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Kategorie: Biografie

Siegfried Lenz: Gespräche unter Freunden

Siegfried Lenz: Gespräche unter Freunden

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Ein stiller Künstler in seiner ganzen Größe…

Siegfried Lenz, 1926 – 2014, ist uns allen bekannt durch seine Romane, Hörspiele und Bühnenwerke.

Sein schriftstellerisches Werk zeichnet sich durch einen gewissen Ernst, Heiterkeit, Melancholie und Wehmut aus. Wehmut in Erinnerungen an Masuren, Ernst über die Zeitgeschichte, Gelassenheit durch die Ruhe, die seinen Werken inne wohnt.

In dem Buch „Gespräche unter Freunden“ versammeln sich nach und nach gesammelt aus fünf Jahrzehnten Schriftsteller und Journalisten von Rang und Namen zu gemeinsamen Gesprächen mit Siegfried Lenz.

Hier kommt uns dieser liebenswerte, weise und kluge Autor noch einmal ganz nahe.

Er war keiner, der sich produzierte, keiner, der laut wurde, und dennoch gehörte er zu den bedeutendsten Autoren Nachkriegsdeutschlands nach dem 2. Weltkrieg. Mit seiner leisen Unaufdringlichkeit hat er sich mit den allgemeinen Fragen von Gut und Böse auseinandergesetzt, hat seine Stimme zu wichtigen politischen Themen erhoben und blieb doch immer einer im Schatten.

In den Gesprächen dreht sich u.a. alles immer wieder um das Schreiben und die richtige Position, die Lenz im Leben und im Schreiben einnahm. Klar und deutlich artikuliert er seine Vorlieben für nördliche Landschaften, seine Vorstellung von Pflichtgefühl und seine persönliche Einstellung zu seinen Werken, über die er befragt wird.

Neben dem Freund von Siegfried Lenz, Marcel Reich- Ranicki, kommen Persönlichkeiten wie Manfred Durzak, Ekkehard Rudolf, Pavel Kohut und natürlich Günter Grass zu Wort. Weitere bekannte Namen wie Fritz Raddatz, Heinrich Böll und so viele, die uns im Zusammenhang mit der Gruppe 47, bekannt wurden, tauchen hier noch einmal auf. Die Gruppe 47 war eine Vereinigung deutscher Schriftsteller zur Förderung junger deutscher Talente und zur Reflexion über die eigenen Werke.

Die Spiegelredakteure Volker Hage und Martin Doerry möchten S. Lenz aus der Reserve locken, in dem sie ihn zu kritischen Stellungnahmen ermuntern. Doch S. Lenz lässt sich nicht provozieren.

Eine der schönsten Anmerkungen finden sich im Gespräch mit Loki Schmidt. Hier geht es u.a. um das Thema „Altern“. Beide, Lenz und Loki, können diesem nichts abgewinnen. Loki aber meint, vielleicht ginge es einem gut, wenn man nicht mehr so viel mit bekäme und schon dankbar wäre „…wenn man sich darüber freut, dass man ein Süppchen bekommt, oder dass einen jemand mit einer Decke warm zudeckt“. Auch in diesem sehr anregenden Gespräch bleibt Lenz der Skeptiker und der zurückhaltende Melancholiker, während Loki die frische Zuversicht eines ganzen Lebens in sich trägt.

In den Gesprächen unter Freunden finden sich zahlreiche Einsichten, Stellungnahmen zu politischen und gesellschaftskritischen Themen und immer wieder Einlassungen zu den eigenen Werken.

Sie zeigen einen Schriftsteller, der einen sehr eigenen Weg gesucht und gefunden hat. Sein Ruhm wird hoffentlich anhalten und durch dieses Dokument einen Nachhall finden!

