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Kategorie: Belletristik

Nina Blazon: Katharina

Nina Blazon: Katharina

Endlich hat die Großfürstin Katharina den lang ersehnten Thronfolger zur Welt gebracht. Die Zarin ist begeistert und nimmt das Baby in ihre Obhut. Katharina wird zunächst ohne Führsorge gelassen. Die Hofdame Valentina kümmert sich schließlich um sie. Im Gegenzug muss Katharina dafür sorgen, dass Valentina nicht gegen ihren Willen verheiratet wird.
Die Zarin geht davon aus, dass Valentina Katharina nicht gewogen ist. Doch die beiden schließen heimlich Freundschaft, spielen der Zarin ihre gegenseitige Abneigung nur vor.
Katharina ist wütend und enttäuscht. Sie wird in ihren Gemächern isoliert wie eine Gefangene. Ihren Sohn bekommt sie kaum zu sehen. Selbst die Gratulationsstunden sind nur eine Farce. Die Räume werden prunkvoll ausgestattet, aber nur für einige Stunden. Dann wird alles wieder abgebaut.
Ihr Gemahl will sie nicht an ihrer Seite haben. Es besteht sogar die Gefahr, dass er, als zukünftiger Zar, Katharina verstößt. Aber ohnehin will sie nicht die Frau eines Zaren sein, sondern lieber selbst regieren. Sie will Russland von der Sklaverei befreien.

Die Autorin erzählt nicht nur die Geschichte Katharinas auf ihrem steinigen Weg zum Thron. Weitere Hauptpersonen sind die geheimnisvolle Hofdame, auch die Schneegräfin genannt, das Samojedenmädchen Sinaida, das innerlich zerrissen ist und sich nach Freiheit sehnt. Und der Soldat Dima, der sich später in Sinaida verliebt. Diese Figuren sind wirklich gut beschrieben. Ihre Geschichten sind ergreifend geschildert.
Leider lenkt die Autorin damit zu sehr von Katharina ab. So ist es schwer Zugang zu ihr zu bekommen. Sie bleibt als Person recht blass. Viel zu wenig wird beschrieben, wie sie es letztendlich schaffen konnte, ihre Ziele zu erreichen. Die Autorin geht hier nicht ins Detail, überlässt viel der Fantasie des Lesers.
Dennoch, das Buch ist gut erzählt und liest sich leicht. Man kann gut folgen, da die historischen Hintergründe perfekt mit der Geschichte verwebt sind. Was historisch belegt ist und was Fiktion, kann man, falls Interesse besteht, in einem Nachwort noch mal nachlesen.

Über die Autorin:
Nina Blazon studierte in Würzburg und Ljubljana Germanistik und slawische Sprachen, unterrichtete dann an mehreren Universitäten und absolvierte ein Redaktionsvolontariat. Sie lebt heute als freie Journalistin und Autorin in Stuttgart. Ihr erster Roman „Im Bann des Fluchträgers“ wurde 2003 mit dem Wolfgang-Hohlbein-Preis ausgezeichnet.

Rezension von Heike Rau

Nina Blazon
Katharina
412 Seiten, gebunden
für junge Erwachsene
Ravensburger Buchverlag
ISBN: 978-3-473-35268-5
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Tim Parks: Stille

Tim Parks: Stille

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Harold Cleaver ist Star-Journalist, Fernsehmoderator und Dokumentarfilmer. Nach einem Interview mit dem amerikanischen Präsidenten ist er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Allerdings hat sein Sohn ein Buch über ihn geschrieben: „Im Schatten des Allmächtigen“. Cleaver hat nur noch eins im Sinn, er muss weg, weg von seiner Lebensgefährtin und den Kindern. Der 55-jährige regelt eben noch das Finanzielle, damit seine Familie versorgt ist, dann macht er sich aus dem Staub. Nimmt nichts mit, nur das Handy, wohl wissend, dass der Akku irgendwann leer sein wird. Er liest noch die zahlreichen Nachrichten seiner Lebensgefährtin, antwortet aber nicht mehr.

