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Kategorie: Belletristik

Petra Pellini: Der Bademeister ohne Himmel

Petra Pellini: Der Bademeister ohne Himmel

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Dies ist die hinreißende Beziehungsgeschichte zwischen einer 15 jährigen
und einem 86 jährigen, die beide in ihrem Leben so recht nicht wissen, was
anzufangen!

Linda kümmert sich um Hubert, den pensionierten Bademeister, der langsam in Demenz versinkt. Sie ist feinfühlig, einfallsreich und hat eine sensible
Beobachtungsgabe.
Auch hat sie Kreativität und Humor und weiß mit immer neuen Einfällen Hubert aus seiner Lethargie herauszuholen. Tief sitzt sein Kummer auch nach sieben Jahren noch, da er seine geliebte Rosalie verloren hat. Linda ist willkommen, weil sie ihn erheitert.

Der Lebensgefährte ihrer Mutter ist Bestatter. Die ironischen Blicke und Kommentare von Linda zu diesem Thema zeugen von aufgewecktem Witz.
Es gibt weitere Mitspieler. Ewa ist die liebevolle polnische Hilfskraft, auch sie ein originelles Wesen, die sich um das leibliche aber auch seelische Wohl ihres Pfleglings bemüht.
Kevin, Lindas Schulfreund und Kumpel, ist ebenso wichtig wie „Schmetterling“, die Tochter von Hubert.

Die Erzählung ist zart, zuweilen ausgestattet mit Komik, immer aber auch ein wenig melancholisch. Jeder hat seine kleinen Träume, Beziehungswünsche und Versagungen. Und jedem widmet die Autorin ihr ganzes Herz! Wenn die Geschichte auch gelegentlich nüchtern daherkommt, so merkt man die ganze Zeit, wie viel Gemüt in jeder Person steckt, und wie man sich gegenseitig, sehr verhalten nur, mit Zuhören und kleinen Wohltaten helfen kann.

Petra Pellini ist eine hervorragende Menschenkennerin, die in ihrem Roman zeigt, wie schwierig menschliche Lebenswege sein können. Sie lässt schweigen, wo das angebracht ist, und fasst bei passender Gelegenheit Gefühle unaufdringlich in Worte. Die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Linda und Hubert ist anrührend.

Ich bin entzückt, nach langer Zeit einmal wieder ein wirklich tiefschürfendes Werk kennenzulernen, das nüchtern, klar und mitfühlend über das Leben zu schreiben weiß.
Petra Pellini hat in der Altenpflege gearbeitet und weiß, wovon sie schreibt!

Petra Pellini
Der Bademeister ohne Himmel
Kindler Verlag, 7. Auflage, Juli 2024
320 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3463000687
ISBN-13: 978-3463000688
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Martina Behm: Hier draußen

Martina Behm: Hier draußen

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Lara und Ingo haben sich einen Traum erfüllt, haben die Großstadt verlassen und sind mit den Kindern aufs Land gezogen. In Fehrdorf ist das Leben noch ruhig und beschaulich. Für Ingo bedeutet es aber auch, dass er pendeln muss. Und im Berufsverkehr braucht er für die Strecke doch länger als gedacht. Lara, die im Homeoffice arbeitet, ist mit den Kindern oft allein. Und mit den anderen Dorfbewohnern in Kontakt zu kommen, ist gar nicht so einfach.

Das Haus bietet viel Platz, so wie gewünscht, aber es hat Mängel, die dann doch mit der Zeit immer mehr ins Gewicht fallen. Es ist schlecht zu heizen. Dann passiert Ingo auch noch ein Unfall mit einer weißen Hirschkuh. Das gab es schon mal, ist lange her. Aber der Aberglaube, dass so etwas Unglück bringt und vielleicht sogar den Tod innerhalb eines Jahres, hält sich hartnäckig. Immerhin ist der Dorfjäger mit im Boot.

Im Buch geht es aber nicht nur um Lara, Ingo und ihre Kinder. Der Blick fällt auch auf andere Bewohner des Dorfes. Was bringt die Einheimischen dazu, zu bleiben? Und was hat die Zugezogenen dazu bewegt, aufs Land zu ziehen? Haben sie sich integrieren können? Wie auch immer, die Sache mit der weißen Hirschkuh bringt die Landidylle aus dem Gleichgewicht. Wer weiß schon, in welche Weise sich die Prophezeiung erfüllen wird.

