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Kategorie: Belletristik

James Baldwin: Giovannis Zimmer

James Baldwin: Giovannis Zimmer

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Es geht in diesem Roman u.a. um Homosexualität, um Liebe und den Rausch, den diese auszulösen vermag.

Ein ratloser junger Mann nimmt eines Tages in New York eine Passage nach Frankreich. Er hat seine Orientierung verloren, da auch sein Vater nach dem Tod seiner Frau seinen inneren Halt verloren zu haben scheint.
In Paris lebt David schlecht und recht von Ersparnissen, die sich bald dem Ende zuneigen.
In einer Bar lernt er Giovanni kennen. Dieser wird zu seinem Schicksal!

Die Atmosphäre im Paris der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bestimmt das Geschehen.
Es ist eine morbide, eine zügellose und doch so anziehende Welt, in die der Amerikaner David fällt. Die nächtlichen Eskapaden mit viel Alkohol und mit der Begegnung ungewöhnlicher Männer und Frauen nimmt ihn gefangen. Sex in einer runtergekommenen und anzüglichen Form legt einen Schleier der Verruchtheit über die Geschichte.
Aller bürgerlichen Tabus beraubt fällt man der ungezügelten Gier nach Lust, Genuss und Ausschweifung zum Opfer.

David ist verlobt und sehnt sich nach bürgerlicher Ordnung. In seiner ungewöhnlichen Liebe zu Giovanni fällt er jedoch aus seinem bisherigen Leben heraus.

James Baldwin wäre nicht der herausragenden Schriftsteller, als der er uns bekannt ist, wenn die Geschichte nicht einen tieferen Sinn hätte. Abgesehen von seiner hinreißenden Sprache mit Bildern, die gelegentlich fast biblisch anmuten, geht es um die Gefühle einer sich verlierenden Generation: Alkohol, Sex, Frauen und Homosexualität spielen ihre Rolle bei der Suche nach der wahren Identität. Es geht um Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Im Nachtleben von Paris kommen die Genies und die Versager zusammen.

Als Extrakt der Geschichte möchte man festhalten: wenn man die Unschuld verliert, hat man den Garten Eden verlassen. Man fällt der Fratze der Hässlichkeit, der ungezügelten Gier und Lust anheim, und man schaut in die Grimasse des Betrugs und der Besitzgier.

Zuweilen fühlt man sich beim Lesen abgestoßen von der Darstellung, kann sich aber dem tieferen Sinn der Geschichte nicht entziehen. Alle Schranken sind gefallen, und man lebt nur noch auf der Suche nach Geld, Zeitvertreib und Lustgewinn. Das Verbotene treibt Menschen in immer höhere Sphären der Exzesse bei gleichzeitig zunehmender Düsternis der Gemüter.

Das muss ein tragisches Ende nehmen!

Der erste Verlag von Baldwin lehnte die Veröffentlichung ab und trennte sich von ihm.

Immerhin befinden wir uns in der Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als gänzlich andere Regeln den Umgang unter den Menschen bestimmten. Es gab noch längst keine auch gesetzlich verankerten Freiheiten, wie wir sie heute im Zusammenleben von Männern und Frauen kennen.

Baldwin lebte von 1924 bis1987. Er war zu seiner Zeit ein vielfach geehrter Schriftsteller und hat sich für Gleichberechtigung im Geschlechterkampf, zwischen arm und reich, Mann und Frau und zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe eingesetzt.

James Baldwin
Giovannis Zimmer
208 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, Februar 2020
ISBN-13: 978-3423282178
ISBN-10: 3423282177
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Hervé le Tellier: All die glücklichen Familien

Hervé le Tellier: All die glücklichen Familien

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Es ist ein wenig Mode geworden in Frankreich, die eigene Familiengeschichte zum Thema von Romanen zu machen. Ob Annie Ernaux oder Edouard Louis: man begibt sich in die Familiengeschichten und findet heraus, wie und auf welche Weise sie Anteil des eigenen Lebens waren, und welchen Einfluss sie auf die eigene Lebensgestaltung genommen haben.
So macht es auch Hervé le Tellier mit seinem neuen Roman „ All die glücklichen Familien“.
Er zeichnet sich allerdings dadurch aus, dass er mit großer Distanz auf die einzelnen Familienmitglieder herabblickt. Dass er mit Spott sich selbst zum „Monster“ mangels Sohnesliebe erklärt, ist nur eine Seite der Geschichte.

