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  • Gérard Salem: Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst

    Von Claudine Borries | 22.April 2019

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    Gérard Salem beschreibt in seinem hier vorliegenden Roman die Konsultation eines Klienten, der mit seiner Familie seit sieben Jahren keinen Kontakt mehr hatte, nun in einer Ehescheidung steckt und seine zwei Söhne nicht mehr sehen darf.

    Mit dem Rat, seinen Eltern einen Brief zu schreiben, beginnt die Lawine einer Familienbeziehungsgeschichte, die selten so präzise beschrieben zu finden ist.

    Die bewusst gewählte Form handgeschriebener Briefe ermöglicht eine ganz ungewohnte Möglichkeit der gegenseitigen Wahrnehmung. Nach und nach sind zuerst die Mutter, dann der Vater, Geschwister aller Generationen und weitere entfernte Verwandte einbezogen in die Rückschau eines Familienlebens, in der jeder eine unterschiedliche Sicht des Zusammenlebens präsentiert. Alte Wunden brechen auf, vorsichtige Annäherungen finden statt, und man wird zuletzt ganz in den Bann einer Familienkonstellation hineingezogen, in der so manches irrig wahrgenommen und verschoben betrachtet wird.

    Es kommunizieren zuerst einmal Boris, des Therapeuten Klienten Nr.1, mit seinem Therapeuten. Nach dessen Anschub zum Familienaustausch gerät die ganze Familie in den brieflichen Bann gegenseitiger Auseinandersetzungen. Nicht immer sind alle Namen gut zu unterscheiden, denn zuletzt schreiben Onkel, Tanten, Neffen, Cousins und Cousinen mit, so dass ein weit ausholendes und abgerundetes Bild der Familienkonstellation entsteht.

    Die Schwester von Boris, Charlotte, ist Ärztin, und schaltet sich gewissermaßen als wissende Moderatorin und doch auch selbst Betroffene in die ganze Geschichte mit ein.

    Familiendynamiken sind oft faszinierend, zuweilen erschreckend, fast immer spannend, häufig Unglück widerspiegelnd und selten so gut lösbar, wie das in dieser Geschichte passiert. Man kann eigene Erfahrungen wiedererkennen und die, die man bei anderen beobachtet. Es ist eine lehrreiche Geschichte, die man mit großem Interesse verschlingt.

    Gérard Salem war Psychiater und Hypnosetherapeut in Lausanne und hatte sich auf Familientherapie spezialisiert. Er hat Sachbücher verfasst und an internationalen Kongressen teilgenommen Dem Buch merkt man seine Fachkompetenz an. Hier spricht einer aus langer Erfahrung, so dass keinen Moment der Eindruck eines künstlich angelegten Romans entsteht.

    Das Leben schreibt die besten Romane, und wenn die Geschichte auch als fiktiv deklariert ist, lässt sich dieses mit Fug und Recht hier sagen.

    Gérard Salem
    Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst
    206 Seiten, gebunden
    DuMont Buchverlag, April 2019
    ISBN-10: 3832183752
    ISBN-13: 978-3832183752
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    Nina Teichert: Ein Sommer zum Pferdestehlen

    Von hera | 17.April 2019

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    Eines Tages entdeckt die 13-jährige Klara auf dem Gelände des Schrotthändlers eine Irish-Cob Stute, dabei hat der alte Mann nichts für Pferde übrig. Das gescheckte Pferd reagiert sofort auf ihre Rufe. Aber es kommt für Klara nicht infrage, über den Stacheldrahtzaun zu klettern. Später, mit Freundin Marei, findet sich ein Weg, zu dem Pony zu gelangen. Zwischen den Autowracks steht auch ein alter Wanderwagen. Als Klara diesen inspiziert, wird sie vom alten Fassbinder erwischt. Den Kindern ist er nicht geheuer. Es heißt, er sei verrückt. Dennoch machen sie deutlich, dass das Pferd besser versorgt werden muss. Dem Alten ist das egal, schließlich will er die Stute, die er geerbt hat, zum Schlachter geben.

