Paulus Hochgatterer: Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war

Paulus Hochgatterer: Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war

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Eines Tages taucht ein Mädchen auf einem niederösterreichischen Bauernhof auf. Es ist Oktober 1944. Niemand vermag zu sagen, was ihr passiert ist. Sie scheint keine Erinnerung zu haben. Man nimmt an, dass ihre Eltern bei einem Luftangriff umgekommen sind. Das Mädchen wird von der Familie Leithner, die selbst viele Kinder hat, aufgenommen und Nelli genannt. Das geschieht auf eine sehr selbstverständliche Art und Weise.
Einige Monate später kommt ein junger Russe dazu. Er hat eine geheimnisvolle Leinwandrolle dabei, sonst nichts. Er ist kein Maler. Auch er fügt sich in das vorgegebene Leben ein.

Ein mühevoller Alltag wird gelebt, so wie es eben geht zu Kriegszeiten, bis sich eine Gruppe von Wehrmachtssoldaten auf dem Bauernhof einquartiert. Die Angst wächst. Jetzt zählt der Zusammenhalt der gesamten Familie. Nelli beobachtet die Situation genau. Sie analysiert das Geschehen. Malt sich aus, was passieren könnte und sieht ein wenig zeitversetzt, was wirklich geschieht. Die Situation der Familie wird immer schwieriger. Sie sieht sich einer ungeheuren Provokation gegenüber, der sie begegnen muss, ohne zu reagieren. Aber es geht so nicht. Es mindert die Gefahr nicht. Letztendlich dreht sich alles um das Kunstobjekt in der Rolle und das Geheimnis, das damit bewahrt werden soll.

Der Autor erzählt die Geschichte, die mit Erinnerungen seines Großvaters verbunden ist, sehr anschaulich aus der Sicht der 13-jährigen Nelli. Die angespannte Lage ist jederzeit spürbar, auch wenn er hier nicht ins Detail geht. Nelly analysiert jede Situation und stellt sich immer vor, wie diese ausgehen könnte. Sie baut auf diese Weise eine Mauer und versucht, sich als Beobachter abzugrenzen. Ihre Vorstellung und die Wirklichkeit triften oft auseinander. Es gibt keine Sicherheit. Sie kann Situationen zu diesem Zeitpunkt nicht beeinflussen.

Der Autor beschreibt sehr bildhaft und mit psychologischem Feingefühl, wie es der Familie geht. Er nutzt dafür das, was die Kinder sagen. Oft sind es Sätze, die so erstaunlich sind, so naiv und doch so wahr! Die Geschichte geht sehr nahe und wirkt lange nach.

Rezension von Heike Rau

Paulus Hochgatterer
Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war
Erzählung
112 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552063498
ISBN-13: 978-3552063495
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Mein allererstes Knabberbuch

Mein allererstes Knabberbuch

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Das Buch ist hübsch anzusehen. Auf dem Cover ist eine Maus aus Stoff-Applikationen mit kuschelweichem grauem Fell, aufgenähten Ohren und Schwänzchen zu sehen. Mit ihren aufmerksamen schwarzen Augen, dem freundlichen Lächeln und der roten Stupsnase lädt sie Kinder zum Betrachten des Buches ein. Und weil Babys und Kleinkinder nun mal alles zum Erforschen in den Mund nehmen und auch vor Büchern nicht haltmachen, hat es eine praktische Knabberecke mit Noppen. Diese blaue Ecke, die beim Draufbeißen etwas nachgibt, kann gleichzeitig auch Zahnungshilfe sein und das Zahnfleisch massieren.

Gezeigt werden im Stoffbuch neben der lustigen Maus weitere sechs Tiere. Auch sie spielen und knabbern gerne. Katze, Schaf, Ziege, Hund, Hase und Schwein sind auf bunten und schön gestalteten Seiten dargestellt. Der Hund hat einen Knochen, das Schaf ein Kleeblatt, der Hase eine Karotte und das Schweinchen einen grünen Apfel. Die Hintergründe sind, was Farben und Muster angeht, vollkommen unterschiedlich gestaltet.

