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Kategorie: Belletristik

Dieter Wellershoff: Im Dickicht des Lebens

Dieter Wellershoff: Im Dickicht des Lebens

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Ein- und Ausblicke in Lebensabrisse.

Dieter Wellershoff ist ein ausgewiesen einfühlsamer und empfindsamer Erzähler. Er kennt die Menschen und das, was sie bedrückt, beglückt oder auch traumatisiert und unglücklich macht.

Wie schon in seinen Romanen bieten seine Erzählungen eine Verdichtung aus tiefen Einblicken in einzelne Lebensschicksale.

Es geht immer wieder um die Liebe, um das Verstehen, um Bindungen und Trennungen, berufliche Erfolge oder Niederlagen. Mit Tiefenschärfe und psychologischem Blick entblößt er die nach außen gezeigten Fassaden seiner Protagonisten.

In seinen Erzählungen werden verschiedene Formen des menschlichen Miteinanders abgehandelt.

Ob da ein Mann in einem Restaurant ein Paar beobachtet und sich aus Gesten, Bewegungen und gesprochenem Wort ein Bild über dieses Paar macht; oder ob da ein Liebespaar auf Zeit in die Zukunft denkt und am Ende der Erfüllung gemeinsamer Träume entsagt.

In allem spürt man den Menschenfreund- und Kenner Dieter Wellershoff. Bemerkenswert spontan ist man von den Erzählungen angezogen und fühlt sich unmittelbar an dem gerade vorgeführte Leben beteiligt. Die Lebensnähe und sprudelnde Lebendigkeit des Erzähltons übt einen seltenen Sog aus.

Wellershoff kann sich durchaus mit bekannten amerikanischen oder kanadischen Erzählern wie Raymond Carver oder gar Alice Munro, die als Meister ihres Faches angesehen werden können, messen. Er bietet Einblicke in kurze Augenblicke eines oder zweier Leben, die einen mitreißen und ansprechen bis man sie wieder ihrem eigenen Leben überlässt. Wie kurze Filmaufnahmen oder auch Schnappschüsse einer Kamera vermögen einen die Geschichten zu bannen.

Ich bin kein großer Freund von Erzählungen. Diese aber haben auch mich gefesselt und angezogen, und ich habe sie mit nicht nachlassender Neugierde, Spannung und einem Gefühl von Glückseligkeit gelesen.

Der Autor wird im November 90 Jahre alt. Seine Lebendigkeit und Ausdruckskraft zeugen von uneingeschränkter Kraft und Freude am Schreiben.

Dieter Wellershoff
Im Dickicht des Lebens
432 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Oktober 2015
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3462049143
ISBN-13: 978-3462049145
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Ayelet Waldmann: Die späte Reue des Jack Wiseman

Ayelet Waldmann: Die späte Reue des Jack Wiseman

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1945 stiehlt der der GI Jack Wisemann ein Amulett aus dem legendären „Goldzug“. Es soll ein Andenken an Ilona sein, die ihn verlassen hat. Dabei hat er das Eigentum der ungarischen Juden, soweit es ging, in Salzburg bewacht und zusammengehalten, in der Hoffnung, dass es irgendwann zurückgegeben werden kann.

Jahrzehnte später ist Jack Wiseman ein alter Mann. Er gibt seiner Enkelin Natalie das Amulett. Sie soll herausfinden, wem es gehört hat und es den Erben zurückgeben. Natalie, frisch getrennt von ihrem Ehemann, hat ihre Arbeit als Anwältin aufgegeben, um ein neues Leben anzufangen. Voller Ehrgeiz stürzt sie sich nach dem Tod ihres Großvaters in das Abenteuer, auch um ihre Trauer zu bewältigen. Sie lernt einen Kunsthändler, der auf im Holocaust verlorene Kunst spezialisiert ist, kennen und gemeinsam nehmen sie die Spur auf.

Es entwickelt sich eine ungewöhnliche Geschichte rund um das Amulett. Einmal geht es um Jack Wisemans Vergangenheit in Salzburg 1945/46. Ein weiterer Teil hat seinen Ursprung 2013 in Budapest. Hier verfolgen Natalie Stein und Amitai Shasho die Spur des verschollenen Gemäldes „Bildnis der Frau E“, die hier, ein Foto zeigt es, das Medaillon trägt. Im dritten Teil geht es in das Jahr 1913 in Budapest. Sämtliche Geheimnisse, die von Natalie Stein und Amitai Shasho nicht gelöst werden konnten, werden hier offenbart. Es geht also um die rechtmäßige Besitzerin des Schmuckstücks.