Ob Mutter, Vater, Stiefvater oder Großvater: er betrachtet mit Ironie und Witz, wie sie sich zueinander verhalten. Der Großvater, ein Patriarch, in dessen Obhut der kleine Tellier die ersten Jahre seines Lebens verbringt, kommt da noch glimpflich davon. Schlimmer ist der leibliche Vater, der sich schon kurz nach Geburt seines Sohnes aus dem Staub gemacht hat. Die Mutter lässt den Sohn bei ihren Eltern, um ihrerseits ihr ungebundenes und unabhängiges Leben dem eigenen Familienleben vorzuziehen. Dass sie zuletzt bei einem penetranten, adeligen Langweiler endet, ist nur eine Pointe dieses skurrilen Familienromans. Durch Adoption trägt Hervé zuletzt auch noch dessen Nachnahmen.

Recht traurig wird es bei Telliers Verhältnis zur Mutter. Was für ein Kampf gegen diese lieblose, zornige Frau! Seine Versuche, ihr näher zu kommen, prallen alle an ihr ab.

Er erzählt nicht larmoyant sondern nimmt wahr, wie alle diese Onkel, Tanten und Erwachsenen an ihrer Unfähigkeit zur Lebensgemeinschaft kaputtgehen. Echte Liebe findet sich kaum. An Hinweisen und Bezügen zu literarischen und biblischen Vergleichen oder einschlägigen Texten fehlt es in dieser Geschichte nicht.

Hervé le Tellier hat alles im Blick. Ihm entgehen keine Sonderbarkeiten und Charakteristiken dieser verrückten Familie. Vielleicht steckt in seinen Beobachtungen auch eine gehörige Portion Sarkasmus im Sinne von „so sind Familien“. Auf jeden Fall findet sich ein Konvolut verschiedener Eigenschaften, die man in Familien finden kann.

Diesen Autor haben Lieblosigkeit und schwere Schicksalsschläge geprägt. Seine Bewältigung ist die Leichtigkeit, mit der er sich der Geschichten annimmt. Gelegentlich spürt man durchaus auch Tragik, wenn er beschreibt, wie sehr ihm Liebe und Anerkennung von Seiten der Väter und der Mutter gefehlt haben.

Der Tenor von Telliers Ausführungen liegt in der Frage: muss man seine Familie lieben?
Und er kommt zu dem Schluss: man muss es nicht!

Eine anspruchsvolle und geistreiche Lektüre erwartet den LeserIn!

Hervé le Tellier
All die glücklichen Familien
154 Seiten
dtv Verlagsgesellschaft. Oktober 2018
ISBN-10: 3423289716
ISBN-13: 978-3423289719
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Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

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Brit Bennett hat einen Roman von kraftvoller Intensität geschrieben.

Es geht um ein Familienepos, Schwierigkeiten verschiedener Ethnien im Zusammenleben und um eine Gemeinde, die sich von der übrigen Welt isoliert hat. Rassismus spielt die tragende Rolle in dieser Familiengeschichte.

Zwillingsschwestern, die als Schwarze geboren wurden, bilden den Plot der Handlung. Sie haben wie alle in ihrem Dorf eine helle Haut, die sie zu Weißen machen könnte.
Mallard in Louisiana heißt der Ort, in den sie hineingeboren wurden. Gegründet wurde das Dorf von einem ehemaligen Sklaven.
Der Vater von Desiree und Stella wird von Weißen ermordet. Ihre Mutter schlägt sich als Putzhilfe mit ihren Töchtern tapfer durch. Die Mädchen müssen helfen, indem sie ebenfalls als Haushaltshilfen arbeiten.

Eines Tages sind die sie weg. Niemand weiß, wohin sie gegangen sind.
Sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, verlieren sich aber später ganz aus den Augen.
Desiree heiratet einen ganz schwarzen Mann und bekommt ein ganz schwarzes Kind.
Stella ist weg und wird erst spät im Roman wiederauftauchen.

Desiree kehrt eines Tages nach Misshandlungen durch ihren schwarzen Mann nach Mallard zurück.
Ihre schwarze Tochter June fühlt sich in Mallard als Außenseiterin. Sie wird gehänselt und gemobbt, bis sie über den Sport den Sprung an eine Universität schafft.
Nun ist es plötzlich ihre Geschichte, die den Plot stellt.

