Darum

Darum

Jan Haigerer, Journalist, erschießt eines Abends in einer Bar einen Mann mit einer roten Jacke. Kein Mensch bringt ihn zunächst mit dieser Tat in Verbindung, schon gar nicht die Polizei. Sein Geständnis wird als Reaktion auf den Schock gewertet. Erst als festgestellt wird, dass seine Fingerabdrücke auf der Tatwaffe sind, und nur seine, kommt die Polizei nicht umhin, ihn zu verhaften.
Trotzdem glaubt keiner, dass der liebenswerte Jan Haigerer ein Mörder ist. Nicht seine Freunde, nicht seine Kollegen und auch immer noch nicht die Polizei. Sie alle sind überrascht, erschrocken und schockiert. Jan ist einfach nicht der Typ dazu. Außerdem fehlt jegliches Motiv. Und doch ist es so gut wie bewiesen.

Das Spannende an diesem Krimi ist, dass man sehr, sehr lange nichts über das Opfer, den mit der roten Jacke, erfährt. Als wäre er ein Fremder gewesen, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Zudem fehlt das Motiv. War es Zufall, dass Haigerer ausgerechnet den mit roten Jacke erschossen hat? Oder hatte er doch Gründe? Jan Haigerer schweigt sich aus. Auch das Gericht tappt im Dunkeln. Doch etwas schmort hinter der Fassade. Nichts stimmt an der ganzen Sache. Warum will Jan unbedingt als Mörder verurteilt werden für eine Tat, die er „Darum“ begangen hat? Wieso geht es ihm gesundheitlich immer schlechter? Warum lenkt er nicht ein.

Dieser Krimi wirft viele Fragen auf, die unbedingt beantwortet werden müssen. So kann man das Buch einfach nicht aus der Hand legen, bis man zuende gelesen hat. Das ständige Verwirrspiel macht neugierig. Die halbe Welt vergeht sich in interessanten Mutmaßungen, die Lage wird verkannt. Die Spannung wird gehalten durch das nicht nachvollziehbare Verhalten von Haigerer, der die Geschichte aus seiner Sicht erzählt. Am Ende ist der Mord dann doch nachvollziehbar und das Motiv eine echte Überraschung.

Über den Autor:
Daniel Glattauer ist Jahrgang 1960. Er ist seit 1985 als Journalist und Autor tätig. Seit 1989 schreibt er für „Der Standard“ Gerichtsreportagen, Feuilletons und Kolumnen.

Rezension von Heike Rau

Daniel Glattauer
Darum
302 Seiten, gebunden
Franz Deuticke Verlag
ISBN: 3-216-30677-1
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Stellwerk – die erste Anthologie

Stellwerk – die erste Anthologie

Stellwerk- die erste Anthologie

Der Titel dieses Bändchens (ca. 170 Seiten) und der Künstlergemeinschaft ist Programm: die Richtung der Reise bestimmst du, das Stellwerk unterstützt dich dabei.

Die Zusammenstellung der einzelnen Beiträge erfolgte unter Verwendung von Prosa, Lyrik sowie grafischen und Foto-grafischen Arbeiten. So ergibt sich eine auf den ersten Blick lockere Komposition, bei der das Gesamtwerk aber zum Glück mal wirklich mehr ist, als die Summe der einzelnen Teile. Der beobachtende Betrachter erhält einen Überblick des Umfanges des künstlerischen Schaffens im Stellwerk, kann sich positionieren und ist doch nach dem Blättern dazu gezwungen, seine vorgefasste Meinung in Frage zu stellen.
Lyriker outen sich in diesem Bändchen als Grafiker, Prosatexter stellen sich auch als einfallsreiche Poesie-Schaffende vor. Doch nicht nur solche Multitalente haben sich ihren Platz in dieser Anthologie erobert, auch Vertreter „nur“ einer künstlerischen Richtung glänzen mit herausragenden Werken.
Die Besonderheit dieser Anthologie ist das synergistische Nebeneinander von Text und Bild. Die grafischen Arbeiten verkommen nicht zum schmückenden Beiwerk, sondern erweitern die Möglichkeiten der intensive Beschäftigung mit den Texten, werfen neue Fragen auf, oder brennen das Gelesene als Bild ins Gedächtnis.

Zu Beginn der kurzen Einzelvorstellung der Beiträge gleich noch eine Erklärung:
Die Beurteilung von Lyrik hinsichtlich ihrer Qualität und der Koordinaten im unendlichen Ozean ihrer Quantität fällt mir allgemein schwer. Die Beliebigkeit des Inhaltes und der Form, oder der Krampf der mit dem Wunsch nach Innovation bei manchen Autoren einhergeht, führt dazu, dass ich selten „umgeworfen“ werde. Bei den mich berührenden Werken sind es meist nur einzelne Fragmente die mich innehalten lassen und zum Nachspüren anregen. Mensch möge mir dieses Manko bitte nachsehen.