Ich fühlte mich mittendrin beim Lesen. Die Autorin hat viel hineingepackt, beschreibt das Landleben vielschichtig durch den Wechsel der Perspektiven. Dabei schlägt sie einen eher gleichmütigen Ton an, setzt dabei aber auch ironische, traurige oder hoffnungsvolle Akzente. So vielfältig wie das Leben eben ist. Hier fließt so viel an Gedanken, Stimmungen, Empfindungen und Ansichten der Dorfbewohner ein. Einerseits ist da die Liebe zur Heimat zu spüren, andererseits zeigt sich, dass das Landleben alles andere als einfach ist. Lebensträume erfüllen sich selten und mancher Lebensentwurf wirkt festgefahren.

Es mag der Tod der Hirschkuh sein, der einen Wandel bewirkt. Der Aberglaube ist tief verwurzelt und kann Unheil für das Dorf bedeuten. Das schärft die Sinne und die Aufmerksamkeit. Vorkommnisse werden anders bewertet. Und einige fragen sich, wie es wäre, aus dem Trott auszubrechen oder mit Familientraditionen zu brechen, schließlich ist das Leben endlich. Und so bekommt die Handlung eine ganz eigene Dynamik.

Rezension von Heike Rau

Martina Behm
Hier draußen
469 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, März 2025
ISBN-10: 3423284781
ISBN-13:‎ 978-3423284783
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Husch Josten: Die Gleichzeitigkeit der Dinge

Husch Josten: Die Gleichzeitigkeit der Dinge

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Lebensgeschichten aus dem Diesseits

Dieser Roman übt eine seltsame Faszination auf den Leser aus.
Ein Deutsch-Franzose mit Namen Sourie verkehrt im Gasthaus eines verkappten Schriftstellers. Er heißt Jean Tobelmann und wohnt in Köln, wo er in dritter Generation ein Restaurant führt.
Sourie ist ein eigenartiger Typ: mit Leidenschaft beschäftigt er sich mit dem Tod. Auf einem Friedhof hat er die 27 Jahre ältere Tessa kennen und lieben gelernt. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne, was sie aber nicht daran hindert, mit Hingabe den jungen Sourie zu lieben.

Die genannten Personen treffen sich immer wieder bei Tobelmann, der sich Souries Freund nennt. Sourie ist studierter Philosoph, arbeitet aber als Pförtner in einem Altenheim.

In langen Gesprächen, auch fast Vorträgen gleich, erklärt Sourie, wie man sich in der Philosophie und Geschichte dem Phänomen des Todes genähert hat. Wie man weiß, ist der Tod das einzige Geschehen im menschliche
Leben, das nicht erforscht ist und nicht zu erforschen sein wird. Niemand kam zurück und könnte berichten.
Das scheint zwar das Hauptthema der Geschichte zu sein, in Wirklichkeit aber geht es um Sourie, um Freundschaft, Liebe, und Tod.

Als Sourie eines Tages unerwartet stirbt, will Johann Tobelmann seine Geschichte aufschreiben. Dabei erfährt er erstaunliche Dinge.

Die Erzählung ist von einem sublimen Humor, wirkt ein wenig skurril und trägt doch Züge des wirklichen Lebens. Man gewinnt den Hauptakteur Sourie lieb, ist neugierig, wie er zu seinem sonderbaren Lebensalltag als Pförtner in einem Altenheim gefunden hat, und wie es zu der Liebe zwischen ihm und Tessa kam. Nicht das Alter oder der Körper bilden die Säulen dieser Liebe, sondern das gegenseitige Interesse für alternde Menschen und deren Hinscheiden. So gehen sie regelmäßig zu Besuch zu alten Menschen, um sie von ihrer Einsamkeit zu befreien und deren Lebensschicksale zu ergründen.

Das Thema Tod und die Unwägbarkeit von Zeit und Stunde, wie und wann der Tod zu einem kommt: das alles ist des Nachdenkens wert. Der Protagonist Sourie zeigt uns, wie das geht. Die Erzählung ist nicht düster, tragisch oder deprimierend. Liebe, Freundschaft und Verstrickungen im Leben können spannend und erheiternd sein. Der Tod aber ist der Begleiter, dem niemand entkommen kann.

Die geschilderte Atmosphäre in Tobelmanns Gaststätte, Erlebnisse auf Friedhöfen in Paris oder die aus der Hand lesende Frau Friedemann: man begegnet interessanten Charakteren, die alleine die Lektüre zu einem Erlebnis machen.

