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Kategorie: Belletristik

Éliette Abécassis: Mit uns wäre es anders gewesen

Éliette Abécassis: Mit uns wäre es anders gewesen

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Zwei junge Menschen, Amélie und Vincent, treffen sich an der Sorbonne, als sie sich für das nächste Semester einschreiben wollen. Später geht man als Grüppchen noch in ein Café.

Vincent und Amélie verplaudern die ganze Nacht, in der sie sich über ihre Herkunft, die Zukunftswünsche und ihre Träume unterhalten. Sie erfahren viel über sich aber nicht genug.

Bald ist klar, dass sie sich verliebt haben. Ein nächstes Treffen wird vereinbart. Und dann passiert eine Schicksalswende: sie verpassen sich!

Das Leben geht weiter. Im großen Abständen begegnen sie sich wieder. Sie hat innerlich an ihm festgehalten, während er inzwischen verheiratet ist und zwei Kinder hat. Auch Amélie findet einen Mann, von dem sie glaubt, er könnte der Richtige sein. Nach der Geburt ihrer Kinder aber tut sich eine Leere auf, die am Ende zur Scheidung führt. Bei den Kindern merken beide erst, wie sehr sie lieben können, während ihre Ehen im Alltag und in der Gleichgültigkeit versinken.

Die Jahre gehen ins Land. Nach dreißig Jahren und vielen Zwischenstationen auf ihren Lebenswegen begegnen sich die beiden wieder. Sie empfinden großes Glück miteinander!

Éliette Abécassis hat einen bezaubernden Roman geschrieben. Die Atmosphäre des Studentenlebens ist wunderbar eingefangen. Es ist das Glück des Neubeginns, der jugendlichen Freiheit und die Neugier auf das Leben, die uns die Autorin vermittelt.

Amélie ist die zarte, empfindsame und von Selbstzweifeln geplagte Frau, die sich nach dem großen Glück sehnt. Es hat lange gedauert, bis sie sich zu einer ersten Ehe entschlossen hatte.

Der Leser*in lässt sich vom Leben in der Pariser Gesellschaft beeindrucken und empfindet mit, wie locker und frei Begegnungen und Feiern ablaufen.

Das Entscheidende an dieser Erzählung aber ist die unterschwellige Spannung und der Charme, mit der die Liebe zwischen zwei Menschen bestehen bleibt und erst nach vielen Wirren, Enttäuschungen und zerplatzten Lebensträumen noch einmal neu aufflammt. Oder ist sie nie erloschen?

Ich war hingerissen, weil es den Leser zuerst in die Welt der Jugend mitnimmt und neben der Leichtigkeit die Tragik nie weit ist. Auch alles Folgende ist besonders reizvoll, weil eine immerwährende Sehnsucht nach der einen großen Liebe spürbar bleibt.

Menschwerdung und Menschsein zeigt sich facettenreich und getragen von Sehnsüchten, die dem Menschen eigen sind. Irrtümer können unerwartete Wendungen herbeiführen, und das Schicksal und der Zufall spielen mit. Verletzungen, die Partner sich zufügen können, werden ebenfalls in den Focus genommen.

Wer am Ende zu wem findet, und ob es das vollkommene Glück überhaupt gibt, das bleibt hier die Frage.

Auf jeden Fall ist die Geschichte lesenswert, weil sie mit der lockeren, flotten Erzählweise, die nicht der Tiefe entbehrt und uns keine schöne Welt vorgaukelt, besonders gut getroffen ist.

Das Büchlein liest sich leicht, ist spannend und anregend bis zur letzten Seite und verspricht anhaltendes Lesevergnügen.

Éliette Abécassis
Mit uns wäre es anders gewesen
144 Seiten, gebunden
Arche Literatur Verlag, Juli 2021
ISBN-10: 3716027979
ISBN-13: 978-3716027974
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Angelika Klüssendorf: Vierunddreißigster September

Angelika Klüssendorf: Vierunddreißigster September

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Angelika Klüssendorf erzählt uns in ihrem neuen Roman die Geschichte eines Dorfes und ihrer Bewohner in Ostdeutschland.

Hilde und Walter sind zwei nüchterne Menschen, denen man nicht glauben mag, dass sie ein Ehepaar sind. Sie sind muffelig und wenig freundlich miteinander. Walter neigt zu Wutausbrüchen, erniedrigt seine Frau und wütet gegen alle und jeden. Sie war zermürbt, weil sie sich von ihrem unfreundlichen und zornigen Mann nicht längst getrennt hat.

