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Kategorie: Belletristik

Pascal Mercier: Der Klavierstimmer

Pascal Mercier: Der Klavierstimmer

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Mit dem „Klavierstimmer“ hat der Autor Pascal Mercier erneut einen Roman geschaffen („Perlmanns Schweigen“, „Nachtzug nach Lissabon“), auf den sich der Leser zunächst erst mal einlassen muss, um dann mit fortschreitender Seitenzahl umso tiefer in seinen Bann gezogen zu werden. Rasante Aktionen darf der Leser nicht erwarten, eher zahm und einfühlsam wird er in eine Atmosphäre hineinmanövriert, die ihn bald nicht mehr loslassen wird. Dabei ist es unerheblich, ob sich der Leser in dem zugrunde liegenden Milieu (im vorliegenden Fall das der klassischen Musik, besonders der Oper) auskennt oder ob es ihm fremd ist. Es wird sich ihm erschließen.

Das Zwillingspärchen Patricia und Patrice, die als Erwachsene bereits lange und weit von zuhause entfernt leben, erfahren, dass ihr Vater einen berühmten Opernsänger erschossen hat. Sie eilen zu ihren Eltern und erfahren bei ihren Recherchen sehr viel über sich selbst und über das Leben ihrer Eltern.

Der Autor bedient sich bei der Erzählung der Lebensgeschichten einer eher ungewöhnlichen Erzählmethode. Die Geschwister haben ihre Recherchen nämlich akribisch in Hefte geschrieben, die sie sich gegenseitig zusenden. Sie sprechen sich in Briefen in zweiter Person an, was allein für ein Roman schon ungewöhnlich ist. Auf diese Weise bewegt sich der Leser aber in den Köpfen der Erzähler, deren Hefte im steten Wechsel, eines nach dem anderen vorgestellt werden. Er scheint in deren Gedanken zu dringen und die intimen Gespräche von Bruder und Schwester zu belauschen.
Zwischendurch wird immer wieder in die Position eines Erzählers in dritter Person gewechselt. Das geschieht immer dann, wenn die Geschwister von ihren Gesprächen mit Vater und Mutter berichten und diese dann im Dialog mit ihren Kindern aus ihrem eigenen Leben beziehungsweise aus dem des Ehepartners oder über ihn erzählen.

Mit dieser Erzählmethode gelingt es dem Autor, dem Leser eine sich immer wieder wendende Geschichte aus vier verschiedenen Perspektiven näher zu bringen. Der Mord an dem Opernsänger ist dabei nur das Mittel zum Zweck, der darin besteht, höchst unterschiedliche Menschen in all ihren Facetten, Details, Marotten und sonstigen Eigenschaften vorzustellen. Die Wendungen in der Struktur der Familie und dem Geschehen, welches dem Schreiben der Notizen unmittelbar vorausgegangen ist, kommen meist überraschend und verblüffen umso mehr. Schritt für Schritt, aber mit zunehmendem Tempo wird der Leser über die Familienverhältnisse, über die Umstände, die zum Tod des Opernsängers führten und über den tatsächlichen Ablauf des Geschehens aufgeklärt. Was sich für manch einen Krimienthusiasten anfangs noch langatmig anfühlt, ist am Ende eine packende Geschichte, die man kaum aus der Hand legt, bevor man die letzte Seite nicht gelesen hat.

Mit Interesse verfolgt man, was die Zwillinge über sich, über ihre Eltern erfahren, über die Kälte in der Familie, die in ihrer Tiefe doch eine unendliche Wärme darstellt. Ein Buch voller Gefühle, voller auf und ab, voller hin und hergerissen sein. Dabei gelingt dem Autor am Ende noch ein Schwenk zum humorigen, wenn Patrice von seinen ersten Jahren in Chile erzählt und die Macht eines Übersetzers entdeckt und feststellt, dass er dabei wohltätig sein kann, genauso, wie er diejenigen Ausländer mit seinem Dolmetschen unmöglich macht, deren Nasen ihm nicht passen.
Lesevergnügen für viele Stunden!

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Mercier, Pascal
Der Klavierstimmer
512 Seiten, broschiert
btb Verlag
ISBN-10: 3442726549
ISBN-13: 978-3442726547
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2011
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Meir Shalev: Meine Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Meir Shalev: Meine Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

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Humorvoll, witzig und skurril beginnt Meir Shalev die Geschichte um seine in Russland geborene Großmutter und ihren Sauberkeitswahn. Das geht nicht, ohne tief in die Familiengeschichte einzutauchen.