Anfangs wird das Buch einfach nur Spielzeug sein. Es macht den Kleinen Spaß, die samtweichen Seiten zu greifen, zu befühlen und die Knabberecke zu erkunden. Bald lädt die farbenfrohe Gestaltung zum Entdecken der Farben und zum Betrachten der Bilder ein. Später können die Eltern ihren Kindern vermitteln, welche Tiere zu sehen sind und sich kleine Geschichten dazu ausdenken. Das Buch gefällt also von der Gestaltung her und den Bildaussagen gut.

Der Vorteil gegenüber einem Pappbuch ist, dass die Seiten nicht aufweichen können. Zudem ist das Stoffbuch bei 30 Grad waschbar, was sehr praktisch ist und wenn man es genau nimmt, bei Babys auch unumgänglich. Das Buch kann also, wann immer es nötig ist, im Waschgang für pflegeleichte Wäsche mit gewaschen werden. Hinterher ist es wie neu, und kann erneut für kindgerechte Unterhaltung sorgen.

Rezension von Heike Rau

Mein allererstes Knabberbuch
Design Monika Neubacher-Fesser
8 Seiten aus Stoff mit Knabberecke
ab 3 Monaten
Ravensburger Buchverlag
ISBN-10: 3473317322
ISBN-13: 978-3473317325
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Benjamin Cors: Gezeitenspiel – Ein Normandie-Krimi

Benjamin Cors: Gezeitenspiel – Ein Normandie-Krimi

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Nicolas Guerlain hat nie wahrhaben wollen, dass seine Julie einfach so verschwunden ist. Er hat immer nach ihr gesucht, immer versucht herauszufinden, was passiert sein können. Julie einfach aufzugeben, war für ihn keine Option. In diesem Buch betritt sie nun tatsächlich wieder die Bühne. Es besteht ein Zusammenhang mit geplanten Anschlägen auf die Atlantikküste der Normandie. Julie war all die Jahre ganz nah an der Zielperson dran, dem Abgeordneten Pierre Melville.

Nicolas Guerlain ist Personenschützer. Nach einem spektakulären Einsatz arbeitet er nun wieder für die französische Regierung. Aber er hat sich auch mit dem drohenden Anschlag zu beschäftigen. Was Genaues ist nicht zu sagen, nur dass dieser am 6. Juni, dem Tag der Alliierten-Landung, stattfinden soll. Julie ist, als Geliebte von Pierre Melville, eingeweiht. Nur fragt sich Nicolas Guerlain, ob Pierre Melville sie nicht durchschaut hat.

Das Buch ist extrem spannend geschrieben. Viele Extremsituationen spielen sich in Zeitlupe ab. Der Autor schildert praktisch jede Zehntelsekunde. Die Zeit wird zum Zerreißen gespannt. Andererseits läuft die Zeit davon. Denn selbst wenn Pierre Melville festgesetzt werden würde, heißt das noch lange nicht, dass er das Spiel verloren hat. Das ist sehr faszinierend!
Besonders interessant ist Julies Rolle, deren Verschwinden in den vorgehenden Büchern Nicolas Guerlain sehr beschäftigt hat. Er gerät durch sie praktisch wieder in einen Ausnahmezustand, obwohl das überwunden zu sein schien. Dabei ist es so wichtig, dass er die Nerven behält. Von ihm hängt viel ab. Das wird immer wieder deutlich gemacht. Zum Ende hin wird die Situation immer brenzliger! Schachzug um Schachzug bis zum Tag des geplanten Anschlags.
Wieder hat das Buch kein Ende, auch wenn der Fall natürlich abgeschlossen ist. Man darf also weiter gespannt sein.

Rezension von Heike Rau

Benjamin Cors
Gezeitenspiel – Ein Normandie-Krimi
Ein neuer Fall für Nicolas Guerlain
448 Seiten, Klappenbroschur
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423261412
ISBN-13: 978-3423261418
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Sonja Heiss: Rimini

Sonja Heiss: Rimini

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Familienleben mit vielen Zwischentönen.

