Julia Schoch: Das Vorkommnis

Julia Schoch: Das Vorkommnis

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Die Geschichte einer namenlosen Frau beginnt überraschend: es handelt sich um eine Schriftstellerin, die im Kulturzentrum einer Norddeutschen Stadt aus einem neuen Buch liest.
Während sie nach der Lesung Bücher signiert, spricht eine fremde Frau sie mit den Worten an: “wir haben übrigens den gleichen Vater.“ Sie springt auf und umarmt diese.

Was ist nur los mit ihr?

In der Folge erfährt man, wie sie lebt, was sie gerade tut, und wie es ihr geht.
Sie hat zwei kleine Kinder und einen Ehemann. Lesungen und Literaturaufträge führen sie bis nach Amerika.

In langen Reflexionen, die wie Träume daherkommen, erinnert sie sich an ihre Kindheit und ihre Eltern. Das Geheimnis um eine unbekannte Schwester treibt sie um. Als habe sie es immer schon geahnt, dass es ein Familiengeheimnis gibt!

Julia Schoch schreibt über eine Begebenheit, die in ihren Dimensionen immer weitere Blüten in der Fantasie ihrer Heldin treibt. Es geht um unerwünschte Schwangerschaften, Eheleben, Veränderungen und auch um das Leben in der DDR.

In langen Passagen wendet die Protagonistin ihre Zweifel über das, was wirklich ist und was nur Fantasie, immer intensiver hin und her. Sie wird ihren eigenen Einschätzungen gegenüber misstrauisch. Ihr Mann, ein unkomplizierter Typ, tut ihre Infragestellungen ab, er kann sie nicht verstehen.

Julia Schoch hat ein sehr reflektiertes Werk verfasst. Der Leser:in folgt dem Wahn der Icherzählerin, alles und jedes zu hinterfragen und gerät selber ins Grübeln. Leider vergiftet die Selbstbefragung nach und das Denken der Erzählerin, deren als Biographie bezeichnetes Leben sich vor uns abspielt. Sie wirkt dadurch der Gegenwart entrückt und in großer Distanz zu ihren Kindern, ihrer Mutter und auch ihrem Mann. Das Geheimnis um die fremde Frau lüftet sich, und ja, es gibt Dinge in Familien, die wir nicht wissen. Dass sie jedoch eine Art Unwirklichkeitsgefühle im Menschen auslösen mögen, mag sein. Insgesamt aber sind existenzielle Fragen nach den Veränderungen im Wesen, Verhalten und Aussehen natürlich und folgerichtig. Auch gibt es keine Statik zwischen Menschen. Von der Kindheit bis ins hohe Alter verändern sich Denken, Verhalten, Aussehen und die Ansichten. Julia Schoch ist es gelungen, mit psychologischem Feingefühl diesen Fragen nachzugehen.

Insofern ist die Geschichte gut konzipiert und durchaus realitätsnah. Wie zu lesen war, soll die „Biographie einer Frau“ noch Fortsetzungen erfahren. Wir dürfen neugierig bleiben!

Julia Schoch ist in der DDR geboren und aufgewachsen. Sie lebt in Potsdam und ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden.

Julia Schoch
Das Vorkommnis
dtv Verlagsgesellschaf, Februar 2022
192 Seiten, gebunden
ISBN-10: 423290218
ISBN-13: 978-3423290210
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Mina Teichert: Sommerwind in der Mähne

Mina Teichert: Sommerwind in der Mähne

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Die 15-jährige Enola verbringt den Sommer bei ihrer Tante in Schottland, die hier einen Ponyhof hat. Sie soll sich von ihrem Reitunfall erholen. Das Knie macht noch Probleme, aber viel schlimmer ist für sie der Tod ihres Pferdes. Damit klarzukommen, ist fast unmöglich. Und nun ist sie wieder unter Pferden.

Als ihr ein altes Tagebuch in die Hände fällt, beginnt sie darin zu lesen. Georgie hat es geschrieben. Er hat in den nahen Kohleminen gearbeitet und sein Pit-Pony Lucky half ihm bei der Arbeit. In den 30er Jahren gab es ein Unglück und die beiden wurden verschüttet. Doch nie hat Georgie den Mut verloren.