Äußeres Merkmal der Putzsucht seiner Großmutter Tonia war ein über die Schulter geworfenes Tuch, mit dem sie jeder Zeit Flecken wegwischen konnte.

Es war nicht ratsam, an einem Freitag bei ihr anzuklopfen, denn da ging es besonders eifrig zu. Wehe, ein Besucher traute sich ins Haus! Da konnte sie sehr rigide reagieren. Auch Batja, Meirs Mutter, wurde zu Unzeiten aus der Schule nach Hause beordert: Putzen ging vor Lernen! In einer geheimen Kammer verwahrte Großmutter Tonia ihr Kleinod: einen Staubsauger aus Amerika. Man muss sich vorstellen, dass in Israel während der Urbanisationsphase Staub und Schmutz in alle Ritzen und Ecken drang, was für eine vom Putzteufel Besessene nur schwer zu ertragen war. Israelisches Leben seit der Staatsgründung und davor zeichnet sich zudem durch schwere Landarbeit aus, die mit entsprechendem Schmutz einhergeht.

Nun kann man nicht ein ganzes Buch mit den Putzgewohnheiten der Großmutter füllen. Meir gelingt die Synthese zwischen skurrilen Eigenarten einzelner Verwandter mit den absurden Gewohnheiten der anderen. Mit Zärtlichkeit, Herz und einem ausgeprägten Sinn für humorvolle Details berichtet der Autor über seine Verwandten und ihr über alle Widrigkeiten hinweg bestehendes Zusammengehörigkeitsgefühl. Meir Shalev ist der geborene Geschichtenerzähler, der fabuliert und sich in Einzelheiten verliert, ohne zu langweilen. Charakteristiken über Land und Leute gewinnen Kontur und bringen den Leser zum Schmunzeln.

Ob Shalev die Bibel neu erzählt oder von Judiths Liebe berichtet: mit Humor, Schalk und Witz, mit Charme und außergewöhnlichen Einfällen überrascht er seine Leser und bietet Lesevergnügen pur!

Meir Shalev
Meine Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger
281 Seiten, gebunden
Diogenes, Februar 2011
ISBN-10: 3257067798
ISBN-13: 978-3257067798
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Kim Leine: Die Untreue der Grönländer

Kim Leine: Die Untreue der Grönländer

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Als Krankenpfleger kommt Jesper in die kleine Siedlung am östlichen Rand von Grönland. Er ist kein Arzt. Aber die Krankheiten mit denen die Menschen zu ihm kommen, sind nicht immer nur alltäglich. Manchmal reichen die Maßnahmen, die ein Krankenpfleger ergreifen kann nicht aus. Auch gibt es Patienten, die das Dorf nicht verlassen wollen, um sich im Krankenhaus in der nächstgrößeren Stadt behandeln zu lassen.

Selbst wenn Lebensbedrohliches sich anbahnt und sofort gehandelt werden müsste, ist dies manchmal nicht möglich, wenn der Flughafen geschlossen ist. Da lässt es das Wetter nicht einmal zu, dass der Hubschrauber kommt, um den Patienten ins Krankenhaus zu transportieren. Wenn dann noch die Telefonleitung zusammenbricht, ist Jesper auf sich gestellt. Er hat keine Möglichkeit, sich mit einem Arzt abzusprechen. Er sieht Patienten sterben aus diesen Gründen.

Kälte, Schnee und Eis machen den Menschen zu schaffen. Viel Zeit zum Nachdenken hat Jesper nicht. Aber auch auf ihn wirkt sich die lange Zeit der Dunkelheit aus. Was anfangs Gemütlichkeit ausstrahlt, bringt bald Verdruss. Vor allem wenn der Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander gerät und der Tag bald nur noch aus Arbeit besteht. In den kostbaren Stunden, wo nichts geschieht, kommt Jasper bald auch nicht mehr zur Ruhe. Er will das Leben spüren und tut bald, was alle hier tun, um der Eintönigkeit zu entgehen und die Zeit zum Vergehen zu zwingen.