Die Erkenntnis, worauf Souries Todesgedanken beruhen, bringt ein tragisches Ereignis zutage. Der Angriff auf das „Bataclan“ in Paris spielt dabei eine entscheidende Rolle. Einfließende philosophische Betrachtungen geben dem Buch den anspruchsvollen Stil, den es verdient.

Für den interessierten und anspruchsvollen Leser ist die Geschichte ein Muss!

Die Autorin ist vielfach ausgezeichnet. Sie lebt in Köln.

Husch Josten
Die Gleichzeitigkeit der Dinge
Berlin Verlag, 3. Auflage, August 2024
224 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3827015138
ISBN-13: 978-3827015136
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Daniela Krien: Mein drittes Leben

Daniela Krien: Mein drittes Leben

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Das Cover des neuen Romans von Daniela Krien verspricht Leichtigkeit. Aber dem ist nicht so! Traurig ist die Geschichte, und mit Trauer und Verzweiflung macht uns Krien zum Teilnehmer einer schweren Lebenskrise.

Linda heißt die Protagonistin, die durch den Unfalltod ihrer 17 jährigen Tochter jäh aus allen Bezügen gerissen scheint. Sie ist Kuratorin schöner Künste, und ihr Mann Richard ist Maler und Bildhauer.

Linda hat sich nach dem Tod der geliebten Tochter in ein hässliches, stilles Dorf zurückgezogen. Dort lebt sie mit einem Hund und vielen Hühnern. Es ist ein karges, stilles Leben, an dem sie niemanden teilnehmen lässt. Ihren Mann hat sie in der Stadtwohnung in Leipzig zurückgelassen, wo er alleine mit seinem Kummer bleibt.

Daniela Krien kann tief in die Seelen ihrer Figuren hineinschlüpfen. Fein sind die Fäden, mit denen sie uns in ihre Geschichte hineinzieht.

Lindas Familienverhältnisse offenbaren sich uns. Es gab zwei Kinder ihres Mannes aus einer früheren Ehe. Sie verliert sich aber ganz in der Liebe zu ihrer Tochter Sonja, als dieses lang ersehnte Kind in ihr gemeinsames Leben trat.

Nach dem Todesschock ist nichts mehr wie vorher. Sie vegetiert mehr als dass sie lebt. Und Richard, ihr Mann, bemüht sich immer wieder, sie aus ihrem trostlosen Alltag herauszureißen.

Mit wachem Blick und tiefem Nachempfinden versteht es die Autorin, uns an diesen verlorenen Lebensschicksalen teilhaben zu lassen. Sie kann psychologisch nachvollziehbar die Verzweiflung und fast Erstarrung von Linda thematisieren. Da ist keine Bindung an das Leben mehr sichtbar. Ein paar Nachbarn in dem Dorf und eine Freundin mit behindertem Kind sind die einzigen menschlichen Begegnungen, von denen man hört.

Richard sieht sich mit seinem Kummer allein. Dass er schließlich Hilfe bei einer anderen Frau sucht, ist ebenso gut vorstellbar, wie die Verwirrung, in die er und auch Linda hineingezogen werden. Jeder versucht mit seinem Leid auf die eigene Weise fertig zu werden. Man kann einmal mehr sehen, wie verschieden Menschen sind, und wie unterschiedlich sie nach Lösungen suchen. Dass die Hilfe beieinander möglicherweise leichter wäre, wird erst gegen Ende des Romans deutlich.

Die ganze Geschichte ist so gestaltet, dass man mit jeder der Figuren mitfühlen kann. Das ist die hohe Kunst von Schriftstellern, die, wenn auch fiktiv, ihren Protagonisten Leben einhauchen, um auf diese Weise ihre Leser mitzunehmen.

