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Kategorie: Belletristik

Kerstin Hensel: Regenbeins Farben

Kerstin Hensel: Regenbeins Farben

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Kerstin Hensel beschreibt in ihrer Novelle das Leben von drei Witwen und einem Witwer, die auf ungewöhnliche Weise zusammentreffen. Sie befinden sich auf einem Friedhof, wo die Gräber der verstorbenen Partner nahe beieinanderliegen. An- und abfliegende Flugzeuge bieten die gleichmäßige Begleitmusik zu dieser Friedhofsidylle.

Die Personen und ihre Geschicke reihen sich als Einzelschicksale aneinander, die dann aber kunstvoll miteinander in Verbindung gebracht werden.

Der Friedhof und der Tod vereinigen drei Frauen unterschiedlichen Alters und der Lebensart. Der scheue Galerist liefert die Essenz, mit der die Geschichte eine gewisse Brisanz gewinnt.
Irgendwie scheinen sich die Wege der vier schon zu Lebzeiten der Verstorbenen gekreuzt zu haben.
Sie werden jeder/jede in ihrer Art als schrullig und skurril beschrieben.

Karline Regenbein ist Malerin. Sie war bescheiden und lebte im Abseits, bis der verstorbene Fotograf Rüdiger Habich ihren Weg kreuzte und sich an ihr Leben dranhängte. Auch er ein merkwürdiger und ungewöhnlicher Mensch mit einer starken Neigung zur Selbstüberschätzung.

Eduard Wettengel, ein etwas kauziger Galerist, hat die Malerin entdeckt, und stellt seine Gallerie für Ausstellungen der Künstlerin zur Verfügung.

Ziva Schlott, emeritierte Kunstprofessorin, besucht auf dem Friedhof ihren verstorbenen Mann, und Lore Müller-Kilian ist die Frau des verstorbenen Kunstmäzens Kilian. Auch er liegt hier begraben.

Karin Hensel konstruiert aus diesen Figuren eine der Kunst zugewandte Gesellschaft.
Ihre Erzählung lässt die drei Witwen unterschiedlichen Alters recht zufällig aneinandergeraten. Sie sind auf den Galeristen fixiert, der alle drei hofiert.

Die Geschichte ist etwas bizarr und gelegentlich mit einer gewissen Komik ausgestattet, weil die Figuren so unterschiedliche und leicht extravagante Züge tragen.

Angesiedelt ist das Geschehen in der ehemaligen DDR. Es fehlt nicht an Hinweisen darauf.

Prof. Schlott ist Jüdin, was sich bei Gelegenheit einer Grabschändung herausstellt. Hier wurde mir die Geschichte ein wenig zu voll gepackt mit beziehungsreichen Geschichtsereignissen.

Kerstin Hensel schreibt amüsiert und erheiternd. Ihre Figuren sind jede in ihrer Art besonders, und die Autorin macht sich fast ein wenig lustig über sie. Auf jeden Fall sind der Tod und das Leben hier auf eindrucksvolle Weise vereint!

Kerstin Hensel
Regenbeins Farben
256 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, März 2020
ISBN-10: 3630876013
ISBN-13: 978-3630876016
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Graham Swift: Da sind wir

Graham Swift: Da sind wir

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In diesem schmalen Roman geht es um drei Varietékünstler, die 1959, geprägt von den Kindheitserinnerungen im Zweiten Weltkrieg, in Brighton/ England zusammenfinden.

Jack ist Tanzkünstler und Initiator des Events. Ronnie ist Zauberer und Magier, und Evie ist seine Assistentin. Sie pflegen einen Sommer lang mit zunehmendem Erfolg Ihre Auftritte in Brighton.
Während Ronnie sich mit Evie verlobt, kann schließlich doch der charmante Frauenheld und Charmeur Jack ihre Liebe gewinnen. Im Alter von 79 Jahren erzählt sie aus der Rückansicht die Geschichte ihres Lebens, in dem Ronnie und Jack ihren festen Platz hatten.

Wie haben sie zusammengefunden?

