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Kategorie: Belletristik

Massum Fayar: Buskaschi oder der Teppich meiner Mutter

Massum Fayar: Buskaschi oder der Teppich meiner Mutter

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In diesen Roman auf der Suche nach der Vergangenheit muss man sich erst langsam einfinden.

Es handelt sich um eine opulente Familiengeschichte mit zahlreichen Verzweigungen und Nebengeschichten.

Der Icherzähler Schaer reist im Jahr 2008 nach Herat in Afghanistan, um seine alte, kranke Mutter zu besuchen. Aus Anlass dieses Besuches fängt er an, sich auf die Spuren der elterlichen Geschichte zu begeben. Ihm fallen zahlreiche Erlebnisse und Namen ein, die zu den bedeutsamsten Stationen des Lebens seines Vaters gehörten. Die Erzählungen über die Gebräuche, die Farben, das Essen und die wunderbare Landschaft mit ihren klimatischen Besonderheiten lassen den Sohn in Wehmut an die Vergangenheit denken. Da gab es den Förderer seines Vaters, Talib Asis, der ihm die Wege zu einem Leben jenseits des bäuerlichen Daseins seiner Vorväter ebnete. Und es gab den Teppich seiner Mutter, einen Buskaschi, der den traditionellen Reiterwettkampf um eine Ziege symbolisiert. Er liefert den Leitfaden, um den sich die Geschichte rankt. Die Liebesgeschichte der Eltern von Schaer bildet den Kern einer Erzählung, die reich an Traditionen tief verwurzelt im heimatlichen Afghanistan angesiedelt war. Verwandtschaftsverhältnisse sind kompliziert und Freund und Feind krass in ihren Gegensätzen.

Lebensweisheiten und die Verse des Korans begleiteten den Vater von klein auf. Er wurde dank seiner Begabungen zu einem erfolgreichen Geschäftsmann.

Der Autor Massum Fayar hat Afghanistan 1982 verlassen. Er gehört damit zu den zahlreichen Menschen, die nach der sowjetischen Besatzung und damit im Zuge der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen aus dem Land ihrer Väter geflohen sind, um anderswo Heimat und Arbeit zu suchen.

Er besitzt eine reiche, farbige Sprache und ausufernde Fabulierkunst, mit der er uns zurückführt in die Wirren seines Landes. Man sah sich hier im Zuge der Auflösung des Osmanischen Reichs mit einer Vielzahl von Stammesfehden und immer neuen politischen Herausforderungen konfrontiert. Verwirrend ist die Geschichte des Landes und bedeutsam sind die Erinnerungen an die bunten, malerischen Basare, Feste und die Künste, die dem Land seine besondere Kultur verliehen. Ich verweise hier auf den Romanvon Mariam Kühsel-Hussaini „Gott im Reiskorn“, in dem die Kalligraphie eine zentrale Rolle spielt, und in dem der Niedergang dieser einstigen orientalischen Hochkultur ihren Ausdruck fand.

Massum Faya führt uns in eine Welt zwischen Tausend und ein Nacht und realen politischen Gegebenheiten, die mit der Abschaffung des Königreichs in Afghanistan 1973 zum Höhepunkt ihrer politischen Veränderungen gelangte.

Wer Freude an der Farbenpracht des Orients hat und an den archaisch anmutenden Brauchtümern Gefallen findet, dem wird in diesem Roman alles geboten, sich in fremde Welten zu vertiefen.

Massum Fayar
Buskaschi oder der Teppich meiner Mutter
656 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, Mai 2015
ISBN-10: 3462046748
ISBN-13: 978-3462046748
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Anne Tyler: Der leuchtend blaue Faden

Anne Tyler: Der leuchtend blaue Faden

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Familiengeschichten: wen interessieren die nicht?

Gleicht nicht jedes Leben, jede Familiengeschichte einem Roman?

Anne Tyler versteht sich darauf, das Panorama menschlichen Glücks und Leids in einer einfachen Mittelschichtfamilie in Amerika zu erfassen und den Leser in ihre Geschichten mitzunehmen, so dass man sich fast wie ein Besuch bei ihren Protagonisten fühlt.

