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Kategorie: Belletristik

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt

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Realität mit krassen Erfahrungen.

In einer Art traumatisierter Verfassung erzählt der Icherzähler eine Geschichte, die sehr gruselig anmutet.

Eines Tages in einer Weihnachtsnacht begegnet Édouard auf dem Heimweg von einem Freundestreffen einem Mann unbekannter Herkunft. Der Fremde gerät in ein Gespräch mit ihm und folgt Édouard unaufgefordert, bis dieser ihn mit in seine Wohnung nimmt. Sie feiern eine Sexnacht zusammen, die zu einer überraschenden Wende führt: der Fremde, Reda, ist ein Gauner. Er bedroht und vergewaltigt Édouard, so dass dieser in ein schreckliches Trauma erleidet.

Reda ist Nachfahre algerischer Eltern. Was der Vater von Reda nach seiner Flucht aus Algerien in Frankreich erlebt hat, gab er seinem Sohn weiter. Rassistische Vorurteile haben den Flüchtlingen das Leben schwergemacht. Arbeitslos und ausgestoßen schlugen sie sich mühsam durchs Leben. Eine ausgedehnte Kriminalitätsrate ist die Folge dieser Ausgrenzung.

Die Tatsachen sind schnell erzählt. Édouard aber befindet sich fortan in einer Art somnambulen Ausnahmezustand. Er versucht Freunden oder seiner Schwester von der Geschichte zu erzählen. Es gelingt ihm kaum, einen zusammenhängenden Bericht zu geben. Sein gesamtes Weltbild scheint aus den Fugen geraten. Dem Leser teilt sich der Zustand nachfühlbar mit. Angst und Abscheu werden nach dem Ereignis die ständigen Begleiter von Édouards davonlaufender Zeit.

Der Roman trägt autobiographische Züge.

Grandios vermag uns der Autor in seine psychische Verfassung hinein zu ziehen. Man fühlt ständig die Angst vor neuer Bedrohung, die doch nach der ersten Begegnung und der verbrachten Nacht mit Reda so unwahrscheinlich schien.

In Wechsel erzählt der Autor aus dem Blickwinkel seiner Schwester, die ihrem Mann von Édouards Geschichte berichtet, um dann wieder Assoziationen einzufügen. Freunde sind zur Stelle, die ihm helfen, die Torturen der Nachforschungen seitens der Kriminalpolizei oder der Rechtsmediziner durchzustehen. Die eigenartige Erzählweise zwischen Bericht und Assoziation, Gefühlschaos und ängstlichen Visionen führt zu einer immensen Spannung, deren Sog man sich nicht entziehen kann. Die nächtlichen Straßen von Paris sind ebenso gegenwärtig wie die befremdliche Anziehung des Unbekannten.

Die Erzählung ist von Beginn an in einer düsteren Stimmung gehalten. Aus einer Straßenbekanntschaft kann nichts Gutes werden. Éduard ist verführbar und naiv in seinem Zutrauen einem Fremden gegenüber. Sein Verhalten scheint auch Ausdruck von Einsamkeit und Sehnsucht zu sein. Die Enttäuschung nach dem Ende der Nacht ist von ernüchternder Klarheit.

Édouard Louis kommt selber aus ärmlichstem Milieu. Er hat in dem Roman “Das Ende von Eddy“ über seine Herkunft berichtet. Er konnte seinem Herkunftsort entkommen und ein Soziologiestudium in Paris beginnen. Sein Debütroman schlug hohe Wellen in der literarischen Welt. Der zweite Roman steht dem ersten in Nichts nach. Die biographischen Züge geben dem Ganzen einen hoch komplexen literarischen Glanz.

Édouard Louis
Im Herzen der Gewalt
224 Seiten, gebunden
S. FISCHER, August 2017
ISBN-10: 3103972423
ISBN-13: 978-3103972429
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Lize Spit: Und es schmilzt

Lize Spit: Und es schmilzt

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Eine dörfliche Gemeinschaft im Dunstkreis düsterer Lebensumstände

Eva wuchs in dem Ort Bovenmeer in Holland auf.

Nach langen Jahren macht sie sich mit einem großen Eisblock im Kofferraum auf, einer Einladung ihres einstigen Jugendfreundes Pim in das Dorf ihrer Herkunft zu folgen. Ihre Eltern hat sie neun Jahre nicht mehr gesehen.

