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Kategorie: Belletristik

Jonathan Franzen: Crossroads

Jonathan Franzen: Crossroads

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Dieser Roman des amerikanischen Autors Jonathan Franzen ist eine in epischer Breite angelegte Familiengeschichte. Es handelt sich um eine Pfarrersfamilie, die in einem Vorort von Chicago lebt. Marion und Russ Hildebrandt, die Eltern, haben vier Kinder, die sich alle in eigenwilliger Weise entwickeln.

Wir befinden uns im Jahr 1971. Christliche Gemeinden spielen eine wichtige Rolle im amerikanischen Gesellschaftsleben. Hier schaut jeder auf den anderen, und alles wir genau registriert. Moralische Tugenden sind das Ziel allen Handelns.

Marion und ihr Mann befinden sich in der Midlife – Crisis. Für Russ kommt erschwerend hinzu, dass ihm ein jüngerer Kollege mit modernen Formen des Miteinanders, die fast therapeutische Dimensionen annehmen, Konkurrenz macht. Besonders die Jugend fühlt sich zu dem jüngeren Pfarrer hingezogen.

Bei den diversen Aktivitäten der Figuren geht es immer um das rechte Verhalten, um Anstand und Ehrlichkeit. Marion und Russ verhalten sich beide nicht danach!
Sie hängt vergangenen Sünden nach, und Russ sucht Trost bei einer jüngeren Witwe, die zur Kirchengemeinde gehört.

Die Kinder werden selbständig, beobachten ihre Eltern, merken, dass da nicht alles stimmt und sind entsprechend verunsichert.
Clem, der älteste Bruder, verlässt irgendwann die Familie, um in den Krieg ziehen. Er will nach Vietnam, weil er das seinen Altersgenossen schuldig zu sein glaubt.
Becky leidet unter den Druck der Eltern so sehr, dass sie sich schließlich abwendet, um einen sehr eigenen Weg zu ihrem Glück zu finden.
Perry gerät vollends auf Abwege und wird krank.
Der jüngste Bruder spielt die unscheinbarste Rolle und kommt gar nicht zu Wort.

Über lange Strecken der Geschichte wird man Zeuge von gedanklichen Skrupeln der Eltern und ihren inneren Selbstvorwürfen. Unter den Geschwistern herrscht ein reichliches Durcheinander in ihrer Gläubigkeit. Sie suchen auf unterschiedlichen Wegen den Zugang zu Gott oder entziehen sich ganz.
Die Anklagen, Selbstbeschuldigungen, die unheimliche Dynamik zwischen den Familienmitgliedern und der innere Druck in Fragen eines tugendhaften Lebens wirken zuweilen erdrückend.

In dem Roman stimmt alles. Die Familiengeschichte ist realitätsnah geschildert. Leider aber hat der Roman unendliche Längen.
Jeder einzelnen Person werden lange Seiten in ihrem Sein und Werden gewidmet. Rückblicke und momentanes Handeln wechseln in der Erzählung ab. Jonathan Franzen scheint sich hier zuweilen zu verzetteln.
Zum Ende hin wirkt alles sehr schlüssig, und das ist die Stärke des Romans.

Es ist die Akzeptanz des Unabänderlichen, die beeindruckt. Und es ist die klare Haltung, mit der Becky ihr Leben in die Hand genommen hat, um ihr Glück vor den Forderungen der Familie zu schützen. Alle anderen scheinen nicht so weit gekommen zu sein.

Der Roman ist ein großartiges Zeitgemälde der siebziger Jahre, einer Zeit, in der verlogene Moral und nebulöse Tugenden die Menschen in ständige Konflikte mit sich und mit ihrer Umwelt brachten.
Wie wird das alles wohl weitergehen?

Jonathan Franzen hat mit dem Roman „Korrekturen“ Weltruhm erlangt und wurde vielfach ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Santa Cruz, Kalifornien.

Jonathan Franzen
Crossroads
Rowohlt Buchverlag, Oktober 2021
832 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3498020080
ISBN-13: 978-3498020088
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Bernhard Schlink: Die Enkelin

Bernhard Schlink: Die Enkelin

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In dem neuen Roman von Bernhard Schlink werden wir in eine Ehe hineingezogen, die von der langsamen Verwahrlosung einer Frau berichtet. Einer Frau, die von ihrem Mann Kaspar unverbrüchlich geliebt und umsorgt wird.

Wie ist es dazu gekommen?
Birgit, die Frau von Kaspar, ist Schriftstellerin. Nie aber kommt ein Roman von ihr zustande.
Nach ihrem Tod findet Kaspar ein Manuskript und beginnt zu lesen.
Nun erfährt er und auch wir Leser*innen ihre ganze Geschichte.

