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Kategorie: Belletristik

David Grossmann: Was Nina wußte

David Grossmann: Was Nina wußte

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Geheimnisvoll, widersprüchlich und zugleich realistisch erzählt uns David Grossmann eine Geschichte. Eine Geschichte von drei Frauen und ihrem jeweiligen Schicksal, das sie einerseits zusammenschweißen sollte,das aber alle drei Frauen voneinander getrennt hat.

In seiner unvergleichlich assoziativen und in Andeutungen sich ergehenden Diktion schält sich erst allmählich die ganze Wahrheit über das Leben der drei Frauen heraus.
Wir befinden uns in Israel. Vera feiert ihren 90. Geburtstag. Aus diesem Anlass erscheinen ihre Tochter Nina, ihr Stiefsohn Rafael und deren gemeinsame Tochter Gili, ihre Enkelin. Letztere dreht einen Film über ihre Großmutter. Dazu führt sie Gespräche und schreibt alles auf. Sie ist zugleich eine der Protagonistinnen.
Wie soll man über etwas schreiben, das Gefühle ausdrücken und zugleich verbergen soll?

Vera und auch Nina schweigen beharrlich über ihre Vergangenheit. Nur in kurzen Ansätzen kann man Hinweise auf außergewöhnlich harte Jahre bekommen. Vera und Nina sind aus Jugoslawien nach Israel eingewandert. Milos, Ninas Vater und Veras Mann, ist tot. In Israel treffen sie auf Tuvia, der seine Frau nach langem Leiden verloren hat. Er hat drei Kinder u.a. den Sohn Rafael. Vera und Tuvia verbinden sich aus Liebe und Einsamkeit.

In sporadischen Episoden berichtet Vera, wie es zu dieser Ehe kam.
Gili sucht in den Gesprächen mit der Großmutter und ihrem Vater hinter Ninas geheimnisvolles Leben zu kommen. Es ist bemerkbar, dass da vieles nicht stimmt.
Ihre Nachforschungen haben ergeben, dass sich Nina und Rafael begegneten, als sie siebzehn und er fünfzehn Jahre alt waren.
Er ist hingerissen von ihr und wird es ein Leben lang bleiben. Nina aber findet nie zur Ruhe.

Die Spuren der Vergangenheit verdichten sich, als alle genannten Personen beschließen, in die ehemalige Heimat von Vera und Nina nach Jugoslawien, jetzt Kroatien, zu reisen. Was hat sich damals vor so vielen Jahren zugetragen?
Das ist eine lange Geschichte! Sie hat mit dem Jugoslawienkrieg unter Tito zu tun, mit Verrat, Folter, Shoah, Tod und grausamen Verlusten.

Menschen verlieren sich, bleiben sich treu oder geraten durch schwere Schicksalsschläge ganz aus den Fugen. Vera ist zutiefst durchdrungen von ihrer Liebe zu Milos. Aus Liebe zu ihm durchstand sie grausamste Folter, nur um ihn nicht zu verraten. Nina, ihre gemeinsame Tochter, ist das Opfer.

Wie David Grossmann diese Geschichte erzählt, das erinnert sehr an seinen großen Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“.
Auch hier wird geschwiegen, erduldet und mit unbekannten Mächten gerungen um der Wahrheit willen, oder um ihr zu entgehen.
Gebannt folgt man den Lebenswegen der drei Frauen. Die starke Vera bestimmt das Geschehen.

Die Erzählung hat einen wahren Hintergrund: das Schicksal der Jüdischen Kommunistin Eva Panic-Nahir.
Grossmann macht daraus eine Geschichte von gewaltiger Tragweite.
Wieder gelingt es ihm, die Geschehnisse um Verfolgung, Krieg und Shoah ins Bewusstsein der Gegenwart zu holen.
Spannend, beklemmend und eindrucksvoll bleibt der Eindruck eines herausragenden Werkes in der Übersetzung von Anne Birkenhauer.

Davod Grossmann
Was Nina wußte
352 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, 2. Auflage, August 2020
ISBN-10: 3446267522
ISBN-13: 978-3446267527
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Shilpi Somaya Gowda: Was uns verbindet

Shilpi Somaya Gowda: Was uns verbindet

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Dieser Roman, der sich leicht, spannend und unterhaltsam liest, behandelt das Schicksal einer vierköpfigen Familie: Vater, Mutter, Tochter und Sohn.

