Georgi Gospodinov: Zeitzuflucht

Georgi Gospodinov: Zeitzuflucht

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Es ist eine schöne Illusion, sich vorzustellen, man könne sich aussuchen, in welchem Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts man gerne leben würde. Diese Utopie hat sich Georgi Gospodinov zum Thema seines vorliegenden Romans genommen.

Beginnend mit Gedanken an den Anfang der Menschheit setzt ein Satz dem Suchen danach ein Ende: „Am 1. September 1939 früh am Morgen kam das Ende der menschlichen Zeit“(S.18)
Jeder weiß, was mit diesem Datum gemeint ist!
Nach dieser Einführung beginnt ein Roman, der seinesgleichen sucht.

Ein ungenannter Schriftsteller in Sofia/Bulgarien berichtet von zahlreichen kleinen Beobachtungen und Entdeckungen, die darin gipfeln, dass er einen alten Freund sucht. Es handelt sich um Dr. Gaustin, einem exzentrischen Flaneur und Arzt, den er überraschend in Zürich wiederfindet. Gaustin will eine seltene Form von Geriatrie für Demenzkranke gründen. Der Erzähler soll ihm dabei behilflich sein. Es soll das „Haus der Vergangenheit“ heißen. In diesem Haus wird es verschiedene Zeitebenen von den vierziger bis in die neunziger Jahre geben. In einzelnen Zimmern sind Interieur und Aufmachung den Zeitebenen entsprechend eingerichtet. Hier kann man sich aussuchen, in welcher Zeit man leben will. Nicht nur die Vergesslichen des Alters finden ihren Raum, zunehmend wollen auch Gesunde gerne einkehren.

Zu den Zeitebenen passt die Erwähnung politischer Personen oder Ereignisse: Musik, Schlager, Rebellion der 68sechziger, Gerüche, Reagan, Kohl und Gorbatschow, Zitate von Thomas Mann bis Einstein und so fort.
Auf die Frage des Erzählers nach den 40ziger Jahren und dem Krieg antwortet Gaustin zum ersten Mal: “ich weiß es wirklich nicht“S.101)

Eingeflochten in die Geschichte findet man wunderbare poetische Beobachtungen von Landschaften, Städten und nicht zuletzt Passagen der Biographie des Erzählers. Sie bieten den Bezug zur Realität.

In einem zweiten Teil des Romans erzählt Gospodinov von einem Referendum, bei dem in den europäischen Ländern über die Möglichkeit eines Lebens in längst vergangenen Jahrzehnten abgestimmt werden soll. Wir sind im Heute angekommen mit allen Möglichkeiten der Technik beim Aushorchen und der Manipulation.
Wozu diese Utopien führen können, zeigt uns prophetisch Moskau mit seinem „Zurück zu den alten Grenzen der Sowjetunion“.

Georgi Gospodinov ist ein begnadeter Erzähler. Ihm purzeln die Ideen nur so aus der Feder.
Sie sind teils witzig, teils skurril und teilweise ernst. Sie reichen von der griechischen Mythologie zu einzelnen Geschichtsereignissen und sehr realen Gedanken über das Heute. Sie wechseln von Einzelschicksalen ins Globale und irrlichtern zwischen den Zeiten hin und her. Gelegentlich sind sie irritierend bis irrwitzig, weil am Ende niemand mehr weiß, ist der Autor real oder ist es eher die von ihm erfundene Figur Gaustin. Auf jeden Fall werden in dem Roman hintergründig philosophisch und reflektierend die vergangenen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts unter die Lupe genommen. Es ist ein überwältigendes Werk in der Übersetzung von Alexander Sitzmann.

Georgi Gospodinov ist in Bulgarien geboren. Er hat für seine Romane zahlreiche Preise gewonnen.

Georgi Gospodinov
Zeitzuflucht
Aufbau, 3. Auflage, März 2022
342 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3351038895
ISBN-13: ‎978-3351038892
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Liz Nugent: Auf der Lauer liegen

Liz Nugent: Auf der Lauer liegen

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Ein Krimi der Extraklasse!

Der Kriminalroman von Liz Nugent beginnt im ersten Satz mit einem Mord!
Man weiß gleich, wer das Opfer und wer die Täter sind. Insofern ist die Geschichte ungewöhnlich.