Siegfried Lenz

Gespräche unter Freunden
512 Seiten, gebunden
HOFFMANN UND CAMPE VERLAG, April 2015
ISBN-10: 3455503675
ISBN-13: 978-3455503678
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Ulrike Draesner: Mein Hiddensee

Ulrike Draesner: Mein Hiddensee

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Seit fast zwanzig Jahren zieht es die Autorin immer wieder auf die Insel. Auch jetzt wieder. Sie hat ihr Kind dabei und den Hund. Und ihren Mann, der aber nicht mehr an ihrer Seite ist und eine neue Partnerin hat. Vielleicht ist das der Grund, dass die Autorin von außen auf die Szene schaut und nicht in der Ich-Perspektive schreibt. Nicht mal Namen werden genannt. Das sorgt für den nötigen Abstand, lässt vielleicht auch den Schmerz außen vor. Ich kann mich allerdings mit dieser Art zu schreiben nicht anfreunden. Alles wirkt oberflächlich. Natürlich verwendet die Autorin für ihre Beobachtungen reichlich aussagekräftige Wörter. Aber es ist, als blicke man durch einen Schleier. Als würde die Schönheit der Natur herangezogen als Ablenkung. Um andere Gedanken abzugrenzen. Aber um Selbstfindung scheint es auch nicht zu gehen. Auch nicht um den Entwurf eines neuen Lebenskonzeptes. Vielleicht um die Betäubung der Sehnsucht nach einem Leben in einer stabilen Partnerschaft. Denn Sehnsucht ist es auch, die die Autorin immer wieder auf Hiddensee zieht. Aber auch hier nagt der Zahn der Zeit. Alles verändert sich. Die Natur gibt und nimmt. Geht es um die Vergänglichkeit der Zeit? Der ablaufenden Zeit? Anderen vor ihr ging es so. Darunter berühmte Menschen, die nur noch Erinnerung sind.
Die Stimmung im Buch ist durchweg melancholisch. Die Natur ist nicht immer nur schön und anschaulich. Nicht selten bläst ein harter Wind. Kaum, dass man sich auf den Beinen halten kann. Die Landschaft ist mitunter karg und von entsprechendem Bewuchs. Ruhe zu finden, scheint kaum möglich, der Wind bläst das Gehirn einfach nicht leer. Die Bilder zeigen eine Vision der wahren Gefühle. Gefühle, die nicht länger unterdrückt oder weggeschoben werden können. Die Autorin mal diese Bilder jedoch so, dass ich sie nicht sehen kann, auch wenn das Buch schon ein bisschen nachdenklich macht. Aber wirklich Zugang habe ich nicht gefunden.

Rezension von Heike Rau

Ulrike Draesner
Mein Hiddensee
192 Seiten, gebunden
Mare Buchverlag
ISBN-10: 3866482132
ISBN-13: 978-3866482135
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Chantal Louis: Ommas Glück

Chantal Louis: Ommas Glück

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Formen der Demenz und wie mit ihnen umgehen. Heim oder daheim das ist hier die Frage.

„Ommas Glück“ ist die nette Geschichte über Chantal Louis’ Großmutter, die nach einigen Fehlläufen in einer Demenz-WG gelandet ist.
Im schönsten Ruhrpottdialekt werden die Besonderheiten des Alters und der in diesem Fall damit einhergehenden Demenz beschrieben.
Teilweise geht es da lustig und heiter zu, immer aber leicht und unbeschwert. Die Autorin erzählt von den fabelhaften Altenpflegerinnen, die mit so viel Geschick und Klugheit ihre ihnen anvertrauten Pfleglinge aus den Wirrnissen ihrer Empfindungen in die realen Gegebenheiten (essen, trinken, kleiden) führen. Sie sind geduldig, liebevoll und voller Empathie. Dass es Menschen gibt, die sich zu dieser Art Betreuung berufen fühlen, ist wunderbar. Ja, das wäre die ideale Voraussetzung, um auch diese Phase des Lebens zu meistern!
Doch wie sieht die Realität wirklich aus? Was wird nahen Angehörigen abverlangt, die zunächst jahrelang das Abgleiten ihrer Eltern, Geschwister, Ehepartner oder Großeltern erleben und erleiden?