Vielleicht kann auch Enola nach ihrem Unfall einen Neuanfang wagen. Der schneeweiße Shetty-Wallach Pitty bemüht sich jedenfalls sehr, sie aufzuheitern. Effi aus der Nachbarschaft scheint ebenfalls völlig unvoreingenommen zu sein, obwohl sie Bescheid wissen muss. Ihr Bruder Finley erforscht die alte Kohlemine und hier schließt sich der Kreis. Denn auch Enola interessiert sich durch das Tagebuch dafür. Nur ist die Kohlemine ein gefährlicher Ort, an dem man sich besser nicht aufhalten sollte.

Die Autorin beschreibt sehr einfühlsam, wie Enola versucht, mit der Trauer und ihren Schuldgefühlen umzugehen. Die Aufarbeitung ist nicht leicht für sie. Aber sie kann sich nicht in ihrem Zimmer verstecken, schließlich wird ihre Hilfe auf dem Ponyhof gebraucht. Die Ponys wecken Erinnerungen, mit denen sie sich auseinandersetzen muss. So findet fast unmerklich eine Entwicklung statt, der sich Enola nicht entziehen kann.

Das Buch ist, trotzt Enolas Problemen, in einem munteren Schreibstil geschrieben. Zu ihr entsteht eine große Nähe, denn die Autorin schreibt aus ihrer Perspektive. Aber auch die anderen Charaktere, es ist ein eher kleiner Kreis, begeistern. Hier ist insbesondere Effi, die im Gegensatz zu ihrem eher zurückhaltenden Bruder Finley frech und schlagfertig ist, zu nennen.

Selbst verständlich gibt es wieder ein großes Abenteuer zu erleben, das nicht spannender hätte sein können. Freundschaft, Verantwortung und Zusammenhalt sind in diesem Zusammenhang wichtige Aspekte, die zum Tragen kommen. Und natürlich kommen Pferdefans voll auf ihre Kosten. Es ist die perfekte Mischung. Das Buch macht Spaß, weil es viele witzige Szenen hat.

Rezension von Heike Rau

Mina Teichert
Sommerwind in der Mähne
256 Seiten, gebunden
ab 10 Jahren
Ueberreuter Verlag März 2022
ISBN-10: 3764152338
ISBN-13: 978-3764152338
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Helen Wolff: Hintergrund für Liebe

Helen Wolff: Hintergrund für Liebe

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Hinter einer autobiographisch gefärbten Liebesgeschichte verbirgt sich Helen Wolff, die legendäre Verlegerin und Frau des ebenso bekannten Verlegers Kurt Wolff.

Im Sommer 1932 fuhr die Protagonistin des Romans mit ihrem Geliebten Kurt an die Cote d’Azur, um dort einen schönen Sommer zu verbringen. Beide arbeiten im Verlagswesen in Berlin.
Er, der zwanzig Jahre Ältere, freute sich darauf, seiner jungen Freundin Helen die herrliche Landschaft der Provence zu erschließen.

Was als wunderbares Liebesabenteuer beginnt, entwickelt sich zu einer überaus zarten, rauen und empathischen Geschichte.
Er, der im Text nur als „Du“ erscheint, ist weltgewandt und dynamisch. Sie hingegen ist eher unscheinbar und unerfahren.

Angekommen in Nizza bezieht er mit Helen ein feines Hotel. Schon bald tauchen nahe und ferne Bekannte von ihm auf, die zu einem ausschweifenden und lauten Partyleben verleiten.
Helen ist entsetzt, fühlt sich kreuzunglücklich und beginnt, sich aus dieser Gesellschaft und von „ihm“ abzunabeln.
Sie verschwindet aus dem Dunstkreis der „Partymenschen“, sucht und findet in Saint- Tropez ein im Schilf verborgenes Häuschen. Es ist spartanisch aber paradiesisch in seiner Abgeschiedenheit.

Nun beginnt eine wirklich hinreißende Geschichte. Atmosphärisch nah und unmittelbar berührend beschreibt Helen den Zauber der Landschaft. Sie malt buchstäblich mit dahin getupften Worten die Farben und Düfte einer Gegend, die wohl jeden dafür empfänglichen Menschen begeistern kann. Das Meer in seiner Unendlichkeit, die Natur rundum, die zarten Farben der Häuser und der Duft nach fruchtbarem Landleben werden in den schönsten Farben gezeichnet. Helen findet Freunde und lernt das Leben zu genießen. Die lustvolle Begeisterung an Sonne, Meer, Essen, Wein und allgemeiner Lebensfreude ergreift Besitz von ihr.