So sehr die Einsamkeit auch drückt. Allein ist Jasper natürlich nicht. Man ist sich näher als einem lieb ist und manchmal doch nicht nah genug. Diese Diskrepanz beschreibt der Autor sehr genau. Er zeigt ganz unverblümt die menschlichen Schwächen, die der Abgeschiedenheit geschuldet sind und die man nur zu gut verstehen kann.

In einem kleinen Dorf, weiß jeder Bewohner, was der andere tut. Niemand will das wahrhaben. Jasper nimmt hier eine Sonderstellung ein. Er erfährt auch Dinge, die nicht Dorfgespräch sind, Tatsachen, die manchmal nicht einmal seine Patienten wahrhaben wollen. Jasper wird von Krankheit und Tod förmlich überrollt, bekommt die Machtlosigkeit zu spüren. Die entsprechenden Szenen sind von einer ungeheuren Intensität geprägt. Kein Wunder, dass er das nicht aushalten kann.

Das Buch weckt viele Empfindungen. Verwunderung, Erstaunen, Abweisung, Verständnis, Traurigkeit, Empörung, Mitgefühl. Dennoch ist ein gutes Buch. Doch lässt sich das nicht an etwas Bestimmten oder einzelnen Szenen festmachen. Es ist die Gesamtheit des Werkes.

Rezension von Heike Rau

Kim Leine
Die Untreue der Grönländer
Aus dem Dänischen Ursel Allenstein
336 Seiten, gebunden
Mareverlag
ISBN-10: 3866481403
ISBN-13: 978-3866481404
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Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer

Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer

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Von Frauen und Männern…

Fast traumatisiert stellt Mia mit ihren 55 Jahren eines Tages fest, dass ihr Mann eine „Pause“ von der Ehe sucht.
Die Pause: das ist eine 20 Jahre jüngere Kollegin, mit der er sich verlustiert.

Es entspräche nicht der klugen, tiefsinnigen Siri Hustvedt, wenn sich hinter dieser Geschichte nicht mehr verbirgt!

Und so ist es denn auch: ihre sensible und feinsinnige Heldin landet zuerst in der Psychiatrie, bis sie sich zu einer Auszeit von ihrem Leben in Brooklyn NY entschließt. Sie verbringt einige Monate in der Nähe ihrer Mutter, die in einem Altenheim in Minnesota lebt.
Hier gibt Mia Kurse in kreativem Schreiben und lernt die alten Freundinnen ihrer Mutter mit ihren Geheimnissen kennen und eine Anzahl junger Mädchen, die von erotischen Nöten und Träumen bedrängt werden.

Zu dieser Zeit beginnt Mia ihr eigenes Leben zu reflektieren und taucht tiefgründig in Erinnerungen an die Kindheit, Schulzeit, an Gefühle von Verlust, Liebe und Ausgestoßensein ein. Ihre Einsichten erfahren Bereicherung in der Begegnung mit den fünf alten Damen, von Mia liebevoll die „Schwäne“ genannt. Sie sind von ungewöhnlicher Frische und nachdenklichen Lebensweisheiten und bieten Mia indirekt Trost und Hilfe. Abigail zeigt ihr einen versteckt in einen Gobelin gewebten Spruch „Gedenke, dass mein Leben ein Wind ist…“, den man im Buch Hiob im Alten Testament findet.

In der Adaption der Erkenntnisse und Erfahrungen aus ihren Begegnungen mit den alten Damen und eigenen Beobachtungen gewinnt Mia innere Festigkeit und neue Einsichten. Zu diesen gehört die Feststellung, dass es eine Zeit gibt, von der an man mit Schicksalsschlägen rechnet.

Siri Hustvedt beschreibt in ihrer lebhaften, intelligenten und einfühlsamen Diktion Dinge, die unmittelbar an eigenes Erleben rühren. Dabei umfasst sie mit ihren Analysen einen ganzen Kosmos von immer gleichen Erfahrungen aus der Menschheitsgeschichte.
Von Witwen und Verstoßenen, von Müttern und Töchtern, von der Liebe sehr junger Mädchen und sehr alten Damen und von traurigen und heiteren Begebenheiten weiß sie zu berichten. Immer sieht sie mit unsichtbarer Brille hinter Fassaden und entdeckt versteckte Signale, aus denen man herausdestilliert, wie es um uns Menschen, um Männer und Frauen und um deren Zusammenleben bestellt ist. Doch auch das eigene Erleben und Leiden kommt nicht zu kurz.