Es ist ein weises und kluges Buch, das uns D. Krien hier präsentiert. Die Trauer ist zwar sehr beherrschend, zeigt aber nur, dass kein Leben ohne Hürden und tiefe Krisen verläuft. Nur die Bewältigungsstrategien unterscheiden sich voneinander

Daniela Krien
Mein drittes Leben
Diogenes, August 2024
304 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3257073054
ISBN-13: 978-3257073058
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Alexia Casale: Ein Mann zum Vergraben

Alexia Casale: Ein Mann zum Vergraben

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Mit der gusseisernen Pfanne hat sie ihn erschlagen. Es war nicht geplant, aber Sally hat sich gewehrt, aus Angst, dass er ihr erneut wehtut. Und nun ist ihr Ehemann tot. Sie weiß, dass sie die Polizei rufen müsste. Doch ihr geht so viel durch den Kopf. Sie will nicht ins Gefängnis. Also isst sie erst einmal ein Stück Kuchen. Die ganze Tragweite ihrer Handlung wird ihr erst später bewusst, da hat sie schon zwei Tage verschwendet. Wie soll sie Jim nur loswerden? Und eine glaubhafte Erklärung für das Verschwinden ihres Ehemannes muss sie auch finden.

Doch geht es auch anderen Frauen wie ihr. Mehr durch Zufall lernt Sally, Ruth und Samira kennen und auch ihre Freundin Janey meldet sich wieder. Keine hat in mörderischer Absicht gehandelt und doch sind nun vier Männer tot. Die Frauen wollen sich zusammen tun, sich um die Entsorgung kümmern und so schmieden einen Plan.

Häusliche Gewalt ist ein schwieriges Thema, mit dem sich kaum einer auseinandersetzen mag. In eine skurrile Geschichte verpackt, scheint es zugänglicher zu sein. So hat es die Autorin gemacht. Dennoch wird ihre Botschaft deutlich.

Das Buch arbeitet das Thema also auf eine humorvolle Weise auf, was eigentlich ein Widerspruch ist. Es wird dennoch aufgezeigt, welche Auswirkungen häusliche Gewalt auf die Lebensbereiche von Frauen haben kann und wie Ängste den Alltag bestimmen. Warum sie dennoch schweigen und ihre Männer nicht verlassen, kann verschiedenste Gründe haben. Das wird ebenfalls aufgegriffen. Sally, Ruth, Samira und Janey haben ihre eigenen Geschichten, die sie, nachdem sie Vertrauen aufgebaut haben, miteinander teilen.

Der Handlungsort ist eine Kleinstadt während des Corona Lockdowns. Das macht es den Frauen nicht gerade leichter, regelmäßig in Kontakt zu kommen. Andererseits müssen sie nicht mit Besuchern rechnen, stattdessen aber mit den neugierigen Blicken einer Nachbarin, die die Einhaltung der Corona-Regeln mit übergroßer Sorgfalt überwacht.

Auch wenn das Buch eine Komödie ist und die Handlung ausgesprochen skurril, wird es doch sehr emotional. Die Ernsthaftigkeit des Themas wird mit Humor überspielt, sodass sich das Buch leicht liest. Ein guter Spannungsbogen macht das Dranbleiben einfach. Zum Ende hin wird es sehr aufregend.

Sally ist die Hauptperson und ihr kommt man besonders nahe. Sie macht sich über so vieles Gedanken und versucht die Geschehnisse aufzuarbeiten, sodass man sich in sie gut hineindenken kann. Im Nachwort zeigt Alexia Casale noch einmal auf, was ihr wichtig ist, und warum sie die Geschichte auf diese Weise geschrieben hat.

Alexia Casale
Ein Mann zum Vergraben
Aus dem Englischen von Christine Blum
432 Seiten, broschiert
dtv Verlagsgesellschaft, Juli 2024
ISBN-10: 3423220805
ISBN-13: 978-3423220804
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Colm Tóibín: Long Island

Colm Tóibín: Long Island

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Der bekannte irische Autor Colm Tóibín hat eine hinreißende Liebesgeschichte erfunden.

In Fortsetzung seines Romans „Brooklyn“ lebt die gebürtige Irin Eilis in Long Island mit ihrem Mann und zwei wohl geratenen heranwachsenden Kindern.

Alles scheint glücklich und zufrieden bis Eilis erfährt, dass ihr Mann Toni mit einer Kundin ein Kind gezeugt hat. Er ist Installateur. Seine italienischstämmige Familie mit Geschwistern und Schwiegermutter lebt im Umkreis, so dass Eilis sich von der Familie umgeben weiß. Diese verlangt von ihr, das Kind der anderen im Familienkreis aufzunehmen.
Ihre irische Familie und eine große Liebe hat sie vor zwanzig Jahren in Irland zurückgelassen.
Jetzt packt sie entschlossen ihre Koffer, um ihre alte Mutter in Irland zu besuchen, denn sie hat nicht die Absicht, sich um ein fremdes Kind zu kümmern.