    Das wollen die Mädchen nicht zulassen. Und so spannen sie in einer riskanten Aktion Gypsy vor dem Pferdewagen und flüchten. Ziel ist der Gnadenhof von Mareis Tante, der direkt hinter der holländischen Grenze liegt. Unterstützt werden sie von einem oberschlauen Feriengast. Etwa 100 Kilometer müssen sie mit Pferd und Wanderwagen zurücklegen.

    Die Reise wird zum halsbrecherischen Abenteuer! Die Autorin schreibt auf eine unterhaltsame, lockere und sehr lebhafte Art. An witzigen Situationen wird nicht gespart, auch wenn es ab und an nervenzerreißend spannend für die Freunde und damit auch für den Leser wird.

    Im Kutschwagen werden alte Tagebücher, beginnend im Jahr 1898, gefunden. Ein Mädchen der Irish Travellers hat sie geschrieben. Auf diese Weise wird Hintergrundwissen über das fahrende Volk vermittelt. Esmes Geschichte gibt fast schon Stoff für ein eigenes Buch.

    Die drei Freunde sind sehr unterschiedlich. Auch wenn es Streitereien gibt, so halten sie doch zusammen, wenn es darauf ankommt. Klara ist wagemutig und naiv, Marei eher zurückhalten und Bruno weiß alles besser, zumindest in der Theorie. Man kann sich gut in die jungen Menschen hineinversetzen, die als Team immer mehr zusammenwachsen.

    Die Reise ist perfekt in Szene gesetzt. Die Autorin lässt sich Zeit mit ihren Schilderungen und schaut genau hin. So wird auch das Pferd mit seinen Eigenschaften und Eigenarten sehr gut beschrieben. Es sind die leisen Töne zwischen Mensch und Tier, die hier spürbar werden. Das Buch ist nicht nur jungen Pferdefans sehr zu empfehlen!

    Rezension von Heike Rau

    Nina Teichert
    Ein Sommer zum Pferdestehlen
    288 Seiten, gebunden
    Ueberreuter Verlag
    ISBN-10: 3764151420
    ISBN-13: 978-3764151423
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    Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten

    Von Claudine Borries | 12.April 2019

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    Unnachahmlich in seiner Beobachtungsgabe schreibt Ferdinand von Schirach über zahlreiche Ereignisse in seinem Leben.

    Es sind Szenen aus dem Alltag eines Schriftstellers, der klug, besonnen, einmal mit mehr und einmal mit weniger Empathie über das schreibt, was uns Menschen bewegt.

    Verwandte werden einbezogen: so der Vater, ein Onkel und Tage bei Verwandten auf dem Lande oder Bekanntschaften auf seinen vielen Reisen.

    Ein jeder sehnt sich nach Hause, doch wo ist das? Oder besteht dieses nur in unserer Erinnerung?

    Kluge Fragen und nachdenklich stimmende Antworten.

    Immer wieder geht es in seinen Geschichten um das Gute und Böse im Menschen, um Recht und Würde und die vielen Vergehen in allen Bereichen menschlichen Seins.

    Sein Großvater war Hitlers Reichsführer NSDAP. Er spielt im Denken des Enkels als Gefolgsmann Hitlers eine ungute Rolle. Das Gespräch mit einer ukrainischen jüdischen Anwältin und die Erinnerung an das unermessliche Unglück, das vermeintlich „normale“ Menschen an den Juden und anderen begangen haben, lassen den Autor nicht los.

    Es sind die fragenden Gedanken und die oftmals hilflosen Antworten, die von Schirachs Erzählungen zu einer intensiven eigenen Betrachtung unserer zwar aufgeklärten und doch immer wieder auch ungerechten Welt bringen.

    Die Erzählungen sind facettenreich, stimmen melancholisch, stellen Dinge infrage und geben Gott sei Dank keine besserwisserischen Antworten. Von Schirach nimmt Dinge mit wachen Augen und Sinnen auf, um sie dann in seinen Worten und mit seinen eigenen Fragen versehen aufzuzeichnen.