Die Geschichte ist sehr vielschichtig. Alle drei Teile sind, das ist der Zeit geschuldet, in unterschiedlichem Stil verfasst und doch fest miteinander verwoben. Es ergibt sich ein erstaunliches Gesamtbild, das mich als Leser überrascht hat. Es ist eine berührende, aber auch sehr spannende, in weitem Bogen gespannte Geschichte. Und das für den Leser jedes Geheimnis durch den Blick in die Vergangenheit aufgelöst wird, ist sehr faszinierend.

Rezension von Heike Rau

Ayelet Waldmann
Die späte Reue des Jack Wiseman
Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
480 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag
ISBN-10: 3552057404
ISBN-13: 978-3552057401
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Richard Ford: Frank

Richard Ford: Frank

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Frank Bascombe ist alt geworden! Dieser Held der amerikanischen Mittelschicht, der uns aus einer Reihe von Romanen Richard Fords bekannt wurde, ist 68 Jahre alt, war Makler und ist inzwischen Rentner. Mit dem Alter änderte sich sein Weltbild. Gleich geblieben aber sind seine Betrachtungen zur Umwelt, mit denen er seine Mitbürger, ehemaligen Freunde und Kollegen und das politische Geschehen um sich herum beobachtet. Franks Einlassungen zur Zeitgeschichte haben nichts von ihrem Sarkasmus und ihrer Selbstironie verloren. In vier Episoden werden seine neuesten Eindrücke über sein Leben und das der anderen wieder gegeben.

Wir befinden uns im Jahr 2012,in dem der Hurrikan Sandy die Ostküste der USA verwüstete. Häuser, die Bascombe einst verkauft hat, liegen zerstört am Boden. Er selbst hatte sich von der Küste New Jerseys schon vor längerer Zeit zurückgezogen.

In lockerem Jargon, der nicht immer ganz nachvollziehbar ist, ergeht sich Frank in seinen Erinnerungen. Seine Reden und sein Denken sind durchdrungen vom gesellschaftlichem Wandel und seinen Folgen. Das Datum 9/11 mit dem anwachsenden Terror, der die politische Geschichte Amerikas eingreifend veränderte, und Obamas Visionen sind einer ungewissen Gegenwart gewichen.

Richard Ford wählt über weite Strecken das Stilmittel des Selbstgesprächs, mit dem er seinen Erzähler über den Sinn und Unsinn des Lebens nachgrübeln lässt.

Sein Held Frank Bascombe erfasst die Lage des Landes wie in seinem gleichnamigen Roman davor immer noch realistisch und treffsicher. Er ist ein Durchschnittsmann mit klaren Einsichten. Gezeichnet wird er als Mann, der zu den Menschen und Dingen, auch zu den eigenen Kindern, einen gewissen Abstand hält. Seine dritte Frau Sally bleibt im Hintergrund und widmet sich den zahlreichen Hurrikanopfern. Freunde oder Weggefährten, die er zufällig oder verabredet trifft, kommen nicht immer gut weg in seinen differenzierten Beobachtungen.

Er bleibt über die ganze Geschichte hinweg ein spöttischer und leicht resignierter Mann. So betrachtet er sein eigenes und das Leben seiner Mitmenschen aus einer melancholischen und abwartenden Haltung.

Die Kontakte zu seiner  Ex-Frau und gelegentliche zu seinen Kindern lassen ahnen, dass er ein zurückgezogener und letztlich einsamer Mann ist.

Im letzten Kapitel wird vermehrt über den Tod reflektiert. Man spürt seine Neugierde aber auch die Furcht in seinen Überlegungen.

Ein nachdenklich stimmendes und die Endlichkeit einbeziehendes Werk hat uns Richard Ford in der Übersetzung von Frank Heibert vorgelegt. Er gilt zu recht als einer der erfolgreichsten Schriftsteller Amerikas.

Richard Ford

Frank
224 Seiten, gebunden
Hanser Berlin, September 2015
ISBN-10: 3446249230
ISBN-13: 978-3446249233
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Rowan Coleman: Zwanzig Zeilen Liebe

Rowan Coleman: Zwanzig Zeilen Liebe

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Stella ist Krankenschwester in einem Hospiz, in dem Schwerkranke die letzten Wochen, Tage oder Monate verbringen.