Abby und Red Whitshank haben ihr gemeinsames Leben um 1959 in Baltimore begonnen. Sie bilden ein Paar in mittleren Lebensjahren.

Eines Abends bekommen sie einen Anruf von ihrem Sohn Denny, der sie mit einer schwer verdaulichen Nachricht konfrontiert.

Mitten in dieses Geschehen des Alltags wird man als Leser hineingezogen.

Alsbald tun sich die einzelnen Kinder mit ihren Gewohnheiten und ihren Eigenarten hervor. Vier Kinder haben die beiden Whitshanks. Der jüngste Spross, Stem genannt, ist kein unmittelbarer Abkömmling.

Red betreibt einen Holzwarenhandel größeren Ausmaßes, und Abby ist Sozialarbeiterin. Sie kümmert sich um alle möglichen Leute, die ihrer Hilfe bedürfen.

Ihre Kinder sind mittlerweile flügge geworden und haben schon eigene Kinder. Ein buntes Treiben tut sich auf. Die Geschwister mit ihren Ehepartnern und Kindern sind so unterschiedlich wie das Leben eben ist. Man hört zu, nimmt teil, leidet mit, wenn etwas nicht so gut geht, und fühlt sich in dieser Familie bald schon zu Hause.

Fast möchte man sich mit Rat und Tat beteiligen.

Und natürlich: niemals ist in Familien alles gut, niemals verlaufen Lebensschicksale ohne Einbrüche. Man muss sich mit jedem Tag und zu jeder Stunde auf gewöhnliche und ungewöhnliche Ereignisse einstellen. Auch Eltern haben ein eigenes Leben, das vor dem ihres Familienlebens mit eigenen Kindern stattgefunden hat. Davon berichtet Anne Tyler in zwei anschließenden Teilen ihres Romans, so dass man erst spät auf die Ursprünge der Beziehungen von Eltern- und Großeltern aufmerksam wird. Auch hier gab es Glück und Leid, schwierige Aufbrüche ins Leben und nicht immer einfache Lebensbedingungen. Immerhin erlebten die Großeltern die große Wirtschaftskrise mit, die mit dem New Yorker Börsenkrach im Jahr 1929 ihren Ausgang nahm.

Gewöhnliche Leben sind nicht immer illuster. Zuweilen finden sich Paare eher zufällig zusammen. Ob die Beziehung dann gut oder schlecht wird, das wird nicht immer durch die Liebe sondern häufig durch Einsicht, Gewöhnung und Beharrungsvermögen entschieden.

Über dieses Auf und Ab in Freude und Leid schreibt Anne Tyler so lebendig und mitteilsam, dass man gar nicht möchte, dass die Geschichten in dem Buch irgendwann aufhören.

Felicitas von Lovenberg beschrieb in der FAZ ihren Eindruck des Buches in dieser Weise. Ihrer Vorstellung kann ich mich nur anschließen!

Anne Tyler

Der leuchtend blaue Faden
452 Seiten, gebunden
Kein & Aber, März 2015
ISBN-10: 303695712X
ISBN-13: 978-3036957128
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Lydia Tschukowskaja: Untertauchen

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen

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Verfolgung, Terror, Tod…

Es ist bekannt, dass unter Stalin in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zahlreiche bekannte und auch weniger bekannte Dichter, Denker, Wissenschaftler und Künstler in Lager verbannt und dort zu Tode gekommen sind.

In ihrem hier vorliegenden sehr poetischen Roman, der 1988 erstmals erschienen ist, verarbeitet Lydia Tschukowskaja (1907 – 1996) ihre Zeit unter der Stalinära, in der sie selber der Verfolgung ausgesetzt war, und in der ihr Mann schon 1937 umgebracht wurde.

Ihre Protagonistin Nina Sergejewna befindet sich zur Erholung in einem Sanatorium auf dem Lande. Wir schreiben das Jahr 1949. Sie lernt zwei andere Schriftsteller kennen, unter ihnen Bilibin, einen Kollegen ihres Mannes. Von ihnen erhofft sie sich nähere Auskünfte über den Verbleib ihres Mannes, von dem sie seit seiner Verhaftung nichts mehr gehört hat.

