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Kategorie: Belletristik

Alex Capus: Léon und Louise

Alex Capus: Léon und Louise

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Eine ungewöhnliche Liebegeschichte!

Die wundersame Geschichte von Léon und Louise umfasst die Jahre vom Ende des Ersten Weltkriegs 1918 bis zum Jahr 1986. Vom Enkel wird liebevoll die Geschichte einer großen Liebe erzählt.

Mit 17 Jahren zieht es Léon in die Ferne, denn er ist das Leben zu Hause in Cherbourg leid. Da er nicht kriegstauglich ist, gerät er als Funker in das abgelegene Örtchen Saint-Luc-sur-Marne. Dort begegnet er der burschikosen Louise, und eine raue aber zärtliche Liebegeschichte nimmt ihren Lauf. Wie es das Schicksal will, geraten beide eines Abends auf der Strasse in einen Angriff der Deutschen Luftwaffe und verlieren sich ganz aus den Augen. Über lange Jahre wissen sie nicht einmal, ob der andere noch lebt.

Zeit geht ins Land. Léon heiratet und bekommt Kinder, und nach zehn Jahren sieht er Louise zum ersten Mal wieder. Die alte Liebe ist noch ganz präsent, und nach einer kurzen Liebesnacht gehen beide entsagungsvoll wieder auseinander.
Im Abstand von langen Jahren sehen sich die beiden immer mal wieder. Doch an eine feste Bindung ist nicht zu denken. Léon ist ein treuer Familienvater, der mit seiner Frau die Höhen und Tiefen eines langen Ehelebens durchlebt und für seine fünf Kinder sorgt.

Wie die Geschichte erzählt wird, das zeugt von tiefem Verständnis für schicksalhafte Begegnungen, vergeblichen Liebesglücks und menschlichen und allzumenschlichen Entsagungen. Fast ein ganzes Jahrhundert verstreicht mit allen geschichtlichen Wechseln, die das 20. Jahrhundert mit sich brachte. Dazu gehören in langen Passagen die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Sehr hautnah kann man die Gefahren, Léons stillen Widerstand und die Sorgen und Nöte während der deutschen Besatzung miterleben. Léon ist in seinen Gedanken häufig bei Louise. Auch Louise aber hat ihn nie vergessen und berichtet in langen Briefen von ihrem Leben, das so ganz anders als seines verläuft.
Doch es gibt Überraschungen, mit denen man nicht rechnet!

Der Roman entfesselt in feinster Poesie und großartigen Beschreibungen die jeweiligen Lebensphasen und Zeitabschnitte im Leben der beiden Liebenden. Betroffen und mitfühlend geht man deren Weg mit, der einen sehr tief anrührt.

Alex Capus
Léon und Louise
320 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Auflage: 11, Februar 2011
ISBN-10: 3446236309
ISBN-13: 978-3446236301
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Hisham Matar: Geschichte eines Verschwindens

Hisham Matar: Geschichte eines Verschwindens

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Libyen steht hier im Hintergrund einer mysteriösen politischen Geschichte.

Hisham Matar gehörte schon mit seinem Roman „Im Land der Männer“ zu den ausgezeichneten Schriftstellern. Wieder handelt es sich um eine Geschichte aus dem arabischen Raum, in dem seit dem Ende des osmanischen Reichs Chaos und kriegerische Handlungen die Regel sind.

Nuri, ein zwölfjähriger Junge, lebt mit seinem Vater in Kairo. Dorthin ist Kamal Pascha el-Alfi Ende der sechziger Jahre vor den politischen Unruhen in Libyen mit seiner Frau und seinem Sohn über Paris geflüchtet. Kamal bekleidete einst selbst ein hohes Regierungsamt in Libyen und musste nach dem Sturz der Monarchie das Land verlassen.
Nach dem frühen Tod seiner Frau lebt Kamal ein abgeschiedenes Leben zusammen mit seinem Sohn und dem verbliebenen Hauspersonal.

1971 lernt Nuri am Strand von Alexandria die hübsche und sehr junge Frau Mona kennen. Er ist ganz hingerissen von ihr. Umso größer ist die Enttäuschung, als der Vater die um viele Jahre jüngere Mona heiratet. Der an der Grenze zur Adoleszenz stehende Junge leidet unter Einsamkeit und Eifersucht bis ihn weiteres Ungemach trifft. Mit der vorbereitenden Einleitung beginnt eine Geschichte, die uns in die Wirren komplizierter politischer Verhältnisse entführt.