Da ist einer ja nicht von Heute auf Morgen dement. Da gibt es gleitende Übergänge und eine Gratwanderung zwischen normal und irreal. Vergesslichkeiten, den ganzen Tag lang Fragen nach diesem und jenem, Verlegung von wichtigen Akten, Papieren und anderer Kleinigkeiten und ein unentwegtes Nähebedürfnis, im einen Fall mehr im anderen weniger, machen den Angehörigen, meistens den Ehefrauen oder Töchtern, zu schaffen. Das zerrt an den Nerven und macht auf die Dauer wütend, unduldsam und krank. Natürlich bleiben auch die „guten Ratschläge“ von allen jenen nicht aus, die aus der Ferne alles so gut zu durchschauen meinen und nach einem kurzen Besuch, in dem sich der/die demente Person von der besten Seite zeigt, genau Bescheid zu wissen glauben. Es gibt sogar Angehörige, die es den nahestehenden Betroffenen übel nehmen, wenn sie „Omma“ oder „Oppa“ ins Pflegeheim vermeintlich „abschieben“.

Wie stark sind erst die Schuldgefühle, wenn man wieder einmal merkt, dass man den anderen beschimpft und ermahnt hat, wo er doch eigentlich „nichts dafür“ kann! Das kann Jahre so gehen, und die Angehörigen werden sich sehr schwer tun, ihre „Omma“ oder den „Oppa“ ins Pflegeheim oder gar in eine WG zu geben.

Diese WGs, das bleibt nicht ungesagt, haben mit zahlreichen Unbilden zu kämpfen. Da geht es um Mietverträge, Verantwortlichkeiten, Versicherungen und Haftungen. Wer bestellt den richtigen Pflegedienst und übernimmt die Gehaltszahlungen? Was, wenn eine Pflegekraft plötzlich ausfällt, sei es durch Krankheit oder anderer Gründe wegen?
Was als Ei des Columbus erscheint, ist in Wirklichkeit mit unendlicher Mühsal und Arbeit verbunden. Dazu gehört Idealismus und Einsatzbereitschaft. Es klingt alles so verlockend und simpel. Doch fürchte ich, diese Wohnform für Alte wird auf lange Zeit Utopie bleiben.

Chantal Louis hat sich sicher verdient gemacht, indem sie einmal mehr auf das Thema „Demenz“ und ihre Folgen aufmerksam macht.
Ihr Buch beinhaltet wichtige Aspekte der Unterbringung und gibt wertvolle Hinweise. Doch eine Lösung für das Thema Demenz bietet sie nur sehr in Grenzen.

Chantal Louis
Ommas Glück
208 Seiten, broschiert
KiWi-Paperback, März 2015
ISBN-10: 3462047183
ISBN-13: 978-3462047189
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Édouard Louis: Das Ende von Eddy

Édouard Louis: Das Ende von Eddy

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Geboren im Elend und auferstanden…

Mit ungeheurer Sprachgewalt zieht uns dieser Roman von Édouard Louis in seinen Bann. Hier spricht einer aus Erfahrung vom Abgrund des Daseins.

Hoch im Norden Frankreichs befindet sich ein Dorf in der Picardie, in dem die Handlung angesiedelt ist. Die Männer arbeiten in der Fabrik, und die Frauen haben sich um die zahlreichen Kinder zu kümmern und müssen das Überleben der Familie sichern. Ein „Fehler“ in ihrer Entscheidung kann das ganze Budget über Bord werfen. Die Mutter erkannte nicht, … “das, was sie ihren Fehler nannte, ganz im Gegenteil durch ein Regelwerk vollkommen absehbarer Mechanismen bedingt war, geradezu ausweglos von vornherein festgelegt.“ (S.64)

Als kleiner, schmächtiger Junge wird Eddy schon von seinem Vater als Enttäuschung erlebt. Er ist kein „ganzer Kerl“ im Sinne der Gemeinschaft. Da muss man stark und durchsetzungsfähig sein. Von Jungen in seiner Schule wird er gehänselt und malträtiert. Seine feminine Seite fordert zu Quälereien heraus, die unmenschlich erscheinen. Sein Schwulsein macht ihm schwer zu schaffen, und der von ihm beschriebene Kampf gegen das Anderssein ist erschütternd. Grausamkeit ist Bestandteil in einer Gesellschaft, die beständig am Abgrund lebt. Hier herrschen raue Sitten in den Familien und in der Dorfgemeinschaft.

