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Autor: Claudine Borries

Maria Àngels Anglada: Die Violine von Auschwitz

Maria Àngels Anglada: Die Violine von Auschwitz

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Wer diesen Ort des Grauens überlebt hat, der war begnadet.

„Und ich komme an einen Ort, wo alles Licht erloschen ist.“
Dante, Göttliche Komödie, Die Hölle
Mit diesen Worten im Vorspann befinden wir uns an einem Ort, an dem wirklich die Hölle beherbergt schien. Auschwitz 1941!

Hier krepierten und verendeten buchstäblich die Menschen, denen man im Holocaust jedes Recht auf Leben und alle Würde abgesprochen hatte. In Originaldokumenten aus dem KZ Auschwitz, verfasst und unterzeichnet von den jeweiligen Kommandanten des Lagers, kann man nachlesen, wie und in welcher Form man die Insassen quälen und schikanieren durfte, und auf welche Weise für welche Vergehen man sie liquidieren konnte.

Die Geschichte mit ihren äußeren Bedingungen, die jeden einigermaßen normalen und mit moralischen Grundsätzen vertrauten Menschen schaudern lassen, steht im auffälligen Kontrast zu dem musischen und sensiblen Hintergrund: wir haben es hier mit dem außergewöhnlichen jüdischen Geigenbauer Daniel zu tun. Er ist wie fast alle anderen polnischen Juden in die Mühlen des allgemeinen Untergangs geraten, als er als Geigenbauer im KZ durch Zufall in Erscheinung tritt. Die sadistischen Schergen des Unrechtregimes denken sich eine infame Böswilligkeit für den feinsinnigen aber gequälten KZ-Bewohner aus: bei einer Wette wird ausgemacht, dass er den Auftrag zum Bau einer Geige erhält. Gelingt das Unterfangen, geht eine Kiste Wein an den Lagerkommandanten. Verrichtet er die Aufgabe nicht zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber, wird er zu einem medizinischen Menschenversuch freigegeben.

Kann man sich eine grausamere menschliche Handlung auch nur ausdenken?

Eingebettet in die Musik Mozarts und in die Geschichte eines Konzerttrio, das lange nach dem Kriegsende auf Konzertreisen von dieser Geschichte hört, erlebt man noch einmal die unmäßigen Behandlungen der KZ Insassen, ihre erbärmlichen Unterkünfte, den Hunger, die Kälte und den tausendfachen Tod. Es macht einem das Herz gefrieren und lässt einen schaudern. Die wunderbare Sprache mit poetischer Kraft zeigt das herausragende Können der Autorin. Ihr feines Gespür für die Empfindungen der Menschen in aussichtloser Lage ist von anrührender Überzeugungskraft. Fassungslos steht man auch heute noch vor der Erbarmungslosigkeit, wie sie uns in diesem Buch vor Augen geführt wird. Und doch zeigt uns Maria Anglada mit ihrer Geschichte, dass außerhalb aller irdischen Erniedrigungen und Qualen die Musik eine Kraft enthält, die über allem anderen Tröstung und Zuversicht zu geben vermag.

Angerührt und ergriffen legt man das kleine Büchlein zur Seite. Die Autorin Maria Àngels Anglada und die Übersetzerin Theres Moser haben ein überragendes Meisterwerk geschaffen.

Romane wie diese bleiben für immer Mahnmale, die uns erinnern werden, was zu verhindern für alle Zukunft unsere Aufgabe bleiben wird.

Maria Àngels Anglada
Die Violine von Auschwitz
Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN-10: 363087326X
ISBN-13: 978-3630873268

Ralf Bönt: Die Entdeckung des Lichts

Ralf Bönt: Die Entdeckung des Lichts

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Eine Reise durch das Jahrhundert der großen Entdecker und Forscher.