Seit dreizehn Jahren war sie nicht mehr hier, wo sie in ihrer Kindheit und Jugend auf den weiten Feldern, Wäldern und Seen mit den anderen Dorfkindern ihren Spielen nachgegangen war.

Was mag in jenem Sommer vorgefallen sein, dass sie die Heimat floh? Gab es eine Tragödie?

Im Wechsel mit dem Heute, das mit der fortschreitenden Uhrzeit eines undatierten Tages angegeben wird, kann man sich in die dörfliche Vergangenheit des Jahres 2002 einlesen.

Die Geschichte ist in ihrem Grundton traurig angelegt. U.a. hat der Tod von Jan, dem Bruder von Pim, die Gemeinschaf erschüttert.

Eva erinnert sich der Spiele in den langen Sommern, die das Landleben verschönten. Pim, dessen Eltern einen Bauernhof bewirtschafteten, Laurens aus der Metzgerfamilie und Eva denken sich allerlei Spiele aus, die allerdings mehr und mehr von grausamen Pubertätsritualen abgelöst werden.

Eva hat noch einen älteren Bruder und Tesje, die magersüchtige und zwanghaft veranlagte kleinere Schwester. Die Mutter ist Trinkerin und der Vater geht müde seinen Geschäften als Bankangestellter nach. Alles in allem ist das Leben der Erwachsenen eher freudlos und unspektakulär.

Ob Winter oder Sommer: die Jugendlichen planen ihre Spielchen, bei denen immer auch Dritte einbezogen werden. Elisa ist eine kluge Außenseiterin, die erst später in die Grundschulklasse gekommen ist. Sie hat einen Vater, ein Pferd und keine Mutter mehr und wirkt reifer und erfahrender als die anderen.

Dräuend meint man die ganze Zeit herannahendes Unheil zu spüren.

Lize Spit wählt eine raue und sehr direkte Sprache. Man wartet auf einen Eklat oder eine Erlösung mit dem Heranwachsen der Kinder. Doch weit gefehlt: es bleibt bei der unglücklichen Verfassung aller Beteiligten.

Die Geschichte wird hintergründig aufgezogen: während die Spiele Unschuld vermuten lassen, braut sich eine Ladung unguter und sadistischer Spielchen zusammen.

Der Vater von Eva zeigt ihr bei Gelegenheit, dass er schon eine Schlinge für sich bereithält.

Die magersüchtige Tesje wird schließlich von Eva und ihrem Bruder im Hospital abgeliefert.

Eva, die Hauptfigur, ist Strippenzieherin und Opfer zugleich. Ihr älterer Bruder Jonas scheint sich als einziger dem Wahnsinn dieses desaströsen Familien- und Dorfgefüges entziehen zu können. Er verlässt das Haus, um zu studieren.

Allen erwartungsvollen Hoffnungen zum Trotz gibt es kein Happy End. Lize Split zieht den Tenor ihrer von düsteren Untertönen gefärbten Geschichte erbarmungslos bis zum bitteren Ende durch.

Vielleicht gehört es zu ihrem Bestreben, Hoffnungen zu säen und die grausame Wirklichkeit siegen zu lassen. Ist Wirklichkeit so unerquicklich?

Man bleibt als Leser fraglos ein wenig ratlos zurück.

Lize Spit
Und es schmilzt
512 Seiten, gebunden
S. FISCHER, August 2017
ISBN-10: 3103972822
ISBN-13: 978-3103972825
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Irene Diwiak: Liebwies

Irene Diwiak: Liebwies

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Der Musikexperte Christoph Wagenrad reist auf Einladung eines Freundes im Jahre 1924 ins österreichische Liebwies, weil dieser hier ein Talent entdeckt hat. Doch für die junge Frau hat er keinen Blick, er hört sie nicht. Es ist Gisela, die ihn fasziniert, da sie seiner verstorbenen Frau so ähnlich sieht. Blind vor Liebe gedenkt er, aus ihr einen Star zu machen. Zu spät entdeckt er, dass ihr die Stimme dafür fehlt. Doch Gisela ist schlau. Wagenrad hat keine Wahl, er muss Gisela ans Konservatorium bringen. Sie erhält sogar die Hauptrolle in einer Oper, die August Gussendorff komponiert und die, man mag es kaum glauben, ohne eine talentierte Sängerin auskommt. Nun, eigentlich stammen die Kompositionen von seiner Frau Ida. Er macht nur das Gesamtwerk daraus. Aber wen interessiert das schon? Als Ehemann muss er seine Frau ja wohl nicht um Erlaubnis bitten. Die Frage ist nur, ob Gussendorff damit Erfolg haben wird.