Als bei ihm ein Hirntumor festgestellt wird, ist er „nett“, was seine Frau irritiert. Er ist ihr einfach nicht mehr vertraut mit dieser sanften Freundlichkeit.
Nach kurzer Zeit bringt sie ihn zu Silvester um, indem sie seinen Schädel mit einer Axt spaltet.

So nüchtern wie das Paar im Umgang miteinander war, schreitet die Erzählung voran.
Es geht nicht etwa um Aufklärung des Mordes; nein, Walter erscheint als Berichterstatter aus dem Jenseits. Er trifft hier noch einige andere verstorbene Dorfbewohner, und gemeinsam beobachten sie aus ihrer Sicht, was sich in der dörflichen Gemeinschaft abspielt.

Jede Episode beginnt mit einem Namen als Überschrift, so dass man weiß, wer hier spricht.
Angelika Klüssendorf zeichnet auf diese Weise ein recht einfaches Leben der Dorfbewohner.
Da geht es um Begegnungen, das Äußere und um undifferenziert denkende und agierende Menschen. Es sind Alltäglichkeiten, die das Leben bestimmen.

Nur wenig Beschauliches gibt es zu berichten. Ein Junge verliert bei einem Unfall sein Bein; seine Mutter mag ihn nicht, und er mag sie nicht. Hilde, die einst Sprechstundenhilfe bei Dr. Kies war, hat ihm nach dem Unfall erste Hilfe geleistet. Als er sich bei ihr zunächst bedankt, folgt schon bald ein Fluch, weil man ihm den Unterschenkel amputiert hat.

Langsam reiht sich eine Episode an die nächste. Natürlich kennt man sich im Dorf. Jeder weiß etwas über den anderen. Es ist offensichtlich, dass es viel Gerede gibt, und dass es nicht fröhlich zugeht zwischen den Menschen. Zuerst bleibt man noch neugierig in der Erwartung eines vielleicht bedeutenderen Erlebnisses. Ab der Mitte des Buches stellt sich Ermüdung ein. Die gelegentlich witzige, zuweilen aber surreale Atmosphäre durch die Gespräche aus dem Jenseits vermag den Leser*in nicht wirklich zu fesseln.

Frühling, Sommer, Herbst und Winter machen den Wechsel aus. Die kurzen Landschaftsbeschreibungen, ein Duft von Sonne und Gras, Kälte, Schnee, Sturm und Regen sind glanzvolle Höhepunkte der Erzählung.

Wäre man selbst Mitglied der Gemeinschaft, könnte man vielleicht Interesse an der einen oder anderen Person finden. So bleibt der Satz der Schriftstellerin, ebenfalls eine Dorfbewohnerin, zum Ende des Romans haften: „Das Leben ist nur eine Unterbrechung, ein kurzes Innehalten zwischen dem Nichts davor und dem Nichts danach.“ Das klingt ernüchternd und fast ein wenig depressiv, wenn es auch der Wahrheit nahekommt.

Angelika Klüssendorf ist eine renommierte deutsche Schriftstellerin. In einem FAS Artikel vom 12.09.2021 wird sie als eine von drei Schriftstellerinnen beschrieben, die sich dem Dorfleben in ihren Romanen verschrieben haben. Ist das eine neue Kategorie von Lebensbeschreibungen?
Wir werden sehen!

Angelika Klüssendorf
Vierunddreißigster September
Piper, 2. Auflage, September 2021
224 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3492059902
ISBN-13: 978-3492059909
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Louis Begley: Hugo Gardners neues Leben

Louis Begley: Hugo Gardners neues Leben

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Der neue Roman von Louis Begley führt uns wieder einmal an die Ostküste Amerikas, vornehmlich nach New York und zu den Hamptons. Letztere bieten Erholung und reizvolle Landschaften und Ortschaften, in denen man ein komfortables Leben in den Ferien oder im Alter führen kann. Louis Begley selbst gehört zu den Ostküstenbewohnern, die gebildet und wohlhabend sind. Das war nicht immer so, wie man in seinem ersten Roman “Lügen in Zeiten des Krieges“ nachlesen kann, in dem er autobiographisch seine Flucht als Jude vor den Nazis beschreibt.

Worum geht es hier?

Ein alternder ehemaliger Zeitungskorrespondent und Chefredakteur, der Titelheld Hugo Gardner, erfährt auf wirklich ungewöhnliche Weise von den Scheidungsabsichten seiner Frau. Deren Anwalt wünscht auf Geheiß seiner Mandantin Valerie Gardner Kontakt zu Hugos Anwalt. Hugo ist vollkommen ahnungslos über diese plötzliche Wendung in seiner Ehe. Nach seinem Eindruck führten er und seine Frau seit vierzig Jahren eine gute Ehe. Er ist allerdings zu der Zeit, in der die Geschichte spielt, schon 84 und seine Frau 61 Jahre alt.
Recht lakonisch und genügsam willigt Hugo in die Scheidung ein.