Das neue faszinierende Buch der gebildeten und sensiblen Autorin, die eine herausragende Rolle in der New Yorker Intellektuellenszene spielt, begeistert den Leser mit einem dichten Netz von eindrucksvollen Bildern. Siri Hustvedt ist eine mit Empathie und Mitgefühl ausgestattete Philosophin. Der Roman gehört für mich zu den Highlights diesjähriger Neuerscheinungen.

Siri Hustvedt
Der Sommer ohne Männer
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Rowohlt, 2. Auflage, März 2011
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3498030108
ISBN-13: 978-3498030100
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Bertina Henrichs: Ein Garten am Meer

Bertina Henrichs: Ein Garten am Meer

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Aufruhr und Widerstand eines Küstendorfes vor der Kulisse unwiederbringlicher Einmaligkeit einer gewachsenen Gemeinschaft an der Küste der Bretagne.

Hier am Meer mitten im urigen Gestein und von den Naturgewalten erschütterten Raum planen Investoren einen Freizeitpark. Die seit Jahren von einer kleinen Gemeinde bewohnten Häuser an diesem Platz sollen aufgekauft und die Bewohner vertrieben werden. Mit großzügigen Angeboten versucht die Baugesellschaft, die Bewohner zur Aufgabe ihrer Häuser zu bewegen.

Eine wachsende Gruppe um Marthe Simonet und Hans von Scharnbeck, zwei ebenfalls seit langen Jahren hier ansässigen Anwohnern, proben mit ihren Nachbarn und Freunden den Aufstand. Für Marthe hängen zu viele Erinnerungen an die ersten Ehejahre und das Leben mit ihren Kindern Claire und Aurélien an diesem Stück Land, als dass sie es widerstandslos aufgeben würde.

Bertina Henrichs hat eine kleine romantische Geschichte verfasst. Was es heißt, lange an einem Flecken zu leben und sich an Nachbarn und Freunde und die eigenwillige Natur gewöhnt zu haben, lässt sie in ihrem Roman anklingen. Im Mittelpunkt stehen die Figuren von Marthe und von Scharnbeck, einem ursprünglich in Ostpreußen beheimateten Adligen, die nach dem Verlust ihrer Ehepartner ein Leben abseits großer Abenteuer und Wünsche leben. Doch die Investitionsfirma, die einen jedem von ihnen ihr Land streitig machen will, löst ungewohnte Aktivitäten bei ihnen aus. Von Scharnbeck, den es als eigenbrötlerischen Sonderling in die Gegend verschlagen hat, erhebt ebenso seine Stimme und startet Aktivitäten wie Marthe, die mit dem Stricken von Pullovern den Verein zur Rettung des Pommiers-Viertels unterstützt.

Liebevoll gezeichnete Charaktere und eine herb- freundliche Landschaft sind ebenso Bestanteil dieser Geschichte wie unterschiedliche Schicksale, Kümmernisse und Alltäglichkeiten der Küstenbewohner. Henrichs hat eine fantasievolle Milieustudie entworfen, die den Leser in Bann zieht und für kurze Zeit aus dem eigenen Alltag herausreißt. Mit einem leicht melancholischen und doch hoffnungsfrohen Ende, in dem die Liebe zarte Bande schlägt, überzeugt Bertina Henrichs mit ihrer realistischen Einschätzung des Lebens auch abseits vom üblichen Mainstream. Gelungen und empfehlenswert ist ihre Erzählung!

Bertina Henrichs
Ein Garten am Meer
170 Seiten, gebunden
Hoffmann und Campe, Februar 2011
Sprache: Deutsch
ISBn-10: 3455403166
ISBN-13: 978-3455403169
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Hilary Belle Walker: Italienisch für Liebhaber

Hilary Belle Walker: Italienisch für Liebhaber

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Hilary glaubt, dass man nur in Italien gut leben kann. Sie ist von San Francisco nach Mailand gekommen, um es auszuprobieren. Sie lebt zur Untermiete in einer kleinen Einzimmerwohnung, in der für sie schönsten Gegend von Mailand, und arbeitet als Buchhändlerin. Später zieht noch ein großer Hund mit ein. Bart gleicht einem melancholischen, schwarzen Fohlen, wie Hilary selbst sagt. Ständig ist sie in Geldnot. Nicht einmal ihre Stromrechnung könnte sie bezahlen, hätte sie nicht noch den Gelegenheitsjob als Übersetzerin. Sie träumt davon, ein eigenes Buch zu veröffentlichen und schreibt schon mal Kurzgeschichten.

