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Richard Ford: Zwischen ihnen

Richard Ford: Zwischen ihnen

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Richard Ford ist einer der angesehensten Schriftsteller des 20.Jahrhunderts. Mit seinen Romanen „Die Lage des Landes“ und „Kanada“ hat er sich bleibenden Ruhm verdient. Er ist einer der ganz Großen im amerikanischen Literaturbetrieb.

In seinem neuen Büchlein beschreibt er das Leben als Sohn mit seinem Vater und seiner Mutter.

Dass er eine liebevolle Beziehung zu ihnen hatte, merkt man bereits nach den ersten Zeilen und Seiten.

Beide Eltern stammen aus dem US Staat Arkansas, in dem sie mit wechselnden Wohnsitzen lebten.

Sie sind sehr verliebt, als sie sich in jungen Jahren zusammenfanden und heirateten. Der Vater war Handelsreisender. Sie liebten das Zusammensein so sehr, dass die Mutter Edna ihn auf seinen wöchentlichen Berufsreisen immer begleitete. In den Hotelzimmern schrieb er seine Berichte, und zum Wochenende fuhren sie in ihre gemeinsame Wohnung zurück. Von Anfang an wünschten sie sich Kinder. Da sich diese jedoch nicht einstellten, wuchs das Paar umso enger zusammen. Erst nach fünfzehnjähriger Ehe kündigte sich ihr Sohn Richard an. Während er als Baby noch auf die wöchentlichen Reisen mitgenommen wurde, änderte sich das, als er heranwuchs. Jetzt nahm das Leben eine Wende. Die Woche über blieb Edna mit dem kleinen Richard alleine. Umso freudiger wurde am Freitag die Ankunft des Vaters begrüßt.

Wie Richard Ford seine Eltern und deren Herkunft beschreibt, zeugt von herzlichem Interesse und ebenso herzlicher Zuneigung.

Der Vater wird als zärtlicher, gutaussehender und liebevoller Mann beschrieben. Richard fühlt sich von beiden Eltern angenommen. Diese führten eine sehr glückliche Ehe, in der Richard schnell seinen Platz fand.

In seinen Erinnerungen beschreibt Richard Ford das gleiche Leben, wie in seinen Romanen: amerikanische Mittelschicht in einem der Südstaaten der USA. Frank Bascombe ist der Held seiner Romane, der wie sein Vater Handelsreisender und Makler ist. Im Gegensatz zu den Romanen R. Fords, in denen viel über das Leben, Vergänglichkeit und Gegenwart nachgedacht wird, haben die Eltern einen sehr gegenwärtigen Spaß am Leben, erfreuen sich eines  guten Freundeskreises und führen ein unbesorgtes Dasein, ohne viel nach dem Woher und Wohin zu fragen.

Als der Vater in seinen fünfziger Jahren starb, war das glückliche Leben für die kleine Familie erst einmal zuende. Richard macht seinen eigenen Weg und sieht seine Mutter ihr Leben meistern, ohne wirklich zu wissen, wie es ihr geht.

Insgesamt reicht das Büchlein nicht an die großen Romane Richard Fords heran.

Im Leben der Familie läuft alles immer bestens, bis der Tod sie scheidet.

Es gab keine besonderen Vorkommnisse, Höhepunkte oder Niederlagen.

Die Geschichte einer glücklichen, liebevollen und unbesorgten Kindheit ist gelungen. Tiefenschärfe oder psychologisch aufschlussreiche Einsichten darf man nicht erwarten.

Das Büchlein entspricht in seinem Habitus der Momentaufnahme einer amerikanischen Durchschnittsfamilie Mitte des vorigen Jahrhunderts im Süden der USA.

Richard Ford
Zwischen ihnen
144 Seiten, gebunden
Hanser Berlin, August 2017
ISBN-10: 3446256806
ISBN-13: 978-3446256804
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Richard Ford: Frank

Richard Ford: Frank

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Frank Bascombe ist alt geworden! Dieser Held der amerikanischen Mittelschicht, der uns aus einer Reihe von Romanen Richard Fords bekannt wurde, ist 68 Jahre alt, war Makler und ist inzwischen Rentner. Mit dem Alter änderte sich sein Weltbild. Gleich geblieben aber sind seine Betrachtungen zur Umwelt, mit denen er seine Mitbürger, ehemaligen Freunde und Kollegen und das politische Geschehen um sich herum beobachtet. Franks Einlassungen zur Zeitgeschichte haben nichts von ihrem Sarkasmus und ihrer Selbstironie verloren. In vier Episoden werden seine neuesten Eindrücke über sein Leben und das der anderen wieder gegeben.