Diese Arbeit fordert den ganzen Menschen, und in Nachtschwester Stella ist dieser Mensch gefunden.

Sie schreibt Nacht für Nacht Geschichten oder letzte Briefe für Angehörige von den Schwerstranken. Die Bekenntnisse, Lebensbeichten, Trauerreden oder sonst wie Versäumnisse erläuternden Schreiben bieten Einblicke in diverse Lebensschicksale. Sie sollen den Sterbenden das Ende erleichtern, in dem sie Klärungen und Rechtfertigungen ermöglichen. Es sind letzte Nachrichten aus dem irdischen Jetzt an die ehemals Geliebten, Schwestern, Brüdern, Freunde und Eltern oder Kinder. Entstanden sind so Episoden und Einblicke in die Lebenswege von zahlreichen Kranken und auch in die von Stella, Hope und Hugh, die mittelbar von lebensbedrohlichen Schicksalen berichten.

Die Todesnähe macht, dass die Briefe und Erzählungen von einer besonderen Tiefe getragen sind. Letzte Worte und Mitteilungen sind eine schwere Last. Sie müssen unter Umständen die Tragweite eines ganzen Lebens wettmachen. Stella selbst ist belastet durch eine dramatische Kriegsverletzung ihres Mannes, die er in Afghanistan erlitten hat. Während ihres schweren Dienstes am Nächsten kämpft sie selber einen tragischen Kampf um die Rettung ihrer Ehe.

Episode reiht sich an Episode. Die Schicksale rühren ans Herz, wenn einem auch die unausweichliche Nähe des Todes und die vielen Lebensschicksale gelegentlich zu viel werden.

Rowan Coleman neigt zu schmerzlichen Geschichten, in denen es um Krankheit und Tod geht, wie sie es in ihrem Roman „Einfach unvergesslich“ schon bewiesen hat. Sie hat einen ausgesuchten Sprachschatz und ist bemüht, neben der Trauer auch der Freude und den kurzen Augenblicken des Glücks Ausdruck zu geben.

Auf eine leicht makabere Weise ist der Roman unterhaltsam. Glück und Liebe, Schmerz und Kummer, Abschied und Frieden machen den Tenor der Erzählung aus.

Man sollte kein großes literarisches Werk von Rowan Coleman erwarten. Für eine kurze Ablenkung eignet sich der Roman durchaus. Doch eine gewisse Kürzung hätte dem Roman nicht geschadet.

Rowan Coleman
Zwanzig Zeilen Liebe
416 Seiten, broschiert
Piper Paperback, August 2015
ISBN-10: 349206017X
ISBN-13: 978-3492060172
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Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage

Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage

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Apokalyptische Visionen.

In dieser Geschichte, teils Fiktion, teils Rückblende, ist zunächst schwer ein roter Faden auszumachen.

Er zeigt apokalyptische Formen, die fast ein wenig an den ebenfalls sehr apokalyptischen Roman „Die Strasse“ von Cormac McCarthy erinnert.

Hier geht es um einen Virus, der binnen kurzer Zeit alles menschliche Leben auf Erden vernichtet. Es gibt nur wenige Überlebende.

In der Rückblende erfährt man erst Näheres über die einzelnen Akteure, Schauspieler, Liebende oder Freunde verschiedener Profession.

Arthur Leander, ein inzwischen berühmter Schauspieler, ist einer der Hauptakteure. Er hat verschiedene Ehen hinter sich. Zuerst mit Miranda, einer sieben Jahre jüngeren Frau, die er schon nach drei Jahren über hat und sie ihn! Hinreißend ist die Beschreibung, wie sie erkennt, dass sie in dieses Hollywood jener Schauspieler von Rang und Namen nicht gehört.

Doch sie ist eine aparte Person mit einem eigenwilligen Charakter. Schon lange arbeitet sie an einem Comic mit dem Titel „Das Licht der letzten Tage“. Es handelt sich nach ihren Aussagen um eine Graphic Novel, aber sie bietet niemandem Einblick in ihr Werk. Nur wir können uns vorstellen, dass dieser Comic uns an den Anfang der Geschichte zurückkatapultieren will.

So weit so gut.

Im Grunde geht es hier um die ganzen menschlichen Eitelkeiten, Entwicklungen, Trauer, Verlust und die Liebe!