Der Leser:in fiebert mit, wie sich die Liebesgeschichte zwischen ihr und ihrem „Du“ entwickeln mag! Provence ohne Charme und Liebe ist schwer vorstellbar.

Helen Wolffs Großnichte Marion Detjen hat sich in Archive vertieft und konnte dieses Manuskript entdecken.
Sie ist Historikerin und hat in einem zweiten Teil des Buches einen Essay hinzufügt, in dem sie die politischen Hintergründe und gesellschaftlichen Umstände jener dramatischen Jahre beschreibt.

Die einschlägige Künstlerszene traf sich damals an der Côte d’Azur, geriet in den Strudel vor Hitlers Machtergreifung und musste bald schon die Flucht nach Amerika antreten. Viele sehr bekannte Namen werden von ihr genannt, Liebschaften aufgedeckt und Verbindungen zwischen Autoren, Verlegern und Künstlern in einen Zusammenhang gestellt.

Sowohl die poetische Liebesgeschichte des fiktiven Paares, als auch die historischen Betrachtungen sind aufschlussreich und außerordentlich lesenswert.

Helen Wolff
Hintergrund für Liebe
Weidle, März 2020
216 Seiten, broschiert
ISBN-10: 3938803967
ISBN-13: 978-3938803967
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Lesley Kara: Die Lügen

Lesley Kara: Die Lügen

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Lizzie und Alice waren enge Freundinnen, bis Alice auf den Bahngleisen zu Tode kam. Lizzie, die einen epileptischen Anfall hatte, kann sich nicht an das Zugunglück erinnern. Die 13-jährige vermisst Ihre Freundin und doch sieht sie sich Vorwürfen ausgesetzt. In der Schule wird ihr das Leben zur Hölle gemacht. Catherine, die Schwester von Alice, glaubt, dass Lizzie eine Mörderin ist.

Auch viele Jahre später kann Lizzie sich nicht an das Unglück erinnern. Aus ihren bruchstückhaften Erinnerungen, die in Form von schrecklichen Albträumen über sie kommen, lassen sich die Geschehnisse nicht rekonstruieren. Es macht ihr sehr zu schaffen, dass sie nicht sicher sein kann, eine gewisse Schuld an Tod von Alice zu haben. Und doch ist es ihr gelungen, ein neues Leben zu beginnen. Sie wohnt zusammen mit ihrem Freund Ross, der Arzt ist, in einem schönen Haus. Doch seltsame Hinweise lassen die Vergangenheit wieder aufleben.

Das Buch verläuft zunächst recht unspektakulär. Der Unfall belastet Lizzie zwar noch immer, aber sie hat Strategien entwickeln, damit umzugehen. Auch ihre gesundheitlichen Probleme hat sie besser im Griff. Sie schmiedet gemeinsam mit Ross Pläne für die Zukunft. Doch dann erscheint Catherine wieder auf der Bildfläche. Und von da an baut sich eine seltsame Stimmung auf, die die Autorin zunächst geschickt zwischen den Zeilen hält. Aber das Misstrauen ist geweckt und wird gefüttert von kleinen Details, die zunächst übersehen werden könnten. Auch Lizzie bedient sich dieser Strategie. Sie redet sich selbst gut zu, schlägt Warnungen in den Wind. Als Leser hat man nur ihre Sicht auf die Dinge, denn die Autorin lässt Lizzie aus der Ich-Perspektive erzählen. Würde man sich verhalten wie sie? Wahrscheinlich nicht. Und was bedeuten diese geschickt eingestreuten kursiven Passagen? Um wen und um was es hier geht, bleibt zunächst unklar.

Und dann, mit einem Paukenschlag, kommt es zu einer Wende, die unvorhersehbar war und die den Atem stocken lässt. Es ergibt sich nun ein völlig neues Bild, ein ungeahnt gefährliches Bild, da das Lügengespinst am Zerfallen ist. Die Spannung, die eigentlich schon auf dem Höhepunkt war, wird noch einmal gesteigert. Und so bleibt es bis zum Ende äußerst dramatisch. Ein wirklich gelungener Thriller!