„Juni“
von Stefan Briel
Ein kurzes, erfreulich kitsch- und schwülefreies Liebesgedicht. Nach der Kulmination des Überganges von (Zitat aus „Juni“) „Bewusstsein zu Bewusstheit“ ein Ende, welches mich als Zeichen höchster Verliebtheit ergriffen hat:
„…
Zeig mir all die Stellen
Wo du schwach sein willst
Ich werde dich nicht verraten…“

Mal wieder eine festbödige Insel, die ich mit geschenkten Andenken verließ.

„Nachtarbeit“
von Astrid Hentrich
Poesie des einseitigen Ausschweigens, mit der Vision des möglichen Bruches bereits jetzt angerissener Banden. Nach dem Lesen lohnt sich die Besinnung auf den Titel außerordentlich.

„Traum“
von Stephan Klement
Illustration, die nach „Nachtarbeit“ optimistisch stimmt – die Vision ist noch nicht präsent.

„Der Autor als Linkshänder“
von Prof. Ernst Edmund Kehl
Eine Satire mit einem Protagonisten, der anscheinend über sich selbst lachen kann (auch wenn es im Text explizit Erwähnung findet). Macht Lust darauf, Texte vom Autor, vielleicht sogar einmal live, vorgelesen zu bekommen – gedruckt wirkt das Werk dagegen etwas behäbig.

Es folgen drei Gedichte; aber ich vermag es nicht, sie zu öffnen.

„Die Henkersmahlzeit“
von Henning Wagner
Ich liebe Eingangssätze die nicht mit ihrer noch bestehenden Bezuglosigkeit um meine Aufmerksamkeit buhlen, sondern schon die ersten Kulissen errichten. Bei diesem Test bewegt sich sogar bereits der erste Darsteller darin – anscheinend. Mit dem Lesen des zweiten Satzes weiß ich dann wieder, warum ich Kurzgeschichten mag.
Eine köstliche Geschichte. In Worte gekleidet, deren Verspieltheit das Lesevergnügen noch zusätzlich und sujetgerecht erhöht.

„Tausend Jahre stumm“
von Stephan Klement
Der Protagonist als Baum, lesenswerte Identifikation, die mich viel über mein Verhältnis zur Oberflächlichkeit der Naturbetrachtung nachdenken ließ.

„Heat“
von Markus Ebersbach
Illustration der „dritten Art“. Eine Fotografik mit psychodelischem Effekt – sehenswert.

„Bonjour, mon amour »
von Margit Lieverz
Klare Prosa und präzise Bilder reihen sich in immer schneller werdenden Schnitten zu einer Vorstellung menschlicher Wesenszüge. Hoher Schmunzelfaktor; Männer nicht ausgenommen.

„Autonacht“ von Christof Lemke
Kurzgeschichtenhafte Lyrik deren Dramatik bis zum Schluss ansteigend verläuft.

„Der Schrank“
von Daniel Mylow
Atmosphärisch dichte Kurzgeschichte über die dunklen Früchte am Baum der „Verlassenwerden“ heißt. Diese Tollkirschen prägen die Psyche des Protagonisten, bis zum, nicht nur ortsbezogen, klaustrophobischen Showdown. Ein Leben auf zwei DIN A5 Seiten präzise und ohne Sentmentalität fabuliert – Gänsehautfaktor.

„Objektiv“
von Stefan Briel
Lesens- und bedenkenswertes Wortspiel; nicht nur über (erotische?) Fotografie.
Sehr intensive Illustration: „Mensch“ von Jörg Block

„Der Felsen“
von Erna Lüttecke
Lyrik.

„Am Drücker“
von Heiko Paulheim
Mit Seitenhieben in vielerlei Richtung agierendes Prosastück über die Ausschaltung von Emotionen in Folge von falsch verstandenem Erfolgsdruck. Beeindruckende Pointe.
Auch hier: sehenswerte Illustration; diesmal von Corinna Schütz, die der Stimmung des Textes bestens gerecht wird.

„Du“
von Manuela Zimmermann
Lyrik.

„Minute/Leben“
von Markus Ebersbach
Wehmut ohne Pathos hat für mich in der Lyrik Seltenheitswert. Hier ist es dem Autor gelungen, die Vergänglichkeit des Augenblicks und die Subjektivität des Zeitempfindens aus dem Blickwinkel der Retrospektive eindringlich darzustellen.