Louis Begley hat die ungewöhnliche Gabe, seinen Figuren Leben einzuhauchen, ohne sie in ihrem Tun und Lassen etwa dramatisierend darzustellen. So lässt sich Hugo auf alles ein und versucht auf seine Weise, sein Leben neu zu formen. Dabei tauchen Freunde und Kollegen auf, er erhält Einladungen, denen er mehr oder weniger gerne Folge leistet. Das Gesellschaftsleben der Ostküstenbewohner mit ihren Allüren wird anschaulich vermittelt. Die Beschreibung der Mentalität seiner Freunde ist leicht ironisch bis mokant. Seine eigenen Kinder sieht er mit großer Distanz und stiller Ironie. Sie kommen immer nur, wenn sie Geld brauchen, das er ihnen großzügig gewährt. Von ihnen erbittet er Auskunft über die Gründe für den Scheidungswunsch seiner Frau, denn er kann ihn sich lange nicht erklären. Seine Tochter ist ruppig und sehr direkt. Sie spiegelt ein abscheuliches Bild seiner selbst: er sei alt, hässlich und langweilig.
Während Hugo erfolgreich und einflussreich war und noch ist, bleibt sein Sohn als Anwalt beruflich im Mittelmaß stecken.

Die Geschichte ist wie so oft bei Louis Begley voller Ironie und Melancholie. Ein alternder Beau begibt sich auf Spuren in die Vergangenheit. Er begegnet Alters- und Studiengenossen, Weggefährten und vor allem längst vergangenen Liebesaffären. Als ehemaliger Chefredakteur und Korrespondent einer angesehenen New Yorker Zeitung pflegt er vorzügliche Verbindungen in alle Welt. Paris, Wien oder die Schweiz waren seine bevorzugten Wirkungsstätten.

Hugo kennt sich aus im guten Leben: er liebt Essen, ausgewählte Weine und harte Drinks, vornehme Wohnsitze und ja, auch in seinem Aller noch, ausgedehnten Sex.

Begleys Held beschäftigt sich auf der Reise in die Vergangenheit u.a. mit den letzten Dingen; sie klingen nüchtern, realistisch und bei allem genussvollen Dasein ein wenig traurig. Einsamkeit ist der Schlüssel für dieses Alterswerk des großen Erzählers.

Man liest den Roman schnell, interessiert und neugierig. Einmal mehr erfahren wir, wie Leben verläuft: Aufbruch, Erfüllung in Beruf und Familie, Zweifel am großen Glück, Frustrationen und zuletzt Hinnahme dessen, was nicht zu ändern ist.

Der eindrückliche Roman unterhält bestens, und ich kann ihn sehr empfehlen.

Louis Begley
Hugo Gardners neues Leben
235 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag, 18. Juli 2021
ISBN-10: 3518429841
ISBN-13: 978-3518429846
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Elias Hirschl: Salonfähig

Elias Hirschl: Salonfähig

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Julius Varga ist sein Idol. Das Aussehen und Auftreten des Parteichefs scheinen ihm perfekt, die Ausstrahlung charismatisch. Zum Bundeskanzlerkandidaten hat er es gebracht. Er ahnt nicht, dass es eine Kopie von ihm gibt. Eine schlechte. Aber dieser Mann übt stundenlang, so zu wirken wie Julius Varga. Er imitiert seine Haltung, seinen Gesichtsausdruck, seine Art zu gehen. Und selbstverständlich hat er seine Gesten und auch seinen Sprachstil drauf. Nur seine politische Haltung nicht. Da ist er wie eine Fahne im Wind und seine Antworten, falls er denn mal gefragt wird, entnimmt er seinem Fundus an nichtssagenden Phrasen. Alles was zählt, ist der äußere Schein, den es zu verinnerlichen gilt. So viel hat dieser Doppelgänger verstanden.

Nur seine Freundin Moni will sich nicht überzeugen lassen. Als Testperson, sein authentisches Auftreten betreffend, ist sie nicht die beste Wahl. Doch wie soll jemand besser werden, der schon perfekt ist oder sich vielmehr dafür hält? Und doch ist auch dieser Nachahmer auf dem politischen Parkett zu Hause, auch wenn seine Funktion in der Jugendorganisation nicht klar ist und eher überflüssig erscheint. Er hat keinen Einfluss auf nichts. Was er sagt, wird nicht beachtet und verschwindet einfach. Seine schön formulierten und mit perfekten Gesten untermalten Reden klingen schlau, sind aber inhaltslos. Es ist die fehlende Anerkennung, die den Doppelgänger weiter in den Wahn treibt.