Kälte, Hunger, Alkohol und dürftigste Lebensbedingungen haben zu einer Verrohung der Umgangsformen beigetragen. Wut, Angst, Hass und Gewalttätigkeit prägen das Leben. Da ist der kleine, zarte Eddy Opfer nicht nur seiner Mitschüler, sondern gleich der ganzen Dorfgemeinschaft. Als Schwuchtel und Tussi wird er, der so gerne in Mädchenkleidern lebt und mit Puppen spielt, verhöhnt. Das ist ein schreckliches Leben. Archaische, patriarchale und gewalttätige Machtstrukturen machen das Leben und Überleben schwer.

Die Dürftigkeit der Behausungen und die Armut erinnern an die Romane von Émile Zola, der die Not der Fabrikarbeiter als Folge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert in seinen Romanen heraufbeschworen hat.

Die Sprache ist rüde und ungepflegt. Eddy durchläuft alle Schikanen der Erniedrigung, bis er sich aus diesem Sumpf zu befreien lernt.

Dieser Roman ist von außerordentlicher Brisanz. Zeigt er doch das Elend der Menschen in den „Banlieue“, den Randgebieten um Frankreichs Großstädte herum und in den großen Industriezentren.

Die differenzierte Betrachtungsfähigkeit von Édouard Louis ist beachtlich und zieht einen absolut in Bann. Das Bild auf dem Klappentext zeigt einen empfindsamen und wachen jungen Mann. Er studiert inzwischen Soziologie in Paris. Sein altes „Ich“ hat er hinter sich gelassen. Sehr lesenswert!

Édouard Louis
Das Ende von Eddy
208 Seiten, gebunden
FISCHER, Februar 2015
ISBN-10: 3100022777
ISBN-13: 978-3100022776
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Philippe Pozzo di Borgo: Ziemlich beste Freunde

Philippe Pozzo di Borgo: Ziemlich beste Freunde

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Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Wie viel Lebensmut und Optimismus muss er in sich tragen, um so humorvoll über das Leid seines Lebens schreiben und berichten zu können?

Ohne Dramaturgie schildert der Autor autobiografisch aus seinem Leben, angefangen von der Kindheit bis hin zur Gegenwart in dieser überarbeiteten Auflage nach den Dreharbeiten zur Verfilmung des Buches. Über dieses Buch zu sprechen führt automatisch hin zu einem Gespräch über diesen Menschen Pozzo di Borgo. Einen Menschen, den all sein Lebensmut auch nach schweren Tiefschlägen nicht verlassen hat, dessen Geschichte zwei Filmemacher aufgegriffen haben, weil sie unbedingt verfilmt werden musste.

Der Autor ist hineingeboren und aufgewachsen in eine reiche Familie, der Champagner-Familie Moët. Er verlebte die Kindheit eines reichen Schnösels mit seinen Geschwistern. Doch beim Studium lernte er wie auch andere 68er die Lehren von Marx und Engels kennen, die ihn an seinem schönen Leben zweifeln ließen. Zu dieser Zeit lernte er Beatrice kennen, mit der er jede Minute seines Lebens verbringen wollte. Er bekam hochdotierte Posten in den Konzernen seiner Familie, zu welcher auch die Marke „Louis Vuitton“ gehört. Er arbeitete sehr viel und heiratete irgendwann Beatrice. Es schien alles perfekt. Doch Beatrice bekam eine Fehlgeburt nach der anderen. Der Kinderwunsch beider wurde trotz des Geldes nicht gestillt. Bis sie schließlich Kinder adoptierten. Dann wurde bei Beatrice Krebs diagnostiziert. Auch hier halfen kein Geld der Welt und nicht die besten Kliniken. Philippe war stets an ihrer Seite. Seinen Job stellte er hinten an bzw. absolvierte er in weniger Zeit wesentlich intensiver. Als Ausgleich diente ihm Gleitschirmfliegen. Doch dann passierte 1993 der Unfall. Bis auf seinen Kopf und „etwas Leblosem zwischen seinen Lenden“ bewegte sich gar nichts mehr. Da trat Abdel in sein Leben. Abdel kannte bis zu diesem Zeitpunkt nur das Leben auf der Straße und lebte von Drogenhandel, Diebstahl und anderen Delikten. Pozzo di Borgo lernte nach Beatrice zum zweiten Mal einen Menschen kennen, dem er sich auf Gedeih und Verderb auslieferte, obwohl dieser aus einer ganz anderen Gesellschaftsschicht stammte.