    Zuweilen sind seine Betrachtungen erinnerte Erlebnisse, die sich gelegentlich poetisch schön in seinen Worten widerspiegeln. So manche kurze Betrachtung endet im Nichts, als stünde nur ein unsichtbares Fragezeichen dahinter.

    Insgesamt bekommt man den Eindruck, dass F.v. Schirach ein hoch gebildeter, uneitler Mann ist, der einsam seinen inneren Gedanken nachgeht, auch einsam ist, und doch mit seinen bildhaften Betrachtungen Menschen beschreibt, Schicksalen nachgeht, eigene Erfahrungen in seine Geschichten einfließen lässt und so zu einer weisen Weltsicht findet, in der es „Böse“ oder „Gut“ nicht gibt. Alles ist immer und überall möglich.

    Ferdinand von Schirach
    Kaffee und Zigaretten
    192 Seiten, gebunden
    Luchterhand Literaturverlag, März 2019
    ISBN-10: 3630876102
    ISBN-13: 978-3630876108
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    ... | Kommentare deaktiviert für Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten | Kategorie Biografie |

    Susanne Wiborg: Gäste in meinem Garten – Bienen, Amseln, Huhn und Star

    Von hera | 10.April 2019

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    Susanne Wiborg hat ihren Garten direkt am Haus. Das sind beste Voraussetzungen zum Beobachten. Die Journalistin hat einen Hund, er heißt Erbse, und einige Hühner. Das Federvieh bietet viel Stoff für Geschichten. Huhn ist nicht gleich Huhn. Jedes Tier scheint einen eigenen Charakter zu haben. Die kleine Hühnerschar macht viel Freunde und manchmal auch Kummer. Immer aber nehmen die Hühner Anteil an der Gartenarbeit und mischen kräftig mit. Wer genau hinhört, bemerkt die Unterschiede im Gegacker und kann daraus die Bedeutung ableiten!

    Nun ist auch ein Bienenvolk eingezogen. Die Bienen sind friedlich, aber der Umgang mit ihnen muss erlernt werden. Nicht immer möchten sie aus nächster Nähe mit allzu großer Neugier beobachtet werden. Auch von dieser herausfordernden Begegnung wird erzählt und von dem leckeren Honig, den die Bienen schließlich produzieren.

    Von den Pflanzen, die im Garten wachsen, berichtet die Autorin natürlich auch. Fast das ganze Jahr über blüht etwas. In jeder Jahreszeit offenbart sich ein anderer Anblick. Manche Pflanzen siedeln ungefragt an, einige wollen nicht bleiben und andere entwickeln eine unbeschreibliche Pracht in ihrem Wachstum. Die Blütenfarben spielen harmonisch zusammen oder auch nicht. Nicht immer blüht eine Pflanze in der erwarteten Farbe. Und das Wetter ist auch nicht zuverlässig.

    Als Leser fühlt man sich sofort wohl in diesem einzigartigen Garten. Susanne Wiborg erzählt auf unterhaltsame und spannende Weise von kleinen Begebenheiten, Alltäglichkeiten und Besonderheiten im Gartenjahr. Sie hat viel Erfahrung als Gärtnerin. Die Texte werden zusätzlich mit wunderbar passenden Zeichnungen von Rotraut Susanne Berner aufgelockert.

    Mit dem Buch kann man leicht die Hektik des Alltags hinter sich lassen! Es eignet sich zudem sehr gut zum Verschenken an andere Gartenliebhaber oder Hobbygärtner.

