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Schlagwort: Freundschaften

Zsuzsá Bánk:Schlafen werden wir später

Zsuzsá Bánk:Schlafen werden wir später

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Frauenfreundschaften…

Die Schriftstellerin Márta lebt mit ihrer Familie, Mann und drei kleinen Kindern, In einer Großstadt in Hessen. Ihre Freundin Johanna wohnt im Schwarzwald, bezeichnend von ihr „schwarzer Wald“,  genannt. Sie liebt die Natur, ist Lehrerin, unverheiratet und promoviert schon lange über Annette von Droste-Hülshoff. Beide sind an die 40 Jahre alt.

Márta ist mit ihrer großen Familie anderen Anforderungen ausgesetzt als ihre alleinstehende Freundin, die sich mit ihrem Leben als Lehrerin einrichten musste und schon eine Krebserkrankung und eine zerbrochene Beziehung zu einem Mann hinter sich hat.

Die Frauen stehen in einer überschwänglichen und unverbrüchlichen Freundschaft zueinander. In täglichen Mailkontakten teilen sie einander mit, was sie denken und tun,  woran sie arbeiten, und wie es ihnen ergeht. Es sind gefühlvolle, tiefschürfende und ihr Inneres aufschlüsselnde Befindlichkeiten, über die sie sich austauschen. Dass man als LeserIn daran teilnehmen darf, wirkt fast ein wenig indiskret. Die Briefe sprechen eine eigene Sprache, die von Zuneigung, ja fast Liebe, berichten, und sie sind voller Gefühlsergüsse. Auch die detailreiche Sprache, die alles, was man so beobachten kann, sezierend wiedergibt, ist nicht immer beeindruckend! Wen interessieren die leer gegessenen Müslischalen, das Tirilieren der Vögel oder wie „.. die Sommervögel den Tag bin die Welt schicken“! …..  Diese Art Tagesbeschreibungen füllen einen großen Teil des Werks.

Naturbeschreibungen und Mondscheintage finden ebenso reichlich Erwähnung wie die täglichen Nöte. Obwohl sie in verschiedenen Sphären leben, können sie einander gut verstehen, ermutigen, zuhören und am Leben der jeweils anderen teilnehmen.

Mir selbst wurden die intimen Bekenntnisse leider allmählich zu viel. Es ereignet sich zu wenig, und diese ewigen Ergüsse haben mich genervt. Stimmungen wechseln täglich, und Selbstanklagen und Klagen sind Hauptthema der beiden. Lebt man das richtige Leben? Kann man allen Anforderungen, die man an sich stellt erfüllen? Und können andere die eigenen Erwartungen erfüllen? Die Erzählung wächst sich zu einer Art Lebensbilanz aus.

Einzig interessant ist die Tatsache, dass wohl Frauen zu solcher Art Freundschaften fähig sind, während sich Männerfreundschaften m.E. auf anderem Boden bewegen. Für Frauen bedeuten derartige Freundschaften viel, sind sie doch fast Ersatz für geführte Tagebücher, auf deren Einträge man allerdings keine Antworten bekommt. Insofern erfüllen sie einen wichtigen Lebensbereich zur Reflexion und zu Kommentaren über das tägliche Allerlei.

Das Buch konnte mich  in seiner literarischen Form nicht überzeugen!

Zsuzsá Bánk
Schlafen werden wir später
688 Seiten, gebunden
Verlag: S. FISCHER, Februar 2017
ISBN-10: 3100052242
ISBN-13: 978-3100052247
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Huntley Fitzpatrick: Mein Sommer nebenan

Huntley Fitzpatrick: Mein Sommer nebenan

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Samantha Reed ist sieben Jahre als, als die neuen Nachbar einziehen. Fünf Kinder haben die Garretts zu diesem Zeitpunkt und die Familie bekommt weiterer Familienzuwachs. Samathas Mutter verbietet den Umgang mit den Nachbarn, die ihr viel zu laut und chaotisch sind und ihre Familienplanung offensichtlich nicht im Griff haben.

Samantha ist allerdings fasziniert. Heimlich beobachtet sie die Garretts vom Dachvorsprung aus. Wann immer sie Zeit hat, klettert sie aus ihrem Fenster hinaus und wird zum stillen Beobachter.

Samantha ist siebzehn, als sie Jase Garrett kennenlernt und sich in ihn verliebt. Samatha wird ein Teil der Nachbarsfamilie, ohne dass ihre Mutter etwas davon ahn. Viel zu sehr ist sie in ihre Arbeit vertieft. Sie strebt die Wiederwahl als Senatorin an. Clay Tucker steht ihr zur Seite und unterstützt ihre Ambitionen. Und auch im privaten Bereich nähern sich die beiden an. Samantha scheint es, dass Clay ihre Mutter viel zu sehr beeinflusst, aber ihre Meinung ist nicht gefragt.

