Segel aus Stein

Segel aus Stein

Auf der Suche nach seinem Vater verschwindet Axel Osvald in Schottland spurlos. Seine Tochter Johanna Osvald wendet sich an Kommissar Erik Winter, einem ehemaligen Freund. Axel Osvald wird schließlich gefunden. Hat sein Tod etwas mit den anonymen Briefen und mit dem mysteriösen Verschwinden seines Vaters zu tun? Erik Winter geht den mehr als kärglichen Spuren nach, die bis zurück zum 2. Weltkrieg führen.
Seine Kollegin Aneta Djanali ist zeitgleich mit einem ebenfalls sehr undurchsichtigen Fall beschäftigt. Es geht um eine Frau, die anscheinend von ihrem Ex-Mann misshandelt wurde oder wird. Besorgte Nachbarn hatten der Polizei Mitteilung gemacht. Doch es gestaltet sich für Djanali schwierig, überhaupt Kontakt zu dieser Frau aufzunehmen.

Es fällt schwer, Zugang zu diesem Krimi zu bekommen. Die beiden Fälle werden nebeneinander erzählt. Das hin- und herspringen erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Auch Spannung will nicht so recht aufkommen. Der Autor hält sich oft an Nebensächlichkeiten auf, die die Handlung nicht wirklich voranbringen. Dazu kommt, dass der Autor immer wieder englischsprachige Dialoge einbindet, die auch nicht in einem Anhang übersetzt werden. Das verwirrt.
Erst zum Ende, als endlich etwas Licht in das Dunkel kommt, gewinnt das Buch an Spannung. Positiv aufgefallen sind die tiefen Einblicke in die Gedankenwelt der allerdings etwas schwerfällig wirkenden Ermittler, die dieses verworrene Puzzle mühsam zusammensetzen müssen.
So ist das Buch wohl nur Lesern zu empfehlen, die bewusst auf Action zugunsten von Tiefgründigkeit verzichten wollen.

Über den Autor:
Åke Edwardson ist Jahrgang 1953. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Göteborg. Bevor er sich dem Schreiben von Romanen widmete, arbeitete er als Journalist, schrieb Sachbücher und unterrichtete an der Universität von Göteborg Creative Writing. „Segel aus Stein“ ist sein sechste Krimi um Kommissar Erik Winter.

Rezension von Heike Rau

Åke Edwardson
Segel aus Stein
511 Seiten, gebunden
Claassen Verlag
ISBN: 3-546-00296-2
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Piraten!

Piraten!

Nancy führt ein recht sorgloses Leben als Tochter eines reichen Kaufmanns in Bristol. Bei einem Unwetter verliert ihr Vater seine Schiffe bis auf eins. Die Fracht ist nicht versichert. Er steht vor dem Ruin. Schließlich erleidet er einen Schlaganfall. Sein letzter Wunsch auf dem Sterbebett ist, dass Nancy nach Jamaika auf seine Zuckerrohrplantagen reisen soll. Sie wird nicht nach ihrer Meinung gefragt. Der Vater und die Brüder haben Nancy genauso verkauft wie ihre Sklaven. Sie soll mit dem unsympathischen Bartholome, einem reichen brasilianischen Pflanzer mit bewegter Vergangenheit, verheiratet werden. Doch ewige Treue hat sie William, mittlerweile Marineoffizier, geschworen, besiegelt mit einem Ring, einem Männerring aus schwerem Gold, den sie an einer Kette um den Hals trägt. Nach einem tragischen Vorfall, bleibt ihr keine Wahl. Sie flieht zusammen mit der Sklavin Minerva von der Zuckerrohrplantage. Beide heuern schließlich auf einem Piratenschiff an. Ein abenteuerliches und vor allem gefahrvolles Leben beginnt.

Die Geschichte der zwei jungen Frauen Nancy und Minerva zu verfolgen, ist außerordentlich spannend. Die Autorin erzählt mit Tempo ihre aufwühlende und ergreifende Geschichte. Natürlich kann auch ein Jugendbuch über Piraten nicht ohne das Beschreiben von Brutalität und rauen Sitten auskommen. Schon gar nicht, wenn so junge Frauen sich zwischen harten Männern behaupten müssen. Celia Rees gelingt diese Gratwanderung. Sie erzählt sehr realistisch und glaubwürdig ohne Übertreibung, denn diese Seite gehört nun mal unbedingt dazu.
Aber es ist auch die Geschichte einer Liebe, die fast ohne Hoffnung beginnt. Nancy und William werden immer wieder getrennt. Sie müssen von kurzen Begegnungen lange zehren und dennoch halten sie in ihren Gedanken immer an ihrer Liebe fest.
Und es ist die Geschichte einer tiefen Freundschaft. Nancy und Minerva schweißt das Schicksal und der Drang nach Freiheit zusammen. Doch sie sind noch durch ein anderes Band verbunden, von dem sie aber zunächst nichts ahnen.
So erfüllt sich wohl jede Erwartung, die man an ein Buch über Piraten stellen könnte. Unbedingt lesen!