Aus den Augen des jungen Nuri betrachtet man den Vater, der geheimen Aktivitäten nachgeht. Woher soll ein Junge wissen, wie Politik aussieht und warum sein Vater ein sehr vorsichtiger Mann geworden ist? Nuri verehrt den Vater und weiß nicht, warum dieser ihn nach England ins Internat schickt.
Doch eines Tages ist der Vater verschwunden.

Man ahnt mehr als zu wissen, dass der libysche Geheimdienst seine Hände im Spiel hat.

Hishan Matar findet die richtigen Worte, mit der unheilvolle Ereignisse ihr Mysterium behalten. Orient und Okzident sind gegenwärtig, wenn die Familie ihre Aufenthalte zwischen Kairo, der Schweiz, Frankreich und England wechselt.

Eingebettet in die politische Geschichte erlebt man das Heranwachsen von Nuri, der sich mit Mona in einer schicksalhaften Nacht verbindet. Poetische Beschreibungen bieten die schönsten Geschichten, die orientalische Lebensart und hierarchische Strukturen erkennen lassen. Nuri findet nach dem Verschwinden des Vaters seinen eigenen Weg, der von Einsamkeit gezeichnet ist und immer wieder bei der Suche nach Spuren des Vaters endet. Hinreißende Stimmungsbilder zeigen die leicht melancholisch gefärbte Welt, in der Nuri heranwächst. Mit Spannung erwartet man das Ende der Geschichte.

Schon der fein entworfene Einband offenbart in nebligen Grautönen verwischte Spuren von exotischen Pflanzen und Gebäuden.
Ähnlich verwischt sind die Farben, mit denen man Nuri in seiner familiären Verlassenheit erkennt.

Werner Löscher-Lawrence bietet mit der Übersetzung eine Meisterleistung.

Der vielfach mit Preisen ausgezeichnete Autor Hisham Matar lebt heute in London und hat in den Roman eigene autobiographische Erlebnisse einfließen lassen. Er hat erneut mit diesem Werk einen hoch zu lobenden Roman geschrieben.

Hisham Matar
Geschichte eines Verschwindens
192 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, Juli 2011
ISBN-10: 363087245X
ISBN-13: 978-3630872452
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Tim Krohn: Ans Meer

Tim Krohn: Ans Meer

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Sommerroman…

Ein unergründliches und belastendes Geheimnis trennt zwei Freundinnen, die sich in frühester Kindheit liebten. Die Familien der beiden besaßen ein Haus am Meer. An der Ostsee haben sie zusammen glückliche Kindertage verbracht. Doch eines Tages zerbrach die Gemeinschaft, und die Familien trennten sich.

Jetzt lebt Anna in Kiel und Josefa in Zürich. Beide haben sich zwölf lange Jahre nicht gesehen. Anna sucht schließlich erneut den Kontakt zu Josefa.

Bis es dazu kommt, wird das jeweilige Schicksal aller Beteiligten skizziert.
Josefa hat den zwölfjährigen Sohn Jens, den sie sehr liebt. Er drängt sie ungeduldig, zum Haus ans Meer zu reisen. Er möchte so gerne auf der Ostsee segeln! Doch Josefa ist taub auf dem Ohr. Sie will nicht zurück an den Ort ihrer Kindheit, wo es ein dunkles Geheimnis gab, das die Gemeinschaft aus glücklichen Tagen zerbrechen ließ.

Anna ist berufstätig und wünscht sich sehnsüchtig ein Kind von ihrem Partner Kalle. Leider wartet sie vergeblich, bis auch sie hinter ein Geheimnis kommt, das ihre Beziehung zu sprengen droht.
Man merk schon: das Buch steckt voller versteckter und verworrener Geschichten, und der Durchblick ist schwer!