Elias Hirschl zeigt ein satirisches Bild einer Person auf, die sich in der Politik und im Persönlichen völlig verrannt hat. Er gesteht dieser Person keinen einzigen Sympathiepunkt zu. Vielmehr wird die Situation immer schlimmer, subtiler und weniger tragbar. Dadurch spitzen sich die Geschehnisse gefährlich zu. Der Protagonist ist ein Spiegel, dessen blinde Flecken und Schlieren immer mehr verschwinden. Der Wahn kennt keine Grenzen, zumal sich die Wahrheit mit abgrundtiefer Fantasie und mit Albträumen vermischt.

Das Buch ist einfach nur gruselig, auch wenn es Szenen gibt, die grotesk und aberwitzig sind. Es ist die Art, wie der Autor die Handlung vorantreibt, die wirklich erschreckt. Aber das Buch hat ja auch einen aufdeckenden und entlarvenden Charakter, Politik und Politiker betreffend. Und da hört der Spaß ja nun wirklich irgendwo auf. Aber in dieser Satire gibt es keine Grenzen, und so kann der Autor kaum deutlicher darstellen, was er sagen möchte. Es ist eine interessante Art, Kritik zu verpacken. Die Wirkung ist jedoch nicht ganz so durchschlagend.

Rezension von Heike Rau

Elias Hirschl
Salonfähig
256 Seiten, gebunden
‎Paul Zsolnay Verlag, August 2021
ISBN-10: 3552072489
ISBN-13: 978-3552072480
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Alex Schulman: Die Überlebenden

Alex Schulman: Die Überlebenden

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Drei erwachsen gewordene Brüder begegnen sich nach zwanzig Jahren im Sommerhaus der Eltern, um die Asche der Mutter zu verstreuen. Es ist ein altes Haus, morsch z.T., in einer idyllisch gelegenen Gegend an einem See nicht weit von Stockholm entfernt. In wechselnden Szenen erlebt man die Geschwister einmal in ihrer Kindheit und dann wieder im Heute mit der Urne der Mutter.

Der Autor Alex Schulmann malt ein düsteres Bild sowohl von heute als auch von damals.
Die Atmosphäre ist beklemmend. Die Eltern sitzen und trinken, sie trinken sehr viel, sie essen und schlafen.
Dazwischen wechseln die Brüder vom Spielen oder Schwimmen in die Nähe der Eltern oder in den nahegelegenen Wald.

Ganz unmerklich schälen sich die Charaktere heraus.
Nils ist der Älteste. Er ist klug und steht innerlich und äußerlich oft abseits.
Benjamin ist 9 und Pierre 7 Jahre alt.
Benjamin scheint sensibel und still beobachtend. Man ahnt, wie intensiv er Stimmungen und laute Unstimmigkeiten registriert. Aus seinen Beobachtungen wird die Erzählung gespeist.
Pierre wirkt in der Darstellung ängstlich, klein und eher verzagt.
Glücklich wirkt die Kindheit dieser drei Brüder nicht.
Man spürt, dass in diesem Elternhaus vieles ungesagt bleibt und ein eisernes Schweigen herrscht.
Benjamin, der Sensible, neigt zu Vorstellungen, in denen er die Wirklichkeit nicht mit der Einbildung vereinbaren kann.

Man erfährt nichts über den Alltag der einzelnen Familienmitglieder und von ihrem Leben in Stockholm. An einer Stelle wird vermerkt, dass die Kinder in einem „Oberklassenhaushalt“ aufgewachsen sind. Dass sie am Rande des Existenzminimums lebten, an einer anderen. Für die akademische Ausbildung scheint kein großer Aufwand getrieben worden zu sein. Der Leser*in merkt, dass über der Familie ein unbekanntes Unheil schwelt.

Alex Schulman konstruiert seine Geschichte so ausgefeilt, dass eine schwer zu ertragende Spannung entsteht. Warum machen die Eltern einen recht verwahrlosten Eindruck? Welche Dynamik besteht zwischen der äußeren Lebensform und der inneren seelischen Unausgeglichenheit?

Langsam und unmerklich nähert man sich einem Ereignis, dass ungeahnte Folgen für alle hatte. Alex Schulman hält uns ganz lange im Ungewissen, bis wir uns dem eigentlichen tragischen Geschehen nähern.