Das erfahren wir, wenn wir uns näher mit ihrer Herkunftsgeschichte befassen. Am interessantesten und eindrucksvollsten sind die Erfahrungen von Ronnie. Er kam aus ärmlichsten Verhältnisse in London. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 musste sich seine verhärmte und unglückliche Mutter von Ronnie trennen, und ihn zu hilfsbereiten Menschen nach Oxfordshire ziehen lassen. Mit Kindertransporten wurden während des Krieges die Kinder in weniger gefährdete entfernte Orte verschickt. Einigen Kindern ging es schlecht, andere trafen es blendend. Ronnie kam zu äußerst liebenswerten Menschen, die ihn wie einen Sohn aufnahmen. Er hatte es sehr gut dort und bekam für sein Leben viel mit. U.a. erlernte er die Zauberkunst von Eric, dem “Ersatzvater“. Zum Ende des Krieges musste er zurück zu einer Mutter, die ihm als unglückliche, alte Frau begegnete.
Bald schon traf er Jack und heuerte Evie an, um sich mit seinen Zauberkünsten als Varietékünstler zu verdingen.

Was macht die Geschichte so reizvoll?

Es sind die vielen Details im Kleinen: die Trennung von seiner Mutter, die er zuerst noch schmerzvoll erlebt, um dann umso glücklicher bei den Ersatzeltern so sein. Dieses Glück beim Einzug in ein komfortables Haus, die duftenden Gardinen, die liebevolle Behandlung und das Zwitschern der Vögel im Morgengrauen sind atmosphärisch so eindringlich, dass man sich ganz zu dieser Idylle hingezogen fühlt. Ein staunender kleiner Junge erfährt das Glück!

Die Zauberei und die Magie in den Vorstellungen der drei geraten zu Glanzstücken der Beschreibung. Fiktion und Wirklichkeit liegen nahe beieinander. Der Reiz der Magie liegt darin, dass uns das Geheimnisvolle in der Zauberei erheitert, nachdenklich macht und uns eine schöne, entrückte Welt vorgaukelt, die voller Wunder steckt.

Neben dem Showbusiness sind die persönlichen Beziehungen der drei von ernsthafter und zu Herzen gehender Tiefe. Der Wechsel zwischen Magie und dem wirklichen Leben ist äußerst feinfühlig und anrührend beschrieben. Die poetischen Schilderungen lehren uns, dass Magie zuweilen scheinbar wie die Wirklichkeit daherkommt.

Graham Swift ist ein wunderbarer Erzähler. Er kann Geschichten erzählen, die wie im Märchen den Leser berühren und in Bann ziehen.

Man lese dieses Büchlein und genieße die Fiktion und erfreue sich zugleich am Leben!

Grajam Swift
Da sind wir
160 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, März 2020
ISBN-10: 3423282207
ISBN-13: 978-3423282208
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Elisabeth Strout: Die langen Abende

Elisabeth Strout: Die langen Abende

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Wie in zahlreichen vorangegangenen Romanen der Autorin Elisabeth Strout befinden wir uns wieder in Crosby, einer kleinen Stadt in Maine. Und wieder sind es die alltäglichen Ereignisse und die Kleinigkeiten des Zusammenlebens, die uns so anschaulich vor Augen führen, wie das Leben verläuft.

Olive Kitteridge ist eine pensionierte Lehrerin. Wir kennen sie schon aus dem Roman „Mit Blick aufs Meer“. Sie ist barsch mit sich und mit anderen, in der Regel kurz angebunden und weiß zu allem etwas zu sagen. Jack Kennison, ehemaliger Harvardprofessor, umwirbt sie, denn beide sind verwitwet und fühlen sich einsam. Die Kinder sind weit weg, und der Kontakt zu ihnen ist rar.
Sie sind die Hauptpersonen, um die sich nun das ganze Kleinstadtleben entfaltet. Zahlreiche weitere Protagonisten wie Kayley, die sich mit Putzen ein wenig dazu verdient, bevölkern die Erzählung. Nach dem frühen Tod des Vaters lebt sie mit ihrer strengen und freudlosen Mutter in einer kleinen Wohnung.