Rezension von Heike Rau

Lesley Kara
Die Lügen
336 Seiten, broschiert
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10:‎ 3423263210
ISBN-13: 978-3423263214
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Gianfranco Calligarich: Der letzte Sommer in der Stadt

Gianfranco Calligarich: Der letzte Sommer in der Stadt

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Dieser Titel von Gianfranco Calligarich ist schon 1973 zum ersten Mal erschienen und wurde im Januar 2022 mit großem Erfolg neu aufgelegt.

Held dieser Geschichte ist Leo Gazzarra.
Er ist buchstäblich ein Müßiggänger, der sein Leben zu genießen weiß.
Er kam aus Mailand in die große Stadt Rom, wo er Freunde, einen kleinen Job und Unterkunft fand.
Mit seinen Einkünften ist es nicht weit her. Hier und da leiht er sich etwas, vor allem aber findet man ihn auf Partys und in den einschlägigen Kreisen, wo man trefflich zu feiern weiß.
So weitet sich der Bekanntenkreis. Allmählich wächst er in eine Clique hinein, in der viel getrunken und gefeiert wird.

In hinreißenden Bildern schildert der Autor das süße Leben zu Beginn der siebziger Jahre in Rom. Sein Protagonist ist Journalist und hat eine feine Beobachtungsgabe, mit der er Einzelheiten des Lebens, der Stadt mit ihren Kunstwerken und des eigenen Wohlergehens beschreiben kann.

Arianna wird die große Liebe seines Lebens. Doch das Spiel, das in seinem neuen Bekannten-und Freundeskreis gespielt wird, ist auch ein tödliches Spiel. Arianna ist eine exzentrische Person, deren Launen Leo bald verzweifeln lassen.

G. Calligarich kann mit seiner ausgezeichneten Wortgewandtheit die Feinheiten der Atmosphäre im Rom der siebziger Jahre hautnah schildern. Die Sommer sind heiß, und die Treffen der Freunde zeugen von einem Leben im Müßiggang und Langeweile. Die Stadtbeschreibungen und Wiedergabe von Stimmungen sind treffend und zeugen von Einfühlungsvermögen. Sie stehen ganz im Gegensatz zu den ausufernden Trinkereien. Denn der Alkoholkonsum nimmt zu, und man lebt von einem Tag auf den anderen. La Dolce Vita ist angesagt. Architekten, Künstler, Filmschaffende und erfolgreiche Geschäftsleute bilden den Kern der Gemeinschaft. Leo arbeitet mit wenig Erfolg für eine Sportzeitung. Durch die richtigen Verbindungen sucht er gelegentlich nach neuen Betätigungsfeldern. Er ist ein sensibler, nachdenklicher und literarisch gebildeter Mensch. Der Alkoholkonsum bringt mehr als einen der Protagonisten zum Scheitern. Auch Leo verfällt mehr und mehr dem Alkohol. Letztlich zeigt sich ein morbides Gebilde der Gesellschaft, denn richtig froh ist niemand. Von Gefühlen der Wehmut und Melancholie befallen kann Leo seinem Schicksal nicht entgehen.

Der Leser wird mitgerissen von einem Erzählstil, der realistisch und einfühlsam einen Sommer in der Stadt vermittelt. Auf dem Klappentext heißt es „Ein Roman für alle, die Philip Roth und Jonathan Franzen lieben.“ Dem kann ich mich nur anschließen.

Gianfranco Calligarich
Der letzte Sommer in der Stadt
Paul Zsolnay Verlag, 3. Edition, Januar 2022
208 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3552072756
ISBN-13: 978-3552072756
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Bettina Flitner: Meine Schwester

Bettina Flitner: Meine Schwester

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Bettina Flitner begibt sich mit diesem Buch auf Spurensuche in die Vergangenheit. Es geht um ihre Familie, ihre Eltern, die Schwester und Großeltern. Ihre Eltern hatten sich in einer Zeit des Aufbruchs aus verkrusteten Strukturen in ein antibürgerliches und sexuell freies Leben begeben.

Anstoß zum Buch war der Suizid ihrer Schwester, die sich wie die Mutter mit 47 Jahren das Leben genommen hat.