Drei Paare: Eltern, Tochter und Sohn mit Partnern bilden den Mittelpunkt dieser Geschichte, in der es um Liebe, Treue, Anhänglichkeit, Versagen und wie immer auch Vergänglichkeit geht.

Die Eltern, Barbara und Alexander, haben bereits nach langen Ehejahren ihr Rentenalter erreicht. Weihnachten treffen alle wie gewohnt zusammen.

Hans, ihr Sohn und Anwalt von Beruf, dümpelt in seiner Ehe mit einer sehr dominanten Frau vor sich hin. Ihre beiden Kinder Lou und Leo sind in den Augen der Großeltern reichlich streng und rigide erzogen. Und Masha erst! Sie ist die jüngere Schwester von Hans und mit 39 eigentlich ein altes Mädchen, aber auch sie scheint den Absprung ins eigene Leben nicht recht zu schaffen. Das Weihnachtstreffen findet bei Hans und Ellen statt und rundheraus lässt sich sagen: alle gehen einander auf die Nerven. Irgendetwas scheint allen zu fehlen, um zu einem glücklichen und autonomen Leben zu finden.

Gespannt folgt der Leser einer Entwicklung, bei der so nach und nach die Eigenheiten aller Partner zum Vorschein kommen, und man ist nicht erfreut, wie unübersichtlich das emotionale Durcheinander aller Beteiligten ist.

Außer Ellen, dieser großen und durchsetzungsfähigen Frau von Hans, gehen alle scheinbar gegenseitig aneinander unter.

Hans leidet an unkontrollierten Wutanfällen und besucht regelmäßig eine Psychoanalytikerin, in die er sich zuletzt verliebt. Damit ist der Therapieerfolg natürlich ausgeschlossen.

Alles in allem beruhen die Thesen des Romans auf der Erkenntnis, dass Menschen im Laufe ihres Lebens Wandlungen durchmachen, die sehr häufig das Zusammenleben stören.

Sonja Heiss wirft einen realistischen Blick auf die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Geheime Wünsche, erwartete Freuden, mentale und sexuelle Erfüllung und immer wieder auch Enttäuschungen sind die Eckfeiler menschlicher Existenzen. Hier zappelt sich jeder und jede ab, um am Ende an den Widersprüchen von Wünschen und Wirklichkeit zu scheitern. Wie die Autorin die einzelnen Widrigkeiten beschreibt, ist der Wirklichkeit recht genau abgeschaut. Gerüche des Partners, Geiz oder eigensinnige Verhaltensweisen stören den ehelichen Frieden und führen zur inneren und äußeren Abkehr. Als Alexander stirbt, merkt Barbara erst, wie sehr sie das Zusammenleben mit ihm als Selbstverständlichkeit hingenommen hat, und die in ihren Augen abstoßenden Verhaltensweisen das Leben überschattet haben. Man ist nahe dran an den Protagonisten und kann sich lebensnah in die gegenseitigen Zweifel, die Wut und Abkehr einfühlen. Es ist ein wenig traurig mit anzusehen, wie nach und nach die Beziehungen aller zueinander in die Brüche gehen. Ein paar schöne Erinnerungen an die Frühzeit der Eltern bieten Lichtblicke, doch das Scheitern auch der beruflichen Erfolge von Hans und Masha überwiegt. Immerhin schafft Masha sich sehr verspätet noch ein persönliches Glück. Meint man beim Lesen aus der Ferne nicht „Die Korrekturen“ von Jonathan Franzen aufscheinen zu sehen? Der Zerfall von Familien ist in beiden Romanen zentrales Thema.

Am Ende des Romans findet man zu dem Schluss, dass Leben von unterschiedlichen Schattierungen geprägt ist, und dass es vieler zu bestehender Bewährungsproben bedarf, um heil und unverletzt aus dem Lebensschlamassel herauszukommen.