Die Reise führt ihn von England nach Südtirol. Im Rosenkranzhof findet er Unterschlupf. In zweitausend Metern Höhe. Es ist ein kleines Haus, direkt am Abgrund. Dahinter tut sich eine Felswand auf. Anderthalb Kilometer sind es bis zum nächsten Hof. Sein Haus ist auf keiner Karte verzeichnet. Cleaver fühlt sich unauffindbar. Hier wird er, überarbeitet und übergewichtig wie er ist, Ruhe finden Familienstreitigkeiten und Karrierestress haben ihn aus der Bahn geworfen. Jetzt will er nur noch Mensch sein, sonst nichts. Hier kann er in Ruhe rätseln, was den Sohn bewogen hat, so über ihn zu schreiben. Dabei will er Abstand gewinnen und zu mehr Gelassenheit finden. Doch die eigenen Gedanken werden lauter und lauter.

Manchen Dingen kann man nicht entkommen, egal wie weit man sich entfernt. Der Autor zeigt sehr anschaulich, wie seine Figur Harold Cleaver seinen eigenen Gedanken in die Falle geht. Es gibt ja auch nichts, was ihn aus seinen Überlegungen reißen könnte. Geschrieben ist das Buch mit einer ungeheuren Intensität und psychologischem Feingefühl. Das sorgt für eine greifbar wirkende Spannung, mit der man so nach der Lektüre des Klappentextes nicht rechnet. Damit liest sich das Buch überraschend gut, auch wenn man als Leser oft nur mit den Gedanken des Protagonisten unterhalten wird, der sich ja aus eigenem Wunsch heraus von seiner Umwelt völlig isoliert hat und dennoch keine Ruhe findet. Und trotzdem findet eine Veränderung statt, denn es hat sich viel getan. Das Umfeld ist ein völlig anderes. Und der Mensch ist fähig, seine Gedanken zu steuern, abzuwägen, Fehler einzugestehen, wenigstens vor sich selbst. Man kann diesem Buch sehr viel für sich selbst entnehmen, sich hineinversetzten in die Figur Harold Cleaver. Wer kennt sie nicht, diese Gedankenstrudel, das Grübeln über alte Geschichten, die Ausweglosigkeit mancher Situation. Der Autor zeigt, was passiert, wenn man einen Schlussstrich zieht und seinem Leben entflieht und das auf eine sehr glaubwürdige und vor allem beeindruckende Art und Weise.

Über den Autor:
Tim Parks wurde 1954 in Manchester geboren. Er studierte in Cambridge und Harvard, gewann zahlreiche Literaturpreise. Der Autor lebt mit seiner Familie in Verona.

Rezension von Heike Rau

Tim Parks
Stille
Aus dem Englischen von Ulrike Becker
360 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann
ISBN-10: 3-88897-443-7
ISBN-13: 978-3-88897-443-4
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Andreas Heidtmann: Storys aus dem Baguette

Andreas Heidtmann: Storys aus dem Baguette

Woher nimmt ein Autor seine Einfälle? In der ersten Geschichte im Buch verdankt Tommy Stern seine Ideen kleine Zettelchen, die er ausgerechnet in einem Baguette findet. Es sieht nicht so aus, als hätte der Bäcker selbst das Papier mit eingebacken. Aber das ist dem Autor ohnehin egal. Hauptsache es läuft wieder. Die Schreibblockade ist vorbei. Was macht es da schon, dass das Brot nur durchschnittlich schmeckt. Er greift die Sätze auf und lässt sich inspirieren. Das setzt einen fast schon magischen Kreislauf zwischen dem zu lesenden Text, den Sätzen aus dem Baguette und dem was Tommy Stern schließlich schreibt in Gang. Die auf so wundersame Weise entstandenen Geschichten können sich sehen lassen und verhelfen dem Autor doch tatsächlich zum ersehnten Erfolg. Es scheint, als war es nur wenig Zauber im Alltag, der ihm gefehlt hat.