Über die Autorin:
Celia Rees wuchs in den West Midlands in England auf. Sie studierte Geschichte und Politik an der Warwick University und war danach 17 Jahre Englischlehrerin. Auf Deutsch erschienen bisher ihre Jugendromane „Der Herr der Stürme“, „Hexenkind“ und „Hexenschwestern“. Heute lebt Celia Rees mit ihrer Familie in Leamington Spa, England.

Rezension von Heike Rau

Celia Rees
Piraten!
Aus dem Englischen von Monika Schmalz
384 Seiten, gebunden
historischer Jugendroman
Berlin Verlag / Bloomsbury Kinder- und Jugendbücher
ISBN: 38270-5004-9
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Steig ein mein Kind, wir reisen durchs Jahr!

Steig ein mein Kind, wir reisen durchs Jahr!

In diesem Buch sind die schönsten von Else Wenz-Vietor illustrierten Geschichten, Verse und Lieder versammelt. Gedacht ist das Hausbuch aber nicht nur für Kinder, sondern für die ganze Familie.

Die Geschichten, Verse und Lieder sind nach Jahreszeiten geordnet. Bekannte und weniger bekannt Texte reihen sich aneinander. Allen geläufig sicher die Lieder „Frühlings Ankunft“ oder „Von meinem Blümchen“ von Hoffmann von Fallersleben. Freuen kann sich der Leser auch über „Däumelinchen“ von Hans Christian Andersen, „Grünbart, das Moosmännchen“ von Albert Sixtus und „Der kleine Häwelmann“ von Theodor Storm. Dazu kommen Rezepte in Versform, die auch nachgemacht werden können wie „Keks zum Ausstechen“ oder „Pfannkuchen“ von Adolf Holst.

Die besondere Aufmerksamkeit des Betrachters ziehen aber die Illustrationen auf sich, die genau so sind, wie Kinder sie am meisten mögen. Die Tiere in bunter Bekleidung, die Kinder meist barfuß und mit ihren roten, gesunden Apfelbäckchen, die farbenfrohen Wiesenblumen, die Nixen und die Kobolde mit Strubbelhaar. Fast alles spielt sich draußen ab, in der Natur.

Bei Erwachsenen weckt das Buch Erinnerungen an die eigene Kindheit. Wie schön, nun endlich die bekannten Verse, Lieder und Geschichten mit den, zugegeben heute wohl etwas altmodischen wirkenden, Illustrationen von Else Wenz-Vietor in so einem aufwändig gestalteten Hausbuch wiederzuentdecken, egal ob zum Vorlesen für die Kinder und Enkelkinder oder zum Verschenken an dieselben.

Wer nun neugierig geworden ist, und mehr wissen möchte über Else Wenz-Vietor, kann alles Wissenswerte im sehr ausführlichen Anhang erfahren, der von Ingrid Lohan-Wenz verfasst wurde.

Rezension von Heike Rau

Steig ein mein Kind, wir reisen durchs Jahr!
Verse, Lieder und Geschichten
illustriert von Else Wenz-Vietor
176 farbige Seiten, Hardcover
Lappan Verlag
ISBN: 3-8303-1072-2
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Ditte und Giovanni Bandini: Das Buch der Elfen und Feen

Ditte und Giovanni Bandini: Das Buch der Elfen und Feen

Groß und Klein kennt sie, die Feen und Elfen. Sie üben eine ganz besondere Faszination auf uns Menschen aus. Ditte und Giovanni Bandini versuchen, diesen zauberhaften Wesen auf die Spur zu kommen. Was sie herausgefunden haben, erzählen sie auf unterhaltsame Weise.
Sie haben Gedichte zusammengetragen, Sagen und Zeichnungen. Sie beschäftigen sich mit Frau Holle, Frau Perchta, den Waldweiblein oder der Zahnfee. Sie erzählen von verschiedenen Gegenden, beispielsweise von Schottland, Irland, Skandinavien oder Deutschland. Ihr Augenmerk richtet sich natürlich auch auf andere Autoren. Beispielsweise Geoffrey Chaucer mit den „Canterbury-Erzählungen“, William Shakespeare mit dem „Sommernachtstraum“ oder James M. Barrie mit „Peter Pan“. Sogar Augenzeugenberichte werden im Buch wiedergegeben, ganz ohne Wertung.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Bildtafeln in der Mitte des Bandes. In aller Ruhe kann man „Feen im Vogelnest“ von John Anster Fitzgerald, „Meerjungfrau“ von John William Waterhouse oder „Die Morgenelfe“ von Fritz Zuber-Bühler betrachten.
Zusammengetragen wurde auch ein Liste mit Feen- und Elfenseiten aus dem Internet, denn auch dort sind diese Wesen nun zu finden. Dazu gibt es ein Glossar und ein Register.