Schwer lässt sich nachvollziehen, wie es einem Jungen zu Ende des 18. Jahrhunderts ergangen sein mag, der in ärmlichen Verhältnissen heranwächst und sich brennend für Naturwissenschaften interessiert. Ohne ausreichende Schulbildung und schon früh als Laufbursche angestellt, kann Michael Faraday es doch nicht lassen, sich in Gedanken der Erforschung des Elektromagnetismus und den Gesetzen des Lichts  zuzuwenden.

Er wurde 1791 in die Familie eines armen und kinderreichen Schmieds hineingeboren, der unter den Folgen anhaltender Kriege an Arbeitsmangel litt. Mit der Lehre im Haus eines Buchbinders öffneten sich für Faraday die Türen zu einem weiterführenden Beruf. Glück und Chancen ebneten die Voraussetzungen, sich nach und nach ganz dem Studium und der Erforschung des Elektromagnetismus zu widmen. Faraday erreicht mit Beharrlichkeit und Ausdauer, dass er in die „ Royal Institution“ aufgenommen wurde. Humphry Davy, ein Forscher und Professor dieser Einrichtung, wird sein exzentrischer Förderer und Gönner. Faraday selber bringt es mit autodidaktischem Selbststudium zuletzt bis zum wissenschaftlichen Rang eines Professors der Chemie.

Der Autor Ralf Bönt ist Physiker, so dass ihm die beschriebenen Forschungsvorhaben und Ergebnisse von Michael Faraday geläufig sind. Für den Laien ist in erster Linie von Interesse, wie es sich zu jener Zeit lebte, und wie es möglich war, aus ärmsten Verhältnissen zu einem angesehenen Forscher und Gelehrten aufzusteigen. Neben der Politik, die von Napoleon und dem Zeitalter der Aufklärung bestimmt wurde, sind es die persönlichen Beschreibungen über das Leben im Hause eines armen Schmieds und der von der Fügung des Schicksals bestimmte Lebensweg von Faraday, die uns interessieren.

Die Versuche und Forschungsvorhaben bleiben dabei jedoch von besonderem Belang. Zeigen sie doch das Ausmaß und die rasante Entwicklung des Fortschritts in Technik und Naturwissenschaft, mit dem das 19. Jahrhundert glänzte. Von den Anfängen bis heute reicht der Bogen der Erkenntnisse, und Ralf Bönt bringt sie mit Kompetenz und Engagement zu Gehör.

Physik ist nicht jedermanns Sache, doch Ralf Bönt versteht die Synthese von Forschung und Leben gekonnt zu vereinen.

Er liefert mit dieser Biographie eines berühmten Wissenschaftlers und Entdeckers der Vergangenheit das vergleichbare Bild eines Forscherlebens, wie es uns durch Daniel Kehlmanns „ Vermessung der Welt“ überliefert wurde.

Ralf Bönt
Die Entdeckung des Lichts
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Verlag: DUMONT Literatur und Kunst Verlag
ISBN-10: 3832195173
ISBN-13: 978-3832195175

Steven Millhauser: Martin Dressler

Steven Millhauser: Martin Dressler

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Von kleinsten Anfängen zu einem Mammutprojekt!

Der amerikanische Traum erfüllte sich für so manchen Bürger in Amerika aus kleinsten Anfängen, wenn sie es im 19. Jahrhundert vom Tellerwäscher zum Millionär brachten. Geschichten darüber bilden Legenden.

Steven Millhauser hat mit seinem Roman um den Aufsteiger Martin Dressler ein vergleichbares Schicksal nachvollzogen. Nicht vom Tellerwäscher sondern aus dem Tabakladen seines aus Deutschland nach New York eingewanderten Vaters steigt der Held der Geschichte zunächst zum Pagen und dann zum Privatsekretär des Hotelbesitzers vom Vanderlyn-Hotel auf.

Nüchtern, dröge und dennoch anschaulich wird sein zielstrebiger Weg aufgezeichnet. Es geht vorwiegend um Erfolg und Aufstieg in diesem Roman. Arbeit heißt die Devise für Martin Dressler, der einen Schritt vor den anderen tut, um weiter zu kommen. Private Freuden holte er sich mit dem Älterwerden im Freudenhaus, zu dessen Besuch ihn ein Freund ermuntert.