Elisabeth Strout fühlt sich tief in die Seelen ihrer Protagonisten ein. Sie kennt die Nöte, die Scham, und die Vergeblichkeit, mit denen ein jeder in seinem Leben zu kämpfen hat. Wie sie ihre Geschichte aufrollt, von einer Person zur anderen wandert, die Verbindungen knüpft und damit den Zustand einer ganzen Stadt atmosphärisch beschreibt, ist die ganz große Kunst der Autorin.

Insgesamt scheint hier ein Schleier der Vergänglichkeit über allem zu liegen. Die Kleinstadt, der Klatsch und Tratsch und das Einerlei der täglich sich abspielenden Tagesabläufe bringt wenig Hoffnung und gute Laune in das Geschehen. Kitteridge und Kennison sind um die 70, und folglich werden wir auch mit den letzten Jahren des Lebens, dem Seniorenheim und zuletzt dem Tod konfrontiert. Die Charaktere wandeln sich. Unter der rauen Schicht schlummern häufig empfindsame Seelen, denen das Leben Wunden geschlagen hat. Nichts jedoch scheint außergewöhnlich. Jedes Menschleben ist einmalig und jeder muss den letzten Weg alleine zu Ende gehen. Die kleinen Dinge des Lebens werden wichtig: ein schöner Sonnentag, ein Vogel am Fenster oder das Rauschen des Wassers. Die Figuren wachsen dem Leser ans Herz. Man fühlt mit ihnen und möchte sie auf allen Wegen begleiten.

Elisabeth Strout ist eine kluge Beobachterin und sprachgewandte Erzählerin, die uns tief in den Sog der beschriebenen Geschichten hineinzieht. So lebendig und klar weiß sie zu erzählen, dass einem die Tage wie im Roman schnell zu verrinnen scheinen.

Poetisch hinreißend beschrieben sieht man das Land und den See, an dem Crosby liegt; die Jahreszeiten im Wechsel geben dem Inhalt des Romans seinen besonderen Touch, so dass man sich fürwahr dort selber aufzuhalten scheint!

Elisabeth Strout
Die langen Abende
Luchterhand Literaturverlag, März 2020
ISBN-10: 3630875297
ISBN-13: 978-3630875293
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Jean Philippe Blondel: This is not a love song

Jean Philippe Blondel: This is not a love song

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Eine Reise in die Vergangenheit.

Vincent und Susan leben in London und sind gut situiert. In Paris haben sie sich kennengelernt, und Vincent, der nicht so recht wusste, wohin sein Leben steuert, ist mit Susan nach London gezogen. Inzwischen haben sie zwei kleine Töchter, und es sieht so aus, als seien sie glücklich.
Eines Tages bittet Susan ihren Mann um eine Auszeit. Sie will sich mit den Kindern bei ihren Eltern vom Alltag erholen und meint, Vincent könne doch einmal seine Eltern in Frankreich besuchen.

Widerwillig macht er sich auf den Weg. Seine Eltern sind schlichten Gemüts, und sein Bruder Jerôme ist ein Langweiler mit einer strengen Frau. Besonderer Schicksalsschlag: die beiden können keine Kinder bekommen.
Vincent ahnt nicht, wie ihn auf dieser Reise in die Vergangenheit seine Jugend nochmal einholen wird.

Er hatte in jungen Jahren einen Freund, mit dem er lange in einer Wohngemeinschaft vereint war. Etienne ist auf die schiefe Bahn geraten und in der Obdachlosigkeit gelandet. Bei seiner Heimkehr erfährt Vincent nach und nach von den Umständen, in denen seine Freundinnen und Freunde ihr Leben verbracht haben. Da gibt es Trennungen, Scheidungen und — Etienne. Nicht zuletzt aber auch Céline, seine Schwägerin, die ihm in aller Ehrlichkeit die Wahrheit über Etienne sagt.