Das Buch ist für Fans der Feen und Elfen ein Muss. Die Autoren vermitteln mit viel Humor ihre zahlreiche Informationen. So steht einer unterhaltsamen Lektüre nichts im Wege. Erwähnenswert ist auch die auffallend schöne Gestaltung des Buches mit vielen Zeichnungen und einem stimmungsvollen Cover.

Über die Autoren:
Ditte Bandini studierte Völkerkunde, Religionsgeschichte und Indologie. Sie arbeitet an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und als freie Schriftstellerin und Übersetzerin.
Giovanni Bandini studierte Indologie, Vergleichende Religionswissenschaft und Indische Kunstgeschichte. Er arbeitet als freier Übersetzer.

Rezension von Heike Rau

Ditte und Giovanni Bandini
Das Buch der Elfen und Feen
300 Seiten, Klappenbroschur
Deutscher Taschenbuch Verlag, München
dtv premium
ISBN: 3-423-23485-6
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Leben, Natur, Wissenschaft-Alles, was man wissen muss

Leben, Natur, Wissenschaft-Alles, was man wissen muss

Die Entfaltung des Lebens
Unser Lebensraum
Leben im Universum
MenschenLeben
Leben mit Bewusstsein und Gehirn

Das sind die Themen, die in diesem Buch zusammengestellt sind. Alles was man über das Leben, die Natur und die Wissenschaft wissen sollte. Es geht um naturwissenschaftliche Grundlagen und um die Evolution des Lebens und um die Entwicklung unserer Kultur. Besonders interessant ist auch der Blick in die Vergangenheit oder auf große intellektuelle Leistungen der Menschen und auf wissenschaftliche und technische Errungenschaften und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft.

608 Seiten Wissen stellen die Autoren dem Leser zu Verfügung. Was sofort auffällt, ist der überraschend leicht lesbare Stil, in welchem dieses umfassende Werk gehalten ist. Man braucht selbst kein Wissenschaftler zu sein, um es lesen und verstehen zu können. Es werden Fragen geklärt und Wissenslücken gefüllt, die wohl jeder Mensch hat.

Beispielsweise stößt man auf folgende interessante und aufregende Fragen im Buch:

S. 147 „Wo mag der Ort, an dem ich mich gerade befinde, wohl vor 250
Millionen Jahren gewesen sein?“
S. 164 „Warum waren die Gebirge auf der Erde nicht gleichmäßig verteilt?“
S. 267 „Wo kommt es her, das Universum?“
S. 281 „Wo genau in der weiten Welt des Kosmos befinden wir uns?“
S. 324 „Wie ist der Stand der Wissenschaft in Sachen grüne Männchen vom Mars?“
S. 342 „Warum ist unser Gehirn überhaupt so groß geworden?“
S. 351 „Was wissen wir über unser Genom?“
S. 535 „Inwieweit ist es möglich, wenigstens für den Zeitraum eines Menschenlebens Zukunftsprognosen abzugeben?“

Das Buch, in dem man einfach so schmökern und von Interessengebiet zu Interessengebiet springen kann, lässt sich auch sehr gut als Nachschlagewerk verwenden. Personenregister und Sachregister sind vorhanden. Dazu gibt es eine Zeittafel der Wissenschaften und eine kommentierte Liste zu großen Büchern der Wissenschaften und eine ebenfalls kommentierte Liste mit Büchern zum Weiterlesen für Interessierte.

Rezension von Heike Rau

Detlev Ganten / Thomas Deichmann / Thilo Spahl
Leben, Natur, Wissenschaft
Alles, was man wissen muss
608 Seiten, gebunden
Eichborn Verlag
ISBN: 3-8218-3981-3
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Liska und ihre Männer

Liska und ihre Männer

Alexander Ikonnikow ist ein noch junger russischer Autor.
Im Klappentext wird sein Romandebüt als “ Kalaidoskop der russischen Provinzgesellschaft“ bezeichnet. Das trifft es sehr genau.