Die Erzählung ist fein gesponnen, klug durchdacht und sprüht nur so vor Ideen, die den Leser herausfordern, sich intensiv mit dem Sujet zu befassen. Denn häufige Orts- und Szenenwechsel müssen verfolgt und erkannt werden.

Dann aber bekommt man Einblicke in gesellschaftliche Tabus und Verlockungen, in das Wechselspiel zwischen Beziehungen vom Beginn bis zum Ende bieten und in die Verwicklungen, in denen sich Menschen in Verkennung von Realität und Traum verfangen können.

Umrahmt bleibt die ganze Geschichte vom apokalyptischen Untergang. Die Menschen sind alle irgendwo gestrandet, wo sie den Rest ihres Lebens verbringen unter Bedingungen, wie sie die Frühzeit kannte: jagen, essen, überleben und das alles immer mit dem Bedürfnis, diese Hölle alter Zeiten in die noch in Erinnerung gebliebene Zivilisation wieder verlassen zu können. Doch geht denn das?

Ratlos und geschockt bleibt der Leser zurück. Der Roman zeigt, wie es uns allen gehen könnte, wenn eine Pandemie unser gegenwärtiges Leben auslöschen würde.

Emily St. John Mandel
Das Licht der letzten Tage
416 Seiten, broschiert
Piper Paperback, September 2015
ISBN-10: 3492060226
ISBN-13: 978-3492060226

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Zeruya Shalev: Schmerz

Zeruya Shalev: Schmerz

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Wie lebt es sich mit andauerndem Schmerz?

Iris ist Mutter zweier heranwachsender Kinder. Sie lebt in Israel und ist verheiratet mit Micki, der lieb und fürsorglich ist. Doch das wahre Glück empfindet sie mit ihm nicht!

Als sie vor zehn Jahren bei einem Attentat schwer verletzt wurde, blieb für immer ein körperlicher Schmerz, der sie zermürbt. Doch daneben gibt es einen anderen Schmerz, einen, der sie tiefer berührt, als der körperliche. Ihre frühe Jugendliebe Eitan hatte sich nach dem Tod seiner Mutter von ihr getrennt. Sie wusste nicht warum, doch sie empfand diesen Schmerz ebenso nachhaltig und beklemmend, wie den körperlichen Schmerz. Hier ist die Schnittstelle, die erklärt, dass der seelische und der körperliche Schmerz identische Pein auslösen können.

Zeruya Shalev schreibt ihre Geschichte von Iris in einem traumähnlichen und visionären Stil. Immer wieder tauchen Fragen nach der Vergangenheit auf. Iris sinniert und fantasiert und wird von ihren körperlichen und seelischen Schmerzen geschüttelt.

Eines Tages trifft sie Eitan nach dreißig Jahren auf einer Krankenstation wieder. Er ist Arzt und Schmerztherapeut. Sie kann es nicht fassen und folgt ihm, sucht ihn, trifft ihn. Wie soll ihr Leben weitergehen?

In einer langen Abhandlung folgt die Autorin den Spuren der Vergangenheit von Iris. Kann man versäumtes Glück nachholen?

Ist die Gegenwart mit der abdriftenden Tochter Alma nicht bedrängend genug, um sich Rechenschaft abzulegen über das, was war und was heute ist?

Der Reiz der Erzählung liegt in dieser taumelnden, schmerzhaften Befindlichkeit, der Zeruya Shalev beredt Ausdruck zu geben vermag. Der Erzählstrang dreht sich neben dem Alltag immer wieder um die Vergangenheit. Die Liebe zwischen Müttern und Töchtern wird ebenso thematisiert wie deren Heranwachsen und die Folgen einer lange bestehenden Ehe. Iris und Micki, der Sohn Omer und Alma sind alle auf ihre Weise in Entwicklungen verstrickt, die auf unterschiedliche Wege der Bewältigung warten.

Zeruya Shalev ist eine überzeugende Erzählerin, deren Geschichten durch lang anhaltende Reflexionen zu fesseln verstehen. Ihre Familiengeschichten sind generell von wechselnden Stimmungen, Erkenntnissen und Entwicklungen bestimmt. Subjektive Sichtweisen der einzelnen Protagonisten führen zu Missverständnissen, und eigene Anteile unerfüllten Lebens bringen Aufruhr und Unruhe in das gemeinsame Leben. Ihre Sprache ist eindringlich, poetisch und zuweilen fast biblisch in ihrer Diktion. Sie beschreibt emphatisch, wie es tief im Inneren ihrer Figuren aussieht.