„Nur einmal“
von Marianne Kieper
Sehr schöne Bilder, wirklich verdichtete Geschichte von Eros verwoben mit Technologiebetrachtungen, die uns zeigt: wir sind klein, aber suchen doch unsere Position im Weltengetriebe.

„Die Kunst zu heilen oder Wie man sich seines Restverstandes bedient“
von Astrid Hentrich
Klug, aber beileibe nicht altklug, vergnüglich mit spitzer Feder dargestellte „Beziehungskiste“. Mit vielen scharf beobachteten Alltäglichkeiten, mit Bausteinen zum Konstruieren je nach Stimmung („Kenn` ich.“ oder „So doch nicht!!!“): ein Lesevergnügen erster Güte.

„Leichtsinn“
von Hendrik Schneller
Lyrik, bei der mir ein Gefühl in Erinnerung bleiben wird:
„…
Sterne strahlen
klinisch
in die Nacht
…“

„Augenblick der Sehnsucht“
von Manuela Zimmermann
Lyrik

„Ausgeschlürft“
von Henning Wagner
Kann mensch mit warmen Worten kalt sezieren? Wenn Henning Wagner den Stift als Skalpell benutzt schon.
Auch eine köstliche Warnung an alle, sich seinen Gewohnheiten nicht selbstsicher zu ergeben.

„Wende mich“
von Heike Thiesmann-Reith
Noch einmal, aber ganz anders. Wissen Sie, was der geliebte Mensch neben Ihnen denkt, wenn sie gemeinsam durch eine Gemäldeausstellung laufen?
Mir persönlich ist die Umsetzung des Themas zu zerrissen: teilweise überladene Sprache gepaart mit gewollt wirkenden Mehrdeutigkeiten. Schön, aber leider nicht konsequent durch den Text untermauert: der Schlusssatz.

„Schreiben“
von Margot Lieverz
Lyrik. Ich weiß nicht genau warum, aber der Text „rapt“, hat Groove. Er gefällt mir noch dazu, weil er, entgegen den Vermutungen die ich beim Lesen des Titels hegte, keine verkopften Betrachtungen zu Dasein, Ambition und Heil des sich berufen fühlenden Kammerliteraten enthält. Wirklich schön.

„Traumhaftes Einkaufen“
von Jörg Block
Keine Geschichte die sich als Traum entpuppt…; mehr kann hier nicht verraten werden.

„Genug gesehen“
von Astrid Hentrich
Klassische Kurzgeschichte; K.O. in der zweiten Runde. Bedenkenswert.

„Tropfen“
von Stephan Klement
Obwohl mit „Impression“ schon klammerbetitelt entfaltet sich mehr als das. Inhaltsschwangere Verständlichkeit – so muss Lyrik für mich sein. Als literaturtheoretisch unbedarfter Rilke-Fan erlaube ich mir mal den Vergleich: so mensch Rilke überhaupt nur selten Schwulst vorwerfen kann, ist „Tropfen“ endgültig entschwulstet und modern, ohne dabei einer Mode hinterher zu laufen. Die für mich schönste Zeile:
„…
Die Rinde mit Narben versehrt…“

„Milch und Blut“
von Ernst Eduard Keil
Wer, so wie ich, den barocken Hermann Kant der „Bronzezeit“ liebt, wird sich hier bestens bedient fühlen. Es gilt, den Eindruck den Keil mit seinem „Der Autor als Linkshänder“ hinterlassen hat, gründlich zu revidieren.

„Sturmtanz“
von Christof Lemke
Zugegeben, der Text hat es nach „Milch und Blut“ schwer. Trotzdem vermag er mich zu fesseln bis zum Schluss. Der letzte Satz dieser Kurzgeschichte ist mir zu schwach, dafür strahlt das zuvor Geschriebene aber umso mehr. Vielleicht bin ich aber auch nur zu action-süchtig, um mich mit dem friedlichen Ende zufrieden geben zu können

„Blumenfolter“
von Hendrik Schneller
Lyrik

„Die Verleihung“
von Christiane Schwarze
Darf ich mich über diese Geschichte freuen? Ein Prosastück, welches meine Einstellung zur Lyrik bestens transportiert; ich lese daraus, was ich herauslesen will. Und das mit klammheimlichem Vergnügen…

„TID“
von Markus Ebersbach
Lyrik

„Mein Radio“
von Stefan Briel
Möge sich jeder selbst ein Bild von diesem Text machen. Geben Sie die Geschichte anschließend einem Bekannten zu lesen; dessen Reaktion könnte sie verblüffen.