Der schöne Schein ist Thema des Buches. Nach außen ist alles perfekt. Schaut man hinter die Kulissen, werden Dramen offenbart. Das alles beschreibt die österreichische Autorin Irene Diwiak mit feiner Ironie und einer gewissen Boshaftigkeit in einem ganz besonderen Schreibstil und fängt dabei auch den Zeitgeist perfekt ein. Trotz der vielen Schicksalsschläge, die hier vorüberziehen, ist der Geschichte Humor nicht abzusprechen, nur ist dieser eben teilweise rabenschwarz und tiefgründig. Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt.
Die Figuren werden äußerst lebendig beschrieben. Die, die dem Ruhm nachjagen und die, die eigentlich ihre Ruhe wollen oder zumindest ihr eigenes Leben. Zufälle, äußere Einflüsse, Ungerechtigkeit, eigenes Unvermögen und Vertrauensbruch bestimmen das Leben von Gisela Liebwies und Ida Gussendorff. Diese beiden Frauen stehen im Mittelpunkt des Buches. Sie haben es nicht einfach, durchs Leben zu kommen. Sie versuchen Chancen zu nutzen und die richtigen Entscheidungen zu treffen, biegen am Scheideweg aber auch mal falsch ab. Woher soll man auch wissen, was richtig und was falsch ist in dieser verkehrten Welt und wohin das Schicksal führen wird?

Rezension von Heike Rau

Irene Diwiak
Liebwies
336 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552063471
ISBN-13: 978-3552063471
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Jess Jochimsen: Abschlussball

Jess Jochimsen: Abschlussball

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Eine ganz und gar skurrile und aberwitzige Geschichte beschert uns der Schriftsteller und Kabarettist Jess Jochimsen!

Zumal das erste Kapitel zeigt uns einen Trompeter der Extraklasse: er spielt auf Beerdigungen, da es zum Konzertmusiker nicht gereicht hat.

Einmal im Monat wird vom Bestatter Berger ein als „Abschlussball“ titulierter Abgesang auf einen Toten abgehalten. Zumeist gilt dieser einem Armenbegräbnis. Komisch und witzig sind die Reden, die da auf die Toten gehalten werden.

Marten, unser Begräbnistrompeter, erfährt von Schocht, einem ehemaligen Klassenkameraden und Klassenprimus, der unter den Toten weilt. Auch zu seiner Beerdigung spielt er auf. Alleine der Aufzug der Trauernden bei dieser Gelegenheit ist höchst amüsant und komisch dargestellt, denn sie stammen aus den so genannten Randgruppen der Gesellschaft. Es handelt sich um ehemalige Bohemiens und Unterweltler, die sich zum „Abschlussball“ an Schochts Beerdigung einfinden. Man sieht sie förmlich in einem schleppenden Trauerzug aufmarschieren.

Nun, in weiteren Kapiteln kann man Marten in seiner Familie und auf seinem Lebensweg kennenlernen. Lakonisch, trocken und insgeheim äußerst witzig erfährt man von einem absoluten Individualisten und Außenseiter der Gesellschaft, der sich nie und nirgends auf Dauer festlegen kann. So lebt er vor sich hin, umgeben von skurrilen Einzelgängern wie ihm selbst.

Das Buch ist etwas für Menschen mit Sinn für abseitigen Humor und die skurrile Neigung zum Einzelgängertum. Man kommt die ganze Zeit aus dem Schmunzeln nicht heraus.

Immer wieder spielt der Friedhof, das Leben und der Tod die entscheidende Rolle in diesem witzigen, geistreichen und bildungsfreudigen Roman. Von Goethe bis Cioran werden die Dichter und Philosophen im passendem Zusammenhang zitiert. Man glaubt es kaum, dass man einen ganzen Roman damit bestreiten kann. Nichts ist wirklich traurig, denn der Tod gliedert sich umstandslos in das hiesige Leben. Die Musik bleibt schließlich das einzige Medium, das quasi unsterblich ist. In diesem Rankwerk um den Tod spielen frühere und späte Begegnungen hinein, sie geben dem Ganzen den lebendigen Touch, so dass man bis zuletzt gut unterhalten und immer wieder amüsiert bleibt.