Auch die folgenden Geschichten wohnt etwas Fantastisches inne. Sie alle haben etwas Geheimnisvolles oder Unergründliches und doch lässt man sich gerne darauf ein, ohne diese inhaltlich hinterfragen zu müssen. Die Protagonisten brechen aus gewohnten Bahnen aus, folgen nicht irgendwelchen Erwartungen und tauchen nicht selten in eine Traumwelt ein, in der alles möglich scheint. So folgt man dem Autor gerne hinein in die Geschichten, die aus dem Rahmen fallen und die durch ihre Ungewöhnlichkeit einen ganz besonderen Reiz ausüben. Es ist ein Buch für Menschen, die noch zu träumen wagen, auch auf die Gefahr hin, das zwischen schöne Träume auch mal ein Albtraum gerät.

Über den Autor:
Andreas Heidtmann wurde 1961 bei Wesel geboren. Er absolvierte ein Klavierstudium in Köln und studierte Germanistik und Philosophie in Berlin. Er schreibt Prosa und komponiert für das Klavier. Außerdem ist er der Herausgeber des Poetenladens (www.poetenladen.de). Andreas Heidtmann erhielt mehrere Stipendien und Preise. Er lebt in Berlin und Leipzig.

Rezension von Heike Rau

Andreas Heidtmann
Storys aus dem Baguette
Einundzwanzig Geschichten
Edition exemplum
127 Seiten, Klappenbroschur
ATHENA-Verlag, Oberhausen
ISBN: 3-89896-239-3
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Nicole Krauss: Die Geschichte der Liebe

Nicole Krauss: Die Geschichte der Liebe

Es ist ein seltsames, irrwitziges und merkwürdiges Buch, das Nicole Krauss hier geschrieben hat. Aber am seltsamsten und sehr überraschend ist, dass hier eine erst 29 Jährige Schriftstellerin so lebensnah und echt das Leben eines über 80 Jährigen Mannes auf seinen Wegen und in seiner armseligen Altersexistenz zu beschreiben vermochte.
Leo Gursky hat es als polnischen Juden während des Krieges in jungen Jahren nach Amerika, NY, verschlagen. In seiner Heimat und in seiner Jugend liebte er ein Mädchen mit Namen Alma. Sie ist es, an der sein Herz hängt und um die sich in allerlei verwirrenden Formen die ganze Geschichte der Liebe dreht, denn er hat sie aufgeschrieben, seine und Almas Geschichte.
Mal ist diese Geschichte in der Geschichte ganz verloren gegangen, dann taucht sie wieder auf, als ein früher Jugendfreund von Leo sie im argentinischen Exil als sein Buch ausgibt.
Ein auch sehr seltsames Mädchen mit Namen Alma, die von ihren Eltern nach der Alma im Buch der Geschichte benannt wurde, sucht der Geschichte auf den Grund zu kommen. Ihr früh verstorbener Vater hat das Buch “ Die Geschichte der Liebe“ ihrer Mutter geschenkt, die wiederum einer Tages mit der Übersetzung des Textes aus dem Spanischen betraut wurde. Von wem? Einem Mann Namens Jacob Marcus. Auch dieser aber hat eine fremde Identität, die nichts mit dem Namen J.M. zu tun hat.
Es sind viele Geschichten in diesem Buch, die sich immer wieder überschneiden und in einander greifen.
Das Erzählte ist verwirrend und verschachtelt und schlingert von einem Geheimnis zum nächsten. Die Spannung aber bleibt.
Die kurzen, überschaubaren und fast lakonischen Sätze geben dem Ganzen zu Zeiten eine gewisse Komik und auch Tragik.

Am Ende ist es eine Geschichte von Liebe und Finsternis, von Träumen, Verrat, Suche und Einsamkeit,–eine einfach ganz wunderbare Geschichte, wie es sie über viele jüdische Schicksale mit der Endstation Amerika gibt.
Cl.B.