Jede der Schwestern lebt nun in einer eigenen Welt, die nichts mit der Welt der jeweils anderen zu tun hat. Dass Stella ihr Leben auf den Kopf stellt, indem sie sich als Weiße verlobt, verheiratet und ihr „Schwarzsein“ fortan als ihr ganz tief verborgenes Geheimnis wahrt, lässt sie sehr einsam werden. Sie lebt ein Leben voller Lug und Trug und befindet sich ständig im Zustand innerer Zerrissenheit.
Auch Stella hat eine Tochter, die wie June eine tragende Rolle in diesem Familiendrama übernimmt.

Brit Bennett schreibt in einen einnehmenden Stil, mit dem sie treffsicher Situationsbeschreibungen wiedergibt und ganz tief in die Geschicke ihrer Figuren eintaucht.
Sie hat sich eines großen Themas angenommen: es geht um Rassentrennung, leben in Armut und Reichtum, Identitätssuche und Verlust des eigenen Ichs.

Der Roman führt uns zu den Abgründen des Menschseins. Die Doppelbelastung, schwarz und weiß zu sein, wirft eine Fülle von Fragen auf, die einmal mehr die Konflikthaftigkeit von getrennten Ethnien im Zusammenleben beleuchten.
Brit Bennett vermittelt uns die Wahrheit: dass niemand frei von Vorurteilen gegenüber dem „Andersartigen“ ist.

Ein mitreißender und wunderbar poetisch gestalteter Rahmen gibt dem Roman Tiefe und lässt wirklich an Toni Morrison denken, die eine der ganz Großen in der amerikanischen Literaturszene war.

Brit Bennett
Die verschwinden Hälfte
416 Seiten, gegunden
ISBN-10: 3498001590
ISBN-13: 978-3498001599
Rowohlt Buchverlag, September 2020
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Irene Diwiak: Malvita

Irene Diwiak: Malvita

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Christina leidet. Betrogen von ihrem Freund und der besten Freundin, ist sie ein wenig aus der Bahn geraten. Obwohl sie keine ausgebildete Fotografin ist, reist sie nach Italien zu ihrer Cousine Marietta, um deren Hochzeit fotografisch festzuhalten. Ihre Mutter und die Mutter Mariettas sind Schwestern, dennoch kennt sie ihre Verwandten nicht. Die Familie Esposito lebt im verlassenen Ort Malvita in einer riesigen Villa. Damit taucht Christina in eine ihr fremde Welt von Reichtum und fragwürdigem Benehmen ein.

Was ist hier eigentlich los? Die Familie gibt sich unnahbar, die Atmosphäre hat etwas äußerst Seltsames. Christine, obwohl Familienangehörige, wird in einer kleinen Kammer weitab von den Räumlichkeiten der Familie einquartiert. Unzählige Bedienstete hetzen die Gänge entlang. Früher haben sie in der Lederwarenfabrik im Ort gearbeitet, die nun aber geschlossen ist.

Christina fühlt sich nicht wohl hier, doch sie bleibt aus unerfindlichen Gründen. Vielleicht ist es Neugier, vielleicht auch eine seltsame Faszination. Ich konnte mich dem Gefühl nicht entziehen, dass sie hier nicht sicher ist und etwas Schreckliches passieren wird. Und es kommen tatsächlich Dinge ans Tageslicht, die unglaublich sind.

Christina versucht, hinter die Kulissen zu schauen. Sie versucht zu verstehen, was ihre Cousinen Marietta und Elena, ihren Cousin Jordie und ihre Tante Ada antreibt, welche Rolle die gruselige Hochzeitsplanerin Angelina dabei spielt und welche Gedanken sich ihr Onkel Tonio und Mariettas Bräutigam Marcello machen, die kaum die Bühne betreten.

Als die Leiche von Blanca gefunden wird, sie sollte eigentlich die Hochzeit fotografieren, wird Christina überrascht von der Distanziertheit der Frauen. Es ist zu erahnen, dass sie sehr eigenwillige Pläne verfolgen.

Die Hintergründe ihrer verzweifelten Inszenierung sind irgendwann klar, die daraus resultierenden Ziele aber kaum nachvollziehbar. Und so bleibt auch das Ende offen. Die Geschichte bricht regelrecht ab, als die Handlung gerade besonders dynamisch ist. Und so bleiben Fragen über Fragen offen, die mit der eigenen Fantasie zu klären sind.