Humorvoll und mit einer gehörigen Prise Sarkasmus und Ironie hat der Autor sein Leben niedergeschrieben. Der Leser spürt jede Depression, die der Autor bei einem Tiefschlag wie dem Tod seiner Frau, erleidet. Aber er will den Lesern nichts vorheulen und über das verpasste Leben klagen. Er will ihnen zeigen, dass es immer weiter geht, egal, was passiert. Dabei vergisst er sein Leid nicht, wie sollte er auch, wo er seinen Rollstuhl doch mit dem Mund bedienen muss. Das ist so geschickt in die humorvollen Szenen eingearbeitet, dass auch der Leser bei lauter Lachen immer wieder in die Realität des Autors zurückgeholt wird. Wenn das Buch auch nicht wie ein fiktiver Roman mit Dramaturgie aufgebaut ist, so ist es doch so interessant geschrieben, dass man unbedingt wissen möchte, wie das Leben dieses optimistischen Menschen weitergeht. Darin liegt ein besonderes Moment der Spannung. Und wer den Film vor dem Buch gesehen hat, darf sich auf ein ebenso schönes, aber anderes Ende freuen.

Pozzo di Borgo, Philippe
Ziemlich beste Freunde
aus dem Französischen von Dorit Gesa Engelhardt, Marion Ruß und Bettina Bach
FISCHER Taschenbuch, Frankfurt
ISBN 9783596513178
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Cecilie Enger: Die Geschenke meiner Mutter

Cecilie Enger: Die Geschenke meiner Mutter

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Im Licht der Vergänglichkeit…

In diesem Buch der Erinnerung kann man sich noch einmal die Geschichte einer Familie vergegenwärtigen, die fast ein ganzes Jahrhundert umfasst.

In einer stillen Stunde kehrt Cecilie in das Haus ihrer Eltern zurück, um den Haushalt aufzulösen. Verbunden mit der Haushaltsauflösung ist der Abschied vom Haus der Mutter und von zahlreichen Gegenständen, die Cecilie an ihre Kindheit und Jugend erinnern.

Die Familie lebt in Norwegen und wir schreiben das Jahr 2010.

Es bleibt nicht aus, dass dieser Abschied auch schmerzliche Gedanken hervorruft, denn die Mutter ist an Alzheimer erkrankt und lebt sei kurzem in einem Pflegeheim. Dass der Augenblick der Trennung kommen würde, war allen bewusst. Doch die Realität ist oftmals weniger leicht auszuhalten als die Angst davor.

Nun steht Cecilie mit ihren Erinnerungen alleine da mit dem Wust an Gegenständen, Möbeln und nicht zuletzt Aufzeichnungen ihrer Mutter. Unter anderem findet sie eine sorgfältig erstellte Liste mit Geschenken, die im Laufe eines langen Lebens an Angehörige und Freunde zu den Jahrestagen und Festen gegangen sind. Anhand dieser Erinnerungsstücke geht Cecilie Enger zurück zu den Zeiten, als sie noch ein Kind war und Freude hatte an den zahlreichen Freunden und Verwandten der Familie und an all’ den schönen Festen und Tagen der Heiterkeit.

Cecilie Enger versteht mit ihren Einfällen umzugehen und andere an diesem Geschehen teilnehmen zu lassen. Sie wechselt gekonnt zwischen Gegenwart und Vergangenheit und spinnt den Faden der Geschichte fort, bis ein rundes Familienbild entsteht.

