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Kategorie: Belletristik

Italo Svevo: Zenos Gewissen

Italo Svevo: Zenos Gewissen

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Selbstbetrachtungen eines eingebildeten Kranken.

Wohl selten hat ein Dichter mit der gleichen Detailbesessenheit über die letzte Zigarette geschrieben wie Italo Svevo, der mit bürgerlichem Namen Ettore Schmitz hieß. Von James Joyce entdeckt und zu seiner schriftstellerischen Arbeit ermutigt stammen aus seiner Feder die schönsten Romane, in denen er mit Akribie das Innenleben seiner Protagonisten offenlegt.

In diesem Roman heißt der Held Zeno Cosini, der am Leben und seinen inneren Verrenkungen über die Bewertung des Für und Wider seiner Handlungen zu scheitern droht. Auf Geheiß seines Psychoanalytikers schreibt er eine Art Autobiographie, in der er sein Innenleben und seine psychischen Qualen beschreibt.

Zu Beginn liest man auf ca 100 Seiten in dem Roman von Italo Svevo die unmöglichsten Versuche seines Helden, von der gesundheitsschädlichen Zigarette los zu kommen. Er geht sogar in ein Sanatorium, das er auf schnellstem Wege wieder verlässt, denn seine letzte Zigarette ist immer nur die vorletzte. Er schafft es einfach nicht!

Seine Gedanken wandern zurück zu seinem Vater und dem frühen Tod seiner Mutter. Immer windet er sich in Gedanken, ob dieses oder jenes Verhalten richtig oder falsch ist. Mit anderen Worten: wir haben es mit einem ernsthaft schweren Neurotiker zu tun. Und die Psychoanalyse ist es auch, die unseren Autoren und seine Werke innerlich tief durchdringen. Hat doch Italo Svevo zu seiner Zeit die Traumdeutung von Sigmund Freud ins Italienische übersetzt.

Unser Held Zeno Cosini möchte schließlich eine Frau zu seinem Glück finden. Als drei der vier Töchter von Giovanni, seinem Geschäftspartner, Freund und Gönner, ihn nach und nach abweisen, bleibt er an Augusta, der hässlichsten der vier Schwestern, hängen. Und es passiert Unfassliches: er findet sein Glück bei ihr! Rührend kommen seine Ängste zum Ausdruck, wie sehr dieses Glück von der Endlichkeit begrenzt sein wird. Die alten Zweifel verfolgen ihn, doch dann erkennt er: „Ich begriff endlich, was vollkommene menschliche Gesundheit ist, als ich erahnte, dass die Gegenwart für sie, Augusta, eine fassliche Wahrheit war, in der man sich einrichten und es sich bequem machen konnte.“

Doch leider gelingt unserem Helden das nicht!

Er quält sich weiter durchs Leben gepeinigt von Eifersucht, beängstigenden Einbildungen und Vorstellungen, die ihn nie zur Ruhe kommen lassen. Untreue gepaart mit Selbstzweifeln und Eifersucht vergiften sein Leben vom Anfang bis Ende. Wie Italo Svevo sich in seinen Protagonisten hineinversetzt, lässt ahnen, dass er gewisse Erfahrungen selber gemacht haben muss. Von feiner Selbstironie und triftigen Ängsten getragen liest man sich durch diese Abhandlung einer Seelenverirrung, wie sie nirgends besser beschrieben ist. Man ist fasziniert von dem, was kranke Seelen umtreiben kann und liest die fragilen Seelenverrenkungen mit wachsender Aufmerksamkeit. Gilt es doch zu erkennen, dass die eine oder andere Einbildung auch von ganz normalen Sterblichen nachempfunden werden können.

Italo Svevo ist Zeitgenosse von Proust und etwas später auch James Joyce.

Sein herausragendes Werk, das 1929 zum ersten Mal erschienen ist, findet sicher in der Neuübersetzung von Barbara Kleiner wie schon zum früheren Erscheinungszeitpunkt begeisterte Leser!

Italo Svevo
Zenos Gewissen
800 Seiten, gebunden
Manesse Verlag, September 2011
ISBN-10: 3717522264
ISBN-13: 978-3717522263
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Anne Enright: Anatomie einer Affäre

Anne Enright: Anatomie einer Affäre

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Tücken der Liebe und des Zusammenlebens.

Die irische Autorin Anne Enright hat schon mit ihrem Roman „Familientreffen“ gezeigt, dass sie sich auf die tiefsten Gefühle des Menschen versteht. Hier beweist sie ihr psychologisches Feingefühl erneut mit der Liebesaffäre eines ungleichen Paares.

Gina und Sean sind mehr oder weniger zufrieden, eher unzufrieden, mit ihren Ehepartnern, als sie sich auf einer Gartenparty verlieben und sogleich eine besessene Sexaffäre beginnen. Beruflich in der gleichen Firma beschäftigt sehen sie sich täglich. Gina brennt vor Verlangen nach Sean, während er die ganze Geschichte eher cool angeht. Im normalen Berufsalltag merkt man ihnen nichts an, doch sie nutzen jede Gelegenheit, um ihre Sexbesessenheit auszuleben. Jeder Ort und jede Stunde scheinen ihnen recht dafür.