Die Eltern sind ein glückliches Paar. Sie lieben sich sehr. Der Vater stammt aus einfachen Verhältnissen in Amerika; er hat es zum erfolgreichen Banker gebracht. Seine Frau wuchs als Diplomatentochter einer indischen Familie auf und arbeitet ebenfalls.

Beide Eltern sind in anspruchsvollen Berufen tätig. Die zwei Kinder von 10 und 6 Jahren bleiben immer ein paar Stunden alleine, ehe die Mutter nach Hause kommt.
Dann passiert das Unglück, das dieses großartige Glück in seinen tiefsten Tiefen erschüttert: Prem, der kleine Sohn, steigt unbeobachtet in den häuslichen Pool und ertrinkt. Karina, die 10jährige Tochter, merkt plötzlich, dass er nicht da ist, sieht ihn im Pool und versucht ihn zu retten: aber es ist zu spät.
Nichts ist mehr, wie es war. Die Wege aller drei übrig gebliebenen Familienmitglieder driften fortan weit auseinander.

Gowda zeigt Gespür für ihre Protagonisten, die verzweifelt versuchen, einen Ausweg aus der seelischen Sackgasse zu finden. Dass da jeder seine eigenen Strategien entwickelt, ist unübersehbar.
Jaya widmet sich spirituellen Meditationen, und Keith geht traurig und alleine seinen Bankgeschäften nach.
Keith wird von der verzweifelten Mutter Jaya verlassen, und Karina verlässt nach dem Ende der Schulzeit das Haus, um zu studieren. In ihrem Fall spielen ethnische Verschiedenheit eine nicht unbedeutende Rolle, da Jaya Inderin ist und ihre Tochter Kira mit ihrem hübschen Aussehen Aufmerksamkeit erregt. Sie ist aber am schlimmsten getroffen, da sie sich am Tod des Bruders schuldig fühlt. Auf ihrer Suche nach Erlösung aus dieser Schuld gleitet sie in einem Schlingerkurs hin zu einem infamen Guru, der mit allen Wassern gewaschen ist, um sich seine Schäfchen hörig zu machen.

Das Geschehen ist psychologisch großartig aufgebaut.
Man hält den Atem an, denn man erkennt eher als Karina, dass in ihrer Kommune etwas nicht stimmt.
Es ist ein Schmöker im besten Sinne: spannend, kurzweilig und von zahlreichen Irrwegen und Erfahrungen geprägt.
Am Leben und Schicksal anderer teilzunehmen, ohne selbst betroffen zu sein, löst Schauer und Erleichterung aus. Man darf sich aber durchaus vorstellen, wie es einem selbst ergangen wäre in dieser Situation.

Shilpi Somaya Gowda hat sich intensiv mit ihrem Romaninhalt beschäftigt und Fachbücher zu den jeweiligen Themen studiert. Ihre Beschreibungen östlicher Religionen und Meditationen, Erfahrungen aus dem Bankwesen und aus dem Studienfach Biologie, in das sich Karina stürzt, zeigen sehr unterschiedliche Bewältigungsversuche der handelnden Personen.

Mit diesem Roman lockt eine lesenswerte und interessante Lektüre für lange, faule Ferientage.

Shilpi Somaya Gowda
Was uns verbindet
432 Seiten, broschiert
KiWi-Taschenbuch, August 2020
ISBN-10: 3462054333
ISBN-13: 978-3462054330
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Hugo Hamiltom: Palmen in Dublin

Hugo Hamiltom: Palmen in Dublin

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In einem langen Monolog lässt uns der Icherzähler in diesem Roman an seinen Gedanken, Reflexionen und Erinnerungen teilnehmen.
Es gibt keinen nachvollziehbaren Handlungsstrang.
Er mag Anfang dreißig sein, als er mit seiner Frau Helene und zwei kleinen Töchtern nach einem langen Berlinaufenthalt nach Irland zurückkehrt. Wo ist er zu Hause? In Deutschland oder in Irland?
Man hört davon, dass sein Vater Ire und die Mutter Deutsche waren. Zu Hause wurde Deutsch oder Englisch gesprochen. Der Vater mochte Englisch nicht. Er zog die gälische Sprache vor.
Erklären sich daraus die zahlreichen schwierigen Gefühle, die diesen Mann in seinem Leben umtreiben?