In wechselnden Zeitebenen beschreibt Bettina Flitner ihr Kinderleben und ihr Erwachsenendasein. Ihre Schwester, um die es im Wesentlichen in diesen Aufzeichnungen geht, war schon früh ein gestörtes Mädchen mit Hungerattacken und innerer Unausgeglichenheit.

B. Flitner hat eine ungebrochene Gabe, in ihren Erinnerungen die täglichen Gegebenheiten trocken, nüchtern und auch gelegentlich karikierend darzustellen. In ihrer Erzählweise wirkt sie fröhlich, unbeschwert und ohne Ängste. Mit ihrer wenig älteren Schwester hatte sie ein enges Verhältnis. Sie heckten zusammen so manchen Schabernack aus. Auch die Großeltern spielen keine geringe Rolle und werden mit ihren skurrilen Eigenheiten beschrieben.

Sie beschreibt klar und schnörkellos, was sich täglich in ihrem Leben änderte. Viele Umzüge gehörten dazu und wechselnde Partner:innen der Eltern. So lebt eines Tages Frau Tasch mit in der Familie. So wie sie gekommen ist, verschwindet sie auch wieder. Ab und zu flüstern die Kinder „das ist seine Neue“, wenn wieder mal ein fremdes weibliches Wesen am Tisch Platz nimmt.

Etwa um 1970 ging es für eine Weile nach Amerika. Neugierig und munter beschreibt die Autorin ihre Schuleindrücke, die fremde Stadt New York mit ihren Geräuschen und Ausflüge zu einer „Landkommune“ etc. Dort geht es bunt, lustig und sehr freizügig zu.

In der Art wie B. Flitner ihre Kindheit und Jugend schildert, meint man zu spüren, dass sie sich in ihrem Inneren immer ein wenig auf Abstand zur Familie befand. Einzig die Schwester Susanne war lange Zeit ihr Kumpel und bester Freund. Diese fand sich wohl weniger leicht zurecht in dem ungeordneten Familienleben.

Dass die Mutter an Depressionen litt, zeigt die Autorin in wunderbaren Bildern. Es sind die schwarzen Vögel, die einer nach dem anderen kommen, um die zarte und empfindsame Mutter heimzusuchen. Den Vater beschreibt sie treffend mit den Worten“ Ein schwer zu fassendes Irrlicht, das mal hier und mal dort über einen morastigen Grund geistert“. (S.150) Mit diesen Worten wird die innere Distanz deutlich, mit der die Autorin ihre Familienmitglieder zu charakterisieren versucht.

D.h. nicht, dass sie nicht getroffen ist, als die Mutter stirbt.
Man spürt im Gegenteil ihr Mitgefühl mit dieser unglücklichen Frau.
Unmittelbar nachvollziehbar ist der Schock über den Tod der Schwester.

Alles in allem ist die Autobiographie in ihrer protokollarischen Darstellung reich an inneren Bildern, die Einblicke in ein unruhiges und wenig Halt bietendes Elternhaus öffnen.

Bettina Flitner ist Ehefrau von Alice Schwarzer und hat sich als erfolgreiche Fotografin einen Namen gemacht. Sie lebt in Köln.

Bettina Flitner
Meine Schwester
Kiepenheuer&Witsch, Februar 2022
320 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3462002376
ISBN-13: 978-3462002379
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Jan Berry: Natürliche Hausmittel – Von Kosmetik bis Putzmittel einfach alles selbst herstellen

Jan Berry: Natürliche Hausmittel – Von Kosmetik bis Putzmittel einfach alles selbst herstellen

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Hausgemachte Naturprodukte erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Die Autorin bietet einen schönen Einstieg in das Thema, beschreibt die verwendeten Garten- und Wildkräuter und ihre Wirkung und für welche Rezepte sie jeweils genutzt werden können. Sie zeigt auf, wie man diese konservieren kann, um sie immer zur Hand zu haben. Es wird erklärt, welche Öle zum Einsatz kommen und wie Ölauszüge hergestellt werden. Zudem werden alle weiteren Zutaten kurz beschrieben. Natürlich wird auch aufgezeigt, welche Ausrüstung nötig ist. Viele Utensilien sind bereits in der Küche vorhanden.