Die Atmosphäre in New York um das Jahr 1900 ist gekonnt eingefangen. Noch ist New York eine langsam zu Größe und Wachstum aufsteigende Metropole, als Martin Dressler seinen von Fleiß und Arbeit geprägten Lebensweg steil aufwärts geht. Ideenreichtum, Phantasie, Beziehungen und eine gute Portion Glück bereiten ihm den Weg, der typisch für die Neue Welt ist. Hier konnte man sein Glück machen, wenn man die Chancen nutzte und zum rechten Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen traf.

Martin wird älter, und über lange Zeit macht er sich zum gelegentlichen Begleiter dreier Damen aus Boston, die nach dem Tod des Ehemannes und Vaters in einem gut beleumundeten Hotel in New York Quartier genommen hatten. Man wohnte dort entspannt und in Kontakt mit anderen Gästen, zu denen auch der aufstrebende Kaffeehausbesitzer Martin Dressler gehört. Mit Spannung und Ungeduld wartet man darauf, dass er sich ihnen „erklärt“ und um eine der Töchter wirbt.

Leider müssen die Leser sich gedulden, denn zunächst baut Martin weiter an dem Imperium einer Restaurantkette. Neben dem Reichtum geht es ihm vor allem um die großartige Aufgabe: immer neue Ideen und Einfälle für immer neue Projekte zu entwicklen. Endlich heiratet er Caroline, die kühle und phlegmatische Tochter der Vernons, die ihm fremd bleibt und frustrierende Reaktionen bei ihm auslöst.

Die Atmosphäre des in jenen Jahren noch langsamen wirtschaftlichen Fortschritts in Amerika ist gut und realitätsnah wiedergegeben. Leben, Wohnen und Arbeiten sind die drei Hauptmerkmale, mit denen Millhauser uns in das Fin de Siècle Amerikas zurückführt. Gemächlich entwickelt der Autor seine Figuren und lässt sie in ihrer Umgebung agieren, wie es den damaligen Geflogenheiten entsprach. Mit Muße sollte man sich seinen Ausführungen überlassen, die das Aufsteigerleben und das Scheitern seines Helden mit ausführlicher Geduld und Feinheit ausmalt.

Steven Millhauser erhielt für dieses Werk 1997 den Pulitzer-Preis, – ob zu Recht, wird in einzelnen Rezensionen bezweifelt.

Mir hat das Buch gefallen.

Steven Millhauser
Martin Dressler
Broschiert: 287 Seiten
Verlag: BvT Berliner Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3833306211
ISBN-13: 978-3833306211

Jorge Bucay: Zähl auf mich

Jorge Bucay: Zähl auf mich

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Die Frage nach dem Glück stellt sich in einem bestimmten Alter erst. Zuvor lebt man fraglos glücklich und unbeschwert in den Tag hinein.

Auf der Suche nach dem Glück erlebt man Demian aus Argentinien, der im Rückblick noch einmal die eine oder andere Begebenheit aus seinem Leben vorbeiziehen sieht. Bis vor kurzem war er noch verheiratet; einerseits erfreut, dem Joch der Ehe und seiner bestimmenden Ehefrau entkommen zu sein, will sich so recht doch keine Zufriedenheit bei ihm einstellen.

Er ist vierzig  Jahre alt, und da stellen sich schon einmal die existenziellen Fragen nach dem richtigen Leben. Nach einem verstauchten Knöchel muss er nun auch noch drei Wochen seiner Arbeit und Lehrtätigkeit als Nephrologe fernbleiben. Das bringt ihn vollends ins Grübeln!

Wo ist eigentlich sein alter Therapeut, den er den „ Dicken“ nennt, geblieben?

Auf den Spuren seines Lebens folgt man Demian, dem unruhigen, spontanen, dem freundlichen und liebenswerten Helden aus Buenos Aires, um zu sehen, wie er sein Glück herbeiführen will!