Philippe Blondel hat ein feines Gespür für die Brüche im Leben seiner Protagonisten. Man wird hineingezogen in eine verwirrende Geschichte aus Hass, Liebe, Treue, Verführung, Schuld und Versagen. Freundschaften sind sang-und klanglos vergangen, und niemand hat sich weiter füreinander interessiert. Besonders Vincent hat sein altes Leben und die ungeliebten Eltern samt Bruder und Schwägerin hinter sich gelassen. Man fragt sich natürlich, ob nicht jeder das Recht hat, seinen eigenen Weg und das Glück zu suchen. Die besonderen Verwicklungen zwischen allen Beteiligten hier in der Provinz machen den Roman jedoch zu einem spannenden Leseerlebnis. Atemlos folgt man dem Geschehen, das immer neue Verstrickungen offenbart.

Fein ziseliert sind die Charaktere gezeichnet und einprägsam das Milieu, in denen ein jeder sich am Ende wiederfindet.

Lebenswege sind oft unglaublich in ihren Abläufen, und die hier beschriebenen lassen den Gedanken aufkommen, dass die Geschichte aus dem richtigen Leben stammen könnte.

Philippe Blondel gelingen seine Milieustudien hervorragend. Man kann die Lektüre nur empfehlen.

Philippe Blondel
This is not a love song
Goldmann Verlag, Juli 2017
ISBN-10: 3442485932
ISBN-13: 978-3442485932
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Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte

Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte

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Inkarnation eines Lebens im Bereich von Philosophie und Dichtung

Im folgenden Roman geht es um die Liebe zur Literatur und um Sprachen im weitesten Sinne.

Die Geschichte von Simon Leyland beginnt, als er gerade nach London zurückgekehrt ist, wo er das Haus eines Onkels geerbt hat. Wer Bücher liebt wird alsbald im Helden des Romans einen leidenschaftlich Literaturbesessenen finden. Er hat bereits einen Teil seines Lebens hinter sich, als er nach einer neuen Lebensstruktur sucht.
Als Junge hatte er die Schule verlassen und ist aus seinem Elternhaus in Oxford geflohen. In London verdingt er sich zum Ärger seines Vaters, eines angesehenen Wissenschaftlers, als Nachtportier in einem mittelklassigen Hotel. Sein Ziel sind „Wörter“.

Früh ist er dem Reiz von „Sprache“ verfallen. Hier scheint er seinem Schöpfer Pascal Mercier sehr ähnlich zu sein. Leyland will alle Sprachen lernen, die rund ums Mittelmer gesprochen werden. Neben seinem Job bemüht er sich erfolgreich, diesem Ziel nahezukommen. Es gelingt, und nach ersten Übungen verdient er sich seinen Unterhalt als Übersetzer.

Im weiteren Verlauf der Geschichte führt ihn sein Weg nach Triest, wo seine Frau Livia einen Verlag geerbt hat.

Durch eine Fehldiagnose war er vorübergehend ganz aus der Bahn geworfen worden. Sie hatte ihn mit seinem Lebensende konfrontiert.

Pascal Mercier lässt in seine Geschichte Wahrheiten und philosophische Erkenntnisse einfließen, die den Lebenslauf des Helden der Geschichte beleuchten.

Es gibt eine Handlung, und es gibt viele Personen, die in Leylands Leben eine Rolle spielen. Seine verstorbene Frau, seine erwachsenen und liebevoll ihm zugewandten Kinder,
Schriftsteller und Verleger, eine jede Figur hat ihren Platz in diesem Roman.
Personen geraten in Beziehung zu einander, sie verändern sich, und man befindet sich zuletzt auch im Roman fast am Ende des Lebens von Leyland. Er sucht den Weg zu einer eigenen Erzählung, um Schriftsteller zu werden.
Für den Leser wird es schwieriger, Fiktion und Wirklichkeit, den Roman im Roman, auseinander zu halten. Leyland erkennt, dass sich die Gedanken seiner Romanfigur, des pensionierten Lehrers Fontaine, mit seinen eigenen Gedanken vermischen: „Ich mache keine neuen Erfahrungen mehr mit mir“ lässt Leyland ihn sprechen oder „Meine Seele ist meines Lebens überdrüssig“.

Eines verbindet alle Personen in diesem Roman: Sprache, Wörter und die Faszination der Literatur in allen Formen.
Weisheiten und Reflexionen bieten vielfältige Angebote, sich selber mit philosophischen Fragen des Seins zu beschäftigen.