Liska, die Hauptprotaginistin, entstammt einem sehr kleinen Dorf; die Mutter verdient sich, nachdem der Vater verschwunden ist, ihren Lebensunterhalt mit Prostitution.
Irgendwann wird Liska in die Stadt zum Studieren geschickt. Dort macht sie sehr spannende Lebenserfahrungen. Sie muß sich um Job, Studium und Wohnung kümmern. Die Wohnungen sind natürlich z.T. gräßlich. Sie schließt Freundschaft mit Frauen der unterschiedlichsten Mentalität und Profession und begegnet den verschiedensten Männern: Stromern, reichen Parteigenossen, braven Arbeitern und lebt mit den verschiedensten Typen zusammen.
Wodka fließt in Strömen, und Geselligkeit ist hoch angesehen.
Über diesen Lebensalltag wird mit viel Witz, Humor und Schalkhaftigkeit berichtet.
Das Buch ist amüsant und locker-leicht geschrieben, fast wie eine Art Schelmenroman gepaart mit der russischen Seele , die vieles lakonisch und gelassen nimmt.
Es ist die karge Nach-Stalinära, in der die Dörfer und Städte in Armut und materieller Erbärmlichkeit erstarren. Dennoch liest sich das Buch keineswegs deprimierend, sondern es ist zügig und witzig in gutem Stil und in der schönen Tradition russischer Erzählkunst geschrieben.

Daß es zu einem aparten und ungewöhnlichen Happy-End kommt, hat mich zu dem Schluß kommen lassen: es ist ein wunderbares Buch!

Cl.B.

Alexander Ikonnikow
Liska und ihre Männer
Ein Lebensbild aus Russland
ISBN:349803216x
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Darum

Darum

Jan Haigerer, Journalist, erschießt eines Abends in einer Bar einen Mann mit einer roten Jacke. Kein Mensch bringt ihn zunächst mit dieser Tat in Verbindung, schon gar nicht die Polizei. Sein Geständnis wird als Reaktion auf den Schock gewertet. Erst als festgestellt wird, dass seine Fingerabdrücke auf der Tatwaffe sind, und nur seine, kommt die Polizei nicht umhin, ihn zu verhaften.
Trotzdem glaubt keiner, dass der liebenswerte Jan Haigerer ein Mörder ist. Nicht seine Freunde, nicht seine Kollegen und auch immer noch nicht die Polizei. Sie alle sind überrascht, erschrocken und schockiert. Jan ist einfach nicht der Typ dazu. Außerdem fehlt jegliches Motiv. Und doch ist es so gut wie bewiesen.

Das Spannende an diesem Krimi ist, dass man sehr, sehr lange nichts über das Opfer, den mit der roten Jacke, erfährt. Als wäre er ein Fremder gewesen, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Zudem fehlt das Motiv. War es Zufall, dass Haigerer ausgerechnet den mit roten Jacke erschossen hat? Oder hatte er doch Gründe? Jan Haigerer schweigt sich aus. Auch das Gericht tappt im Dunkeln. Doch etwas schmort hinter der Fassade. Nichts stimmt an der ganzen Sache. Warum will Jan unbedingt als Mörder verurteilt werden für eine Tat, die er „Darum“ begangen hat? Wieso geht es ihm gesundheitlich immer schlechter? Warum lenkt er nicht ein.

Dieser Krimi wirft viele Fragen auf, die unbedingt beantwortet werden müssen. So kann man das Buch einfach nicht aus der Hand legen, bis man zuende gelesen hat. Das ständige Verwirrspiel macht neugierig. Die halbe Welt vergeht sich in interessanten Mutmaßungen, die Lage wird verkannt. Die Spannung wird gehalten durch das nicht nachvollziehbare Verhalten von Haigerer, der die Geschichte aus seiner Sicht erzählt. Am Ende ist der Mord dann doch nachvollziehbar und das Motiv eine echte Überraschung.

Über den Autor:
Daniel Glattauer ist Jahrgang 1960. Er ist seit 1985 als Journalist und Autor tätig. Seit 1989 schreibt er für „Der Standard“ Gerichtsreportagen, Feuilletons und Kolumnen.

Rezension von Heike Rau

Daniel Glattauer
Darum
302 Seiten, gebunden
Franz Deuticke Verlag
ISBN: 3-216-30677-1
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Stellwerk – die erste Anthologie

Stellwerk – die erste Anthologie

Stellwerk- die erste Anthologie

Der Titel dieses Bändchens (ca. 170 Seiten) und der Künstlergemeinschaft ist Programm: die Richtung der Reise bestimmst du, das Stellwerk unterstützt dich dabei.