In vielen Episoden erzählt sie von ihrem Leben in Mailand. Sie baut sich einen Freundeskreis auf, bindet sich aber nie fest. Dabei kann man nicht sagen, dass in ihrem Leben Männer keine Rolle spielen. Das Gegenteil ist der Fall.
Hillary ist verträumt und romantisch. So lebt sie ihren Alltag und räumt dabei ihren Träumen viel Platz ein. Und manchmal erfüllt sie sich den einen oder anderen und erlebt die Illusion. Beispielsweise als sie sich ein Date mit einem jungen Schauspieler ergaunert, von dem sie so fasziniert ist, dass sie glaubt, eine gemeinsame Zukunft mit ihm zu haben. Oder als sie als reiche Erbin getarnt, die Besichtigung ihrer Traumvilla erschleicht, als diese zum Verkauf steht.

Hilary ist eine unverbesserliche Romantikerin. Im Unsteten findet sie Beständigkeit. Doch sie hat ein Ziel vor Augen und darauf kommt es an. Man liest gern, was sie schreibt, wie sie versucht ihr Leben zu meistern und im fremden Land zurechtzukommen, sich ein Plätzchen sucht in Mailand. Die Episoden sind mal von Lebenslust und mal von Melancholie bestimmt. Und da ist es dann, das fertige Buch, das von ein paar Jahren in ihrem Leben erzählt.
Am Ende reduziert sich die Geschichte auf ein Thema. Wobei reduziert eigentlich das falsche Wort ist. Denn hierin steckt so viel Intensität, so viel Gefühl. Die Melancholie, die ja immer zwischen den Zeilen mitschwingt, auch wenn sich lustige Szenen abspielen, kommt hier zum Tragen. Es ist das traurige Ende, das dafür sorgt, dass man das Buch, einmal gelesen, nicht vergisst.

Rezension von Heike Rau

Hilary Belle Walker
Italienisch für Liebhaber
Aus dem Italienischen von Sylvia Höfer
320 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann
ISBN-10: 3888977010
ISBN-13: 978-3888977015
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QueDu Luu: Vielleicht will ich alles

QueDu Luu: Vielleicht will ich alles

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Addi ist der Held einer neuen Zeit!

Addis Eltern, durchaus in bürgerlichen Berufen tätig, streiten und prügeln sich, und ihr Sohn kann es fast nicht mehr ertragen, diesem Familienklima ausgesetzt zu sein. Die Familie wohnt in einer Stadtrandsiedlung Bielefelds, in der sich alle möglichen Typen tagtäglich tummeln.

Addi ist ein Held, der still und unauffällig, doch durchaus wehrbereit, aus der Enge der elterlichen Wohnung zu entkommen trachtet. Begegnet er aggressiven Junkies, so gelingt ihm häufig der KO Schlag gegen gewisse Angreifer. Die fremdartige Alicia aus der neunten Klasse hat es ihm angetan. Sie sieht sich häufig ebenfalls ungerechtfertigten Aggressionen ausgesetzt, weil sie so anders als ihre Mitschülerinnen ausschaut. Addis Freund Jonas, der so gut in der Schule ist, und den er ein wenig bewundert, muss sich um seine betrunkenen Eltern kümmern, die von Hartz IV leben. Balduin, der verrückte Obdachlose, trottelt ständig hinter Addi her, und dieser versucht vergeblich, ihn los zu werden. Alles in allem lebt Addi in einer dubiosen Zwischenwelt, und er hat es nicht leicht, sich aus dem ganzen Durcheinander ein Weltbild zu zimmern, das ihm eine bessere Zukunft ermöglichen würde.

Mit Schmunzeln, ein wenig Mitleid und viel Empathie folgt man Addi bei der Suche, die richtigen Freunde und Freundinnen zu finden. Seine Eltern lässt er mit seinen sechzehn Jahren bald hinter sich. Nach zahlreichen Begegnungen, Gesprächen und Ausbruchsversuchen geht er das Wagnis ein, sich in eine WG einzumieten. Er ist nun zwar endlich den Nörgeleien und Streitereien seiner Eltern entkommen, das große Glück aber bleibt ein Traum für die ferne Zukunft. Zärtlich, liebevoll, zur rechten Zeit auch wagemutig bahnt sich Addi einen Weg durch das unübersehbare Dickicht der Welt.