Herrlich und lesenswert!

Jess Jochimsen
Abschlussball
312 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, Juni 2017
ISBN-10: 3423281162
ISBN-13: 978-3423281164
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Harriet Cummings: Eine von uns

Harriet Cummings: Eine von uns

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Der Roman spielt im Jahr 1984 in einem abgelegenen englischen Dorf. Das Leben geht hier seinen Lauf bis der Fox auftaucht. Er ist nicht wirklich ein Dieb. Aber er geht in die Häuser und hinterlässt dort Spuren. Es lässt sich also nicht leugnen, dass jemand dagewesen ist. Die Dorfbewohner werden nervös. Aber die Angst hält sich noch in Grenzen. Bis Anna verschwindet. Man ist sich schnell einig, dass der Fox sie entführt haben muss. Es kommt nichts anderes infrage. Die Polizei greift zu härteren Maßnahmen und auch die Leute aus dem Dorf beginnen, sich zu bewaffnen. Aber gegen die Angst hilft das nicht, denn der Fox könnte einer von ihnen sein.

Die Autorin baut die Spannung sehr kontinuierlich auf. Schritt für Schritt wird die Lage kritischer im Dorf. Die Menschen verändern sich, werden vorsichtiger und auch misstrauischer. Teilweise verhalten sie sich irrational. Den Fox vertreibt das nicht. Er macht gnadenlos weiter und erschleicht sich die Geheimnisse der Dorfbewohner. So mancher hat sozusagen eine Leiche im Keller. Als Leser spürt man, dass eine Entführung nicht ins Bild passt. Die Leute halten aber verbissen daran fest. Es ist spannend zu lesen, wie das Misstrauen wächst. Unaufhörlich. Gegenseitige Anschuldigungen und Verdächtigungen vergiften die Atmosphäre im Dorf. Keiner scheint seine Nachbarn wirklich zu kennen. So mancher hatte bisher auch kein Interesse an ihnen. Aber mit dieser gespielten Anonymität ist es vorbei.

Im Blickfeld stehen Deloris, die erst kürzlich wegen ihrer Heirat ins Dorf gekommen ist. Brian, der Dorfpolizist und Jim, der Vikar auf Zeit und Stan, der Anne viel besser kennt, als bekannt ist.
Es war sehr interessant für mich zu sehen, welche Entwicklung die Autorin sich für diesen Krimi ausgedacht hat, bis hin zum für mich sehr überraschenden, aber doch schlüssigen Ende.

Rezension von Heike Rau

Harriet Cummings
Eine von uns
Aus dem Englischen von Walter Goidinger
368 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552063358
ISBN-13: 978-3552063358
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Richard Ford: Zwischen ihnen

Richard Ford: Zwischen ihnen

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Richard Ford ist einer der angesehensten Schriftsteller des 20.Jahrhunderts. Mit seinen Romanen „Die Lage des Landes“ und „Kanada“ hat er sich bleibenden Ruhm verdient. Er ist einer der ganz Großen im amerikanischen Literaturbetrieb.

In seinem neuen Büchlein beschreibt er das Leben als Sohn mit seinem Vater und seiner Mutter.

Dass er eine liebevolle Beziehung zu ihnen hatte, merkt man bereits nach den ersten Zeilen und Seiten.

Beide Eltern stammen aus dem US Staat Arkansas, in dem sie mit wechselnden Wohnsitzen lebten.

Sie sind sehr verliebt, als sie sich in jungen Jahren zusammenfanden und heirateten. Der Vater war Handelsreisender. Sie liebten das Zusammensein so sehr, dass die Mutter Edna ihn auf seinen wöchentlichen Berufsreisen immer begleitete. In den Hotelzimmern schrieb er seine Berichte, und zum Wochenende fuhren sie in ihre gemeinsame Wohnung zurück. Von Anfang an wünschten sie sich Kinder. Da sich diese jedoch nicht einstellten, wuchs das Paar umso enger zusammen. Erst nach fünfzehnjähriger Ehe kündigte sich ihr Sohn Richard an. Während er als Baby noch auf die wöchentlichen Reisen mitgenommen wurde, änderte sich das, als er heranwuchs. Jetzt nahm das Leben eine Wende. Die Woche über blieb Edna mit dem kleinen Richard alleine. Umso freudiger wurde am Freitag die Ankunft des Vaters begrüßt.