Die Zusammenstellung der einzelnen Beiträge erfolgte unter Verwendung von Prosa, Lyrik sowie grafischen und Foto-grafischen Arbeiten. So ergibt sich eine auf den ersten Blick lockere Komposition, bei der das Gesamtwerk aber zum Glück mal wirklich mehr ist, als die Summe der einzelnen Teile. Der beobachtende Betrachter erhält einen Überblick des Umfanges des künstlerischen Schaffens im Stellwerk, kann sich positionieren und ist doch nach dem Blättern dazu gezwungen, seine vorgefasste Meinung in Frage zu stellen.
Lyriker outen sich in diesem Bändchen als Grafiker, Prosatexter stellen sich auch als einfallsreiche Poesie-Schaffende vor. Doch nicht nur solche Multitalente haben sich ihren Platz in dieser Anthologie erobert, auch Vertreter „nur“ einer künstlerischen Richtung glänzen mit herausragenden Werken.
Die Besonderheit dieser Anthologie ist das synergistische Nebeneinander von Text und Bild. Die grafischen Arbeiten verkommen nicht zum schmückenden Beiwerk, sondern erweitern die Möglichkeiten der intensive Beschäftigung mit den Texten, werfen neue Fragen auf, oder brennen das Gelesene als Bild ins Gedächtnis.

Zu Beginn der kurzen Einzelvorstellung der Beiträge gleich noch eine Erklärung:
Die Beurteilung von Lyrik hinsichtlich ihrer Qualität und der Koordinaten im unendlichen Ozean ihrer Quantität fällt mir allgemein schwer. Die Beliebigkeit des Inhaltes und der Form, oder der Krampf der mit dem Wunsch nach Innovation bei manchen Autoren einhergeht, führt dazu, dass ich selten „umgeworfen“ werde. Bei den mich berührenden Werken sind es meist nur einzelne Fragmente die mich innehalten lassen und zum Nachspüren anregen. Mensch möge mir dieses Manko bitte nachsehen.

„Juni“
von Stefan Briel
Ein kurzes, erfreulich kitsch- und schwülefreies Liebesgedicht. Nach der Kulmination des Überganges von (Zitat aus „Juni“) „Bewusstsein zu Bewusstheit“ ein Ende, welches mich als Zeichen höchster Verliebtheit ergriffen hat:
„…
Zeig mir all die Stellen
Wo du schwach sein willst
Ich werde dich nicht verraten…“

Mal wieder eine festbödige Insel, die ich mit geschenkten Andenken verließ.

„Nachtarbeit“
von Astrid Hentrich
Poesie des einseitigen Ausschweigens, mit der Vision des möglichen Bruches bereits jetzt angerissener Banden. Nach dem Lesen lohnt sich die Besinnung auf den Titel außerordentlich.

„Traum“
von Stephan Klement
Illustration, die nach „Nachtarbeit“ optimistisch stimmt – die Vision ist noch nicht präsent.

„Der Autor als Linkshänder“
von Prof. Ernst Edmund Kehl
Eine Satire mit einem Protagonisten, der anscheinend über sich selbst lachen kann (auch wenn es im Text explizit Erwähnung findet). Macht Lust darauf, Texte vom Autor, vielleicht sogar einmal live, vorgelesen zu bekommen – gedruckt wirkt das Werk dagegen etwas behäbig.

Es folgen drei Gedichte; aber ich vermag es nicht, sie zu öffnen.

„Die Henkersmahlzeit“
von Henning Wagner
Ich liebe Eingangssätze die nicht mit ihrer noch bestehenden Bezuglosigkeit um meine Aufmerksamkeit buhlen, sondern schon die ersten Kulissen errichten. Bei diesem Test bewegt sich sogar bereits der erste Darsteller darin – anscheinend. Mit dem Lesen des zweiten Satzes weiß ich dann wieder, warum ich Kurzgeschichten mag.
Eine köstliche Geschichte. In Worte gekleidet, deren Verspieltheit das Lesevergnügen noch zusätzlich und sujetgerecht erhöht.

„Tausend Jahre stumm“
von Stephan Klement
Der Protagonist als Baum, lesenswerte Identifikation, die mich viel über mein Verhältnis zur Oberflächlichkeit der Naturbetrachtung nachdenken ließ.

„Heat“
von Markus Ebersbach
Illustration der „dritten Art“. Eine Fotografik mit psychodelischem Effekt – sehenswert.

„Bonjour, mon amour »
von Margit Lieverz
Klare Prosa und präzise Bilder reihen sich in immer schneller werdenden Schnitten zu einer Vorstellung menschlicher Wesenszüge. Hoher Schmunzelfaktor; Männer nicht ausgenommen.

„Autonacht“ von Christof Lemke
Kurzgeschichtenhafte Lyrik deren Dramatik bis zum Schluss ansteigend verläuft.

„Der Schrank“
von Daniel Mylow
Atmosphärisch dichte Kurzgeschichte über die dunklen Früchte am Baum der „Verlassenwerden“ heißt. Diese Tollkirschen prägen die Psyche des Protagonisten, bis zum, nicht nur ortsbezogen, klaustrophobischen Showdown. Ein Leben auf zwei DIN A5 Seiten präzise und ohne Sentmentalität fabuliert – Gänsehautfaktor.