Aus dem Licht der Vergangenheit treten Gestalten und Orte hervor und verzaubern noch einmal mit ihrer Originalität und Lebendigkeit den Leser, der angeregt von diesen Aufzeichnungen auf die eigene Lebensgeschichte stößt. Ein wenig melancholisch fühlt sich das an, wie hier ein langes Leben am inneren Auge der Autorin vorbei zieht, ein Leben, das nun bald endgültig der Vergangenheit angehören wird. Stimmungen von Ort und Zeit nehmen Gestalt an und lassen einem Roman gleich die Charaktere lebendig werden. Und wieder einmal merkt man, wie jedes Leben einem Roman gleicht und umgekehrt Romane echtes Leben widerspiegeln können. Ein schönes und lebensnahes Buch ist entstanden, an dem sich viele Leser erfreuen werden!

Die Autorin ist 51 Jahre alt und lebt in Norwegen. Sie ist Journalistin und hat für dieses Buch den Preis norwegischer Buchhändler bekommen.

Cecilie Enger

Die Geschenke meiner Mutter
272 Seiten, gebunden
Deutsche Verlags-Anstalt, September 2014
ISBN-10: 3421046522
ISBN-13: 978-3421046529
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Adriana Altaras: Doitscha

Adriana Altaras: Doitscha

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Familienchaos…

Ariana Altaras hat nach dem großen Erfolg von „Titos Brille“ eine neue unterhaltsame Geschichte über ihre gegenwärtige Familie, mit der sie in Berlin lebt, geschrieben. Es gelingt ihr, in Gestalt ihrer drei „Männer“ eine realistische Show zu illustrieren. Ihr Mann George, der kleine Sohn Sammy und der Ausbund an Rebellion David bieten genügend Erzählstoff, dass daraus eine lustige Familiengeschichte werden kann. Adriana Altaras hält mit gekonntem Sprachwitz und einem Humor, der sie auch in anstrengenden Situationen nie verlässt, diese Familienbande zusammen.

Zentrale Figur wird notgedrungen David, der sich in der Pubertät befindet und zu andauernden aufsässigen Zumutungen neigt. Seine Auseinandersetzungen mit dem Vater sind Legende, und der Sohn nennt ihn verächtlich „doitscha“, weil er kein Jude ist. Adriana bedient sich in ihrer Familienerzählung der Alltagssprache heutiger kunterbunter Jugendgangs. Dass dabei leider ein wenig ruppig mit der Sprache umgegangen wird, ist wohl unumgänglich. Neben dem Alltag spielen die jüdischen Verwandten wie immer eine tragende Rolle.

Die temperamentvolle Mutter Adriana setzt sich mit ihren Kindern und den Verwandten permanent auseinander. Es ist der liebevolle und mitreißende Humor, der dieser Geschichte ihren Rang zuweist. Schnodderig und schnell fließen die Sätze aus dem Mund der Mutter, und man hat seine liebe Not, mitzuhalten. Aus der wechselnden Sicht eines jeden Protagonisten werden die Episoden erzählt. Auf diese Weise ist eine muntere Bestandsaufnahme entstanden.

So ganz reicht diese Geschichte nicht an „Titos Brille“ heran. Vielleicht sind manche Episoden gar nicht so unbedingt „jüdisch“. Gibt es doch auch unter den „doitschen“ Familien heute so manche Mär von Rabaukentum und pubertärer Aufsässigkeit zu berichten, an denen der eine oder andere Elternteil verzweifeln mag. Was bleibt, ist Altaras augenzwinkernde Gutmütigkeit, mit der sie das Familienschiff durch so manche Stürme zu begleiten versucht.

Adriana Altaras
Doitscha
272 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, November 2014
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3462047094
ISBN-13: 978-3462047097
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Giovanni di Lorenzo: Vom Aufstieg und anderen Niederlagen

Giovanni di Lorenzo: Vom Aufstieg und anderen Niederlagen

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Schon der Titel des Buchs von Giovanni di Lorenzo weist uns in seiner Widersprüchlichkeit auf Gespräche hin, die in ihrer Offenheit sowohl Erfolge als auch Niederlagen einer Reihe angesehener Persönlichkeiten des öffentlichen und privaten Lebens offenbaren.

In den zahlreichen Interviews, die GdL in 33 Jahren seiner Karriere als Journalist geführt hat, erfahren wir einiges über Menschen, die uns im täglichen Leben als Regisseure oder Politiker, als Schauspieler, Sportler oder in diversen anderen öffentlichen Rollen aller Art begegnet sind.