Nicole Krauss
Die Geschichte der Liebe
Eine seltsame und wunderbare Irrfahrt des Lebens
ISBN:3498035231
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Mary Hooper: Aschenblüten

Mary Hooper: Aschenblüten

England im Jahre 1666. Hannah und ihre Schwester Sarah haben es aus London heraus geschafft. Bei ihnen ist die kleine Grace, die zu ihrer Tante nach Dorchester gebracht werden soll. Auch Hannah und Sarah hoffen, hier Aufnahme zu finden. Doch Lady Jane Cartmel fürchtet, dass Hannah, Sarah und das Baby sich möglicherweise in London mit der Pest infiziert haben könnten.
Erst nach vier Wochen Quarantäne im Pesthaus kommt Grace in ihr neues Zuhause und auch Hanna und Sarah werden aufgenommen, wenigstens so lange, bis die Pest in London besiegt ist und sie es wagen können, zurückzureisen. Mehrere Monate später ist es endlich sicher genug. Hannah und Sarah machen sich auf den Weg, wollen jedoch unterwegs einen Abstecher nach Chertsey machen, um ihre Familie zu besuchen. Unterwegs treffen sie den ausgeraubten Giles Copperly und bieten ihre Hilfe an. Eine schicksalhafte Begegnung. Sarah verliebt sich und will nun nicht weiter mit nach London reisen, sondern in Chertsey bleiben. So nimmt Hannah ihre Schwester Anne mit, um die kleine Zuckerbäckerei wieder zu eröffnen. Leider muss sie erfahren, dass ihr Liebster Tom der Pest zum Opfer gefallen ist. Eine Zeit der Trauer beginnt. Dennoch leben Sarah und Anne sich nach und nach wieder ein und arbeiten hart, um ihr kleines Geschäft wieder zum Laufen zu bringen. Um sich aufzuheitern, gehen sie ins Theater. Bei einer Vorstellung glaubt Sarah plötzlich, Tom erkannt zu haben. Doch der junge Mann verschwindet durch die Hand des Zauberers auf Nimmerwiedersehen. Kann es sein, dass Tom doch überlebt hat?

Nachdem die Pest überstanden ist, kündigt sich in London schon die nächste Katastrophe an. Am 2. September 1666 bricht ein Großfeuer aus. Etwa 15.000 Häuser sollen abgebrannt sein. Zu den Todesopfern gibt es nur Schätzungen.
Vor dieser Kulisse spielt die Geschichte, die spannend und dramatisch zugleich ist. Wieder spielt die Liebe eine Rolle, diesmal auch für Sarah.
Die Autorin schreibt sehr fesselnd und mit viel Sinn für Details. Interessant in diesem Zusammenhang sind beispielsweise die Schilderungen vom Bartholomäus-Jahrmarkt mit seinen skurrilen Attraktionen. Die Autorin beweist viel Sinn für geschichtliche Details. Auch der Aberglaube der Menschen spielt eine große Rolle. Nicht unerwähnt bleiben sollte die romantische Ausstattung des Buches mit Rosen-Vignetten und sehr schönem Cover.
Im Anhang befinden sich Anmerkungen zum Londoner Feuer und ein hilfreiches Glossar.

Kleiner Tipp: Eine Rezension zu „Die Schwester der Zuckermacherin“ findet sich ebenfalls in unserem Rezensionspool. Zu finden ganz einfach über die Suche oben auf der Seite.

Über die Autorin:
Mary Hooper begann zu schreiben, als ihre Kinder noch klein waren. Seitdem sind zahlreiche Kurzgeschichten und über 30 Kinder- und Jugendbücher erschienen. Mary Hooper gibt auch Kurse in Kreativem Schreiben. 2001 wurde sie für das Jugendbuch „Megan“ mit dem North East Book Award ausgezeichnet. Die Autorin lebt in Hampshire, England.