Erst bei der Suche nach dem Mörder seitens der Polizei kommen alle möglichen Figuren mit ins Spiel. Und nicht nur das: die ganze Recherche wird von Bekannten des Opfers ausgelöst, denn Spurensuche und Gründe für den Mord bilden das eigentliche Thema.

Was mögen die Hintergründe für den Mord sein?

Hören wir zuerst die Geschichte des Ehepaares Lydia und Andrew Fitzsimons.
Sie sind ein glücklich verheiratetes Paar. Ein Sohn Laurence krönt ihr Glück. Der Junge neigt leider zur Fettsucht und ist wenig anziehend für Mädchen seines Alters.

Die Familie lebt in einem geerbten Familienhaus in Irland. Sie sind begütert, denn Andrew ist ein angesehener Richter. Lydia ist allerdings recht labil. Sie ist versessen darauf, viele weitere Kinder zu haben und macht damit ihrem Mann und Sohn das Leben schwer. Der Junge kann sich kaum den Fängen ihrer Liebe entziehen, was wohl seine Fettsucht mit verursacht.

Mit großartigem psychologischem Gespür für das Absurde im menschlichen Handeln nimmt uns die Autorin mit auf die Suche nach den Hintergründen, die zum Mord an einer jungen Frau geführt haben.

Feinsinnig und mit ausgefallenen Tricks entziehen sich die Mörder ihren Verfolgern.

Annie ist das Mordopfer. Ihre Schwester Karen wird Model, ist bildschön und will die Mörder ihrer Schwester finden.

Laurence findet endlich eine Freundin, zu deren Gefolge Karen gehört. Man wird unschwer merken, dass Laurence hoffnungslos in Karen verliebt ist. In dem verwickelten Geschehen geraten die Beziehungen der Protagonisten untereinander allmählich aus den Fugen.
Mehr soll hier nicht verraten werden.

Verlierer sind in diesem Roman die Männer, während Lydia sich als pathologische Intrigantin und Ränkeschmiedin zeigt.

In einer langen und faszinierenden Handlung wird Stein um Stein in den Weg und wieder aus dem Weg geräumt, bis man zum wirklich schauerlichen Schluss gelangt. Spannung pur in diesem außergewöhnlichen Thriller!

Die Autorin Liz Nugent stammt aus Dublin. Sie ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Ihre Romane erscheinen in fünfzehn Sprachen. Auf dem Klappentext wird sie euphorisch als „neue Königin des irischen Krimis“ gefeiert.

Liz Nugent
Auf der Lauer liegen
Steidl Verlag, August 2022
368 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3969991080
ISBN-13: 978-3969991084
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Saskia Louis: Die Lügenkönigin

Saskia Louis: Die Lügenkönigin

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„Die Lügenkönigin“ folgt auf „Die Lügendiebin“ und so muss Fawn nun mit Verrat und Enttäuschung fertig werden und einsehen, dass sie sich in Caeden getäuscht hat. Mit ihrer Befreiung aus den Händen der Roten Magier nimmt ihr Schicksal erneut ein Wende. Doch haben ihre Retter eine besondere Aufgabe für sie im Sinn. Mit ihren magischen Kräften soll Fawn dabei helfen, die Königsfamilie zu entmachten. Der Preis wäre hoch und es würde auch Unschuldige treffen. Deshalb hinterfragt Fawn das Ansinnen. Ihre Fähigkeit, Lügen zu entlarven, hilft ihr dabei. Doch wird sie mit einer Wahrheit konfrontiert, die ebenfalls unglaublich ist.

Die Geschichte um Fawn und Caeden entwickelt sich nahtlos weiter. Es ist also wichtig, das erste Buch zu kennen. Fawn scheut keine Gefahr. Sie hinterfragt das Machtkonstrukt der Königsfamilie und dessen Bedeutung für das Leben der Menschen in Mentano und ist begierig darauf, Antworten zu finden. Lügen als solche zu erkennen, ist für sie einfach. Weniger einfach ist es, die Gründe dafür herauszufinden. Doch nur so lässt sich die Wahrheit ergründen, die auch mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihrer Familie zu tun hat.

Fawn und Caeden begegnen sich natürlich in diesem zweiten Band wieder. Doch sind die Gefühle nun von Enttäuschung geprägt. Dennoch ist eine unterschwellige Verbindung spürbar, welche die Autorin immer weiter ausbaut. Sie findet Worte für tiefe Gefühle und versteht es, sie besonders emotional zu beschreiben, sodass es leicht fällt, mitzufühlen. Magie in verschiedenster Form zeigt sich offensichtlich, aber auch zwischen den Zeilen.