Rezension von Heike Rau

Irene Diwiak
Malvita
304 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag
ISBN-10: 3552059776
ISBN-13: 978-3552059771
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Nick Hornby: Just Like You

Nick Hornby: Just Like You

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Nick Hornby schreibt über eine Liebesbeziehung, die sicher nicht alltäglich ist.

Wir schreiben das Jahr 2016 in London. In England findet die Abstimmung für oder gegen den Brexit statt, was zu gesellschaftlichen Verwerfungen geführt hat. Freunde und Familien gerieten in Streit über diese Frage. In den Gesprächen im Roman wird der Brexit zum Synonym für eine offene, liberale Gesinnung gegen eine, die engherzig und rückwärts gewandt daherkommt.

Die Erzählung befasst sich mit der Beziehung einer 42 jährigen weißen Lehrerin mit zwei halbwüchsigen Söhnen, die von ihrem Mann getrennt lebt. Sie verliebt ich in einen 22 jährigen Mann schwarzer Hautfarbe, der sie seinerseits wunderbar findet. Sie beschäftigt ihn gelegentlich als Babysitter. Doch dabei soll es nicht bleiben.

Nick Hornby lässt die Geschichte langsam angehen. Er umkreist förmlich sanft die gegenseitige Zuneigung. In langen Dialogen, das Umfeld der beiden mit ausleuchtend, nähert er sich dem Plot, der die Erzählung beherrschen wird. Durch zaghafte Annäherungen gewinnt die Geschichte eine fast erotische Spannung, die den LeserIn ganz in seinen/ ihren Bann zieht.

Die Geschichte beinhaltet ja einen Doppelkonflikt: schwarz gegen weiß und Alter gegen Jugend.

Lucy ist eine gescheite Person, die zwar zunächst Skrupel beschleichen, als sie sich mit Joseph einlässt. Doch ihre Söhne mögen diesen jungen Mann, der so schöne Spiele mit ihnen spielt. Was als Job mit gelegentlichem Babysitten beginnt, endet in einer langen Liaison. Für die Söhne ist er Joseph und sonst nichts. Dass sich seine Mutter mit ihm einlässt, bereitet ihnen eher Freude als Anstoß.

Dialoge beherrschen die Szenen und hinter den Dialogen die Gedanken.

Es handelt sich bei Lucys Freunden um einfache Mittelschichtfamilien. In London ist zwar die Diskriminierung von Paaren mit unterschiedlicher Hautfarbe nicht mit der in den USA zu vergleichen. Dennoch wundert sich jeder, was es mit dieser besonderen Verbindung auf sich haben könnte. Beide Partner fürchten die Konfrontation mit ihren jeweiligen Lebenskreisen.

Nick Hornby bietet das Bild einer engen Verbindung, die sich langsam ergeben hat. Alle Schritte werden analysiert: kleine Reisen, Feste und Feiern. Der LeserIn fragt sich, wie es wohl weitergehen wird mit diesem so ungleichen Paar.

Während Lucy als souveräne und besonnene Person beschrieben wird, entwickelt sich Joseph zu einem nachdenklichen, treuen Mann, der fest zu seiner Freundin steht. Dass eine einmalige Untreue von Joseph zur Zerreißprobe werden könnte, wird von Nick Hornby genial aufgelöst. Er erweist sich mit dieser Geschichte als hervorragender Kenner menschlicher Zweifel und Möglichkeiten.

Es handelt sich hier nicht um einen gelungenen Lebensentwurf, sondern die Geschehnisse zeigen eine von zahlreichen Zumutungen geprägte Einmaligkeit.

Wie mit dem Thema um Moral, gesellschaftliche Zwänge und Zweifel umgegangen wird, zeugt von tiefer Menschenkenntnis. Es bleibt der Eindruck einer warmherzigen und starken Liebesgeschichte.

Mich hat das Buch sehr beeindruckt.

Nick Hornby ist ein gefeierter Autor, der in London lebt.

Nick Hornby
Just Like You
384 Seiten, gebunden
ISBN-10: 346200039X
ISBN-13: 978-3462000399
Kiepenheuer & Witsch, 2. Auflage, September 2020
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Arezu Weitholz: Beinahe Alaska

Arezu Weitholz: Beinahe Alaska

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Durch die Nordwestpassage von Grönland nach Alaska soll die Expeditionskreuzfahrt der „MS Svalbard“ gehen, zu der sich einhundert Passagiere einfinden. Unter Ihnen ist eine Fotografin mit einer in die Jahre gekommenen Kamera. Sie ist unabhängig. Niemand wartet zu Hause auf sie. Doch nach vorn zu schauen und die Stimmung einzufangen, ist nicht immer einfach, besonders dann, wenn nichts als Weite zu sehen ist. Nicht selten macht der Anblick schwermütig.

