Browsed by
Autor: Claudine Borries

Axel Hacke und Giovanni Di Lorenzo: Wofür stehst Du?

Axel Hacke und Giovanni Di Lorenzo: Wofür stehst Du?

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Freundesgespräche; eine Zwischenbilanz!

Zwei gute Freunde fragen sich eines Tages, für welche Werte sie eigentlich stehen. Der eine von beiden ist Journalist, der andere arbeitet als freier Schriftsteller. Aus einer Art Zwiegespräch ist ein sehr bemerkenswerter Dialog entstanden, der Schulzeit, Familie und Herkommen, Rebellion, politische Entwicklung seit Beginn der siebziger Jahre und die eigene Gesinnung bis heute thematisiert.

Dass die gedanklichen und politischen Überzeugungen und Lebensgewohnheiten der 68ger Generation bis weit in die  Jugendzeit jener hineinreichte, die erst Ende der fünfziger Jahre geboren wurden, ist gut nachvollziehbar. Unsicherheiten über die politischen Unruhen jener Jahre kennzeichnen das Leben beider Freunde.

Hier sprechen zwei  Männer mittleren Lebensalters, die aus der Rückschau ihrer Entwicklung zu eigenen Standpunkten gelangt sind. Sie geben deutlich zu verstehen, dass sie heute an Politiküberdruss leiden, dass ihnen eindrucksvolle Politikerpersönlichkeiten fehlen, und dass sie die tägliche Berieselung mit Talkshows aller Couleur verdrießlich stimmt. Sie üben harsche Kritik an der ständig öffentlich ausgetragenen Nörgelei über unser gut ausgestattetes Gemeinwesen, in der die Fürsorge für den einzelnen und das Recht in jeder Lebenslage funktioniert; eines der besten in der Welt übrigens, wie sie anmerken.

Aus wechselnden Perspektiven beleuchten Axel Hacke und Giovanni Di Lorenzo die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, die in jeder Hinsicht anders verlief als die erste Hälfte, in der zwei Kriege menschliche Existenzen vernichteten oder als seelisch Beschädigte zurück ließen.

Beide spiegeln in ihren Beiträgen, wie zerstrittene Herkunftsfamilien das Leben der nachfolgenden Generation beeinträchtigten. Die eigene Familiengründung muss da lange zurückstehen. Wie Erziehung heute gegenüber früher verläuft ist ein Thema, das neben vielen anderen die Gegensätze früherer und heutiger Generationen zeigt. Und doch: die Elterngeneration der heutigen Eltern liest die Passagen zur Erziehung auch deshalb mit Gewinn, weil sie eine gewisse Gelassenheit erfasst: Erziehung hat viel mehr mit dem „Sein“ als mit dem Wissen zu tun. Und jede Generation erlebt mit der Ablösung aus der vorherigen ihr eigenes Werden.

Allerdings lässt sich mit Fug und Recht feststellen, dass hier eine Generation herangewachsen ist, die es sich zur Gewohnheit gemacht hat, Ursachen für gesellschaftliche Vorgänge zu hinterfragen. Zwei nachdenkliche und reflektierte Männer versuchen, ihre Herkunft, Vergangenheit und Gegenwart kritisch zu durchleuchten. Wegschauen und Schweigen ist nicht mehr angesagt.

Insgesamt bietet diese Reflexion über ein ganzes Generationengeschehen einen sehr gründlichen Einblick in eine Gesellschaft, in der seit 70 Jahren kein Krieg herrschte, und in der weitgehende Freiheit und Liberalität ein friedliches Leben gewährleisten. Nutzt sie das auch?

Eine umfassende Bilanz ist den beiden Autoren gelungen; persönlich, ohne indiskret zu sein, nüchtern, selbstkritisch und ehrlich. Man liest das Buch mit Anteilnahme und Interesse!

Axel Hacke
Giovanni Di Lorenzo
Wofür stehst Du?
230 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, September 2010
ISBN-10: 3462042416
ISBN-13: 978-3462042412
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn: Die Hälfte des Himmels

Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn: Die Hälfte des Himmels

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Sklavenleben und Unterdrückung; eine Reportage

Beginnt man mit der Lektüre dieses Buches, empfindet man sehr bald eine unsägliche Wut; Wut auf Regime und Menschen, die mit ungeahnter Grausamkeit Frauen zu einer Ware und zu Sexsklaven machen. Man wusste es ja schon irgendwie, aber mit dieser Detailgenauigkeit und den beschriebenen Methoden war man bisher denn doch nicht vertraut.