„Objektiv“
von Stefan Briel
Lesens- und bedenkenswertes Wortspiel; nicht nur über (erotische?) Fotografie.
Sehr intensive Illustration: „Mensch“ von Jörg Block

„Der Felsen“
von Erna Lüttecke
Lyrik.

„Am Drücker“
von Heiko Paulheim
Mit Seitenhieben in vielerlei Richtung agierendes Prosastück über die Ausschaltung von Emotionen in Folge von falsch verstandenem Erfolgsdruck. Beeindruckende Pointe.
Auch hier: sehenswerte Illustration; diesmal von Corinna Schütz, die der Stimmung des Textes bestens gerecht wird.

„Du“
von Manuela Zimmermann
Lyrik.

„Minute/Leben“
von Markus Ebersbach
Wehmut ohne Pathos hat für mich in der Lyrik Seltenheitswert. Hier ist es dem Autor gelungen, die Vergänglichkeit des Augenblicks und die Subjektivität des Zeitempfindens aus dem Blickwinkel der Retrospektive eindringlich darzustellen.

„Nur einmal“
von Marianne Kieper
Sehr schöne Bilder, wirklich verdichtete Geschichte von Eros verwoben mit Technologiebetrachtungen, die uns zeigt: wir sind klein, aber suchen doch unsere Position im Weltengetriebe.

„Die Kunst zu heilen oder Wie man sich seines Restverstandes bedient“
von Astrid Hentrich
Klug, aber beileibe nicht altklug, vergnüglich mit spitzer Feder dargestellte „Beziehungskiste“. Mit vielen scharf beobachteten Alltäglichkeiten, mit Bausteinen zum Konstruieren je nach Stimmung („Kenn` ich.“ oder „So doch nicht!!!“): ein Lesevergnügen erster Güte.

„Leichtsinn“
von Hendrik Schneller
Lyrik, bei der mir ein Gefühl in Erinnerung bleiben wird:
„…
Sterne strahlen
klinisch
in die Nacht
…“

„Augenblick der Sehnsucht“
von Manuela Zimmermann
Lyrik

„Ausgeschlürft“
von Henning Wagner
Kann mensch mit warmen Worten kalt sezieren? Wenn Henning Wagner den Stift als Skalpell benutzt schon.
Auch eine köstliche Warnung an alle, sich seinen Gewohnheiten nicht selbstsicher zu ergeben.

„Wende mich“
von Heike Thiesmann-Reith
Noch einmal, aber ganz anders. Wissen Sie, was der geliebte Mensch neben Ihnen denkt, wenn sie gemeinsam durch eine Gemäldeausstellung laufen?
Mir persönlich ist die Umsetzung des Themas zu zerrissen: teilweise überladene Sprache gepaart mit gewollt wirkenden Mehrdeutigkeiten. Schön, aber leider nicht konsequent durch den Text untermauert: der Schlusssatz.

„Schreiben“
von Margot Lieverz
Lyrik. Ich weiß nicht genau warum, aber der Text „rapt“, hat Groove. Er gefällt mir noch dazu, weil er, entgegen den Vermutungen die ich beim Lesen des Titels hegte, keine verkopften Betrachtungen zu Dasein, Ambition und Heil des sich berufen fühlenden Kammerliteraten enthält. Wirklich schön.

„Traumhaftes Einkaufen“
von Jörg Block
Keine Geschichte die sich als Traum entpuppt…; mehr kann hier nicht verraten werden.

„Genug gesehen“
von Astrid Hentrich
Klassische Kurzgeschichte; K.O. in der zweiten Runde. Bedenkenswert.

„Tropfen“
von Stephan Klement
Obwohl mit „Impression“ schon klammerbetitelt entfaltet sich mehr als das. Inhaltsschwangere Verständlichkeit – so muss Lyrik für mich sein. Als literaturtheoretisch unbedarfter Rilke-Fan erlaube ich mir mal den Vergleich: so mensch Rilke überhaupt nur selten Schwulst vorwerfen kann, ist „Tropfen“ endgültig entschwulstet und modern, ohne dabei einer Mode hinterher zu laufen. Die für mich schönste Zeile:
„…
Die Rinde mit Narben versehrt…“

„Milch und Blut“
von Ernst Eduard Keil
Wer, so wie ich, den barocken Hermann Kant der „Bronzezeit“ liebt, wird sich hier bestens bedient fühlen. Es gilt, den Eindruck den Keil mit seinem „Der Autor als Linkshänder“ hinterlassen hat, gründlich zu revidieren.