Gelungen ist G. di Lorenzo eine Innenansicht der Interviewten, die man so nicht kannte. Mit einfühlsamen und gezielten Fragen öffnen sich die Herzen, die uns Einblicke in die persönliche Erfahrungswelt dieser Erfolgreichen und weniger Erfolgreichen gestatten.

Ob es sich um den Bundespräsidenten Gauck handelt oder um den Schauspieler Armin Mueller-Stahl, um den Regisseur Helmut Dietl, die Geigerin Anne Sophie Mutter oder alle die anderen, die ich hier nicht alle aufzählen kann: ihm gelingt mit seinen Fragen, dass die Betreffenden sich öffnen und uns den Blick in ihr Inneres gewähren. Es sind Menschen, die wir bewundern, ablehnen oder sonst wie bemerkenswert finden.

Auffallend ist die Sichtweise derjenigen, die ein langes Leben hinter sich haben. Von zuversichtlich Hoffenden geht der Blick doch auch in eine Richtung, in der sich im Alter Lebensklugheit mit Enttäuschung paart, ja, gelegentlich auch Resignation anklingen lässt.

Und wie beruhigend ist es, zu wissen, dass wir so wie die Interviewten alle nur Menschen sind, mit kleinen oder großen Sorgen, mit Eitelkeiten, Empfindlichkeiten, Vorlieben, Abneigung und sogar Hass!

Die feine Sensibilität, mit der Giovanni di Lorenzo seinen Partnern im Gespräch begegnet, seine Fähigkeit, gut zuhören zu können, sich selber ganz zurückzunehmen und durch seine klugen Fragen dem Gegenüber die Möglichkeit einer sorgfältigen Entfaltung zu bieten, macht diese Sammlung von Gesprächen zu einem wichtigen Zeitdokument. Es ist zugleich ein „who is who“ in der Bundesrepublik Deutschland.
Man liest die Aufzeichnungen neugierig, ein wenig voyeuristisch und alles in allem mit Gewinn.

Giovanni di Lorenzo
Vom Aufstieg und anderen Niederlagen
352 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Oktober
ISBN-10: 3462047108
ISBN-13: 978-3462047103
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Ulla Lachauer: Der Garten meines Lebens – Die Geschichte der Sesterhof-Bäuerin

Ulla Lachauer: Der Garten meines Lebens – Die Geschichte der Sesterhof-Bäuerin

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Ulla Lachauer, Dokumentarfilmerin und Journalistin, erzählt in ihrem von Bigi Möhrle reich bebilderten Buch von Agnes Sester. Die 87-jährige lebt auf einem Bauerhof im Kinzigtal zu Füßen des Schwarzwaldes. Die Liebe der alten Bäuerin gehört neben ihrer Familie dem Garten. Auch darauf liegt ein Schwerpunkt, den die Autorin setzt, denn diese Biografie soll auch ein Gartenbuch sein.

Erinnerungen werden wach. Agnes Sester erzählt. Von ihrer Kindheit, dem Zweiten Weltkrieg und der Zeit danach, dem Traum vom eigenen Bauernhof, der Heirat, der Geburt der Kinder und den frühen Tod ihres Mannes. Den Lebensunterhalt sichert der Bauernhof, der sich wandelt im Laufe der Jahrzehnte.
Agnes Sester ist offen für Neues, das auch Einzug hält auf dem Hof. Man muss mitgehen mit der Zeit. Und so kommen Urlaubsgäste auf den Hof, die angetan sind von der Ruhe, den Tieren und dem Garten. Hier wachsen nicht nur Gemüse, obwohl das einst so war, sondern bald auch Beerenobst und Blumen. Agnes Sester mag Blumen. Bunt soll alles sein. Die stimmungsvollen Gartenbilder sind schön anzusehen.

Als Leser kann man mit verfolgen, wie die Familie größer wird und wie der Hof sich entwickelt. Viele Fotos illustrieren den Text. Die Schar der Enkelkinder wächst. Eine der Töchter übernimmt mit ihrem Mann den Sesterhof. So manche Traditionen wir fortgeführt. Zur Kirschenzeit gibt es Kriese-Plotzer, im Sommer zu Mariä Himmelfahrt werden Kräuterbüschel gebunden, nach Weihnachten wird der Schnaps gebrannt.