Der Bericht beginnt in Indien, setzt sich über Malaysia, Kambodscha und weitere Länder in Asien und Afrika fort und findet praktisch nirgends ein Ende. Der ferne Osten ist der Hexenkessel, in dem es Männer besonders bunt treiben. Junge Mädchen möchten sich in Hotels als Tellerwäscherinnen verdingen und landen in den Händen brutaler Menschenräuber. Diese nehmen ihnen alles weg; Kleider, Geld, das sie ja meistens gar nicht besitzen, und den Pass. Nun sind sie praktisch nicht mehr handlungsfähig, denn zudem werden sie eingesperrt, zur Willfährigkeit geprügelt und mit dem Tode bedroht. Einzelne sehr junge Mädchen ab 10 Jahren werden erst so lange eingesperrt, bis man sie den Freudenfängern als besonders delikate Beute vor die Füße wirft. Das Elend dieser verlassenen und ausgebeuteten Geschöpfe ist unbeschreiblich.

Erfreuliche Lichtblicke bieten alleine die Erfolge von einigen wenigen Betroffenen, die mutig und trickreich dem Sklaventum entrinnen können und sich dem Kampf gegen die Unterdrückung und gegen die Ausbeutung der Frauen verpflichten. Der Prozess beginnt und endet mit Bildung!

Zu den Fakten ihres Berichts über die Unterdrückung und Erniedrigung von Frauen in der dritten Welt haben die beiden Autoren Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn gründliche recherchiert und einschlägige Daten und Zahlen zusammengetragen. Statistiken belegen die außerordentliche Dimension von Menschenrechtsverletzungen, und Hilfsorganisationen werden in großer Zahl mit ihrem Wirken, ihren Erfolgen und Misserfolgen beschrieben.

Mit zahlreichen so eindrucksvollen wie erschreckenden Beispielen bekommen die Zahlen ein Gesicht. Unvorstellbar sind die Todesfälle durch Verletzungen, Krankheiten und Fehlgeburten. Anhand von Fotos lässt sich die Grausamkeit der misshandelten Mädchen und Frauen nachvollziehen. Das Zusammenwirken von Armut, Korruption, Drogenhandel, Bestechung und mangelnder Hilfsbereitschaft seitens der öffentlichen Organe wie Polizei und Regierungsvertretern ist eklatant.

Die größte Hilfe kommt von den Betroffenen selber, wenn sie denn die Kraft und die Möglichkeit zum Ausstieg gefunden haben. Hier bilden Frauenhilfsorganisationen die  angemessenen Anlaufstellen, um Hilfesuchende zu unterstützen. Mit ihrem Buch rütteln die Autoren auf und appellieren an die Welt, diesem Unwesen ein Ende zu bereiten. Viel mehr noch ist zu tun, als man gemeinhin annimmt.

Die beiden Journalisten Kristof / WuDunn sind Pulitzerpreisträger  und erreichen mit ihrem Report die Herzen der Menschen. Man fühlt sich animiert, mitzuhelfen.

Nicholas D. Kristof / Sheryl WuDunn
Die Hälfte des Himmels
Wie Frauen weltweit für eine bessere Zukunft kämpfen
359 Seiten, gebunden
Beck, August 2010
ISBN-10: 3406606385
ISBN-13: 978-3406606380
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

C. E. Morgan: Die Glut der Sonne

C. E. Morgan: Die Glut der Sonne

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Endlose Weite und trockene Hitze markieren den Beginn einer Liebesgeschichte, die im Kentucky des heutigen Amerikas spielt.

Aloma lernt den Tabakfarmer Orren kennen, mit dem sie auf die zerfallene Tabakfarm seiner Vorfahren fährt. Beide sind jung, haben keine Eltern mehr und freuen sich an einander. Aloma ist froh, ihrem Job als Klavierlehrerin auf einer strengen Missionsschule zu entkommen. Bald jedoch merkt sie, dass sie sich ein armseliges und entbehrungsreiches Leben an Orrens Seite ausgesucht hat.