Der Debütroman von Sonja Heiss lässt auf weitere Erfolge hoffen!

Sonja Heiss
Rimini
400 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, August 2017
ISBN-10: 3462050443
ISBN-13: 978-3462050448
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Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben

Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben

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Pierre Lemaitre ist ein fein beobachtender Autor, der mit seinen Themen tief in das Leben seiner Protagonisten eindringt.

In dem kleinen Ort Beauval in Frankreich verschwindet kurz vor Weihnachten 1999 der sechsjähriger Rémi spurlos.

Niemand kann sich erklären, wo er geblieben ist.

Einer der Dorfbewohner ist 12 Jahre alt und heißt Antoine. Er hat sich im Wald ein Baumhaus gebaut. Dorthin begleitet ihn häufig der Hund vom Nachbarn Desmedt. Er ist der Vater von Rémi. Die anderen Kinder spielen mit dem Playmobil von Kevin. Antoines Mutter aber möchte, dass ihr Sohn weiter in der Natur und im Wald spielt. So fühlt er sich oft einsam. Sein Vater ist schon lange auf und davon, und die Mutter schlägt sich tapfer mit ihm durch.

Leider passiert ein Unglück, und Antoine zerstört sein Baumhaus in einem Anfall von Wut. Nachvollziehbar schildert uns P.Lemaitre, wie Antoine tags zuvor zusehen musste, als Desmedt seinen von einem Auto verletzten Hund erschießt. Das Ende des Hundes mit dem pikanten Namen Odysseus ist ein Schock für Antoine, denn er war sein stiller Begleiter und Tröster in der Not. Was aber weiß er vom Verschwinden Rémis? Er war derjenige, der ihn zuletzt gesehen hat.

Minutiös schildert uns PL, wie Antoine in ein Netz von Verstrickungen gerät. Er verhält sich auffällig, unruhig und verdächtig. Niemand käme auf die Idee, dass er etwas mit dem Verschwinden von Rémi zu tun haben könnte. PL zeigt uns seine tief verletzte Seele, die vom Tod des Hundes in eine Art Schockstarre gefallen ist. Der Junge wird von Einsamkeit und Schmerz überwältigt.

Das Dorf mit seinen aufgeschreckten Menschen, den untersuchenden Beamten und der Unruhe, die das Verschwinden des kleinen Rémi gebracht hat, ist höchst genau beobachtet. Es sind drei Tage, in denen die Suche nach Rémi das Geschehen bestimmt.

Ein apokalyptisches Unwetter verwischt schließlich alle Spuren, und die Suche wird aufgegeben.

Im Jahr 2015 ist Antoine Arzt. Er hat eine Freundin, und die Ängste und Schrecken der Vergangenheit scheinen überwunden. Er wird sich ein neues Leben aufbauen.

Doch Lemaitre wird die Geschichte neu ankurbeln und mit unglaublichen Ereignissen zu einem mehr oder weniger unerwarteten Ende führen.

Man kann nicht umhin, den Autor für das Maß an Genauigkeit und Recherche mit feinsten Details zu bewundern. Die Mischung aus Krimi und vorstellbarer Lebenstragödie gibt dem Roman den letzten Schliff. Darin ist Pierre Lemaitre ein Meister, wie er schon mit seinem Roman“ Wir sehen uns da oben“ bewiesen hat. Mit diffizilen und sparsamen Mitteln steigert er die Geschichte bis zu einem wirklich überraschenden Ende. Atemlos und gespannt kann man vom Lesen nicht mehr lassen. Einmal mehr beweist uns die Geschichte, dass das Leben unergründliche Wendungen nehmen kann, die Lebenspläne und Hoffnungen zunichtemachen können. Literatur kann die Schattenseiten des Lebens aufzeigen. Dieser Roman ist ein Beispiel dafür. Sehr empfehlenswert.