Rezension von Heike Rau

Mary Hooper
Aschenblüten
Aus dem Englischen von Bettina Bach
286 Seiten, gebunden
Bloomsbury Kinder & Jugendbücher
ISBN: 3-8270-5045-6
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Tim Parks: Weißes Wasser

Tim Parks: Weißes Wasser

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Mehrere Leute, Jugendliche und Erwachsene, treffen sich in den italienischen Alpen. Die Kajakfahrer wollen unter Anleitung von Clive und seiner Freundin Michaela, die gerade zurück sind von einer Antiglobalisierungs-Demo in Mailand, neue Erfahrungen sammeln und aufregende Abenteuer erleben. Doch jeder der Teilnehmer schleppt auch seine persönlichen Probleme mit an den Fluss. Zum Beispiel Vince, Bankdirektor, dessen Leben nach dem Tod seiner Frau durcheinander geraten ist. Er ist im Moment eigentlich gar nicht gemeinschaftstauglich. Doch mit der zu erwartenden körperlichen Anstrengung will er Kummer und Schmerz vertreiben. Auftretende Probleme zwingen ihn, sich mit den anderen Kajakfahrern auseinanderzusetzen.
Clive hat es sich zur Aufgabe gemacht, seinen Kursteilnehmern, Respekt vor der Natur zu vermitteln. Doch was wirklich in seinem Kopf vorgeht, was er vorhat, und vor allem, wie weit er für seine Überzeugung gehen würde, durchschaut niemand.

Sechs Erwachsene und neun Jugendliche, die muss man erst mal auseinanderhalten. Doch kristallisieren sich als Hauptpersonen bald Clive, Vince und Michaela heraus. Zusammenhalt ist ein Muss bei diesem Sport. Jeder ist vom anderen anhängig, ob er will oder nicht. Kajakfahren ist gefährlich. Eine Woche Wildwasserfahren scheint gut geeignet, um durch Konzentration aufs Wesentliche, Probleme zu vergessen. Tatsächlich werden aber unter der Oberfläche ruhende Sorgen mit aller Macht hoch getrieben. Und durch den Gruppenzwang werden zusätzlich Konflikte provoziert. Das wirkt beängstigend. Zumal besonders von Clive, dem charismatischen Leiter der Gruppe, eine nicht abzuschätzende Gefahr ausgeht. Es lässt sich schlecht einschätzen, was wirklich in seinem Kopf vorgeht.
Der Autor schreibt sehr rastlos. Lässt sich keine Zeit für Zeichensetzung bei wörtlicher Rede oder bessere Strukturierung durch Absätze. Das Gelesene beunruhigt unterschwellig. Immer hat man das Gefühl, es passiert gleich etwas, gleich kommt es zur Katastrophe.
Das Ende lässt den Leser dann ratlos und nachdenklich, aber mit einer nicht ganz neuen Lebensweisheit zurück. Das Leben ist wie ein Wildwasserfluss – gefährlich und voller Tücken.

Über den Autor:
Tim Parks wurde 1954 in Manchester geboren. Er studierte in Cambridge und Harvard. Der mit seiner Familie in Verona lebende Autor gewann zahlreiche Literaturpreise.

Rezension von Heike Rau

Tim Parks
Weißes Wasser
Aus dem Englischen von Ulrike Becker
271 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann, München
ISBN: 3-88897-382-1