Das Klavier, das in dem zerfallenen Farmhaus steht ist nicht mehr zu gebrauchen, und ein Neues ist nicht bezahlbar. Orren vertröstet sie, aber sie bemerkt, dass sie an seiner Seite auf sehr vieles verzichten muss. Für ihre Musikliebe findet sie vorübergehend ein Ventil als Kirchenmusikerin. Hin und her gerissen zwischen ihrer Musikfreude und der heimlichen Bewunderung und zart angedeuteten Liebe von Bell, dem Pfarrer, und ihrem Leben an der Seite von Orren, warten dann doch einige Überraschungen auf den Leser.

Der Roman lebt von der ländlichen Armseligkeit, von der harten Arbeit, mit der Orren mit seinem wenigen Vieh über die Runden zu kommen trachtet, und er lebt von der Spannung in einer Beziehung, in der nur wenige Wünsche in Erfüllung gehen.

Aloma ist eine sehnsüchtige Frau, die mit dem nüchternen und spracharmen Mann ein Leben führt, von dem sie nicht weiß, wohin es führen wird. Die Arbeit, der Sommer, Hitze und Fleischeslust sind die täglichen Begleiter eines Lebens, in dem es so manch’ ein Geheimnis gibt. Ereignisarm und doch von verhaltener Spannung erfüllt, erlebt man die Entwicklung zwischen Orren und Aloma.

Der geheime Reiz besteht in der dürren, kargen Handlung, die von der unterschwelligen Spannung lebt, ob Orren und Aloma sich in ihr Leben zu zweit finden werden.

C.E. Morgan bedient sich sparsamer Bilder, die umso eindringlicher wirken, als sie dem Land, dem Klima und den Menschen in ihrer sparsamen Diktion entsprechen. Aloma stellt fest „Mehr als minutenweise Glück würde ihr die Welt nicht bescheren, eher weniger; dennoch wollte das Leben irgendwie ertragen sein“. Mehr oder weniger geht nicht.

Ein stiller, ruhiger von innerer Spannung getragener Roman bringt den Leser zum Nachdenken und lässt ihn teilnehmen an der Entwicklung eines Glücks, das nicht überragend ist und keine Euphorie kennt. Auch so kann Leben sein: bescheiden, anspruchslos und den Gegebenheiten von Bedürfnislosigkeit und kargen Einkünften Rechnung tragend. Poetisch dicht erzählt C.E. Morgan von den Wechselfällen des Klimas und von einer Landschaft, die heiß, schwül und in seiner geographischen Vielfalt eindrucksvoll ist.

Ein liebevoll skizzierter Blick in das Land der unbegrenzten und begrenzten Möglichkeiten ist der Autorin mit diesem Roman gelungen. Die Übersetzerin Sabine Roth hat den Roman einfühlsam ins Deutsche übertragen.

C.E. Morgan
Die Glut der Sonne
256 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, August 2010
ISBN-10: 3630872980
ISBN-13: 978-3630872988
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Kevin Power: Die letzte Nacht des Sommers

Kevin Power: Die letzte Nacht des Sommers

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Schicksalhaft, traurig und super spannend!

Die letzte Nacht des Sommers verbringen viele Studenten in einem Club. Als vier von ihnen spät in der Nacht den Club in Blackrock, County Dublin, verlassen, sind sie mehr oder weniger betrunken. Bei einer folgenden Schlägerei  töten drei von ihnen ohne ersichtlichen Grund einen vierten. Mit ein paar harten Tritten und Faustschlägen haben sie Conor Harris umgebracht. Niemand begreift, wie es zur Tat kommen konnte. Schon beim ersten Tritt ist Conor Harris tot. „Die drei Studenten, die wegen schwerer Körperverletzung ins Gefängnis kamen, heißen Stephen O’Brien, Barry Fox und Richard Culhane“. Lakonisch und einfach beginnt der Bericht über ein Verbrechen, für das es in der Wirklichkeit ein Vorbild gab.

Der Autor Kevin Power zieht diesen Krimi anders als üblich auf. Der Tathergang wird detailliert beschrieben, die Schuldigen sind ausgemacht und die Strafen verhängt.

Im weiteren Verlauf geht es um die Herkunft und das soziale Gefüge, aus dem die Mörder und der Tote kommen. Streng katholisch, reich und privilegiert ist Richard Culhane, der als Haupttäter ausgemacht wurde, der Sohn einer wohlhabenden Familie. Er ist ein schöner junger Mann, der seine Herkunft zu schätzen weiß. Alle jungen Männer haben zusammen eine Privatschule besucht, das Brookfield College in Blackrock. Sie sind die Söhne erfolgreicher Väter, die ebenfalls dieses College besucht haben und führen die Schultradition fort.