    Rezension von Heike Rau

    Susanne Wiborg
    Gäste in meinem Garten – Bienen, Amseln, Huhn und Star
    Bilder von Rotraut Susanne Berner
    150 Seiten, gebunden
    Verlag Antje Kunstmann
    ISBN-10: 3956142977
    ISBN-13: 978-3956142970
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    ... | Kommentare deaktiviert für Susanne Wiborg: Gäste in meinem Garten – Bienen, Amseln, Huhn und Star | Kategorie Garten und Natur, Hobby und Freizeit |

    Eva Siegmund: H.O.M.E – Die Mission, Band 2

    Von hera | 5.April 2019

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    Die Mission ist gestartet, ohne das die Ausbildung beendet werden konnte. Zoë weiß nun, welche Geheimnisse sich um die Akademie ranken und was die Motive sind. Ihr ist klar, dass sie und die anderen getäuscht wurden. Doch nun ist das Raumschiff unterwegs zum Planeten Keto, während es in Berlin Überlebende wohl nur noch in einem Bunker gibt. Sie warten darauf, Keto besiedeln zu können.

    Nach drei Jahren, die Zoë schlafend verbracht hat, setzt das Raumschiff zum Landeanflug an. Zoë muss übernehmen. Sie hat festgesteckte Aufgaben, die sie erfüllen muss, wenn alle überleben sollen. Nur eine kleine Gruppe ist bei ihr. Darunter Freunde aus der Akademie sowie Zoës Bruder Tom und dessen Freund Kip aus Berlin. Zoë wagt es nicht, ihnen nach dem Aufwachen die Wahrheit zu sagen, weil sie die Mission nicht gefährden darf. Sie ist auf die Hilfe ihrer Mannschaft angewiesen. Auch wenn sie gelernt hat, mit Extremsituationen umzugehen, ist das hier etwas anderes. Keto ist nicht so, wie man sich den Planeten vorgestellt hat.

    Das Leben auf dem Schiff und die Erkundung des Planeten Keto stehen also diesmal im Mittelpunkt der Geschichte. Das Buch ist ganz anders, als Band 1 „H.O.M.E – Das Erwachen“. Für die Aufgaben, die zu lösen sind, gibt es zeitliche Vorgaben. Doch hat man nicht mit derart gravierenden Umständen auf Keto gerechnet, zumal der Planet nicht, wie angenommen, unbewohnt ist.

    Die Autorin beschreibt, wie Zoë versucht, die Mannschaft zu den notwendigen Arbeiten zu bewegen. Es kommt zu Missverständnissen und Auseinandersetzungen. Erzählt wird hauptsächlich aus der Sicht von Zoë erzählt. Außerdem gibt es die persönlichen Logbucheinträge von Jonah, mit dem Zoë auf der Akademie verlobt war. Doch die Vergangenheit ist in ihrer Realität verrutscht.

    Zoë ist ein unsicherer Kapitän, aber sie hat einen starken Willen. Auf bewundernswerte Weise stellt sie sich den Aufgaben. Doch die anderen, insbesondere Jonah, sind misstrauisch. Er hinterfragt das Geschehen und Zoë als Person, was wiederum dramatische Szenen provoziert.

    Das Buch ist überaus fesselnd. Und das wirklich von der ersten bis zur letzten Seite! Man wird förmlich hineingezogen in diese gut erzählte Zukunftsszenario. Es läuft also alles auf ein spannendes Ende hinaus. Doch auch hier wartet eine Überraschung auf den Leser. Es gibt eine krasse Wendung. Für mich ist das nicht stimmig. Es zerstört die Authentizität der Handlung. Aber wie gesagt, der Rest ist genial!

    Rezension von Heike Rau

    Eva Siegmund
    H.O.M.E – Die Mission, Band 2
    448 Seiten, Klappenbroschur
    cbt, München
    ISBN-10: 3570312313
    ISBN-13: 978-3570312315
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    ... | Kommentare deaktiviert für Eva Siegmund: H.O.M.E – Die Mission, Band 2 | Kategorie Jugendliteratur, Science Fiction |

    Annie Ernaux: Der Platz

    Von Claudine Borries | 4.April 2019

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    Wie schon in ihren vorangegangenen Büchern benutzt Annie Ernaux autobiographische Erinnerungen, um Szenen aus ihrem Leben in Erzählungen umzuwandeln.

    Dieses Mal geht es um ihren Vater, zu dem sie lange ein sehr entferntes Verhältnis hatte.

    Wir erinnern uns, dass die Autorin dem Milieu ihrer Familie früh entwachsen war.

