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Cynthia D’Aprix Sweeney: Das Nest

Cynthia D’Aprix Sweeney: Das Nest

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Der erste Roman von Cynthia D’Aprix Sweeney ist jetzt auf Deutsch herausgekommen.

Es handelt sich um eine Familiengeschichte, mehrere Kinder und eine Mutter, die über einer Erbschaft nach Jahren wieder zusammenfinden. Vier Geschwister: Leo, Jack, Bea und Melody treffen sich, um die Einzelheiten zu besprechen. Es zeigt sich, dass sie alle sehr verschieden sind. Nicht mehr viel verbindet sie mit ihrer Kindheit, in der sie sich wie alle Kinder gestritten, gestört und ihren Werdegang geteilt haben.

Cynthia Sweeney lässt sich auf eine Geschichte ein, in der es nicht immer friedlich zugeht. Erbschaftsstreitigkeiten in Familien sind Legion; auch den Geschwistern geht es da ähnlich. Leo hat das ganze Geld beiseitegeschafft, und die anderen müssen nun sehen, wo sie mit ihren Hoffnungen, Schulden und Wünschen für die Zukunft bleiben. Wie nicht anders zu erwarten, erfahren alle die Wahrheit über den Verbleib des Geldes erst nach und nach.

Das Nest ist die Rücklage gewesen, mit der man gerechnet und auf das man sich verlassen hat. Nun sind alle Hoffnungen dahin!

Auf der Suche nach der Wahrheit entsteht das Bild der Familie in einzelnen Kapiteln. Ein jeder und eine jede haben ihren eigenen Weg gemacht. Das Soziogramm dieser Familie ist wie die aller Familien: jedes Leben gleicht einem Roman. Wie die Autorin das aufzieht, ist lebensnah, unterhaltsam und spannend in ihrer Essenz.

Melody hat Schulden auf ihrem Haus, und sie hat zwei Töchter, denen sie eine Collegeausbildung bieten will. Jack ist Drehbuchautor und kommt nicht zum Erfolg. Er hat Schulden genauso wie seine Schwester Bea, die sich als Schriftstellerin versucht.

Alle hofften mit dem Erbe, das an Melodys vierzigstem Geburtstag ausgezahlt werden sollte, ihren Schwierigkeiten und finanziellen Verpflichtungen ein Ende bereiten zu können!

In langen Zwischenkapiteln erfährt man jeweils, wie die einzelnen zu ihrem heutigen Status gekommen sind.

Da alle inzwischen schon einen guten Teil ihres Lebens hinter sich haben, vollenden sich auch ihre Schicksale in den einzelnen Kapiteln.

Es gab eine Reihe von dazu gekommenen Protagonisten, und es gilt, sich jeder einzelnen Entwicklungsgeschichte zuzuwenden. In der Familie gibt es Homosexualität, Scheidungen, neue Verbindungen und immer wieder den ältesten Sohn Leo, der unlautere Geschäfte getätigt und auf großem Fuße gelebt hat.

Wie wird man als Geschwister damit fertig, dass die Mutter ihrem Lieblingssöhnchen Leo mit der Auszahlung des Erbes den anderen alles vorenthalten hat? Versprechungen Leos auf Rückzahlung an die Geschwister bleiben auf Sand gebaut.

Jack hat aus den Trümmern der Twintowers vom 11.9. einen Schatz geborgen, mit dem er zu Geld kommen möchte. Sein Lebensgefährte Walker verlässt ihn daraufhin.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass sich hier zahlreiche Unglücke ereignet haben, die den Existenzkampf der Geschwister in unterschiedlicher Weise belastet haben. Doch wie im richtigen Leben finden sich Lösungen. Man lebt weiter, weil es immer irgendwie weitergeht.

Insgesamt ist der Roman ein wenig weitschweifig und ausladend. Doch man wird sich an gemütlichen Ferientagen damit gut unterhalten können.

Cynthia D’Aprix Sweeney

Das Nest
410 Seiten, gebunden
Klett-Cotta, Oktober 2016
ISBN-10: 3608980008
ISBN-13: 978-3608980004
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Elizabeth Poliner: Wie der Atem in uns

Elizabeth Poliner: Wie der Atem in uns

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Jüdisches Leben und Schicksalsschläge …

Molly Leibritzky ist die Icherzählerin einer typisch jüdischen Familiengeschichte in Middletown/Connecticut. Die Familie verbringt die Sommer am Meer in Woodmont/Connecticut. Wie so viele Juden sind die Ahnen der Familie ursprünglich vor Jahrzehnten aus dem Osten nach Amerika zugewandert. Mit ihrem Kaufhaus hat sie eine einträgliche Einkommensquelle, so dass sie sich ein gutes Leben leisten kann. Man hilft sich untereinander und steht sich in allen schwierigen Fragen des Lebens zur Seite. Doch wie überall auf der Welt gibt es in der Familie nicht nur eitel Sonnenschein. Schicksalsschläge und Querelen untereinander geben so manchen Anlass zur Sorge und zu Zwietracht.