Nun, man muss sich auf Gedankenfetzen, wechselnde Orte und Begebenheiten einstellen, wenn man sich diesem sehr anerkannten Autor in seinem Roman nähern will.

Der Held der Geschichte bleibt den ganzen Roman hindurch auf der Suche nach einem Zuhause. Krampfhaft sucht er in Dublin Fuß zu fassen. Er ist arm und hat Schulden. Mühsam quälen seine Frau Helene und er sich durchs Leben. Ihre Existenz steht auf tönernen Füssen. Zahlreiche Verwandte tauchen auf und verschwinden wieder. Es gibt Bindungen von Helene zu ihrer Mutter und zu ihren Geschwistern. Dann taucht die Mutter auf. Sie lebt in Kanada; doch viel mehr wissen wir nicht von ihr. Der Icherzähler verliert in einer anrührenden Szene seine Mutter.

Kleine Reisen mit den Kindern, Abende mit Freunden, eigene Erlebnisreisen und gesellschaftliche Alltagsgeschichten öffnen uns den Blick in eine Welt, in der es so recht keine Gewissheiten gibt.

Wo ist Heimat, wo komme ich her, und wo gehe ich hin sind die altbekannten Fragen, mit denen sich Menschen auf der Suche nach Klarheiten befinden. Unser Held bleibt ein Suchender, fast überall eher fremd als sich zugehörig fühlend.

Es ist eine Geschichte vom Abschiednehmen, vom Ankommen und wieder sich trennen, von der Schönheit der Natur und von der Fremdheit in großen Städten; nicht zuletzt handelt sie vom Aufbruch zu neuen Ufern, und dieser bietet Anlass zu Hoffnung.

Es ist eine nachdenkliche und besinnliche Geschichte.

Hugo Hamilton entstammt selber eine Mischehe: die Mutter war Deutsche, der Vater stammte aus Irland. Aufgewachsen ist Hamilton in Dublin, der Heimat seines Vaters, wo er heute lebt.

Hugo Hamilton
Palmen in Dublin
288 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, Juli 2020
ISBN-10: 3630873014
ISBN-13: 978-3630873015
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Fabio Andina: Tage mit Felice

Fabio Andina: Tage mit Felice

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Es handelt sich hier um eine wunderschöne Erzählung aus den Tessiner Alpen.

Ein Icherzähler berichtet, wie die Tage in diesem Dorf vergehen. Langsam! Das darf man schon sagen!

Der namenlose Erzähler begleitet den 90 jährigen Felice eine Woche lang in seinem Alltag. Es ist November und der Winter kündigt sich mit Kälte und Schnee an. Der Alltag von Felice besteht aus fast immer gleichen Handlungen. Er fährt mit seinem Auto über die umliegenden Dörfer. Morgens früh läuft er den Berg hinauf, wo er in einem Flussloch, einem so genannten Gumpen, ein Bad nimmt. Im Winter muss zuerst eine Eisschicht durchstoßen werden. Das ist wahrlich ein entbehrungsreiches Einsiedlerdasein!

Das Leben um das Dorf Leontica herum ist karg und einsam. Zahlreiche Einwohner begegnen sich bei unterschiedlichen Gelegenheiten. Man trinkt zusammen einen Schoppen und schwätzt über dies und das und erzählt sich die Neuigkeiten der Dorfbewohner. So ist man immer auf dem Laufenden.

Die Menschen sind genügsam in ihrer Armut. Es gibt die kleinen Läden, Restaurants und Bars, in denen sich die Dorfbewohner treffen. Doch auch der Schwatz über die Straße reicht häufig zum Gedankenaustausch.

Mehrheitlich sind die Bewohner alt, d.h. um die 70 bis 80 Jahre. Es tut sich nicht viel, und es gibt in diesem kurzen Roman keinen Handlungsstrang. Allerdings sind die Figuren in ihren Eigenheiten charakterlich meisterhaft gezeichnet. Sie sind skurril und zuweilen auch witzig.

Zentrale Figur bleibt Felice, auch er ein armer Kauz, der doch Zufriedenheit ausstrahlt.

Er fährt mit seinem alten Auto die Dörfer ab, und unser erzählender Begleiter erlebt ihn und seine Welt mit staunender Bewunderung.

