gekommen ist, ist schicksalhaft. Die Blumen sind ihm Trost und Hoffnung. Auch Violeta spürt diese magische Anziehungskraft. Damit ist der Blumenladen in Paris die perfekte Kulisse als Dreh- und Angelpunkt.

Der Erzählstil ist elegant, verträumt und märchenhaft. Nur die Zeitsprünge sind etwas schwierig einzuordnen und stören den Lesefluss ein bisschen. Aber das Buch lebt nun mal auch von Erinnerungen, Träumen und Vorstellungen. Immer schwingt eine gewisse Melancholie mit, die wunderbar passend ist.

Rezension von Heike Rau

Máxim Huerta
Der Blumenladen der Mademoiselle Violeta
Aus dem Spanischen von Anja Rüdiger
360 Seiten, gebunden
Thiele Verlag
ISBN-10: 3851793773
ISBN-13: 978-3851793772
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Mathijs Deen: Unter den Menschen

Mathijs Deen: Unter den Menschen

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Jan wohnt allein auf einem abgelegenen Bauernhof an der Nordsee. Seine Eltern hatten ihm dem Hof übergeben und waren ins Dorf gezogen. Aus ihren Reiseplänen ist nichts geworden. Sie sind bei einem Unfall ums Leben gekommen. Von seiner Mutter ist ihm ein tägliches Mittagessen geblieben. Die Gefriertruhen sind voll davon. Das Essen hilft allerdings nicht gegen die Einsamkeit, schon gar nicht im Winter, wenn es nichts zu tun gibt auf dem Hof. Wie gerne hätte er eine Frau! Tatenlos ist er nicht, der Bauernsohn gibt eine Anzeige auf.

So kommt Wil auf seinen Hof. Jan weiß nicht, dass sie keinen Mann und keine Liebe sucht. Sie will ihre Ruhe und in einem Haus am Meer leben. Sie ist bereit, sich ein Stück weit anzupassen. Sie hat sich eine Identität verpasst, die Jan gefallen muss. Und was ihm gefällt, so glaubt sie, hat sie erkannt. Ohne dass er es weiß, hat sie ihn auf die Probe gestellt.

Von Anfang an besteht eine große Distanz zwischen den Figuren. Das stellt der Autor gut dar. Wil und Jan reden nicht viel. Jeder hat seine eigenen Probleme. Wil hat nicht vor sich auf Jan einzulassen, und Jan merkt, dass er vorsichtig mit ihr umgehen muss. Er ist ein gutmütiger Mensch, der viel verzeihen kann. Dennoch ist es ein seltsames Miteinander. Und man kommt nicht umhin, darüber nachzudenken, was eine gute Beziehung eigentlich ausmacht.

Der Schreibstil wirkt recht nüchtern. Die Handlung ist auf Wesentliches begrenzt. So scheint das Buch wie seltsames Experiment. Und trotzdem geht die Geschichte zu Herzen. Jan und Wil tun sich schwer damit, aber sie nähern sich, aus Mangel an besseren Möglichkeiten, auf eine subtile Weise aneinander an. Es ist faszinierend, das zu beobachten und sich auszumalen, wie es weitergeht. Es ist kaum vorstellbar, dass die beiden zusammenbleiben. Aber die Alternative ist ja, wieder in das alte Leben zurückzukehren und das will auch keiner. Die merkwürdige Beziehung entwickelt sich also fort. Und wie es so ist, keine Entscheidung zu treffen, ist auch eine Entscheidung.

Rezension von Heike Rau

Mathijs Deen
Unter den Menschen
Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
192 Seiten, gebunden
Mareverlag
ISBN-10: 3866482809
ISBN-13: 978-3866482807
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Julian Barnes: Die einzige Geschichte

Julian Barnes: Die einzige Geschichte

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Julian Barnes führt uns in seiner einzigartigen Erzählweise die Geschichte seines Icherzählers und dessen erster großer Liebe vor.

Auf dem Tennisplatz, wohin Paul im Alter von 19 Jahren auf Drängeln seiner Mutter zur Ausschau nach einer geeigneten Partnerin fürs Leben geschickt wurde, lernt er die zwanzig Jahre ältere Susan kennen.

Paul lebt mit seinen Eltern in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einer bürgerlichen Siedlung südlich von London in Gemeinschaft mit saturierten Bürgern der Mittelschicht.