Das Buch beginnt mit pflanzlicher Hautpflege. Hier fand ich insbesondere die seifenfreien „Waschstücke mit Tonerde und Blüten“ interessant. Bei den Salben und Balsamen ist es der „Balsam mit Lavendel, Kokos und Honig“. Bei der Körperbutter sind es die „Sonnenblumen-Lotion-Bars. Spannend sind auch die verschiedenen Badezusätze, die Peelings und die Lippenpflege. Nur selbst gemachte Zahnpasta habe ich vermisst.

Ein großes Kapitel ist der Herstellung von Seifen gewidmet. Hier hat sich die Autorin bemüht, diese Kunst möglichst einfach darzustellen, sodass sogar Anfänger damit zurechtkommen sollten. Alles wird Schritt für Schritt und mit zahlreichen Fotos anschaulich erklärt. Das Anfängerrezept ist eine „Kamillenseife mit Olivenöl“.

Was haben wir noch? Natürlich geht es im Buch auch um Hausmittel für die Gesundheit. Hier fand ich es spannend, zu erfahren, wie zur gewünschten Wirkung die Kräuter ausgesucht werden. Das ist bei den Pflegeprodukten ebenso. Und so ist es doch recht einfach, einen Hustensirup oder ein Massageöl herzustellen.

Haushaltshelfer werden ebenfalls vorgeschlagen. Küchenreiniger, Fensterreiniger, Möbelpolitur und Weichspüler lassen sich leicht mit wenigen natürlichen Zutaten herstellen.

Das Buch ist ein Arbeitsbuch und ein Nachschlagewerk. Die Autorin präsentiert nicht nur die Rezepte, sie liefert auch breit gefächertes naturheilkundliches Wissen. Sehr ansprechend sind die Fotos im Buch, die schön gemacht und großformatig sind. Sich eine Vorstellung von dem Produkt machen zu können, das hergestellt werden soll, ist sehr von Vorteil. Die Autorin inspiriert zudem mit Basisrezepten, mutiger beim Ausprobieren zu werden. Ich bin begeistert von diesem Buch, da die Rezepte gut umsetzbar sind und es ausführliche Erklärungen zu den Zutaten gibt.

Rezension von Heike Rau

Jan Berry
Natürliche Hausmittel – Von Kosmetik bis Putzmittel einfach alles selbst herstellen
400 Seiten, gebunden
Unimedica, Februar 2022
ISBN-10:‎ 3962572554
ISBN-13: 978-3962572556
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Jessica Durlacher: Die Tochter

Jessica Durlacher: Die Tochter

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Jüngste europäische Geschichte in einem an Spannungen reichen Roman.

Im Hause der Erinnerung an Anne Frank in Amsterdam, der im Krieg von den Deutschen zuerst ins KZ verbrachten und dann getöteten holländischen jungen Jüdin, begegnen sich eines Tages Sabine und Max. Er begleitet seine jüdische Familie zur Besichtigung, und Sabine arbeitet gelegentlich hier.

Es wird viel über Gefühle nachgedacht und die widerstreitenden Gedanken, die einen jeden in diesem Haus befallen. Die ganz schreckliche Nazivergangenheit mit ihrem unendlichen Leid, das sie über die Menschen und insbesondere über die jüdischen Menschen gebracht hat, wird in diesem Besuchen lebendig. Sabine nennt es „schaurig“, und dass das für immer in diesem Hause bleibt.

Warum Sabine so penetrant ein Gespräch mit Max sucht, wird erst allmählich klar.

In leicht mokanten Worten bis geheimen Widerwillen ersteht die Vergangenheit in Max.

Aus Amerika sind Onkel und Tante gekommen. Max ist sehr ambivalent in seinen Gefühlen allen gegenüber. Ob jüdischer Vater oder Mutter: er hat ein feines Gespür für die unterschwelligen Strömungen im Wesen und Gebaren seiner Eltern.

Nach längerer Vorgeschichte mit Einzelheiten aus ihrer beider Leben entflammt zwischen Max und Sabine eine heftige Liebe.

Jessica Durchlacher entwickelt daraufhin ein umfangreiches Panorama menschlichen Verhaltens und des Leids, das Menschen einander zufügen können: Geheimnisse, Misstrauen, Verrat, Liebe und Vertrauen wechseln in ihren Verknüpfung mit den Schicksalen.

