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Schlagwort: Mißtrauen

Herman Koch: Der Graben

Herman Koch: Der Graben

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Lebensschicksale…

Robert Walter ist ein getriebener Mann. Seine Lebenssituation sieht gut aus, denn er ist Bürgermeister von Amsterdam und verkehrt in illustren Kreisen. Doch gleich zu Beginn des Romans von Herman Koch merkt man, wie seinen Protagonisten Ängste und Sorgen umtreiben, die seiner Fantasie entsprungen zu sein scheinen. Ist seine Frau ihm treu? Was könnte sie, hier Sylvia genannt, mit den Dezernenten Hoogstraten gemein haben? Robert sieht sie flüstern und fantasiert sich Schreckliches zusammen.

Tochter Diana ist aus dem Haus, so dass er mit seiner Frau eine neue Basis finden müsste.

Öffentliche Empfänge und Begegnungen mit Obama und Hollande sind in Roberts Job an der Tagesordnung. In seinem Kopf mahlt es ohne Unterlass: er beobachtet, sinniert und argwöhnt überall Unheil. Jede Bemerkung und jede noch so kleine Beobachtung am Verhalten seiner Frau nähren den Verdacht, sie könnte ihn verlassen wollen.

Fast sieht er seine Ehe schon am Ende, und jede Geste, jede Erinnerung lösen neue ängstliche Gedanken in ihm aus.

Herman Koch versteht es wunderbar, den psychischen Nöten eines von Ängsten getriebenen Mannes nachzugehen. Man fühlt und ängstigt sich mit, möchte den armen Mann aber gleichzeitig befreien. Denn mit seinen Verdächtigungen macht er nach und nach seine Beziehungen kaputt. Niemand hält es aus, dauernd unter unbegründetem Verdacht zu stehen. Wie lange kann diese Ehe halten?

Geheimnisvoll und mit vagen Andeutungen erfährt man von einem möglichen Verbrechen, das er in seiner Jugend begangen haben soll. Aber nicht nur eine Journalistin ist ihm in dieser Angelegenheit auf den Fersen: auch er selbst sieht sich mit kritischem Blick. Die Eltern kündigen ihren Freitod aus Altersgründen an, und sein guter Freund Bernhard, ein herausausragender Physiker, berichtet von einer schweren Krankheit, die ihn ereilt hat, und infolgedessen er seinem möglichen vorzeitigen Ableben entgegensieht.

Niemand außer Robert Walter kommt wirklich zu Wort. Alle Ereignisse sind ganz auf ihn zentriert.

Ab einem gewissen Zeitpunkt fängt der Leser an, den armen Mann in seinem psychischen Elend zu bedauern. So viel Not auf einmal! Das ist nur schwer zu ertragen.

Hermann Koch hat seinen Protagonisten, der doch erfolgreicher Bürgermeister von Amsterdam ist, mit einem melancholischen Charakter und mit unheilvollen Visionen ausgestattet. Das Buch liest sich ein wenig schwerfällig, weil das viele Unheil die frohen Stunden und Erinnerungen zumeist überschattet.

Die Herkunft seiner Frau aus einem ungenannten südlichen Land mit andren Sitten und Gebräuchen bleibt verborgen. Warum dürfen wir das nicht wissen?

Das Ende kommt abrupt, so wie die einzelnen Kapitel auch in Zeitsprüngen stattfinden.

Da diese fast biographische Romanform flüssig abläuft, bleibt der Leser am Ball und kann sich ganz auf den Hauprotagonisten einlassen. Es bleibt der Blick auf eine tiefsinnige Geschichte, die aufzeigt, welche Irrtümer und Geheimnisse Lebensschicksale ausmachen können.