    Sie war hoch begabt, studierte und brachte es in Frankreich zu Ansehen als preisgekrönte Schriftstellerin.

    Zwei Monate nach ihrem bestandenen Examen als Lehrerin für den höheren Schuldienst starb ihr Vater. Ein Ereignis, dass sie zum Nachdenken und nachspüren seines Lebens motivierte. Er war ihr fremd, da sie sich mit ihrer Entwicklung dem ärmlichen Milieu der Kindheit entfremdet hatte. Wie immer in ihren Schriften ist Annie Ernaux reflektiert, beobachtet genau und kann über ihre Emotionen treffend berichten.

    So beschreibt sie anschaulich, woher der Vater kam, wer und wie er war.

    Er entstammte einer armen Familie, die kein eigenes Land besaß.

    Als Knecht verdingte er sich bei einem Bauern. Das bedeutete Arbeit von früh bis in die Nacht hinein. Später ging er in die Fabrik, und nach Jahren konnten die Eltern sich sogar einen kleinen Lebensmittelladen einrichten. Immer aber blieben sie ihrer unteren Mittelschichtzugehörigkeit verhaftet. Da war es schwer als Tochter, die ja weit aufgestiegen war, die Brücken zu den Eltern zu erhalten.

    Wie der Erste Weltkrieg schon das Lebens des Vaters berührte, so entkam er mit Mühen auch dem Zweiten Weltkrieg. Die Kriege sind weniger wesentlich als vielmehr der Dauerkampf gegen die Armut. Wie A. Ernaux darüber berichtet, das hat den Anschein, als spielte sie gar keine Rolle im Leben der Eltern, sondern als ginge es eher immer nur um deren Überlebenskampf. Es blieb wohl nicht viel Zeit für Glück, Zeitvertreib oder gar Zärtlichkeit.

    Annie Ernaux vermag hervorragend mit Empathie und gleichzeitig mit kühler Distanz zu berichten. Man wird hineingezogen in die Sicht eines Daseins, das nicht wirklich ihres war, aus dessen innerer Wahrnehmung ihr Leben aber lange bestand.

    Hoch kompliziert widmet sich A. Ernaux dem Gedanken um den Zwiespalt zwischen Glück und Fremdbestimmung. Man blieb in den eigenen und anderer Leute Augen immer unzulänglich.

    Einmal wusste man sich nicht richtig auszudrücken, dann wieder gelangte man zu eigenem Glück durch Erwerb eines Hauses mit Grundstück. Ergebnis unendlicher Plackerei. Sezierend sind die Analysen der Autorin über das Leben der Eltern und besonders des Vaters.

    Das Buch versinnbildlicht den Abschied der Tochter aus der kleinbürgerlichen Welt der Eltern.

    In dieser Welt bemühte man sich, nicht aufzufallen, sondern immer den gleichen Regeln von bürgerlichem Anstand und Wohlgefallen ihrer Gesellschaftsschicht zu entsprechen. Nur nicht zum Außenseiter werden!

    Dieser Abschied ist nicht melancholisch und er ist nicht traurig; eher möchte man ihn als wehmütig empfinden. Die großzügige Gedankenwelt der Gebildeten und Arrivierten passt nicht zum kleinbürgerlichen Denken von Annie Ernaux’ Herkunft. Das ist ihr Abschied!

    Das Buch bietet ein mitreißendes weiteres Stück lebendiger Biographie von Annie Ernaux!

    Annie Ernaux
    Der Platz
    94 Seiten, gebunden
    Suhrkamp Verlag, 10. März 2019
    ISBN-10: 351822509X
    ISBN-13: 978-3518225097
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    Georg Karipidis und Maria Karipidou: Klein – schlau – Gogo