Wir befinden uns im Jahr 2012,in dem der Hurrikan Sandy die Ostküste der USA verwüstete. Häuser, die Bascombe einst verkauft hat, liegen zerstört am Boden. Er selbst hatte sich von der Küste New Jerseys schon vor längerer Zeit zurückgezogen.

In lockerem Jargon, der nicht immer ganz nachvollziehbar ist, ergeht sich Frank in seinen Erinnerungen. Seine Reden und sein Denken sind durchdrungen vom gesellschaftlichem Wandel und seinen Folgen. Das Datum 9/11 mit dem anwachsenden Terror, der die politische Geschichte Amerikas eingreifend veränderte, und Obamas Visionen sind einer ungewissen Gegenwart gewichen.

Richard Ford wählt über weite Strecken das Stilmittel des Selbstgesprächs, mit dem er seinen Erzähler über den Sinn und Unsinn des Lebens nachgrübeln lässt.

Sein Held Frank Bascombe erfasst die Lage des Landes wie in seinem gleichnamigen Roman davor immer noch realistisch und treffsicher. Er ist ein Durchschnittsmann mit klaren Einsichten. Gezeichnet wird er als Mann, der zu den Menschen und Dingen, auch zu den eigenen Kindern, einen gewissen Abstand hält. Seine dritte Frau Sally bleibt im Hintergrund und widmet sich den zahlreichen Hurrikanopfern. Freunde oder Weggefährten, die er zufällig oder verabredet trifft, kommen nicht immer gut weg in seinen differenzierten Beobachtungen.

Er bleibt über die ganze Geschichte hinweg ein spöttischer und leicht resignierter Mann. So betrachtet er sein eigenes und das Leben seiner Mitmenschen aus einer melancholischen und abwartenden Haltung.

Die Kontakte zu seiner  Ex-Frau und gelegentliche zu seinen Kindern lassen ahnen, dass er ein zurückgezogener und letztlich einsamer Mann ist.

Im letzten Kapitel wird vermehrt über den Tod reflektiert. Man spürt seine Neugierde aber auch die Furcht in seinen Überlegungen.

Ein nachdenklich stimmendes und die Endlichkeit einbeziehendes Werk hat uns Richard Ford in der Übersetzung von Frank Heibert vorgelegt. Er gilt zu recht als einer der erfolgreichsten Schriftsteller Amerikas.

Richard Ford

Frank
224 Seiten, gebunden
Hanser Berlin, September 2015
ISBN-10: 3446249230
ISBN-13: 978-3446249233
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Chimanda Ngozi Adichie: Americanah

Chimanda Ngozi Adichie: Americanah

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Leben und Wachsen in unterschiedlichen Zivilisationen…

Mit dem Roman „Americanah“ von Ch. Adichie findet erneut nach Taiye Selasi und Ayana Mathis eine farbige Schriftstellerin den Weg in die Öffentlichkeit. Er wird Furore machen!

Ch. Adichie stammt aus Nigeria und hier beginnt auch ihre Erzählung von Ifemelu und Obinze, einem Paar zu Beginn ihres Studiums in Nsukka und Ibadan. Die Ereignisse beginnen um das Jahr 1990.

Adichie beschreibt das Leben einer gebildeten Schicht in Lagos/Nigeria. Fröhlich und heiter geht es da zu. Doch die Dozenten an den Universitäten streiken, denn die Arbeitsbedingungen und das Geld sind ständiger Anlass für Konflikte. Der Trend der besser gestellten Familien geht dahin, ihre Kinder in Amerika studieren zu lassen. Das aber kostet Geld!

Ifemelu schafft den Sprung nach Amerika. Dort muss sie sich als Kindermädchen, Kellnerin oder mit anderweitigen Dienstleistungen durchbringen, denn ihr Stipendium würde für das tägliche Leben nicht ausreichen.