Pierre Lemaitre
Drei Tage und ein Leben
272 Seiten, gebunden
Klett-Cotta, September 2017
ISBN-10: 3608981063
ISBN-13: 978-3608981063
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Uwe Timm: Ikarien

Uwe Timm: Ikarien

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Zu Beginn der Lektüre fragt man sich, ob man wirklich noch einmal mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und seinen Gräueln konfrontiert werden will.

Doch nach den ersten Zeilen lässt einen die Geschichte nicht mehr los.

Worum geht es?

Michael Hansen geht als deutschsprachiger Offizier nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Frankreich und von dort nach Bayern. Seine Eltern sind durch Zufall schon vor dem Krieg aus Deutschland nach Amerika geraten, wo sie dann geblieben sind.

Uwe Timm hat die großartige Gabe, Sachliches mit Poetischem zu verbinden. Während der junge Offizier von einem Auftrag zum nächsten eilt, bemerkt er den nahenden Frühling und kann die Farben und Stimmungen in Worte fassen. Ihm begegnen die ersten Nazis und Menschen, die keine Parteimitglieder waren.

Unwillkürlich kommen beim Leser Erinnerungen hoch an die ersten Eindrücke vom Einmarsch der Alliierten und von den armseligen, verhungerten Gestalten, die durch die Straßen der zerstörten Städte schlichen.

Die sauber gekleideten Soldaten und die abgemagerte und gedrückte Bevölkerung bilden einen krassen Gegensatz.

Hansen bekommt einen besonderen Auftrag: er soll etwas über die Rassehygieniker herausfinden, deren Ideologie der reinrassigen Bevölkerung zu den unmenschlichen Versuchen an Menschen und Behinderten im Nazireich geführt hatten.

In München findet er einen Antiquar, den Dissidenten Wagner, der den Eugeniker Alfred Ploetz kannte.

Im weiteren Verlauf berichtet er Hansen, der ihn im Auftrag des CIC verhörte, von einer ideologisch verbrämten Gemeinde zu Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika.

Aufbauend auf sozialistischen und kommunistischen Gedankengut und den Ideen des französischen Revolutionärs Étienne Cabet, hatten sich die Auswanderer eine utopische Gemeinde mit Namen Ikarien vorgestellt und in die Praxis umzusetzen versucht.

Das Experiment scheitert, doch A. Ploetz wird zum Verfechter einer reinen Rasseidee.

Nun beginnt eine lange Abhandlung über die Verhöre und zugleich des Lebens der amerikanischen Soldaten in Deutschland.

Uwe Timm nimmt sich Zeit, in seinen Perspektiven zwischen Verhören und Leben in Deutschland zu wechseln.

Auf diese Weise entsteht ein atmosphärisches Bild dieser „Zwischenzeit“. Zwischen dem Kriegsende bis zur Normalisierung des Lebens und Gründung der BRD lagen einige Jahre, in denen Fraternisierung verboten und schließlich übersehen wurde. Jeder sah am Ende, wie er am besten durchkam.

Das Buch ist umfassend und beleuchtet die Zustände der Euthanasie, über die schon während des Krieges und erst recht danach die unmäßigsten Behandlungspraktiken und Menschenversuche bekannt wurden.

Die Ausführung der Tötung der von oben bestimmten Kategorie von „unwertem Leben“ hat nach dem Krieg zu einem Aufschrei der Empörung und der Tabuisierung jedweder Euthanasiegedanken in Deutschland und in der Welt geführt.

Sich mit dem barbarischen Tun noch einmal zu konfrontieren ist aufschlussreich aber auch quälend. Die guten poetischen Einschübe beispielsweise über einen Vogelkundler unter den Amerikanern und kleine Liebeleien und Bootsfahrten auf dem Starnberger See entspannen die Erzählung und bieten den Rahmen der Menschlichkeit, die es schließlich überall und immer auch gab.

Die schwere Kost ist nicht für jeden erträglich. Uwe Timm ist ein Könner unter den Autoren, und wer ihn kennt, wird auch diesen Roman begrüßen.