Bernhard Schlink hat einen Blick für die Untiefen im Menschen. Er zeigt uns in seinem Roman, wie die Nachfahren der Nazizeit im geteilten Deutschland das Leben erfahren haben. Birgit ist in der DDR aufgewachsen, Kaspar im Westen. Sie lernen sich 1964 auf einem Jugendtreffen in der geteilten Stadt Berlin kennen und lieben. Birgit trägt ein Geheimnis in sich, das ihre Liebe zu Kaspar nicht stören soll.

In den Gesprächen unter den Studenten erfährt man, wie das System DDR funktionierte, und wie sich Freiheit im Westen anfühlte. Die beiden sind jung und verliebt und überwinden alle Hürden.
Mit jugendlichem Mut wechseln sie die Seiten und leben schließlich in Westberlin.

Atmosphärisch dicht und von poetischem Reiz sind Schilderungen der Landschaft auf dem Darß, einer Halbinsel zwischen Ostsee und dem Bodden, auf dem Birgit noch als Studentin einige verträumte Monate in den Semesterferien verbringt.
Kaspar, der sensible Buchhändler, beglückt seine Frau bei passender Gelegenheit mit herrlichen Gedichten. Es entsteht eine differenzierte Betrachtung der Erlebnisse, die seit dem ersten Kennenlernen der beiden stattgefunden haben. Die Ehe wird durch einen unguten Keim belastet.
Es folgt u.a. eine Abrechnung mit der DDR, ein Entblößen dessen, was mit denen geschieht, die unter der Aufsicht einer „hässlichen, kleinlichen, engstirnigen, bevormundenden, erniedrigenden und lähmenden“ ( S.129) Regierung aufwachsen müssen.
Birgit durchläuft im Laufe ihrer Ehe schlimmste Zustände, die im Alkohol ihren Anfang und Fortgang finden.

Es geht hier um ein Stück politischer und gesellschaftlicher Zeitgeschichte: Leben im Osten und im Westen und sektenähnliche Gruppierungen, die dem Völkischen frönen. Wir begegnen Holocaustleugnern, Entfremdungen zwischen Familien und mühsamen Versuchen der Annäherung. Dass Kasper nach langer Suche eine Enkelin und diese einen Großvater findet, gibt dem Ganzen einen zutiefst menschlichen Anstrich. Herz und Sinn finden zusammen.

Die Geschichte ist zugleich anrührend und aufklärerisch. Der Autor zeigt uns die Folgen starrer Ideologien und die Schwierigkeiten zwischen Menschen unterschiedlicher Geisteshaltungen.
Dramatische Ereignisse um Kasper und seine Frau Birgit, die späte Kenntnis von einer Enkelin, die in einem ganz und gar fremden Milieu aufgewachsen ist, erzeugt eine unglaubliche Spannung, die den Leser*in überhaupt nicht mehr loslässt.
Es ist eine ereignisreiche, mit zahlreichen Details ausgestattete, intelligente und weise Erzählung. Man kann die Lektüre nur empfehlen!

Bernhard Schlink ist als Autor durch seinen Roman „Der Vorleser“ wohl bekannt.
Er lebt in Berlin und New York.

Bernhard Schlink
Die Enkelin
368 Seiten, gebunden
Diogenes, Oktober 2021
ISBN-10: 3257071817
ISBN-13: 978-3257071818
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Henning Mankell: Der Verrückte

Henning Mankell: Der Verrückte

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Bertil Krass taucht kurz nach dem Krieg in einer Gemeinde in Norrland auf, nachdem er Stockholm nach einem Arbeitsunfall verlassen hat. Es ist ein Sonntagvormittag und es ist ruhig hier. Man stiehlt ihm den Rucksack mit seinen einzigen Habseligkeiten. Dennoch bleibt er. Dem Leser wird schon zu diesem Zeitpunkt offenbart, dass die Geschichte nicht gut ausgehen wird.

Bertil kommt in einer Pension unter, auch wenn es verdächtig erscheint, dass er kein Gepäck hat. Im Sägewerk gibt man ihm Arbeit. Dass es ein Arbeitslager im Wald gegeben hat, weiß er anfangs nicht. Es existiert nicht mehr, ist aber nicht vergessen. Die, die hier interniert waren, leben im Ort, wie zum Beispiel der Kommunist Svante Eriksson. Auch Bertil ist Kommunist. So schließt er sich der Gruppe an, die an die Öffentlichkeit bringen und aufarbeiten will, was geschehen war. Die Dorfbewohner sollen wachgerüttelt und die Verantwortlichen, mit denen sie in der Gemeinde zusammenleben müssen, zur Rechenschaft gezogen werden.