Gekocht wird, was die Natur hergibt. Viele Male wird aus den geernteten Kräutern ein Sud gekocht, der als Tee herhalten muss. Das Feuer im Kamin muss als Heizung reichen.

In langen Schilderungen der Natur bei Schnee, Regen und Sonnenschein taucht man ganz in die Stimmung aus Kälte, Einsamkeit und Kargheit ein.

Dieses Buch liest man mit Beschaulichkeit und hingegeben an die Atmosphäre einer hinreißenden Landschaft. Die Ruhe überträgt sich auf den Leser und man meint fast, selber die herrliche Luft und das Bergpanorama zu erleben. Ein paar Tiere, Kinder und wenige jüngere Bewohner bereichern das Bild von einem Ort der Stille.

Man weiß nicht, was den Icherzähler dazu angeregt hat, sich mit Felice und dem Leben dort zu befassen.

Im SFR Literaturclub wurde das Buch empfohlen als Möglichkeit, sich zu entschleunigen. So sehe ich es auch: man kommt zur Ruhe! Die poetischen Beschreibungen der Naturereignisse bieten so viel Abwechslung, dass man immer wieder hineinversetzt wird in diese ruhige Bergwelt mit ihren grünen Oasen, kleinen Wasserquellen und vielseitigen Früchten.

Das Buch ist etwas für Liebhaber ruhiger Lebenseindrücke. So geht es zu in den abgelegenen Dörfern der Schweizer Bergwelt! Da gibt es keine Hetze und kein Jagen nach immer neuen Events und Abwechslung.

Der Roman verlangt dem Leser einiges an Geduld und Ausdauer ab. Er wird belohnt mit der Sichtweise eines beschaulichen und reizvollen Lebens fern aller sonst allenthalben zu beobachtenden Hektik und Unruhe. Felice, der Glückliche, macht es einem vor, wie es sich auf diese Weise lebt!

Fabio Andina
Tage mit Felice
224 Seiten, gebunden
Rotpunktverlag, März 2020
ISBN-10: 3858698636
ISBN-13: 978-3858698636
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Ulla Coulin-Riegger: Mutters Puppenspiel

Ulla Coulin-Riegger: Mutters Puppenspiel

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Was für eine grässliche Mutter!

Ulla Coulin-Riegger hat mit diesem Debütroman wohl ihrem Herzen aus der reichlichen Erfahrung ihrer psychotherapeutischen Arbeit Luft gemacht!

Es gibt sie! Diese Mütter aus Vorwurf, Selbstmitleid und Erwartung. Immer voller Anspruch und Eifersucht bis hin zu kränklichen Zuständen, mit denen das Kind, in diesem Fall die Tochter Lisette, zu Gehorsam und Fürsorge gezwungen wird. Diese Tochter kann sich einfach nicht befreien aus dem Zwang der Abhängigkeit.

Sie, die Tochter, ist 38 Jahre alt, Ärztin und toll verliebt in einen verheirateten Mann mit Frau und Tochter im Hintergrund. Anlass zu Ärger für die Mutter ohne Ende!

Ulla Coulin –Riegger beschreibt die Beziehungen aller beteiligter Personen so wahrhaftig, dass man ganz gefangen wird von den verworrenen Beziehungsstrukturen. Man ärgert sich mit der Tochter mit, man möchte ihr helfen, herauszukommen aus der Abhängigkeit sowohl vom Liebhaber als auch von der Mutter.

Es fehlt nicht an existenziellen Ereignissen, die das ganze starre System zum Zusammenbruch zu bringen droht.

Liebe, Zärtlichkeit und Erwartungsfreude zum Liebhaber werden erst angeknackst, als Emil immer und immer wieder eine Stellungnahme und Entscheidung für oder gegen die Geliebte hinauszögert.

Alle Personen haben Schwierigkeiten, sich auf wirkliche Nähe, Distanz oder notwendige Konfrontationen einzulassen.

Erst als eine neue Freundin der Tochter ins Spiel kommt, eine Psychotherapeutin, gelingt es Lisettte, aus der Umklammerung der Mutter fast herauszufinden. Ruth, diese neue Freundin, hat zwar auch ein Problem, aber sie scheint es besser in den Griff zu bekommen.