Für die Liebenden schien die Zukunft gesichert, wenn sie erst ihr Studium beendet hätten. Doch es kommt alles anders!

Die Liebe zwischen Ifemelu und Obinze bildet den Tenor in einem Werk, das allumfassend Rassenproblematik, Leben in Nigeria, Amerika und England umfasst. Die Liebe zwischen den beiden ist tief und sieht sich zahlreichen Anfechtungen ausgesetzt. Um sie gestaltet sich ein Gesellschaftsbild, das aufschlussreiche Einblicke in die Fragen von Bildung, Aufstieg und Leben im Westen wie in der dritten Welt bietet.

Menschen schwarzer Hautfarbe sind in Afrika Gleiche unter Gleichen in Amerika hingegen mehrheitlich Nachfahren von Sklaven. Das alleine schon erzeugt eine je eigene Identitätsbildung.

Ifemelu verliert durch eigene Schuld den Kontakt zu Obinze, der seinen Weg über England zurück nach Lagos in Nigeria nimmt und nach Jahren als erfolgreicher Geschäftsmann dort arbeitet. Auch Infemelu kehrt aus Amerika zurück in die Heimat, wo man diese Rückkehrer „Americanah“ nennt!

Atemlos liest man sich durch die Seiten dieses opulenten Werks, das immer neue Einblicke in die Lebensstrategien einzelner Protagonisten gestattet.

Die Autorin ist eine blendende Erzählerin. Ihre Dialoge sind eindringlich und facettenreich. Es entsteht ein emphatisches Bild verschiedener in Afrika oder Amerika lebender Menschen schwarzer oder auch weißer Hautfarbe. Die Kinder aus den gebildeten Schichten farbiger Herkunft müssen sich in Amerika der Hautfarbe wegen einem schwierigen Verfahren von Anpassung, Unterwerfung und eigenem Durchsetzungsvermögen stellen. Yale, Princeton und Harvard als Eliteuniversitäten sind die Stationen, in denen sich Afrikaner und Afroamerikaner mit besonderer Begabung ihrem Studium widmen. Der Abschluss an diesen Universitäten bietet zwar ungeahnten Möglichkeiten des Aufstiegs; doch in der Realität sieht das Leben der Studenten zuweilen sehr dramatisch aus. In ihren Studentenjobs sehen sie sich als Toilettenputzer oder müssen als Escortmädchen arbeiten, was häufig mit unerträglichen Avancen der Auftragsgeber verbunden ist. Dass dabei die Würde Schaden nehmen kann, ist eine der Ursachen, die zu Identitätskrisen und Enttäuschungen mit lang anhaltenden Folgen kommen mag.

Voller Enthusiasmus starten Adichies Romanfiguren ins Leben, bis sie zuletzt mit den Einschränkungen nicht erfüllbarer Liebeserlebnisse oder Lebenspläne zurecht kommen müssen

Ein vielfarbiges Gesellschaftspanorama und nachdenkenswerte Eindrücke beleben eine Geschichte, die gesellschaftspolitische Aspekte mit dem ganz alltäglichen Leben verbindet. Nebenbei ist der Roman ein hinreißender Liebesroman: “Er nahm auf dem Tisch ihre Hand in seine, und zwischen ihnen wuchs eine Stille, eine uralte Stille, die sie beide kannten. Sie war in dieser Stille, und sie war in Sicherheit.“

Chimanda Ngozi Adichie
Americanah
608 Seiten, gebunden
S. FISCHER, April 2014
ISBN-10: 3100006267
ISBN-13: 978-3100006264
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Ayana Mathis: Zwölf Leben

Ayana Mathis: Zwölf Leben

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Vom vergeblichem Aufwärtsstreben und Niedergang…

Mit dem hier vorliegenden Roman gilt es, eine begabte amerikanische Erzählerin zu entdecken!

Die Geschichte handelt von einer farbigen Familie, die sich aus bitterer Armut aus den Südstaaten der USA in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den Norden begibt.