Doch haben sie eine Chance? Hat Bertil eine? Er versucht, sich etwas aufzubauen. Verliebt sich in Margot, die eine kleine Tochter hat. Doch die Beziehung ist nicht einfach, zumal Bertil immer wieder persönlichen Angriffen ausgesetzt ist. Und selbst wenn es ruhig ist, ist die subtile Bedrohungslage spürbar. Der Autor zeigt in eindringlicher Sprache, wie man ihn übergeht, ausgrenzt, ihm Schuld zuweist und ihn allein lässt mit seinen Ängsten. Wobei hier ausgerechnet Polizeikommissar Lönngren eine ganz besondere Rolle spielt. So entwickelt sich ein Krimi, dessen Opfer Bertil Krass ist und der in einem Amoklauf enden wird, weil er nicht aufgeben kann und will. Der Spannungsbogen wächst stetig und gewinnt immer mehr an Dramatik.

Henning Mankel beschreibt in seinem gesellschaftskritischen Roman detailliert und schonungslos, wie Bertil Krass in die Rolle des Außenseiters gedrängt und ausgegrenzt wird. Nicht offen, sondern aus dem Hinterhalt heraus. Und dahinter steckt eine politische und gesellschaftliche Motivation. Es ist erschreckend zu sehen, wie einer die Fäden zieht. Wie aus einem hingeworfenen Satz und einer erfundenen Anschuldigung ein Gerücht wird, das nichts anderes ist als ein Ablenkungsmanöver, dem man aber Glauben schenkt, nur damit die Geschehnisse des Krieges nicht wieder aufflammen und aufgearbeitet werden müssen. So wächst der Spannungsbogen stetig und die Handlung gewinnt immer mehr an Dramatik.

Das Buch erschien in Schweden bereits 1977, wurde aber erst jetzt ins Deutsche übersetzt.

Rezension von Heike Rau

Henning Mankell
Der Verrückte
Aus dem Schwedischen von Andrea Fredriksson-Zederbauer
512 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag, September 2021
ISBN-10: 3552072497
ISBN-13: 978-3552072497
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Marco Balzano: Wenn ich wiederkomme

Marco Balzano: Wenn ich wiederkomme

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Eine Frau von Mitte dreißig plagt sich redlich, ihre Familie durchzubringen. Sie wohnt in einem Dorf am Rande Rumäniens. Alle leben in ärmlichen Verhältnissen. Filip, ihr Mann, ist faul und trägt kaum zum Unterhalt der Familie bei. Daniela hat ihren Beruf als Angestellte hinter sich gelassen, da es keine Arbeit für sie gibt.
Angelica, die Tochter, studiert und hat sich von der Familie entfernt. Die Großeltern spielen eine wichtige Rolle, da sie Manuel, dem kleinen Bruder, emotionalen Halt bieten.

Eines Tages reist Daniela nach Italien. Sie hat gehört, man suche dort Hilfe für die Pflege alter Menschen und als Kindermädchen.
Man muss sich vorstellen, wie groß die Not sein muss, dass eine Mutter Familie, Kinder und die alten Eltern verlässt, um im Ausland Geld zu verdienen!

Marco Balzano lässt die einzelnen Protagonisten selber sprechen. In jedem Kapitel spricht und erzählt einer/ eine in der Ichform. Es entsteht mit dem Perspektivwechsel jeweils aus unterschiedlicher Sicht das Bild einer zerrissenen Familie. Nur Filip kommt nie zu Wort. Er ist innerlich und äußerlich abwesend. Er trinkt, baut ein wenig an dem Haus herum, das sie bewohnen, und geht seiner Wege. Eines Tages ist er ganz verschwunden.

Daniela erlebt eine Phase der schrecklichen Schufterei fern von zu Hause mit häufig unzufriedenen Angehörigen derer, die sie pflegt. Es ist eine Kräfte zehrende Arbeit.

Balzano bietet schöne Landschaftsbilder, die der kleine Manuel für sich entdeckt. Er liebt das Land, die Großeltern und bleibt ein Schulversager. Ein großes Unglück bricht eines Tages über die Familie herein. Die Erzählung lässt die Folgen sichtbar werden, die dieses Unglück für alle mit sich bringt.

Balzano hat sich der Ärmsten angenommen und zeigt uns, wie schrecklich das Los der Frauen ist, die aus den armen Ländern Osteuropas zur Pflege ins Ausland gehen. Familienbindungen gehen zu Bruch, Kinder werden vernachlässigt, und das Leben ist wahrlich entbehrungsreich, da es nur ums Geld geht, das die armen Frauen ihren Familien nach Hause schicken. Das schwere Schicksal, das Daniela aufgebürdet ist, nagt an ihrem Selbstwertgefühl und lässt sie zu einer früh gealterten Frau werden. Demütigungen eingeschlossen muss sie sich bitter in der Fremde zurechtfinden. Unermüdlich nimmt sie neue Stellen an und entwickelt gelegentlich sogar Zuneigung zu den ihr anvertrauten Menschen. Insgesamt aber fragt man sich: wo bleibt das eigene Ich unter diesen Bedingungen?