Zeruyas Shalevs ist eine hoch angesehene israelische Autorin, deren Werke in viele Sprachen übersetzt wurden. Die Übersetzerin Mirjam Pressler darf man ebenfalls für ihre Übersetzungen rühmen.

Zeruya Shalev

Schmerz
368 Seiten, gebunden
Berlin Verlag, September 2015
ISBN-10: 382701185X
ISBN-13: 978-3827011855
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Pierre Chazal: So etwas wie Familie

Pierre Chazal: So etwas wie Familie

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!Man muss das Leben nehmen, wie es ist. Das scheint Pierres Ansicht zu sein. Der Gemüseverkäufer stellt sich jedenfalls ohne zu zögern der Verantwortung, den achtjährigen Marcus bei sich aufzunehmen. Er ist der Sohn von Hélène, für die er nie mehr war als ein guter Freund. Sie hat es nicht mehr ausgehalten, zu leben. In einem letzten Brief hat sie Pierre gebeten, sich um den Jungen zu kümmern.

So macht Pierre Platz in seinem Leben, auch wenn ihm die Verantwortung zu groß scheint. Er lässt einfach zu, was geschieht und die Dinge regeln sich. Schließlich hat er Freunde, die ihm dann auch ganz selbstverständlich zur Seite stehen.

Pierre will anders sein, als es sein Vater es war. Er will für Marcus ein Freund sein, auf den Verlass ist. Die kleine Familie wird schließlich komplettiert durch Fabienne, die gerade in einer Entzugsklinik war, und nun ein neues Leben anfangen will.

Das Schicksal scheint es nicht gut zu meinen mit den Hauptpersonen im Buch. Die Lebenswege sind von Problemen gezeichnet. Aber so wie der Autor schreibt, hat man es in der Hand, das Ruder herumzureißen, wenn man denn will.

Nicht jeder vermag Hoffnung zu entwickeln. Hélène konnte es nicht. Damit ändert sie das Leben von Pierre, der es zulässt. Fast glaubt man, die Geschichte würde gut ausgehen. Die kleine Familie wächst immer mehr zusammen, bis es schließlich nicht mehr nur darum geht, den Alltag zu bewältigen. Zukunftspläne werden geschmiedet. Der Autor schreibt darüber mit viel Feingefühl. Es wird einem als Leser warm ums Herz.

Doch wie angreifbar die Situation ist, wird erst nach einem Vorfall klar, der das Leben aller wieder verändert. Es hat mit Pierres Vater zu tun, von dem Pierre eigentlich glaubt, ihn aus seinem Leben ausgeschlossen zu haben. Und wieder kommt es darauf an, auch diesen Schicksalsschlag zu meistern. Damit das Buch doch noch gut ausgehen kann.

Rezension von Heike Rau

Pierre Chazal
So etwas wie Familie
Aus dem Französischen von Wolfgang Gösweiner
240 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552062971
ISBN-13: 978-3552062979
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Jane Gardam: Ein untadeliger Mann

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann

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Lebenslinien…

In unnachahmlicher Weise werden wir zu Beginn dieses Romans sogleich hineingezogen in die Welt der englischen oberen Bürgerklasse des vergangenen Jahrhunderts.

„Old Filth“ wird der untadelige Mann von seinen Kollegen aus der höheren Anwaltschaft in Hong Kong genannt. Zusammengezogen ist dieser Name aus dem Akronym „Failed In London Try Hongkong“, denn eigentlich heißt er Edward Feathers. Er lebt jetzt in Dorset in England, wohin er sich mit seiner Frau Betty nach seiner Pensionierung zurückgezogen hat.

Er wurde ebenso wie seine Frau Betty in der englischen Kronkolonie Malaysia geboren und war dort in seiner Kindheit mit der asiatischen Sprache in Berührung gekommen. Später galt er in Honkong als herausragender Anwalt und Richter der englischen Krone.

Mit 80 Jahren untadelig wie eh und je ist er inzwischen verwitwet. Sein Auftreten, sein Haus und die Annehmlichkeiten und Unannehmlichkeiten des Alters, das Wetter und die Landschaft werden minutiös und akkurat beschrieben. So akkurat wie sein Äußeres.