Der Sommer 1948 prägt sich allen ins Gedächtnis ein, denn es ist der Sommer, in dem Davy, der Jüngste der Familie, zu Tode kommt. Er ist damals erst acht Jahre alt.

Molly, seine Schwester, versucht in ihrem Rückblick nach Jahren Ordnung in die Geschehnisse von damals zu bringen.

Auf diese Weise erfahren wir etwas vom Zusammenleben ihrer Mutter Ada mit ihren Schwestern Vivie und Bec.

Ada ist in Laufe der Jahre mit drei Kindern gesegnet worden und hat ihre unbefangene frühere Lebensfröhlichkeit verloren. Vivie hat ihrer Schwester lange verübelt, dass sie ihr den Mann einst ausgespannt hat. Doch nun ist sie früh zu einem gewissen Gleichmut und einer korrekten Realitätseinschätzung gelangt. Mit Leo und ihrer gemeinsamen Tochter Nina führt sie schließlich eine ruhige und treue Ehe. Bec, die jüngste der Schwestern, hat einen ganz eigenen Weg genommen.

Elizabeth Poliner zeichnet ein lebhaftes Bild der Gemeinschaft in ihrem Sommerdomizil. Man isst zusammen, treibt Sport, geht schwimmen und verlustiert sich auf vielerlei Weise.

Elizabeth Poliner vermittelt das Bild einer jüdischen Familie, wie wir sie aus zahlreichen Familiengeschichten schon kennen. Wichtig ist allen, dass man unter sich bleibt. Die jüdische Familie fordert bedingungslose Achtung bei der Einhaltung ihrer Traditionen und fest gefügten Lebensmuster. Das fällt nicht jedem leicht! Die Liebe erfährt Veränderungen und sprengt den Rahmen dessen, was jeder zu leisten vermag.

Als in Sommer 1948, der Gründung des Staates Israel, Davy tödlich verunglückt, bricht das mühsam konsolidierte Familienleben zusammen.

Die tragischen Ereignisse um Davys Tod berühren jeden tief.

Warum interessiert einen dieser Roman so sehr?

Er sprüht vor Lebendigkeit, erzählt von Klima, Luft und Familiensinn mit feiner Beobachtungsgabe und beinhaltet zudem eine Menge Erkenntnisse zu dem, was das Menschsein ausmacht. Hinzu kommt eine Einsicht, die so oft zum Leben gehört: Zufälle können eine unerwartete Wende bringen, die das Leben aller Beteiligen erschüttert. Keiner bleibt unberührt, wenn ein junges Leben vorzeitig endet. Und die Erwartungen an aneinander sind, wie sich zeigen wird, nicht immer erfüllbar.

Zitat: “Doch so sind Familien: sie sagen uns, was wir sind, und das sind wir dann, und deshalb besteht ein Teil des großen Lebenskampfes darin, sich jenseits der Last der erdrückenden kollektiven Definition selbst kennenzulernen.“(S.88)

So klar ausgesprochene tiefsinnige Betrachtungen findet man selten in diesem Roman. Sie fassen aber zusammen, worum es in der Geschichte geht: Selbstfindung, Identitätssuche und Überlebensstrategien. Am Ende ist die Geschichte schlüssig und man legt das Buch mit dem Wissen aus der Hand, dass hier wieder einmal ein Roman lehrt, wie das Leben so spielt und wie viele Variablen es beinhaltet.

Elizabeth Poliner
Wie der Atem in uns
428 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag. Juli 2016
ISBN-10: 3832198172
ISBN-13: 978-3832198176
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Giovanni di Lorenzo: Vom Aufstieg und anderen Niederlagen

Giovanni di Lorenzo: Vom Aufstieg und anderen Niederlagen

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Schon der Titel des Buchs von Giovanni di Lorenzo weist uns in seiner Widersprüchlichkeit auf Gespräche hin, die in ihrer Offenheit sowohl Erfolge als auch Niederlagen einer Reihe angesehener Persönlichkeiten des öffentlichen und privaten Lebens offenbaren.