Paul ist reichlich angeödet von dem englischen, prüden und langweiligen Milieu, in dem er aufwuchs, und das ihn nach dem ersten Studiensemester noch mehr auf die Nerven geht. Seine pauschale Bezeichnung für die Kinder dieser Schicht sind Hugos und Carolines, die nur darauf warten, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. Dort gibt es dann die obligatorische Eheschließung, Kinder, Hund und Haus.

Paul aber sucht anderes und rebelliert gegen die Vorgaben seiner Eltern.

In Susan findet er den Gegenpart zum Spießerleben seiner Umgebung. Sie hat Mann und Töchter, die sogar älter als Paul sind, ist lustig, lebt dem Augenblick, und freut sich an ihrer gemeinsamen Liebe. Ihr sexuelles Eheleben ist schon lange erloschen. Umso euphorischer ist die Erkenntnis, dass sie von ihrem jungen Liebhaber als anziehend und liebenswert empfunden wird. Leider bleibt die Zeit nicht stehen, nie, und so verliert sich die Geschichte nach und nach in einer tragischen Lebensform. Susan trennt sich von Mann und Kindern und lebt mit Paul zusammen. Er vollendet sein Jurastudium. Die Leidenschaft der Anfangszeit weicht bald einem langweiligen Alltag.

Beide wollen das lange nicht wahrhaben und klammern sich an die Erinnerung ihrer frühen ersten Begegnung.

Daneben ereignet sich eine innere Wandlung, die in erschütternder Weise Susan als innerlich leer und dem Alkohol verfallende Frau zeigt. Der Alltag spielt nun bald keine Rolle mehr. Barnes geht in die Tiefe und versucht vergeblich zu ergründen, was zu der entgleisenden Entwicklung beigetragen haben könnte. Paul ist gewissenhaft und hilft noch lange, wo und wie er kann, gibt aber schließlich auf.

Die Mischung aus Alltagsgeschichten und Beleuchtung des spießigen Bürgertums mit Ausflügen in philosophische Gedankenwelten sind es, die uns die Geschichte nahebringt, zu eigenem Nachdenken reizt und von tiefer Weisheit zeugt. Die nach und nach enthüllende Leere zwischen dem Paar lässt keine Hoffnung keimen.

In einem dritten Teil des Romans zieht Paul seiner Wege und lebt in Zukunft ein einsames Leben. Eine neue Liebesgeschichte ist nach kurzen Versuchen nicht in Sicht.

Julian Barnes wäre nicht der Schriftsteller von Weltruf, wenn er seine Geschichte nicht mit Erkenntnissen, Weisheiten, Reflexionen und der Darstellung momentaner Gefühlslagen gespickt hätte. Poetisch und brillant sind seine Stimmungsbilder, mit denen er äußere und innere Befindlichkeiten ans Licht bringt. Man ist tief bewegt und angerührt darüber, wie Lebenswege verlaufen können. Was ist determiniert, und was selbst verschuldet? Die Frage nach der Schuld stellt sich nicht. Es wird seziert und wiedergegeben, was passiert. Fazit: Lebensläufe werden von unerwarteten äußeren und inneren Entwicklungen mitbestimmt.

Am Ende erfahren wir eine resignierte Weltsicht, nüchtern und ohne Zukunftsvision oder Hoffnung.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass hier ein Autor wirklich viel vom Leben und von seinen Höhen und Tiefen versteht und dieses Wissen in geeigneter Form dem Leser zu vermitteln versteht. Dr Bogen von erster Liebe bis zum Aus ist weit gespannt und fasziniert von der ersten bis zur letzten Zeile!

Julian Barnes
Die einzige Geschichte
304 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, Februar 2019
ISBN-10: 3462051547
ISBN-13: 978-3462051544
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Jane Gardam: Weit weg von Verona

Jane Gardam: Weit weg von Verona

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Jessica ist eine aufsässige kleine Person, die immer und fast überall aneckt. Wir erleben sie als Schülerin mit 9 Jahren. Der Zweite Weltkrieg überschattet ihr Leben und das ihrer Mitmenschen an der Nordostküste von England.

Als sie in der Schule einen Schriftsteller kennenlernt, der ihre Art zu schreiben als begabt einordnet, bleibt sie besessen vom Schreiben, das sie schon lange praktiziert. Die Liebe zur Literatur und ihr Bekenntnis, dass sie nicht beliebt ist, sind die ehrlichen Selbsteinsichten dieses eigenwilligen jungen Mädchens.