Pascal Mercier, pensionierter Philosophieprofessor der FU in Berlin, hat bereits mit seinem Roman „Nachtzug nach Lissabon“ und unter seinem richtigen Namen Peter Bieri „Eine Art zu leben“ Furore gemacht.

Sein neues Buch ist ebenso faszinierend wie einfühlsam geschrieben. Leyland steht für die hoch sensible Reflexion einer langen Lebensbetrachtung.
Pascal Mercier zeigt sich erneut als außergewöhnlicher Erzähler, den die Leidenschaft für Sprache, Wörter, Dichtung und Philosophie tief durchdrungen haben.

Pascal Mercier
Das Gewicht der Worte
576 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, 2. Auflage, Januar 2020
ISBN-10: 3446265694
ISBN-13: 978-3446265691
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Pedro Mairal: Auf der anderen Seite des Flusses

Pedro Mairal: Auf der anderen Seite des Flusses

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Lucas hofft, dass seine Probleme gelöst sein werden, sobald er wieder Geld hat. Er wird die Fähre besteigen und nach Uruguay übersetzen. In Montevideo wird er die Vorschüsse für zwei neue Buchverträge in Empfang nehmen. Er wird nicht länger auf das Geld seiner Frau angewiesen sein. Und er wird endlich eine Möglichkeit finden können, seinen Sohn Maiko tagsüber gut unterzubringen, um Zeit zum Schreiben zu haben. In der letzten Zeit drehte sich der Alltag nur um den Kleinen. Das ließ ihm keine Luft, ein neues Buch zu schreiben.

Lucas ist ein unverbesserlicher Träumer. Auf seiner Tagesreise lässt er sich inspirieren von dem, was er sieht und hört. Die Gegenwart vermischt sich mit seinen Erinnerungen aus vergangenen Zeiten. Und der Leser darf an seinen Gedanken teilhaben.

Doch beim Sinnieren bleibt es nicht. Lucas ist kein treuer Ehemann. Er schaut gern nach anderen Frauen. Möglichst unverbindlich. In Montevideo wird er endlich eine von ihm sehr begehrte Frau wiedertreffen.

Aber immer wieder gehen seine Gedanken auch zu seiner Frau Catalina. Er ist in einer Beziehung gefangen, die ihn unglücklich macht. Es kann so nicht weitergehen. Er weiß, dass auch seine Frau beginnt, einen anderen Weg zu gehen. Irgendwann werden sie darüber sprechen und eine Lösung finden müssen. Doch dann kommt es während seiner Reise zu einer Wende, die ihn völlig aus der Bahn wirft und die auch eine Überraschung für den Leser sein dürfte.

Es ist ein tiefgreifendes Buch. Lucas‘ Gedanken und sein damit verbundenes Handeln werden ungefiltert präsentiert. Er fokussiert sich auf diese Frau, die er unbedingt haben will, auch wenn es nur dieses eine Mal ist. Er ist froh, wieder Geld zu haben.

Die momentane finanzielle Freiheit beflügelt ihn und sein Begehren macht ihn blind bis hin zum Kontrollverlust. Und so findet er sich als Autor bald in einer dramatischen Geschichte wieder, die er nicht besser hätte ersinnen und aufschreiben können. Doch sind es gerade seine Hoffnungen, seine Fantasie und sein ungestümes Verhalten, die es ihm möglich machen, Autor zu sein.

Rezension von Heike Rau

Pedro Mairal
Auf der anderen Seite des Flusses
Übersetzt von Carola S. Fischer
176 Seiten, gebunden
mare Verlag, Februar 2020
ISBN-10: 3866486030
ISBN-13: 978-3866486034
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Dominik Barta: Vom Land

Dominik Barta: Vom Land

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Theresa ist als Bäuerin an den anstrengenden Tagesablauf, den der Bauernhof vorgibt, gebunden und erfüllt ihre Aufgaben gewohnheitsmäßig. Doch eines Tages fühlt sie sich krank. Dabei hat sich Theresa bisher einer robusten Gesundheit erfreut. Mich 60 Jahren hat sie nun vielleicht den Preis für die jahrzehntelange harte Arbeit zu zahlen. Doch so ist es nicht. Die Krankheit ist rätselhaft, da keine Ursache für das Unwohlsein und die Schweigsamkeit von Theresa zu finden ist.