Im ersten Kapitel aber ist schon klar, dass Seans Tochter Evie die Hauptakteurin in diesem Stück einer Familientragödie sein könnte.

Sie entdeckt die beiden Ehebrecher Gina und Sean, als sie sich zum ersten Mal küssten.

In wechselnden Szenen erlebt man Gina zuerst mit ihrem Freund Conor, den sie bald heiraten wird. Sean ist sehr viel älter und wirkt ausnehmend verführerisch, so dass Gina seinem Charme und seiner Verführungskunst erliegt. Spät erst merkt sie, dass sie nicht die einzige Liebe seines Lebens ist. Aber da haben sich beide schon von ihren Ehepartnern getrennt und versuchen ein Zusammenleben, das nicht gelingen kann. Evie mit ihren Allüren und psychischen Krankheiten hat alle und besonders ihren Vater voll im Griff. Sie bleibt die ungekrönte Königin: ein zwölfjähriges Kind, das alle durchschaut und seinem Frust freien Lauf lässt.

Von 2002 bis 2007 reicht die Geschichte und in ihr erlebt man Familienleben mit allen ihren Tücken und Gemeinheiten, wie sie auch im wirklichen Leben zu finden sind. Mütter, Ehemänner, Schwestern,–sie alle sind nicht gerade in großer Liebe vereint, denn jeder denkt nur an sein eigenes Wohlergehen. Am Ende bleiben alle auf der Strecke und einmal mehr zeigt sich, dass „Unrecht Gut nicht gedeihen kann“. Und Anne Enright zeigt auch einmal mehr ihr Talent, den Alltag, die Langeweile und die Sehnsüchte der Menschen zu artikulieren. Insofern stimmt der Titel der „Anatomie einer Affäre“, da sie jedes Detail im zwischenmenschlichen Miteinander unter die Lupe nimmt und der ganz gewöhnliche Alltag zuletzt alle Leidenschaften hinter sich lassen muss.

Anne Enright
Anatomie einer Affäre
320 Seiten, gebunden
Deutsche Verlags-Anstalt
ISBN-10: 3421045402
ISBN-13: 978-3421045409
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Georg Raab: Wasting the Big Apple

Georg Raab: Wasting the Big Apple

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Soll ich das Buch nun als “ungewöhnliches“ Tagebuch titulieren? Welches Attribut soll ich ihm geben? Es ist ein Tagebuch, ja. Es ist auch eine Reisebeschreibung, ja. Aber wie man es auch nennt, es lässt sich angenehm flüssig lesen und ist extrem unterhaltsam. Drei Monate, 87 Tage in New York, die der Autor beschreibt. Oft auf sehr humorvolle und abgehakte Art. Letzteres gehört zu einem Tagebuch, welches quasi stenografiert ist. Doch Raab hat gewisse Noten gesetzt, die es zu einem besonderen Tagebuch werden lassen.

Ungewöhnlich schreibt er in der ersten und zweiten Person abwechselnd. Es kommt klar zum Ausdruck, dass er auf der Reise nicht allein ist, sondern seine Freundin oft, aber nicht immer, dabei hat. So schreibt er vieles in der Ich-Form, stellt sich aber auch immer wieder vor, was sie in der einen oder anderen Situation gemacht oder gedacht hatte. Vieles liest er ihr dabei vom Gesicht ab. So wird aus dem Tagebuch ein Dialog, der immer wieder für Abwechslung sorgt. Das klingt dann in einer Bemerkung über die Nachbarin so: „Heute Morgen hast du dich bei Courtney beschwert, weil sie zum wiederholten Mal bis weit nach Mitternacht laut Musik gehört hat. „Wir konnten alles mithören! Wir haben dir doch gesagt, dass das Haus sehr hellhörig ist! Stupid bitch.“ Um eine Eskalation dieser Art zu vermeiden, hab ich dich gebeten, mit ihr Tacheles zu reden.“
Eine andere Note des Autors sind an nahezu jedem Abend die „Lessons learned“, die Lektionen bzw. Vokabeln, die er an diesem Tag hinzugelernt hatte. Teilweise sind es Abkürzungen und Vokabeln der amerikanischen Sprache, die so nicht im Schulenglisch vorkommen.
Immer wieder bringt der Autor kopfschüttelnd (Man sieht ihm dies wahrlich beim Lesen seines Buches an.) sein Unverständnis über die „verrückten“ New Yorker zum Ausdruck. Wie sie seine Wünsche im Restaurant oder beim Friseur ignorieren und ihm dann den vollen Preis dafür berechnen, obwohl er es so gar nicht bestellt hatte.
Die angemietete Wohnung ist von Anbeginn nicht sehr leise, doch dass er sich gelegentlich in dem ohnehin sehr lauten New York der relativen Stille wegen auf das gewisse Örtchen zur Erholung begibt, obwohl seine Freundin draußen an der Tür wartet, war ihm vor der Reise auch nicht klar gewesen.
Der Autor hat diese Stadt als Megacity wahrgenommen und das kommt in seinen Texten auch zum Ausdruck. Beispielsweise sind er oder seine Freundin oder beide ständig in irgendwelchen U-Bahnen oder Bussen oder Zügen unterwegs. Immer auf Achse, weil so gut wie kaum irgendetwas „um die Ecke“ liegt. Selbst, wenn es „einen Block“ weit entfernt ist, lohnt sich der Gang zur Metro.