Es kommt einem Abenteuer gleich, das Buch zu lesen. Die Geschichte ist einzigartig, sehr spannend und von Überraschungen und fantasievollen Einfällen geprägt. Der Lesefluss ist perfekt, auch weil die Autorin so lebendig schreibt und stets einem roten Faden folgt. Mühelos lässt sie faszinierende Bilder entstehen. Und so erfährt die Geschichte auch einen schlüssigen Abschluss.

Am Ende des Buches befindet sich ein hilfreiches Glossar mit Erklärung zu Begriffen aus der Welt Mentanos.

Rezension von Heike Rau

Saskia Louis
Die Lügenkönigin
416 Seiten, gebunden
Ueberreuter Verlag, Juli 2022
ISBN-10: 3764171294
ISBN-13: 978-3764171292
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Joseph Roth: Hiob

Joseph Roth: Hiob

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Es gilt in dem vorliegenden Roman von Joseph Roth einen der großartigsten Schriftsteller der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts aus dem jüdischen Milieu Ostgaliziens neu zu entdecken oder wiederzuentdecken.

Der LIWI Literatur- und Wissenschaftsverlag hat den Roman neu aufgelegt und damit in den Blick des geneigten Lesepublikums gerückt.

Hiob, die biblische Leidensfigur des Alten Testamentes, findet sich in der Figur des Mendel Singer im Roman wieder. Er ist jüdisch-orthodoxer Thoralehrer in einem fiktiven Dorf in Ostgalizien.

Man fühlt sich sofort in die ärmliche Schule mit dem frommen Rabbi versetzt, wenn man die ersten Zeilen liest. Mendels Frau und seine drei Söhne mit der Tochter Miriam gehören als Familie dazu.
Das Leben ist karg und die Lebensbedingungen hart.
Der jüngste Sohn Menuchim ist zudem ein Krüppel, der nicht recht gedeihen will.

Mendel Singer muss viel Leid erfahren in seinem Leben. Ein Sohn geht zum Militär, der andere entzieht sich und wandert aus nach Amerika. Miriam aber lässt sich mit den Soldaten ein und bringt Schande über ihn.

Schließlich wird Mendel mit Frau und Tochter von seinem Sohn Schemarjah, der sich jetzt Sam nennt, für ein besseres Leben nach Amerika geholt. Menuchim müssen sie zurücklassen.

Der erste Teil des Romans ist ganz der Atmosphäre im Schtetl gewidmet. Nachbarn, Freunde und die kleinen Freuden des Alltags sind bildreich beschrieben. Man hört viel Wehklagen und Seufzen aus dem Werk. Deborah führt den Haushalt, und Mendel beklagt sein Schicksal, das ihm in Gestalt seiner vier Kinder so viel Kummer verursacht.

Im zweiten Teil folgt der große Aufbruch nach Amerika!

Amerika ist so ganz anders als das bisherige Leben der beiden Alten! Sie können sich an die neue Umgebung und das aufstrebende Land mit seinem hektischen Gebaren nur schwer gewöhnen. Als Deborah vor Gram stirbt, und Miriam einen psychischen Zusammenbruch erleidet, bleibt Mendel alleine im Hause seines Sohnes Sam zurück. Sehnsucht und Schuldgefühle gegenüber dem Sohn Menuchim bedrücken sein Gemüt. Er wird schließlich im Angesicht des vielen Unglücks von Glaubenszweifeln geplagt, auch darin dem biblischen Hiob gleich.

In großen Zügen ist das die Geschichte. Nur andeutungsweise wiedergeben kann man die wunderbaren Worte, die fast an biblische Texte erinnern, mit denen Joseph Roth seine Erzählung aufzeichnet. Es ist eine archaische Sprache, in der von Impressionen die Rede ist, die das Seelenleben verdüstern. In eindrucksvollen Satzgebilden werden Stimmungen, Geräusche und Gerüche nachvollziehbar. Die seelischen Erschütterungen und Überraschungen sind so anrührend, dass man unwillkürlich mitfühlt.

Der Erzählstil bleibt vielseitig, einfach und prägnant; alleine die Figuren und hier besonders Mendel in seiner ganzen menschlichen Hilflosigkeit, dem Schicksal ausgeliefert, geben das Geschehen wieder.