Aus Georgia zieht es Hattie mit Mutter und zwei Schwestern nach Philadelphia. Hattie ist erst 15 Jahre alt, und die Jahreszahl 1925 steht über dem ersten Kapitel. Die Zeit des großen Aufbruchs farbiger Afroamerikaner aus dem Süden der USA in die Nordstaaten von Amerika war in vollem Gange. Dort im Norden hoffte man auf bessere Lebensbedingungen. Die Bürgerrechtsbewegung mit dem Ziel der Gleichstellung von Farbigen zog sich von 1910 bis 1970 hin und ist bis heute im Land der großen Freiheit nicht überall gelungen.

In Philadelphia beginnt Hattie ihr Leben als Familienmutter mit zahlreichen Kindern.

Doch das Glück ist ihr nicht hold. Ihre ersten beiden Kinder, ein Zwillingspärchen mit den hoffnungsvollen Namen Philadelphia und Jubilee, sterben an einer Lungenentzündung. Ihre weiteren Kinder gehen nach Jahren der Armut in die Welt, um ihr Glück zu versuchen. Hattie bleibt als immer währender Hort der Stärke für alle zurück. Liebe und Zärtlichkeit waren nicht ihre besten Seiten. Dazu musste sie sich zu sehr plagen, um alle zu kleiden und zu ernähren.

Die Geschichten ihrer Kinder sind voller Widersprüche. Ihre Lebenskreise ziehen sich durch das ganze 20. Jahrhundert und bieten ein Stück amerikanischer Zeitgeschichte, die aufschlussreich ist.

Wenn auch das Unglück überwiegt, so ist die Darstellung von Ayana Mathis’ atmosphärischen Geschichten so geartet, dass man sich mit den Menschen verbunden fühlt und an ihren Schicksalen Anteil nimmt. In weitem Bogen umspannt die Autorin von den frühen bis zu den späten Lebensjahren das Ergehen von Hattie mit ihren Sorgen und gelegentlichem Versagen, von ihrem Mann, ihren Kindern und ihrem einzigen Liebhaber.

Farbig und belebend sind die Schilderungen der Milieus, in denen die Kinder ihr Leben gestalten. Man spürt die Kälte im Winter und die Hitze im Sommer. Und man erfährt einiges über die Lage der Schwarzen, die noch lange nicht rosig aussieht. Arbeitslosigkeit, Trunksucht und die Spielleidenschaft der Männer lassen in zahlreichen Familien ihre Mitglieder auf der Strecke. Die Liebe zwischen Hattie und ihrem Mann August verliert sich in Küchendunst, im Hunger und in der Not der Kinder. Hattie sieht die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage, und alle Ausweichmanöver misslingen. Sie bleibt stolz und unbeugsam in den wenigen glücklichen Augenblicken und im Unglück. Doch sie kann auch böse, bitter und zornig sein.

Ayana Mathis zeigt herausragendes Erzähltalent bei den Schilderungen dieses großen Familienromans.

Ihre Figuren sind aus Fleisch und Blut. Man kann sie spüren mit allen ihren Emotionen und auf ihren verwinkelten Lebenswegen.

Ayana Mathis wird in der Nachfolge von Toni Morrison gehandelt, die 1993 als einzige Amerikanerin in langen Jahren den Literaturnobelpreis erhalten hat. Ayana Mathis neuer Roman ist ein absolutes Muss für die Freunde gehobener Literaturgattungen.

Ayana Mathis
Zwölf Leben
368 Seiten, gebunden
Deutscher Taschenbuch Verlag, Mai 2014
ISBN-10: 342328028X
ISBN-13: 978-3423280280
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Anne Tyler: Abschied für Anfänger

Anne Tyler: Abschied für Anfänger

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Abschied für Anfänger ist ein stiller Roman mit Potenzial zu Gewaltigem. Die aus Minnesota stammende Schriftstellerin hatte 1989 für ihren Roman „Atemübungen“ bereits den Pulitzerpreis erhalten. Man kann also davon ausgehen, dass sie mächtig etwas vom Schreiben versteht.