Ihre Familie ist beschäftigt mit Kriegsbedrohung und Not. Der Vater, einst ein Lehrer, lässt sich an die Nordostküste Englands versetzen, wo er sich als Hilfsprediger betätigt. Jessica muss sich neu in eine fremde Schule eingewöhnen. Die Mädchen und Lehrerinnen sind ihr nicht immer wohl gesonnen!

Von Beginn an bleibt man fasziniert vom Eigensinn und von der Burschikosität, mit der sich Jessica überall ihren Weg bahnt. Sie sagt immer genau das, was ihr in den Sinn kommt und stößt damit so manchen Mitmenschen vor den Kopf.

Voller Witz und Sprachreichtum sind die Lebenserfahrungen der Schülerin, die immer wieder in denkwürdige Abenteuer – und Kriegserlebnisse verstrickt wird. Sie legt sich mit Lehrern und Eltern an und geht zielstrebig ihren eigenen Interessen nach.

Die Unmittelbarkeit und Frische, mit der Jane Gardam ihre Figur agieren lässt, zieht den Leser sogleich in Bann. Mit wehenden Kleidern läuft Jessica z. B. dem Schriftsteller nach der Schulstunde hinterher, um ihm ihre Konvolute in die Hand zu drücken, nicht ahnend, dass dieser sie nach der Lektüre in Anerkennung ihrer Begabung wirklich zu einer Schriftstellerin erklärt.

Leider kann Jane Gardam den Spannungsbogen in diesem Roman nicht durchhalten. Zu abgesetzt und willkürlich erlebt man die Abenteuer der Protagonistin, und zu viele Personen spielen in die Geschichte hinein. Es gehört Geduld dazu, um allen ihren Eskapaden zu folgen. Alleine ihre Liebe und fast Leidenschaft zur Literatur bleibt durchweg erhalten und krönt das Ende der Geschichte.

Die Autorin ist einem breiten Leserpublikum bekannt durch die Trilogie ihrer Romane um den „old Filth“ genannten Anwalt in der Kronkolonie Hongkong. Diese Romane haben die Literaturszene eines breiten Lesepublikums und auch mich zu Begeisterungsstürmen hingerissen.

Jane Gardam ist spät entdeckt worden und feierte ebenso einen späten Ruhm mit ihrem Werk. Der vorliegende Roman ist schon 1971 erschienen und gilt als ihr erster. Er kann m.E. mit den drei berühmten späteren Werken über die Anwälte in der Kronkolonie Hongkong nicht mithalten.

Jane Gardam
Weit weg von Verona
240 Seiten, gebunden
Hanser Berlin, Juli 2018
ISBN-13: 978-3446260405
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Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter

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Die Erzählung führt uns in die Mitte der sechziger Jahre an den Rand einer kleinen Stadt bei Köln: hier lebt das Ehepaar Ahrens in einem neu gebauten Einfamilienhaus mit Doppelgarage und Waschbetonterrasse. Tobi, der Sohn und Icherzähler, ist 11 Jahre alt. Schon bald ziehen neue Nachbarn ein. Sie stellen sich vor als Ehepaar Leinhard mit Tochter Rosa, die mit ihren 12 Jahren schon mitten in der Pubertät steckt.

Die sechziger Jahre werden mit diesen beiden Familien, ihrem Leben, ihren Gedanken und ihren Lebensformen vom Autor kolossal gut charakterisiert. Geht es doch darum, über Verklemmung und Fortschritt zu berichten.

Die Eheleute Leinhard verkörpern die intellektuelle Elite ihrer Zeit mit Adorno, Bloch und der Frankfurter Schule. Professor Leinhard lehrt Philosophie und ist Vertreter einer glühenden Weltbesserung. In den abendlichen Unterhaltungen wird viel vom Geist der damaligen Zeit spürbar. Ein wenig Salonkommunismus spielt in die Gespräche hinein.

Das Ehepaar Ahrens lebt in wirtschaftlich guten Verhältnissen, ist aber sexuell verklemmt, was auch dem Sohn aus nächtlich belauschten Gesprächen seiner Eltern ein wenig spürbar wird. Er kennt sich aber mit der Sexualität noch nicht so aus, denn seine Interessen liegen eindeutig bei der Erforschung des Weltraums.

Herr Ahrens ist ein liebevoller und partnerschaftlicher Vater für seinen Sohn und hält dennoch die Generationenschranke ein, “weil Kindheit schön ist“.