Zum Ende hin ereignet sich ein unglaubliches Wunder!

Der letzte Satz des Erzählers versinnbildlicht die Art der Darstellung sehr genau: „Mendel schlief ein. Und er ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder“.
Dem ist nichts hinzuzufügen.

Joseph Roth starb 1939 mit 44 Jahren in Paris auf der Flucht vor den Nazis vermutlich an Alkoholsucht.

Joseph Roth
Hiob
LIWI Literatur- und Wissenschaftsverlag, April 2022
120 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3965425714
ISBN-13: 978-3965425712
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Andreas Schäfer: Die Schuhe meines Vaters

Andreas Schäfer: Die Schuhe meines Vaters

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In dieser autobiographischen Aufzeichnung nimmt uns Andreas Schäfer mit in die Vergangenheit seines Vaters, der ihm fern und nah zugleich war.

Die Eltern leben seit dreißig Jahren schon getrennt, als beim Vater eine frühere Krebserkrankung in Form eines Hirntumors zurückkehrt. Noch kurz zuvor hat er den Sohn in Berlin bei dessen Familie besucht, wo er seinen besonderen Lebensgewohnheiten nachging: ein Frühstück im Café Einstein und die morgendlichen Laufrunden gehörten dazu. In Erinnerung blieb ihm auch, dass der Vater eine Madeleine mitbrachte. Unvergesslich ist der Begriff der Madeleine mit Prousts Werk „Im Schatten junger Mädchenblüte“ verbunden als Ausdruck stiller Sehnsüchte auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Aber das assoziiert der Sohn, sein Vater hatte das Buch wohl nie gelesen.
Der Autor beschreibt seine Beobachtungen mit liebevollen Worten.

Zurück in Frankfurt/M geht der Vater zu einer Biopsie ins Krankenhaus. Aus der Narkose wacht er nicht mehr auf. Der Sohn wird gebeten, zu kommen und dem Abstellen der Geräte zuzustimmen, da der Vater nach einer Hirnblutung nicht mehr lebensfähig sei.
Die Mutter kommt dazu, und sie sehen sich mit einer schweren Aufgabe konfrontiert.

Im Zusammenhang mit diesen Ereignissen erinnert sich der Sohn an zahlreiche Einzelheiten aus dem Leben seiner Eltern und seines Vaters. In fein gewählten Worten, liebevoll und poetisch, ersteht das Bild einer Familie, die es nicht immer leicht miteinander hatte. Der Vater konnte ungeahnte Wutausbrüche haben, die den Sohn erschütterten und in bleibender Erinnerung blieben.

Die Familie des Vaters, Schäfers Großeltern, waren strenge, pflichtbewusste Menschen, die den Sohn verstießen, als er eine Griechin heiratete. Der Vater schien ein Getriebener, der immer wieder aus häuslichen Zwängen floh. Die Ehe und seine Söhne verließ er auch.
Er hatte den Zweiten Weltkrieg und Nachkriegszeit miterlebt. Da gab es ein Tante Mariechen auf dem Land, wohin der Junge geschickt wurde, um den Kriegswirren im zerbombten Berlin zu entkommen. Zuerst widerwillig zum Ende hin aber sehr gerne war er dort gewesen.

Andras Schäfer lässt auch die Kriegserinnerungen seiner griechischen Mutter nicht unerwähnt.

Für ihn gleichen seine Rückblicke einer eigenen Reise in die Vergangenheit. Seine Worte über den Vater sind voll innerer Wärme und fast Zärtlichkeit, obwohl das Verhältnis zum ihm nicht ungetrübt war.

Wie Andreas Schäfer die Geschichte seiner Eltern und seine eigene wie Mosaiksteinchen zusammenführt, das zeugt von Empathie und genauer Beobachtung seines Umfelds. Der Autor ist von stiller Neugier, die von der bevorstehenden endgültigen Trennung dieses so schwierigen Vaters gespeist wird. Ganz besonders anrührend ist die Szene seiner Todesstunde.

Und findet der Sohn nicht sogar bei sich Eigenschaften, die er unbewusst vom Vater übernommen hat?

Die Mutter lebt wieder in Griechenland, wohin es Andres Schäfer ebenfalls zieht. Hier in der Stille einsamer Wanderungen und Erkundungen der Natur kann er sich ganz seinen Gedanken überlassen.
Nachdenklich, einfühlsam und voller realitätsnaher Bilder sind seine Schilderungen.