Zwischen den Mahlzeiten, den Vorträgen und den wenigen Ausflügen bleibt viel Zeit. Als Alleinreisende wird sie mit den anderen Mitreisenden, die sind, wie sie sind, weil sie ihre eigene Geschichte haben, konfrontiert, vor allem aber mit ihren eigenen Gedanken. Die Autorin stellt das mit sarkastisch klingendem Formulierungen dar. Das mag witzig sein, gleichzeitig lässt es aber auch tief blicken. So etwas wie Verzweiflung wird deutlich und doch blitzt gleichzeitig Hoffnung auf. Denn wer so mit sich umgeht, will nicht resignieren.

Die Fotografin steht bei Wind und Wetter an der Reling, betrachtet die Natur, fasst sie in Worte, malt sie mit Worten. So wie sich dafür öffnet, öffnet sie sich auch mit gnadenloser Ehrlichkeit ihren Gedanken und ist dabei sehr auf sich bezogen. So ist es, wenn das Gedankenkarussell sich dreht.

Auf die Unternehmung hat die 45-Jährige sich sehr gut vorbereitet. Stets hat sie spannende Hintergrundwissen parat. Das ist für den Leser sehr spannend.

Die Fahrt ist durchgeplant, das Ziel naht. Sie muss nur abwarten. Das erweist sich als Irrtum. Als das Schiff wegen der vereisten Passage neuen Kurs nehmen muss, verändert sich die Atmosphäre. Ihr Blick weitet sich und sie beginnt, die Menschen um sich herum wieder anders wahrzunehmen und Probleme zu sehen, die nicht nur sie selbst betreffen.

Das Buch ist eine Entdeckung, weil es so lebensklug ist. Man hat, das wird im Buch deutlich, immer eine Wahl zwischen Feststecken oder Weiterschauen. Es ist eine Entscheidung. So wie das Schiff seinen Kurs ändern kann, kann auch sie ihrem Leben eine neue Richtung geben. Alles ist möglich.

Rezension von Heike Rau

Arezu Weitholz
Beinahe Alaska
192 Seiten, gebunden
mare Verlag, September 2020
ISBN-10: 3866486405
ISBN-13: 978-3866486409
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David Grossmann: Was Nina wußte

David Grossmann: Was Nina wußte

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Geheimnisvoll, widersprüchlich und zugleich realistisch erzählt uns David Grossmann eine Geschichte. Eine Geschichte von drei Frauen und ihrem jeweiligen Schicksal, das sie einerseits zusammenschweißen sollte,das aber alle drei Frauen voneinander getrennt hat.

In seiner unvergleichlich assoziativen und in Andeutungen sich ergehenden Diktion schält sich erst allmählich die ganze Wahrheit über das Leben der drei Frauen heraus.
Wir befinden uns in Israel. Vera feiert ihren 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass erscheinen ihre Tochter Nina, ihr Stiefsohn Rafael und deren gemeinsame Tochter Gili, ihre Enkelin. Letztere dreht einen Film über ihre Großmutter. Dazu führt sie Gespräche und schreibt alles auf. Sie ist zugleich eine der Protagonistinnen.
Wie soll man über etwas schreiben, das Gefühle ausdrücken und zugleich verbergen soll?

Vera und auch Nina schweigen beharrlich über ihre Vergangenheit. Nur in kurzen Ansätzen kann man Hinweise auf außergewöhnlich harte Jahre bekommen. Vera und Nina sind aus Jugoslawien nach Israel eingewandert. Milos, Ninas Vater und Veras Mann, ist tot. In Israel treffen sie auf Tuvia, der seine Frau nach langem Leiden verloren hat. Er hat drei Kinder u.a. den Sohn Rafael. Vera und Tuvia verbinden sich aus Liebe und Einsamkeit.