Am Ende sucht jeder/ jede einen Weg für das eigene Überleben. Blessuren bleiben niemandem erspart.
Marco Balzano wählt die literarische Form, die in treffenden Bildern das Elend dieser Frauen sichtbar macht.

Marco Balzano lebt mit seiner Familie in Mailand, wo er als Lehrer arbeitet.

Marco Balzano
Wenn ich wiederkomme
Diogenes, September 2021
320 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3257071701
ISBN-13: 978-3257071702
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Sally Rooney: Schöne Welt, wo bist du?

Sally Rooney: Schöne Welt, wo bist du?

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Der vorliegende Roman handelt von vier Menschen um die dreißig, denen die Orientierung zum eigenen Weg und zueinander Schwierigkeiten bereiten.

Alice und Felix befinden sich in der Kennenlernphase. Sie ist erfolgreiche Schriftstellerin und Felix ist Lagerarbeiter. Über das Internet haben sie Kontakt gesucht und gefunden.

Eileen, die auch eine Rolle spielen soll in dieser Erzählung, ist die beste Freundin von Alice. Während ihres Literaturstudiums in Dublin hatten sie sich eng befreundet. Sie teilen seither ihre Erfahrungen und fühlen sich innerlich sehr verbunden.

Alice hat sich inzwischen an einen abgelegenen Ort am Meer zurückgezogen, um zu schreiben.
Eileen hat einen Freund aus frühen Kindheitstagen namens Simon. Haben die beiden eine Liebesbeziehung oder sind sie nur Freunde?

Um die vier jungen Leute spinnt sich allmählich ein ganzes Geflecht von Beziehungen mit ihren diversen Liebeserfahrungen und missglückten Partnerschaften. In langen Mails und Telefonaten versuchen sie einander näher zu kommen. Eine gewisse Sprachlosigkeit und stille Scheu macht sich breit.

Es fällt auf, dass Sally Rooney die ganze Geschichte zögerlich entwickelt. Immer wieder treffen einzelne Protagonisten bei verschiedenen Gelegenheiten zusammen. Die gegenseitigen Flirts sind von grober Ironie und gelegentlicher Bissigkeit, jedenfalls aber irreführend, so als müsse sich jeder/ jede vor Verletzungen schützen.

Für den Leser*in drängt sich ein Gefühl von Pessimismus und Hoffnungslosigkeit in den Vordergrund. Einsamkeit wechselt mit Gefühlen der Sinnsuche. Die kühle und spröde Landschaft tut ihr Übriges, um diesen Eindruck zu verstärken.

Die Fragen, die sich immer wieder aufwerfen, betreffen das Sein und Werden der Protagonisten.
Findet man den richtigen Partner? Wird man geliebt oder liebt man? Die Paare zweifeln an der gegenseitigen Liebe und stellen immer wieder alle Beziehungen infrage. Man misstraut den eigenen und den Gefühlen der anderen. So leben sie aneinander vorbei und treffen doch immer wieder zusammen.

Sprachlich gewandt und differenziert entwirft die Autorin das Bild einer Generation von Menschen, die sich schwertut, die Beziehung zu den Mitmenschen offensiv anzugehen. Die alles hinterfragenden Figuren verzweifeln an der Sicherheit, die sie sich wünschen aber selbst immer wieder unterminieren. Auch sind die Partner in ihrem Verhalten von tiefer Bindungsangst erfüllt.

Es ist eine Erzählung, die von der Reflexion lebt und hin und wieder in langen Passagen in ihr versinkt.

Sally Rooney beschreibt die Generation junger Menschen, die zuletzt unter der Pandemie zu leiden hatte. Annäherungen sind erschwert durch den Lockdown. Es herrscht zudem ein Klima der Ratlosigkeit über die Zukunft unseres Planeten.

Insofern hat die Autorin sehr genau beobachtet, was junge Erwachsene heute umtreibt, um dem Leben Sinn und Freude abzugewinnen. Es ist ein mühsamer Prozess, von dem man nicht weiß, wie er enden wird.

Sally Rooney, Jahrgang 1991, lebt in Dublin und gilt als anerkannte und herausragende Stimme ihrer Generation.

Sally Rooney
Schöne Welt, wo bist du?
Claassen, September 2021
352 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3546100506
ISBN-13: 978-3546100502
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Éliette Abécassis: Mit uns wäre es anders gewesen

Éliette Abécassis: Mit uns wäre es anders gewesen

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Zwei junge Menschen, Amélie und Vincent, treffen sich an der Sorbonne, als sie sich für das nächste Semester einschreiben wollen. Später geht man als Grüppchen noch in ein Café.