Die Autorin hat ein ausgezeichnetes Repertoire an Fantasie und Worten, menschliche Tragödien aufzuzeigen, die in ihren Verstrickungen der Realität nahekommen. Der Bogen der Spannung wird weit gezogen. Juden/ Jüdinnen und holländische Kollaboration werden zum Thema. Lügen in den Familien sind bestimmt von dem Wunsch, die Vergangenheit zu vertuschen oder zu vergessen.

Begegnungen führen von Amsterdam nach Los Angeles und Jerusalem. Die Liebe der zwei Hauptprotagonisten wird immer wieder zerstört, weil sich Sabine in letzter Konsequenz allen Bindungen entzieht.

So vergehen Jahre, bis die Geschichte einem Höhepunkt entgegengeht.

Jessica Durchlacher nimmt Geschehnisse der jüngsten europäischen Geschichte zum Thema. Atmosphärisch dicht und realitätsnah erlebt man gewisse Intellektuelle in Europa und Amerika in ihrem Umfeld, um dem Kern in der Erzählung näherzukommen. Es rührt an das Mitgefühl des Lesers/ Leserin, wenn wieder einmal deutlich wird, wie verführbar der Mensch zum Bösen sein kann, und wie katastrophal das ganze Leben als Folge von Unmenschlichkeit bestimmt bleiben mag.

Bis zur letzten Minute bleibt die Geschichte spannend und anrührend. Eine volle Empfehlung von mir für ein Buch, dass bereits 2003 zum ersten Mal erschienen ist.

Jessica Durlacher
Die Tochter
Diogenes Verlag, 10. Auflage, Februar 2003
336 Seiten, broschiert
ISBN-10: 3257233515
ISBN-13: 978-3257233513
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Saskia Louis: Die Lügendiebin

Saskia Louis: Die Lügendiebin

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Fawn ist eine begabte Lügendiebin. Sie kann mit ihrer roten Magie erkennen, wer die Wahrheit spricht und wer lügt. Doch hat sie es nicht auf Notlügen, Flunkereien und Ausreden abgesehen, sondern vielmehr auf bedeutsame Lügen, denn diese sind den Dunkeldieben mehr wert. So schleicht sie sich ein in die Häuser der adligen Familien im weißen Ring, um heimlich an ihren Gesprächen teilzunehmen. Unbemerkt aus ihrem Versteck heraus hängt sie an ihren Lippen und erfährt, was eigentlich geheim bleiben soll.

Fawn fühlt sich sicher, sie versteht ihr Handwerk. Doch im Hause der Familie Falcron wird sie erwischt. Lord Kaltherz persönlich steht ihr plötzlich gegenüber, als sie gerade einer unglaublich brisanten Lüge, die sie von Lady Falcron Lippen gestohlen hat, auf den Grund gehen will. Nun muss sie selbst lügen und es wie Wahrheit aussehen lassen. Doch kommt sie damit nicht durch. Caeden will sie für seine Zwecke einspannen. Er glaubt, nur so den Mörder seines Vaters finden zu können. Aber dazu muss sie sich als seine Verlobte ausgeben. Fawn holt sich Rückendeckung von den Dunkeldieben und spielt mit. Sie hat ohnehin kaum eine Wahl. Es ist eine äußerst gefährliche Sache, die sie das Leben kosten könnte.

Vor dem geistigen Auge tut sich eine geheimnisvolle Welt auf, die in fünf Ringe eingeteilt ist. Dabei bildet der Königshof von Mentano die innere Mitte. Fawn lebt im äußeren grauen Ring. Hier ist die Armut, der sie entfliehen möchte, am größten. Es kostet keine Mühe, sich diese Welt vorzustellen, denn sie ist sehr bildhaft beschrieben.

Fawn kommt in diesem Buch selbst zu Wort. Die Geschichte ist aus ihrer Sicht erzählt. Sie ist eine offene, mutige und etwas zu abenteuerlustige junge Frau. Ihre Erlebnisse und ihre Gedanken werden sehr ausführlich wiedergegeben, sodass man sich perfekt in sie hineinversetzten kann. Besonders spannend ist ihr Umgang mit Caeden. Hat er seinen Spitznamen Lord Kaltherz wirklich verdient? Überhaupt gibt sich seine Familie unerwartet freundlich. Als Leser kommt man nicht umhin, sich um ihren Vertrauensvorschuss Sorgen zu machen. Nach außen hin spielen die beiden ihre Rolle als verlobtes Paar wirklich gut und Fawn ist sich ihrer Gefühle nicht mehr sicher.