„Nachtkontrast“
von Marianne Kieper
Lyrik. Bemerkenswert ist neben dem Text dessen Illustration „Orpheus“ von Michaela Kromer. Ist es typisch männlich, dass ich mir dieses Bild in einem größeren Format abgedruckt wünsche?

„Karaoke“
von Christof Kirschenmann
Aus der Sicht des Protagonisten sehr schön geschildertes Aufeinandertreffen von zwei Welten. Die eine glamourös, die andere in zunehmendem Maße besoffen. Eine Kurzgeschichte; für einen Kurzfilm mehr als geeignet.

„L“
von Manuela Zimmermann
Tiefsinnig betrachtende Prosa-Lyrik, mit einer überraschenden Wendung, die, einem Bogen gleich, dem Anfang eine neue Bedeutung gibt.

„Du bist niemals fortgegangen“
von Daniel Mylow
Ein eindringliches Plädoyer für das Briefeschreiben, sowie die Kraft und den Abgrund der Liebe. Aber auch das Vehikel ist lesenswert – eine traurig-schöne Geschichte.

„Schattenkrieger“
von Katrin Czerny
Lyrisches Protokoll und psychologische Analyse einer gelebten Beziehung.

„Die Lebensgefährtin“
von Henning Wagner
Sehr schöne Kurzgeschichte, leider im Mittelteil etwas langatmig.

„Eine Sekunde“
von Christof Lemke
Eine sich langsam entwickelnde Story, in deren Verlauf sich der Leser einem angenehmen Sog hingeben MUSS.

„Der Tag des Hundes“
von Stefan Briel
Die Geschichte einer modernen Beziehung, die unausweichlich, weil psychologisch geschickt geführt, dem schrecklichst möglichen Ende entgegen strebt. Bemerkenswert die Beobachtungsgabe des Erzählers für Alltäglichkeiten, die in den Abgrund führen (können).

„…keit“
von Markus Ebersbach
Lyrik, geistreich von Stephan Klement illustriert.

„Fata Morgana“
von Hendrik Schneller
Lyrische Schilderung, gleichnisbeladen und bildhaft schön.

„(Un-) Vollendete Erotik“
von Stephan Klement
So ungewöhnlich wie der Titel ist auch der abrupte Wechsel von retrospektivisch verklärtem Schein und aktuellem Sein in dieser Kurzgeschichte. Die Illustration des Autors führt dem Leser das ganze Ausmaß des Dilemmas vor Augen. Der Bruch gleicht einer erwarteten Ohrfeige – schmerzhaft, aber mensch wusste ja, was folgen würde.

„Grütze“
von Marianne Kieper
Lyrik

„Im Whirlpool und anderswo“
von Ernst Edmund Keil
Es gibt noch einen Keil zu entdecken. So anders dass ich mich frage, wie viele es wohl noch geben wird…. Wiederum sehr lesenswert.

„Sorgen“
von Margit Lieverz
Lyrische Bestandaufnahme einer vor dem Scheitern stehenden Beziehung.

„Die Läuferin“
von Daniel Mylow
Geschichte von frühkindlich geprägter Verlustangst und daraus resultierender Obsession. Dichtere Prosa habe ich selten gelesen.

„Gnädige Frau“
von Marianne Kieper
Lyrik

„Fernweh“
von Henning Wagner
Klassische Kurzgeschichte die den Leser in ihren Bann zieht. Die Pointe wirkt nicht aufgesetzt oder gar konstruiert, sondern ist trotz der von ihr hervorgerufenen Heiterkeit hintergründig und nachdenklich machend.

„Der Flug“
von Astrid Hentrich
Eine schöne Kurzgeschichte, die, so wie mensch es sich in diesem Metier wünscht, mit einer gänzlich unerwarteten Wendung brilliert.

„Autist“
von Hendrik Schneller
Lyrik

Rezension von Rainer Kilian

Stellwerk – die erste Anthologie
ISBN 3 – 936389 – 89 – 9
Hrsg. Stephan Klement
Geest-Verlag
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Wunderbare Valerie

Wunderbare Valerie

Lisa ist Drehbuchautorin. Bevormundet wird sie vor allem von Beatrice Lombardi, der eingebildeten und mit ausgeprägten Starallüren versehenen Hauptdarstellerin der Serie. So wird aus Lisas ursprünglich erdachter Person Olga eine ganz andere, nämlich die „Wunderbare Valerie“. Doch das rächt sich. Olga materialisiert sich und verlangt ihren ursprünglichen Charakter zurück.
Keine leichte Aufgabe, bei dem Chaos, welches sich hinter und auch vor den Kulissen abspielt.