Wie Richard Ford seine Eltern und deren Herkunft beschreibt, zeugt von herzlichem Interesse und ebenso herzlicher Zuneigung.

Der Vater wird als zärtlicher, gutaussehender und liebevoller Mann beschrieben. Richard fühlt sich von beiden Eltern angenommen. Diese führten eine sehr glückliche Ehe, in der Richard schnell seinen Platz fand.

In seinen Erinnerungen beschreibt Richard Ford das gleiche Leben, wie in seinen Romanen: amerikanische Mittelschicht in einem der Südstaaten der USA. Frank Bascombe ist der Held seiner Romane, der wie sein Vater Handelsreisender und Makler ist. Im Gegensatz zu den Romanen R. Fords, in denen viel über das Leben, Vergänglichkeit und Gegenwart nachgedacht wird, haben die Eltern einen sehr gegenwärtigen Spaß am Leben, erfreuen sich eines  guten Freundeskreises und führen ein unbesorgtes Dasein, ohne viel nach dem Woher und Wohin zu fragen.

Als der Vater in seinen fünfziger Jahren starb, war das glückliche Leben für die kleine Familie erst einmal zuende. Richard macht seinen eigenen Weg und sieht seine Mutter ihr Leben meistern, ohne wirklich zu wissen, wie es ihr geht.

Insgesamt reicht das Büchlein nicht an die großen Romane Richard Fords heran.

Im Leben der Familie läuft alles immer bestens, bis der Tod sie scheidet.

Es gab keine besonderen Vorkommnisse, Höhepunkte oder Niederlagen.

Die Geschichte einer glücklichen, liebevollen und unbesorgten Kindheit ist gelungen. Tiefenschärfe oder psychologisch aufschlussreiche Einsichten darf man nicht erwarten.

Das Büchlein entspricht in seinem Habitus der Momentaufnahme einer amerikanischen Durchschnittsfamilie Mitte des vorigen Jahrhunderts im Süden der USA.

Richard Ford
Zwischen ihnen
144 Seiten, gebunden
Hanser Berlin, August 2017
ISBN-10: 3446256806
ISBN-13: 978-3446256804
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Pascale Robert-Diard: Verrat – Das dunkle Geheimnis der Familie Agnelet

Pascale Robert-Diard: Verrat – Das dunkle Geheimnis der Familie Agnelet

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Agnès Le Roux stammt aus einer äußerst wohlhabenden Familie. Der verheiratete Anwalt Maurice Agnelet ist elegant und charismatisch. Er wird ihr Liebhaber und spannt sie zunächst unbemerkt für seine Ziele ein. Im Jahr 1977 verschwindet Agnès Le Roux auf mysteriöse Weise an der Côte d’Azur in Frankreich. Es wird keine Leiche gefunden, dennoch geht man bald davon aus, dass sie Opfer eines Verbrechens geworden sein muss. Agnès‘ Mutter glaubt, dass ihre Tochter ermordet wurde. Maurice Agnelet muss wissen, was passiert ist. Sie stellt Anzeige und sorgt dafür, dass er angeklagt und vor ein Gericht gestellt wird. Verurteilt wird er nicht, denn es gibt keine Leiche und keinen Tatort und damit auch keinen Beweis, dass er Agnès umgebracht hat.

Dennoch werfen bestimmte Vorkommnisse und Geldgeschäfte kein gutes Licht auf ihn. Seine Familie, seine Ex-Frau und die Söhne stehen hinter ihm. Alle schweigen, während Guillaume ihn sogar verteidigt. Dabei hat sein arroganter Vater ihm in einem unbedachten Moment den Mord gestanden. Die Jahre vergehen. Das Geständnis und die Art, wie sein Vater in seltenen Momenten von Agnès spricht, lassen ihm keine Ruhe. Und Maurice lässt ihm keine Möglichkeit zu verdrängen oder zu vergessen. Er beherrscht das Leben seines Sohnes. Irgendwann ist Guillaume an einem Punkt, nicht länger schweigen zu können.