Die Autorin eröffnet einen völlig neuen Blick auf das Wesen der Lüge und ihrer Vielfältigkeit bis hin zum Verrat. Über bewusste Täuschung und Intrigen hinweg entwickelt sich die absolut fesselnde und wunderbar flüssig zu lesende Geschichte fort bis hin zu einem dramatischen Ende, das Lust auf den zweiten Teil des Buches macht.

Rezension von Heike Rau

Saskia Louis
Die Lügendiebin
ab 14 Jahren
416 Seiten, gebunden
Ueberreuter, Februar 2022
ISBN-10: 3764171286
ISBN-13: 978-3764171285
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Annika Büsing: Nordstadt

Annika Büsing: Nordstadt

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Der vorliegende Roman von Annika Büsing glänzt durch eine kurze, lakonische Sprache, die zuweilen sehr witzig wirkt.Erzählt wird die Geschichte von Nene. Sie lebt im Norden einer Stadt im Ruhrgbeiet. Herkömmlich sind die Nordstädte die ärmeren Teile einer Stadt. Dort geht es nicht so gesittet zu wie etwa im Süden.

Nene arbeitet als Bademeisterin. Im Schwimmbad lebt sie ihr Leben, kennt die Menschen, knüpft Beziehungen an und ist dort ganz zu Hause.
Sie erzählt ihre Geschichte in der Ichform. Eines Tages kommt Boris ins Schwimmbad. Er humpelt und hat so schöne „Pumaaugen“ und vom Wasser verklebte Wimpern. Nene mag ihn.

Es ereignet sich nicht viel. Umso eindrucksvoller sind die Erlebnisse und die kleinen Erinnerungsfetzen an und Hinweise auf ihren Vater, der bei jeder Gelegenheit prügelte.

Die Protagonistin hat eine umwerfend komische, nüchterne und sehr ehrliche Sprechweise. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und denkt schnell und logisch. Mit Boris lässt es sich für sie schwer an. Ihre stakkatoartigen Sätze enthalten Gedanken und Überlegungen, die sich mit ihren Mitmenschen beschäftigen. Boris ist stolz, und zuweilen lügt er sie an. Bis sie herausfindet, wie er lebt und denkt, dauert es einige Zeit.

Die Art und Weise, in der Annika Büsing ihr Thema angeht, ist reizvoll. Immer wieder bleiben Fragen offen. Der Leser muss sich gedulden, um mehr über Hintergründe der Beziehung zwischen Nene und Boris herauszufinden. Nene wird von ihr so geschildert, dass man tiefe Einblicke in das Seelenleben ihrer Protagonistin bekommt. Sie ist rau, insgeheim zärtlich und liebevoll, dabei brüsk in ihren Äußerungen, und häufig fühlt sie sich einsam. Außerdem ist sie anhänglich und empfindsam. Auf eine verhaltene Art und Weise hat sie einen aufrechten und klaren Charakter. Es ist die vorsichtige Annäherung, mit der Annika Büsing den Leser*in bestrickt. Unter der äußeren Oberfläche schlummern bei Boris und Nene Traurigkeit, Einsamkeit und Verletzungen aus frühen Kinderjahren. Der feine Sarkasmus und die Schüchternheit ziehen beide zueinander hin. Durch das eigene erfahrene Leid ist das Verständnis für den anderen groß. Da sie gelernt haben, ihre Verletzungen zu verbergen, ist der Weg gegenseitiger Annäherung äußerst zurückhaltend. Boris geht allem aus dem Wege. Nene sucht sich Menschen, denen sie vertrauen kann, und zu denen sie eine Beziehung aufbauen möchte. So ist Nene die treibende Kraft, die sich Boris immer wieder zuwendet.

Es ist eine kurze aber sehr anrührende Geschichte, mit denen sich Annika Büsung in ihrem Debütroman ihrem Lesepublikum vorstellt. Man darf gespannt sein auf weitere Romane von dieser Autorin.

Sie leb mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Bochum.

Annika Büsing
Nordstadt
Steidl, Februar 2022
128 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3969990645
ISBN-13: 978-3969990643
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