Lisa, die Icherzählerin steht, urteilt man nach ihrer großen Klappe, mit beiden Beinen fest im Leben. Doch sie ist in Wirklichkeit total inkonsequent, egal ob es um ihre Arbeit oder ihr lebhaftes Liebesleben geht. Sie braucht einen kräftigen Tritt, um zu Bewusstsein zu kommen, und den bekommt sie von der geisterhaften Olga, die mit ihren Aufritten gehörig nervt und Lisa anregt, endlich Ordnung in ihr Leben zu bringen.

„Wunderbare Valerie“ ist ein spritzig und flüssig geschriebener Roman, gefüllt bis zur letzten Seite mit bissigem ironischem Humor und sagenhaften Wortspielen. Die Dialoge sind unschlagbar. Lisa hat immer das letzte Wort, auch wenn ihr schon längst keiner mehr zuhört.

Über die Autorin:
Elfriede Hammerl studierte Germanistik und Theaterwissenschaft an der Uni Wien. Sie ist Kolumnistin beispielsweise bei „Vogue“ und „Kurier“. Die Autorin hat bereits zahlreiche Veröffentlichung. Sie erhielt 1999 den Publizistikpreis der Stadt Wien. Elfriede Hammerl lebt mit ihrer Tochter in der Nähe von Wien.

Rezension von Heike Rau

Elfriede Hammerl
Wunderbare Valerie
287 Seiten, gebunden
Franz Deuticke Verlag
ISBN: 3-216-30674-7
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Zwölf Spaziergänge durch Venedig

Zwölf Spaziergänge durch Venedig

Sie ist allein in Venedig. Ihr Geliebter hat Angst vor zu viel Nähe. So unternimmt sie ganz für sich Spaziergänge, besinnt sich, erinnert sich und versucht Klarheit in ihre Gedanken zu bringen.

Der Leser wird zum Begleiter durch Venedig, streift mit durch die engen Gassen, kehrt ein in beschauliche Cafés, fährt mit dem Boot auf dem Canal Grande, betrachtet die vielen Sehenswürdigkeiten und die reich verzierten Paläste oder besucht Kirchen.

Die Autorin schreibt in einem sehr leisen, sehnsüchtigen und wehmütigen Ton vor dem Hintergrund dieser in Briefen und Erinnerungen angedeuteten Liebesbeziehung. Dabei erzählt sie sehr bildhaft und anschaulich, so, als hätte sie alle Zeit der Welt. Die Autorin beweist ihren Blick für Details und sieht auch hinter die Fassaden, begeistert den Leser für Kunst und Kultur. Ihre Liebe zu Venedig wird so deutlich.

Geschmückt ist das Buch mit drei Zeichnungen der Autorin, die ganz unterschiedliche Stimmungen durch das Spiel mit Licht und Farben zum Ausdruck bringen. Und auch das Cover ziert eine Pastellzeichnung der Autorin. Zu sehen ist die Santa Maria dei Miracoli. So ist auch der äußere Gesamteindruck des Buches bemerkenswert.

Über die Autorin:
Ulrike Rauh ist Schriftstellerin und Malerin. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Theaterwissenschaften. Nach dem Staatsexamen übte sie eine Lehrtätigkeit aus. Sie belegte zahlreiche Kurse und Seminare auf dem Gebiet der Malerei. Seit 1993 sind ihre Bilder in Ausstellungen zu sehen. Ulrike Rauh veröffentlichte zwei Erzählbände und schreibt Beiträge für Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien.

Rezension von Heike Rau

Ulrike Rauh
Zwölf Spaziergänge durch Venedig
Mit Zeichnungen der Autorin
112 Seiten, gebunden
Wiesenburg Verlag, Schweinfurt
ISBN: 3-932497-96-1
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Die Glückliche

Die Glückliche

Nora heiratet bereits mit 17 Jahren. Ihre Eltern sind strikt gegen diese Verbindung. Das hat seinen Grund. Martin ist doppelt so alt wir Nora und ein Schürzenjäger dazu. Trotzdem hält die Ehe viele Jahre. Bis Nora eines Tages Daniel kennen lernt. Mit ihm geht sie weg, in ein gefährliches Land, erkennt fast zu spät, dass Daniel ein gewalttätiger Alkoholiker ist.
Sie kehrt zurück nach Holland, will ihren Sohn sehen. Zu Martin zurück will sie eigentlich nicht, doch er kann erstaunlich überzeugend sein.