    Von hera | 2.April 2019

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    Gogo lebt auf einem Bauernhof. Der kleine Esel spielte hier mit den anderen Tieren. Aber eines Tages, als es ihm zu langweilig wird, beschließt er, in den Wald zu gehen. An einem Morgen stiehlt er sich unbemerkt davon und trabt bis zum Waldrand. Hier war er noch nie. Trotzdem wagt er es, weiter in den Wald hinein zu gehen. Bald begegnet er der schönen Lilo. Sie ist ein Schmetterling. Gogo ist einfach nur ein kleiner Esel. Er weiß nicht so recht, ob er zudem noch lustig, frech oder schüchtern ist. Dabei haben alle Tiere im Wald eine besondere Eigenschaft. Gogo wäre gern schlau. Und so sagt er schließlich zu Lilo, dass er ein kleiner, schlauer Esel ist. Aber das muss er erst mal beweisen. Zwischen den Bäumen begegnet das Eselkind dem rollenden Igel Ingrid, dem flinken Wiesel Willie, dem witzigen Kaninchen Karl und dem kichernden Eichhörnchen Steffi. Die Zeit vergeht. Bald weiß keiner der Tierkinder mehr, wo sie eigentlich sind und fürchten sich ein bisschen. Jetzt kann Gogo zeigen, dass er schlau ist. Doch wie soll er den Weg zurückfinden?

    Der Text wird begleitet von Sprechblasen und handgeschrieben wirkenden Zeilen. Die Zeichnungen sind niedlich und farbenfroh. Die Tiere haben große ausdrucksstarke Kulleraugen und lenken so die Aufmerksamkeit der kleinen Bilderbuchbetrachter auf sich.

    Es ist sicher nicht gut, dass Gogo einfach wegläuft, ohne seiner Mama Bescheid zu sagen. Das wird aber innerhalb der Geschichte nicht bewertet oder aufgearbeitet, was kritische Eltern sicher bemerken werden. Es ist einfach nicht Thema im Buch. Es geht vielmehr darum, zu erkennen, dass jedes Tierkind andere Eigenschaften hat, darunter auch eine, die besonders ist. Gogo hat darüber noch nicht nachgedacht, aber er weiß dann doch, wie er gerne wäre, nämlich schlau. Im Wald erfährt er, was jedes Tier ausmacht. Diese Eigenschaften sind natürlich nicht aus der Luft gegriffen, sondern relativ treffend. Das bietet Gesprächsstoff zwischen Kind und Vorleser.

    Rezension von Heike Rau

    Georg Karipidis und Maria Karipidou
    Klein – schlau – Gogo
    32 Seiten, gebunden
    G & G Kinder- u. Jugendbuch
    ISBN-10: 3707452263
    ISBN-13: 978-3707452266
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    Anke Höller und Doris Grappendorf: Essbare Wildsamen – Finden, sammeln, vielseitig genießen

    Von hera | 28.März 2019

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    Wildkräuterbücher sind beliebt. Es macht Spaß, hinaus in die Natur zu gehen und Brunnenkresse, Giersch und Löwenzahn zu sammeln. Doch auch die Wildsamen sollten Beachtung finden! Mit dem Buch „Essbare Wildsamen“ ist das einfach, vor allem dann, wenn die Wildkräuter bereits bekannt sind und sie sich sicher bestimmen lassen.

    Wildsamen, so schreiben die Autorinnen, können unsere Ernährung bereichern, denn sie sind schmackhaft und reich an Vitalstoffen. Sie können Speisenzugabe oder Würze sein. Es wird nicht außer acht gelassen, dass Samen Fraßschutzstoffe enthalten können. Das sind zum Beispiel Lektine. Manche Menschen vertragen diese nicht, aber es gibt Möglichkeiten, die Samen verträglicher zu machen. Manchmal sind die Samen eher Gewürz und sollten nicht in großen Mengen verzehrt werden. Das geht in Ordnung, denn es würde auch niemand darauf kommen eine große Menge Pfefferkörner zu essen. Man erfährt also im Buch viel über die sichere Verwendung der Samen!