Bereits der Titel dieses neuen Buches deutet an, dass es in der Geschichte um Abschied geht. Und Abschied hat immer etwas mit Trauer zu tun. Der Titel deutet noch etwas anderes an. Das „für Anfänger“ scheint einer Artikelreihe eines Ratgeberverlages zu entstammen. Damit wurde der Nagel auf den Kopf getroffen. Im Buch werden viele weitere solcher Buchtitel genannt, beispielsweise „Weinratgeber für Anfänger“, „Hundetraining für Anfänger“ oder „Schwangerschaft für Anfänger“. Das kommt daher, weil der Protagonist und seine Schwester den Druckkostenzuschussverlag ihres Vaters nach dessen Tod weiterführen.

Aaron Woolcott, der Ich-Erzähler dieser Geschichte, ist der Lektor der Anfänger-Reihe im Verlag. Aaron erzählt in amüsanter Weise den Lesern die Geschichte seiner Ehe. Grund hierfür ist der Unfalltod seiner Frau Dorothy. Sie wurde im eigenen Haus von einem umgestürzten Baum erschlagen. Aaron ist Mitte 30 und bereits Witwer. Nur schwer wird er damit fertig. Da nützen auch die Hilfen und Ratschläge vieler Menschen um ihn herum nichts. Kaum einer scheint bis zu ihm durchzudringen. Dies alles und wie er die robuste Ärztin Dorothy, die ihre Tasche immer diebstahlsicher über Schulter und Brust hängen hatte, kennen gelernt und geheiratet hat, erzählt Aaron. Und er erzählt, dass Dorothy nach ihrem Tod zurückgekehrt ist. Keiner seiner Angehörigen, Nachbarn und Kollegen hat sie gesehen, außer er selbst. Dabei ist er sich aber auch nicht sicher, doch wie sonst hätte er sich mit Dorothy nach deren Tod unterhalten sollen? Dem Protagonisten fällt der Abschied von seiner Frau sichtlich schwer.

Nun könnte man denken, es müsste sich bei diesem Thema um einen depressiven Roman handeln. Dem ist allerdings ganz und gar nicht so. Aaron, der körperlich leicht behindert ist und etwas stottert, scheint sich über alle Hilfsbereitschaft der Menschen um ihn herum zu amüsieren. Es hängt ihm zum Halse raus, wie sie ihn, den frischen Witwer, bemuttern. Er will davon nichts wissen, sie aber auch nicht vor den Kopf stoßen. Während sie ihm also gut gemeint eine gekochte Mahlzeit nach der anderen bringen, kippt er sie quasi hinter ihren Rücken gleich in den Müll.

Anne Tyler, und mit ihr die Übersetzerin Christine Frick-Gerke haben eine äußerst anregende Sprache für den Ich-Erzähler Aaron Woolcott gefunden. Leiser Humor schwingt ständig mit, aber je weiter man sich dem Schluss nähert, umso großartiger wird dieser Humor, der so manches Mal zum lauten Lachen führt. Beinahe zum Running Gag mutiert das Wort „auftauchen“, denn sobald Dorothy die Bühne der Handlung betritt, taucht sie in der Handlung auf. Doch nicht genug, dass die Geschichte von einem stillen See zu einem tosenden Meer wird, präsentiert sie ein überraschendes Ende, welches den Leser zufrieden zurücksinken lässt, wenn er das Buch zu klappt.

Zum Abschluss einen winzigen Ausschnitt, in welchem Aaron erkennt, dass Dorothy nach ihrem Tod vielleicht noch viel öfter nach ihm gesucht hat.
„Ich wartete. Und wartete.
Tagelang blieb ich im Ausnahmezustand und wartete darauf, dass sie wieder kam.
Da Sie in unserer Straße aufgetaucht war, glaubte ich, sie würde dort am ehesten wieder auftauchen. Tatsächlich hätte ich mich dafür ohrfeigen können, nicht schon früher dorthin gegangen zu sein. War sie in all den Monaten auf der Rumor Road herumgeirrt und hatte sich gefragt, wo ich sei? Es war kaum zu ertragen, wenn ich in all die verpassten Gelegenheiten dachte.“

Ein sehr einfühlsames, keineswegs trauriges Buch von der Verabschiedung eines nahen Menschen. Die Traurigkeit kann man eigentlich schon vergessen, wenn man an der Ratgebertitel dieses Buches denkt.