Zahlreiche Spuren führen zu den einzelnen Figuren, die sich wie in einem Netz verfangen haben. Niemand weiß alles, jeder kennt nur Teile der Geheimnisse des anderen. Ungewöhnlich frühreif steht Jens, der zwölfjährige Sohn von Josefa, im Mittelpunkt der Erzählung. Aus seinen Augen schaut man zurück und sucht neugierig nach Spuren, die für ihn Unerklärliches verstehbar machen. Doch er und auch wir müssen lange warten, bis wir begreifen, wie es denn nun zu den Zerwürfnissen in den Familien gekommen ist!

Tim Krohn hat seinen Roman verschachtelt angelegt, so dass man sich getrieben fühlt, den einzelnen Spuren zu folgen, um endlich zu verstehen. Immer wenn man auf dem richtigen Erkenntnisweg zu sein scheint, muss man sich doch noch gedulden, bis man der Auflösung aller Rätsel näher kommt.

Der Autor hat einen leichten Roman verfasst. Auch alle unerklärlichen Todesfälle können die sommerliche Unbeschwertheit der Glücksmomente nicht überdecken. Lieben und geliebt werden, Treue und Untreue, Leidenschaft und Vergänglichkeit: alles kommt vor und man hat trefflich zu tun, der Aufklärung zu folgen. Wer der leichten Muse zugetan ist, der wird die kurzweilige Lektüre zwischen Krimi und Gesellschaftsroman genießen.

Tim Krohn
Ans Meer
328 Seiten, broschiert
Diogenes, Juni 2011
ISBN-10: 3257240767
ISBN-13: 978-3257240764
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Peter Härtling: Liebste Fenchel!

Peter Härtling: Liebste Fenchel!

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Gesellschaft und Leben zu Zeiten der Romantik.

Als Peter Härtling die Nachricht von der Geburt seines siebten Enkelkindes erhält, das den Namen „Fanny“ tragen soll, fällt ihm sogleich Fanny Mendelssohn ein. Ihr widmet er sich fortan in einer Biographie, die ganz seine Handschrift trägt.
Schon in seinen Biographien über Schubert, Schumann und Hölderin zeigt P. Härtling sein herausragendes Talent, aus imaginierten Vorstellungen ferner Zeiten Wirklichkeit werden zu lassen. Er vertieft sich beinahe ganz mit seinen Gefühlen in das Leben um 1800 und verzaubert mit den filigranen Beschreibungen von Raum, Zeit und Handeln das Geschehen.

Fanny Menlssohn,1805 geboren, war die älteste Tochter von Lea und Abraham Mendelssohn, die nach ihr noch drei weitere Kinder haben werden. Unter ihnen zeigt der vier Jahre jüngere Felix später ein außergewöhnliches musikalisches Talent, mit dem er zu Ruhm und Ehre kommen soll. Auch Fanny ist eine hervorragende Musikerin. Peter Härtling lässt sie wie in einem flämischen Bild durch die häuslichen Räume tänzeln, sie summt vor sich hin und bildet sich anhand des Vorlebens ihrer Eltern, des Onkels und der Tante, die im gleichen Hause leben. Von Hamburg zieht es die Familie vor den Repressalien der Napoleontruppen nach Berlin, wo der Vater mit seinem Schwager Joseph ein Bankhaus begründete.

Schon früh musizieren die Geschwister zusammen, bis Felix seinen ersten Konzertauftritt mit 9 Jahren hat. Fanny muss zeitlebens im Schatten des Bruders stehen, weil sich Broterwerb für Frauen in ihren Kreisen nicht schickte.

Nur kurz aber intensiv bietet Härtling Einblicke in die religiösen Überzeugungen der Familie. Was es mit dem Glauben auf sich hat, führt bei Fanny zu nachdenklichen Fragen, denn ihr Großvater war der berühmte Philosoph jüdischen Glaubens Moses Mendelssohn, einer der denkerischen Begründer der Aufklärung. Die Eltern ließen ihre vier Kinder taufen und nahmen später selber den christlichen Glauben an.