In den zahlreichen Interviews, die GdL in 33 Jahren seiner Karriere als Journalist geführt hat, erfahren wir einiges über Menschen, die uns im täglichen Leben als Regisseure oder Politiker, als Schauspieler, Sportler oder in diversen anderen öffentlichen Rollen aller Art begegnet sind.

Gelungen ist G. di Lorenzo eine Innenansicht der Interviewten, die man so nicht kannte. Mit einfühlsamen und gezielten Fragen öffnen sich die Herzen, die uns Einblicke in die persönliche Erfahrungswelt dieser Erfolgreichen und weniger Erfolgreichen gestatten.

Ob es sich um den Bundespräsidenten Gauck handelt oder um den Schauspieler Armin Mueller-Stahl, um den Regisseur Helmut Dietl, die Geigerin Anne Sophie Mutter oder alle die anderen, die ich hier nicht alle aufzählen kann: ihm gelingt mit seinen Fragen, dass die Betreffenden sich öffnen und uns den Blick in ihr Inneres gewähren. Es sind Menschen, die wir bewundern, ablehnen oder sonst wie bemerkenswert finden.

Auffallend ist die Sichtweise derjenigen, die ein langes Leben hinter sich haben. Von zuversichtlich Hoffenden geht der Blick doch auch in eine Richtung, in der sich im Alter Lebensklugheit mit Enttäuschung paart, ja, gelegentlich auch Resignation anklingen lässt.

Und wie beruhigend ist es, zu wissen, dass wir so wie die Interviewten alle nur Menschen sind, mit kleinen oder großen Sorgen, mit Eitelkeiten, Empfindlichkeiten, Vorlieben, Abneigung und sogar Hass!

Die feine Sensibilität, mit der Giovanni di Lorenzo seinen Partnern im Gespräch begegnet, seine Fähigkeit, gut zuhören zu können, sich selber ganz zurückzunehmen und durch seine klugen Fragen dem Gegenüber die Möglichkeit einer sorgfältigen Entfaltung zu bieten, macht diese Sammlung von Gesprächen zu einem wichtigen Zeitdokument. Es ist zugleich ein „who is who“ in der Bundesrepublik Deutschland.
Man liest die Aufzeichnungen neugierig, ein wenig voyeuristisch und alles in allem mit Gewinn.

Giovanni di Lorenzo
Vom Aufstieg und anderen Niederlagen
352 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Oktober
ISBN-10: 3462047108
ISBN-13: 978-3462047103
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Kjell Eriksson: Offenes Grab

Kjell Eriksson: Offenes Grab

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Professor Bertram von Ohler ist bereits 84 Jahre alt, als er erfährt, dass er den Nobelpreis für Medizin erhält. Aus dem Berufsleben hat er sich längst zurückgezogen. Einsam lebt er in der großen Familienvilla, betreut von der Haushälterin Agnes Andersson, die selbst schon über 70 Jahre alt ist und seit 55 Jahren im Haus angestellt.

Seinem Nachbarn und ehemaligen Kollegen Dozent Gregor Johansson überbringt er die freudige Botschaft zuerst. Doch der teilt seine Freude nicht. Dass die Preisvergabe auch von anderen als ungerecht empfunden wird, bekommt Ohler hautnah zu spüren. Seine Widersacher überschütten ihn in der Presse mit Kritik. Das gewohnte Leben des alten Mannes wird durcheinander gebracht. Mit der Ruhe ist es vorbei.

Im Buch werden die Gedanken und Befindlichkeiten Bertram von Ohlers festgehalten. Der missgünstige Nachbar wird ebenfalls im Auge behalten. Auch Dozent Gregor Johansson verstrickt sich in seinen Überlegungen und Grübeleien. Die Vergangenheit wird für beide wieder lebendig.

Und dann ist da noch dieser Gärtner, der bei den Lundquists nebenan arbeitet. Karsten Haller beobachtet ebenfalls genau. Er hat eine ganz eigene Meinung über Betram von Ohler, hält nichts von dem alten Mann, verachtet ihn geradezu. Im Buch wird diese Figur sehr geheimnisvoll dargestellt. Haller, obwohl eigentlich ein Fremder, weiß mehr, als er zunächst offenbart. Was er im Schilde führt, bleibt ungewiss.

Selbst Agnes, die Haushälterin, fängt an, die Dinge zu hinterfragen. Die aufkommende Unruhe im Haus und die Nervosität von Ohlers und seine wiederaufkeimende Unberechenbarkeit, die er im Alter ein Stück weit abgelegt hat, rauben ihr nun wieder die Ruhe. So sehr, dass sie an das Unmögliche denkt, nämlich in den Ruhestand zu gehen. Auch diese Figur hat Potenzial. Man sollte die alte Frau nicht unterschätzen.