So wie Ulla Coulin-Riegger alles beschreibt, wird man zum Zuschauer des psychodynamischen Geschehens. Man sieht, was alles nicht stimmt, und glaubt, Lösungen zu kennen; aber man ist ja nur von außen dabei. Es macht einen Unterschied, ob man selbst in so einer bizarren Verstrickung lebt, oder nur Zuschauer mit Brennglas ist.

Zuletzt wird noch ein überraschendes Geheimnis gelüftet, das aber wichtig ist und den Leser sehr erschüttert.

Dass am Ende alles recht glücklich endet, ist fast nicht zu glauben.

Ein spannendes, aufregendes und fesselndes kleines Buch, das viel über die Psyche und ihre Verstrickungen verrät.

Sehr lesenswert!

Ulla Coulin-Riegger
Mutters Puppenspiel
174 Seiten, gebunden
Klöpfer, Narr, 30. März 2020
ISBN-10: 3749610274
ISBN-13: 978-3749610273
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Hubert Achleitner: flüchtig

Hubert Achleitner: flüchtig

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Hier wird die Geschichte von Maria und Herwig, einem freundlichen und zugänglichen Paar in Österreich, erzählt.

Nach dreißig Jahren Ehe, in denen es existenzielle Konflikte gab, ist Maria eines Tages verschwunden. Niemand hat eine Erklärung dafür.

Die beiden hatten nicht in heißer Liebe zu einander gefunden. Sie waren sich ganz im Gegenteil erst langsam nähergekommen. Als Maria schwanger wurde, heirateten sie. Nach einigen Wochen verlor sie das Kind, und das Unglück darüber war groß.

In langsam vorbeiziehenden Bildern und Berichten entwickelt Hubert Achleitner das Psychogramm einer Ehe, wie es sie wohl häufiger gibt. Entfremdung, Ehebruch, Heimlichkeiten: es fehlt nichts, was uns diese Geschichte nicht verstehen lässt. Man leidet mit, trauert mit und ist sehr berührt vom Schicksal dieser zwei Menschen. Es gipfelt im Verschwinden von Maria, die bei ihrem Verschwinden keinerlei Spuren hinterlässt.

Nach dem ersten noch sehr realitätsnahen Teil der Geschichte, wird der zweite Teil recht abstrus und sonderbar.

Er führt zu einer abenteuerlichen äußeren und inneren Reisebeschreibung, die aus dem fernen Österreich tief in den Süden bis nach Griechenland zu einem Heiligen Berg und abgelegenen Kloster führt. Hier wird es für den Leser zuweilen irritierend. Seelenzustände und Landschaftsbeschreibungen, menschliche Begegnungen und Abenteuer wechseln sich ab. Maria führt ab jetzt eine Aussteigerexistenz. Der Leser erfährt von immer neuen Irrwegen menschlichen Seins. Es geht um Selbstverwirklichung, Erleuchtung und psychedelische Erfahrungen, die sich auf vielerlei Art und Weise manifestieren. Ganz oben aber steht der Wunsch nach einem Leben ohne innere Zwänge, genau gesagt: Freiheit. Zuweilen verwirrend, immer aber spannend lässt uns Achleitner an den dramatischen Abenteuern und Erfahrungen seiner Protagonisten teilnehmen.

Gesellschaftliche und politische Bezüge in Musik und Lebensformen weisen auf die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts hin.

Hubert Achleitners Fantasien im Erfinden abstruser Erlebnisse und Aktionen zeugt von impulsiver Vitalität und Vielfalt. Gelegentlich scheint es einem fast zu viel des Guten.

Zuweilen ist es schwer, allen verworrenen Beziehungsstrukturen zu folgen. Doch kann man dem Autor eine wahrhaftig lebhafte, bilderreiche und malerische Schreibkultur nicht absprechen.

Wer sich gut unterhalten will, kommt wunderbar auf seine Kosten!

Hubert Achleitner ist in seinen Kreisen ein bekannter Vertreter der Neuen Volksmusik, der mit diesem Debütroman Erfolg haben wird!

Rezension von Claudine Borries

Hubert Achleitner
Flüchtig
304 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag, 2. Auflage Mai 2020
ISBN-10: 3552059725
ISBN-13: 978-3552059726
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Taffy Brodesser-Akner: Fleishman steckt in Schwierigkeiten

Taffy Brodesser-Akner: Fleishman steckt in Schwierigkeiten

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Mitten in der Nacht lädt Rachel die Kinder bei Toby ab. So war es nicht abgemacht, auch wenn er natürlich gerne auch nach der Trennung weiter Verantwortung für die Kinder übernimmt. Er ist jedoch nicht mehr so eingespannt. Er genießt seine Freiheit und die Möglichkeiten, die ihm Dating-Apps bieten.