    Es geht zunächst um grundlegende Informationen. Es wird erklärt, warum die Samen so wertvoll sind, dass sie als Superfood bezeichnet werden können, wie man sie erntet, aufbewahrt und verwendet. Hier gibt es auch erste Grundrezepte, beispielsweise für Senf mit senfartigen Wildsamen. Dazu zählt das Hirtentäschel. Für süßsauer Eingelegtes eignet sich die Samen der Knoblauchsrauke. Diese kenne ich bereits. Ich habe letzten Herbst eine kleine Menge davon gesammelt.

    Näher beschrieben wird die Knoblauchsrauke in den Pflanzenporträts. Hier steht, wo und wie die Knoblauchsrauke wächst, wie sie blüht und wann sie Samen ausbildet. Ich weiß jetzt, dass ich neben den Blättern auch die grünen Schoten nutzen kann, die nach Knoblauch und Kresse schmecken. Im Rezept „Selbst gemachte Gemüsebrühe mit Knoblauchsrauke“ sorgen die Samen für einen würzigen Geschmack. Sie haben auch eine erstaunliche gesundheitliche Wirkung, die im Buch näher beschrieben wird.

    Insgesamt gibt es 44 Porträts. Besonders interessant finde ich die Samen von Brennnessel, Sauerampfer, wilder Möhre und Springkraut, die ja wirklich weit verbreitet sind. Aber sicher lohnt es sich, auch nach Schlangenknöterich, Wald-Engelwurz und Feldkresse Ausschau zu halten. Mit im Buch sind zudem Verwendungsmöglichkeiten für Eicheln, Haselnüsse und Bucheckern!

    Das Buch gefällt mir gut! Ich bin sehr begeistert davon! Die Autorinnen vermitteln Wissen zu Wildpflanzen und ihren Samen auf eine unterhaltsame und verständliche Weise. Die Gestaltung mit den vielen Fotos ist sehr gelungen.

    Rezension von Heike Rau

    Anke Höller und Doris Grappendorf
    Essbare Wildsamen – Finden, sammeln, vielseitig genießen
    144 Seiten, Klappenbroschur
    Verlag Eugen Ulmer
    ISBN-10: 381860648X
    ISBN-13: 978-3818606480
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    J. Courtney Sullivan: Aller Anfang

    Von hera | 26.März 2019

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    Celia, Bree, Sally und April gehören zu den Neuen am Smith College in Northampton, an dem nur Frauen zugelassen sind. Sie finden in diesem ersten Jahr zusammen und werden Freundinnen, einfach weil ihre Zimmer beieinanderliegen und sie in derselben Situation sind. Sie fühlen sich sofort verbunden. Dabei sind sie sehr unterschiedlich. Celia kämpft gegen Heimweh, Bree ist verlobt, Sally hat den Tod ihrer Mutter zu verkraften und April ist durch und durch Feministin. Es geht munter zu in ihrer Gemeinschaft, die fast schon die Familie ersetzt. Das aufregende Alltagsleben im College wird in all seinen Facetten von der Autorin beschrieben. Es ist eine eigene und etwas abgeschottete Welt. Eine Welt ohne Männer.

    Jede der jungen Frauen, muss für sich klären, wohin die Zukunft führen soll. Jede hat die Wahl oder auch nicht. Manchmal spielt das Schicksal die Karten aus, zeigt verschiedene Wege auf oder lässt vermeintlich keine Alternative.

    Der Zusammenhalt geht weit, aber nicht so weit, dass keine eigenen Entscheidungen getroffen werden können. Jede der vier jungen Frauen möchte akzeptiert werden, so wie sie ist. Doch es wird natürlich auch bewertet, was die andere tut und ein Urteil gefällt. Das geschieht nicht immer mit Respekt, sondern auch mal verletzend. So wird es nach dem Studium schwierig. Die Freundschaften innerhalb der Gruppe werden auf die Probe gestellt. Andere Meinungen können wichtig sein und Sichtweisen ändern. Doch gerade als es drauf ankommt, sind die Freundinnen aufgrund einer Unstimmigkeit nicht mehr uneingeschränkt füreinander da.