Die Lebensgeschichte von Agnes Sester ist auf eine sehr berührende Art und Weise geschrieben. Es gibt so viele emotionale Momente. Hell und Dunkel sind nah beieinander, wie Agnes Sester sagt. So mache Erinnerung weckt Wehmut. Die Hoffnung bleibt. Nächstes Jahr, auch wenn Agnes Sester auf ihre alten Tage nicht mehr so viel tun will wie im letzten Jahr, wird sie vielleicht wieder einen Kriese-Plotzer backen.

Rezension von Heike Rau

Ulla Lachauer
Der Garten meines Lebens – Die Geschichte der Sesterhof-Bäuerin
Mit Fotografien von Bigi Möhrle
158 Seiten, gebunden
Verlag Eugen Ulmer
ISBN-10: 3800182599
ISBN-13: 978-3800182596
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Paul Auster und J. M. Coetzee: Von hier nach da

Paul Auster und J. M. Coetzee: Von hier nach da

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Reflexionen über die eigene Arbeit und die Welt. Ein Gedankenaustausch.

Von hier nach da wandern die Gedanken zweier hoch renommierter Autoren.

Paul Auster und J. M. Coetzee haben von 2008 – 2011 einen intensiven Briefaustausch gepflegt. Beide Autoren sind einer breiten Leserschaft durch ihre Bücher gut bekannt. Sie fühlen sich offensichtlich seit ihrer ersten Begegnung in herzlicher Freundschaft verbunden. Coetzee ist hier der Ältere und Scheuere von beiden. Er hat sich in der Öffentlichkeit bisher immer sehr zurückgehalten. Umso erstaunlicher sind seine Offenbarungen über kleine lässliche Sünden wie stundelange Sportschauen und seine Begeisterung für das Schachspiel.

Es ging den beiden Autoren insgesamt um Reflexionen grundsätzlicher Art wie die über Freundschaft, Mann und Frau, Befinden, Lesungen, Reisen und vieles andere mehr. Sie gestatten hier einen kleinen Blick in ihre Gefühlswelt.

Ihr Gedankenaustausch dreht sich weiter um die Bedeutung von Sport im allgemeinen, um Politik und um die Bedeutung des Sprache für den Schriftsteller. Wie etwa findet man die richtigen Namen für die Romanfiguren?

Auster und Coetzee sprechen die gleiche Sprache, mit der sie sich über diverse Themen unterhalten. In zahlreichen Fragen herrscht Einigkeit, in anderen geht es darum, sich gegenseitig zu ergänzen. Selten schreiben sie von persönlichen Dingen aus dem Alltagsleben. Doch die intensive Freundschaft, die sie verbindet, findet man fast in jedem Wort und Satz. Sie geben sich gegenseitig Trost, wenn z.B. Leser in kritischen Briefen monieren, dass die behandelten Themen nicht den anerkannten ethischen Regeln entsprechen. Ob Antisemitismus oder Mord im Krimi: im Roman versucht der Autor eine fiktive Geschichte zu schreiben, die nicht immer der Auffassung des Dichters entspricht. Oder müsste man etwa den Mord im Krimi als vom Autor gebilligt betrachten, weil er darüber schreibt?

Der Gedankenaustausch erfolgt auf hohem Niveau und bringt einem das Leben als Schriftsteller näher. Da gibt es durchaus Zweifel und immer wieder auch den Arbeitsstress, mit dem man sich über die eigene Arbeit austauscht.

Angeregt legt man das Buch aus der Hand, bereichert durch den Ideenreichtum, mit denen Schriftsteller ihre Welt und Umwelt betrachten. Es ist gut, einmal hinter die Kulissen zu schauen, um zu erfahren, wie Dichter leben, womit sie sich befassen und wie schwer es ist, ein richtig gutes Buch zu schreiben!

Paul Auster und J. M. Coetzee
Von hier nach da
288 Seiten, broschiert
FISCHER Taschenbuch, Mai 2014
ISBN-10: 3596196876
ISBN-13: 978-3596196876
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