P. Härtling beschäftigt sich intensiv mit der musischen Entwicklung und dem Familienleben der begabten Mendelssohnkinder Fanny und Felix. Ein ausgedehntes Gesellschaftsleben führte zu den so genannten „Sonntagskonzerten“, die im Hause der Mendelssohns veranstaltet wurden. Bach und immer wieder Bach wird gespielt und gesungen; auch Mozart und Haydn sind beliebte Komponisten, denen sich die Kinder verschrieben haben. Eigene Kompositionen von Fanny und Felix werden ebenfalls aufgeführt und bewundert. Felix ist der strahlende Stern der Familie Mendelssohn-Bartholdy, wie sie sich nach der Christianisierung nannte.
Die Geschwister fühlten sich bis zu Fannys frühem Tod emotional und musisch innig verbunden. Dazwischen aber lagen viele Jahre schöpferischen Schaffens, Hochzeiten und Kindergeburten.
Diese bilden zusammen mit den Abschieden immer wiederkehrende Ereignisse. Antisemitismus und Anfeindungen stehen im Wechsel zu Ruhm und Erfolg der musischen Familienmitglieder.
Mit fortschreitender Erzählung rundet sich das Bild einer künstlerisch anregenden und ereignisreichen Zeit mit zahlreichen bekannten Künstlernamen, zu denen Heine, Kleist, die Varnhagens und selbstverständlich auch Goethe zählten.
Peter Härtling hat seine gelungene Biographie über das Leben von Fanny Mendelssohn gründlich recherchiert.
Unvergleichlich in seiner sensiblen Vorstellungsweise taucht der Autor in das 19. Jahrhundert ein. So ersteht vor uns wahrhaftig ein Bild, das uns in ferne Zeiten entführt und unser Interesse bannt. Man fühlt sich verzaubert vom Reichtum der Erzählung Peter Härtlings und kann sich nur schwer von seinem Buch trennen.

Peter Härtling
Liebste Fenchel!
256 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Mai 2011
ISBN-10: 3462043129
ISBN-13: 978-3462043129
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Julian Fellowes: Eine Klasse für sich

Julian Fellowes: Eine Klasse für sich

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In der Upperclass…

Der namenlose Icherzähler dieses Romans erhält nach vierzig Jahren einen Brief von seinem früheren Freund und späteren Erzfeind, der ihn um einen Besuch bittet.
Mit dieser Einladung verbinden sich für den Icherzähler Erinnerungen an seine Jugend in den sechziger Jahren. Adel und eine Gesellschaft von Gleichen unter Gleichen spielten damals noch eine herausragende Rolle, in der die so genannten einfachen „Bürger“ nichts zu suchen hatten.
Damian Baxter ist einer von den letzteren, der sich in die Gesellschaft drängte, mit einem Eklat ausgestossen wurde und mittlerweile zu ungeahntem Reichtum gekommen ist.
Jetzt steigt er wie aus dem Nichts der vergangenen Jahre auf und sucht Kontakt zum Icherzähler, um einem Geheimnis seiner Jugend auf die Spur zu kommen. Dass er gerade auf ihn verfällt, ist schon einigermaßen verwunderlich. Denn damals sind aus gegebenem Anlass aus Freunden unerbittliche Gegner geworden. Spielten dabei womöglich die Gesellschaft und die Frauen eine entscheidende Rolle?

Damian Baxter steht nun kurz vor seinem Ende. Er sucht einen Erben für sein beträchtliches Vermögen, und dabei soll ihm der Icherzähler helfen.

Die Konstruktion der Geschichte ermöglicht eine Rückschau auf eine längst vergangene Epoche, in der alle jung, übermütig, verliebt und gesellig waren.

Julian Fellowes bringt das Gesellschaftsbild jener inzwischen fernen Jahre mit detaillierten und malerischen Farben zum Leuchten. Sitten und Gebräuche, Umgangsformen und Kleidung: der Autor gewährt einen Blick zurück, der echt und typisch für die damalige Gesellschaft war. Das stilvolle Ambiente und die formvollendeten Manieren zeigten Merkmale der sozialen Zugehörigkeit, deuten aber auch schon den bevorstehenden Umbruch an.
Nach vierzig Jahren haben die Jungen von damals die unterschiedlichsten Entwicklungen genommen. Aus der vermeintlich heilen Welt, die mit ihren Strukturen Halt und Sicherheit bieten sollte, ist eine unsichere geworden.

Die Konfrontation von Gegenwart und Vergangenheit macht einen wichtigen Teil der Erzählung aus.

Julian Fellowes ist eine wunderbare und inhaltsreiche Sozialstudie gelungen. Die Rahmenhandlung,“very british“, bietet die notwendige Spannung, aus der heraus sich ein illustrer Gesellschaftsroman entwickelt.