    Die Autorin wechselt oft die Perspektive. Sie erzählt über Celia, Bree, Sally und April in eigenen Kapiteln bzw. lässt sie erzählen. So erhält man als Leser einen umfassenden Einblick in diese ungewöhnlich tiefe Freundschaft und kann die Handlungen, Sichtweisen und Entscheidungen der jungen Frauen nachvollziehen und verstehen. Es geht nicht darum, diese zu bewerten, sondern vielmehr darum, sich anzunähern. Die Autorin geht der Frage nach, wie es der Frauengemeinschaft gelingen kann, auch nach dem Studium, ohne das ständige Zusammensein, ihre Freundschaft aufrechtzuerhalten.

    Rezension von Heike Rau

    J. Courtney Sullivan
    Aller Anfang
    Aus dem Englischen von Henriette Heise
    432 Seiten, gebunden
    Deuticke Verlag
    ISBN-10: 3552063951
    ISBN-13: 978-3552063952
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    Prof. Dr. Achim Gruber: Das Kuscheltierdrama – Ein Tierpathologe über das stille Leiden der Haustiere

    Von hera | 20.März 2019

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    Haustiere leben in vielen Haushalten. Von gut 30 Millionen Tieren ist hier die Rede. Meist entsteht eine extrem tiefe Nähe. Doch diese zunehmende Verbundenheit birgt auch Gefahren für Tier und Mensch. Prof. Dr. Achim Gruber kennt diese. Er ist Tier-Pathologe und -Forensiker. Er möchte mit seinem Buch aufklären. Er übt Kritik und gibt Tipps zur Vermeidung von Tierleid, denn viele Fehler entstehen aus Unkenntnis oder falsch verstandener Tierliebe. Er setzt sich ein für ein gutes Verhältnis von Mensch und Haustier.

    Viele Tiere, die auf unerklärlich zu Tode gekommen sind, kommen zur Untersuchung in die Tierpathologie. Was auf dem Seziertisch offen gelegt wird, kann man im Buch nachlesen. Jeder Fall macht sprachlos. Tiere sterben, weil sie dem Tierarzt zu spät vorgestellt werden, weil sie nicht artgerecht versorgt werden oder weil bereits in der Züchtung ein Fehler gemacht wurde. Nicht nur bei den an Krimis erinnernden Fällen ist detektivisches Gespür gefragt.

    Jeder kennt diese kleinen, süßen Hunde, die durch ihr Aussehen, ihr Schnaufen und ihr atemloses Röcheln auf sich aufmerksam machen. Dass die Tiere stark beeinträchtigt sind, nimmt niemand zur Kenntnis. Das ist typisch für die Rasse, heißt es. Tatsächlich werden die Hunde immer mehr in diese Richtung überzüchtet. Es gibt viele weitere Beispiele, denn es trifft nicht nur Hunde. Auch damit kann sich der Leser einmal beschäftigen.

    Im Buch geht es außerdem um übertragbare Krankheiten zwischen Tier und Mensch und umgekehrt. Prof. Dr. Achim Gruber betreibt hier Aufklärungsarbeit. Denn mit dem entsprechenden Wissen kann viel Leid vermieden werden.

    Man könnte glauben, dass ein Buch, das sich mit Tierleid beschäftigt für empathische Menschen kaum lesbar ist. Aber dem Autor gelingt es, einen Ton anzuschlagen, der passend ist. Er appelliert dabei natürlich an das Mitgefühl. Seine Arbeit macht er mit Leidenschaft! Und genauso setzt er sich auch für die Tiere ein. Hinschauen statt wegschauen, da muss man durch! Nur durch ein Umdenken, kann sich die die Situation für unsere Haustiere verbessern. Dabei ist auch Psychologie im Spiel. Haustierhalter können mit dem nötigen Wissen, mit Einsicht und einer Verhaltensänderung dazu beitragen, viele Kuscheltierdramen vermeiden.

    Rezension von Heike Rau

    Prof. Dr. Achim Gruber
    Das Kuscheltierdrama – Ein Tierpathologe über das stille Leiden der Haustiere
    312 Seiten, gebunden
    Droemer Verlag
    ISBN-10: 3426277816
    ISBN-13: 978-3426277812
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