Tóibín baut eine lange Geschichte auf, in deren Verlauf man hineingezogen wird in das irische Leben in einer kleinen Stadt. Mit Spannung erlebt man die verschiedenen Verbindungen, in denen sich die einzelnen Protagonisten befinden. Es ergeben sich so allerhand Verwicklungen dabei.

Hin- und hergerissen ist Eilis zwischen ihrer amerikanischen Familie und Irland, wo sie eher in das enge dörfliche Leben eintaucht.

Intrigen und Klatsch zwischen scheuen Kontakten beherrschen das Geschehen.

Wunderbar spürt man die spröde irische Landschaft, das kalte Meer und die Stimmung zu den verschiedenen Jahreszeiten. Dazwischen die aufwühlenden Gefühle zwischen den Liebenden Eilis und Jim, die zu keinem wirklichen Entschluss für ein weiteres Leben zu zweit finden können.

Mit psychologischem Feingefühl und tiefem Verstehen für die anstehenden Konflikte führt uns der Autor zu den Lebenswegen der verschiedenen Hauptfiguren. Auch die Nebenfiguren aber sind zur Charakteristik der Situation wichtig. Sie scheinen dem wahren Leben entnommen. Fragen tun sich auf, die keine Antworten erfahren. Auf diese Weise bleibt Neugier gepaart mit weiteren Fragen. Das macht den Reiz der Erzählung aus: dass Fragen offenbleiben! Dadurch bekommt das, was wichtig ist, ein größeres Gewicht.

Dass es starke und schwache Charaktere sind, die uns begegnen, ist eklatant. Alles ereignet sich so, wie es im richtigen Leben sein könnte.

Unterschwellig neben allen Schilderungen des Lebens bleibt die Frage: wird Eilis wieder mit Jim zusammenfinden?

Die heimlichen Treffen, die heimlichen Absprachen: alles bleibt in der Schwebe. Der Leser wird stark auf die Folter gespannt und bleibt es bis zum Schluss, dessen Ende hier nicht verraten werden soll.

Der gleichbleibende Fluss der Erzählung beschert dem Leser ein ungetrübtes Lesevergnügen.

Ein gelungeneres Buch habe ich lange nicht gelesen. Familiengeschichte, Liebesgeschichte und Ländergeschichte: es ist alles enthalten und Spannung pur, wenngleich die Gefühle immer verhalten bleiben.

Colm Tóibín kann man durchaus als Meister seines Fachs bezeichnen.

Colm Tóibín
Long Island
Carl Hanser Verlag, 13. Mai 2024
320 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3446279474
ISBN-13: 978-3446279476
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Anna Enquist: Die Seilspringerin

Anna Enquist: Die Seilspringerin

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Eine Frau um die 40 Jahre steht am Scheideweg: sie ist eine erfolgreiche Komponistin und sehnt sich zugleich nach einem Kind! Doch stete Selbstzweifel und vermeintliche Empfängnisunfähigkeit behindern die Erfüllung dieses Wunsches.

Anna Enquist entwirft das Bild eines Lebens, das düster und lebensunfroh wirkt.

Alice, der Protagonistin der Geschichte, war der Erfolg als Künstlerin nicht in die Wiege gelegt worden. Ihre Eltern waren bildungsfern und bürgerlich angepasst. Eine gute Erziehung, anständige Manieren und ein anerkannter Beruf gehörten zu ihren Lebenszielen. Diesen Ansprüchen will Alice nicht entsprechen! Schon früh zieht es sie zur Musik!

Mit Energie und Ausdauer hat sie es aufs Konservatorium geschafft. Freundliche Lehrer und Dozenten haben sie gefördert. Die eine oder andere Liebesbeziehung verlief nicht glücklich, und Alice sieht in sich immer noch das ungeliebte Kind. Einmal mehr kann man in diesem Roman erfahren, wie sehr die Herkunft das Leben eines Menschen zu beeinflussen vermag.

Eine psychologische Binsenweisheit besteht in der Tatsache, dass Menschen sich in den Augen des Gegenübers spiegeln. Wer als Kind erfährt, dass man dem Idealbild der Eltern nicht entspricht und dadurch ständige Entwertung erfährt, bleibt lebenslang im Zweifel über den Selbstwert.
Das ist keine gute Voraussetzung für ein glückliches Leben.