Lukas Hartmann: Die Deutsche im Dorf

Lukas Hartmann: Die Deutsche im Dorf

Es ist das Jahr 1967 als eine Fremde im kleinen Dörfchen Tannwiler im Emmental ankommt. Eine Deutsche, genau wie die Witwe Stucki, bei der sie von nun an wohnen wird. Den drei Jungen Simon, Christian und Otto kommt sie von Anfang an unheimlich vor. Es ist schnell klar, dass diese seltsame Alte irgendetwas zu verbergen hat. Die Kinder ergehen sich in wilden Spekulationen. Ihre Beobachtungen geben ihnen Anlass zu der Vermutung, die Görres sei gar keine Frau, sondern ein verkleideter Mann. Christian glaubt gar in Görres Hitler wiedererkannt zu haben, über den die Jungen gerade einen Dokumentarfilm gesehen haben. Der Gedanke lässt sie nicht wieder los. Simon, Christian und Otto wollen die wahre Identität der Görres um jeden Preis aufklären. Ihr Jagdeifer lässt sich nicht mehr bremsen, ihre Wahrnehmung verschiebt sich. Mit unglaublichen Mitteln treiben die Jungen die alte Frau immer weiter in die Enge, bis es schließlich zur Katastrophe kommt.

Die unglaubliche Geschichte wird aus der Perspektive Simons erzählt. Er erinnert sich als Erwachsener an die Geschehnisse von damals, als er noch ein halbes Kind war. Schon von der ersten Seite an wird der Leser gefesselt. Fasziniert spürt man das Unfassbare nahen, weiß vom Klappentext, dass die Geschichte nicht gut ausgehen wird. Mit Spannung verfolgt man, wie die drei Jungen, zwischen denen eine seltsame Verbundenheit herrscht, immer mehr aus einem Hirngespinst heraus, folgenschwere Fehler begehen. Wie vernagelt halten sie an ihrem Plan fest, blenden aus, was sie nicht hören und sehen wollen. Sie finden keinen Weg zurück in ein normales Alltagsleben. Und aufgehalten werden sie auch nicht. Die Erwachsenen mit ihrer Einstellung schüren eher noch die Neugier der Kinder. Doch niemals würde man diesen bis dahin unauffälligen Kindern so etwas zutrauen. Und auch die Jungen selbst, sind zuletzt überrascht von ihrem Tun, hatten sie sich doch „nur“ ein Abenteuer erhofft und etwas mehr Spannung im Alltag. Helden wollten sie werden.
Der Autor schreibt mit unglaublicher Intensität und großer Ernsthaftigkeit, gewährt tiefe Einblicke in die Psyche der Kinder und ihr Verhalten in der kleinen Gruppe. Er überlässt es jedoch dem Leser, zu urteilen. „Die Deutsche im Dorf“ ist ein Buch, das hängen bleibt, das man nicht einfach nach dem Lesen ins Regal stellen kann, so packend, ergreifend und vor allem beunruhigend ist die Geschichte.

Über den Autor:
Lukas Hartmann ist Jahrgang 1944. Er studierte Germanistik, Psychologie und Musik, ist Schriftsteller, Journalist und Medienberater und wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet. Lukas Hartmann lebt in der Nähe von Bern.

Rezension von Heike Rau

Lukas Hartmann
Die Deutsche im Dorf
302 Seiten, gebunden
Nagel & Kimche
ISBN: 3-312-00350-4
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Claudia Wolff: Letzte Szenen mit den Eltern

Claudia Wolff: Letzte Szenen mit den Eltern

Das hat man nun vom gesunden Leben, von frisch gepressten Säften und Vollkornbrot. Dazu der Verzicht auf Alkohol und Zigaretten. Das Leben wird endlos und Alterskrankheiten schlagen zu.
Bis vor drei Jahren war das Gedächtnis der Mutter noch in Ordnung. Dann starb der Vater und mit der Mutter ging es bergab.
Die Mutter vergisst so vieles, verliert die Orientierung. Die Mutter ist längst im Heim. Das Haus, das Elterhaus, wird nicht verkauft. Die Tochter kann es nicht, ein Verkauf ist für sie zu entgültig. Noch ist die Hoffnung nicht ganz dahin, dass alles noch mal besser wird. Die Mutter muss nur wollen, sich ein klein wenig anstrengen. Aber es wird nichts besser, im Gegenteil.
Die Wandlung des Vaters vor seinem Tod ist unfassbar für die Tochter. Und nun schlägt die Hilflosigkeit erneut zu, denn auch die Krankheit der Mutter lässt sich nicht aufhalten.