Vincent und Amélie verplaudern die ganze Nacht, in der sie sich über ihre Herkunft, die Zukunftswünsche und ihre Träume unterhalten. Sie erfahren viel über sich aber nicht genug.

Bald ist klar, dass sie sich verliebt haben. Ein nächstes Treffen wird vereinbart. Und dann passiert eine Schicksalswende: sie verpassen sich!

Das Leben geht weiter. Im großen Abständen begegnen sie sich wieder. Sie hat innerlich an ihm festgehalten, während er inzwischen verheiratet ist und zwei Kinder hat. Auch Amélie findet einen Mann, von dem sie glaubt, er könnte der Richtige sein. Nach der Geburt ihrer Kinder aber tut sich eine Leere auf, die am Ende zur Scheidung führt. Bei den Kindern merken beide erst, wie sehr sie lieben können, während ihre Ehen im Alltag und in der Gleichgültigkeit versinken.

Die Jahre gehen ins Land. Nach dreißig Jahren und vielen Zwischenstationen auf ihren Lebenswegen begegnen sich die beiden wieder. Sie empfinden großes Glück miteinander!

Éliette Abécassis hat einen bezaubernden Roman geschrieben. Die Atmosphäre des Studentenlebens ist wunderbar eingefangen. Es ist das Glück des Neubeginns, der jugendlichen Freiheit und die Neugier auf das Leben, die uns die Autorin vermittelt.

Amélie ist die zarte, empfindsame und von Selbstzweifeln geplagte Frau, die sich nach dem großen Glück sehnt. Es hat lange gedauert, bis sie sich zu einer ersten Ehe entschlossen hatte.

Der Leser*in lässt sich vom Leben in der Pariser Gesellschaft beeindrucken und empfindet mit, wie locker und frei Begegnungen und Feiern ablaufen.

Das Entscheidende an dieser Erzählung aber ist die unterschwellige Spannung und der Charme, mit der die Liebe zwischen zwei Menschen bestehen bleibt und erst nach vielen Wirren, Enttäuschungen und zerplatzten Lebensträumen noch einmal neu aufflammt. Oder ist sie nie erloschen?

Ich war hingerissen, weil es den Leser zuerst in die Welt der Jugend mitnimmt und neben der Leichtigkeit die Tragik nie weit ist. Auch alles Folgende ist besonders reizvoll, weil eine immerwährende Sehnsucht nach der einen großen Liebe spürbar bleibt.

Menschwerdung und Menschsein zeigt sich facettenreich und getragen von Sehnsüchten, die dem Menschen eigen sind. Irrtümer können unerwartete Wendungen herbeiführen, und das Schicksal und der Zufall spielen mit. Verletzungen, die Partner sich zufügen können, werden ebenfalls in den Focus genommen.

Wer am Ende zu wem findet, und ob es das vollkommene Glück überhaupt gibt, das bleibt hier die Frage.

Auf jeden Fall ist die Geschichte lesenswert, weil sie mit der lockeren, flotten Erzählweise, die nicht der Tiefe entbehrt und uns keine schöne Welt vorgaukelt, besonders gut getroffen ist.

Das Büchlein liest sich leicht, ist spannend und anregend bis zur letzten Seite und verspricht anhaltendes Lesevergnügen.

Éliette Abécassis
Mit uns wäre es anders gewesen
144 Seiten, gebunden
Arche Literatur Verlag, Juli 2021
ISBN-10: 3716027979
ISBN-13: 978-3716027974
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Angelika Klüssendorf: Vierunddreißigster September

Angelika Klüssendorf: Vierunddreißigster September

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Angelika Klüssendorf erzählt uns in ihrem neuen Roman die Geschichte eines Dorfes und ihrer Bewohner in Ostdeutschland.

Hilde und Walter sind zwei nüchterne Menschen, denen man nicht glauben mag, dass sie ein Ehepaar sind. Sie sind muffelig und wenig freundlich miteinander. Walter neigt zu Wutausbrüchen, erniedrigt seine Frau und wütet gegen alle und jeden. Sie war zermürbt, weil sie sich von ihrem unfreundlichen und zornigen Mann nicht längst getrennt hat.

Als bei ihm ein Hirntumor festgestellt wird, ist er „nett“, was seine Frau irritiert. Er ist ihr einfach nicht mehr vertraut mit dieser sanften Freundlichkeit.
Nach kurzer Zeit bringt sie ihn zu Silvester um, indem sie seinen Schädel mit einer Axt spaltet.

So nüchtern wie das Paar im Umgang miteinander war, schreitet die Erzählung voran.
Es geht nicht etwa um Aufklärung des Mordes; nein, Walter erscheint als Berichterstatter aus dem Jenseits. Er trifft hier noch einige andere verstorbene Dorfbewohner, und gemeinsam beobachten sie aus ihrer Sicht, was sich in der dörflichen Gemeinschaft abspielt.