Einem Mosaikgebilde gleich enthält der Roman zahlreiche Einzelgeschichten, die sich zuletzt zu einem Ganzen zusammenfügen.

Sehr empfehlenswert!

Julian Fellowes
Eine Klasse für sich
480 Seiten, gebunden
C. Bertelsmann Verlag, April 2011
ISBN-10: 3570100154
ISBN-13: 978-3570100158
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Amanda Sthers: Schweinezüchten in Nazareth

Amanda Sthers: Schweinezüchten in Nazareth

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Harry ist Kardiologe und hatte irgendwann genug von seinem stressigen Job. Er ist aus seinem Beruf ausgestiegen und aus Paris nach Israel ausgewandert, um sich dem Schweinezüchten zu widmen. Ausgerechnet! Jeder weiß, dass Schweinefleisch nach dem Talmud nicht zu den koscheren Speisen gehört. In einigen christlichen Regionen in Israel kann man das Fleisch dennoch vermarkten. Harry bekommt zahlreiche Vorwürfe und Belehrungen von einem Rabbi, mit dem er sich harte aber im Kern doch freundschaftliche Auseinandersetzungen per E-Mail liefert. Da geht es nicht nur um das koschere Essen, sondern um alle essenziellen Fragen des Lebens.

Eingerahmt von den Disputen zwischen Moshe und Harry erlebt man daneben eine zerstrittene Familie. Sie besteht aus Harry, seiner Frau Monique, dem Sohn David und Annabelle. Letztere verliebt sich immer in die falschen Männer und bleibt ewig unzufrieden alleine. Monique, die Mutter, lebt weiterhin in Paris, wo sie ihre beiden Kinder David und Annabelle nach der Trennung vom Vater Harry alleine aufgezogen hat.

In diesem Buch passieren skurrile Geschichten. Die Familie Rosenmerck ist überworfen mit einander und teilt sich dennoch in E-Mails und Briefen alles mit, was wissenswert ist. David ist Theaterautor und schwul und sehnt sich stets nach der Liebe und Anerkennung seines Vaters, die dieser ihm jedoch konstant verweigert. Dass er insgeheim ein ganzes Zimmer mit Requisiten des Sohnes besitzt, wird nur durch die versteckte Recherche der Schwester Annabelle publik.

Auch so kann Familienleben sein: verstörend, einander immer wieder insgeheim umwerbend und doch an allem vorbei agierend. Amanda Sthers versteht etwas von der Psyche der Menschen. Nur so konnte sie eine Geschichte erfinden, in der Sehnsüchte, geheime Wünsche an den jeweils anderen, Enttäuschungen und gegenseitige Scheu das Zusammenkommen verhindert. Ein wenig Melancholie und unverhohlene Trauer mischen sich in den regen Mailaustausch aller Beteiligten, so dass nichts erfunden sondern wie aus dem richtigen Leben zu stammen scheint. Amanda Sthers liebt die geistreiche Rede, und Ironie und lakonische Redewendungen tragen ihren Teil zur Unterhaltung bei. Sie geben ihrer Erzählung den farbigen Anstrich, mit der sie zu einem ausnehmenden Lesevergnügen wird.

Amanda Sthers
Schweinezüchten in Nazareth
192 Seiten, broschiert
Luchterhand Literaturverlag, Juni 2011
ISBN-10: 3630873626
ISBN-13: 978-3630873626
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Pascal Mercier: Der Klavierstimmer

Pascal Mercier: Der Klavierstimmer

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Mit dem „Klavierstimmer“ hat der Autor Pascal Mercier erneut einen Roman geschaffen („Perlmanns Schweigen“, „Nachtzug nach Lissabon“), auf den sich der Leser zunächst erst mal einlassen muss, um dann mit fortschreitender Seitenzahl umso tiefer in seinen Bann gezogen zu werden. Rasante Aktionen darf der Leser nicht erwarten, eher zahm und einfühlsam wird er in eine Atmosphäre hineinmanövriert, die ihn bald nicht mehr loslassen wird. Dabei ist es unerheblich, ob sich der Leser in dem zugrunde liegenden Milieu (im vorliegenden Fall das der klassischen Musik, besonders der Oper) auskennt oder ob es ihm fremd ist. Es wird sich ihm erschließen.