Immer wieder rollt die Szene der Todsnacht ab: der unbekannte Icherzähler, von dem wir erst sehr spät erfahren, wer er ist, berichtet aus verschiedenen Perspektiven, beschreibt die Mädchen und Jungen, die bei der Prügelei dabei gewesen sind, und erläutert ihre Herkunft. Sie stammen alle aus der oberen Mittelschicht. Es geht ihnen gut, die Jugendlichen sind wohl versorgt und leben ein leichtes und zufriedenes Leben. Nur langsam nähert sich der Autor seinem Plot: der Erforschung der Gründe, die zu Conors Tod geführt haben. Mit seiner Erzählweise entwickelt er eine psychosoziale Studie der Gesellschaftsschicht, aus der die Jugendlichen kommen. Alle Mädchen und Jungen dieser Schicht sind standesbewusst und selbstsicher. In der Tradition von Reichtum, Bildung, Herkommen und beruflich gesicherter Zukunft kommt ein Verbrechen wie das geschehene einfach  nicht vor. Die Schockstarre, unter der betroffene Mitschüler, Mitstudenten, Eltern und Lehrer leiden, ist merklich spürbar.

Sie kennen sich alle, sind Kollegen oder Mitglieder gemeinsamer Clubs und Sportmannschaften. Spannend und penibel umkreist der Autor in seiner erzählten Recherche alle Freunde, Bekannten und Verwandten des Toten. Man weiß, wer der Mörder ist. Doch Verschleierung und Aufklärungsfehler bringen die Untersuchungsbehörden nur schwer voran.

Kevin Powers geht den einzelnen Schicksalen nach und findet zuletzt Worte für die Tat und ihre Folgen, die schwer ans Gemüt rühren. Ohne Rührseligkeit beschreibt er ein Milieu, das durch Tradition und Herkunft verbunden ist, bis einer von ihnen durch seine Tat aus allen gesellschaftlichen Bezügen gerissen wird. Erschüttert und schmerzlich berührt erfährt man, wie das Schicksal jene bestraft, die sich gegen das Gesetzt stellen und die Kontrolle über das eigene Handeln verlieren.

Kevin Powers ist ein hervorragender irischer Autor, dessen Debütroman mit zahleichen Preisen geehrt wurde.

Kevin Power
Die letzte Nacht des Sommers
304 Seiten, broschiert
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462042483
ISBN-13: 978-3462042481
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche

Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Kuriose Familiengeschichte mit amüsanten Plots!

Wie schon in ihrem ersten Roman “Scherbenpark“ beginnt Alina  Bronsky ihren Roman über die scharfe tatarische Küche mit Überraschungseffekten, die in einem flotten und ironischen Stil ihren Ausdruck finden.

Rosalinda heißt die hübsche Frau von Boris Kalganow. In ungewöhnlich offener und klarer Diktion beschreibt sie ihre siebzehnjährige Tochter als hässlich, dumm, abstoßend und wenig liebenswert.

Allen ihren Eindrücken zum Trotz ist Sulfia eines Tages schwanger. Niemand weiß, woher, und Rosas Versuche, die unerbetene Frucht los zu werden, misslingen.

Als Aminat auf die Welt gekommen ist, nimmt sich Rosalinda ihrer an und schaltet ihre arme Tochter umgehend aus.

Dominant und selbstsüchtig bestimmt die jugendliche Großmutter das Schicksal aller, die mit ihr zusammen leben. Aminat ist bildhübsch, und Rosalinda betrachtet sie als ihr Eigentum. Ungeachtet aller ihrer Bemühungen muckt Sulfia auf und verschwindet verschiedentlich mit Aminat. Ihre Mutter ist untröstlich und sucht mit Gewalt, ihrer Enkelin wieder habhaft zu werden.

In munterem Stil, frisch und frei lebt Rosalinda uns ein Matriarchat vor, in dem niemand ungeschoren bleibt, wenn sie mit ihrer Energie und Entschlossenheit Entscheidungen herbeizwingt. Ob es um den eigenen Ehemann, die Tochter oder den späterem Schwiegersohn geht: Rosa bringt alle auf Vordermann.

Die Autorin Alina Bronsky pflegt einen offenen und burschikosen Stil. Ihre Heldin sagt immer genau das, was sie denkt. Ihre subjektive Meinung zählt, die anderen haben sich ihr unterzuordnen. Bemerkenswert zeigt die Autorin, wie man auch ohne Konventionen und Rücksichtnahmen durchs Leben kommt.