In sporadischen Episoden berichtet Vera, wie es zu dieser Ehe kam.
Gili sucht in den Gesprächen mit der Großmutter und ihrem Vater hinter Ninas geheimnisvolles Leben zu kommen. Es ist bemerkbar, dass da vieles nicht stimmt.
Ihre Nachforschungen haben ergeben, dass sich Nina und Rafael begegneten, als sie siebzehn und er fünfzehn Jahre alt waren.
Er ist hingerissen von ihr und wird es ein Leben lang bleiben. Nina aber findet nie zur Ruhe.

Die Spuren der Vergangenheit verdichten sich, als alle genannten Personen beschließen, in die ehemalige Heimat von Vera und Nina nach Jugoslawien, jetzt Kroatien, zu reisen. Was hat sich damals vor so vielen Jahren zugetragen?
Das ist eine lange Geschichte! Sie hat mit dem Jugoslawienkrieg unter Tito zu tun, mit Verrat, Folter, Shoah, Tod und grausamen Verlusten.

Menschen verlieren sich, bleiben sich treu oder geraten durch schwere Schicksalsschläge ganz aus den Fugen. Vera ist zutiefst durchdrungen von ihrer Liebe zu Milos. Aus Liebe zu ihm durchstand sie grausamste Folter, nur um ihn nicht zu verraten. Nina, ihre gemeinsame Tochter, ist das Opfer.

Wie David Grossmann diese Geschichte erzählt, das erinnert sehr an seinen großen Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“.
Auch hier wird geschwiegen, erduldet und mit unbekannten Mächten gerungen um der Wahrheit willen, oder um ihr zu entgehen.
Gebannt folgt man den Lebenswegen der drei Frauen. Die starke Vera bestimmt das Geschehen.

Die Erzählung hat einen wahren Hintergrund: das Schicksal der Jüdischen Kommunistin Eva Panic-Nahir.
Grossmann macht daraus eine Geschichte von gewaltiger Tragweite.
Wieder gelingt es ihm, die Geschehnisse um Verfolgung, Krieg und Shoah ins Bewusstsein der Gegenwart zu holen.
Spannend, beklemmend und eindrucksvoll bleibt der Eindruck eines herausragenden Werkes in der Übersetzung von Anne Birkenhauer.

Davod Grossmann
Was Nina wußte
352 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, 2. Auflage, August 2020
ISBN-10: 3446267522
ISBN-13: 978-3446267527
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Shilpi Somaya Gowda: Was uns verbindet

Shilpi Somaya Gowda: Was uns verbindet

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Dieser Roman, der sich leicht, spannend und unterhaltsam liest, behandelt das Schicksal einer vierköpfigen Familie: Vater, Mutter, Tochter und Sohn.

Die Eltern sind ein glückliches Paar. Sie lieben sich sehr. Der Vater stammt aus einfachen Verhältnissen in Amerika; er hat es zum erfolgreichen Banker gebracht. Seine Frau wuchs als Diplomatentochter einer indischen Familie auf und arbeitet ebenfalls.

Beide Eltern sind in anspruchsvollen Berufen tätig. Die zwei Kinder von 10 und 6 Jahren bleiben immer ein paar Stunden alleine, ehe die Mutter nach Hause kommt.
Dann passiert das Unglück, das dieses großartige Glück in seinen tiefsten Tiefen erschüttert: Prem, der kleine Sohn, steigt unbeobachtet in den häuslichen Pool und ertrinkt. Karina, die 10jährige Tochter, merkt plötzlich, dass er nicht da ist, sieht ihn im Pool und versucht ihn zu retten: aber es ist zu spät.
Nichts ist mehr, wie es war. Die Wege aller drei übrig gebliebenen Familienmitglieder driften fortan weit auseinander.

Gowda zeigt Gespür für ihre Protagonisten, die verzweifelt versuchen, einen Ausweg aus der seelischen Sackgasse zu finden. Dass da jeder seine eigenen Strategien entwickelt, ist unübersehbar.
Jaya widmet sich spirituellen Meditationen, und Keith geht traurig und alleine seinen Bankgeschäften nach.
Keith wird von der verzweifelten Mutter Jaya verlassen, und Karina verlässt nach dem Ende der Schulzeit das Haus, um zu studieren. In ihrem Fall spielen ethnische Verschiedenheit eine nicht unbedeutende Rolle, da Jaya Inderin ist und ihre Tochter Kira mit ihrem hübschen Aussehen Aufmerksamkeit erregt. Sie ist aber am schlimmsten getroffen, da sie sich am Tod des Bruders schuldig fühlt. Auf ihrer Suche nach Erlösung aus dieser Schuld gleitet sie in einem Schlingerkurs hin zu einem infamen Guru, der mit allen Wassern gewaschen ist, um sich seine Schäfchen hörig zu machen.