Das Zwillingspärchen Patricia und Patrice, die als Erwachsene bereits lange und weit von zuhause entfernt leben, erfahren, dass ihr Vater einen berühmten Opernsänger erschossen hat. Sie eilen zu ihren Eltern und erfahren bei ihren Recherchen sehr viel über sich selbst und über das Leben ihrer Eltern.

Der Autor bedient sich bei der Erzählung der Lebensgeschichten einer eher ungewöhnlichen Erzählmethode. Die Geschwister haben ihre Recherchen nämlich akribisch in Hefte geschrieben, die sie sich gegenseitig zusenden. Sie sprechen sich in Briefen in zweiter Person an, was allein für ein Roman schon ungewöhnlich ist. Auf diese Weise bewegt sich der Leser aber in den Köpfen der Erzähler, deren Hefte im steten Wechsel, eines nach dem anderen vorgestellt werden. Er scheint in deren Gedanken zu dringen und die intimen Gespräche von Bruder und Schwester zu belauschen.
Zwischendurch wird immer wieder in die Position eines Erzählers in dritter Person gewechselt. Das geschieht immer dann, wenn die Geschwister von ihren Gesprächen mit Vater und Mutter berichten und diese dann im Dialog mit ihren Kindern aus ihrem eigenen Leben beziehungsweise aus dem des Ehepartners oder über ihn erzählen.

Mit dieser Erzählmethode gelingt es dem Autor, dem Leser eine sich immer wieder wendende Geschichte aus vier verschiedenen Perspektiven näher zu bringen. Der Mord an dem Opernsänger ist dabei nur das Mittel zum Zweck, der darin besteht, höchst unterschiedliche Menschen in all ihren Facetten, Details, Marotten und sonstigen Eigenschaften vorzustellen. Die Wendungen in der Struktur der Familie und dem Geschehen, welches dem Schreiben der Notizen unmittelbar vorausgegangen ist, kommen meist überraschend und verblüffen umso mehr. Schritt für Schritt, aber mit zunehmendem Tempo wird der Leser über die Familienverhältnisse, über die Umstände, die zum Tod des Opernsängers führten und über den tatsächlichen Ablauf des Geschehens aufgeklärt. Was sich für manch einen Krimienthusiasten anfangs noch langatmig anfühlt, ist am Ende eine packende Geschichte, die man kaum aus der Hand legt, bevor man die letzte Seite nicht gelesen hat.

Mit Interesse verfolgt man, was die Zwillinge über sich, über ihre Eltern erfahren, über die Kälte in der Familie, die in ihrer Tiefe doch eine unendliche Wärme darstellt. Ein Buch voller Gefühle, voller auf und ab, voller hin und hergerissen sein. Dabei gelingt dem Autor am Ende noch ein Schwenk zum humorigen, wenn Patrice von seinen ersten Jahren in Chile erzählt und die Macht eines Übersetzers entdeckt und feststellt, dass er dabei wohltätig sein kann, genauso, wie er diejenigen Ausländer mit seinem Dolmetschen unmöglich macht, deren Nasen ihm nicht passen.
Lesevergnügen für viele Stunden!

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Mercier, Pascal
Der Klavierstimmer
512 Seiten, broschiert
btb Verlag
ISBN-10: 3442726549
ISBN-13: 978-3442726547
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2011
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Meir Shalev: Meine Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Meir Shalev: Meine Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

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Humorvoll, witzig und skurril beginnt Meir Shalev die Geschichte um seine in Russland geborene Großmutter und ihren Sauberkeitswahn. Das geht nicht, ohne tief in die Familiengeschichte einzutauchen.

Äußeres Merkmal der Putzsucht seiner Großmutter Tonia war ein über die Schulter geworfenes Tuch, mit dem sie jeder Zeit Flecken wegwischen konnte.