Tyler, Anne
Abschied für Anfänger
Kein und Aber, Zürich
ISBN-10: 3036956425
ISBN-13: 9783036956428
© Detlef Knut, Düsseldorf 2013

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Eine weitere Rezension zum Buch Abschied für Anfänger von Anne Tyler finden Sie auch unter Gedenkseiten.de.

T. Coraghessan Boyle: América (The Tortilla Curtain)

T. Coraghessan Boyle: América (The Tortilla Curtain)

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Mit diesem 1994 erschienenen Roman hat sich der amerikanische Bestsellerautor und Literaturprofessor ein Denkmal gesetzt. Zunächst hat er es damit geschafft, nicht nur in den USA sondern auch in Deutschland in die Schulen als offizielles Schulbuch zu gelangen. Das hat natürlich seinen Grund, der unmissverständlich darin besteht, einen überaus fassbaren Gesellschaftsroman geschrieben zu haben, der den Spuren John Steinbecks „Früchte des Zorns“ nacheifert. Vielleicht ist es weniger ein Nacheifern als vielmehr ein Update, quasi eine aktualisierte Fassung des alten Klassikers aus heutiger Sicht. Mittlerweile sind seit seinem Erscheinen wieder sechzehn Jahre vergangen, aber von seiner Brisanz hat er nichts eingebüßt. Eher noch ist wahrscheinlich die eine oder andere überspitze Ironie totale Realität geworden.

Worum geht es? In der für Boyle üblichen Weise schreibt er in abwechselnden Kapiteln zunächst zwei völlig voneinander getrennt laufende Geschichten. In der einen Geschichte geht es um eine Familie aus der amerikanischen Mittelschicht, die in einer gehobenen Wohnsiedlung in der Nähe von Los Angeles lebt. In der anderen Geschichte geht es um ein mexikanisches Pärchen, das illegal in die USA gelangt ist, um sich hier den amerikanischen Traum zu verwirklichen. Dass beide Geschichten irgendwann einmal ineinander fließen, kann man ahnen, denn die amerikanische Mittelschicht kann nur in solch einem Wohlstand leben, weil sie gerne die billigen Arbeitskräfte aus Mexiko für sich arbeiten lassen. Schonungslos zeigt der Autor die Scheinheiligkeit und Verlogenheit solcher Vorgehensweise auf und benutzt dabei sein unglaubliches Handwerkszeug für kreatives Schreiben. Die Namen der Mittelständler in der Wohnsiedlung weisen beispielsweise alle darauf hin, dass sie irgendwie europäischer Abstammung und somit auch Einwanderer sind. Ihr Sprachstil zeugt von einer Schulbildung, wie sie für die weiße Mittelschicht üblich ist. Sie greifen alle mit großer Selbstverständlichkeit auf illegal eingewanderte Dienstboten zurück. Dennoch sind sie der Meinung, wenn sie sich schon mit einem Zaun vor den Kojoten schützen müssen, dann können sie aus dem Zaun auch gleich eine Mauer machen, die sie vor den mexikanischen Einwanderern schützt. Cándido und América, das Einwandererpärchen hingegen, werden wieder und wieder von Schicksalsschlägen getroffen, die sie einfach nicht aus der Gosse kommen lassen. Sie sprechen auch eine viel einfachere Sprache mit weniger Vokabular. Das bisschen durch mühselige Arbeit verdiente Geld wird gestohlen oder bei einem Brand vernichtet, das Essen sammelt Cándido aus den Mülltonnen. Bei dem Kaninchenbraten handelt es sich um einen falschen Hasen, dafür wird plötzlich eine Katze vermisst. Nur gut, dass América davon nichts mitbekommen hat. Die Wege dieser beiden so unterschiedlichen Familien müssen sich einfach kreuzen, bevor es schließlich zum großen Desaster kommt.

Das Leben dieser beiden Familien ist stellvertretend für das Leben in der aktuellen Gesellschaft. Faszinierend die zu Beginn einführende Geschichte mit den Kojoten, der sich an die Hunde macht und die als Gleichnis und Symbol fast eine Vorausschau der späteren Haupthandlung bildet.