Als seine Frau der neuen Nachbarin nacheifert und Englisch lernen will, um wie diese Kriminalromane aus dem Englischen übersetzen zu können, ist er vollends ratlos! Was sollen die Freunde und Kollegen denken, da er doch gut verdient, und sie ihr Auskommen haben? Bürgerliche Wohlanständigkeit und eben solche Regeln vereinbaren sich schlecht mit der allgemeinen Aufbruchsstimmung hinzu mehr Freizügigkeit in allen Bereichen.

Mit dem Zusammenspiel der beiden Paare wird eine leicht erotisierende Stimmung erzeugt, die auch die beiden Kinder zusammenführt.

Woelk lässt die Zeit der sechziger Jahre neu erstehen. War es doch der Beginn gesellschaftlicher Umwälzungen in Form von Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, Befreiung der Frauen aus sexueller und wirtschaftlicher Abhängigkeit und ganz allgemein in weiten Kreisen auch Befreiung aus bürgerlichen Zwängen. Kindern wurde Freizügigkeit gewährt, und die Formen pädagogischer Allmacht lösten sich auf. Jeder wollte auf seine Weise an der allgemeinen Aufbruchsstimmung teilhaben.

Aus der Perspektive des 11 jährigen erscheinen die Beobachtungen teilweise naiv und sind von Ahnung, Unwissenheit, Hoffnung und Neugierde gekennzeichnet. Die Sätze sind knapp und kurz und zuweilen in ihrer Naivität auch drollig.

Dass die Geschichte einen unerwarteten und tragischen Ausgang nimmt, lässt sich zu Beginn nicht ahnen. Alles in Allem ist es Ulrich Woelk gelungen, ein Zeitkolorit mit adäquaten Stimmungsbildern zu erfassen. Das Büchlein ist konzentriert und inhaltsreich und sehr empfehlenswert!

Ulrich Woelk
Der Sommer meiner Mutter
189 Seiten, gebunden
C.H.Beck, Januar 2019)
ISBN-10: 3406734499
ISBN-13: 978-3406734496
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Pedro Lenz: Die schöne Fanny

Pedro Lenz: Die schöne Fanny

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Drei Freunde leben in diesem Roman in den Tag hinein: Frank alias Jackpot, Louis und Grunz; letztere sind Maler, Jackpot freier Schriftsteller. Während die beiden Maler noch etwas zustande bringen, ist der Schriftsteller immer vermeintlich auf Erfolgskurs, hat aber fast noch keine Zeile für seinen neuen Roman geschrieben. Sie leben in der kleinen Stadt Olten in der Schweiz.

Die beiden Maler sind schon an die 70 Jahre alt, Jackpot ist nur halb so alt.

Alles dreht sich um die schöne Fanny, ein Modell der beiden Maler, in die sich Jackpot unsterblich verliebt. Er wartet, sucht und findet sie ab und zu wieder, aber sie bleibt nie lange, und für ihn ist sie geheimnisumwittert. Wie sich später rausstellen soll: zu Recht!

Mit einem lockeren, amüsierten Tonfall mit zahlreichen lakonischen Einschüben hat Pedro Lenz seinen Roman garniert. Man liest ihn mit Schmunzeln und ergötzt sich an dem leichtlebigen Dasein der drei Künstler. Der Roman gemahnt an eine Art Schelmenroman, in der es um die unbeschwerte Lebensart und die heitere Liebe geht. Der Ton bleibt immer witzig und locker. Man zieht sich gegenseitig ein wenig auf und verbringt viele Stunden beim gemeinsamen Essen und Trinken. Ausstellungseröffnungen und Begegnungen mit vielerlei Charakteren geben den Roman den Pfiff und eine gewisse Aktualität. Der Text ist angereichert mit durchaus klugen, zuweilen gar philosophischen Gedanken und setzt eine gewisse Bildung voraus. „Ich beschloss, mit dem Nachdenken aufzuhören. Aber mach das mal bewusst, nicht mehr zu denken. Das funktioniert nicht, weil auch der Gedanken, nicht denken zu wollen, gedacht werden muss“. Logisch, nicht wahr?

In der Erzählung von Pedro Lenz geht es u.a. auch um die ganz alltäglichen Dinge wie die Beschaffung von Geld.