Was für eine schöne, poetische und von weisen Erkenntnissen geprägte beglückende Erzählung!
Man kann das Buch uneingeschränkt empfehlen.

Andras Schäfer
Die Schuhe meines Vaters
192 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, Juli 2022
ISBN-10: 3832181962
ISBN-13: 978-3832181963
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Ivar Leon Menger: Als das Böse kam

Ivar Leon Menger: Als das Böse kam

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Die 16-jährige Juno lebt mit ihrem Bruder Boy und den Eltern seit 12 Jahren isoliert auf einer Insel und findet das normal. Außer dem Postboten, der mit einem kleinen Boot kommt, lässt sich hier niemand blicken. Vor ihm müssen sich die Kinder jedoch verstecken. Wenn der Alarm losgeht, sind Fremde in der Nähe. Böse Menschen, die auf Rache aus sind und die Familie umbringen wollen. Die Kinder leben in ständiger Angst davor und sind froh, dass es den Schutzraum gibt. Hier lagern Vorräte, sodass sie es notfalls für mindestens zwei Wochen hier aushalten könnten. Genug Zeit für die Wächter, ihnen zu Hilfe zu eilen.

Doch Juno wird durch ein Ereignis misstrauisch. Sie fragt sich, was auf der andern Seite des Meeres ist. Wer die Fremdlinge sind, die ihnen Böses wollen? Doch verlassen darf sie die Insel nicht. Das ist eines der Gebote, an das sie sich zu halten hat. Vielleicht findet sich etwas Interessantes in Vaters Bibliothek. Doch die Kinder dürfen sie nicht betreten. Harte Strafen drohen.

Angangs scheint es, als würde das Buch in einer anderen Zeit spielen oder in einer anderen Welt. Das ist verwirrend. Doch schnell wird klar, dass sich alles in der Gegenwart zuträgt, auch wenn die Familie in sehr einfachen Verhältnissen lebt. Es gibt nur einen offensichtlichen Kontakt zur Außenwelt. Es herrscht eine beklemmende Stimmung, aber man hat sich offenbar arrangiert. Hat Rituale entwickelt, die dem Leben auf der Insel eine Struktur geben. Doch warum?

Kinder halten sich selten an Regeln, schon gar nicht, wenn sie älter werden und diese Regeln fragwürdig sind. Auch Juno entwickelt ein Misstrauen. Die Geschichte ist aus ihrer Sicht geschrieben, sodass der Leser direkt von ihren Beobachtungen und Gedanken erfährt. Strickt sie sich da etwas zurecht? Die Stimmung kippt immer mehr. Ganz langsam und in feinen Nuancen bis immer deutlicher wird, was hier gespielt wird. Die Gefahr steigt und damit die Spannung. Der Spannungsbogen ist in diesem Buch wirklich perfekt ausgearbeitet.

Dem Autor ist es gelungen, mich zu fesseln. Von Anfang an ist zu ahnen, dass hier etwas vertuscht wird und die Kinder aus einem bestimmten Grund isoliert werden. Der Kontrollverlust der Eltern ist es schließlich, der der Handlung eine Wendung gibt, die mich überrascht hat. Da die Handlung auf einer Insel spielt, erhöht die Spannung natürlich noch zusätzlich. Bleibt noch zu sagen, dass der Autor einen sehr angenehm zu lesenden Schreibstil hat.

Rezension von Heike Rau

Ivar Leon Menger
Als das Böse kam
320 Seiten, broschiert
dtv Verlagsgesellschaft, Juli 2022
ISBN-10:‎ 3423263393
ISBN-13: 978-3423263399
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Susanne Abel: Was ich nie gesagt habe

Susanne Abel: Was ich nie gesagt habe

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In dem vorliegenden Roman von Susanne Abel geht es um die Familie Monderath. Sie ist durch vielfältige Verstrickungen eine wahre Schicksalsfamilie!

Das Paar Gretchen und Konrad sind die Hauptakteure.
Gretchen war mit Konrad Monderath verheiratet. Im Jahr 2016 ist er schon lange tot, und sie ist alt und dement. Tom, der gemeinsame Sohn, ist 47 Jahre alt. Er lebt und liebt in Köln, wo er eines Tages Besuch von einem Halbbruder erhält. Er wusste nicht, dass es ihn gibt, hat das aber durch Recherchen herausgefunden. Henk van Dong ist Holländer. Er sieht ihm ähnlich wie ein Zwilling, was zu allerlei Vermutungen im näheren Bekanntenkreis von Tom führt.