Das Geschehen ist psychologisch großartig aufgebaut.
Man hält den Atem an, denn man erkennt eher als Karina, dass in ihrer Kommune etwas nicht stimmt.
Es ist ein Schmöker im besten Sinne: spannend, kurzweilig und von zahlreichen Irrwegen und Erfahrungen geprägt.
Am Leben und Schicksal anderer teilzunehmen, ohne selbst betroffen zu sein, löst Schauer und Erleichterung aus. Man darf sich aber durchaus vorstellen, wie es einem selbst ergangen wäre in dieser Situation.

Shilpi Somaya Gowda hat sich intensiv mit ihrem Romaninhalt beschäftigt und Fachbücher zu den jeweiligen Themen studiert. Ihre Beschreibungen östlicher Religionen und Meditationen, Erfahrungen aus dem Bankwesen und aus dem Studienfach Biologie, in das sich Karina stürzt, zeigen sehr unterschiedliche Bewältigungsversuche der handelnden Personen.

Mit diesem Roman lockt eine lesenswerte und interessante Lektüre für lange, faule Ferientage.

Shilpi Somaya Gowda
Was uns verbindet
432 Seiten, broschiert
KiWi-Taschenbuch, August 2020
ISBN-10: 3462054333
ISBN-13: 978-3462054330
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Hugo Hamiltom: Palmen in Dublin

Hugo Hamiltom: Palmen in Dublin

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In einem langen Monolog lässt uns der Icherzähler in diesem Roman an seinen Gedanken, Reflexionen und Erinnerungen teilnehmen.
Es gibt keinen nachvollziehbaren Handlungsstrang.
Er mag Anfang dreißig sein, als er mit seiner Frau Helene und zwei kleinen Töchtern nach einem langen Berlinaufenthalt nach Irland zurückkehrt. Wo ist er zu Hause? In Deutschland oder in Irland?
Man hört davon, dass sein Vater Ire und die Mutter Deutsche waren. Zu Hause wurde Deutsch oder Englisch gesprochen. Der Vater mochte Englisch nicht. Er zog die gälische Sprache vor.
Erklären sich daraus die zahlreichen schwierigen Gefühle, die diesen Mann in seinem Leben umtreiben?

Nun, man muss sich auf Gedankenfetzen, wechselnde Orte und Begebenheiten einstellen, wenn man sich diesem sehr anerkannten Autor in seinem Roman nähern will.

Der Held der Geschichte bleibt den ganzen Roman hindurch auf der Suche nach einem Zuhause. Krampfhaft sucht er in Dublin Fuß zu fassen. Er ist arm und hat Schulden. Mühsam quälen seine Frau Helene und er sich durchs Leben. Ihre Existenz steht auf tönernen Füssen. Zahlreiche Verwandte tauchen auf und verschwinden wieder. Es gibt Bindungen von Helene zu ihrer Mutter und zu ihren Geschwistern. Dann taucht die Mutter auf. Sie lebt in Kanada; doch viel mehr wissen wir nicht von ihr. Der Icherzähler verliert in einer anrührenden Szene seine Mutter.

Kleine Reisen mit den Kindern, Abende mit Freunden, eigene Erlebnisreisen und gesellschaftliche Alltagsgeschichten öffnen uns den Blick in eine Welt, in der es so recht keine Gewissheiten gibt.

Wo ist Heimat, wo komme ich her, und wo gehe ich hin sind die altbekannten Fragen, mit denen sich Menschen auf der Suche nach Klarheiten befinden. Unser Held bleibt ein Suchender, fast überall eher fremd als sich zugehörig fühlend.

Es ist eine Geschichte vom Abschiednehmen, vom Ankommen und wieder sich trennen, von der Schönheit der Natur und von der Fremdheit in großen Städten; nicht zuletzt handelt sie vom Aufbruch zu neuen Ufern, und dieser bietet Anlass zu Hoffnung.

Es ist eine nachdenkliche und besinnliche Geschichte.

Hugo Hamilton entstammt selber eine Mischehe: die Mutter war Deutsche, der Vater stammte aus Irland. Aufgewachsen ist Hamilton in Dublin, der Heimat seines Vaters, wo er heute lebt.