Pascale Robert-Diard ist Gerichtsreporterin. Sie hat den Fall verfolgt und auf dieser Grundlage dieses Buch verfasst, das ein spannender und beeindruckender Roman geworden ist. Sie zeigt auf, wie ein Familienvater seine eigene und die Familie von Agnès Le Roux zerstört. Und wie Madame Le Roux immer weiter für ihre Tochter kämpft. Über Jahrzehnte. Es ist ein sehr bewegender Fall. Nicht zu übertreffen in seiner Ungeheuerlichkeit, so mein Eindruck. Dabei lässt die Autorin vor allem Fakten sprechen und schmückt wenig aus. Das Urteil fällt schließlich das Gericht!
Gezeigt wird also auch, wie das Justizsystem funktioniert. Und wie ein Mann, der vor Gericht seine Unschuld beteuert und den ansonsten nichts berührt, für einen Mord ohne direkten Beweis verurteilt werden kann. Ein Motiv und die Möglichkeit könnten ausreichen.

Rezension von Heike Rau

Pascale Robert-Diard
Verrat – Das dunkle Geheimnis der Familie Agnelet
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
160 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag
ISBN-10: 3552058575
ISBN-13: 978-3552058576
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Alice Adams: Als wir unbesiegbar waren

Alice Adams: Als wir unbesiegbar waren

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In Alice Adams Roman geht es um vier junge Leute, die am Beginn ihres Erwachsenenlebens stehen. Sie sind Studenten und lieben das Leben. Am Ende des Studiums peilt Eva eine Karriere als Finanzexpertin an, und Benedict widmet sich der Wissenschaft. Lucien ist ein wenig aus der Art geschlagen und träumt von einem freien Leben. Er verdingt sich als DJ und hat es gerne wild und ungebärdig. Seine Schwester Sylvie scheint ebenfalls aus der Spur zu laufen, denn ihre Karriere als Künstlerin macht keine rechten Fortschritte. Die vier Freunde leben, feiern, freuen sich und sind voller Zukunftspläne. Eva liebt Lucien, in dessen wildem Leben sie aber keinen Platz hat. Benedikt ist schüchtern und still in Eva verliebt. Er kann sich nicht mitteilen, so dass seine Liebe scheinbar unerwidert bleibt.

Im Sommer 1995 sind sie in Bristol zusammen. Der 9/11 in New York ist noch nicht in Sicht.

Ihr Sinn ist auf die Zukunft gerichtet. Das Leben erscheint so leicht!

Alice Adams fängt die Gespräche und Erlebnisse einer jungen Generation ein, die sich ein fröhliches, unbeschwertes und freies Leben aufbauen wollen. Erste kleine Enttäuschungen machen sich insgeheim bemerkbar. Erziehung und Herkunft aller Beteiligten bieten jedoch unterschiedliche Voraussetzung zur Bewältigung und Gestaltung des Lebens.

Die Zeiten ändern sich und bald ist man im Alltag und inzwischen auch im Jahr 2001 angekommen.

Dann schlägt es wie eine Bombe ein: Benedikt wird heiraten! Das hatte keiner von ihnen erwartet.

Über die Jahre folgen die Aufstiege und Abstiege in Beruf und Liebesbeziehungen der vier Jugendfreunde. Mit den Jahren wird klar, dass es eine Menge Hürden zu nehmen gilt, dass man vom wirtschaftlichen Auf- oder Abstieg getroffen werden kann, und dass auch Liebesbeziehungen nicht immer halten, was sie versprechen.

Man verfolgt ihr Leben über zwanzig Jahre hinweg von 1995 bis 20015.

Kurzzeitig verlieren sich die Freunde bei all ihrem Alltagsstress aus den Augen, um am Ende nach Lebenserfahrungen, existenziellen Erschütterungen und einem schwierigen Reifeprozess wieder zusammenzufinden.

Differenziert und lebensnah sind die Berichte von Alice Adams. Wie sie erste zerbröckelnde Träume erfasst und verpasste Chancen aufzeigt ist gekonnt. Warum z.B. hat es mit Eva und Benedikt nicht geklappt?

Adams beobachtet, seziert und fühlt mit und der Leser mit ihr. Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass nichts immer so läuft, wie man es sich wünscht. Das Leben bietet Reibungen und Prüfungen zuhauf, an denen Menschen reifen oder zerbrechen können.

In ihrem Debütroman scheint vieles der Realität abgeschaut, wie u.a. Hürden und Zufälle das Leben mitbestimmen. Im Bewältigen oder Versagen zeigt sich nicht zuletzt, wie einer sein Leben meistert und die Tiefschläge überwindet. Verlust von Job und Status, missglückte Ehen und sonstige Schicksalsschläge geben dem Roman die Würze, die ihn zu einem packenden Leseabenteuer macht.