Zuerst genießt Nina Sergejewna nur die verschneite Landschaft, die Birken- und Tannenwälder und die reine Luft. Sie kann sich nicht genug tun, in dieser abgeschiedenen Landschaft herumzulaufen und sich der Ruhe zu erfreuen. Langsam nähert sich ihr Bilibin. Sie aber will nur wissen, wie es ihrem Mann im Lager erging, und was er dort erleiden musste. Die Bilder um das Leiden und den Tod ihres Mannes verfolgen sie bis in ihre Träume. Am Ende ist sie bitter enttäuscht von Bilibins geschönter und harmonisierter Ausgabe seines in Arbeit befindlichen Erinnerungsbuches über die Lagerhaft.

Die ganze Erzählung ist durchdrungen von Melancholie und Abschiedsgedanken. Im Vordergrund steht immer wieder die eisige Landschaft mit ihren Birken- und Kiefernwälder und die Angst vor dem Terror, mit denen unter Stalin angesehene Männer und Frauen verfolgt, gedemütigt und ermordet wurden.

Lydia Tschukowskaja beschreibt in einer berückenden Sprache die Tiefe der Emotionen, die sie beherrschen, und mit denen man sich dem Treiben der Verfolgungen ausgesetzt sah. Sie besticht durch die Makellosigkeit ihrer Sprache. Man meint beim Lesen die Eiskristalle zu spüren und die reine Luft zu atmen.

Lydia-Tschukowskajas Erzählung erschien erstmals 1972 in New York. Daraufhin wurde die Autorin 1974 aus dem russischen Schriftstellerverband ausgeschlossen.

Svetlana Geier ist die berühmte und kongeniale Übersetzerin dieses Werks wie schon so vieler anderer russischer Schriftsteller.

Dem Dörlemann Verlag ist es wieder einmal zu verdanken, dass die kleine und feine Erzählung dem Vergessen entrissen wurde.

Die poetische, wunderbare Erzählung ist unbedingt sehr lesenswert.

Lydia Tschukowskaja
Untertauchen
256 Seiten, gebunden
Dörlemann, Januar 2015
ISBN-10: 3038200131
ISBN-13: 978-3038200130
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Lucy Clarke: Der Sommer, in dem es zu schneien begann

Lucy Clarke: Der Sommer, in dem es zu schneien begann

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Ambitiös und fantasievoll kommt ein Roman daher, der sich bestens zum Schmökern eignet.

Nachdem Eva seit kurzem das höchste Eheglück mit ihrem Mann Jackson genießt, fällt sie in tiefste Tiefen, als er unerwartet beim Angeln verunglückt. Kann man sich ein größeres Unglück vorstellen? Sie lebte mit ihm in London in einer schönen Wohnung, in der sie plötzlich alleine ist.

Eva reist nach Tasmanien, der Heimat von Jackson, um Trost bei seinem Vater und Bruder zu finden. Doch hier beginnt eine lange Geschichte, die einen auf Wogen der Erinnerung in das vergangene Leben von Jackson spült.
Schon zwischen den Zeilen darf man alsbald wahrnehmen, dass das Glück mit diesem Mann auf tönernen Füßen stand.
Wunderschöne Meeresbeschreibungen bereichern den Blick auf Tasmanien, einer vor Australien gelegenen Insel. Jacksons Bruder Saul arbeitet an einem Strand als Meeresbiologe. Eva darf die Hütte nebenan bewohnen. Saul lässt sie nach anfänglichem Zögern an seinen Meereserkundungen teilnehmen. Bahnt sich da etwa ein neues Glück an? Die gemeinsamen Tauchgänge und spürbare emotionale Erregungen legen die Vermutung nahe.

Ein leichtes Leben scheint hier zu herrschen, und Eva beginnt fast ein wenig, ihr Unglück zu vergessen.
Was so dramatisch beginnt, entwickelt sich zu einer sehr geheimnisvollen Erzählung, in der nichts mehr an seinem Platz zu bleiben scheint.