Herman Koch
Der Graben
304 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Februar 2018 (15. Februar 2018)
ISBN-10: 3462050826
ISBN-13: 978-3462050820
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Harriet Cummings: Eine von uns

Harriet Cummings: Eine von uns

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Der Roman spielt im Jahr 1984 in einem abgelegenen englischen Dorf. Das Leben geht hier seinen Lauf bis der Fox auftaucht. Er ist nicht wirklich ein Dieb. Aber er geht in die Häuser und hinterlässt dort Spuren. Es lässt sich also nicht leugnen, dass jemand dagewesen ist. Die Dorfbewohner werden nervös. Aber die Angst hält sich noch in Grenzen. Bis Anna verschwindet. Man ist sich schnell einig, dass der Fox sie entführt haben muss. Es kommt nichts anderes infrage. Die Polizei greift zu härteren Maßnahmen und auch die Leute aus dem Dorf beginnen, sich zu bewaffnen. Aber gegen die Angst hilft das nicht, denn der Fox könnte einer von ihnen sein.

Die Autorin baut die Spannung sehr kontinuierlich auf. Schritt für Schritt wird die Lage kritischer im Dorf. Die Menschen verändern sich, werden vorsichtiger und auch misstrauischer. Teilweise verhalten sie sich irrational. Den Fox vertreibt das nicht. Er macht gnadenlos weiter und erschleicht sich die Geheimnisse der Dorfbewohner. So mancher hat sozusagen eine Leiche im Keller. Als Leser spürt man, dass eine Entführung nicht ins Bild passt. Die Leute halten aber verbissen daran fest. Es ist spannend zu lesen, wie das Misstrauen wächst. Unaufhörlich. Gegenseitige Anschuldigungen und Verdächtigungen vergiften die Atmosphäre im Dorf. Keiner scheint seine Nachbarn wirklich zu kennen. So mancher hatte bisher auch kein Interesse an ihnen. Aber mit dieser gespielten Anonymität ist es vorbei.

Im Blickfeld stehen Deloris, die erst kürzlich wegen ihrer Heirat ins Dorf gekommen ist. Brian, der Dorfpolizist und Jim, der Vikar auf Zeit und Stan, der Anne viel besser kennt, als bekannt ist.
Es war sehr interessant für mich zu sehen, welche Entwicklung die Autorin sich für diesen Krimi ausgedacht hat, bis hin zum für mich sehr überraschenden, aber doch schlüssigen Ende.

Rezension von Heike Rau

Harriet Cummings
Eine von uns
Aus dem Englischen von Walter Goidinger
368 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552063358
ISBN-13: 978-3552063358
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Elisabeth Herrmann: Die Mühle

Elisabeth Herrmann: Die Mühle

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An der Universität in Berlin trifft Lara Jonny wieder. Er hatte früher nie einen Blick für sie übrig, gehörte er doch einer angesagten Clique an. Und nun fällt er durch einen Treppensturz direkt vor sie hin.
Später dann in der Klinik, als Lara ihn besucht, erzählt er von einer Einladung zu einem Treffen mit der alten und eigentlich aufgelösten Clique. Lara soll nun stellvertretend für ihn nach Karlsbad reisen und tatsächlich lässt sie sich überreden. Es wäre schon spannend zu sehen, was aus den Leuten geworden ist.

Die Mitglieder der Gruppe sind keine Freunde mehr. Lara glaubt, dass damals etwas Gravierendes vorgefallen sein muss. Von wem die Einladung stammt, weiß keiner zu sagen, aber alle spielen mit. Doch was zunächst ganz harmlos aussieht, entwickelt sich schnell zu einem Horrortrip, bei dem jeder Einzelne um sein Leben fürchten muss. Plötzlich ist die Gruppe abgeschnitten. Die abgeschiedene Mühle im Wald ist schnell kein Zufluchtsort mehr, sondern ein Tatort.

Lana ist ein Außenseiter in der Gruppe, sie gehört nicht dazu. Aber da Jonny sie geschickt hat, wird ihre Anwesenheit akzeptiert. Lana spürt die unterschwellige Bedrohung, die bald zur Gewissheit wird, auch wenn andere noch an einen Zufall glauben. Dieser Anfang ist gut gemacht. Als Leser wird man in die Geschichte hineingezogen. Vielleicht handelt nicht jeder in der Gruppe rational und vielleicht ist manche Gegebenheit etwas unglaubwürdig. Dennoch wird das Buch sehr spannend. So, wie man es von einem Thriller erwarten kann.