Man begleitet den Helden durch ein Jahr der Wirrnisse und der Liebessuche. Sehr genau beobachtet die Autorin QueDu Luu die pubertäre Entwicklung eines Jungen, der sich nach Geborgenheit sehnt, stattdessen aber ständig als Zuhörer für seine unreifen Eltern herhalten muss. Auch Balduin, der Obdachlose, zählt zu den Bürden, derer sich der Held nur mühsam entledigen kann. Addi ist jedoch ein verständiger, egoistischer und zugleich mitfühlender Bürger, der mehr Reife zeigt, als alle Erwachsenen in seiner Umgebung zusammen. Die Autorin versteht etwas von der Seele des Jungen, und das ist anrührend und realitätsgerecht in Szene gesetzt.

QueDu Luu
Vielleicht will ich alles
336 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Februar 2011
ISBN-10: 3462042955
ISBN-13: 978-3462042955
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Richard Russo: Diese alte Sehnsucht

Richard Russo: Diese alte Sehnsucht

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Der amerikanische Autor Richard Russo erzählt in diesem Roman eine auf den ersten Blick unspektakuläre, stille Familiengeschichte. Es ist die einer Familie aus dem amerikanischen Mittelstand, deren Leben in geregelten Bahnen verläuft. Das Besondere und Fesselnde an diesem Buch ist die Erzählweise, mit der Russo seine Leser in den Bann zieht. Dirk van Gunsteren, der den Roman aus dem Amerikanischen ins Deutsche sehr treffend übertragen hat, wird seinen besonderen Spaß daran gehabt haben. Die leichte Geschichte wird so amüsant und humorvoll dargestellt, dass ich glaube, während der gesamten Lektüre mit einem Lächeln auf dem Gesicht im Sessel gesessen zu haben. Lediglich wenn meine Frau sich hin und wieder mir zuwandte, wusste ich, dass ich mit einem lauten Lacher auf mich aufmerksam machte.

Der geschiedene Jack Griffin, seines Zeichens genau wie der Romanautor Drehbuchschreiber in Hollywood, ist auf dem Weg zur Hochzeit der besten Freundin seiner Tochter. Er weiß, dass es auf Cape Cod ein Wiedersehen mit seiner Ex-Frau geben wird. Und er hat in seinem Kofferraum die Urne seines kürzlich verstorbenen Vaters, dessen Asche er ins Meer streuen möchte, um dem letzten Willen seines Vaters gerecht zu werden. Mit sich allein im Zwiegespräch, ab und zu von einem Telefonanruf seiner Mutter unterbrochen, wird das Leben seiner Eltern, seiner Familie und sein eigenes erzählt. Spießig und kleinbürgerlich kam es ihm immer vor, ein Leben, welches er so nie führen wollte. Sein Streben war der Ausbruch aus der kleinbürgerlichen Welt, weg von der Mutter, die in seiner Erinnerung nie ein freundliches Wort gesagt hatte. Dazu wird es erst viel später ein einziges Mal kurz vor ihrem eigenen Tode kommen. Doch jetzt kann sich Griffin, hin- und hergerissen von seinen Gedanken, nicht für einen Ort am Ufer entscheiden, welcher der Asche seines Vaters angemessen erscheint.
So trifft der Leser Griffin ein Jahr später erneut auf einem Weg zu einer Hochzeit wieder. Dieses Mal ist es die seiner Tochter. Dieses Mal hat er zwei Urnen in seinem Kofferraum. Seine Mutter, die im vergangenen Jahr verstarb, hatte gewollt, ebenso im Meer verstreut zu werden. Aber keinesfalls auf der gleichen Seite der Meeresbucht, nie und nimmer in der Nähe ihres Mannes.

Die Leichtigkeit und der Humor sind dem Pulitzer-Preisträger wahrscheinlich seinen Erfahrungen beim Schreiben von Komödien-Drehbüchern zu verdanken. Einen gehörigen Anteil daran hat meines Erachtens auch der o. g. Übersetzer, der die typisch amerikanischen Sequenzen geschickt und gleichermaßen humorvoll ins Deutsche übertragen hat.