Uwe Timm
Ikarien
512 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, September 2017
ISBN-10: 3462050486
ISBN-13: 978-3462050486
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Jake Halpern und Peter Kujawinski: Tochter der Flut

Jake Halpern und Peter Kujawinski: Tochter der Flut

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Die Bewohner einer Insel müssen diese nach 14 Jahren verlassen, weil die endlose Nacht wieder hereinbricht. In der kommenden eisigen Dunkelheit kann kein Mensch überleben. Das Dorf wird nach alten Bestimmungen hergerichtet. Nichts soll an die Menschen erinnern, die hier gelebt haben.
Doch als die Boote kommen, ist Line nicht da. Marin ahnt, dass er auf der Suche nach ihrem Sonnenstein ist, den sie im See am Wald angeblich verloren hat. Ein Ort, an dem die jungen Leute nicht hätten sein dürfen. Marin macht sich heftige Vorwürfe. Sie kann Line nicht zurücklassen. Es muss ihm etwas passiert sein. Zusammen mit ihrem Bruder Kana, macht sie sich auf den Weg. Sie finden Line, der allerdings verletzt ist. Auf dem beschwerlichen Rückweg vergeht zu viel Zeit und so verpassen die jungen Leute die Boote und bleiben auf der nun lebensfeindlichen Insel zurück.

Die Autoren haben ein interessantes Szenario für dieses Buch entworfen. Auf der Insel herrschen 14 Jahre Tag, auf die 14 Jahre Nacht folgen. In ewiger Dunkelheit ist kein Leben auf der Insel möglich. So heißt es jedenfalls. Jeder hat Angst vor der Nacht, deshalb die Flucht. Was in der Nachtphase geschieht, vermag keiner wirklich zu sagen. Es wagt auch keiner von den Erwachsenen, danach zu fragen. Es muss hingenommen werden, was geschieht.
Und dann werden die drei Jugendlichen zurückgelassen. Allein … und doch nicht allein. Mit all ihren Ängsten und Befürchtungen, die auch dem Leser sehr nahe gebracht werden.
Marin, Line und Kana müssen um jeden Preis von der Insel, das ist ihnen bewusst und wird durch die Umstände deutlich gemacht. Sie entwickeln einen Plan. Der Weg ans Ziel wird allerdings immer wieder unterbrochen. Eine dramatische Situation reiht sich an die nächste.
Das Buch erreicht eine ungeheure und nervenaufreibende Spannung. Dabei schreiben die Autoren auch noch ausgesprochen fließend und sehr bildhaft. Man wird förmlich hineingezogen in dieses packende Lesevergnügen.

Rezension von Heike Rau

Jake Halpern und Peter Kujawinski
Tochter der Flut
Aus dem amerikanischen Englisch von Wolfram Ströle
384 Seiten, gebunden
Ravensburger Buchverlag
ISBN-10: 3473401560
ISBN-13: 978-3473401567
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Anne von Canal: Whiteout

Anne von Canal: Whiteout

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Hanna hat sich ihre beruflichen Träume erfüllt. Sie nimmt als Wissenschaftlerin an einer wichtigen Antarktisexpedition teil. Es wird versucht, über Eisbohrungen neue Erkenntnisse über das Klima der Vergangenheit zu gewinnen. Auch Hannas Vergangenheit drängt sich mit Macht wieder in ihr Bewusstsein. Erinnerungen werden wach und bald allgegenwärtig. Schuld daran ist eine E-Mail mit einer Botschaft, die nur ihr selbst etwas sagt. Was ist mit ihrer Jugendfreundin Fido geschehen? Warum hat sie Hannah damals belogen und im Stich gelassen. Zwanzig Jahre ist das her. Vergessen ist nichts. Doch hier im Eis wird Hanna keine Antwort auf ihre Fragen bekommen. Alles dreht sich in ihrem Kopf. Die Spannungen im Forscherteam wachsen. Disziplin ist gefragt, aber kaum zu halten. Sich zu beherrschen, ist schwer. Und dann gefährdet ein Schneesturm das ganze Projekt. Alles, aber auch wirklich alles, wird infrage gestellt.