Es war nicht ratsam, an einem Freitag bei ihr anzuklopfen, denn da ging es besonders eifrig zu. Wehe, ein Besucher traute sich ins Haus! Da konnte sie sehr rigide reagieren. Auch Batja, Meirs Mutter, wurde zu Unzeiten aus der Schule nach Hause beordert: Putzen ging vor Lernen! In einer geheimen Kammer verwahrte Großmutter Tonia ihr Kleinod: einen Staubsauger aus Amerika. Man muss sich vorstellen, dass in Israel während der Urbanisationsphase Staub und Schmutz in alle Ritzen und Ecken drang, was für eine vom Putzteufel Besessene nur schwer zu ertragen war. Israelisches Leben seit der Staatsgründung und davor zeichnet sich zudem durch schwere Landarbeit aus, die mit entsprechendem Schmutz einhergeht.

Nun kann man nicht ein ganzes Buch mit den Putzgewohnheiten der Großmutter füllen. Meir gelingt die Synthese zwischen skurrilen Eigenarten einzelner Verwandter mit den absurden Gewohnheiten der anderen. Mit Zärtlichkeit, Herz und einem ausgeprägten Sinn für humorvolle Details berichtet der Autor über seine Verwandten und ihr über alle Widrigkeiten hinweg bestehendes Zusammengehörigkeitsgefühl. Meir Shalev ist der geborene Geschichtenerzähler, der fabuliert und sich in Einzelheiten verliert, ohne zu langweilen. Charakteristiken über Land und Leute gewinnen Kontur und bringen den Leser zum Schmunzeln.

Ob Shalev die Bibel neu erzählt oder von Judiths Liebe berichtet: mit Humor, Schalk und Witz, mit Charme und außergewöhnlichen Einfällen überrascht er seine Leser und bietet Lesevergnügen pur!

Meir Shalev
Meine Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger
281 Seiten, gebunden
Diogenes, Februar 2011
ISBN-10: 3257067798
ISBN-13: 978-3257067798
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Kim Leine: Die Untreue der Grönländer

Kim Leine: Die Untreue der Grönländer

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Als Krankenpfleger kommt Jesper in die kleine Siedlung am östlichen Rand von Grönland. Er ist kein Arzt. Aber die Krankheiten mit denen die Menschen zu ihm kommen, sind nicht immer nur alltäglich. Manchmal reichen die Maßnahmen, die ein Krankenpfleger ergreifen kann nicht aus. Auch gibt es Patienten, die das Dorf nicht verlassen wollen, um sich im Krankenhaus in der nächstgrößeren Stadt behandeln zu lassen.

Selbst wenn Lebensbedrohliches sich anbahnt und sofort gehandelt werden müsste, ist dies manchmal nicht möglich, wenn der Flughafen geschlossen ist. Da lässt es das Wetter nicht einmal zu, dass der Hubschrauber kommt, um den Patienten ins Krankenhaus zu transportieren. Wenn dann noch die Telefonleitung zusammenbricht, ist Jesper auf sich gestellt. Er hat keine Möglichkeit, sich mit einem Arzt abzusprechen. Er sieht Patienten sterben aus diesen Gründen.

Kälte, Schnee und Eis machen den Menschen zu schaffen. Viel Zeit zum Nachdenken hat Jesper nicht. Aber auch auf ihn wirkt sich die lange Zeit der Dunkelheit aus. Was anfangs Gemütlichkeit ausstrahlt, bringt bald Verdruss. Vor allem wenn der Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander gerät und der Tag bald nur noch aus Arbeit besteht. In den kostbaren Stunden, wo nichts geschieht, kommt Jasper bald auch nicht mehr zur Ruhe. Er will das Leben spüren und tut bald, was alle hier tun, um der Eintönigkeit zu entgehen und die Zeit zum Vergehen zu zwingen.

So sehr die Einsamkeit auch drückt. Allein ist Jasper natürlich nicht. Man ist sich näher als einem lieb ist und manchmal doch nicht nah genug. Diese Diskrepanz beschreibt der Autor sehr genau. Er zeigt ganz unverblümt die menschlichen Schwächen, die der Abgeschiedenheit geschuldet sind und die man nur zu gut verstehen kann.

In einem kleinen Dorf, weiß jeder Bewohner, was der andere tut. Niemand will das wahrhaben. Jasper nimmt hier eine Sonderstellung ein. Er erfährt auch Dinge, die nicht Dorfgespräch sind, Tatsachen, die manchmal nicht einmal seine Patienten wahrhaben wollen. Jasper wird von Krankheit und Tod förmlich überrollt, bekommt die Machtlosigkeit zu spüren. Die entsprechenden Szenen sind von einer ungeheuren Intensität geprägt. Kein Wunder, dass er das nicht aushalten kann.