Die vielen englischen Passagen und Floskeln, der Vergleich der Realität mit Beschreibungen von Max Frisch und Allen Ginsberg runden dieses quirlige Tagebuch ab und machen es zu einem kleinen Erlebnis. Wer New York kennenlernen möchte, macht bei diesem Buch nichts falsch. Wer sich auf eine Reise dorthin vorbereiten möchte, der liegt zu hundert Prozent richtig.

Georg Raab
Wasting the Big Apple
220 Seiten, broschiert
RomanVerlag, Riesa
ISBN-10: 3940373273
ISBN-13: 978-3940373274

© Detlef Knut, Düsseldorf 2011

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

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Unübertreffliche Jugendzeit!

In der unübertrefflichen Zeit zum Ende der Kindheit und Schulzeit geht Tony Webster in die letzte Klasse des Gymnasiums. Er bildet einen Freundschaftspakt mit Alex und Colin. Eines Tages kommt Adrian Finn hinzu. Er wirkt überlegen, reif und zurückhaltend. Seine intellektuelle Denkschärfe und das Geheimnis, das seine Herkunft umgibt, macht die anderen drei zu neugierigen Komparsen.

Wie es so ist in der Gruppe der halb erwachsenen Jungen, tauscht man sich aus über die Liebe, die Bücher, den Sex und die Weltanschauung. Neugierig tastet man sich zum anderen Geschlecht vor und bewegt die großen Fragen der Menschheit. Tony, der Icherzähler, gibt sich schüchtern und scheint Adrian zu bewundern. Tonys erste Beziehung zu einem Mädchen ist bald vorbei. Später gesteht ihm Adrian, dass er jetzt mit Veronica „geht“ und erbittet dafür Tonys  Einverständnis.

Wir erleben die Jugendlichen zu Ende der fünfziger und zu Beginn der sechziger Jahre in England, wozu die Diktion von Freundschaftsbeziehungen passt. Alle Beteiligten wechseln bald auf die verschiedenen Universitäten und verlieren sich ein wenig aus den Augen.

Zuletzt ist Tony pensioniert. Er hat eine Ehe und eine Scheidung hinter sich, hat eine erwachsene Tochter und schon Enkelkinder. Da passiert Unvorgesehenes!

Das Vermächtnis einer kleinen Erbschaft zusammen mit einem Brief aus frühen Jugendtagen katapultiert unseren Helden in die Vergangenheit zurück. Auf seiner Suche nach der verlorenen Zeit und der Wahrheit seiner Erinnerungen kommt er zu Erkenntnissen, die sein Selbstbild erheblich in Frage stellen. Hoch reflektiert und getragen von schemenhaften Erinnerungen sucht Tony nach den wahren Ereignissen, die seine Freundschaft mit Adrian und seine frühe erste Liebe mit Veronica betrifft.

Julian Barnes entwickelt seine ganz große Fähigkeit, in reflektierender Weise Vergangenes zu durchleuchten, Gedanken, Visionen und nicht zuletzt kritische Selbsteinsichten zu assoziieren. Diese Form biographischer Erinnerung ist die Stärke eines Autors, der sich auf philosophische und psychologische Gedankengänge versteht.

Hoch aktuell und tiefenscharf sieht sein Held Tony in das vergangene Selbst und muss in Eigenerkenntnis auch die dunklen Seiten seines Charakters ertragen lernen.

Dieser Roman wird die Herzen der Leser erobern!

Julian Barnes bekam 2011 den hoch angesehenen Booker Preis. Er lebt in England.

Julian Barnes
Vom Ende einer Geschichte
231 Seiten, Sondereinband
Kiepenheuer & Witsch, Dezember 2011
ISBN-10: 3462044338
ISBN-13: 978-3462044331
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Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen

Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen

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Im bäuerlichen Umfeld einiger Höfe in der ehemaligen DDR nahe der Westgrenze spielt sich eine Amour fou ab, die es in sich hat.

Man lebt dort noch abgeschieden und einfach kurz nach der Wende im Jahr 1990.