Als es um die Beziehung von Griffins Frau zu dessen Mutter geht, heißt es: „In den ersten zehn Jahren hatte sich die arme Joy (Griffins Frau – Anm. der Red.) bemüht, ihre Schwiegermutter dazu zu bringen, ihr Urteil (über Joy – Anm. der Red.) zu revidieren, in den darauffolgenden zehn Jahren hatte sie versucht zu ergründen, warum dies nicht geschah, und im dritten Jahrzehnt schließlich tat sie, als wäre es ihr gleichgültig. In letzter Zeit schien sie geneigt, sich eine neue, geheime Telefonnummer zuteilen zu lassen. In den Flitterwochen machte sie Griffin unabsichtlich ein Kompliment, indem sie ihn fragte, ob er adoptiert worden sei.“
Ein anderes Mal wird der Vater Griffins folgendermaßen charakterisiert: „Sein Vater spezialisierte sich auf Heckzusammenstöße auf dem Parkplatz von Lebensmittelläden und Einkaufszentren. Alle diese Unfälle geschahen ohne jede Vorwarnung. Das erste Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmte, war der Aufprall selbst, gefolgt vom Kreischen sich verformenden Metalls, dem Klirren von Glas und einem Augenblick tiefer Stille, bevor sein Vater in den Rückspiegel sah und sagte: „Wo kam der denn jetzt her?“ Als Kind war Griffin bei den meisten Unfällen dabei gewesen, seines Wissens nie angeschnallt, und er erinnerte sich, dass er oft einen steifen Hals gehabt hatte.“

Doch nun genug mit den Zitaten, schließlich soll an dieser Stelle nicht das gesamte Buch abgeschrieben werden, was dank der zahlreichen köstlichen Szenen schnell geschehen könnte. Bleiben abschließend nur die Fragen, ob Griffin es tatsächlich geschafft hat, sein Leben anders zu gestalten als seine Eltern und was es eigentlich bedeutet, Familie zu haben?

Topempfehlenswert für alle, die humorvolle Geschichten lieben und über die es sich dennoch lohnt nachzudenken.

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Russo, Richard
Diese alte Sehnsucht
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
352 Seiten, gebunden
Dumont Verlag, Köln
ISBN-10: 3832195394
ISBN-13: 978-3832195397
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2011
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Philip Roth: Nemesis

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Schicksal, Fügung oder Gottes Wille?

Wieder einmal geht es bei Philip Roth in seinem neuen Roman um Glück und Unglück, um Schuld, Sühne, Moral und Verzweiflung.

Der Autor fabuliert aber nicht wie in seinen zuletzt erschienenen Romanen über das Alter und seine Gebrechen; dieses Mal geht es um eine Polioepidemie im Jahr 1944, von der viele Kinder dahingerafft werden, und die in ihren Auswirkungen tiefe Spuren bei dem Helden der Geschichte hinterlässt.

Bucky Cantor ist Sportlehrer im jüdischen Viertel von Newark/ New Yersey und einer der wenigen jungen Männer, die nicht im mörderischen Zweiten Weltkrieg kämpfen mussten. Er war nicht diensttauglich und sieht seine Aufgabe in seiner Rolle als Bezugsperson für seine Jungs, die er in der Schule, an Wochenenden und in den Ferien auf dem Sportplatz trainiert. Die Krankheit „Kinderlähmung“ platzt wie eine Bombe in das friedliche Leben der Stadt. Niemand kennt den genauen Verlauf der Krankheit. Es gibt keine Heilungsverfahren, keine Impfung, und in vielen Fällen endet sie mit dem Tod und häufig mit schwerster Behinderung. Wie soll man sich verhalten, wie vorbeugen, um sich zu schützen?

Heute kann sich kaum jemand mehr vorstellen, wie ernsthaft und bedrohlich diese Krankheit einmal war. Sie verkörperte die Apokalypse des vergangenen Jahrhunderts, bis man zu Beginn der sechziger Jahre einen Schutz gegen sie erfand.

Bucky Cantor gerät in das Räderwerk der Folgen dieser Krankheit, erkrankt selber und lebt mit dem Gefühl der Verbitterung und der Schuld, seinen Schülern die Krankheit womöglich weitergegeben zu haben, sein restliches Leben lang.

Der Kontrast zwischen dem jungen, sportlichen, gut erzogenen  und in seine erste Liebe vernarrten Helden und dem, was aus ihm wird, kann nicht gravierender ausfallen.