Das Buch beschreibt, wie die Vergangenheit die Gegenwart mit ihren Erinnerungen beeinflussen kann. Besonders Ungeklärtes und offenen Fragen können zum Problem werden, scheinbar ausgerechnet in schwierigen Situationen. Hanna ist in einer solchen Ausnahmesituation. Die Expedition ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung und verlangt alles von ihr ab. Die Autorin beschreibt, wie Hanna immer mehr abrutscht, wie sie damit beschäftigt ist, nicht die Kontrolle zu verlieren. Wie sie versucht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Es war für mich nicht einfach, Zugang zu Hanna zu finden. Sie bleibt mir recht fremd. Dennoch sind ihre Gefühle nachvollziehbar.
Die Handlung springt von der Gegenwart in die Vergangenheit zurück ohne Unterlass. Die Autorin verbindet beides unglaublich eng. Untrennbar, unzerreißbar. Die Jahre dazwischen verschwinden und lösen sich auf. Das verleiht dem Buch Tiefgang.

Rezension von Heike Rau

Anne von Canal
Whiteout
192 Seiten, gebunden
Mare Verlag
ISBN-10: 3866482477
ISBN-13: 978-3866482470
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Arnold Achmüller: Die Alpen-Apotheke – Hausmittel zum Selbermachen

Arnold Achmüller: Die Alpen-Apotheke – Hausmittel zum Selbermachen

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Früher hatte die Volksmedizin einen anderen Stellenwert. Mittlerweile sind Hausmittel aber wieder interessanter geworden, vor allem auch, weil die Forschung bestimmte Heilwirkungen bestätigen kann. Allerdings ist viel an Wissen verloren gegangen. Mit diesem Buch kann man sich das wieder zurückholen.

Arnold Achmüller ist Apotheker in Wien. Er beschäftigt sich außerdem mit alpiner Kräuterkunde. Im seinem Buch vermittelt er Interessierten umfangreiches Kräuterwissen. Ein Pflanzenführer will das Buch allerdings nichts sein, auch wenn es ganzseitige, detaillierte Zeichnungen zu vielen Pflanzen gibt.

Zunächst wird erklärt, was Volksmedizin ist. Die bäuerlichen Diagnosemöglichkeiten und Heilmethoden werden beschrieben. Es gibt einige Volksheiler, die sich im Alpenraum einen Namen gemacht haben. Auch diese werden mit ihrem Tätigkeitsfeld ausführlich vorgestellt.

Den Hauptteil des Buches nimmt die Kräuterkunde ein. Hier werden verschiedene typische Pflanzen der Alpenregion mit ihren Inhaltsstoffen vorgestellt. Der Autor erklärt, wie diese bei bestimmten Beschwerden angewendet wurden. Dazu zählt zum Beispiel der Spitzwegerich. Das Besondere an diesem Buch ist, dass der Autor den aktuellen Forschungsstand mit aufzeigt. Man erfährt also, ob eine bestimmte Wirkung nachgewiesen und damit tatsächlich auch erwartet werden kann. Wer dann einen Hustensirup mit Spitzwegerich zubereiten möchte, findet das entsprechende Rezept.

Mit dem Buch lernt man also Pflanzen mit ihrer überlieferten und nachgewiesenen Wirkung bei Verdauungsproblemen, Atemwegserkrankungen und anderen Beschwerden kennen. Um diese nutzen zu können, wird erklärt, wie Salben, Wickel und mehr hergestellt werden.

Das Buch liest sich gut. Der Autor erklärt sehr verständlich. Wer sich für altes Kräuterwissen und neue wissenschaftliche Aussagen hierzu interessiert, ist mit der Alpen-Apotheke bestens beraten.