Die Autorin lässt die Brüder auf Spurensuche nach dem Vater der beiden gehen.
Nun beginnt in zwei Zeitabschnitten einmal die Geschichte von Tom 2016, und die Geschichte Konrads vom Kind bis zum Soldaten im Zweiten Weltkrieg von 1933-1943.

In dem Roman wird Vergangenheits-und Gegenwartsgeschichte verarbeitet.
1933 beginnt Hitlers Herrschaft mit all’ den Folgen, die jene Jahre prägten: Naziideologie, Judenhass und Verfolgung, Ermordung und Eliminierung Behinderter. Nicht zuletzt folgt der Zweite Weltkrieg. Die Schwester von Konrad, ein mongoloides Mädchen, fällt dem Vernichtungswahn zum Opfer, und Franz, der ältere Bruder von Konrad, fällt 1942 im Krieg.
Konrad wird nach Militärzeit und Gefangenschaft Arzt und findet in Gretchen seine große Liebe. Letztere hat ein verborgenes Geheimnis, dass ihr Leben begleitet und beschwert.

Charaktere unterschiedlicher Mentalität und Geisteshaltung finden sich in den Figuren der Protagonisten wieder.
Vom Nazi bis zum aufgeklärten Nachkriegskind werden alle Seiten vergangener und gegenwärtiger Zeiten berührt.

Die Spannung steigt nach der Hälfte des Romans, als Kinderwunsch und Unfruchtbarkeit an der Realität zu zerbrechen drohen. Die Ärzte Konrad und ein Onkel verstricken sich in Gesetz und Ärzteordnung.

Worum also geht es in diesem Roman?
Ein wenig schleicht sich der Eindruck ein, dass hier die großen Fragen der Menschheitsgeschichte in einen Roman gepackt wurden: Liebe, Betrug, Trauer, Kinderwunsch und Verleugnung, politische Gegensätze und Krieg. Es wird gut erzählt und viel gesprochen. Man kann der Autorin eine fantasiereiche Fabulierkunst nicht absprechen. Die zahlreichen Erzählstränge lassen den Leser*in nicht los, so dass man gebannt dem Suchen nach der Wahrheit folgt.

Der Schreibstil ist schlicht und mit zahlreichen Kraftausdrücken bestückt.
Alles in Allem kann man von einem unterhaltsamen und im Aufbau durchaus spannenden Familienepos sprechen, das sicher viele Liebhaber der leichten Literatur erfreuen wird.

Susanne Abel
Was ich nie gesagt habe
dtv Verlagsgesellschaft, Juni 2022
560 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3423290234
ISBN-13: 978-3423290234
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John Katzenbach: Die Komplizen – Fünf Männer, fünf Mörder, ein perfider Plan

John Katzenbach: Die Komplizen – Fünf Männer, fünf Mörder, ein perfider Plan

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Fünf Männer bilden eine verschworene Gemeinschaft, auch wenn sie sich nie begegnet sind. An ihrem geheimen Ort im Darknet, wo sie sich unsichtbar glauben, erzählen sie sich von ihren mörderischen Taten. Sie sind die „Jack’s Boys“, da Jack the Ripper ihr Vorbild ist, und nennen sich Alpha, Beta, Gamma, Delta und Easy. Obwohl sie Fotos ihrer Opfer an Polizeistationen schicken, ist ihnen wie erwartet bisher niemand auf die Spur gekommen.

Doch dann geschieht das Unmögliche. Ein Collegestudent verschafft sich Zutritt zu ihrem Chatroom und wird beleidigend. Schnell brechen die „Jack’s Boys“ ihre Sitzung ab, nur um an einem anderen Ort wieder aufzutauchen. Sie erholen sich schnell von ihrem Schreck und machen Connor Mitchell zu ihrem gemeinsamen Zielobjekt.

Connor hat ebenfalls Mordpläne, die jedoch noch sehr unausgereift sind. Hier geht um den Mann, der für den Unfalltod seiner Eltern verantwortlich ist. Seine Freundin Niki hat er sich anvertraut. Sie versteht ihn oder weckt zumindest den Anschein.
Seinen Großeltern, bei ihnen ist er aufgewachsen, verschweigt er seine Pläne. Doch zumindest kann er seinen Großvater Ross, einen Ex-Marine, fragen, wie es ist, einen Menschen zu töten.