Alices Ehemann, ein Finanzjurist, bietet ihr äußere Sicherheit. Er wirkt froh, zufrieden und unbeschwert. Für ihre Arbeit interessiert er sich nur nebenbei. Zunehmend wird die Beziehung zu seiner Frau von deren drängendem Kinderwunsch beeinträchtigt.

Alice begibt sich auf eine Gedankenreise in die Vergangenheit. Sie sucht im Vergleich mit bekannten Komponisten Trost für ihr eigenes Los. Haydn hat es ihr dabei besonders angetan. Die Erfolge in der so genannten E -Musik, die sie unzweifelhaft hat, verblassen angesichts ihrer Selbstentwertung, wenn sie bedenkt, dass sie ihr Geld unter einem Pseudonym mit oberflächlichen Werbemelodien verdient. Schließlich begibt sie sich in Therapie.

Bis zuletzt bleibt Alice trotz ihrer wachsenden Erfolge eine von Selbstzweifeln geplagte Frau. Ihr Wunsch nach einem Kind und ihr zunehmender Ruhm als Komponistin zeigen, dass sie von wechselnden Gefühlsausbrüchen gepeinigt wird. Die Autorin überrascht uns mit einem rätselhaften Ende.

Anna Enquist hatte selber eine musikalische Ausbildung und arbeitete nach ihrem Studium der klinischen Psychologie als Psychoanalytikerin.

Das Können und ihr Wissen über musikalische Prozesse, Kompositionslehre und Entstehungsprozesse von Kompositionen aller Art ist beachtlich. Dazu kommt das Wissen der Autorin über seelische Tiefen und Abgründe, das in ihren Figuren ihren Ausdruck findet.

Der Roman ist tiefschürfend, gibt Anregung zum Nachdenken und ist mit den verschiedenen Erzählsträngen zwischen Kinderwunsch, fortschreitendem Alter und Frau unter mehrheitlich männlichen Kollegen ausgesprochen vielschichtig.

Anna Enquist
Die Seilspringerin
Luchterhand Literaturverlag, März 2024
304 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3630877222
ISBN-13: 978-3630877228
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Dani Shapiro: Leuchtfeuer

Dani Shapiro: Leuchtfeuer

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Der vorliegende Roman von Dani Shapiro behandelt eine Familiengeschichte mit berührenden Facetten. Die Erzählung wird nicht chronologisch erzählt, sondern sie verläuft in Zeitsprüngen zwischen 1970, 1985 und 2014 bis 2020.

Die Familie lebt in Avalon im Staat New York.
Beginnend mit einem tragischen Autounfall werden wir den Lebenslinien aller betroffenen Personen folgen.

Sarah ist 17 und Theo 15, als der Autounfall vor ihrem Elternhaus ihr Leben total verändert. Wir erfahren sogleich, was sich zugetragen hat, und wer sich schuldig gemacht hat. In einem stillen Übereinkommen wird über den Vorfall eisern geschwiegen.

Wir sehen Jahre später, wie Sarah sich zu einer erfolgreichen Drehbuchvermittlerin-und Produzentin entwickelt hat.
Sie hat Zwillinge und einen Mann Peter, der nicht gar so erfolgreich ist. Von New York ist ihre kleine Familie nach Los Angeles gezogen, wo sie im Kreise mehr oder weniger erfolgreicher Filmleute ihrem Alltag nachgehen.
Es geht ihnen wirtschaftlich gut. Leise deutet sich an, dass Sarah an einem geheimen Kummer leidet, der sie innerlich peinigt und unüberlegte Handlungen auslöst.

Theo ist am Ende seiner Jugend für viele Jahre verschwunden.
Ben und Mimi Wilf, die Eltern, altern über die Jahre. Auch an ihnen zehrt ein Kummer.

Das alltägliche Leben wird mit allen Schattierungen in den Fokus gerückt.
Jede Figur kommt in einem eigenen Kapitel zur Geltung.
Mimi, die fröhliche und glückliche Frau und Mutter, wird am Ende dement sein.

Wenn ein Kapitel endet, gerät für den Augenblick auch die Figur aus den Blick.

Es gibt neben den Wilfs noch eine Familie in der Nachbarschaft, die Shenkmans. Ben hat als Arzt dem kleinen Sohn ins Leben verholfen, als die Notfallhilfe zu spät kam. Der inzwischen zehnjährige Waldo hat eine tiefe Neigung zur Astronomie. Er ist hingerissen von fremden Himmelskörpern und verbringt viel Zeit damit, das Universum zu erforschen. Sein Vater ist streng und versucht, dem Sohn diese Leidenschaft auszutreiben. Später werden Waldo und Ben dem Rahmen der Handlung einen nachdenklichen Schlusspunkt verleihen.