Schmissig, gefühlvoll und voll berückender Lust und Liebe setzt eine komplizierte Kriminalgeschichte der äußerst fantasiereichen Erzählung zuletzt die Krone auf.

Lucy Clarke hat eine spannende Geschichte erfunden. In ihr wimmelt es nur so von Überraschungen, Geheimnissen und unerwarteten Eröffnungen über Jackson. Die Lektüre ist sehr unterhaltsam, zuletzt auch immer spannender, so dass man sich gemächlich den geheimnisvollen Hintergründen im Leben eines rätselhaften Mannes nähert.
Literarischen Anspruch darf man nicht erwarten. Das Buch ist im besten Sinne ein Schmöker für öde Regen – oder Ferientage.

Lucy Clarke
Der Sommer, in dem es zu schneien begann
400 Seiten, broschiert
Piper, April 2015
ISBN-10: 3492060129
ISBN-13: 978-3492060127
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Eyal Megged: Unter den Lebenden

Eyal Megged: Unter den Lebenden

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Wir fühlt es sich an, wenn ein sehr guter Freund so krank wird, dass er mit Sicherheit bald sterben wir?

Der Icherzähler in dem jetzt vorliegenden Buch von Eyal Megged kann es uns erzählen. Es ist tragisch, schrecklich und anrührend zugleich!

Boas Masor und der Erzähler sind sehr enge Freunde. Der Erzähler ist ein erfolgreicher Chirurg in einem Krankenhaus in Jerusalem. Sein Freund Boas ist nach einer schweren Krebserkrankung kürzlich verstorben. Nach dem Tod von Boas geht es dem Erzähler schlecht, denn er kann es nicht glauben und akzeptieren, dass dieser langjährige Lebensbegleiter, der ihm so viel bedeutet hat, nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Ihre Gespräche waren ihm wichtig. Sie waren nie banal sondern immer inhaltsschwer trotz oder gerade wegen ihrer so verschiedenen Wesensmerkmale. In seinen Erinnerungen ersteht das Bild des Freundes als eines ausgeprägten Charakters. Auch Boas wollte schon als Kind Arzt werden. Doch sein Vater hat es ihm nicht zugetraut. So wurde er stattdessen ein anerkannter Wissenschaftler.

Die Freunde haben komplizierte Beziehungen zu ihren Frauen. Im Austausch über das,was sie erleben und fühlen, sind sie sich nah. Das Trennende bleibt dabei nicht ausgespart. Geduld, Einfühlsamkeit, Treue und Unterschiede in den Lebensentwürfen bringen sie häufig in eine unüberbrückbare Schieflage zu einander.

Sie sind teilweise grundverschieden, und in der nachhaltigen und intensiven Rückschau zeigt sich, dass Boas ein zufriedener und ausgeglichener Zeitgenosse war. Der Erzähler hat ihm die Todeserwartung aufgrund der schweren Krebserkrankung zu verheimlichen versucht. Er bewundert den Freund, und kann es nicht fassen, wie gleichmütig und vielleicht auch verleugnend Boas sein Leben weiter geführt hat.

Der Erzähler selber ist ein eher melancholischer und nihilistisch veranlagter Mensch. Sein Freund sagte einst zu ihm: “ein Mensch kann eine Null für dich sein, so lange er gesund ist, aber wenn du ihn operierst, ist er der Mittelpunkt der Welt.“ Mehr als deutlich beweist diese Aussage, mit welcher Leidenschaft sein Freund seinem Beruf nachgeht.

In langen Passagen reflektiert der Erzähler sein eigenes Leben und das des Freundes. In seine Überlegungen fließen Gedanken von Nähe und Distanz ein und von Zuwendung und Liebe zu dem langjährigen Freund.

Unterbrochen sind die Gedanken des Erzählers von eigenen Überlegungen zu Leben und Tod und von Einsichten in seine eigenen Unzulänglichkeiten. Nicht zuletzt sind die poetischen Berichte über die Landschaften in und um Jerusalem bemerkenswert.