Der immer wieder angekündigte Roman von Jackpot bleibt lange nur Fiktion, denn es fehlt ihm an Eingebung. Sein Bruder, ein erfolgreicher Geschäftsmann, unterstützt ihn großzügig mit Geld, so dass er seinem Bohèmeleben frönen kann, ohne zu verhungern.

Man wartet geduldig darauf, dass seine Liebesgeschichte und die Gestaltung seines Romans Formen annimmt. So lange darf man weiter an den ergötzlichen Tagesereignissen teilnehmen.

Ach, aber alles kommt am Ende ganz anders als erwartet! Die Geschichte steuert auf ein gutes Ende zu.

Das Leben: es spielt zuweilen verrückt. In diesem Roman dürfen wir der Leichtigkeit des Seins nachspüren. Spannung darf man nicht erwarten. Man freut sich am Ende an der Auflösung des Rätsels um Fannys Leben und Jackpots Roman und hat unterhaltsame Stunden gehabt. Die Empfehlung des Schweizer Literaturclubs ist gerechtfertigt!

Pedro Lenz
Die schöne Fanny
256 Seiten, gebunden
Kein & Aber
ISBN-10: 3036957677
ISBN-13: 978-3036957678
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Jeffrey Eugenides: Das große Experiment

Jeffrey Eugenides: Das große Experiment

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Jeffrey Eugenides gehört zu den großen amerikanischen Erzählern, die in einem Atemzug mit Jonathan Franzen, Siri Hustvedt und Richard Powers genannt werden.

Mit seinem Roman „Middlesex“ machte er vor Jahren Furore.

Nun also hat er einen Band mit Erzählungen vorgelegt.

Auch hier begibt sich der Autor in die Welt der Menschen mit ihren Kümmernissen, Erfolgen und Niederlagen, es geht um Alter, Sterben und Tod. Sehr schön nimmt Eugenides in seiner ersten Erzählung Bezug auf das Buch von Wallis: „Zwei alte Frauen“, die von ihrem Stamm im Norden Alaskas abgehängt wurden, weil sie zu nichts mehr taugten. Hier sind es Cathy und Della, die Freundinnen sind und sich immer umeinander gekümmert haben. Als Della wegen Demenz ins Altenheim abgeschoben werden soll, packen sie die Sachen und entfliehen dem Heim. In Gedanken spult der Autor das Leben der beiden zurück. So entsteht eine Geschichte, die wie ein eigener kleiner Roman anmutet.

Eine Geschichte nach der anderen enthüllt die Wirklichkeit der Protagonisten, ihre Sorgen, Nöte und Liebesabenteuer. Die Geschichten sind nicht immer heiter. So ist das Leben: geprägt von Höhen und Tiefen und immer wieder von Familienbanden, die uns Menschen umgeben und so manche Missgeschicke neben der Nähe und Fürsorge offenbaren. Wir hören von Rodney und Rebecca: sie näht Stoffmäuse, von deren Verkauf die Familie lebt. Rodney frönt der alten Musik und hat sich mit dem Kauf eines Clavichords so übernommen, dass die Schulden ihm über den Kopf wachsen. Wieder eine andere Protagonistin versucht verzweifelt, durch künstliche Befruchtung schwanger zu werden. Mit den Männern hat es nicht geklappt, jetzt ist sie schon vierzig und es wird höchste Zeit für eine Schwangerschaft.

So reiht sich eine Erzählung an die andere. Man sollte Pausen machen zwischen dem Lesen, denn so inhaltsreich, persönlich und empathisch ist jede Erzählung für sich, dass man sie erst in sich nachwirken lassen will, bevor man sich an das nächste Kleinod wagt.

Alles in Allem sind die Geschichten tragisch. Sie handeln von vergehender Liebe, von Vergänglichkeit, von Alter und Tod. Sie handeln davon, wie das Leben ist!

Die Feinsinnigkeit, mit der die Figuren gezeichnet sind, machen das Leseerlebnis aus. Atmosphärisch dicht und wahrheitsgetreu wird hier gezeigt, wie wenig vielversprechend Leben sein kann. Die glücklichen Momente sind nicht von Dauer. Und doch gibt es auch Erfolge beim Lebenskampf und gelegentlichen Überlebensstrategien, die man nur bewundern kann.

Jeffrey Eugenides
Das große Experiment
336 Seiten, gebunden
Rowohlt Buchverlag, November 2018
ISBN-10: 349801675X
ISBN-13: 978-3498016753
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