Glück, Unglück, die Grenzen verschwimmen in diesem Buch. Nora beginnt nachzudenken. Wann geriet ihr Leben aus den Bahnen. Hatte das Unglück vielleicht schon in ihrer bewegten Kindheit den Ursprung. Oder ist sie hineingelaufen ins Verderben? Ist Glück nur eine Illusion?

Mensje van Keulen beschreibt sehr eindringlich, ehrlich und vor allem schonungslos den Lebensweg von Nora. So kann der Leser sich ein Bild davon machen, was passieren kann, wenn man sich selbst belügt, nach Ausreden für nicht gerechtfertigte Verhalten sucht, Dinge einfach nicht zur Kenntnis nimmt und bequem wird. Die Autorin beschreibt Noras Gefühle, die oft sehr extrem und wenn man es schafft mit Vernunft heranzugehen, kaum nachvollziehbar sind. Nora quält sich und lässt sich quälen. Doch irgendwann muss Schluss sein.

Über die Autorin:
Mensje van Keulen ist Jahrgang 1946. Sie schrieb zahlreiche Romane, Erzählbände und Kinderbücher. Die Autorin lebt in Amsterdam und hat einen Sohn.

Rezension von Heike Rau

Mensje van Keulen
Die Glückliche
Aus dem Niederländischen von Marianne Holberg
304 Seiten, gebunden
Arche Verlag, Zürich-Hamburg
ISBN: 3-7160-2318-3

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Der Goldmacher

Der Goldmacher

1701. Die Zeitungen melden, dass es dem Apothekergesellen Johann Friedrich Böttger in der Berliner Marktapotheke vor vier angesehenen Zeugen gelungen ist, künstliches Gold herzustellen.
Als Böttger daraufhin zu einer Audienz mit Seiner Königlichen Majestät Friedrich I. befohlen wird, beschließt er zu fliehen. Die Wahrheit ist, dass Böttger einen Trick angewendet hat, um seine Transmutation gelingen zu lassen.
Böttger glaubt zunächst, Glück auf seiner Flucht zu haben, doch bald wird er aufgegriffen. Er wird nach Dresden gebracht und unter dem Schutz Seiner Königlichen Majestät August II. von Polen und Kurfürst von Sachsen gestellt. Als Gefangener August des Starken verbringt Böttger viele Jahre in verschiedenen Kerkern. Gold herzustellen gelingt ihm jedoch nicht. Seine Experimente bringen trotzdem ein erstaunliches Ergebnis: das sächsische Porzellan.

„Der Goldmacher“ ist ein faszinierender historischer Abenteuerroman. Es ist überaus spannend den Lebensweg Johann Friedrich Böttgers zu verfolgen, einem Menschen, der mit Ausdauer, ungeheurem Mut und Besessenheit sein Ziel, Gold zu machen, nie aufgab. Nur so hat er wohl überhaupt die langen Jahre als Gefangener überstehen können. Sehr romantisch wird seine heimliche Liebe zu Charlotte von Schönberg geschildert. Angeregt hat den Autor zu dieser Figur Anna Constanze von Brockdorf, Gräfin Cosel.
Herauszustreichen sind auch die bekannten historischen Schauplätze wie die Festung Königstein, die Albrechtsburg, die Moritzburg oder die Dresdner Kasematten, die sehr anschaulich beschrieben werden.
Geschrieben ist der Roman in einer sehr bildhaften, lebendigen Sprache. Sehr zu empfehlen!

Rezension von Heike Rau

Berndt List
Der Goldmacher
478 Seiten, Taschenbuch
Aufbau Taschenbuch Verlag
ISBN: 3-7466-1970-X
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Mäusejagd

Mäusejagd

Ceska ist eine Katze. Sie verbringt ihre Zeit gerne damit, Kriminalfälle zu lösen. Das tut sie mit ihrer Freundin Andrea. Doch diesmal ist es Andrea selbst, die in Schwierigkeiten gerät. Immer wieder findet sie in ihren Sachen Geld, welches ihr nicht gehört. Bald denken die Kinder ihrer Klasse, sie sei eine Diebin. Zusammen mit dem großen zotteligen Hund Albert macht Ceska sich auf die Suche nach dem wahren Täter. Doch immer wieder lassen sich die beiden auf eine falsche Fährte bringen, das führt zu allerlei Verwicklungen.

„Ein Fall für die Katz“ ist ein spannend geschriebener Kinderkrimi. Besonders lustig ist, dass die Katze selbst aus ihrer Sicht erzählt. Katze und Hund sind tierisch gut dargestellt. Bei den phantasievollen Zeichnungen verweilt der Leser sicher gerne etwas länger. Sie sind kindgerecht und einfach ein Hingucker.