Der Autor hat hier fünf Psychopathen zusammengebracht und zu Verbündeten und Vertrauten gemacht. Sie mögen nach außen hin ein normales Leben führen, doch ist jeder von ihnen ein Serienmörder. Und nun auch noch mit gemeinsamen Plänen. Ihren Fantasien zu folgen, ist hochspannend und geht an die Nerven.

Dazu kommt, dass der Roman sehr gut geschrieben und perfekt ausgearbeitet ist. Hier greift ein Detail ins andere und die Handlung wird immer weiter ausgebaut. Das sprengt das Vorstellungsvermögen, zumindest von mir, denn den Charakteren kommt man sehr nahe. Die Pläne der „Jack’s Boys“ sind gut durchdacht. Aber wie es so ist im Leben, kommt es meist anders als erhofft. Menschen, und so auch ihre Zielpersonen, weichen auch mal von ihren Routinen ab. Und wie war das? Irgendwer beobachtet immer was. Und so kommt es zu ungeahnten Turbulenzen, die wiederum Planänderungen oder, wenn nicht möglich, eine spontane Reaktion erfordern.

Man fiebert mit Connor und Niki und ihrem Familien mit. Als Leser darf man ja beide Erzählstränge verfolgen und weiß, wie Angriff und Gegenwehr geplant werden und wie groß die Gefahr ist. Das lässt die Spannung bis zum überraschenden Ende ins Unermessliche wachsen.

Rezension von Heike Rau

John Katzenbach
Die Komplizen – Fünf Männer, fünf Mörder, ein perfider Plan
Psychothriller
Aus dem amerikanischen Englisch von Anke und Eberhard Kreutzer
624 Seiten, broschiert
Droemer, Juli 2022
ISBN-10: 3426306786
ISBN-13: 978-3426306789
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Dr. med. Franziska Rubin: Natürlich gesund durchs Jahr 2023

Dr. med. Franziska Rubin: Natürlich gesund durchs Jahr 2023

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Der Taschenkalender begleitet durch das ganze Jahr. Er muss also bestimmte Ansprüche erfüllen und tut das auch. Er ist als klassischer Wochenplaner angelegt und bietet trotz seiner geringen Ausmaße viel Platz für Notizen und Termine. Ein Lesebändchen hilft dabei, die aktuelle Woche schnell aufzufinden.
Ferientermine sind ebenfalls übersichtlich dargestellt und auch Jahresübersichten für 2023 und 2024 sind vorhanden. Feiertage und Tage mit besonderer Bedeutung sind hier und auf den Wochenübersichten vermerkt.

„Natürlich gesund durchs Jahr“ ist das Thema des Kalenders. Wer gerne etwas für seine Gesundheit tun möchte, findet zahlreiche Tipps und Empfehlungen, die Woche für Woche umgesetzt werden können. Die Autorin fordert zum Nachdenken auf. Sie liefert verschiedene Erkenntnisse, die hilfreich bei verschiedenen Beschwerden sind, oder die eine vorbeugende Wirkung entfalten können. Dabei werden ganzheitliche Ansätze verfolgt. Es gibt Handlungsempfehlungen und Rezepte zu Hausmitteln. Die Umsetzung sollte kein Problem sein. Manchen Themen ist direkt eine Doppelseite gewidmet, die auch zahlreiche Fotos enthält, während Wissenswertes oft in der Ecke jeder Kalenderwoche vermerkt ist, illustriert mit einer kleinen Zeichnung. Es gibt also jede Woche Lesefutter. So lässt sich gut auf die bevorstehende Woche einstimmen.

Wer die Bücher der Autorin mag, wird die meisten Tipps schon kennen. Es ist aber noch einmal etwas anderes, im Wochenrhythmus an die eigene Gesundheitsfürsorge erinnert zu werden. Das ist eine schöne Motivation für alle, die sich zu Jahresbeginn vorgenommen haben, etwas für das eigene Wohlbefinden zu tun. Dass der Kalender in jede Tasche passt und immer mit dabei sein kann, ist dabei von Vorteil.