Es geht in dem Roman um die Grübeleien und Unsicherheiten eines Mannes, der sich verloren zu haben glaubt und alles tut, um seine Linie wieder zu finden. Der Dicke, sein Therapeut mit dem beziehungsreichen und vom Autoren ausgeliehenen Vornamen Jorge, sorgt in langen Gesprächen und an Parabeln und Märchenfiguren reichen Beispielen dafür, dass Demian wieder in die richtige Spur zurück findet. Sehr gut kann man sich in Demian hineinfühlen, der alles hinterfragt und voller Misstrauen ist und im Wechsel damit von strahlender Euphorie getragen auf ein neues Glück in der Person von Paula setzt. Diese scheint ihn trickreich um den Finger zu wickeln und lässt ihn ganz und gar im Ungewissen über ihre wahren Ziele.

Von zärtlichen Neigungen, warmherzigen Beziehungen, von Müttern, Vätern, Brüdern und Geliebten handelt die Geschichte. Sie bietet ein Abbild unserer Welt, in der wirklich nichts von Dauer und alles fragil und brüchig zu sein scheint. Therapeuten sind am Ende die wirklichen Lebensretter. Sie geben den Strauchelnden mit ihren tröstenden und sinnigen Geschichten Halt, und man darf auf sie zählen!

Jorge Bucay ist Psycho-und Gestalttherapeut, und man darf sicher sein, dass seine Geschichten der Wirklichkeit  abgeschaut sind. Von großer Weisheit und der Liebe zum Menschen getragen sind seine Figuren lebensnah und tröstlich in ihrer ganzen Unzulänglichkeit. Bucay gibt den Verlassenen, den Trauernden und den Liebespaaren Hoffnung, in dem er sie auf die Ambivalenz von Treue und auf das Recht auf Unvollkommenheit hinweist.

Ein liebevoll entwickelter und gütiger Romanheld erwartet den Leser in Gestalt des „ Dicken“, der unvergessen bleibt.

Jorge Bucay
Zähl auf mich
Gebundene Ausgabe: 300 Seiten
Verlag: Ammann, August 2009
ISBN-10: 3250601349
ISBN-13: 978-3250601340

Jean-Jacques Sempé: Das Geheimnis des Fahrradhändlers

Jean-Jacques Sempé: Das Geheimnis des Fahrradhändlers

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Ein Autor und seine menschenfreundlichen Betrachtungen.

Sempé, der unvergleichliche französische Zeichner und Menschenkenner, hat sich mit seiner kleinen Geschichte von dem Fahrradhändler Paul Tamburin erneut in die Herzen der Menschen geschrieben.

Versteht er doch etwas von den Nöten und Freuden des Lebens!

Paul Tamburin lebt in der französischen Provinz im Städtchen Saint-Céron. Dort gibt es einige Bürger, deren Handelsgüter sich mit ihrem Sein eng verbinden. Herr Zwiesel, der Optiker, und Aloisius Pfaundler, der Fleischer, werden mit den Brillen und dem Landschinken in einem Namen genannt. Auch Paul Tamburins Fahrräder heißen schließlich nur noch„ Tamburin“,–man weiß, was damit gemeint ist! Leider hat Paul Tamburin eine bedauerliche Schwäche: er kann gar nicht Fahrrad fahren. Die Unfähigkeit, das Gleichgewicht halten zu können, lässt Sempé  in dem ernst- grüblerischen Satz symbolisieren, mit der Paul sich eine Liebste herbeisehnt, „ Und manchmal überkam ihn die Versuchung, die jeden Komiker von Zeit zu Zeit überkommt: zu zeigen, dass er eine Seele hat und ein Herz, und dass dies Herz Geheimnisse umschließt, die es mit einem anderen Herzen teilen möchte.“