Bald überschlagen sich die Ereignisse förmlich. Die Kulisse wirkt immer unheimlicher. Geheimnisse werden offenbart. Der eine oder andere hat Leichen im Keller. Es gibt Anfangs keinen wirklichen Zusammenhang, aber das es jemand auf jeden einzelnen der Gruppe abgesehen hat, wird schnell klar. Jemand hat die Sache im Griff und beobachtet. Und so schaukelt sich die ganze Situation immer weiter hoch. Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen!

Rezension von Heike Rau

Elisabeth Herrmann
Die Mühle
Thriller
448 Seiten, gebunden
cbt, München
ISBN-10: 3570164233
ISBN-13: 978-3570164235
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Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr

Leon de Winter: Das Recht auf Rückkehr

Thriller um Religionskrieg zwischen Judentum und Islamisten.

Wieder einmal geht es Leon de Winter um eine Geschichte, die Israel und seine politische Lage in einen Thriller von ungeheurer Spannung mit einbezieht.

Bram Mannheim betreibt im Jahre 2024 eine Agentur zum Aufspüren verschwundener Kinder. Vor Jahren war er Hochschulprofessor in Princeton und mit einer sehr geliebten Frau und einem ebenso geliebten Sohn gesegnet.

Das unerklärliche und katastrophale Verschwinden seines kleinen Sohnes kurz nach dem Erwerb eines schönen alten Hauses in der Nähe von Princeton hat sein Leben aus der Bahn geworfen. Zwanzig Jahre ist das jetzt schon her! Er irrte zunächst mit verrückten Zahlenkombinationen durch das Land, immer auf der Suche nach seinem verschwundenen Sohn. Seine Ehe war längst zerbrochen, bis er in Israel bei seinem Vater eine neue Bleibe fand und sich mit einer anders gearteten schwierigen Aufgabe befasste, in der sich sein eigenes Schicksal spiegelt.

Atmosphärisch geschickt baut Leon de Winter seine Geschichte auf.
Als gut situierter Professor mit Frau und Kind und als Sohn eines hoch begabten Nobelpreisträgers der Biochemie gewährleisten die wissenschaftlichen Karrieren beider Männer die Zugehörigkeit zu einer angesehenen Schicht.

Brams Frau Rachel ist begabt und bildschön. Beide leben nach der Geburt von Ben in einer erotisch prickelnden Beziehung.
Unversehens und unheimlich bricht das unerklärliche Verschwinden von Ben den Glückszustand und Bram stürzt ab.
Die Geschichte seines Absturzes und die jahrelange Suche nach Ben bilden den eigentlichen Plot der Geschichte.
Dramatisch und hautnah erlebt man Bram auf seiner Irrfahrt durch sein weiteres Leben, das zeitweise von Irrwitz und Wahn bestimmt zu sein scheint. Die Verzweiflung, der Jammer und die seelische Verkümmerung eines Menschen nach einem unerträglichen Schicksalsschlag geben der Geschichte eine menschliche Seite und eine Spannung, die den Leser ganz in seinen Sog nimmt. Unerträglich erscheint das Leid, und der Mann gerät ganz aus dem Gleichgewicht.

Schließlich hat er sich fast schon in sein Schicksal und die neue Aufgabe ergeben, als sich eine annähernd märchenhafte und irrwitzige Lösung anbahnt.
Weltumspannend sind die Verwicklungen, und der Islam und das Judentum begegnen sich in einem dramatischen Verwirrspiel. Die zahlreichen Abirrungen, die väterliche Berühmtheit und eine neue Liebe versprechen die Auflösung eines Thrillers, der an Spannung nichts zu wünschen übrig lässt.

Leon de Winter
Das Recht auf Rückkehr
Gebundene Ausgabe: 549 Seiten
Verlag: Diogenes
ISBN-10: 325706733X
ISBN-13: 978-3257067330