Es handelt sich in diesem Roman um die Sozialstudie einer Familie, deren Regeln ungeordnet und fahrlässig von den Eltern bestimmt werden, und die die Kinder in Einsamkeit und Verlustgefühle treiben. Angst und Unbehagen ist aus allen Handlungen zu spüren immer im Wechsel mit dem Bemühen, Liebe und Zuwendung von den Eltern zu erfahren.

Der Stil der Erzählung schwankt zwischen fast protokollartigen Berichten bis zu unregelmäßigen Gefühlsausbrüchen der Mutter und unverhofft auftretenden Wutausbrüchen des Vaters. Ein jeder lässt hier jeden allein.
Zusammenhalt zwischen den Brüdern gibt es, wenn dieser auch zerbrechlich ist.
Am Ende sind sie im Unglück vereint.

Die raue Natur, die Schönheit der Bäume, Pflanzen und der See bilden einen wunderbaren Hintergrund zu dem Familiendrama. Es ist ein lesenswerter Roman, voller Tiefe und intensiver Innenbetrachtung eines zerrütteten Familienlebens mit einem überraschenden Ende.

Alex Schulman
Die Überlenden
dtv Verlagsgesellschaft, August 2021
304 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3423282932
ISBN-13: 978-3423282932
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Anne von Canal und Heikko Deutschmann: I get a bird

Anne von Canal und Heikko Deutschmann: I get a bird

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Da schreiben sich zwei, die sich nicht kennen, nur weil der eine etwas vom anderen gefunden hat. Johan hat Jana einen Kalender zurückgeschickt, den sie vor langer Zeit in einer Telefonzelle vergessen hat. Hier in der Wendeschleife hat der Busfahrer wochenlang vergeblich versucht, einen Anruf zu tätigen.
Jana hat den Planer sehr vermisst. Eine äußerst wichtige Telefonnummer war ihr mit dem Verlust abhandengekommen. Doch auch sie erreicht nun niemanden mehr.

Jana schreibt zurück, und es entwickelt sich eine Korrespondenz, die bald an Tiefe gewinnt, obwohl die beiden sich fremd sind. Beide hat das Schicksal aus der Bahn geworfen. Und so ist der Austausch willkommen, denn vielleicht ergibt sich eine Möglichkeit, Klarheit in die Gedanken zu bringen. Das Schreiben hat sozusagen eine therapeutische Wirkung, wobei keiner wissen kann, in welche Richtung es geht. Es scheint einfacher zu sein, einem Fremden gegenüber offen zu sein, sich frustriert zu geben oder Entscheidungen zu hinterfragen und mögliche Fehler einzuräumen.

Der Busfahrer und die Zukunftsforscherin, die ihren Lebensunterhalt als Kurierfahrerin bestreitet, müssen ihr Leben neu ordnen und einen Weg finden, mit den Gegebenheiten zurechtzukommen. Es könnte so einfach sein und ist doch so schwierig. Schließlich finden die beiden eine Parallele in ihrem Leben, die in der jetzigen Situation weiterhelfen könnte. Ein kleiner Hoffnungsschimmer entwickelt sich. Es ist eine Anregung, die darüber entscheiden könnte, ob die persönlichen Dinge sich klären lassen oder ob man sie nehmen kann, wie sie sind, sodass ein Leben ohne ständige Ängste und Zweifel möglich wäre.

Der Gedankenaustausch ist fiktiv. Anne von Canal und Heikko Deutschmann sind in die Rollen von Jana und Johan geschlüpft. Sie haben sich geschrieben, ohne etwas abzusprechen. Die beiden Autoren zeigen mit dem Schriftwechsel, wie erdrückend Lebensumstände sein können und wie schwer, die Vergangenheit aufzuarbeiten, die Last abzuwerfen und sich selbst verzeihen zu können.

Schon seltsam, welche Ideen sich bei diesem Schriftwechsel der beiden Autoren ergeben haben. Wie der Ball zugeworfen und aufgefangen wird oder eben nicht. Um das Buch spannend zu halten, müssen ja immer wieder neue Aspekte eingearbeitet werden. Und die Figuren müssen sich weiterentwickeln, womit sich diese allerdings schwertun. Und das Ende des Buches ist eher ein neuer Anfang, wenn es der Leser möchte …

Rezension von Heike Rau

Anne von Canal und Heikko Deutschmann
I get a bird
272 Seiten, gebunden
mareverlag, August 2021
ISBN-10:‎ 3866486820
ISBN-13: 978-3866486829
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J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin

J. Courtney Sullivan: Fremde Freundin

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Elisabeth und Andrew, die viele Jahre in New York verbracht haben, leben nun in einer Kleinstadt, um hier ihren Sohn Gil aufzuziehen. Elisabeth vermisst ihre engste Freundin Nomi, die in Brooklyn geblieben ist. Eine von anderen Müttern gegründete Facebook-Gruppe und auch die anderen Frauen in der Laurel Street, die sie in ihren Buchclub aufgenommen haben, füllen die Leere nicht. Andrew erweist sich als liebevoller Vater, doch muss er sich um seine neueste Erfindung widmen. Elisabeth ist vertraglich gebunden und hat ein drittes Buch zu schreiben. Sie wird sich um eine Kinderfrau kümmern müssen, um Zeit zum Schreiben zu haben. Und so kommt Sam in die Familie, eine Kunststudentin, und kümmert sich um Gil. Die beiden Frauen könnten kaum unterschiedlicher sein. Aber sie haben sofort einen guten Draht zueinander.

J. Courtney Sullivan zeigt auf, wie sich zwischen Elisabeth und Sam eine Freundschaft entwickelt, die von der älteren Frau angestoßen wird. Sie sieht sich selbst ein bisschen in Sam und möchte vermeiden, dass diese die gleichen Fehler macht wie sie selbst. Das mag gut gemeint sein, aber ihre Art und Weise Sam zu beeinflussen, ist ein bisschen übergriffig. Elisabeth sieht nicht, dass es nicht unbedingt gut für Sam sein muss, zu handeln, wie sie selbst es tun würde.

Die beiden Frauen stammen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Während Elisabeth reiche Eltern im Hintergrund hat, muss Sam sich mit einem Studienkredit verschulden und nebenbei in der Küche der Mensa und als Babysitterin etwas dazu verdienen. Und doch ist es auch ein Privileg, dass ihr überhaupt eine Bildungschance offensteht. Der Roman ist also durchaus gesellschaftskritisch. Das wird untermalt mit der Theorie vom Hohlen Baum, mit der sich Elisabeths Schwiegervater George sich auseinandersetzt. Elisabeth belächelt seine Ansichten. Aber Sam kann er dafür gewinnen.

Es ist interessant zu sehen, wie die beiden Frauen sich anfreunden und miteinander umgehen, besonders dann, wenn es Differenzen gibt. Sie sind nicht gleichberechtigt in dieser Beziehung, denn Sam ist auf das Geld, das sie beim Babysitten verdient, angewiesen. Dennoch findet eine Entwicklung statt, vor der sich auch Elisabeth nicht verschließen kann. Beide gewinnen durch diese Freundschaft, verlieren aber auch viel.

Rezension von Heike Rau

J. Courtney Sullivan
Fremde Freundin
Aus dem Englischen von Andrea O’Brien und Jan Schönherr
528 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag, Juli 2021
ISBN-10: 3552072519
ISBN-13: 978-3552072510
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Doris Knecht: Die Nachricht

Doris Knecht: Die Nachricht

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In einem ruhigen und beschaulichen Garten sitzt Ruth mit ihrem Laptop, als sie eine sonderbare Nachricht erhält: man verkündet ihr hämisch auf Facebook, dass ihr Mann, der vor drei Jahren verstorben ist, eine Affäre hatte. Ja natürlich wusste sie davon! Aber wer erdreistet sich, in dieser Weise in ihr Leben einzudringen?

Doris Knecht beginnt ihren Roman über eine gestandene Frau in einem schönen, verwunschenen und herrlich einsam gelegenen Haus mit Garten. So lieblich mutet das Ganze an, dass man sich auf einen erbaulichen Roman einstellen möchte. Doch ganz so wunderbar bleibt es nicht!

Im Verlauf der Geschichte lässt Doris Knecht das Leben von Ruth, ihren Kindern und Ehemann vor unserem inneren Auge erstehen. Man merkt bald, dass in der Familie so einiges nicht zum Besten steht. Man kann sich aber nur schwer vorstellen, dass sie Anlass für Stalking bot.

Die Nachricht bildete erst den Anfang einer unendlichen Folge von Netzeinträgen mit diffamierendem Charakter und hässlichen Anschuldigungen, die auch an den Grundfesten der Beziehung zu ihren Freunden und Freundinnen rüttelt.

Doris Knecht versteht es hervorragend, einen Spannungsbogen aufzubauen, der den Leser*in immer mehr in seinen Sog zieht.

Die nächstliegende Frage bewegt allmählich schon sehr: wer könnte der Absender der boshaften Nachrichten sein?