Der Roman lässt sich schnell und flüssig lesen. Trotz aller Gesellschaftskritik, die er enthält, sind es unglaublich spannend erzählte Geschichten, die den Leser bis zur letzten Seite im Würgegriff halten.

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T. C. Boyle
América
400 Seiten, Taschenbuch
Dtv Deutscher Taschenbuchverlag
ISBN-10: 3423209356
ISBN-13: 978-3423209359
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2010
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Jonathan Frantzen: Die Korrekturen

Jonathan Frantzen: Die Korrekturen

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Der amerikanische Gegenwartsautor erzählt in diesem umfangreichen Roman die Geschichte einer in der Mittelschicht angesiedelten Familie.

Enid und Alfred sind beide im Ruhestand, leben in ihrem mittlerweile sehr großen Haus und Mutter Enid wünscht sich nichts sehnlicher als noch ein einziges Mal die gesamte Familie, eine Tochter und zwei Söhne, zu Weihnachten bei sich zu Hause bewirten zu können. Ihre Geschichte wird in abwechslungsreichen Episoden erzählt, die jede für sich genommen eine eigenständige Novelle sein könnte. Mit den Episoden wechselt der Fokus der Erzählung auf die Person, die in dieser Episode die Hauptrolle spielt. So wird der Leser im ersten Abschnitt mit dem Sohn Chip und seinen Versuchen, erfolgreicher Autor zu werden und sein Leben in den Griff zu bekommen, bekannt gemacht. Der Sohn Gary wird mit seiner Familie in der zweiten Episode vorgestellt. Er ist ein erfolgreicher Investmentbanker und bemüht sich redlich um seine Familie, was ihm schwerlich zu gelingen scheint. Besonders seine Frau hält gar nichts davon, das nächste Weihnachten bei den Schwiegereltern zu verbringen. In einem weiteren Abschnitt werden schließlich Enid und der an Demenz erkrankte Alfred vorgestellt. Frantzen bedient sich dabei diverser Rückblenden, in denen er die Lebenswege der beiden aufzeigt und eine Zeit beschreibt, in der ihre Kinder noch Kinder waren. Eine Urlaubsbekanntschaft auf einem Kreuzfahrtschiff wird als Mittel benutzt, um das kleinbürgerliche Denken von Enid, die intellektuell nicht an die Bekannte heranreicht, mit all seinen Facetten zum Vorschein zu bringen. Eine vierte Episode gibt den Blick frei auf das Leben der Tochter Denise, die sich als Starköchin einen Namen gemacht hat und ebenso Mühe hat, ihr privates Leben in den Griff zu bekommen. In der fünften und letzten Episode steht Weihnachten schließlich unmittelbar bevor, alle Stränge werden zusammengeführt und zum Höhepunkt gebracht.

Bei der unter der Lupe betrachteten Familie handelt es sich keineswegs um eine typisch amerikanische Familie. Viele ihrer Züge, Befindlichkeiten und Eigenheiten sind schlichtweg menschlich und können ebenso in einer deutschen oder anderen, zumindest westeuropäischen, Familie wiedererkannt werden. Die prägnante Erzählweise von Frantzen, der dem Leser jedes Detail durch Handlung – lange bevor das Wort Demenz oder Altzheimer fällt, ist dem Leser klar, woran Alfred leidet – und nicht nur durch bloße Beschreibung miterleben lässt, erzeugt einen Klangteppich von Atmosphäre, die es unmöglich macht, dieses Buch aus der Hand zu legen. Die Charaktere sind mit solch einer Fülle an Eigenschaften, Emotionen, Gedanken und Handlungen ausgestattet, dass es nicht schwer fällt, sie als eigenes Familienmitglied zu akzeptieren. Ein Grund dafür, dass die einzelnen Episoden zwar so lang sind, sie aber nie zu lang wirken und der Wechsel zum nächsten Abschnitt durchaus von Wehmut begleitet wird, weil dieser dann den Fokus auf ein anderes Familienmitglied legt. Einen Wehrmutstropfen hatte für mich allerdings eine Geschichte, die von Chip und dessen leicht unmoralischer Arbeit in Litauen erzählt. Dient sie doch lediglich dazu, aufzuzeigen, dass Gary seinen Bruder verabscheut, weil er in seinen Augen reiche Amerikaner ausnimmt. Sie ist meines Erachtens zu lang gestreckt und jede andere Handlung außerhalb von Litauen hätte denselben Zweck erfüllt.