Mit weitblickenden und klugen Augen zeigt uns Alice Adams, wie das Leben so spielt und was die Jugend bewegt.

Eine anrührende Liebegeschichte, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht, gibt dem Roman den richtigen Kick und lässt die Hoffnung keimen, dass Dinge sich auch einmal zum Guten wenden können. Ihr Roman bietet einen ermutigenden Ausblick auf Freundschaften, die zuweilen Familie ersetzen und dem Leben Sinn und Tiefe geben können.

Ich würde den Roman in die Kategorie: guter Schmöker einordnen.

Alice Adams lebt und arbeitet in London.

Alice Adams
Als wir unbesiegbar waren
336 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, Juni 2017
ISBN-10: 3832198415
ISBN-13: 978-3832198411
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Graham Swift: Ein Festtag

Graham Swift: Ein Festtag

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Wie wir leben und Höhepunkte des Lebens feiern.

An einem schönen Maitag im Jahr 1924 bestellt Paul seine Geliebte, das Dienstmädchen einer befreundeten Familie, in sein Elternhaus. Die beiden verleben einen lustvollen Morgen, während die gut situierte Familie von Paul einer Einladung zum Muttertag gefolgt ist. Paul und Jane genießen die Zweisamkeit einer stillen Stunde. Dann muss Paul fort, denn er wird in 14 Tagen heiraten. Er hat sich mit der Braut zum Mittagessen verabredet.

Jane darf sich noch eine Weile in dem Herrenhaus vergnügen.

Graham Swift lässt sie beschaulich durch das Haus schlendern, wo sie besonders an der Bibliothek hängen bleibt. Denn Jane liest für ihr Leben gerne!

Graham Swift benutzt knappe Sätze, mit denen er die Szenen der sexuellen Vereinigung beschreibt. Sie sind eingebettet in ganz eigene Betrachtungen über das Leben und das Sein.

Der Handlungsstrang ist kurz und übersichtlich. Jane lässt ihrer Fantasie freien Lauf und versucht sich das Treffen von Paul und seiner Braut vorzustellen. Der erste Teil der Erzählung ist ganz auf die sinnliche Begegnung der beiden Hauptprotagonisten ausgerichtet. Die Atmosphäre wirkt lebensnah und wird nahezu perfekt eingefangen. Die Schilderung von Herrschaft und Personal in den zwanziger Jahren in England ist eingebettet in die Begegnung von Paul und Jane.

Man ahnt, wie Familien sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs fühlen, in dem zwei Söhne einer der befreundeten Ehepaare ihr Leben verloren. Die Nachkriegsschmerzen sind nicht überwunden.

Das akute Geschehen ist in zwei kurze Tage gepresst. Es ist der Muttertag im Mai, an dem Personal und Arbeitgeber sich zu Ausflügen aufgemacht haben. Die linde Luft und das sommerliche Klima finden sich in poetischen Aussagen wieder. Sätze wie diese: „Primeln schossen aus dem Boden, Kaninchen hoppelten über das Feld“ (S.125) versinnbildlichen in wenigen Worten, wie der Tag sich zeigt.

Mit steter Steigerung beginnt eine subversive Geschichte, deren tragische Auswirkungen alle Beteiligten schwer trifft.

Erst im letzten Drittel des schmalen Bändchens wird Jane als anerkannte Dichterin gefeiert.

Mit klarer Sprache und flüchtigen Beschreibungen präsentiert uns G. Swift die andere Jane, die mit einem klugen Mann verheiratet war.

Allmählich verwischt die Struktur, und es erscheinen Erzählstränge, von denen man nicht weiß, sind sie schon Ausdruck von Janes schriftstellerischer Arbeit oder betreffen sie ihre Biographie. Über der ganzen Erzählung hängt ein Schatten von Melancholie und eine Stimmung des Abschieds. Einzig Jane übersteht alle Unbilden und entwickelt sich zu einer außerordentlichen Persönlichkeit voller Witz und Humor. Von J. Conrads Romanen ist sie hingerissen. Er mag ihr Vorbild für ihre Wandlung zu Schriftstellerin sein.