Rosalinda besitzt aber durchaus Herzenswärme. Sie denkt allerdings immer nur in ihren eigenen Kategorien. Resolut und überlegen nimmt Rosa jeden Lebenswechsel und jede Veränderung wahr und geht forsch voran auf ihrem eigenen Lebensweg. Mit Witz, Komik und mit lakonischen Einwürfen geschrieben wirkt das Buch höchst amüsant. Die ernsten Dinge des Lebens wie Trennungen, Lebenskrisen, Verlassenheit, Ängste und Erschütterungen werden mit Verve bewältigt. Auch so kann man das Leben angehen: verschmitzt und pfiffig und immer die Komik und Absurdität im Auge behaltend! Für einen genüsslichen und erbaulichen Sommerabend ist dieser Roman genau der Richtige!

Alina Bronsky
Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche
336 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch
ISBN-10: 3462042351
ISBN-13: 978-3462042351
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Ferdinand von Schirach: Schuld

Ferdinand von Schirach: Schuld

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Mord, Totschlag, Grausamkeit und die Folgen.

Nach seinem Buch „Verbrechen“ beschäftigt sich Ferdinand von Schirach in diesem nunmehr zweiten Band mit Geschichten aus dem Gerichtsalltag, in dem er dem Begriff der „Schuld“ nachgeht.

Kurz, knapp und prägnant werden auch hier wie schon in seinem ersten Buch Geschichten aus dem Juristenalltag vorgetragen. Mysteriös und unklar sind nicht immer aber oftmals die Motive, die zu Unrechtstaten führen, deren Auswüchse uns vor Rätsel stellen. Als seien die Menschen Getriebene, die ihren Impulsen nicht mehr widerstehen könnten, erlebt man die absurdesten Übeltaten. Mord, Besudelung, Missbrauch und Torturen bieten die Anzeichen für verbrecherische Handlungen, die an Grausamkeit und Widerwärtigkeit kaum vorstellbar sind.

Der Jurist von Schirach ist ein Meister der kurzen Pointen. Seine Geschichten deuten an, ohne zu erklären, wie es zu den beschriebenen Verbrechen kommen konnte. Der Leser sieht sich mit den Absonderlichkeiten menschlicher Schwächen und Perversionen konfrontiert, die wie aus dem Nichts das Handeln entarten lassen. Gekonnt und ruhig, lakonisch und präzise beschreibt der Autor Geschehnisse, die an Erbarmungslosigkeit nicht zu überbieten sind. Ohne die tiefenpsychologischen Wissenschaften zu Rate zu ziehen, erklärt sich das Handeln der Täter und ihrer Motive aus sich selbst. Der Autor beschreibt drogensüchtige Freaks, die einen Perversen zur Strecke bringen und Schüler, die in einer Art Verblendung sich zu  Exorzisten erklären und einen Mitschüler mit ihren Torturen fast zu Tode quälen. Auch Drogenbosse und ihre Handlanger finden sich in einer Geschichte kopiert. Von Schirach zeigt die niedersten Instinkte, die im Menschen schlummern und sie zu Verbrechern werden lassen. Man wird zum Zuschauer des Verlust jeglicher Selbstkontrolle, mit denen Menschen zum Opfer der eigenen Triebe mutieren.  Die Beschriebenen Verbrechen enden entweder mit der Verurteilung, häufig mit Selbstjustiz unter den Schuldigen und kommen zuweilen nicht einmal zur Anklage. Der Schuldnachweis ist Voraussetzung  für ein Urteil, doch ist dieser Schuldnachweis nicht immer zu erbringen. Von Schirach lässt die Schuldfrage alleine durch die absurden Handlungen sichtbar werden.

Wortgewand und einfallsreich trägt von Schirach seine Fälle vor. Die Verfremdung von diffizilen Einzelfällen gelingt ihm hervorragend. Seine Fantasie in der Darstellung der Vielfalt abartiger Verhaltensweisen kennt scheinbar keine Grenzen.

Hervorragend und lesenswert sind diese Geschichten sicher für alle, die an Krimis und den Abgründe menschlichen Verhaltens Interesse haben. Man möchte als Fazit sagen: es gibt nichts, was es nicht gibt!