Geschrieben ist das Buch in einer sehr eindringlichen Sprache. So wird die Verzweiflung der Tochter, die selbst alt ist, für den Leser begreifbar und nachvollziehbar. Auch mit Vernunft bekommt die Tochter ihre Gefühle kaum in den Griff. Und dennoch verändert sie während des langsamen Abschiednehmens ihre Einstellung zu ihrer Mutter, zum Leben und zum Tod und sie kommt mit sich selbst so weit es geht in Reine. Sie lernt ein Stück weit hinzunehmen, was sich nicht ändern lässt. Das Buch löst Betroffenheit und Traurigkeit aus. Die durchweg bewegenden Kapitel regen den Leser an über sich selbst und seine Auffassungen und Denkweisen zum Alter nachzudenken.

Über die Autorin:
Claudia Wolff ist Jahrgang 1941. Sie studierte Literaturwissenschaft und Philosophie. Seitdem ist sie freie Autorin und schreibt vorwiegend Radiostücke, wie Features, Essays, Kommentare und Glossen für den WDR und andere Sender der ARD. Die in Heidelberg lebende Autorin ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg.

Rezension von Heike Rau

Claudia Wolff
Letzte Szenen mit den Eltern
142 Seiten, gebunden
Kunstmann Verlag, München
ISBN: 3-88897-352-X
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Mary Hooper: Die Schwester der Zuckermacherin

Mary Hooper: Die Schwester der Zuckermacherin

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Endlich ist der ersehnte Brief da. Hannah, die bisher in einem Dorf gelebt hat, wird von ihrer Schwester, der Zuckerbäckerin, nach London gerufen. Voller Vorfreude und gespannt auf die große Stadt, macht Hannah sich auf die Reise.
Doch in London ist die Pest ausgebrochen. Noch berührt die Seuche Hannah und ihre Schwester Sarah nicht. Zusammen stellen sie köstliches Zuckerwerk her: Miniaturfrüchte aus Marzipan, kandierte Veilchen und Zuckermandeln.
Hannah lernt den Apothekerlehrling Tom kennen und verliebt sich. Das Glück ist trügerisch. Immer mehr Menschen sterben. Noch scheint die Pest in einiger Entfernung zu wüten, doch täglich rückt sie näher. In der Nachbarschaft sterben die ersten Leute. Die Pest ist unaufhaltsam.

Der Leser wird in eine Zeit versetzt, in der in London die Pest wütete und der Tod allgegenwärtig wurde. Hannah ist eine Träumerin, doch sie kommt nicht umhin, die Gefahr zur Kenntnis zu nehmen. Auch sie wird von der Angst erfasst.
Dargestellt wird, wie die Menschen damals lebten, wie sie mit der Pest umgingen, was sie über die Krankheit zu wissen glaubten. Den größten Schrecken brachte eine wöchentliche Liste mit sich. Hier wurde die Zahl der Todesopfer genannt und das wahre Ausmaß deutlich.
Das Buch ist spannend geschrieben und fesselt. Hat man einmal angefangen zu lesen, kann man es nicht mehr aus der Hand legen.
Interessant ist auch das Glossar mit wichtigen Begriffserklärungen. Dazu kommt ein Anmerkungsteil. Hier werden historische Tatsachen der Pest, die im Jahr 1665 in London wütete, zusammengefasst. Es wird auch darüber informiert, was inzwischen über die Pest bekannt ist, beispielsweise wie sie übertragen wurde.
Ein empfehlenswertes Buch für Leser ab 12, die sich für historische Romane interessieren.

Über die Autorin:
Mary Hooper begann zu schreiben, als ihre Kinder noch klein waren. Seitdem sind zahlreiche Kurzgeschichten und über 30 Kinder- und Jugendbücher verfasst. Mary Hooper gibt auch Kurse in Kreativem Schreiben. 2001 wurde sie für das Jugendbuch „Megan 2“ mit dem North East Book Award ausgezeichnet. Die Autorin lebt in Hampshire, England.