In einem der Dörfer gibt es den Brendelhof. Hier leben die Mitglieder einer großen Familie zusammen unter einem Dach. Sie betreiben den Hof, die Landwirtschaft  und einen kleinen Laden. Maria hat bei ihrem Freund Johannes Unterschlupf gefunden,–weit weg von Mutter und Großeltern in einem Nachbardorf. Johannes ist ihr Freund, der gerade Abitur macht und Großes im Sinn hat. Maria schwänzt die Schule und liest lieber Dostojewski. Sie verliebt sich mit ihren 16 und bald 17 Jahren unsterblich in einen schwierigen und um viele Jahre älteren Mann auf dem Nachbarhof. Heimlich geht sie ihn besuchen und verheimlicht allen Mitbewohnern des Brendelhofes und auch ihrer Mutter ihre leidenschaftliche Liebe zu dem Mann, der sich als Sonderling zeigt.

In einer herben Sprache mit kurzen Sätzen erzählt Daniela Krien vom Landleben und deren Bewohnern. Die Mauer ist gerade gefallen und West- und Ostbürger suchen zaghafte Annäherung. Sehr genau beobachtet die Autorin die Verschiedenartigkeit der Welten in Ost und West und die Erfahrungen einer Vergangenheit, die beide Staaten auf lange Zeit getrennt hat. Doch im Zentrum ihrer Erzählung bleibt die große Liebe und die Schuld, die Maria mit ihrer heimlichen Liebe auf sich lädt. Ihr Freund Johannes, mit dem sie ja Zimmer und Bett teilt, ahnt nichts und ist schier blind in seine Arbeit als angehender Fotograph vertieft. In den Brüdern Karamasow liest Maria immer wieder und findet Trost in den Worten Alexejs, des jüngsten der Brüder Karamasows, der sagte: irgendwann werden wir alle auferstehen und uns wiedersehen und alles erzählen. Ein Ausspruch, der gleichsam als Synonym für ihre eigene Schuld und deren Folgen gelten kann.

Der Debütroman der jungen Autorin Daniela Krien fängt die Atmosphäre des Landlebens und der einfachen Lebensweise mit den Eigenarten ihrer Bewohner in dieser abgelegenen Gegend gekonnt ein. Glaubwürdig verfällt die Protagonistin Maria vollkommen ihrer seltsamen Liebe zu Henner, der nicht nur schwierig ist sondern auch unwiderstehlich anziehend auf das junge Mädchen wirkt.

Mit sich steigernder Spannung vertieft man sich in die Geschichte von Schuld, Verzweiflung und Verstrickung und fiebert dem unerwarteten Ende entgegen.

Daniela Krien
Irgendwann werden wir uns alles erzählen
240 Seiten, gebunden
Graf Verlag, September 2011
ISBN-10: 3862200191
ISBN-13: 978-3862200191
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Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River

Edith Wharton: Ein altes Haus am Hudson River

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Edith Wharton hat mit ihrem 1929 erstmals erschienenen Roman ein Künstlerleben erfasst. Es geht um Kunst, Kunstkritik und Dichtung im weitesten Sinn. Wie es in einem Nachwort von Rüdiger Görner heißt, waren sich Künstler in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in New York uneins, ob und wie man mit den zivilisatorischen Veränderungen fertig werden könnte. In der Figur des Vance Weston versinnbildlicht die Autorin den Kontrast zwischen friedlicher Idylle auf dem Land und der schnellen und rasanten Entwicklung in der Stadt der Künste par excellence: New York.

Was soll man tun, wenn man aus einfachen Verhältnissen stammt aber leidenschaftlich für Literatur und Malerei schwärmt?

Nach einer schweren Erkrankung wird Vance Weston zur Erholung aufs Land zu entfernten Verwandten geschickt. Hier lernt er Héloise Spear kennen! Auch sie ist sehr entfernt verwandt mit ihm. Sie ist belesen und gebildet und merkt schon bald, dass Vance begabt und der Dichtung zugewandt ist.

Beide erleben einen wunderschönen Sonnenaufgang mit einander, denn Halo, wie sie genannt wird, ist ebenso schnell zu begeistern wie Vance.

Die Familienverhältnisse aller Parteien sind etwas schwierig zuzuordnen. Halo ist verlobt mit Lewis Tarrant, einem ichbezogenen Intellektuellen, der seine Ideen nicht, wie sie erhofft hatte, mit ihr teilt. In New York betreibt er eine kultivierte Zeitschrift, und durch allerlei Verbindungen stellt sich Vance Weston eines Tages als Redakteur bei ihm vor.

„The Willows“ ist das alte Landhaus am Hudson River, in dem sich Vance und inzwischen Tarrants Ehefrau Halo mehrmals zum Austausch über Bücher einfinden. Hierarchien nach Herkommen und Bildung lassen jedoch ahnen, wie schwer es war, die Leiter nach oben zu erklimmen. Vance Weston scheint es zu gelingen! Er heiratet die entfernte Cousine Laura Lou und freut sich auf ein auskömmliches Leben als Dichter in New York. Doch entwickelt sich nicht alles so günstig, wie er erhofft hat. Seine einfältige aber hübsche Frau Laura Lou bleibt weit hinter seinen Lebensambitionen zurück. Dem jungen Dichter macht die Geldnot arg zu schaffen, denn so schnell geht es mit dem Ruhm nicht voran. Er ist zudem hin und her gerissen in seiner Verehrung für Halo, mit der er in geistigem Gleichklang verkehrt, während ihn die öde Langeweile mit seiner tatenlosen und kränkelnden Frau nervt.