Rezension von Heike Rau

Arnold Achmüller
Die Alpen-Apotheke – Hausmittel zum Selbermachen
240 Seiten, gebunden
Knaur MensSana
ISBN-10: 3426658186
ISBN-13: 978-3426658185
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Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt

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Realität mit krassen Erfahrungen.

In einer Art traumatisierter Verfassung erzählt der Icherzähler eine Geschichte, die sehr gruselig anmutet.

Eines Tages in einer Weihnachtsnacht begegnet Édouard auf dem Heimweg von einem Freundestreffen einem Mann unbekannter Herkunft. Der Fremde gerät in ein Gespräch mit ihm und folgt Édouard unaufgefordert, bis dieser ihn mit in seine Wohnung nimmt. Sie feiern eine Sexnacht zusammen, die zu einer überraschenden Wende führt: der Fremde, Reda, ist ein Gauner. Er bedroht und vergewaltigt Édouard, so dass dieser in ein schreckliches Trauma erleidet.

Reda ist Nachfahre algerischer Eltern. Was der Vater von Reda nach seiner Flucht aus Algerien in Frankreich erlebt hat, gab er seinem Sohn weiter. Rassistische Vorurteile haben den Flüchtlingen das Leben schwergemacht. Arbeitslos und ausgestoßen schlugen sie sich mühsam durchs Leben. Eine ausgedehnte Kriminalitätsrate ist die Folge dieser Ausgrenzung.

Die Tatsachen sind schnell erzählt. Édouard aber befindet sich fortan in einer Art somnambulen Ausnahmezustand. Er versucht Freunden oder seiner Schwester von der Geschichte zu erzählen. Es gelingt ihm kaum, einen zusammenhängenden Bericht zu geben. Sein gesamtes Weltbild scheint aus den Fugen geraten. Dem Leser teilt sich der Zustand nachfühlbar mit. Angst und Abscheu werden nach dem Ereignis die ständigen Begleiter von Édouards davonlaufender Zeit.

Der Roman trägt autobiographische Züge.

Grandios vermag uns der Autor in seine psychische Verfassung hinein zu ziehen. Man fühlt ständig die Angst vor neuer Bedrohung, die doch nach der ersten Begegnung und der verbrachten Nacht mit Reda so unwahrscheinlich schien.

In Wechsel erzählt der Autor aus dem Blickwinkel seiner Schwester, die ihrem Mann von Édouards Geschichte berichtet, um dann wieder Assoziationen einzufügen. Freunde sind zur Stelle, die ihm helfen, die Torturen der Nachforschungen seitens der Kriminalpolizei oder der Rechtsmediziner durchzustehen. Die eigenartige Erzählweise zwischen Bericht und Assoziation, Gefühlschaos und ängstlichen Visionen führt zu einer immensen Spannung, deren Sog man sich nicht entziehen kann. Die nächtlichen Straßen von Paris sind ebenso gegenwärtig wie die befremdliche Anziehung des Unbekannten.

Die Erzählung ist von Beginn an in einer düsteren Stimmung gehalten. Aus einer Straßenbekanntschaft kann nichts Gutes werden. Éduard ist verführbar und naiv in seinem Zutrauen einem Fremden gegenüber. Sein Verhalten scheint auch Ausdruck von Einsamkeit und Sehnsucht zu sein. Die Enttäuschung nach dem Ende der Nacht ist von ernüchternder Klarheit.

Édouard Louis kommt selber aus ärmlichstem Milieu. Er hat in dem Roman “Das Ende von Eddy“ über seine Herkunft berichtet. Er konnte seinem Herkunftsort entkommen und ein Soziologiestudium in Paris beginnen. Sein Debütroman schlug hohe Wellen in der literarischen Welt. Der zweite Roman steht dem ersten in Nichts nach. Die biographischen Züge geben dem Ganzen einen hoch komplexen literarischen Glanz.

Édouard Louis
Im Herzen der Gewalt
224 Seiten, gebunden
S. FISCHER, August 2017
ISBN-10: 3103972423
ISBN-13: 978-3103972429
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