Es ist ein nachdenklicher, sensibler und stets von Reflexionen getragener Roman. Da die Handlung keinen genauen Erzählstrang erlaubt, bleibt es bei den sinnierenden und gedankenträchtigen Überlegungen des Haupterzählers.

Eyal Megged ist der Mann der bekannten israelischen Autorin Zeruya Shalev. Die Übersetzerin Ruth Achlama lebt in Israel und übersetzt die Romane so bekannter Autoren wie Amos Oz, Ayelet Gundar-Goshen und Meir Shalev.

Eyal Megged
Unter den Lebenden
352, gebunden
Berlin Verlag, April 2015
ISBN-10: 3827012422
ISBN-13: 978-3827012425
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Carola Saavedra: Blaue Blumen

Carola Saavedra: Blaue Blumen

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Liebe, Verlust, Leben, Leidenschaft…

Ein Mann und ein Frau geraten sehr zufällig in einen geheimen Kontakt zueinander.

Die Frau schreibt Liebesbriefe an ihren verflossenen Liebhaber, die sie an die Adresse richtet, in der mittlerweile ein anderer Mann wohnt.

Wortgewandt im Ausdruck und tiefschürfend in den Gefühlen kann man den Liebesbriefen entnehmen, dass die unbekannte Frau ihren Freund sehr geliebt hat. Sie lässt in ihren Schilderungen keine Einzelheiten dieser für sie mit Sehnsucht nach Glück besetzten Beziehung aus. Ihr Liebhaber hat sie verlassen, und nun geht sie in ihren Gedanken den gemeinsamen Erlebnissen und gelebten Erinnerungen nach. Indem sie ihn direkt anspricht, wähnt man die Frau in einer Art Selbstgespräch mit dem verflossenen Liebhaber. Die langen Monologe bieten Erinnerungen, gute, schlechte, traurige und melancholische.

Der fremde Mann, der in den Besitz dieser an einen anderen gerichteten Briefen gelangt, wird neugierig und gerät nach und nach ganz in den Bann der für ihn so fremden Frau. Doch er ist selber ein Verlassener, der ab und zu seine dreijährige Tochter bei sich hat. Er fühlt sich fremd in seiner Haut mit dem kleinen Kind und einer Frau, die ebenfalls die Trennung herbeigeführt hat.

Mit zahlreichen Beispielen und Wendungen in der Wortwahl darf man sich in eine Welt hinein versetzen, in der Gefühle aufgespürt und aufgerührt werden, die beide Protagonisten im tiefsten Inneren anrühren und verbinden.

Während die Briefschreiberin merkwürdig fleischlos wirkt, ist der Mann auch im Alltag zu sehen: er führt Gespräche mit neuen Liebhaberinnen, mit seiner Exfrau, seinem Kind und seiner Sekretärin. Er ist ein trauriger und ganz in sich zurück gezogener Zeitgenosse. Voller Melancholie verirrt er sich in seinen Phantasien zu der geheimnisvollen Briefschreiberin, von der er sich ein illusionäres Bild macht. Sie ist ja nicht greifbar, nicht real und nur immer in ihren sehnsuchtsvollen Briefen vorhanden.

Insgesamt ist der Roman von tiefer Melancholie, Resignation aber auch Leidenschaft und Einsamkeit getragen. Fiktion bestimmt das Leben der Protagonisten, die den Weg ins reale Leben nicht zu bewältigen scheinen.

Die Geschichte bietet ein nachdenkliches und poetisches Bild einer Welt zwischen Traum und Wirklichkeit.

Das Ende bietet noch einmal eine überraschende Wende, in der so recht deutlich wird, wir leicht wir von unseren Phantasien überwältig werden können, die uns ein Leben mit Leidenschaft und Glück verheißen wie es sie in dieser reinen Form wohl niemals gibt.

Maria Hummitzsch ist eine kongeniale Übersetzerin. Man lese das Buch in einer ruhigen Stunde, um sich ganz dem Eindruck des Lebens dieser beiden Hauptfiguren zu überlassen.