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Jonathan Frantzen
Die Korrekturen
Softcover, Taschenbuch
Rowohlt Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3499235234
ISBN-13: 978-3499235238
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2010

Steven Millhauser: Martin Dressler

Steven Millhauser: Martin Dressler

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Von kleinsten Anfängen zu einem Mammutprojekt!

Der amerikanische Traum erfüllte sich für so manchen Bürger in Amerika aus kleinsten Anfängen, wenn sie es im 19. Jahrhundert vom Tellerwäscher zum Millionär brachten. Geschichten darüber bilden Legenden.

Steven Millhauser hat mit seinem Roman um den Aufsteiger Martin Dressler ein vergleichbares Schicksal nachvollzogen. Nicht vom Tellerwäscher sondern aus dem Tabakladen seines aus Deutschland nach New York eingewanderten Vaters steigt der Held der Geschichte zunächst zum Pagen und dann zum Privatsekretär des Hotelbesitzers vom Vanderlyn-Hotel auf.

Nüchtern, dröge und dennoch anschaulich wird sein zielstrebiger Weg aufgezeichnet. Es geht vorwiegend um Erfolg und Aufstieg in diesem Roman. Arbeit heißt die Devise für Martin Dressler, der einen Schritt vor den anderen tut, um weiter zu kommen. Private Freuden holte er sich mit dem Älterwerden im Freudenhaus, zu dessen Besuch ihn ein Freund ermuntert.

Die Atmosphäre in New York um das Jahr 1900 ist gekonnt eingefangen. Noch ist New York eine langsam zu Größe und Wachstum aufsteigende Metropole, als Martin Dressler seinen von Fleiß und Arbeit geprägten Lebensweg steil aufwärts geht. Ideenreichtum, Phantasie, Beziehungen und eine gute Portion Glück bereiten ihm den Weg, der typisch für die Neue Welt ist. Hier konnte man sein Glück machen, wenn man die Chancen nutzte und zum rechten Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen traf.

Martin wird älter, und über lange Zeit macht er sich zum gelegentlichen Begleiter dreier Damen aus Boston, die nach dem Tod des Ehemannes und Vaters in einem gut beleumundeten Hotel in New York Quartier genommen hatten. Man wohnte dort entspannt und in Kontakt mit anderen Gästen, zu denen auch der aufstrebende Kaffeehausbesitzer Martin Dressler gehört. Mit Spannung und Ungeduld wartet man darauf, dass er sich ihnen „erklärt“ und um eine der Töchter wirbt.

Leider müssen die Leser sich gedulden, denn zunächst baut Martin weiter an dem Imperium einer Restaurantkette. Neben dem Reichtum geht es ihm vor allem um die großartige Aufgabe: immer neue Ideen und Einfälle für immer neue Projekte zu entwicklen. Endlich heiratet er Caroline, die kühle und phlegmatische Tochter der Vernons, die ihm fremd bleibt und frustrierende Reaktionen bei ihm auslöst.

Die Atmosphäre des in jenen Jahren noch langsamen wirtschaftlichen Fortschritts in Amerika ist gut und realitätsnah wiedergegeben. Leben, Wohnen und Arbeiten sind die drei Hauptmerkmale, mit denen Millhauser uns in das Fin de Siècle Amerikas zurückführt. Gemächlich entwickelt der Autor seine Figuren und lässt sie in ihrer Umgebung agieren, wie es den damaligen Geflogenheiten entsprach. Mit Muße sollte man sich seinen Ausführungen überlassen, die das Aufsteigerleben und das Scheitern seines Helden mit ausführlicher Geduld und Feinheit ausmalt.

Steven Millhauser erhielt für dieses Werk 1997 den Pulitzer-Preis, – ob zu Recht, wird in einzelnen Rezensionen bezweifelt.

Mir hat das Buch gefallen.

Steven Millhauser
Martin Dressler
Broschiert: 287 Seiten
Verlag: BvT Berliner Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3833306211
ISBN-13: 978-3833306211