In epischer Breite und mit zahlreichen eindringlichen Details entwickelt die Autorin Edith Wharton die Charaktere ihrer Figuren. Mit ausgedehnten Landschaftsbeschreibungen, im Schwelgen der Natur und anlässlich freundschaftlicher Begegnungen und Gespräche breitet sich das Bild einer illustren und besonderen Gesellschaft vor uns aus.

Kunstvoll und akribisch gestaltet Edith Wharton ihren Entwicklungsroman. Die New Yorker Künstlergesellschaft zeigt den Reichtum, den Ruhm und die Armut in allen Bereichen. Jeder einzelne Charakter zeigt Qualität, Kraft und Originalität.

Dürftige Unterkünfte oder prächtige Wohnräume beleben die Szenen, und gelegentliche Intrigen zeigen die Menschen, wie sie mit allen Facetten nun einmal sind: eifrig, freundlich, missgünstig, liebend, enttäuschend und immer auf der Suche nach dem wahren Glück und dem richtigen Weg. Ein gekonntes und wunderbar den Zeitgeist spiegelndes Meisterwerk liegt mit diesem Roman von Edith Wharton auf Deutsch zum ersten Mal vor.

Sehr lesenswert!

Edith Wharton
Ein altes Haus am Hudson River
624 Seiten, gebunden
Manesse Verlag, Oktober 2011
ISBN-10: 3717522302
ISBN-13: 978-3717522300
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Louis Begley: Schmidts Einsicht

Louis Begley: Schmidts Einsicht

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Lebensschicksale!

In seinem neuen Roman hat Louis Begley die Geschichte von Albert Schmidt, dem Protagonisten aus seinen früheren Romanen „About Schmidt“ und „Schmidts Bewährung“, fortgeschrieben. Die Person seines mittlerweile pensionierten Anwalts Schmidt ist laut Sandra Kegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht, wie man annehmen könnte, eine Art alter Ego Louis Begleys. Schmidt ist eine eigenständige Person. Er ist kein Jude und zeigt unverhohlen gelegentlich antisemitische Gefühlsregungen.

„Schmidtie“ wird er in Freundeskreisen liebevoll genannt. Er ist inzwischen ein rüstiger Siebziger, früh verwitwet und Vater einer erwachsenen Tochter.

Schmidts Tochter Charlotte ist mit dem von Schmidt verhassten Jon Riker verheiratet, einem in seinen Augen geldgierigen jüdischen Scheusal und Abkömmling zweier wenig erfolgreicher Psychoanalytiker. Das Verhältnis zur Tochter und deren neuer Familie ist verheerend. Charlotte begegnet ihrem Vater nur mit Hass und ständigen Geldforderungen. Zu allem Übel hat Carrie, eine Kellnerin und kurzzeitige junge Geliebte von Schmidt, inzwischen geheiratet und erwartet ein Baby. Schmidt hat sie in weiser Einsicht ziehen lassen, da diese Beziehung nicht von Dauer sein konnte.

Als Vorsitzender einer Stiftung, die ihn rund um die Welt führt, und ehemaliges Mitglied einer gut gehenden Kanzlei ist Schmidt sehr wohlhabend. In Paris trifft er die auch schon etwas ältere aber immer noch attraktive Frau seines einstigen Kollegen Tim. Sie haben eine kurze Affäre, von der sich Schmidt viel verspricht, denn er ist einsam. Doch seine Hoffnungen sind trügerisch wie sich später zeigen wird.

In diesem Zustand treffen wir Schmidt in dem neuen Roman von Louis Begley wieder.

Das Anwaltsmilieu, in dem Louis Begley selber lange Zeit tätig war, ist auch Schmidts Milieu. Hier spielen sich berufliche und menschliche Tragödien ab. Man feiert, isst und trinkt zusammen bei allen möglichen Gelegenheiten. Gute Freundschaften haben sich gebildet, eine origineller als die andere. Große Kanzleien mit ihren Riesenumsätzen und den Aufsteigern zu hoch qualifizierten Anwälten bieten den Nährboden, auf dem der Autor seine menschlichen Figuren agieren lässt.