Die Familien sind ihren Ritualen nach jüdische Familien.
Die eigenen Charaktere aller Protagonisten gewinnen durch die Schilderungen von Dani Shapiro Konturen.
Wie sie ihre Geschichte angeht, zeugt von überragender Fähigkeit, Geheimnisse als solche zu belassen. Sie baut Spannung auf, die den Leser fasziniert und irritiert zugleich.

Kleine Begegnungen, Gespräche und Handlungen leuchten kurz auf, um dem großen Ganzen wieder Raum zu geben. Die Nebengeschichten sind wichtig, weil sie den Blick öffnen, um die Lebensschicksale zu beleuchten und zu verstehen. Warum über das Geheimnis, das alle plagt, nicht gesprochen wird, und zu welchen Konsequenzen unausgesprochene Ereignisse mit belastendem Charakter führen können, das führt Dani Shapiro mit klugen Einlassungen aus.

Diese Familiengeschichte umfasst viele Jahre. Vom Beginn des Lebensglücks bis zu ihrem Fortgang und Ende sehen wir, was mit dem Vergehen der Zeit aus allen geworden ist.
Es ist ein faszinierendes Familienporträt.

Dani Shapiro
Leuchtfeuer
hanserblau, Februar 2024
288 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3446279350
ISBN-13: 978-3446279353
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Elizabeth Strout: Am Meer

Elizabeth Strout: Am Meer

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Lucy Barton ist die Heldin dieses Romans. Wir kennen sie schon aus früheren Werken, so wie E. Strout ihre Protagonisten in ihren Romanen häufig wiedererstehen lässt.

Aufhänger für die Erzählung ist die sehr dramatische Geschichte der Pandemie, die uns vor einigen Jahren heimsuchte, und durch die so viele Menschenleben ausgelöscht, jedenfalls aber aus der Bahn geworfen wurden.
Um dieses Geschehen entwickelt E. Strout ihre Geschichte von Liebe und Vergehen.

Lucy, die erfolgreiche Schriftstellerin, ahnt nichts, als ihr Exmann William sie auffordert, schnell und unvorbereitet mit ihm einige Zeit nach Maine ans Meer zu fahren. Ihr Mann David ist kürzlich verstorben, und William ist gerade von seiner dritten Frau verlassen worden. Er ist emiritierter Professor.

Sehr bald wird auch Lucy klar, wie ernst die Lage für uns Menschen überall auf der Welt geworden ist. Die Behörden in New York werden kaum fertig mit den zahlreichen Kranken und Toten.
Wie aber werden zwei ehemals sich sehr nahestehende Menschen auf engem Raum diese Lage bewältigen?
Lucy trauert um ihren zweiten Ehemann, an den sie so herzliche und gute Erinnerungen hat. William aber war ihr immer ein Freund geblieben.

Wie Elizabeth Strout die Gefühle und den Umgang der beiden miteinander beobachtet und nachfühlt, macht ihr so schnell keiner nach! Die zwei erwachsenen Töchter, um die Lucy sich sorgt, spielen keine geringe Rolle im Leben der zwei.

Neue Begegnungen, Erinnerungen an Vergangenes, ihre Töchter und deren Lebenswege, Veränderungen vielfältiger Art: das alles nimmt Elizabeth Strout zum Anlass, uns davon zu erzählen. So entsteht ein Kleinmosaik der Welt, in der die großen und gravierenden Ereignisse ebenso ihren Platz haben, wie die Schicksale im Kleinen. Die Autorin nutzt wie immer ihre Fähigkeiten, uns so nah wie möglich am äußeren und inneren Leben ihrer Protagonisten teilnehmen zu lassen. Lucy ist in ihren Schilderungen eine warmherzige und mitfühlende Seele. Sie kann trösten, und sie ist interessiert am Geschehen um sie herum. Sie pflegt Freundschaften und gesteht sich zugleich ihre eigenen Schwächen ein.
Der Leser fühlt sich unmittelbar mit einbezogen in ihr Leben.