Carola Saavedra
Blaue Blumen
223 Seiten, gebunden
C.H.Beck, März 2015
ISBN-10: 3406675670
ISBN-13: 978-3406675676
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Jane Austen: Stolz und Vorurteil

Jane Austen: Stolz und Vorurteil

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Als Liebhaber von Südengland mag ich außer Reportagen fiktive Erzählungen aus und über diese Regionen. Jane Austen und die Brontë-Schwestern sind Schriftstellerinnen, an denen man nicht vorbei kommt. Deshalb bin ich erneut in das England des 18. Jahrhunderts eingetaucht.

Erzählt wird die Geschichte von Elizabeth Bennet, der zweitältesten von fünf Töchtern der Familie. Eines der wichtigsten sozialen Themen dieser Zeit ist die Einkommensicherung für die Kinder. Im Falle der Bennets, die nur weibliche Nachkommen haben, heißt das, die Töchter müssen möglichst gut verheiratet werden. Es dreht sich alles darum, die Mädels unter die Haube zu bringen. Das gestaltet sich mal mehr, mal weniger schwierig. Problematisch scheint es zu sein, die richtigen Männer zu finden. Denn auch diese sind in so manchem Fall auf eine gute Partie aus, weil sie selbst beispielsweise als Erstsohn alles Geld als Lebemann durchbringen oder als Drittsohn nicht viel von ihren Eltern erwarten können. Zwar steht Elizabeth im Fokus des Romans, doch viele unterschiedliche Varianten desselben Themas sind über deren Schwestern und Freundinnen erlesbar. Besonders schön an diesem Roman ist, dass Austen selbst in dieser Zeit gelebt hat und das Bild der Gesellschaft und des Leben auf dem Lande der leicht besser Begüterten kaum identischer sein kann.

Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Auch der Stil, den die Übersetzerin der Originalversion entnommen hat, ist passend getroffen. Aber die Übersetzung und der Satz schmälern das Lesevergnügen. An einigen Stellen sind Wörter gänzlich falsch übersetzt und lassen den Leser den Zusammenhang erraten, oder eben nicht.
Wenn ein Verlag glaubt, er müsse bei E-Books nicht auf Satz achten, um das Lesen für den Leser angenehmer zu machen, der irrt. Wenn mich nicht die Geschichte gepackt hätte, hätte ich das Buch so manches Mal beiseitelegen wollen. Selbst für 99 Cent kann man seine Leser vergraulen. Schade.

Austen, Jane
Stolz und Vorurteil
aus dem Englischen von Karin von Schwab
hummingbooks
Kindle Version
Amazon-ID: B00K3P87ZM

© Detlef Knut, Düsseldorf 2015
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Anna Quindlen: Ein Jahr auf dem Land

Anna Quindlen: Ein Jahr auf dem Land

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Liebe, Ehe und ihre Vergänglichkeit…

Einmal mehr liegt uns ein Roman vor, der sich mit den Veränderungen des Lebens, ihren Folgen, dem Glück und der Unwägbarkeit vom allem befasst.

Worum geht es?

Die einstmals berühmte Fotografin Rebecca Winter vermietet ihre Wohnung in New York, um sich in einem kleinen Haus auf dem Land zu erholen. Sie sucht allerdings nicht nur die Ruhe sondern auch die Ersparnis, die mit diesem Aufenthalt verbunden sein soll. Die Miete für die Wohnung in NY bringt mehr ein als die Ausgaben, die sie nun haben wird. Denn es geht ihr wie so vielen Künstlern: ihr Ruhm ist verblasst, und die Einnahmen aus dem Verkauf ihrer großen Fotobilder sind geschwunden.

Wir erleben die Protagonistin auf dem Land in einem Häuschen, das wohl einstmals mehr als Wochenendhäuschen gedacht war.

Die Natur in Wald und Feld werden mit poetischen Bildern gezeichnet. Hier scheint die Welt noch in Ordnung, wenn auch die Individualität der kleinen Städte wie überall auf der Welt allmählich einem Gleichmaß in Gestaltung und Aussehen gewichen ist.