Hohes Lob gilt dem begabten und faszinierenden Erzähler, der als Anwalt und Strafverteidiger in Berlin lebt.

Ferdinand von Schirach
Schuld
208 Seiten, gebunden
Piper, August 2010
ISBN-10: 3492054226
ISBN-13: 978-3492054225
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Ranga Yogeshwar: Sonst noch Fragen?

Ranga Yogeshwar: Sonst noch Fragen?

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Wissen macht Spaß!

„Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“

Diesen Spruch von Albert Einstein findet man auf der Homepage von Ranga Yogeshwar, und er passt sehr gut zu ihm und seiner Auffassung von Wissensvermittlung.

Wer kennt ihn nicht, den sympathischen, Optimismus ausstrahlenden Ranga Yogeshwar, der uns im Fernsehen mit seinen Wissenschaftssendungen die schönsten Stunden bereitet? Seine Experimente sind immer anregend, werden aufwendig dargeboten, und man kann viele von ihnen zu Hause nachprüfen.

Nun hat er ein Buch geschrieben, in dem viele Alltagsfragen, auf die wir gerne eine Antwort hätten, mit der gleichen Leichtigkeit wie im Fernsehen mit lockeren Erklärungen beantwortet werden.

Warum Frauen kalte Füße haben findet eine einleuchtende Beantwortung, – nicht einmal ein Arzt konnte der Rat suchenden Patientin dieses Phänomen bisher erklären! Und warum man einen Blitz im Faradayschen Käfig überleben kann, wird ebenso lustig und amüsant erklärt wie so viele andere Fragen, die uns ganz nebenbei im Alltag beschäftigen. Die simple Frage, warum es im Sommer im Keller feucht und muffig riecht, kann Ranga Yogeshwar ebenso beantworten wie die Frage, woher das Croissant stammt, …nämlich wider alle Erwartung nicht aus Frankreich. Dabei beantwortet Yogeshwar die Fragen ausführlich und genau, belegt sie mit Beispielen, mit eigenen Erfahrungen und zeigt sein breites Wissen aus den Gebieten der Physik, Biologie, Naturkunde, Chemie und sogar der Medizin.

Er erzählt so frei und ungebremst aus seinem Leben wie aus seinen Berufserfahrungen, mischt das Wissen um Tradition mit dem um neue Erkenntnisse, so dass wir das runde Bild eines großen Fragenkomplexes  erhalten.

Wer Kinder hat und ihre Fragen ernst nimmt, der wird sehr gerne Antworten geben können, denn niemals ist die Wissbegier größer als im Kleinkindalter. In diesem Buch von Ranga Yogeshwar kann der Vater oder die Mutter nachschlagen, was sie selber nicht wissen und doch gerne beantworten würden.

Manches erscheint so einfach und ist doch nicht so leicht zu erklären. Warum z. B. die Sterne funkeln!

Wissen macht Spaß könnte als Motto über diesem Buch stehen! Lesen Sie es oder blättern Sie einfach nur gelegentlich in Yogeshwars Buch, Sie werden Ihre Freude daran haben!

Ranga Yogeshwar
Sonst noch Fragen?
240 Seiten, broschiert
Kiepenheuer & Witsch Verlag, April 2009
ISBN-10: 3462041088
ISBN-13: 978-3462041088
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Petra Hulová: Endstation Taiga

Petra Hulová: Endstation Taiga

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Mit ihrem Roman „Endstation Taiga“ entführt Petra Hulová in eine fremde, archaische Welt.

Der Forscher Hablund Doran verlässt eines Tages im Jahr 1946 seine Frau Marianne in Kopenhagen. Es zieht ihn in eine fernab der Zivilisation gelegene Gegend in Sibirien. Charyn ist das Dorf am Ende der Welt, in dem Hablund einen Dokumentarfilm drehen will.

Eine fremde Welt ist das wahrlich, in die der Held schließlich eindringt. Zuerst wird er von Buro gefangen gehalten, bis ihn dieser wieder laufen lässt, und er sich in dem Dorf umsehen kann. Buro hat den zweiten Weltkrieg mit gemacht und ist ein echter Sowjet geworden. Er weiß etwas von der Welt, das er seinen Mitbewohnern abspricht. Er musste Befehle vollziehen, Gefangene zurückbringen und in gewisser Weise ist ihm Hablund verdächtig.

Viele eigenartige Figuren tauchen auf und werden in ihrem sozialen Verbund gezeigt.