Hugo Hamilton
Palmen in Dublin
288 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, Juli 2020
ISBN-10: 3630873014
ISBN-13: 978-3630873015
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Fabio Andina: Tage mit Felice

Fabio Andina: Tage mit Felice

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Es handelt sich hier um eine wunderschöne Erzählung aus den Tessiner Alpen.

Ein Icherzähler berichtet, wie die Tage in diesem Dorf vergehen. Langsam! Das darf man schon sagen!

Der namenlose Erzähler begleitet den 90 jährigen Felice eine Woche lang in seinem Alltag. Es ist November und der Winter kündigt sich mit Kälte und Schnee an. Der Alltag von Felice besteht aus fast immer gleichen Handlungen. Er fährt mit seinem Auto über die umliegenden Dörfer. Morgens früh läuft er den Berg hinauf, wo er in einem Flussloch, einem so genannten Gumpen, ein Bad nimmt. Im Winter muss zuerst eine Eisschicht durchstoßen werden. Das ist wahrlich ein entbehrungsreiches Einsiedlerdasein!

Das Leben um das Dorf Leontica herum ist karg und einsam. Zahlreiche Einwohner begegnen sich bei unterschiedlichen Gelegenheiten. Man trinkt zusammen einen Schoppen und schwätzt über dies und das und erzählt sich die Neuigkeiten der Dorfbewohner. So ist man immer auf dem Laufenden.

Die Menschen sind genügsam in ihrer Armut. Es gibt die kleinen Läden, Restaurants und Bars, in denen sich die Dorfbewohner treffen. Doch auch der Schwatz über die Straße reicht häufig zum Gedankenaustausch.

Mehrheitlich sind die Bewohner alt, d.h. um die 70 bis 80 Jahre. Es tut sich nicht viel, und es gibt in diesem kurzen Roman keinen Handlungsstrang. Allerdings sind die Figuren in ihren Eigenheiten charakterlich meisterhaft gezeichnet. Sie sind skurril und zuweilen auch witzig.

Zentrale Figur bleibt Felice, auch er ein armer Kauz, der doch Zufriedenheit ausstrahlt.

Er fährt mit seinem alten Auto die Dörfer ab, und unser erzählender Begleiter erlebt ihn und seine Welt mit staunender Bewunderung.

Gekocht wird, was die Natur hergibt. Viele Male wird aus den geernteten Kräutern ein Sud gekocht, der als Tee herhalten muss. Das Feuer im Kamin muss als Heizung reichen.

In langen Schilderungen der Natur bei Schnee, Regen und Sonnenschein taucht man ganz in die Stimmung aus Kälte, Einsamkeit und Kargheit ein.

Dieses Buch liest man mit Beschaulichkeit und hingegeben an die Atmosphäre einer hinreißenden Landschaft. Die Ruhe überträgt sich auf den Leser und man meint fast, selber die herrliche Luft und das Bergpanorama zu erleben. Ein paar Tiere, Kinder und wenige jüngere Bewohner bereichern das Bild von einem Ort der Stille.

Man weiß nicht, was den Icherzähler dazu angeregt hat, sich mit Felice und dem Leben dort zu befassen.

Im SFR Literaturclub wurde das Buch empfohlen als Möglichkeit, sich zu entschleunigen. So sehe ich es auch: man kommt zur Ruhe! Die poetischen Beschreibungen der Naturereignisse bieten so viel Abwechslung, dass man immer wieder hineinversetzt wird in diese ruhige Bergwelt mit ihren grünen Oasen, kleinen Wasserquellen und vielseitigen Früchten.

Das Buch ist etwas für Liebhaber ruhiger Lebenseindrücke. So geht es zu in den abgelegenen Dörfern der Schweizer Bergwelt! Da gibt es keine Hetze und kein Jagen nach immer neuen Events und Abwechslung.

Der Roman verlangt dem Leser einiges an Geduld und Ausdauer ab. Er wird belohnt mit der Sichtweise eines beschaulichen und reizvollen Lebens fern aller sonst allenthalben zu beobachtenden Hektik und Unruhe. Felice, der Glückliche, macht es einem vor, wie es sich auf diese Weise lebt!

Fabio Andina
Tage mit Felice
224 Seiten, gebunden
Rotpunktverlag, März 2020
ISBN-10: 3858698636
ISBN-13: 978-3858698636
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