Je mehr wir in die näheren Lebensumstände und Gewohnheiten von Ruth eingeweiht werden, desto enger wird das Netz der Beschmutzungen, die sie ereilen.

Doris Knecht steigert die Geschichte zu einem ausnehmend fesselnden Psychothriller. Das Netz der Beschuldigungen engt Ruth immer mehr ein. Man fasst es nicht und denkt darüber nach, dass es Psychotiker gibt, die keine Möglichkeit der Verfolgung auslassen. Dass es sogar in den besten Kreisen Menschen dieser Psychostruktur gibt, überrascht am Ende nicht.

Dem Leser*in bleibt fast der Atem stehen. Unweigerlich nimmt man innerlich Partei für die Hauptprotagonistin und bangt mit ihr um eine Lösung dieses Wahnsinns.

Ein so fesselnder und gut durchstrukturierter Roman dieser Dimension ist mir lange nicht begegnet!

Ich kann ihn nur sehr empfehlen, zumal diese Geschichte in unserer Zeit durchaus Wahrheitscharakter hat.

Doris Knecht
Die Nachricht
256 Seiten, gebunden
‎Hanser Berlin, Juli 2021
ISBN-10: 3446271031
ISBN-13: 978-3446271036
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Daniela Krien: Der Brand

Daniela Krien: Der Brand

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Daniela Krien erzählt in ihrem Roman die Geschichte einer Ehe, die in der Krise steckt.

Rahel und Peter sind an die fünfzig Jahre alt und seit dreißig Jahren verheiratet. Sie haben zwei Kinder, die inzwischen aus dem Haus sind. Das Ehepaar hat sich eingerichtet mit der Zweisamkeit.

In langsamem Fortgang berichtet die Autorin überlegt und reflektiert, wie es zur inneren und äußeren Entfremdung zwischen den Eheleuten kam.
Beide haben angesehene Berufe als Professor und Psychotherapeutin.
Ein bevorstehender Urlaub scheitert, weil das Haus in den Bergen, wohin sie reisen wollten, einem Brand zum Opfer fiel.

Unvorhergesehen bittet eine alte Freundin der Familie das Paar um Hilfe. Ihr Hof in der Uckermark mit einigen Tieren muss versorgt werden, da der Mann erkrankt ist. Rahel sagt zu. Peter ist verärgert, weil sie ihn nicht einmal gefragt hat, ob er mit dieser Lösung einverstanden sei.

Unmerklich gelangt Daniela Krien mit dieser Szene zum eigentlichen Kern ihres Romans: die Krise der Ehe wird langsam sichtbar.
Die Autorin hat ein feines Gespür für die innerpsychischen Spannungen, die nicht direkt ins Auge fallen.

In gut platzierten Stimmungen und Aussprüchen wird der Leser*in Zeuge einer Entfremdung, die zu traurigen Einsichten bei Rahel führen. Da spielen Erinnerungen an ihre Mutter eine Rolle, da geht es um schwierige Mutter-Töchterbeziehungen, um Enttäuschungen auf Seiten des Mannes und um Wünsche und Sehnsüchte seiner Frau. Eine tiefe Sprachlosigkeit fällt ins Auge. Versuche der Annäherung scheitern am Unwillen von Peter. Als er schließlich sagt, was er nicht will, ist das für Rahel in ihrer eigenen Lebenskrise hart.

Man ist als Leser*in gefangen von den Vorgängen. Der Besuch der Tochter mit zwei wilden, kleinen Enkelsöhnen beschwört neue Schwierigkeiten herauf.
Daniela Krien entwickelt ihre Geschichte psychologisch überzeugend mit einem abgewogenen Spannungsbogen. Man glaubt ihr jedes Wort und ist fasziniert vom Fortgang der Familiendramatik mit allen gegenseitigen Abhängigkeiten, Vorwürfen und Versagensgefühlen.

Herausragend sind die Naturbeschreibungen. Seen, Wälder, Sonne und Wind lassen das Land in prächtigen Farben vor unserem inneren Auge erstehen.

Eine subtile Familiengeschichte öffnet den Blick auf Entwicklungen, die es in jedem Leben mit allen Höhen und Tiefen geben mag. Ehen folgen häufig dem gleichen Schema: lebendige Anfänge, Überwindung von Hürden, Erfolge und schließlich Ermüdung. Wie aber hält man ein weiteres Auseinanderdriften auf? Man darf gespannt sein, wie die Autorin ihr Geschichte ausführt!

Ein aufregendes und gelungenes Werk ist Daniela Krien gelungen. Es scheint der Wirklichkeit abgeschaut. Man kann das Buch uneingeschränkt empfehlen!