„Sturmtanz“
von Christof Lemke
Zugegeben, der Text hat es nach „Milch und Blut“ schwer. Trotzdem vermag er mich zu fesseln bis zum Schluss. Der letzte Satz dieser Kurzgeschichte ist mir zu schwach, dafür strahlt das zuvor Geschriebene aber umso mehr. Vielleicht bin ich aber auch nur zu action-süchtig, um mich mit dem friedlichen Ende zufrieden geben zu können

„Blumenfolter“
von Hendrik Schneller
Lyrik

„Die Verleihung“
von Christiane Schwarze
Darf ich mich über diese Geschichte freuen? Ein Prosastück, welches meine Einstellung zur Lyrik bestens transportiert; ich lese daraus, was ich herauslesen will. Und das mit klammheimlichem Vergnügen…

„TID“
von Markus Ebersbach
Lyrik

„Mein Radio“
von Stefan Briel
Möge sich jeder selbst ein Bild von diesem Text machen. Geben Sie die Geschichte anschließend einem Bekannten zu lesen; dessen Reaktion könnte sie verblüffen.

„Nachtkontrast“
von Marianne Kieper
Lyrik. Bemerkenswert ist neben dem Text dessen Illustration „Orpheus“ von Michaela Kromer. Ist es typisch männlich, dass ich mir dieses Bild in einem größeren Format abgedruckt wünsche?

„Karaoke“
von Christof Kirschenmann
Aus der Sicht des Protagonisten sehr schön geschildertes Aufeinandertreffen von zwei Welten. Die eine glamourös, die andere in zunehmendem Maße besoffen. Eine Kurzgeschichte; für einen Kurzfilm mehr als geeignet.

„L“
von Manuela Zimmermann
Tiefsinnig betrachtende Prosa-Lyrik, mit einer überraschenden Wendung, die, einem Bogen gleich, dem Anfang eine neue Bedeutung gibt.

„Du bist niemals fortgegangen“
von Daniel Mylow
Ein eindringliches Plädoyer für das Briefeschreiben, sowie die Kraft und den Abgrund der Liebe. Aber auch das Vehikel ist lesenswert – eine traurig-schöne Geschichte.

„Schattenkrieger“
von Katrin Czerny
Lyrisches Protokoll und psychologische Analyse einer gelebten Beziehung.

„Die Lebensgefährtin“
von Henning Wagner
Sehr schöne Kurzgeschichte, leider im Mittelteil etwas langatmig.

„Eine Sekunde“
von Christof Lemke
Eine sich langsam entwickelnde Story, in deren Verlauf sich der Leser einem angenehmen Sog hingeben MUSS.

„Der Tag des Hundes“
von Stefan Briel
Die Geschichte einer modernen Beziehung, die unausweichlich, weil psychologisch geschickt geführt, dem schrecklichst möglichen Ende entgegen strebt. Bemerkenswert die Beobachtungsgabe des Erzählers für Alltäglichkeiten, die in den Abgrund führen (können).

„…keit“
von Markus Ebersbach
Lyrik, geistreich von Stephan Klement illustriert.

„Fata Morgana“
von Hendrik Schneller
Lyrische Schilderung, gleichnisbeladen und bildhaft schön.

„(Un-) Vollendete Erotik“
von Stephan Klement
So ungewöhnlich wie der Titel ist auch der abrupte Wechsel von retrospektivisch verklärtem Schein und aktuellem Sein in dieser Kurzgeschichte. Die Illustration des Autors führt dem Leser das ganze Ausmaß des Dilemmas vor Augen. Der Bruch gleicht einer erwarteten Ohrfeige – schmerzhaft, aber mensch wusste ja, was folgen würde.

„Grütze“
von Marianne Kieper
Lyrik

„Im Whirlpool und anderswo“
von Ernst Edmund Keil
Es gibt noch einen Keil zu entdecken. So anders dass ich mich frage, wie viele es wohl noch geben wird…. Wiederum sehr lesenswert.

„Sorgen“
von Margit Lieverz
Lyrische Bestandaufnahme einer vor dem Scheitern stehenden Beziehung.

„Die Läuferin“
von Daniel Mylow
Geschichte von frühkindlich geprägter Verlustangst und daraus resultierender Obsession. Dichtere Prosa habe ich selten gelesen.

„Gnädige Frau“
von Marianne Kieper
Lyrik

„Fernweh“
von Henning Wagner
Klassische Kurzgeschichte die den Leser in ihren Bann zieht. Die Pointe wirkt nicht aufgesetzt oder gar konstruiert, sondern ist trotz der von ihr hervorgerufenen Heiterkeit hintergründig und nachdenklich machend.