Es ist kein Problem für ihn, sich jetzt umzuorganisieren. Wenn es nicht anders geht, kann er die Kinder sogar mit zur Arbeit nehmen. Sie können im Konferenzraum der Klinik spielen, während er sich in seiner Funktion als Arzt um die Patienten kümmert. Es ist ein Beruf, der ihm gefällt.

Rachel war nie zufrieden mit seinen beruflichen Ambitionen. Nach ihrer Meinung hätte Toby viel mehr erreichen können. Doch er ist immer auf die Bremse getreten, wenn sie ihn vorwärtstreiben wollte. Er hat nicht ihre Ansprüche. Also hat Rachel den größeren Teil zum Einkommen der Familie beigetragen und er hat sich um Haushalt und Kinder gekümmert und sämtliche damit verbundene Pflichten übernommen. Es gab viel Streit deswegen, auch weil sie sich, seiner Meinung nach, zu wenig um die Kinder und um ihn gekümmert hat. Und das hat schließlich zur Trennung geführt.

Mit Erstaunen muss er nun hinnehmen, das Rachel die Kinder nicht wieder abholt. Er kann sie nicht erreichen. Wahrscheinlich arbeitet sie und bringt ihre Karriere weiter voran. Es soll ihm egal sein. Aber was sagt er den Kindern? Zum Glück kann er sie vorerst im Sommer-Camp unterbringen.

Toby steckt in einer emotionalen Krise. Aber er genießt auch sein neues Leben. Frei und ungebunden, kann er ausleben, was ihm scheinbar bisher gefehlt hat. Seine Zerrissenheit wird etwas zu ausführlich dargestellt und auch wie er versucht, sein mangelndes Selbstbewusstsein aufzubügeln. Sein Leben wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, auch aus seiner eigenen. Die Sprünge, auch in der Zeit, ergeben schließlich ein Gesamtbild. Toby macht Rachel allein für das Scheitern ihrer Ehe verantwortlich.

Dann, man erwartet es nicht mehr, kommt im letzten Teil des Buches Rachel zu Wort. Das ganze Kartenhaus aus Tobys Beschuldigungen Rachel gegenüber stürzt mit lautem Krach zusammen und man kommt zu interessanten Erkenntnissen!

Rezension von Heike Rau

Taffy Brodesser-Akner
Fleishman steckt in Schwierigkeiten
Aus dem amerikanischen Englisch von Britta Mümmler
512 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423282215
ISBN-13: 978-3423282215
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Monika Helfer: Die Bagage

Monika Helfer: Die Bagage

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In einem Bergdorf in Österreich fernab größerer Siedlungen leben Maria und Josef mit ihren zahlreichen Kindern. Maria ist schön, so schön, dass sich ihrer Anziehung kein Mann entziehen kann.

Sie sind arm, leben in einer Hütte und gelten als die „Bagage“. Sie schlagen sich nur mühsam durch.

1914 muss Josef in den Ersten Weltkrieg ziehen. Er lässt seine Frau unter dem Schutz des Bürgermeisters im Bergdorf zurück.

Ein schöner Mann erscheint eines Tages: Georg! Er kam aus Hannover. Kurze Zeit nur weilt er hier. Dann ist er wieder verschwunden. Auch er kann sich der Anziehung der schönen Maria kaum entziehen. Was mag sich zwischen ihm und Maria abgespielt haben? Das Verhalten des Bürgermeisters treibt die Geheimnisse um die schöne Frau auf die Spitze.

Eine archaische Welt tut sich vor uns auf!

Die zentrale Figur dieser mit kurzen Sätzen und in einem stoischen Stil verfassten Geschichte ist die schöne Maria. Sie ist sehr auffallend. Von ihr geht eine erotische Strahlkraft aus, die fast alle Männer in Sehnsucht, Bewunderung und Begierde treibt.

Monika Helfer verfasst ihre Geschichte in Erinnerungssprüngen an die verschiedenen Generationen.