Der Autor erzählt seine Geschichte so realistisch, dass man gebannt dem Schicksal dieses von Leidenschaften, Unglück und Liebessehnsucht geplagten Mannes folgt. Ein weit verzweigtes Panorama des neuenglischen Geldadels, menschlicher Begierden, Enttäuschungen und Tragödien öffnet unseren Blick für das, was sich hinter den Kulissen der New Yorker Gesellschaft abspielt. Glanzvoll zeigt uns der Autor die geheimen Wünsche und Sehnsüchte seiner Protagonisten. Schmidt ist eine vertraute Gestalt, die uns zum Lebensende hin erneut mit seinem klugen Blick und seinem Wunsch nach Harmonie und erfüllender Liebe nach einer  längeren Zeit innerer Nöte anrührt.

Wie immer sind Begleys Protagonisten durchaus fähig, ihre Schicksale zu reflektieren. Lebendigkeit und Gegenwartsnähe zeichnen den Inhalt der Erzählung aus. Keine ältliche oder melancholische Abgeklärtheit spielt hinein sondern eine leichte, dem Leben zugewandte Wendigkeit, die noch jegliche Zukunftshoffnungen möglich erscheinen lassen.

Geschichten aus dem wirklichen Leben sind es, die uns neugierig machen und uns zu stillen Teilhabern einer Handlung werden lassen. Hier ist das gelungen, und man hofft darauf, dass wir vom Schicksal Schmidts noch mehr erfahren dürfen.

Louis Begley
Schmidts Einsicht
415 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag
ISBN-10: 3518422502
ISBN-13: 978-3518422502
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Àlex Rovira und Francesc Miralles: Einsteins Versprechen

Àlex Rovira und Francesc Miralles: Einsteins Versprechen

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Lieber Leser, Sie sehen mich weinen. Warum? Ich habe soeben das Buch „Einsteins Versprechen“ zu Ende gelesen und habe – und das ist keine literarische Übertreibung – Tränen in den Augen. Vor Wut. Da habe ich mich einige Nachmittage lang durch das langweiligste spannende Buch gekämpft, das mir je untergekommen ist, und stehe nun vor der banalsten falsch-wahren Weisheit, die je verkündet wurde. Verwirrt Sie das? Ja? Mich auch.

Also was ist passiert? Ich habe ein Buch gelesen, das damit anfängt, dass ein spanischer Wissenschaftsjournalist namens Javier aus der Not heraus öffentlich spontan vermutet, Albert Einstein habe in seinen letzten Jahren offenbar etwas ganz Großes entdeckt, das so „potent“ ist, dass er es der damals noch nicht reifen Menschheit noch nicht offenbaren wollte. Kurz darauf sieht sich Javier in eine mysteriöse Suche nach dieser Erkenntnis hineingezogen. Diese Suche basiert auf der Idee, dass Einstein seiner unehelichen und von ihm lange ignorierten Tochter diese Erkenntnis zugespielt hat, sie ihr sozusagen „vererbte“. Jene Lieserl habe dann, so die Idee, dieses Erbe ihrer Tochter vermacht. Man müsse also jene Einstein-Enkelin finden, lautet die Arbeitsthese der Suchenden.

Wobei „Suche“ ein fast schon euphemistischer Ausdruck ist, zumindest was Ich-Erzähler Javier angeht. Der Journalist wirkt eher wie ein im Wind aus Zeichen, Andeutungen und Hinweisen getriebenes halbtotes Blatt. Sarah, mit der er gemeinsam unterwegs ist, scheint da schon gezielter vorzugehen, obwohl auch das eher eine Vermutung als eine im Buch erkennbare Tatsache ist. Die anderen Suchenden überleben übrigens das Buchende nicht, nach und nach werden sie von diesem oder jenem eliminiert. Einer der „Mörder“ ist eine junge Frau, die – wie auch immer sie das schafft – offenbar besser als alle anderen sichtbaren und (anfangs) unsichtbaren Figuren weiß, was gerade vorgeht.

Das für mich unverständlicher Weise mit einem Literaturpreis geehrte Buch (laut Klappentext: der hochdotierte „Premio de Novela Ciudad de Torrevieja“) wird in einer Sprache erzählt, die extrem leicht lesbar weil extrem simpel gehalten ist. Spaß am Text lag eindeutig nicht in der Intension der Autoren. Àlex Rovira und Francesc Miralles setzen statt dessen auf einen der neumodischen Verschwörungs-und-Quest-Plots. Nicht, dass ihnen das gut gelingen würde, die Figuren nähern sich zwar faktisch und lokal ihrem Ziel, der Einstein-Erbin, das eigentliche Geheimnis bleibt aber trotz diverser Annäherungsversuche so fern wie am Anfang. In dieser Sache passiert nichts – bis zu jenem unsäglichen Finale, das mich so erbost und verzweifeln lässt.