Den längst erwachsenen Kindern bleibt nichts anderes übrig, als zum Hof kommen und sich zu kümmern. Sie müssen ins Gespräch kommen, was nicht einfach ist. Und auch Theresas Mann Erwin wäre es das Liebste, wenn alles schnell wieder so werden würde wie gewohnt. Stattdessen muss er erkennen, dass der Hof, der seit Ewigkeiten in Familienbesitz ist, keine Zukunft hat. Keines der Kinder wird ihn übernehmen. Immerhin hilft Rosalies Sohn Daniel ab und an bei der Arbeit. Der 12-jährige Enkelsohn ist auch gern im Wald. Zusammen mit Toti werkelt er an einem Baumhaus. Er freut sich über die Freundschaft zu dem jungen Syrer. Doch sind andere Dorfbewohner nicht begeistert von den Flüchtlingen, die nun in einer Flüchtlingsunterkunft in direkter Nachbarschaft leben.

In der Familie herrscht eine Stimmung, die von Sprachlosigkeit geprägt ist. Theresa kann nicht über das reden, was sie bewegt. Und so äußern sich ihre Gefühle in einer Krankheit, die Unwohlsein und Ängste auslöst. Auch ihr Ehemann Erwin kann seine Gefühle nicht ausdrücken. Er flüchtet sich in die Arbeit. Die erwachsenen Kinder kommen nicht klar mit der Situation. Sie haben verlernt, miteinander zu sprechen und Dinge gemeinsam zu regeln. Von dieser Sprachlosigkeit und Kälte ist das halbe Dorf betroffen.

Der Autor erzählt also von einem Dorf, das sich verändert und einer Familie, die sich auseinandergelebt hat. Er erzählt von den unterschiedlichen Ansichten der verschiedenen Generationen und von den Ängsten, die Veränderungen mit sich bringen. Es wird deutlich gemacht, dass niemand diesen Veränderung ausweichen kann und dass Probleme nicht durch Schweigen gelöst werden können. Vielmehr müssen die Menschen wieder aufeinander zugehen, Vorurteile abbauen und offen über die Dinge reden.

Rezension von Heike Rau

Dominik Barta
Vom Land
176 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag, Januar 2020
ISBN-10: 3552059873
ISBN-13: 978-3552059870
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Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

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Was für eine wunderbare, zarte und bezaubernde Geschichte liegt uns hier vor!

Man ist schon nach den ersten Zeilen gefangen und kann sich dem Sog dieser Erzählung nicht entziehen.

Addie Moore ist eine Witwe von 70 Jahren. Sie geht eines Tages zu Louis Waters und macht ihm einen Vorschlag: ob er nicht nachts bei ihr schlafen möchte, denn sie fühlt sich einsam.
Sie könnten sich immer etwas erzählen vor dem Einschlafen

Louis ist ebenfalls Witwer und 70 Jahre alt.

Er traut seinen Ohren kaum, und kann sich nicht vorstellen, wie das vor sich gehen soll.
Sie leben in Holt, einem kleinen Städtchen in Colorado. Jeder kennt jeden und geklatscht wird viel.
Nun, Addie ist eine unabhängige und selbstständige Frau, die keine Risiken scheut. Das Gerede der Nachbarn ist ihr so wie so egal.

Also beginnt diese Geschichte mit einem teils zarten aber doch bestimmten Antrag ihrerseits.

Er geht zum Frisör und trifft Vorbereitungen, die ihn adrett und sauber eines Abends bei ihr erscheinen lassen. In einer Papiertüte bringt er Pyjama und die Zahnbürste mit.

Schüchtern steigen sie zu Bett und beginnen, sich ihre Lebensgeschichten zu erzählen.

Ihre jeweiligen Ehen und der Gang der Dinge von Beginn an bieten genügend Stoff für lange Abende und kurzweilige Erzählungen.