Über die Autorin:
Antonia Michaelis ist Jahrgang 1979. Sie schreibt seit ihrer Kindheit. Die Autorin lebt im Nordosten Deutschlands und studiert Medizin.

Über den Zeichner:
Silvio Neuendorf ist Jahrgang 1967. Er studierte Design in Achen und illustriert seit 1995 Bücher für Kinder und Erwachsene. Der Autor lebt mit Frau und Sohn auf einem Bauernhof bei Aachen.

Rezension von Heike Rau

Antonia Michaelis
Ein Fall für die Katz – Mäusejagd
Illustriert von Silvio Neuendorf
124 Seiten, gebunden
für Kinder ab 8 Jahren
Loewe Verlag, Bindlach
ISBN: 3-7855-4800-1
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Kotuku

Kotuku

Die Stripperin Emely kommt in den neuseeländischen Dschungel um einen Job zu erledigen. Der ruppige Greg und der Teilnehmer eines Survival-Trainings, Jonathan, sind von ihr hingerissen. Für beide gibt es nur noch eine Frau: Emely.
Greg bringt Emely mit dem Auto nach Waitomo – und Emely ist aus beider Leben verschwunden.
Jonathan will sie um jeden Preis wiedersehen. Greg betrinkt sich nur noch, weil er die schönste Frau der Welt hat gehen lassen.
Emely vergnügt sich unterdessen mit Ron – einem schrägen Typen, den sie irgendwo aufgegabelt hat. Aber er kann sie nicht glücklich machen.

Zur gleichen Zeit macht der frustrierte Polizist Raymond sich auf den Weg nach Kotuku um ein wenig auszuspannen. Wie so viele andere auch. Touristen sind unterwegs. Zum Beispiel die schwedischen Zwillinge, die Studentinnen aus Freiburg, der Schweizer Kurt.

Die Wege aller Beteiligten kreuzen sich – immer wieder. Scheinbar zufällig, belanglos. Aber als Raymond Emely über den Weg läuft, nimmt das Schicksal eine Wendung, die hier natürlich nicht verraten werden soll.

Die Erzählung ist eine Art Roadmovie. Die Bilder rasen beim Lesen an einem vorbei, und am Ende glaubt man eher, einen Film gesehen zu haben. Reale Schauplätze mischen sich mit fiktiven.
Die Sprache ist klar und unverbraucht, das Tempo der Erzählung ist ungeheuer schnell. Ein kurzweiliges und humorvolles Buch, das einfach Spaß macht. Egal, ob man schon in Neuseeland war, oder vielleicht mal selber hinfahren möchte.

Erschienen im Drey-Verlag Gutach (2003)
103 Seiten (Hardcover)
14 Euro

Zu bestellen bei

Drey Verlag
Am Buck 2
77793 Gutach

oder direkt beim Autor:
www.rainerwuerth.de

Würth, Rainer
Kotuku
Von Stripperinnen, Backpackern und Opossums: Roadmovie quer durch Neuseeland
ISBN:3933765145
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Joanna Hershon: Mondschwimmen

Joanna Hershon: Mondschwimmen

Als Lila acht war, passierte ein schrecklicher Unfall, bei dem ihr Bruder Jack starb. Lila wurde von ihren Eltern eine Geschichte aufgetischt, die sie jedoch nicht akzeptieren konnte.
Lila wird erwachsen, sie beginnt ein Studium. Die Ungewissheit nimmt ihr immer mehr die Luft zum Atem. Sie muss sich endlich Gewissheit verschaffen. Es gibt Zeugen für den angeblichen Unfall. Ihr Bruder Aaron, doch der ist von Zuhause weggegangen. Keiner weiß, wo er ist. Aarons damalige Freundin Suzanne, die das Wochenende mit der Familie verbrachte, ist ebenfalls verschwunden. Lila beginnt eine akribische Suche nach Hinweisen.
Durch einen Zufall begegnet sie Suzanne tatsächlich. Diese ist mittlerweile verheiratet und an der Aufklärung der alten Geschichte nicht interessiert. Sie erzählt eine weitere Version, doch Lila glaubt auch ihr nicht recht. Doch sie erhält einen entscheidenden Hinweis, nimmt Kontakt zu Pria auf. Pria hatte an diesem schicksalhaften Abend, als Jack starb, eine Party gegeben. Auch sie nimmt eine Schlüsselposition ein. Endlich kommt Lila der Wahrheit näher. Sie setzt Susanne damit massiv unter Druck und endlich gesteht diese, Briefe von Aaron erhalten zu haben. Lila weiß nun, wo sie Aaron suchen kann. Sie muss ihn finden, muss auch seine Version der Ereignisse hören, muss wissen, ob er Jack tatsächlich umgebracht hat, wie sie vermutet, damit sie endlich damit aufhören kann, in der Vergangenheit zu leben.