Dass sie recht damit hat, wird zur Gewissheit, als etwas geschieht. Ihre Mutter lässt sich in einer entscheidenden Situation negativ beeinflussen, fällt eine falsche Entscheidung und entzieht sich so der Verantwortung. Ausgerechnet die Garretts haben darunter zu leiden. Samantha gerät zwischen die Fronten und in einen harten Gewissenskonflikt. Und ihre Liebe zu Jase, die gerade erst begonnen hat, scheint dem nicht standzuhalten.

In erster Linie geht es in diesem Buch um eine beginnende Liebe. Alles dreht sich um Samantha und Jase. Was sehr romantisch beginnt, wird irgendwann allerdings langatmig. Über einen Großteil des Buches passiert nicht wirklich etwas, das die Handlung voranbringt.
Erst sehr viel später kommt wieder Tempo in die Geschichte. Dann ist Schluss mit Oberflächlichkeit und das wahre Leben mit seinen unvermeidbaren Schicksalsschlägen beginnt. Oder auch nicht, denn irgendwie wird alles wieder gut. Das wackelt die Glaubwürdigkeit der Geschichte schon ein wenig.

Das Buch ist unterhaltsam. Die Autorin hat einen gut lesbaren Schreibstil. Der Spannungsbogen verläuft allerding nicht perfekt. Das liegt an der Konstruktion der Geschichte, die im Verlauf nicht optimal angepasst scheint.

Rezension von Heike Rau

Huntley Fitzpatrick
Mein Sommer nebenan
Aus dem Amerikanischen von Anja GaliÄ
512 Seiten, gebunden
cbj, München
ISBN-10: 3570155722
ISBN-13: 978-3570155721
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Zülfü Livaneli: Roman meines Lebens

Zülfü Livaneli: Roman meines Lebens

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Leben und arbeiten unter den Bedingungen politischer Repression.

Schon in seinem Roman „Glückseligkeit“ konnte man von Zülfü Livaneli einiges erfahren zur Befindlichkeit und zu den Lebensumständen in der Türkei während der letzten vierzig Jahre.

In dieser Romanbiographie steht er selbst im Mittelpunkt seiner Erzählung.

Livaneli ist als bekannter Liedermacher, Komponist, Sänger, Filmemacher und Schriftsteller zu Berühmtheit gelangt. Er berichtet, wie problematisch das Leben in der von verschiedenen zivilisatorischen Einflüssen geprägten Türkei auch heute noch ist.

Livaneli ist ein aufgeklärter Europäer, der sich mit den politisch prekären Verhältnissen in seinem Land nicht anfreunden konnte. Zu viele Freunde und Kollegen sind ihm im Laufe der Jahre durch sich wiederholende politische Umbrüche verloren gegangen. Er selber saß mehrfach im Gefängnis und verbrachte 11 Jahre im Exil in Schweden, später in Frankreich und zuletzt in Griechenland. Die Liebe zu seinem Land und ihren Menschen aber ist ihm immer geblieben. Er sieht die Licht- und die Schattenseiten, die durch unterschiedliche Mentalitäten und krasse Strukturen verdeutlicht werden. Wie immer sind es gerade die in der Öffentlichkeit stehenden Künstler und Intellektuellen, die unter autoritären Regierungen um ihr Leben fürchten müssen. Gehört doch zu ihrer Profession die kritische Reflexion, die gerade von Autokraten gefürchtet wird.

Zülfü Livaneli berichtet von Freunden, Politikern und Kollegen, die sich den Vorschriften ihrer Regierungen nicht beugen mochten und so in ihrer Lebensform beeinträchtigt wurden. Seine Erzählweise ist intensiv und leidenschaftlich und zeigt ihn als engagierten Künstler, der neben der eigenen Kunst immer auch das Leben in der Türkei im Blick behält. Warmherzig und liebevolle zeichnet er die Bilder derer, die ihm am Herzen liegen.

Im Laufe seines Lebens schloss er zahlreiche Freundschaften mit bekannten Komponisten, Schriftstellern und Künstlern im In-und Ausland. Eine beeindruckende Zuneigung und Arbeitsgemeinschaft verband ihn mit Mikis Theodorakis, mit dem er die Feindschaft zwischen der Türkei und Griechenland zu überwinden trachtete. Illustre Namen tauchen in seinen Erinnerungen auf und man gewinnt den Eindruck, dass er wirklich eine Art Kosmopolit wurde.

Das Leben schreibt die interessantesten Romane. Das von Zülfü Livaneli gelebte Leben gehört zu den wirklich lesenswerten dieses Genres.

Er zeigt uns ein Stück türkischer Gegenwartsgeschichte.

Die Abneigung in der EU, die Türkei in ihre Gemeinschaft aufzunehmen, wird verständlich, wenn man von den Repressionen gegen anders Denkende und von der strengen islamischen Ausrichtung des Staates liest.

Der mit zahlreichen nationalen und internationalen Auszeichnungen und politischen Aufgaben bedachte Autor Zülfü Livaneli lebt seit 1984 wieder in der Türkei.