Die einzige Abwechslung in Rebeccas Leben auf dem Land sind die Besuche bei der Mutter in einem Seniorenheim und bei dem nicht entfernt wohnenden Vater. Allerdings erweisen sie sich als Schrecken. Nehmen sie doch in den Augen von Rebecca als Vision den eigenen Verfall und die eigene Sterblichkeit vorweg.

In Erinnerungen an ihre Ehe und den Sohn Ben findet Rebecca keine unbedingte Freude. Peter hat sie schon früh für eine andere Frau und Familie verlassen, so dass sie ihren Sohn alleine aufgezogen hat.

Mit dieser Einführung meint man, dass es nun mit dem Altwerden und der Alterseinsamkeit weiter gehen würde. Doch weit gefehlt: auch hier in der Einsamkeit des Landlebens tun sich unerhörte Dinge. Die Bewohner der kleinen Stadt in ihrer jeweiligen Einmaligkeit sind wach und aufmerksam. Rebecca erlebt sie mit neugierigem Interesse und lernt Jim kennen, der ihr bei Dachdeckerarbeiten geholfen hat. Ein Bär hatte sich im Dach des kleinen Hauses eingenistet!

Beschaulich und ruhig entwickelt Anna Quindlen ihr Kleinstadtpanorama, in dem es nicht an Aufregungen und Veränderungen aller Art fehlt. Ganz aus der Sicht von Rebecca erschließt sich ihr Leben mit allen ihren Höhen und Tiefen. Die Heldin gerät in inneren Aufruhr und erlebt wechselnde Phasen des Glücks, des Erfolgs, aber auch Enttäuschung und Versagen. Sie ist teils betroffen und andererseits beglückt. Alles in allem bietet die Geschichte nicht zuletzt Hoffnung und Freude. Man findet Stille, Ruhe und Tiefe in ihr.

Anna Quindlen

Ein Jahr auf dem Land
320 Seiten, gebunden
Deutsche Verlags-Anstalt, März 2015
ISBN-10: 3421046662
ISBN-13: 978-3421046666
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Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit

Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit

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Betrachtungen mit philosophischem Hintergrund.

Milan Kundera hat uns 15 Jahre auf seinen neuen Roman warten lassen. Der letzte erschien im Jahr 2000 unter dem Titel “Die Unwissenheit.“ Am bekanntesten ist der Roman von der „…unerträglichen Leichtigkeit des Seins“. Wie die Titel seiner Werke schon erkennen lassen, sind seine Erzählungen durchdrungen von tiefenpsychologischen und philosophischen Fragen über das Wesen des Menschen und seiner Abgründe.

In seinem neuen Roman begegnen wir vier Freunden unterschiedlichen Alters, die sinnierend ihrem Alltag nachgehen.

Der eine und andere spaziert durch den Jardin du Luxembourg in Paris; Charles, einer der Haupterzähler, amüsiert mit Anekdoten aus dem Leben Stalins; Alain denkt über die Beziehungen zum weiblichen Geschlecht nach, Caliban, der Schauspieler, schlüpft gerne in fremde Rollen. Ramon schließlich, der Älteste von allen, sieht dem Treiben seiner Freunde zu. Ihre Gespräche zielen immer auf Fragen nach dem tieferen Sinn des Lebens, sind zuweilen schwierig meist jedoch leicht und humorig in ihrer Diktion. Wie tief ihre Gedanken bei ernstem Hintergrund verweilen, besagen Aussagen wie diese, die Charles aus einem Buch von Chruschtschow zitiert:

“Die Zeit rennt. Dank ihr sind wir zunächst Lebende, was bedeutet: Angeklagte und Verurteilte. Dann sterben wir und bleiben noch ein paar Jahre bei denen, die uns gekannt haben, aber sehr bald folgt eine andere Veränderung: Die Toten werden alte Tote, niemand erinnert sich mehr an sie, und sie verschwinden im Nichts; nur einige, sehr, sehr wenige, hinterlassen ihren Namen in den Gedächtnissen, verwandeln sich jedoch, ohne jeden authentischen Zeugen, jede echte Erinnerungen, in Marionetten….“

Um Alains Geburt gibt es ein Geheimnis. Die imaginären Gespräche mit seiner Mutter, die ihn gleich nach seiner Geburt verlassen hat, führen zu der Erkenntnis, dass Geborenwerden und Sterben nicht unserem Willen unterworfen sind. Auch die Individualität des Menschen unterliegt eigenen Gesetzen; ist sie vielleicht nur eine Illusion?