Wenn ich sage, es passiert nichts, dann bezieht sich das auch auf die Figuren. Sie sind das, was ich als Lektor meinen Kunden gegenüber als Marionetten bezeichne. Dass Javier offenbar nicht den geringsten Nerv dafür hat, in seinen Mitmenschen Emotionen und Stimmungen zu erkennen und seine Beschreibungen sich auf rein Plakatives beschränken, mag ja noch entschuldbar sein, aber er selbst ist innerlich – vorsichtig ausgedrückt – auch eher tot als lebendig. Ihn wandelt immer mal ein wenig Trauer an, wenn er an seine zerbrochene Ehe zurückdenkt, und er versucht dem Zuhörer weis zu machen, er habe sich in Sarah verliebt. So wie das erste pure Behauptung bleibt, kann man auch das zweite zwar zur Kenntnis nehmen, aber sehen, nachfühlen kann man es nicht. Dass auf Javiers Empfindungen bei Mord und Totschlag und sogar bei den (angeblich) spektakulären Enthüllungen am Ende der Begriff „blass“ noch eine maßlose Übertreibung ist, passt da prima ins Bild.

Und genau das macht das Buch langweilig. Zwar erlaubt der kunstlose Schreibstil, dass man der Frage „Was hat Genie Einstein wohl herausgefunden?“ ohne Anstrengung hinterlaufen kann, aber auf dieser Rennstrecke gibt es nichts zu entdecken. Die Figuren sind uninteressant, der Ablauf der Suche nicht aufregend, weil sich nie akute Spannung aufbaut. Statt mit Spannungsbögen arbeiten die Autoren mit Sätzen wie „Hätte ich geahnt, auf was für einem Spielfeld ich mich bewegte, hätte ich niemals auf ,Senden‘ geklickt.“ oder „Hätte ich jedoch den Namen Sarah Brunet rechtzeitig überprüft, wäre alles, was in Kürze geschehen sollte, vollkommen anders verlaufen.“ Das ist Spannungsbildung für Möchtegern-Schriftsteller. Magisch, wie der Klappentext auf dem Buch behauptet, ist da gar nichts.

Bevor ich zum Hauptdesaster dieses Werkes komme, will ich mal einen kleinen Ausflug in die Abteilung „Gut am Buch“ machen. Groß ist die allerdings ohnehin nicht. Die anspruchslose Sprache in den vielen superkurzen Kapiteln zum Beispiel zählt in dem Sinne dazu, dass sie das Lesen nicht zusätzlich erschwert, und wer noch nicht viel über Einsteins Leben wusste, kann es anhand der biografischen Einschübe ein wenig kennenlernen.

Als günstig erwies sich auch, dass man über Physik generell und die Einstein’sche im Besonderen gar nichts wissen muss, um dem Buch folgen zu können. Denn auch wenn ständig so getan wird, als habe das zu lüftende Geheimnis eine vergleichbare Bedeutung wie die zur Atombombe geführt habende Gleichung E = mc2: Die „Enthüllung“ ist eher simpelste Kindergarten-Philosophie. Dazu hätte weder Einstein bemüht, noch ein mit Toten gepflasterter Weg beschritten werden müssen. Dafür ist weder die Weltreise der Figuren nötig gewesen noch das am Ende dahingesagte Existieren von zwei rivalisierenden Organisationen (die ganz bestimmt als Methaper für dies und jenes gemeint sind, wie so manch anderes in dem Buch). Denn – bitte halten Sie sich fest! – die letzte große Erkenntnis Einsteins ist nicht der Grundstein für eine Superbombe oder die Lösung aller Energieprobleme der Menschheit, keine Erkenntnis darüber, dass wir alle nicht real sind, dass wir allein sind im All oder auch nicht allein sind. Nein, es viel ungeheuerlicher. Einsteins letzte Erkenntnis ist die von der Über-Kraft, die alle anderen Kräfte in sich vereint und damit die von den Wissenschaftlern seit jeher gesuchte Einheitliche Theorie des Universums möglich macht. Es ist – Trara! – die Liebe.

Tja. Was soll man da noch sagen …

Àlex Rovira und Francesc Miralles
Einsteins Versprechen
384 Seiten, gebunden
List
ISBN-10: 3471350519
ISBN-13: 978-3471350515
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Laura Moriarty: Weil wir glücklich waren

Laura Moriarty: Weil wir glücklich waren

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Zerbrochenes Familienglück!

Der Dachdecker lag in Mutters Bett, als unerwartet der Vater nach Hause kommt. Er versteht die Welt nicht mehr! Nach dreißig Ehejahren ist die Trennung der Eltern damit unausweichlich. Sie leben in Kansas City, und der Verkauf des gemeinsamen Hauses lässt nicht lange auf sich warten.

Fazit: die Ehe war schon lange nicht mehr gut und hat die beiden Protagonisten weit voneinander entfernt.