Es zeigt sich, dass hier Gefangene des Krieges ihrer Arbeit nachgehen, und dass Hunger, Not und Kälte die täglichen Begleiter des Lebens sind.

Hablund will eines Tages endlich seine Marianne anrufen. Es gelingt ihm nicht!  Nichts funktioniert und so allmählich dämmert ihm, dass man ihm nicht glaubt, dass er so ganz freiwillig hier ist. Wie kann man ihm glauben, da er keinen Reisepass und keinen Zugfahrschein und keine Aufenthaltsbewilligung besitzt?

Wie ein düsteres Gewitter zieht sich eine Schlinge um seinen Hals, von der er nichts ahnt.

Sechzig Jahre, nachdem Hubland verschwunden und in Kopenhagen nie wieder aufgetaucht ist, macht sich der Student Erske auf, um den Spuren Hublands nachzugehen.

Verworren und vielschichtig zeigt die Autorin eine Kultur, die der unseren total fremd ist. Düster und dräuend will keine rechte Freude aufkommen, weil die Geheimnisse um Land und Leute zu groß sind.

Petra Hulová schreibt in einem Stil, der dem nüchternen, abergläubischen und archaischen Inhalt gerecht wird. Kriegsfolgen, Gefangenschaft, mystische Gepflogenheiten und die Abgeschiedenheit der Gegend wachsen zu einem unheimlichen Gebilde heran. Man ahnt mehr, als dass man weiß, dass sich hier ein dramatisches Unheil zusammenbraut.

Fremdartig bleibt die Geschichte bis zuletzt. Was ist Sinn und Absicht dieser Erzählung? Sind es Zustände, von denen wir in den westlichen Zivilisationen nichts wissen?

Mir hat sich der Sinn nicht erschlossen.

Die Autorin Petra Hulová gilt jedoch als hoffnungsvolles Talent in Tschechien.

Petra Hulová
Endstation Taiga
480 Seiten, broschiert
Sammlung Luchterhand, Juli 2010
ISBN-10: 3630621910
ISBN-13: 978-3630621913
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Emmanuel Bove: Schuld

Emmanuel Bove: Schuld

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Schuld und Sühne in der Literatur.

Schuld und Sühne sind uns geläufig. In der Literaturgeschichte werden die Themen in unterschiedlicher Form abgehandelt. Am bekanntest ist der Roman „Schuld und Sühne“ von Dostojewski, der in einer Neuübersetzung mit dem Titel „Verbrechen und Strafe“ ausgewiesen ist.

Emmanuel Bove hat sich des Themas mit dem schlichten Titel „Schuld“ angenommen.

Einer Allegorie gleich zeigt E. Bove in einem düsteren Szenario den arbeitlosen und unglücklichen Pierre Changarnier, der in einem elenden Hotelzimmer haust. Seine Freundin Violette taucht auf, und er macht sie mit Worten nieder, die seine eigene Kläglichkeit überdecken sollen.

Beide gehen schließlich die Strassen im Schneetreiben entlang. Ihr innerer Zustand scheint dem äußeren zu gleichen.

Ohne, dass sich viel ereignet, werden sie von einem kleinen Mann verfolgt, der ihnen lästig ist. Seine Geschichte handelt von einer Schuld und der lebenslangen Reue, die er darüber empfindet, denn er hat seine Frau umgebracht.

Changarnier erlebt im Verlauf der Geschichte seine eigenen Unbilden. Er leidet halluzinatorisch ebenfalls an Reue und Schuld, ohne dass diese weiter benannt werden.

Wie Bove seine Figuren agieren lässt und sie als Getriebene und Verfolgte beschreibt, zeigt Meisterschaft. Er fängt die ganze Tristesse von verlorenen Menschenleben ein, die an sich und der Umwelt zugrunde gehen. In ichbezogener  und selbstzerstörender Manier neigen die Protagonisten zur Verdammnis ihres Selbst. Fragen nach der moralischen Verantwortung sind Maßstab für ein Dasein, das den Ansprüchen einer gerechten Welt nicht genügt. Da gibt es nur das eigene Leid und die Suche nach einem Erlöser. So und nie anders werden Mitmenschen zu Zuhörern, die durch ihr Mitleid Befreiung bieten könnten. Doch am Ende siegt der Fluch der Verdammnis. Keiner entkommt, der sich einmal in die Fänge von Schuld und Sühne begeben hat.