Die vorgetragenen Thesen spiegeln zahlreiche Fragen, mit denen sich unsere Helden beschäftigen.

Ein wenig schaut die Sinnlosigkeit aus allen Ecken, und doch hört man dieses: wir leben! Als Tenor der Gespräche.

Selten habe ich ein so hintergründiges, tiefschürfendes und gelegentlich verrücktes Buch gelesen wie dieses.

Kundera bezieht sich in seinen Betrachtungen über das Leben auf Philosophen wie Schopenhauer, Hegel und Kant.

Die Handlung besteht aus Episoden. Zeit und Orte wechseln. Man erfährt aber genug, um von jedem einzelnen der Protagonisten einen Eindruck zu gewinnen. In den Gesprächen geht es immer wieder um die Frage unserer menschlichen Bedeutung für heute und immer. Als Fazit kann man konstatieren: wir haben keine!

Zuletzt ist es die Comédie Humaine im Sinne Balzacs, die dieser Roman zeigt: wir alle sind Spieler in dem großen Lebensspiel, in dem jedem seine besondere Rolle zugedacht ist.

Für anspruchsvolle Leser ist die Lektüre ein Gewinn!

Milan Kundera
Das Fest der Bedeutungslosigkeit
144 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Februar 2015
ISBN-10: 3446247637
ISBN-13: 978-3446247635
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Julia Jessen: Alles wird hell

Julia Jessen: Alles wird hell

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Oda hat eine große Familie, die sie von Kindheit an trägt. Mit allen Höhen und Tiefen. Sie nimmt, was das Leben für sie bereit hält, ohne nach Konsequenzen zu fragen. Vor allem, als sie jung ist. Sie entscheidet unkonventionell und auch mal jenseits von Moralvorstellungen. Es ist so schwer, anerkannt zu werden und Liebe zu finden. Aber es geht nicht immer nur nach ihren Vorstellungen. Die Menschen in ihrem Umfeld sind, wie sie sind. Ihre Denkweisen und Handlungen nachzuvollziehen, ist nicht einfach. Ein gewisser Abstand muss also immer gewahrt werden. Oftmals wird Nähe aber auch gar nicht erst zugelassen. Diese Oberflächlichkeit ist für Oda nicht leicht zu ertragen.
Mit ihrem Partner ist sie glücklich. Mit ihm und dem kleinen Sohn lebt sie in einem schönen Haus. Auch beruflich läuft alles bestens. Es ist also alles gut, bis sie sich ein zweites Kind wünscht, das ihr Mann nicht haben will. Für Oda steht eine Entscheidung an. Sie könnte Ulf heiraten oder ihn verlassen oder beides tun.

Julia Jessen beschreibt in ihrem Buch ein ganzes Leben. Als Leser begleitet man Oda auf diesem Weg und nimmt Anteil. Denn nicht immer ist das Glück auf ihrer Seite. Nicht immer kann sie ihre Vorstellungen vom Leben verwirklichen und dennoch muss es immer weitergehen. Mit viel Gefühl und auf eine tiefgehende Art und Weise entwickelt die Autorin diese Geschichte, die immer wieder auch sehr traurige Züge annimmt. Das ist sehr ergreifen und lässt natürlich auch über das eigene Leben nachdenken und den Umgang mit den Belastungen, die es so mit sich bringt, die unausweichlich sind, was immer man auch tut. Oda zumindest nimmt die Dinge mit dem Älterwerden und der wachsenden Lebenserfahrung nicht mehr ganz ernst, findet zu mehr Gelassenheit, und das tut ihr gut.
Es steckt viel in diesem Buch. Schließlich umfasst es die Spanne eines ganzen Lebens.

Rezension von Heike Rau

Julia Jessen
Alles wird hell
304 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann
ISBN-10: 3956140249
ISBN-13: 978-3956140242
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