Der Klatsch und Tratsch blüht, doch Addie und Louis meistern das Gerede mit überzeugender Schlagfertigkeit.

Die nächtlichen Verabredungen gehen in gemeinsame Unternehmungen und abwechslungsreiche Zusammenkünfte über.

Wie das Leben so spielt, bleibt nicht alles dabei. Das Ende bringt kein happy end. Melancholisch, zu Herzen gehend und zart, wie die Geschichte beginnt, so endet sie auch.

Diese wunderbare Erzählung entführt einen in die Welt des Alterns, der Vergänglichkeit und kleinen Hoffnungen, die doch das Leben erst lebenswert machen. Liebevoll werden die handelnden Figuren beschrieben, und malerisch sind die Orte, die man aufsucht, und wo man seine kleinen Abenteuer erlebt. Der Leser meint sich auf den Feldern und Wiesen bei Sonnenschein und Regen wiederzufinden. Dieses Miterleben macht den kleinen Roman so liebenswert.

Kent Haruf ist ein mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter Erzähler, dem man gerne in seine
Welt des kleinbürgerlichen Alltags in Amerika folgt. Er starb bereits 2014.

Die Geschichte ist sehr empfehlenswert!

Kent Haruf
Unsere Seelen bei Nacht
208 Seiten, gebunden
Diogenes, März 2017
ISBN-10: 3257069863
ISBN-13: 978-3257069860
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James Wood: Upstate

James Wood: Upstate

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Worum geht es in diesem Roman?
Alan Qirry ist ein alternder Unternehmer, der in England lebt.
Er hat zwei Töchter, Helen und Vanessa, die längst in Amt und Würden ihr eigenes Leben führen.
Helen ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Vanessa ist eine leicht unglückliche Person, die als Philosophieprofessorin in Amerika lebt und arbeitet.

In langen Passagen erfahren wir Alans Gedanken zu seinem Leben, seiner Vergangenheit und seine Gedanken zur Gegenwart. Er ist immer noch erfolgreich in Beruf als Immobilienmakler. Cathy hat ihn vor langen Jahren verlassen, sehr zum Unglück seiner Kinder. Inzwischen ist sie verstorben. Seine zweite Frau Candace spielt in seinen Gedanken kaum eine Rolle.
Es sind Reflexionen zu gelebtem Leben, zur Gegenwart und Zukunft.
Alan beschreibt in seinen Gefühlen die Strassen und Orte seines Lebens und gibt sich seinen Erinnerungen an die Vergangenheit hin. Dabei überkommt ihn so mancher elegische Augenblick.
Er ist besorgt, als Helen ihn bittet, mit ihm nach Amerika zu fahren, weil sie den Eindruck hat, dass Vanessa in einer Krise steckt. Es wäre nicht ihre erste!
Upstate liegt nördlich von New York. Es ist Winter und die Strassen sind verschneit, so dass die Stimmung auch von der Düsternis des Winters mitbestimmt wird.

Die genaue und sensible Beobachtung aller Geschehnisse; die Stimmungen zu Ort und Wetter bestimmen das Leben in Saratoga Springs. Es passiert nichts Aufregendes. Die nachdenklichen Betrachtungen teilen sich dem Leser mit und faszinieren, weil man sich in diesen Gefühlen dem Erzähler verbunden fühlt.
In den Dialogen zwischen Helen, dem Vater und Vanessa spürt man sehr unterschiedlichen Charakteren nach. Warum ist Helen zu lebendig und lebensfroh und Vanessa zu schwermütig? Alan versucht, all’ dem auf die Spur zu kommen. Er ist voller Sorgen um Vanessa, die sich sehr in einen jüngeren Mann verliebt hat.
Josh ist ein lieber Kerl, der sich den ängstlichen Forderungen von Vanessa nach Nähe und Geborgenheit nicht gewachsen fühlt. Zaghaft bittet er Alan um Hilfe, weil er sich insgeheim von Vanessa erdrückt fühlt und eher eine Trennung ins Auge fasst. Alan aber traut sich nicht, Vanessa auf diese Trennung vorzubereiten.
Die Verstrickungen aller Personen in die ungeklärten Verhältnisse sind vielfältig und bedrückend: Helen, die sich entzieht und Alan, der standhält. Gleichzeitig ist man fasziniert und irritiert von den Gefühlen aller Personen, die so nachvollziehbar sind.
James Wood hat ein feines Gespür für die innersten Gefühle seiner Protagonisten. Er versteht es ausgezeichnet, diesen inneren Monologen und Gedanken in beredten Worten Ausdruck zu geben.