Der vorliegende Roman ist in drei Teile gegliedert. „1987 – Aaron und Suzanne“, „1997 – Lila“ und Lila und Aaron“.
Im ersten Teil erfährt der Leser, wie es zu dem schrecklichen Unfall kommen konnte und kennt somit die Wahrheit. Lila kennt diese jedoch nicht. Sie muss sich damit zufrieden geben, was ihr die Eltern erzählen. Doch sie glaubt ihnen nicht, wird nicht damit fertig, dass ihr Bruder Jack tot und ihr Bruder Aaron verschwunden ist. Die Spurensuche gestaltet sich jedoch schwierig, nimmt Lilas ganze Kraft in Anspruch. Sie bricht ihr Studium ab. Auch auf die Liebe zu ihrem Freund Ben, kann sie sich nicht recht einlassen. Zu vieles aus ihrer Vergangenheit ist nicht aufgearbeitet.
Suzanne und Pria stellen ihre Version des Geschehens sehr unterschiedlich dar, versuchen sich zu rechtfertigen und selbst zu schützen. Lila glaubt, dass nur Aaron, weil er ihr Bruder ist, die Wahrheit sagen wird.
Die Autorin zeichnet die einzelnen Charaktere dabei sehr glaubhaft. Es sind Menschen mit Fehlern, Schwächen und inneren Widersprüchen. Sie geht sehr genau auf die Gefühle der Akteure ein und ihre Beziehungen zueinander. Besonders Lilas innere Zerrissenheit und ihre Verzweiflung werden sehr deutlich.

Rezension von Heike Rau

Joanna Hershon
Mondschwimmen
Aus dem Amerikanischen von Jörn Ingwersen
301 Seiten, Taschenbuch
Aufbau Taschenbuch Verlag
ISBN: 3-7466-1348-5
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Wie erschieße ich meinen Mann?

Wie erschieße ich meinen Mann?

Plötzlich ist da dieser Fremde in ihrem Bett. Pixie nimmt die Pistole aus ihrem Nachtschrank, die schon jahrelang dort liegt, tritt ein paar Schritte zurück, schließt die Augen und schießt. Die Kinder kommen ins Zimmer gerannt und
plötzlich ist Pixie wieder im normalen Leben. Pixie erkennt, dass der Fremde kein Fremder ist, sondern ihr Ehemann. Alles passiert wirklich, es ist nicht irgendein Film. Trotzdem ist Pixie erleichtert, denn endlich ist in ihrer Welt alles so verkehrt, wie es sich immer angefühlt hat.

Nach dieser erschreckenden und vor allem überraschenden Tat muss Pixie in ein psychiatrisches Krankenhaus und Ezra zu seinem schwulen Vater. Während Pixie endlich ihre Vergangenheit aufarbeitet, ihr Leben rekonstruiert und Licht in das Dunkel der Irrungen, Verwirrungen und Irrtümer bringt, hat Ezra genug mit der Gegenwart zu tun. Ezra macht Angst, was mit seinem Leben geschieht. Ihm wird bewusst, dass er auf den Schuss gewartet hat. Er bekommt Wut auf seine Mutter. Mit ihrer Tat muss er sich auseinandersetzen und mit der Tatsache, dass ihm niemand gesagt hat, dass sein richtiger Vater schwul ist. Zumindest erklärt es einiges.

„Wie erschieße ich meinen Mann?“ ist kein Krimi, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern eine Familientragödie. Erzählt wird abwechselnd aus der Sicht von Pixie und ihrem 16jährigen Sohn Ezra. Dem Leser wird ein langer Blick hinter die Fassade einer chaotischen Familie gewährt, mit all ihren Geheimnissen, verdrängten Erlebnissen und Peinlichkeiten. Die Geschichte ist ergreifend, aufwühlend und psychologisch ausgefeilt. Die Charaktere sind stimmig gezeichnet. Die Autorin beweist ein gutes Gespür für Stimmungen und vor allem Situationen, die aus der Ferne betrachtet oft komisch wirken, in dem Moment, als sie passieren aber alles andere als komisch sind.

Über die Autorin:
Julianne Baggott ist Jahrgang 1969. Sie studierte Literatur in North Carolina. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Newark, Delaware.

Julianna Baggott
Wie erschieße ich meinen Mann?
Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow
300 Seiten, gebunden
Nagel & Kimche
ISBN: 3-312-00323-7

Rezension von Heike Rau
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