Der eigentliche Krimi beginnt sehr spät. Und noch nicht mal, als Betram von Ohler Todesdrohungen erhält. Zumindest hält er den auf dem Gartenzaun aufgespießten Totenkopf dafür. Und auch ein auf das Haus geworfener Stein beunruhigt ihn.
Ann Lindell rückt mit ihre Kollegen Sammy Nilsson an. Für die beiden ist klar, dass Kritiker und Neider nun mal auf den Plan gerufen werden. Einen echten Fall sehen die beiden hier nicht. Die Ermittler kommen diesmal ein bisschen kurz. Nicht nur, dass sie erst im letzten Drittel des Buches auftauchen, es gibt einfach nichts Aufsehenerregendes zu tun.

Das Buch ist deswegen nicht unbedingt langweilig. Der Schreibstil ist gut und so liest man die Seiten ganz gut weg, um dann doch später noch so richtig überrascht zu werden. Im Verborgenen entwickelt sich nämlich etwas, was man nicht vorhersehen kann. Es geht um ein gut gehütetes Familiengeheimnis, das, wenn es ans Tageslicht käme, Folgen für den Nobelpreisträger und natürlich seine Familie haben würde. Tödlich spannend wird das Buch mit einem Mal. Die Ereignisse laufen aus dem Ruder und dann geschieht doch tatsächlich noch ein Mord!

Rezension von Heike Rau

Kjell Eriksson
Offenes Grab
Ein Fall für Ann Lindell
320 Seiten, broschiert
Dtv – Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3423213396
ISBN-13: 978-3423213394
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Alfred Neven DuMont: Vaters Rückkehr

Alfred Neven DuMont: Vaters Rückkehr

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Betrug oder echte Liebe zwischen Vater und Sohn?

Fast ein wenig übertrieben erscheint der junge Banker Karl in seiner Lust und Lebensfreude!
Eine junge, hübsche und liebevolle Frau, zwei reizende Töchter und sein Aufstieg in den Vorstand seiner Bank vergolden sein Leben.

Mit überschwänglichen Worten beginnt Alfred Neven DuMont seinen Roman über das Leben eines glücklichen und erfolgreichen Bankers, dem alles zu gelingen scheint.
Den Schilderungen mag man kaum glauben. Wo gibt es ein Leben in Reichtum, Schönheit, Wohlstand und ungetrübten Familienglücks?

Nun, es sollte nicht so bleiben.
Eines Tages nach 13 Jahren Abwesenheit erscheint der tot geglaubte Vater des jungen Helden, und eine Rückwärtsrolle scheint ihren Anfang zu nehmen. Man weiß nicht, woher der Vater kommt, und man weiß nicht, wohin er am Ende geht. Er ist zeitlebens ein Übervater gewesen und ist es heute noch. Überlegen, stark und anziehend für die Frau und Kinder von Karl hängt er sich in dessen Leben hinein. Eine unglückselige Zeit beginnt für diesen, in dem er sich wieder von seinem Vater in den Schatten gestellt sieht, und der frühe Tod der Mutter ein Trauma seiner frühen Kindheit wieder belebt.

Subtil, feinfühlig und hintersinnig entwirft der Autor Neven DuMont das Gefüge einer Vater- und Sohnbeziehung, die von Neid, Eifersucht und Konkurrenzstreben gekennzeichnet war.

Zwei Männer streiten um die Nähe zu Frau und Mutter. Manches scheint alleine dem Missverstehen geschuldet; doch wahr ist, dass Fantasie und Wirklichkeit einander häufig nicht standhalten können. Die Geschichte wirkt aberwitzig und heiter-traurig. Doch gibt es nicht Anhaltspunkte für ähnliche Geschichten aus dem realen Leben?

Alfred Neven DuMont ist weise, klug und lebenserfahren.
Die von ihm aufgezeigten archaischen Strukturen zwischen Vätern und Söhnen sind schon aus der Bibel bekannt. Auch dort sind Väter die mächtigen und überlegenen Rivalen um die Gunst eines ewigen und allmächtigen Gottes.
Mit seiner differenzierten Sozialstudie, die sich spannend, anregend und geheimnisvoll liest, ist dem Autor ein kleines Meisterwerk zwischenmenschlichen Missverstehens und des Ringens um Wahrheit und Frieden gelungen.

Alfred Neven DuMont
Vaters Rückkehr
159 Seiten, gebunden
Hoffmann und Campe, September 2011
ISBN-10: 3455403484
ISBN-13: 978-3455403480
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