Rezension von Heike Rau

Mary Hooper
Die Schwester der Zuckermacherin
256 Seiten, gebunden
ab 12 Jahren
Berlin Verlag
Bloomsbury Kinder- und Jugendbücher
ISBN: 3-8270-5015-4

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Megan Chance: Das Haus der kalten Seelen

Megan Chance: Das Haus der kalten Seelen

New York, 1885. Der reichen Lucy Carleton gelingt es nicht, ihre Rolle als angesehene Ehefrau glaubwürdig zu spielen. Immer wieder plagen sie Angstzustände und Kopfschmerzattacken. Bei gesellschaftlichen Anlässen fällt sie auf. Ihr Ehemann, der Börsenmakler William, scheint überaus besorgt. Er stellt seine Frau den angesehensten Ärzten vor. Lucys Zustand bessert sich jedoch nicht. Dr. Victor Seth, dem ein Ruf als Scharlatan vorauseilt, wird zur letzen Hoffnung für Lucy und William. Dr. Seth behandelt Lucy mit Elektrotherapie und Hypnose.
Die Therapie schlägt an. Doch Lucy und Dr. Seth, der eine geradezu unglaubliche Ausstrahlung hat, kommen sich immer näher und gehen schließlich eine leidenschaftliche Affäre miteinander ein, die Lucy aufleben lässt. Doch William kommt dahinter. Er lässt Lucy in eine Anstalt einweisen. Und dort glaubt Lucy niemand, dass sie keiner Behandlung mehr bedarf, sonder von Dr. Seth längst geheilt wurde.

Erzählt wird die Geschichte aus Lucys Sicht, die kein eigenes, sondern das vorgeschriebene Leben einer reichen Ehefrau spielen muss. Eigene Bedürfnisse treten vollkommen in den Hintergrund. Erst Dr. Seth glaubt zu wissen, was Lucy wirklich fehlt, und dass die gesellschaftlichen Zwänge und die mangelnde Liebe Williams Lucy krank machen. Doch Dr. Seth ist nicht nur Arzt, sondern vor allem Wissenschaftler. Von Hypnose, und wie uneingeschränkt Lucy darauf anspringt, ist er begeistert. Seine Aufzeichnungen verraten seine wahren Gedanken. Es ist schnell abzusehen, dass diese Behandlung außer Kontrolle geraten wird. Lucy wird schnell abhängig von Dr. Seth, der nicht davor zurückschreckt, seine Patientin nach seinen Vorstellungen zu formen und zu manipulieren.

Geschrieben ist das Buch in einer klassisch anmutenden Sprache. Die Geschichte ist spannend und unglaublich. Die Autorin spart nicht mit sehr pikanten und intimen Details der Behandlung, die Dr. Seth seiner Patientin angedeihen lässt und die dem Leser als persönliche und nicht für die Öffentlichkeit gedachten Aufzeichnungen zu lesen bekommt. So löst die Geschichte unterschiedliche Reaktionen aus, angefangen von Unglauben bis hin zu Empörung. Das sich aus dieser Geschichte ein wahrer Krimi entwickelt, ist eine Überraschung. Der Leser wird lange im Unklaren gelassen, wer für das, was passiert, verantwortlich ist, und wie Lucys Gesundheitszustand zu bewerten ist. Die Frage ist: Handelt Lucy aus eigenem Antrieb oder ist die Marionette von Dr. Seth, bereit sogar einen Mord zu begehen?

Über die Autorin:
Megan Chance ist in den USA bekannt für ihre großen historischen Frauenromane. Nach ihrem Studium war sie zunächst beim Fernsehen tätig, bevor sie mit dem Schreiben begann

Rezension von Heike Rau

Megan Chance
Das Haus der kalten Seelen
Aus dem Amerikanischen von Anja Schünemann
446 Seiten, broschiert
Wilhelm Heyne Verlag, München
ISBN: 3-453-87769-1
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