Jede Episode beginnt mit einem Namen als Überschrift, so dass man weiß, wer hier spricht.
Angelika Klüssendorf zeichnet auf diese Weise ein recht einfaches Leben der Dorfbewohner.
Da geht es um Begegnungen, das Äußere und um undifferenziert denkende und agierende Menschen. Es sind Alltäglichkeiten, die das Leben bestimmen.

Nur wenig Beschauliches gibt es zu berichten. Ein Junge verliert bei einem Unfall sein Bein; seine Mutter mag ihn nicht, und er mag sie nicht. Hilde, die einst Sprechstundenhilfe bei Dr. Kies war, hat ihm nach dem Unfall erste Hilfe geleistet. Als er sich bei ihr zunächst bedankt, folgt schon bald ein Fluch, weil man ihm den Unterschenkel amputiert hat.

Langsam reiht sich eine Episode an die nächste. Natürlich kennt man sich im Dorf. Jeder weiß etwas über den anderen. Es ist offensichtlich, dass es viel Gerede gibt, und dass es nicht fröhlich zugeht zwischen den Menschen. Zuerst bleibt man noch neugierig in der Erwartung eines vielleicht bedeutenderen Erlebnisses. Ab der Mitte des Buches stellt sich Ermüdung ein. Die gelegentlich witzige, zuweilen aber surreale Atmosphäre durch die Gespräche aus dem Jenseits vermag den Leser*in nicht wirklich zu fesseln.

Frühling, Sommer, Herbst und Winter machen den Wechsel aus. Die kurzen Landschaftsbeschreibungen, ein Duft von Sonne und Gras, Kälte, Schnee, Sturm und Regen sind glanzvolle Höhepunkte der Erzählung.

Wäre man selbst Mitglied der Gemeinschaft, könnte man vielleicht Interesse an der einen oder anderen Person finden. So bleibt der Satz der Schriftstellerin, ebenfalls eine Dorfbewohnerin, zum Ende des Romans haften: „Das Leben ist nur eine Unterbrechung, ein kurzes Innehalten zwischen dem Nichts davor und dem Nichts danach.“ Das klingt ernüchternd und fast ein wenig depressiv, wenn es auch der Wahrheit nahekommt.

Angelika Klüssendorf ist eine renommierte deutsche Schriftstellerin. In einem FAS Artikel vom 12.09.2021 wird sie als eine von drei Schriftstellerinnen beschrieben, die sich dem Dorfleben in ihren Romanen verschrieben haben. Ist das eine neue Kategorie von Lebensbeschreibungen?
Wir werden sehen!

Angelika Klüssendorf
Vierunddreißigster September
Piper, 2. Auflage, September 2021
224 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3492059902
ISBN-13: 978-3492059909
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Louis Begley: Hugo Gardners neues Leben

Louis Begley: Hugo Gardners neues Leben

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Der neue Roman von Louis Begley führt uns wieder einmal an die Ostküste Amerikas, vornehmlich nach New York und zu den Hamptons. Letztere bieten Erholung und reizvolle Landschaften und Ortschaften, in denen man ein komfortables Leben in den Ferien oder im Alter führen kann. Louis Begley selbst gehört zu den Ostküstenbewohnern, die gebildet und wohlhabend sind. Das war nicht immer so, wie man in seinem ersten Roman “Lügen in Zeiten des Krieges“ nachlesen kann, in dem er autobiographisch seine Flucht als Jude vor den Nazis beschreibt.

Worum geht es hier?

Ein alternder ehemaliger Zeitungskorrespondent und Chefredakteur, der Titelheld Hugo Gardner, erfährt auf wirklich ungewöhnliche Weise von den Scheidungsabsichten seiner Frau. Deren Anwalt wünscht auf Geheiß seiner Mandantin Valerie Gardner Kontakt zu Hugos Anwalt. Hugo ist vollkommen ahnungslos über diese plötzliche Wendung in seiner Ehe. Nach seinem Eindruck führten er und seine Frau seit vierzig Jahren eine gute Ehe. Er ist allerdings zu der Zeit, in der die Geschichte spielt, schon 84 und seine Frau 61 Jahre alt.
Recht lakonisch und genügsam willigt Hugo in die Scheidung ein.