Als Abkömmling jüdischer Eltern blieb das Weltbild E. Boves nicht unbeeinflusst von den Verfolgungen, die er ebenso wie andere erdulden musste. Seine Intention galt der verlogenen bürgerlichen Moral, die er in seinen Werken entlarven wollte.

Emmanuel Bove hat von 1898 – 1945 gelebt und wird heute zu den Vertretern der klassischen Moderne in Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gezählt.

Mit einem Nachwort und in der Übersetzung von Thomas Laux ist das Buch in einer feinen bibliophilen Aufmachung im Lilienfeld Verlag erschienen, der sich verdienstvoll fast vergessener und hervorragender Autoren aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts annimmt.

Emmanuel Bove
Schuld
120 Seiten, gebunden
Lilienfeld Verlag; Auflage, Juni 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3940357162
ISBN-13: 978-3940357168

John Irving: Letzte Nacht in Twistet River

John Irving: Letzte Nacht in Twistet River

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Der große alte Mann der amerikanischen Erzählkunst hat mit diesem Roman erneut seine ausufernde Fabulierkunst unter Beweis gestellt.

Er breitet seine Geschichten gerne langsam und mit vielen Vorläufen vor uns aus.

So trifft man den Koch Dominic und seinen Sohn Danny hoch oben am Twistet River zwischen Holzfällern und groben Kerlen an. Woher Dominic stammt, wie es zu einer Verkrüppelung seines Beines kam, und wie er zum Koch wurde, das wird in der Erzählung erst später aufgeschlüsselt, denn zuerst geht es einmal um die Atmosphäre im Holzfällermilieu.

Danny ist zwölf, und er ist neugierig. Er lebt bei seinem Vater, denn seine Mutter ist tot. Ihr Tod bleibt vorläufig ein Geheimnis. Langsam, beschaulich und wenig spektakulär verläuft das Leben von Vater und Sohn, in dem allenfalls der frühe Unfalltod des jungen Kanadiers Angel im Fluss für Aufregung sorgt.

Mit sich steigernder Intensität nähert sich John Irving dem eigentlichen Plot: in dem wilden Milieu der Holzfäller kommt es immer wieder zu Sauf- und Sexexzessen. Zu karg und schwer ist das Leben, als dass das Wochenende nicht zu ausufernder Triebbefriedigung herhalten muss. Anlässlich eines solchen Abends geschieht ein Unglück bei Dominik im Haus: sein Sohn Danny verwechselt Indianer Jane beim Beischlaf mit seinem Vater mit einem Bären und erschlägt sie mit einer Bratpfanne! Zu allem Unglück ist sie die Geliebte des Dorfpolizisten, und seine Rache ist ihnen gewiss!

So beginnt ein Leben auf der Flucht für Vater und Sohn, das sie weit herumkommen lässt von Boston nach Vermont, Iowa und zuletzt nach Kanada. In großen Zeitabständen nehmen wir an der jahrelangen Flucht der beiden teil.

Danny will Schriftsteller werden; ist das als symbolische Annäherung an den Autor zu verstehen?

Die geschilderten Typen im Holzfällerlager sind von markiger Herzlichkeit zugleich grob und rau, feinfühlig und  burschikos: die Palette ist breit, mit denen Irving seine Figuren agieren lässt. Die Abenteuer von Vater und Sohn auf der Flucht füllen Seite um Seite.

Am Ende zeigt John Irving wieder einmal seine großartige Fähigkeit, stimmungsvolle Schilderungen über Land und Leute zu entwerfen, mit denen ihn die Komik des Augenblicks, die Liebe, der Humor und das Leben mit seinem ganzen Facettenreichtum verbindet. Teilweise melancholisch, weise und klug unterhält uns John Irving in alt bekannter Weise. Danny und Sixpack erinnern sich zuletzt an den alten Freund Ketchup mit den Worten: „Wir versuchen, uns unsere Helden am Leben zu erhalten; deshalb erinnern wir uns an sie“. Dieses Motto könnte vielen Werken von John Irving vorangestellt sein.

Etwas breit angelegt und Geduld fordernd ist die ausufernde Schilderung. Irving-Liebhaber werden auf ihre Kosten kommen, wenn der Autor auch schon bessere Romane verfasst hat.

John Irving
Letzte Nacht in Twistet River
736 Seiten, gebunden
Diogenes, Mai 2010
ISBN-10: 325706747X
ISBN-13: 978-3257067477