Nach dem Tod seiner Frau beginnt er, sich seiner Kindheit und seines eigenartigen Lebensweges zu erinnern. Dabei entwirren sich so manche Sonderheiten, denen er ausgesetzt war.

Er war ein Raj Kind. So wurden die Kinder genannt, die aus China in frühester Jugend nach England in Pflegefamilien geschickt wurden, wo sie oft durch hartherzige Pflegeltern einen Schock fürs Leben bekamen.

Auch seine Frau Betty war ein Raj Kind.

Sein Vater war District Officer der Provinz Kotakinakulu. Ein kaltherziger und unzugänglicher Mann, der seinen Sohn zu einfachen Malaysiern in Pflege gab, als seine Frau unerwartet im Kindbettfieber verstarb. Mit fünf Jahren gab er ihn dann nach England in eine Familie, von wo er in ein Internat mit Grundschule wechselte.

Hier setzen seine Erinnerungen ein, die sein ganzes Leben umfassen.

Feinsinnig und echt beschreibt Jane Gardam die Beziehungen untereinander und die ganze Atmosphäre der Kolonialbeamten und der verschiedenen Persönlichkeiten, die um die Person des Edward Feathers eine Rolle spielten. Zeitversetzt werden diese oder jene Episoden und Erfahrungsberichte zusammengeknüpft, bis sich ein rundes Bild der Persönlichkeit von Edward Feathers ergibt.

Der Zweite Weltkrieg ist lange präsent. Auf abenteuerlichen Wegen geht Filth seinen Weg, der wahrlich schicksalhaft erscheint.

Jane Gardam rollt hier ein Leben auf, das an Brüchen und Kanten reich war und von den unterschiedlichsten Bedingungen gezeichnet war. Es gab wenige Freunde, vorübergehende Weggefährten, die frühe malaysische Kinderfrau und immer wieder Verluste. Aus wechselnden Perspektiven lässt uns Jane Gardam an dem Schicksal dieses ehrlichen und auch kauzigen Mannes teilnehmen, in dem sich das ganze Jahrhundert des englischen Empire spiegelt. Teilweise ironisch, teilweise witzig, immer aber mit dem besonderen englischen Humor oder auch bissigem Humor ausgestattet liest man diesen Roman der außergewöhnlichen Autorin mit größtem Vergnügen. Gut dass es uns jetzt zugänglich gemacht wurde, denn in Englisch erschien der Roman bereits 2004.

Jane Gardam ist heute 86 Jahre alt. Sie wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet.

Jane Gardam

Ein untadeliger Mann
352 Seiten, gebunden
Hanser Berlin, 2. Auflage, 24. August 2015
ISBN-10: 3446249249
ISBN-13: 978-3446249240
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Bregje Hofstede: Der Himmel über Paris

Bregje Hofstede: Der Himmel über Paris

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Fluch und Segen der Liebe…

Mit feinem Stift und klugen Worten erzählt die Autorin Bregje Hofstede von einem Paar, das sich auf ungewöhnliche Weise kennen lernt und sich zu einander hingezogen fühlt.

Der mittel alte Professor der Kunstgeschichte Olivier soll sich auf Bitten seines Dekans um eine junge holländische Studentin kümmern, die er vorübergehend bei sich aufgenommen hat. Diese erinnert Olivier in auffallender Weise an seine frühe Jugendliebe Mathilde. Immer wieder muss er hinschauen und sich wundern über diese Ähnlichkeit!

Seine jetzige Freundin Sylvie, mit der er nicht zusammen lebt, ist patent und gegenwärtig. Die frühere Freundin aber lebt noch immer in seinen Fantasien in ihm fort.

Zuerst nur zögerlich, dann immer interessierter beschäftigt sich Olivier mit Fie, wie die junge Studentin heißt. Er lässt sich dazu herab, ihre Übungen zu Kunstbetrachtungen zu überprüfen und mit ihr zu diskutieren. Fie ist spröde, zurückhaltend und wartet ab.

Mit diesem Beginn ist schon alles gesagt, was in dem Roman der jungen Autorin abgehandelt wird.

Verstrickt in Vergangenes und fasziniert vom Gegenwärtigen gerät der renommierte Professor immer tiefer in eine Lebenskrise. Sein ganzes bisheriges Leben kommt dabei auf den Prüfstand. Am Ende steht nicht mehr ein Stein auf dem anderen. Es gilt, neue Perspektiven zu finden und nach ihnen zu leben.