Es ist eine tiefgründige und anrührende Geschichte, die einen ganz eigenen Sog ausübt, so dass man von der Geschichte nicht lassen kann.

James Wood
Upstate
304 Seiten, gebunden
Rowohlt Buchverlag, Dezember 2019
ISBN-10: 3498074067
ISBN-13: 978-3498074067
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Paulus Hochgatterer: Fliege fort, fliege fort

Paulus Hochgatterer: Fliege fort, fliege fort

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Furth am See ist ein idyllisches Städtchen. Das schützt den Ort jedoch nicht vor merkwürdigen Vorkommnissen. Ein alter Mann, der in Krankenhaus eingeliefert wird, hat seltsame Verletzungen, deren wahre Ursache er nicht preisgeben möchte. Eine Nonne, ebenfalls in die Jahre gekommen, kann gerade so vor dem Erstickungstod gerettet werden. Obwohl es offensichtlich ist, dass ihr jemand Gewalt angetan hat, wiegelt sie ab. Das Haus eines Politikers wird mit einem Graffito beschmiert. Die Botschaft ist noch zu ergründen. Und dann verschwindet die kleine Elvira spurlos, aber es gibt keinen Erpresserbrief.

Der langsam ins Alter kommende Kommissar Ludwig Kovacs ist mit den Fällen betraut. Doch die Ermittlungsarbeit ist kompliziert. Es gibt keine Hinweise oder Spuren im Entführungsfall. Und es ist äußerst mühsam aus den Befragungen der Opfer, die keine sein wollen, Relevantes herauszufiltern. Ohnehin macht ihm seine Gesundheit zu schaffen, auch wenn er das nicht wahrhaben will und vor den anderen zu verbergen versucht. Nur dem Leser wird offenbart, wie es um ihn steht.

Psychiater Raffael Horn ist geschickt darin, Nuancen in Patientengesprächen zu erkennen. Er erlebt die Patienten, auch wenn das nicht im häuslichen Umfeld geschieht, in einer gewissen Alltagssituation in einem größeren zeitlichen Rahmen. Er ist ein guter Beobachter, der auf die Hilfe seines Teams zählen kann. Seine Gedanken kann Horn allerdings nicht immer für sich behalten. So sprudelt unbemerkt aus ihm heraus, was er eigentlich nicht sagen will. Manchmal ist das witzig und manchmal nicht. Es sind diese kleinen Details, die das Buch, obwohl die Fälle anfangs unzusammenhängend erscheinen, unterhaltsam macht.

Es ist nicht ganz leicht, den Überblick über die Geschehnisse zu behalten. Der Autor springt zwischen den Handlungsepisoden hin und her. Es ist also ein hohes Maß an Konzentration beim Lesen erforderlich. Ich habe mich an den beiden Ermittlern Kovacs und Horn orientiert. Und so nimmt eine Geschichte ihren Lauf, die sich aus Geschehnissen, die in der Vergangenheit liegen, entwickelt. Was damals passiert ist, hätte verhindert oder zumindest aufgehalten werden müssen. So viel wird schnell klar!

Werden jetzt offene Rechnungen beglichen? Geht es um späte Rache? Oder geht es um Gerechtigkeit und darum, etwas im Bewusstsein der Menschen wieder aufleben zu lassen? Ein Wort gibt den entscheidenden Hinweis. Man beginnt das Unglaubliche zu begreifen. Das Puzzle fügt sich zusammen. Und den Rest muss man sich denken!

Rezension von Heike Rau

Paulus Hochgatterer
Fliege fort, fliege fort
304 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10:3552064036
ISBN-13:978-3552064034
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