Zülfü Livaneli
Roman meines Lebens
Ein Europäer vom Bosporus
364 Seiten, gebunden
Klett-Cotta, Februar 2011
ISBN-10: 3608938958
ISBN-13: 978-3608938951
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Jay Parini: Ein russischer Sommer

Jay Parini: Ein russischer Sommer

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Soziogramm einer ungewöhnlichen Ehe.

Jay Parini, der amerikanische Literaturwissenschaftler aus Vermont, hat den letzten Sommer Tolstois in einem biographischen Roman beschrieben und zu einem ausdrucksstarken Bild zusammengefügt. Er bediente sich für seinen Roman der Aufzeichnungen verschiedener Weggefährten, von Freunden, dem Arzt und der Frau Tolstois und einiger seiner Kinder. Daraus ist eine kaleidoskopartige Reportage über das letzte Lebensjahr Tolstois entstanden.

Zerstritten und ruiniert präsentiert Jay Parini  die Ehe zwischen Leo Tolstoi (1828 -1910) und seiner Frau Sofia Andrejewna (1844 -1919), die am Ende des gemeinsamen Lebens fünfzig Jahre währte.

Im Jahr 1910, dem letzten Lebensjahr von Leo Tolstoi, erlebt man einen erschöpften, von Vasallen, Freunden und Sekretären umgebenen Dichterfürsten auf seinem Landgut Jasnaja Poljana. Er leidet sichtlich unter dem Gezänk seiner Frau Sofia.  Mit seinen Romanen „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ ist ihm der Durchbruch gelungen, der ihn zu einem der berühmtesten Schriftsteller der Welt machte. Die Romane brachten ihm Ruhm, Ehre und Anerkennung und stürzten ihn zugleich in eine schwere Sinnkrise. Er begann sich für Sozialreformen zu interessieren, reiste viel und erkannte die Nöte der armen Bauern. Tolstoi ist der Meister der Darstellung russischen Lebens Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts. Malerisch, bunt, laut und urwüchsig sieht man in seinen Werken das Volk mit seinen sozialen und hierarchisch angelegten Strukturen, bis die Revolution  von 1917 ihre Schatten voraus wirft und das ganze gesellige Leben in den Strudel des stalinistische Untergangs hineinziehen wird.

Seine Frau Sofia Andrejewna hat nur die besten Erinnerungen an ihre erste Begegnung mit dem stattlichen und schönen Grafen Leo Tolstoi. Statt ihrer Schwester Lisa wählt er sie zur Frau! Sie ist stolz und überglücklich. Bald schon nach der Eheschließung weicht ihr Entzücken der Enttäuschung, denn Leo ist ein launischer, Frauen verachtender und den Ausschweifungen ergebener Despot. In ihrer  nachgelassenen Erzählung  “Eine Frage der Schuld“ hat sie so manche Anekdote zur Erhellung ihrer Ehegeschichte aufgezeichnet. Das dramatische letzte Lebensjahr Tolstois wird höchst lebendig, wenn Parini einzelne Figuren in dem Reigen um den Dichter zu Wort kommen lässt.

Am Ende seines Lebens ähnelt Tolstois Ehefrau in dieser Darstellung eher einer Besitz ergreifenden Megäre denn einer liebenden Gattin. Sie wird von manchen gefürchtet und von anderen gehasst, sogar von der eigenen Tochter. Sofia hatte ihrem Mann 13 Kinder geboren und viele Male den Roman „Krieg und Frieden“ per Hand abgeschrieben. Jetzt fühlt sie sich abgeschoben und zu Unrecht entmachtet und enterbt.

Parini schreibt mit Leidenschaft und hohem Kenntnisstand. Die letzte Passage seines Romans gilt der Trauerfeier und Beerdigung Tolstois. Ohne Pomp und große Aufwendung, gefeiert und geehrt vom russischen Volk und gefürchtet vom Zaren wird er „ohne falsches Lob, leere Zeremonien oder törichte Verstellung“ auf seinem Gut zu Grabe getragen.

In seinem Roman zeichnet Parini die Charaktere aus verschiedenen Blickwinkeln einzelner nach, und das Gefüge einer fünfzigjährigen Ehe bekommt Risse und Scharten. Intrigen, Argwohn und Misstrauen dominieren die Beziehung und man glaubt den Beteuerungen Sofias nicht, dass es die reine Liebe ist, mit der sie ihren Leo umgibt. Am Ende entzieht sich Tolstoi ihrer Nähe.

Das Soziogramm dieser ungewöhnlichen Ehe und das Leben des Dichters, der in wechselnden Stimmungen mit sich und seiner Umgebung im Streit liegt, zeigt sich in dieser Erzählung bedrückend klar und scharf.

Barbara Rojahn-Deyk ist die hervorragende Übersetzerin.

Unter der Regie von Michael Hoffman ist das Buch 2009 mit der unvergesslichen Helen Mirren verfilmt worden.

Jay Parini
Ein russischer Sommer
Broschiert: 328 Seiten
Verlag: C.H. Beck, Januar 2010
ISBN-10: 3406593496
ISBN-13: 978-3406593499