Die Autorin ist mit weiteren Romanen auf dem Buchmarkt vertreten und gilt als anerkannte Schriftstellerin. Sie lebt in Leipzig.

Daniela Krien
Der Brand
Diogenes, 28. Juli 2021
272 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3257070489
ISBN-13: 978-3257070484
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Stefan Hornbach: Den Hund überleben

Stefan Hornbach: Den Hund überleben

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Das Buch des jungen Autors Stefan Hornbach, Jahrgang 1986, „Den Hund überleben“ besticht durch eine unmittelbare Direktheit, mit der man sich sogleich in die erste Szene der Geschichte hineinversetzt findet.

Ein junger Student, der Icherzähler, bummelt mit seiner Freundin durch Paris. Sie haben ein paar Tage zusammen verbracht und haben Spaß zusammen.
Die beiden landen in einem Secondhand Shop, wo sie verschiedene Kleidungsstücke anprobieren. Sie amüsieren sich, trödeln von diesem zu jenem Ort und fotografieren sich. Ihnen fallen immer neue kleine Albernheiten ein. Schließlich erfährt Su von einer Party, die in irgendeinem Park stattfinden soll. Dort trinkt man, isst, tanzt und sitzt herum. Zeit spielt keine Rolle, aber fröhlich wirkt die ganze Geschichte nicht. Sebastian geht es nicht besonders gut. Er wirkt leicht angeschlagen, etwas überrumpelt von dem Geschehen und ein wenig verkatert.

Kurz gesagt: es ist eine vorübergehende kleine Episode mit Sex und Fun, bis Sebastian wieder als Mitfahrer Richtung Heimat nach Frankfurt und Gießen in seine Studenten WG startet.

Er fährt zu seinen Eltern, wo er sich in ärztliche Behandlung begibt, weil er sich nicht gut fühlt.
Beim Arzt erfährt er von einer bedrohlichen Diagnose. Man spricht von Geschwulst bis Tumor, von „raumfordernd“, von klein bis groß, verharmlosend bis Ernst.
Anschließend wird er sich einer langen Chemotherapie unterziehen müssen. Er leidet am non-Hodgkin-lymphom.

Stefan Hornbach hat die Krankheit als Rahmenhandlung genutzt, um uns Einblicke in das Leben des noch jungen Mannes von 24 Jahren zu gewähren.
Zwei gute Freundinnen, Su und Jasna, begleiten Sebastian auf allen seinen Wegen und nehmen Anteil an seinen kleinen Liebesaffären. Er ist schwul.

Auffälliges Merkmal dieser Erzählung ist die Offenheit und unaufdringliche Teilnahme, die dem Jungen von Eltern und Freunden*innen entgegengebracht wird. Da kommt kein falscher Ton auf, keine Sentimentalität oder Gefühlsduselei. Lakonisch, direkt und unmittelbar sind seine Begegnungen und Erfahrungen. Gelegentlich wird durch Überziehen der Sätze ins Humoreske eine ernste Situation entschärft. Fast protokollarisch muten die Sätze zuweilen an. Selbstverständlich bestimmen die Krankheit und Chemotherapie das Leben des Helden innerlich und äußerlich.
Sebastian­­­­­­ versucht sein Leben als Student mit Spaß und Erlebnissen zu wahren.

Obwohl sich alle um Nüchternheit im Umgang mit ihm bemühen, spürt man den Schmerz der Beteiligten, die sich um ihn scharen. Wie der Autor die Eltern, nicht zu vergessen die Oma, agieren lässt, das zeigt das Können des jungen Stefan Hornbach. Unter der Oberfläche der Sachlichkeit schwelt bei allen eine tiefe Sorge um ihren Sohn und Freund. Es gibt Szenen von selten poetischer Schönheit. Die Liebe zur Natur, die Suche nach Einsamkeit, die Sehnsucht von Sebastian nach einem normalen Leben oder einer verlorenen Liebe ist unübersehbar. Sensibel und feinfühlig wird er uns präsentiert.
Er ist eine Figur, die so realitätsnah auftritt, dass man meint, es gäbe ihn wirklich.

Die Frage bleibt: was kann einen Autor zu diesem Sujet verleitet haben?

Stefan Hornbach ist ein ernsthafter Autor, dem man eine starke innere Nähe zu seinem Helden glaubt.

Ihm ist mit diesem Debütroman ein großer Wurf gelungen.

Stefan Hornbach
Den Hund überleben
Carl Hanser Verlag, 26. Juli 2021
288 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3446270787
ISBN-13: 978-3446270787
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