Veronica, die jüngere Tochter, studiert und schlägt sich mit dem Lernen und ihren Freunden herum. Die Krise ihrer Eltern nagt unbewusst an ihrem Dasein. Besonders ihre Mutter hat ihr Gleichgewicht verloren und nervt mit ihren Ratschlägen und diversen Anrufen. Zu beiden Eltern hat Veronica Kontakt und sieht sich immer wieder mit der Sorge ihres Vaters konfrontiert, dass sie ihr Leben nicht geregelt bekommen könnte. Er ist ein erfolgreicher aber cholerischer Anwalt, der allerdings den einzigen Halt bietet, wenn Veronica einmal gar nicht mehr weiter weiß. Ihr Weg an der Uni und mit ihren Freunden ist mit vielerlei Schwierigkeiten  behaftet. Elise, die ältere und verständige Schwester, lebt in Kalifornien als viel beschäftigte Anwältin weit vom Schuss und setzt der Schwester ebenso zu wie die Eltern. Wie findet man aus dieser Krise heraus?

In einem überzeugenden Plädoyer führt Laura Moriarty durch diesen Roman, der den Verlust aller Sicherheit und des Zusammenhalts in der Familie zum Thema hat. Von Glück darf man nicht sprechen, wenn die Mutter schließlich mit ihrem geliebten Hund Bowzer sogar ihre Bleibe verliert und bei der Tochter im Studentenwohnheim unterschlüpft. Traurig ist der Zerfall und der soziale Abstieg, in dem Veronica als Hauptzeugin auftritt.

Vielleicht ein wenig zu weitschweifig gilt der Tenor des Romans der Ungleichheit von Mann und Frau, wenn es um die berufliche Fortentwicklung geht. Auch deshalb drängt der Vater seine Tochter Elise, nach der Geburt eines Kindes ihren Beruf nicht aufzugeben. Gekonnt aber wird das amerikanische Mittelschichtmilieu geschildert, in dem der soziale Aufstieg gleich nahe dem Abstieg liegt.

Der unterhaltsame und gut konzipierte Roman ist absolut lesenswert. Laura Moriarty mag nicht zu den ganz großen amerikanischen Autorinnen gehören, doch zeigt sie ein respektables Erzähltalent. Sie lebt mit ihrer Tochter in Kansas.

Laura Moriarty
Weil wir glücklich waren
400 Seiten, gebunden
Bastei Lübbe, Juni 2011
ISBN-10: 3404160495
ISBN-13: 978-3404160495
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Rafik Schami: Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte

Rafik Schami: Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte

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Märchen, Geschichten und Traditionen.

Der mit ungeheurem Sprachreichtum und einer ausufernden Fabulierkunst ausgestattete Erzähler Rafik Schami berichtet in seinem neuesten Buch, wie er zum Erzähler wurde.

Damaskus, Ort seiner Geburt und Kindheit, bot dem Jungen reichlich Gelegenheit, sich in der Erzählkunst zu schulen.

Einen nicht geringen Beitrag dazu leistete sein Großvater, der ihm die Augen öffnete für den ganzen Reichtum an Bildern, Gerüchen, Farben und Geräuschen in der großen Stadt Damaskus. Auf dem Basar sah er einst mit dem Großvater die Frau, die auf einem Schild ihren Mann feilbot. Dieser war Experte für Pferde, aber seine Frau konnte er nicht unterhalten, denn er sprach nie ein Wort. So lernte der junge Rafik, dass man mit Erzählen sein Leben verbessern und dem Verkauf als Ehemann entgehen konnte.

Rafik Schami geht auf die Bedeutung der Geschichten Scheherasads aus „Tausendundeine Nacht“ ebenso ein wie auf die Bedeutung der Volksmärchen in aller Welt oder auf die Geschichten aus der Bibel. Der Symbolgehalt und die Vielfalt dieser Geschichten bieten mannigfache Möglichkeiten, sich die Welt verstehbar zu machen und Orientierung in dieser oft so grausamen Welt zu finden.

Weitsicht und Humor zeichnen die Geschichten aus, mit denen uns Rafik Schami an seiner Entwicklung teilnehmen lässt. Seine Mutter, die sich gern zu seiner fantasiebegabten Komplizin machte, und der schelmische Großvater mit seinem Spieltalent und seiner Einfühlung in die Sichtweisen des Kindes können als Einflüsse ausgemacht werden, unter denen Rafik Schami zu dem großartigen Erzähler wurde, der er heute ist. Seit vierzig Jahren lebt er in Deutschland und schreibt seine Bücher auf Deutsch. Die Weisheit und die Herz erwärmende Sprache, mit der er uns seine literarische Welt erklärt, begeistern uns. Mit Sprüchen wie diesem: „Wer älter wird, der wird nicht aufhören zu spielen. Aber wer aufhört zu spielen, der wird älter“ von George Bernhard Shaw leitet er seine Kapitel ein und zeigt damit seine umfassende Bildung, Literatur in einen Gesamtzusammenhang zu stellen. In einer längeren kulturanthropologischen Abhandlung erläutert er die Bedeutung der Märchen und erweist sich als Kenner mythologischer Ursprünge.

Diesem begnadeten Dichter ist mit seinem neuen Buch ein literarisches Geschenk für diesen Herbst geglückt.

Rafik Schami
Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte
176 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, 2. Auflage, Juli 2011
ISBN-10: 3446237712
ISBN-13: 978-3446237711
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