Der ansprechend gestaltete Taschenkalender mit dem blühenden Rosmarin auf dem Cover ist auch eine schöne Geschenkidee.

Rezension von Heike Rau

Dr. med. Franziska Rubin
Natürlich gesund durchs Jahr 2023
Taschenkalender mit 176 Seiten
Knaur MensSana, Mai 2022
ASIN: B09KNGFF38
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Jessica Durlacher: Die Stimme

Jessica Durlacher: Die Stimme

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Zelda und Bor heiraten in einem Augenblick höchster Gefahr. Sie werden von einem Rabbi in New York getraut, nachdem sie schon zehn Jahre lang mit nach und nach drei Kindern eine Familie gegründet hatten.
Just im Moment der Heirat passiert in den Twin Towers in New York das schreckliche Attentat vom 9. September.
Der apokalyptische Vorfall in NY ist der Auftakt zu einer dramatischen Beziehungsgeschichte zwischen einer jüdischen Familie und dem Islam.
Bor und Zelda flüchten aus der Nähe der brennenden Türme und retten sich und die Kinder.
Dann sind sie zurück in den Niederlanden. Hier arbeitet Zelda als Psychoanalytikerin; Bor ist ein angesehener Anwalt.

Jessica Durlacher führt uns langsam in das Leben ihrer Protagonisten ein.
Die Ehe von Bor und Zelda ist glücklich. Auch die Kinder nehmen ihren besonderen Platz in der Geschichte ein. Es ist eine gebildete, begüterte Familie, die im Fokus des Romans steht.

Zelda, die Icherzählerin, hatte schon einen ersten geliebten Ehemann, mit dem sie den Sohn Philip hat. Nach dessen frühem Tod hat Bor sie still und selbstverständlich umsorgt, bis sie schon bald zusammengezogen sind.

Nach einiger Zeit kamen Sam und Pol auf die Welt. Das Au Pair- Mädchen Ania verlässt die Familie, und Zelda sucht dringend eine neue Hilfe. Sie lernt eine Somalierin kennen, die, malerisch nach islamischer Sitte gekleidet, schön und exotisch anzusehen ist. Sie ist aus einer strengen Familie und vor einem prügelnden Ehemann als Flüchtling in die Niederlande gekommen. Zelda nimmt sie als Kindermädchen in ihre Familie auf.
Schon bald zeigt sich, dass sie eine sehr schöne Stimme hat.

Zelda ist mit der Erziehung ihrer Kinder sehr beschäftigt. Besonders Phil mit seinen heftigen Wutanfällen bringt sie in Unruhe. Wie soll sie damit umgehen? Wie macht sie alles richtig?
Der Beruf als Psychoanalytikerin lässt sie manches wahrnehmen, was andere vielleicht noch nicht sehen.
Wir erleben ein Geschehen, das voller innerer Spannungen und tiefgründigen Reflexionen steckt.

Neben der alltäglichen Familienroutine beginnt eine spannende Entwicklung. Amal wird zur Teilnahme eines Gesangswettbewerbs angenommen.
Sie wird eine berühmte Sängerin und zugleich Verfechterin für Freiheit und Gleichberechtigung der Frauen im Islam. Ihre Aktivitäten, ja fast Provokationen, führen zu Verfolgung und Feindschaft seitens islamischer Fanatiker. Damit bringt sie auch ihre Gastfamilie in große Gefahr.

Jessica Durlacher schreibt zügig und integer. Sie steigert ihre Erzählung zu immer neuen dramatischen Ereignissen, die den Leser total in Bann schlagen. In beispielloser Weise bringt sie die Verflechtungen der jeweiligen Ereignisse in einen Zusammenhang. Spannungen werden aufgebaut und Lösungen angedeutet. Zeldas Reflexionen zeugen vom tiefenpsychologischen Wissen der Autorin.

In den Roman ist viel hineingepackt: Islam und Judentum, Verlässlichkeit, Liebe, Engagement, Geheimdienste, Verfolgung und nicht zuletzt Mord und Betrug.
Die hier beschriebene zerrissene Welt ist glaubwürdig und die Dichte des Romans mitreißend.

Jessica Durlacher lebt mit ihrem Mann Leon de Winter und ihren Kindern in den Niederlanden.

Jessica Durlacher
Die Stimme
Diogenes, Mai 2022
544 Seiten, gebunden
ISBN-10: 325707185X
ISBN-13: 978-3257071856
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