Louis Begley hat die ungewöhnliche Gabe, seinen Figuren Leben einzuhauchen, ohne sie in ihrem Tun und Lassen etwa dramatisierend darzustellen. So lässt sich Hugo auf alles ein und versucht auf seine Weise, sein Leben neu zu formen. Dabei tauchen Freunde und Kollegen auf, er erhält Einladungen, denen er mehr oder weniger gerne Folge leistet. Das Gesellschaftsleben der Ostküstenbewohner mit ihren Allüren wird anschaulich vermittelt. Die Beschreibung der Mentalität seiner Freunde ist leicht ironisch bis mokant. Seine eigenen Kinder sieht er mit großer Distanz und stiller Ironie. Sie kommen immer nur, wenn sie Geld brauchen, das er ihnen großzügig gewährt. Von ihnen erbittet er Auskunft über die Gründe für den Scheidungswunsch seiner Frau, denn er kann ihn sich lange nicht erklären. Seine Tochter ist ruppig und sehr direkt. Sie spiegelt ein abscheuliches Bild seiner selbst: er sei alt, hässlich und langweilig.
Während Hugo erfolgreich und einflussreich war und noch ist, bleibt sein Sohn als Anwalt beruflich im Mittelmaß stecken.

Die Geschichte ist wie so oft bei Louis Begley voller Ironie und Melancholie. Ein alternder Beau begibt sich auf Spuren in die Vergangenheit. Er begegnet Alters- und Studiengenossen, Weggefährten und vor allem längst vergangenen Liebesaffären. Als ehemaliger Chefredakteur und Korrespondent einer angesehenen New Yorker Zeitung pflegt er vorzügliche Verbindungen in alle Welt. Paris, Wien oder die Schweiz waren seine bevorzugten Wirkungsstätten.

Hugo kennt sich aus im guten Leben: er liebt Essen, ausgewählte Weine und harte Drinks, vornehme Wohnsitze und ja, auch in seinem Aller noch, ausgedehnten Sex.

Begleys Held beschäftigt sich auf der Reise in die Vergangenheit u.a. mit den letzten Dingen; sie klingen nüchtern, realistisch und bei allem genussvollen Dasein ein wenig traurig. Einsamkeit ist der Schlüssel für dieses Alterswerk des großen Erzählers.

Man liest den Roman schnell, interessiert und neugierig. Einmal mehr erfahren wir, wie Leben verläuft: Aufbruch, Erfüllung in Beruf und Familie, Zweifel am großen Glück, Frustrationen und zuletzt Hinnahme dessen, was nicht zu ändern ist.

Der eindrückliche Roman unterhält bestens, und ich kann ihn sehr empfehlen.

Louis Begley
Hugo Gardners neues Leben
235 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag, 18. Juli 2021
ISBN-10: 3518429841
ISBN-13: 978-3518429846
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Elias Hirschl: Salonfähig

Elias Hirschl: Salonfähig

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Julius Varga ist sein Idol. Das Aussehen und Auftreten des Parteichefs scheinen ihm perfekt, die Ausstrahlung charismatisch. Zum Bundeskanzlerkandidaten hat er es gebracht. Er ahnt nicht, dass es eine Kopie von ihm gibt. Eine schlechte. Aber dieser Mann übt stundenlang, so zu wirken wie Julius Varga. Er imitiert seine Haltung, seinen Gesichtsausdruck, seine Art zu gehen. Und selbstverständlich hat er seine Gesten und auch seinen Sprachstil drauf. Nur seine politische Haltung nicht. Da ist er wie eine Fahne im Wind und seine Antworten, falls er denn mal gefragt wird, entnimmt er seinem Fundus an nichtssagenden Phrasen. Alles was zählt, ist der äußere Schein, den es zu verinnerlichen gilt. So viel hat dieser Doppelgänger verstanden.

Nur seine Freundin Moni will sich nicht überzeugen lassen. Als Testperson, sein authentisches Auftreten betreffend, ist sie nicht die beste Wahl. Doch wie soll jemand besser werden, der schon perfekt ist oder sich vielmehr dafür hält? Und doch ist auch dieser Nachahmer auf dem politischen Parkett zu Hause, auch wenn seine Funktion in der Jugendorganisation nicht klar ist und eher überflüssig erscheint. Er hat keinen Einfluss auf nichts. Was er sagt, wird nicht beachtet und verschwindet einfach. Seine schön formulierten und mit perfekten Gesten untermalten Reden klingen schlau, sind aber inhaltslos. Es ist die fehlende Anerkennung, die den Doppelgänger weiter in den Wahn treibt.

Elias Hirschl zeigt ein satirisches Bild einer Person auf, die sich in der Politik und im Persönlichen völlig verrannt hat. Er gesteht dieser Person keinen einzigen Sympathiepunkt zu. Vielmehr wird die Situation immer schlimmer, subtiler und weniger tragbar. Dadurch spitzen sich die Geschehnisse gefährlich zu. Der Protagonist ist ein Spiegel, dessen blinde Flecken und Schlieren immer mehr verschwinden. Der Wahn kennt keine Grenzen, zumal sich die Wahrheit mit abgrundtiefer Fantasie und mit Albträumen vermischt.