Philip Roth behandelt die tiefen moralischen Konflikte, in die sich der Held verstrickt. Subjektive Wahrnehmung von Schuld und Anklage gegen Gott behandeln die eine Seite der Geschichte; Selbstanklage und falsch verstandenes Ehrgefühl zeigen die andere Seite. Nach dreißig Jahren trifft Bucky eher zufällig einen seiner ehemaligen Schüler. Ein langer Dialog mit diesem, der sich als einer der Jungen vom Sportplatz zu erkennen gibt, und den das gleiche Schicksal wie Bucky ereilt hat, zeigt die unterschiedlichen Folgerungen, die jeder aus seinem persönlichen Geschick gezogen hat. Bucky verkörpert den Märtyrer und Selbstankläger; sein ehemaliger Schüler hat sein Schicksal angenommen und ist zufrieden und glücklich geworden. Letzterer spricht vom „Zufall“ und vom „Glück“, die man haben kann. Bucky aber schmäht einen Gott, der eigentlich diesen Zufall und das Glück verkörpert.

Philip Roth ist der hervorragende Erzähler, den wir aus vielen seiner Werke kennen. Das Thema hat ihn gepackt wie immer. Die Reflexionen des Helden Cantor sind mit der üblichen Tiefenschärfe gezeichnet. Weise, ein wenig sarkastisch und gelegentlich bissig zeichnet Philip Roth den Helden als den Irrgläubigen, der am Leben scheitert,weil er zu verbissen an die eigene Allmacht glaubt.

Philip Roth ist und bleibt der bemerkenswerte Erzähler, dessen neueste Bücher man immer wieder mit Freude liest.

Philip Roth
Nemesis
224 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Februar 2011
ISBN-10: 3446236422
ISBN-13: 978-3446236424
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Rose Tremain: Die Farbe der Träume

Rose Tremain: Die Farbe der Träume

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Abenteuer pur…

Neuseeland ist das Land der Träume, in das zahlreiche Zuwanderer aus England Mitte des 19. Jahrhunderts aufbrechen. Unter ihnen befinden sich auch Harriet und Joseph mit dessen Mutter. Die beiden jungen Leute kannten sich erst kurz und eigentlich gar nicht richtig, als sie ein halbes Jahr zuvor geheiratet haben. Nun stehen sie in einem Land, das karg und wüst und wenig besiedelt hohe Anforderungen an die neuen Einwohner stellt. Trockene Winde, eiskalte und schneereiche Winter machen die Besiedelung zu einem entbehrungsreichen Abenteuer, dem nicht jeder gewachsen ist.

In ihrem abenteuerreichen Roman entwickelt Rose Tremain ein Bild vom Leben der Einwanderer, das von Freundschaft, Feindschaft und von Liebe und Vergehen und von wüsten Klimabedingungen handelt.

Harriet und Joseph finden nicht ihr großes Glück und gehen schlussendlich eigener Wege. Harriet findet gute und wohlhabende, tüchtige Freunde auf der Orchard Farm, während ihr eigenes ungünstig gelegenes Lehmhaus den klimatischen Bedingungen zum Opfer fällt. Harriet bleibt tapfer, mutig und stark, Joseph hingegen entpuppt sich als charakterlicher Widerling.

Rose Tremain setzt ihrer Fantasie keine Grenzen. Auf diese Weise ist ein opulenter Abenteuerroman entstanden, im dem sich Gut und Böse findet, und in dem mit gravierenden Fehleinschätzungen und immer neuen Anstrengungen schließlich eine Goldgräbergesellschaft zusammen findet, in der es rau und übel zugeht. Das entbehrungsreiche Leben führt allenthalben zu menschlichen und charakterlichen Herausforderungen, denen nicht jeder standhält.

Wer ausufernde Schmöker liebt, der wird mit diesem Roman auf seine Kosten kommen. Unermüdlich wird die Handlung fortgesponnen und lässt Freund und Feind in krassem Licht des Dschungels und der reißenden Flüsse und gewaltigen Naturereignisse erschauern. Gekonnt und schmissig legt sich der Zauber des Abenteuers auf den Leser und entführt ihn in eine ferne Welt.

Rose Tremain
Die Farbe der Träume
459 Seiten, broschiert
Insel Verlag, Dezember 2010
ISBN-10: 3458357025
ISBN-13: 978-3458357025
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