Maria ist die Großmutter, aus deren Schoß so viele Kinder geboren wurden. Mutter der Icherzählerin ist Marias Tochter Grete, ein Mädchen, dessen Herkunft während der Kriegszeit nicht so ganz sicher zu bestimmen ist.

Schaut Josef sie deswegen nie an und spricht auch nie ein Wort zu dieser Tochter? Hat er Zweifel an seiner Vaterschaft für dieses Kind?

Mit spröden Sätzen und in faszinierenden Bildmalereien ersteht ein Panorama, das Landluft und Natur mit einbezieht in die Geschichte einer großen Familie. Die Icherzählerin befasst sich mit den einzelnen Charakteren ihrer Onkel und Tanten, und es kommen skurrile Naturen zum Vorschein. Hervorstechend bleibt die Großmutter mit ihrer starken Anziehungs- und Verführungskraft.

In dieser Erzählung macht die Armut nicht hilflos und schwach, sondern sie erzeugt kraftvolle Menschen. Sie sind stolz und trotzen dem Hunger, der Kälte und der Armut. Auch verbindet die ganze Sippschaft eine enge Zusammengehörigkeit. Es gibt die Liebe, aber sie bleibt verhalten und man spricht nichts aus.

Zarte Beobachtungen der Natur und der Vogelwelt sind von poetischer Schönheit. Man fühlt sich hautnah dem Winter, dem Schnee und der Kälte ausgesetzt.

Die Autorin hat es geschafft, eine magische Welt zu beschreiben. Der Leser bleibt bis zuletzt im Banne der Geschichte und ist fasziniert, wie aus jedem skizzierten Leben eine ganz eigene Geschichte entsteht.

Das schmale Bändchen mit nur 158 Seiten hat das Zeug zu einem wirklich großen Roman.

Hervorragend!

Monika Helfer
Die Bagage
160 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Februar 2020
ISBN-10: 3446265627
ISBN-13: 978-3446265622
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Kerstin Hensel: Regenbeins Farben

Kerstin Hensel: Regenbeins Farben

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Kerstin Hensel beschreibt in ihrer Novelle das Leben von drei Witwen und einem Witwer, die auf ungewöhnliche Weise zusammentreffen. Sie befinden sich auf einem Friedhof, wo die Gräber der verstorbenen Partner nahe beieinanderliegen. An- und abfliegende Flugzeuge bieten die gleichmäßige Begleitmusik zu dieser Friedhofsidylle.

Die Personen und ihre Geschicke reihen sich als Einzelschicksale aneinander, die dann aber kunstvoll miteinander in Verbindung gebracht werden.

Der Friedhof und der Tod vereinigen drei Frauen unterschiedlichen Alters und der Lebensart. Der scheue Galerist liefert die Essenz, mit der die Geschichte eine gewisse Brisanz gewinnt.
Irgendwie scheinen sich die Wege der vier schon zu Lebzeiten der Verstorbenen gekreuzt zu haben.
Sie werden jeder/jede in ihrer Art als schrullig und skurril beschrieben.

Karline Regenbein ist Malerin. Sie war bescheiden und lebte im Abseits, bis der verstorbene Fotograf Rüdiger Habich ihren Weg kreuzte und sich an ihr Leben dranhängte. Auch er ein merkwürdiger und ungewöhnlicher Mensch mit einer starken Neigung zur Selbstüberschätzung.

Eduard Wettengel, ein etwas kauziger Galerist, hat die Malerin entdeckt, und stellt seine Gallerie für Ausstellungen der Künstlerin zur Verfügung.

Ziva Schlott, emeritierte Kunstprofessorin, besucht auf dem Friedhof ihren verstorbenen Mann, und Lore Müller-Kilian ist die Frau des verstorbenen Kunstmäzens Kilian. Auch er liegt hier begraben.

Karin Hensel konstruiert aus diesen Figuren eine der Kunst zugewandte Gesellschaft.
Ihre Erzählung lässt die drei Witwen unterschiedlichen Alters recht zufällig aneinandergeraten. Sie sind auf den Galeristen fixiert, der alle drei hofiert.

Die Geschichte ist etwas bizarr und gelegentlich mit einer gewissen Komik ausgestattet, weil die Figuren so unterschiedliche und leicht extravagante Züge tragen.

Angesiedelt ist das Geschehen in der ehemaligen DDR. Es fehlt nicht an Hinweisen darauf.