Das Buch ist einfach nur gruselig, auch wenn es Szenen gibt, die grotesk und aberwitzig sind. Es ist die Art, wie der Autor die Handlung vorantreibt, die wirklich erschreckt. Aber das Buch hat ja auch einen aufdeckenden und entlarvenden Charakter, Politik und Politiker betreffend. Und da hört der Spaß ja nun wirklich irgendwo auf. Aber in dieser Satire gibt es keine Grenzen, und so kann der Autor kaum deutlicher darstellen, was er sagen möchte. Es ist eine interessante Art, Kritik zu verpacken. Die Wirkung ist jedoch nicht ganz so durchschlagend.

Rezension von Heike Rau

Elias Hirschl
Salonfähig
256 Seiten, gebunden
‎Paul Zsolnay Verlag, August 2021
ISBN-10: 3552072489
ISBN-13: 978-3552072480
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Alex Schulman: Die Überlebenden

Alex Schulman: Die Überlebenden

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Drei erwachsen gewordene Brüder begegnen sich nach zwanzig Jahren im Sommerhaus der Eltern, um die Asche der Mutter zu verstreuen. Es ist ein altes Haus, morsch z.T., in einer idyllisch gelegenen Gegend an einem See nicht weit von Stockholm entfernt. In wechselnden Szenen erlebt man die Geschwister einmal in ihrer Kindheit und dann wieder im Heute mit der Urne der Mutter.

Der Autor Alex Schulmann malt ein düsteres Bild sowohl von heute als auch von damals.
Die Atmosphäre ist beklemmend. Die Eltern sitzen und trinken, sie trinken sehr viel, sie essen und schlafen.
Dazwischen wechseln die Brüder vom Spielen oder Schwimmen in die Nähe der Eltern oder in den nahegelegenen Wald.

Ganz unmerklich schälen sich die Charaktere heraus.
Nils ist der Älteste. Er ist klug und steht innerlich und äußerlich oft abseits.
Benjamin ist 9 und Pierre 7 Jahre alt.
Benjamin scheint sensibel und still beobachtend. Man ahnt, wie intensiv er Stimmungen und laute Unstimmigkeiten registriert. Aus seinen Beobachtungen wird die Erzählung gespeist.
Pierre wirkt in der Darstellung ängstlich, klein und eher verzagt.
Glücklich wirkt die Kindheit dieser drei Brüder nicht.
Man spürt, dass in diesem Elternhaus vieles ungesagt bleibt und ein eisernes Schweigen herrscht.
Benjamin, der Sensible, neigt zu Vorstellungen, in denen er die Wirklichkeit nicht mit der Einbildung vereinbaren kann.

Man erfährt nichts über den Alltag der einzelnen Familienmitglieder und von ihrem Leben in Stockholm. An einer Stelle wird vermerkt, dass die Kinder in einem „Oberklassenhaushalt“ aufgewachsen sind. Dass sie am Rande des Existenzminimums lebten, an einer anderen. Für die akademische Ausbildung scheint kein großer Aufwand getrieben worden zu sein. Der Leser*in merkt, dass über der Familie ein unbekanntes Unheil schwelt.

Alex Schulman konstruiert seine Geschichte so ausgefeilt, dass eine schwer zu ertragende Spannung entsteht. Warum machen die Eltern einen recht verwahrlosten Eindruck? Welche Dynamik besteht zwischen der äußeren Lebensform und der inneren seelischen Unausgeglichenheit?

Langsam und unmerklich nähert man sich einem Ereignis, dass ungeahnte Folgen für alle hatte. Alex Schulman hält uns ganz lange im Ungewissen, bis wir uns dem eigentlichen tragischen Geschehen nähern.

Es handelt sich in diesem Roman um die Sozialstudie einer Familie, deren Regeln ungeordnet und fahrlässig von den Eltern bestimmt werden, und die die Kinder in Einsamkeit und Verlustgefühle treiben. Angst und Unbehagen ist aus allen Handlungen zu spüren immer im Wechsel mit dem Bemühen, Liebe und Zuwendung von den Eltern zu erfahren.

Der Stil der Erzählung schwankt zwischen fast protokollartigen Berichten bis zu unregelmäßigen Gefühlsausbrüchen der Mutter und unverhofft auftretenden Wutausbrüchen des Vaters. Ein jeder lässt hier jeden allein.
Zusammenhalt zwischen den Brüdern gibt es, wenn dieser auch zerbrechlich ist.
Am Ende sind sie im Unglück vereint.

Die raue Natur, die Schönheit der Bäume, Pflanzen und der See bilden einen wunderbaren Hintergrund zu dem Familiendrama. Es ist ein lesenswerter Roman, voller Tiefe und intensiver Innenbetrachtung eines zerrütteten Familienlebens mit einem überraschenden Ende.

Alex Schulman
Die Überlenden
dtv Verlagsgesellschaft, August 2021
304 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3423282932
ISBN-13: 978-3423282932
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