Es geht um Verluste, um Ängste, um Glück und verlorenes Glück, um Beziehungen der Menschen untereinander, um Irrtümer und Erfahrungen, die Vielfalt des Lebens und „Welches Glück, dass wir nicht wissen, was uns im Leben erwartet.“ (Klappentext)
„Es ist unsere Pflicht, die Bürde des Unerklärlichen mit so viel Anstand zu tragen, wie wir können.“(S. 159)
Sätze wie diese bilden in zahlreichen Passagen die Essenz der Lebenserfahrungen.

Der Leser erfährt Dinge, die ihn anregen, an eigene Erinnerungen anzuknüpfen. Der Roman ist im besten Sinne Unterhaltungsliteratur mit feinem Gespür für die seelischen Verwerfungen, denen wir Menschen anheimfallen können. Liebe, Trennungen, unerwartete Ereignisse, die aus der Bahn werfen, Glück und Freude: das alles finden wir hier wieder.

Elizabeth Strout
Am Meer
Luchterhand Literaturverlag, Februar 2024
288 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3630877486
ISBN-13: 978-3630877488
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Bernhard Schlink: Das späte Leben

Bernhard Schlink: Das späte Leben

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Ein Mann von 76 Jahren erfährt, dass er nur noch kurze Zeit zu leben haben wird. Er hat einen kleinen Sohn von sechs Jahren und eine vierzig Jahre jüngere Frau. Wie richtet man sich damit ein?

Bernhard Schlink, der Autor dieses kurzen Romans, ist ein Meister der Reflexion. Zügig und ohne überflüssige Worte beschreibt er das vergangene Leben seines Protagonisten; wie es zur Ehe mit dieser jungen Frau kam, und sich auch noch das Söhnchen unerwartet eingestellt hat.

Man kann sich vorstellen, was es bedeuten mag, unerwartet mit dem baldigen Tod konfrontiert zu werden. Fragen und Ängste tun sich auf, wie das restliche Leben und das Ende sein wird.

Schlink versteht es, die Situation nachfühlend zu beschreiben. Er lässt einen jeden nach seiner Art zu Wort kommen. Gefühle werden angedeutet. Schlink bemüht sich in seiner Geschichte um größtmögliche Nüchternheit.
Doch kann man so ein Geschehen wirklich in seiner ganzen Dimension begreifen?

Ulla, die Frau, zeigt Gefühle, die ihr Mann gelegentlich bei ihr vermisst hat. Und David, das Söhnchen, fragt nach Gott und dem Himmel.
Der Alltag geht weiter. Zuweilen glaubt Martin, die Diagnose stimmt gar nicht.
Er ist Professor im Ruhestand und nimmt noch zahlreiche Aufgaben wahr.
Schlink vermittelt das Bild einer ruhigen und zufriedenen Familie. Das drohende Ereignis schwebt unablässig über ihr.

Doch dann kommt als weiteres Erschwernis die Entdeckung der Untreue von Martins Frau hinzu.
Wie der Protagonist damit umgeht, das wird im zweiten Teil des Romans kunstvoll wiedergegeben.
Es stellt sich die Frage: kann man im Leben alles richtigmachen?
Der Versuch, sich in Briefen und Ereignissen unsterblich zu machen, mag ein jeder fühlen und sich danach verhalten.
Offen und klar beschreibt Schlink, wie sich die Krisen in der Ehe darstellen, welche Versuche Martin startet, um dem geliebten Söhnchen in Erinnerung zu bleiben.
Zahlreiche Selbstzweifel kommen auf und alles unterliegt der kritischen Reflexion des Hauptdarstellers.

Schlink hat ein feines Gespür für seelische Nöte und Krisen in verschiedenen Lebensaltern. Und er kann sie wunderbar in gelebtes Leben umsetzen.

Vielleicht ist die Güte zu groß, die im Verhalten von Martin sichtbar wird. Krisenhafte Entwicklungen in der beschriebenen Form sind jedoch sehr gut nachvollziehbar.

Der Leser folgt gebannt den Ausführungen, denn sie erscheinen wie eine echte Biographie.
Sicher greifen Autoren in ihren Werken auf eigene Lebenserfahrungen zurück. Das macht ihre Werke so anrührend und glaubhaft.
Ein besinnliches, nachdenkliches Werk ist Bernhard Schlink gelungen. Man liest es mit großem Gewinn!

Bernhard Schlink
Das späte Leben
Diogenes, Dezember 2023)
240 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3257072716
ISBN-13: 978-3257072716
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