Das Buch weckt viele Empfindungen. Verwunderung, Erstaunen, Abweisung, Verständnis, Traurigkeit, Empörung, Mitgefühl. Dennoch ist ein gutes Buch. Doch lässt sich das nicht an etwas Bestimmten oder einzelnen Szenen festmachen. Es ist die Gesamtheit des Werkes.

Rezension von Heike Rau

Kim Leine
Die Untreue der Grönländer
Aus dem Dänischen Ursel Allenstein
336 Seiten, gebunden
Mareverlag
ISBN-10: 3866481403
ISBN-13: 978-3866481404
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Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer

Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer

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Von Frauen und Männern…

Fast traumatisiert stellt Mia mit ihren 55 Jahren eines Tages fest, dass ihr Mann eine „Pause“ von der Ehe sucht.
Die Pause: das ist eine 20 Jahre jüngere Kollegin, mit der er sich verlustiert.

Es entspräche nicht der klugen, tiefsinnigen Siri Hustvedt, wenn sich hinter dieser Geschichte nicht mehr verbirgt!

Und so ist es denn auch: ihre sensible und feinsinnige Heldin landet zuerst in der Psychiatrie, bis sie sich zu einer Auszeit von ihrem Leben in Brooklyn NY entschließt. Sie verbringt einige Monate in der Nähe ihrer Mutter, die in einem Altenheim in Minnesota lebt.
Hier gibt Mia Kurse in kreativem Schreiben und lernt die alten Freundinnen ihrer Mutter mit ihren Geheimnissen kennen und eine Anzahl junger Mädchen, die von erotischen Nöten und Träumen bedrängt werden.

Zu dieser Zeit beginnt Mia ihr eigenes Leben zu reflektieren und taucht tiefgründig in Erinnerungen an die Kindheit, Schulzeit, an Gefühle von Verlust, Liebe und Ausgestoßensein ein. Ihre Einsichten erfahren Bereicherung in der Begegnung mit den fünf alten Damen, von Mia liebevoll die „Schwäne“ genannt. Sie sind von ungewöhnlicher Frische und nachdenklichen Lebensweisheiten und bieten Mia indirekt Trost und Hilfe. Abigail zeigt ihr einen versteckt in einen Gobelin gewebten Spruch „Gedenke, dass mein Leben ein Wind ist…“, den man im Buch Hiob im Alten Testament findet.

In der Adaption der Erkenntnisse und Erfahrungen aus ihren Begegnungen mit den alten Damen und eigenen Beobachtungen gewinnt Mia innere Festigkeit und neue Einsichten. Zu diesen gehört die Feststellung, dass es eine Zeit gibt, von der an man mit Schicksalsschlägen rechnet.

Siri Hustvedt beschreibt in ihrer lebhaften, intelligenten und einfühlsamen Diktion Dinge, die unmittelbar an eigenes Erleben rühren. Dabei umfasst sie mit ihren Analysen einen ganzen Kosmos von immer gleichen Erfahrungen aus der Menschheitsgeschichte.
Von Witwen und Verstoßenen, von Müttern und Töchtern, von der Liebe sehr junger Mädchen und sehr alten Damen und von traurigen und heiteren Begebenheiten weiß sie zu berichten. Immer sieht sie mit unsichtbarer Brille hinter Fassaden und entdeckt versteckte Signale, aus denen man herausdestilliert, wie es um uns Menschen, um Männer und Frauen und um deren Zusammenleben bestellt ist. Doch auch das eigene Erleben und Leiden kommt nicht zu kurz.

Das neue faszinierende Buch der gebildeten und sensiblen Autorin, die eine herausragende Rolle in der New Yorker Intellektuellenszene spielt, begeistert den Leser mit einem dichten Netz von eindrucksvollen Bildern. Siri Hustvedt ist eine mit Empathie und Mitgefühl ausgestattete Philosophin. Der Roman gehört für mich zu den Highlights diesjähriger Neuerscheinungen.

Siri Hustvedt
Der Sommer ohne Männer
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Rowohlt, 2. Auflage, März 2011
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3498030108
ISBN-13: 978-3498030100
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