Graham Swift weiß seine Geschichte hinreißend und stringent zu erzählen. Wenngleich nur 140 Seiten lang ist die Erzählung voller intensiver Gedankenspiele und tief schürfender Eindrücke, so dass man bis zur letzten Seite gebannt bleibt. Es gilt „der Tatsache treu zu sein, dass viele Dinge im Leben nie erklärt werden können.“

Eine rare und lesenswerte Lektüre erwartet den anspruchsvollen Leser.

Graham Swift
Ein Festtag
144 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, Mai 2017)
ISBN-10: 3423281103
ISBN-13: 978-3423281102
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Jonathan Evison: Eine fast perfekte Ehefrau

Jonathan Evison: Eine fast perfekte Ehefrau

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Harriet ist 78, als sie sich auf eine Kreuzfahrt nach Alaska begibt. Ihr Ehemann Bernhard ist tot, und ihre Freundin Mildred hat leider abgesagt. So begibt sie sich mit Hilfe ihrer Tochter auf das riesige Schiff, das ihr zunächst Angst macht.

Ein unbekannter Erzähler beginnt, sie mit einzelnen Stationen ihres Lebens zu konfrontieren.

Eigentlich war es ein gutes Leben. Leider kommen nach und nach Details ans Licht, die lebenslange Lügen überdeckt hatten.

Der gute Ehemann Bernhard entpuppt sich in der Rückschau als ganz untreuer Gefährte, der sie Jahre lang mit ihrer besten Freundin betrogen hat. Er gab vor, berufliche Dinge zu erledigen und nahm sich kaum Zeit zur Pflege ihrer ehelichen Beziehung. Die Kinder, ein Sohn und eine Tochter, hat sie praktisch alleine großgezogen. Zum besseren Verständnis ihrer Lage muss man wissen, dass ihr Vater ein erfolgreicher Anwalt war, während Bernhard nur so eine Art aufgestiegener Hausmeister ist.

In zahlreichen kleinen Episoden wird Harriets ganzes Leben transparent. Der Erzähler, den man auch als eine Art innerer Instanz betrachten kann, konfrontiert sie mit Tatsachen, die sie lange verdrängt hatte. Ob es ihr eigener Kindergeburtstag mit sechs Jahren war oder der ihrer Tochter, ob Bernhard Hochzeitstage ausfallen ließ und sich unter vorgeblicher Arbeit anderweitig verlustierte, ob Sex oder Gespräch, und dass sie ihr eigenes erstrebtes Jurastudium nie vollbrachte: es war alles in Allem ziemlich dürftig, was am Ende übrig blieb!

In einer wunderbaren Szene wird an die Belastung mit dem an Alzheimer erkrankten Bernhard erinnert: Schreckliches hat sie mit ihm da erlebt! Unverhohlen beschreibt die innere Instanz ihren Hass auf diesen Mann, der nicht mehr ihr Bernhard ist, ganz abgesehen davon, dass seine geheime Liebe sich mit derlei Nöten nicht herumschlagen muss.

Mit diesem subtilen Roman, in dem eine Lebensbilanz erstellt wird, ist Jonathan Evison eine hervorragende Sozialstudie gelungen. Er kann unterhaltend und ironisch, auftrumpfend und bissig von einer alten Dame erzählen, die die letzten Jahre alleine zubringen muss. Die Fülle des Lebens findet Raum in den zahlreichen Szenen aus unterschiedlichen Lebensabschnitten.

Der Kunsttrick besteht darin, einen Erzähler als Gegenüber zu wählen, der Harriet mit all’ den Ungereimtheiten in ihrem eigenen und dem Leben ihres Mannes und ihrer Kinder konfrontiert. In jedem Leben mag es Vergangenes und Verdrängtes geben, das tief verborgen in uns allen schlummert und zuletzt ans Licht drängt. Hier findet diese Form der Unterhaltung ihre Krönung, indem der Spannungsbogen weit über die Jahre von der Kindheit bis zur Bahre ausgebreitet wird. Jeder Lebensabschnitt hat seine Glücksmomente und seine in den Tiefen der Seele versteckten traurigen und unglücklichen Momente. Die Offenheit und die Wahrheit machen ein Leben erst komplett.

Jonathan Evison wurde für seinen ersten Roman „ Alles über Lulu“ ausgezeichnet und lebt mit seiner Familie in Bainbridge Island im Bundesstaat Washington.

Jonathan Evison
Eine fast perfekte Ehefrau
288 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, März 2017
ISBN-10: 3462048252
ISBN-13: 978-3462048254
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