„Der Flug“
von Astrid Hentrich
Eine schöne Kurzgeschichte, die, so wie mensch es sich in diesem Metier wünscht, mit einer gänzlich unerwarteten Wendung brilliert.

„Autist“
von Hendrik Schneller
Lyrik

Rezension von Rainer Kilian

Stellwerk – die erste Anthologie
ISBN 3 – 936389 – 89 – 9
Hrsg. Stephan Klement
Geest-Verlag
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Wunderbare Valerie

Wunderbare Valerie

Lisa ist Drehbuchautorin. Bevormundet wird sie vor allem von Beatrice Lombardi, der eingebildeten und mit ausgeprägten Starallüren versehenen Hauptdarstellerin der Serie. So wird aus Lisas ursprünglich erdachter Person Olga eine ganz andere, nämlich die „Wunderbare Valerie“. Doch das rächt sich. Olga materialisiert sich und verlangt ihren ursprünglichen Charakter zurück.
Keine leichte Aufgabe, bei dem Chaos, welches sich hinter und auch vor den Kulissen abspielt.

Lisa, die Icherzählerin steht, urteilt man nach ihrer großen Klappe, mit beiden Beinen fest im Leben. Doch sie ist in Wirklichkeit total inkonsequent, egal ob es um ihre Arbeit oder ihr lebhaftes Liebesleben geht. Sie braucht einen kräftigen Tritt, um zu Bewusstsein zu kommen, und den bekommt sie von der geisterhaften Olga, die mit ihren Aufritten gehörig nervt und Lisa anregt, endlich Ordnung in ihr Leben zu bringen.

„Wunderbare Valerie“ ist ein spritzig und flüssig geschriebener Roman, gefüllt bis zur letzten Seite mit bissigem ironischem Humor und sagenhaften Wortspielen. Die Dialoge sind unschlagbar. Lisa hat immer das letzte Wort, auch wenn ihr schon längst keiner mehr zuhört.

Über die Autorin:
Elfriede Hammerl studierte Germanistik und Theaterwissenschaft an der Uni Wien. Sie ist Kolumnistin beispielsweise bei „Vogue“ und „Kurier“. Die Autorin hat bereits zahlreiche Veröffentlichung. Sie erhielt 1999 den Publizistikpreis der Stadt Wien. Elfriede Hammerl lebt mit ihrer Tochter in der Nähe von Wien.

Rezension von Heike Rau

Elfriede Hammerl
Wunderbare Valerie
287 Seiten, gebunden
Franz Deuticke Verlag
ISBN: 3-216-30674-7
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Zwölf Spaziergänge durch Venedig

Zwölf Spaziergänge durch Venedig

Sie ist allein in Venedig. Ihr Geliebter hat Angst vor zu viel Nähe. So unternimmt sie ganz für sich Spaziergänge, besinnt sich, erinnert sich und versucht Klarheit in ihre Gedanken zu bringen.

Der Leser wird zum Begleiter durch Venedig, streift mit durch die engen Gassen, kehrt ein in beschauliche Cafés, fährt mit dem Boot auf dem Canal Grande, betrachtet die vielen Sehenswürdigkeiten und die reich verzierten Paläste oder besucht Kirchen.

Die Autorin schreibt in einem sehr leisen, sehnsüchtigen und wehmütigen Ton vor dem Hintergrund dieser in Briefen und Erinnerungen angedeuteten Liebesbeziehung. Dabei erzählt sie sehr bildhaft und anschaulich, so, als hätte sie alle Zeit der Welt. Die Autorin beweist ihren Blick für Details und sieht auch hinter die Fassaden, begeistert den Leser für Kunst und Kultur. Ihre Liebe zu Venedig wird so deutlich.

Geschmückt ist das Buch mit drei Zeichnungen der Autorin, die ganz unterschiedliche Stimmungen durch das Spiel mit Licht und Farben zum Ausdruck bringen. Und auch das Cover ziert eine Pastellzeichnung der Autorin. Zu sehen ist die Santa Maria dei Miracoli. So ist auch der äußere Gesamteindruck des Buches bemerkenswert.

Über die Autorin:
Ulrike Rauh ist Schriftstellerin und Malerin. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Theaterwissenschaften. Nach dem Staatsexamen übte sie eine Lehrtätigkeit aus. Sie belegte zahlreiche Kurse und Seminare auf dem Gebiet der Malerei. Seit 1993 sind ihre Bilder in Ausstellungen zu sehen. Ulrike Rauh veröffentlichte zwei Erzählbände und schreibt Beiträge für Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien.

Rezension von Heike Rau

Ulrike Rauh
Zwölf Spaziergänge durch Venedig
Mit Zeichnungen der Autorin
112 Seiten, gebunden
Wiesenburg Verlag, Schweinfurt
ISBN: 3-932497-96-1
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