Bregje Hofstede erzählt prägnant und weitblickend. Was Menschen mit ihrem Leben anfangen, und was aus ihnen werden kann. Scheu und verloren wirken die einen, stark und sicher die anderen. Die junge Studentin verantwortet mit ihrem Verhalten allerlei Widrigkeiten, unter denen Olivier unterzugehen droht. Die Nebenfiguren bieten die Reibungsfläche, unter der Schicksale zu zerschellen drohen.
Gelegentlich verwischen die Konturen zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Ist das aber nicht im wirklichen Leben sehr ähnlich?

Menschen können an sich selber verzweifeln, wenn sich Wahrnehmung und Fantasie vermengen.

Es geht in dem Roman um Liebe, Treue und Zuverlässigkeit und um Rache und Verrat.

Eine erstaunlich einfühlsame Studie ist der jungen holländischen Autorin und der Übersetzerin Heike Baryga mit diesem Roman gelungen.

Bregje Hofstede
Der Himmel über Paris
224 Seiten, gebunden
H.Beck, August 2015
ISBN-10: 3406683436
ISBN-13: 978-3406683435
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Marcello Fois: Schwestern

Marcello Fois: Schwestern

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Geschwisterliebe…

Marcello Fois erzählt die Geschichte zweier Schwestern. Alessandra und Marinella begegnen sich nach dem Tod des Vaters in dessen Wohnung. Vierzig Jahre sind vergangen, seit der Vater sie verlassen hat. Doch nicht nur seine Abwesenheit bereitet hier den Boden für eine hintergründige Geschichte. Die Schwestern, Zwillinge zudem, sind von einer tiefen Abneigung gegeneinander erfüllt. Man ahnt nur mehr, als dass man es weiß, dass sie sehr unterschiedliche Leben führen. Im tiefsten Grunde sind sie einander Feind und voller Groll auf die jeweils andere.

In einer Art Kammerspiel umschleichen sie einander mit Worten. Argwohn paart sich mit Wut, Neugier mit unverhohlenem Zorn. Schließlich taucht auch noch eine Nachbarin auf, die ihre Hilfe – oder ist auch das wieder nur Neugierde? – anbietet.

Die Mädchen verbleiben in einer gleichbleibenden Missgunst. Man kann sich nicht vorstellen, dass diese beiden Frauen je zusammenfinden werden. Anschuldigungen und Erinnerungen an frühe Kinderjahre haben zur Folge, dass immer eine vorsichtige Abneigung über allem liegt.

Die ganze Erzählung hindurch gibt es diese quälenden Andeutungen und Verdächtigungen, es schlechter gehabt zu haben als die andere. Der Vater hat die Familie verlassen, als die Mädchen 8 Jahre alt waren. Ist er die Ursache für die Missgunst zwischen den Schwestern? Hat er eine mehr geliebt als die andere?

Alles in allem löst sich der Knoten nicht: beide Schwestern verlassen einander nach diesem Nachmittag in der Wohnung des verstorbenen Vaters und tauchen in ihr jeweiliges eigenes Leben ein, von dem man sehr wenig erfahren hat.

Geschwisterlicher Neid und Hass scheinen die Grundlage dieser Beziehung zu sein. Im Untertitel heißt es: die alte Geschichte. Und ja: so ist es wohl häufiger als man denkt, dass Geschwister in alten Beziehungsmustern verharren. Klärende Gespräche bringen nichts, weil die Fronten verhärtet und unauflöslich bleiben.

Eine gelungen Sozialstudie ist dem Autor Marcello Fois hier gelungen. Es wird nur gehandelt und gesprochen, nicht aber analysiert. Schlüsse muss der Leser für sich alleine ziehen. Der Autor bedient sich zwischen den Gesprächen der beiden Frauen einer poetischen und sanften Sprache. Zuletzt siegt die Vergänglichkeit, die über allen Geschehnissen in Vergangenheit und Zukunft liegt.

Marcello Fois ist ein sardischer Schriftsteller, der heute in Bologna lebt. Er hat sich vor allem als Kriminalbuchautor hervorgetan.

Marcello Fois
Schwestern
144 Seiten, gebunden
Wagenbach, K; August 2015
ISBN-10: 3803113121
ISBN-13: 978-3803113122
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