Prof. Schlott ist Jüdin, was sich bei Gelegenheit einer Grabschändung herausstellt. Hier wurde mir die Geschichte ein wenig zu voll gepackt mit beziehungsreichen Geschichtsereignissen.

Kerstin Hensel schreibt amüsiert und erheiternd. Ihre Figuren sind jede in ihrer Art besonders, und die Autorin macht sich fast ein wenig lustig über sie. Auf jeden Fall sind der Tod und das Leben hier auf eindrucksvolle Weise vereint!

Kerstin Hensel
Regenbeins Farben
256 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, März 2020
ISBN-10: 3630876013
ISBN-13: 978-3630876016
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Graham Swift: Da sind wir

Graham Swift: Da sind wir

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In diesem schmalen Roman geht es um drei Varietékünstler, die 1959, geprägt von den Kindheitserinnerungen im Zweiten Weltkrieg, in Brighton/ England zusammenfinden.

Jack ist Tanzkünstler und Initiator des Events. Ronnie ist Zauberer und Magier, und Evie ist seine Assistentin. Sie pflegen einen Sommer lang mit zunehmendem Erfolg Ihre Auftritte in Brighton.
Während Ronnie sich mit Evie verlobt, kann schließlich doch der charmante Frauenheld und Charmeur Jack ihre Liebe gewinnen. Im Alter von 79 Jahren erzählt sie aus der Rückansicht die Geschichte ihres Lebens, in dem Ronnie und Jack ihren festen Platz hatten.

Wie haben sie zusammengefunden?

Das erfahren wir, wenn wir uns näher mit ihrer Herkunftsgeschichte befassen. Am interessantesten und eindrucksvollsten sind die Erfahrungen von Ronnie. Er kam aus ärmlichsten Verhältnisse in London. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 musste sich seine verhärmte und unglückliche Mutter von Ronnie trennen, und ihn zu hilfsbereiten Menschen nach Oxfordshire ziehen lassen. Mit Kindertransporten wurden während des Krieges die Kinder in weniger gefährdete entfernte Orte verschickt. Einigen Kindern ging es schlecht, andere trafen es blendend. Ronnie kam zu äußerst liebenswerten Menschen, die ihn wie einen Sohn aufnahmen. Er hatte es sehr gut dort und bekam für sein Leben viel mit. U.a. erlernte er die Zauberkunst von Eric, dem “Ersatzvater“. Zum Ende des Krieges musste er zurück zu einer Mutter, die ihm als unglückliche, alte Frau begegnete.
Bald schon traf er Jack und heuerte Evie an, um sich mit seinen Zauberkünsten als Varietékünstler zu verdingen.

Was macht die Geschichte so reizvoll?

Es sind die vielen Details im Kleinen: die Trennung von seiner Mutter, die er zuerst noch schmerzvoll erlebt, um dann umso glücklicher bei den Ersatzeltern so sein. Dieses Glück beim Einzug in ein komfortables Haus, die duftenden Gardinen, die liebevolle Behandlung und das Zwitschern der Vögel im Morgengrauen sind atmosphärisch so eindringlich, dass man sich ganz zu dieser Idylle hingezogen fühlt. Ein staunender kleiner Junge erfährt das Glück!

Die Zauberei und die Magie in den Vorstellungen der drei geraten zu Glanzstücken der Beschreibung. Fiktion und Wirklichkeit liegen nahe beieinander. Der Reiz der Magie liegt darin, dass uns das Geheimnisvolle in der Zauberei erheitert, nachdenklich macht und uns eine schöne, entrückte Welt vorgaukelt, die voller Wunder steckt.

Neben dem Showbusiness sind die persönlichen Beziehungen der drei von ernsthafter und zu Herzen gehender Tiefe. Der Wechsel zwischen Magie und dem wirklichen Leben ist äußerst feinfühlig und anrührend beschrieben. Die poetischen Schilderungen lehren uns, dass Magie zuweilen scheinbar wie die Wirklichkeit daherkommt.

Graham Swift ist ein wunderbarer Erzähler. Er kann Geschichten erzählen, die wie im Märchen den Leser berühren und in Bann ziehen.

Man lese dieses Büchlein und genieße die Fiktion und erfreue sich zugleich am Leben!

Grajam Swift
Da sind wir
160 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, März 2020
ISBN-10: 3423282207
ISBN-13: 978-3423282208
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