Aus seiner Geschichte über das Leben im Kleinen und Großen entwickelt Sempé die leicht melancholische bis heitere Lebensgeschichte einer ganzen Stadt und besonders die des Paul Tamburin. Freundschaft und Liebe, Heirat und gemächlicher Alltag: sie untermauern ein friedliches Leben, das doch im Kleinen seine besonderen Freuden und Misslichkeiten aufweist. Voller Herz und Wärme gibt Sempé seinen Protagonisten Stimme und Stift, zeichnet und spricht in ihrem Geiste und Gemüt und zeigt uns liebevoll den Menschen mit seinen Wünschen, seinem Versagen und seinen Schwächen und Stärken. Er ist ein Menschenfreund, der mit seinem Werk die Herzen seiner Leser erwärmt! Patrick Süskind ist sein Freund und hervorragender Übersetzer, der schon wie in der Geschichte von „ Herrn Sommer“ mit ihm zusammen erneut brilliert.

Jean-Jacques Sempe
Das Geheimnis des Fahrradhändlers
Gebundene Ausgabe: 112 Seiten
Verlag: Diogenes
ISBN-10: 325706473X
ISBN-13: 978-3257064735

Toni Jordan: Tausend kleine Schritte

Toni Jordan: Tausend kleine Schritte

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Leben mit Zwängen und man selber bleiben: eine einmalige Lebensgeschichte.

Grace kann nicht anders: sie muss die tausend kleinen Schritte zählen, mit denen sie den Alltag bewältigt.

Inzwischen steht sie ohne Arbeit da, denn die Schule erwartete, dass sie Kinder unterrichtet und wollte nicht akzeptieren, dass diese ihrem Zählzwang unterworfen werden.

Mit einer Zwangsneurose zu leben ist bedrückend für den Neurotiker ebenso wie für die Menschen in seiner Umgebung.

Grace Lisa Vandenburg ist seit ihrem 8. Klebensjahr besessen von Zahlen ganz wie ihr Vorbild Nikola Tesla, der große Erfinder, Magier und Zahlenkünstler des 19. Jahrhunderts. Sie zählt alles, was dafür in Betracht kommt: Minuten und Stunden in der Abfolge ihrer regelmäßigen Verrichtungen, Schritte, Einkaufsgegenstände, die Borsten ihrer Zahnbürsten, die auch in der geliebten Zahl 10 vorhanden sein müssen, ihr Zahlen-  und Zählbedürfnis  ist beängstigend. Mit ihren 35 Jahren steht die Lehrerin dann plötzlich an einem Wendepunkt: sie hat Seamus Joseph O’Reilly in einem Kaffee kennen gelernt. Er wird ihr erster Liebhaber seit Jahren und sie ist so fasziniert, das ihr das Zählen sogar entfällt!

In ihrem Roman „Tausend kleine Schritte“ entblättert die Autorin Toni Jordan peu á peu die Zwangshandlungen einer früh geschädigten Person. Indem sie nur die Protagonistin mit ihrem umfangreichen Zahlenwerk sprechen lässt, bekommt man einen unmittelbaren Eindruck von einer Krankheit, die in vielerlei Gestalt den Menschen befallen kann. Ob Waschzwang oder Zählzwang; die Gedanken sind bedrängend und lassen den Kranken nie los, so dass alles andere Denken blockiert ist.

Seamus aber ist klug; er erkennt die Krankheit schon bald, und da er Grace lustig, hübsch und sexy findet, beginnt er, sich Gedanken über Hilfen für sie zu machen. In einer anrührenden und zauberhaften Liebesgeschichte wird man Zeuge einer versuchten Heilung, die ans Herz rührt und in hinreißenden Liebesszenen ihre Höhepunkte sucht und findet.

Toni Jordan hat einen wunderbaren und mitreißenden Roman geschrieben, klar und unumwunden, in dem es um den ganz normalen Alltag geht, um Zahlenlust und Zwangshandlungen, um Liebe, Lust und das reiche Leben. Wir können es nur dann als reich wahrnehmen, wenn wir es mit allen seinen Tücken und Widrigkeiten zu würdigen und zu schätzen wissen. Der allenthalben zutage tretende Humor schaut um die Ecken und zeigt uns, dass auch die ernste Lage einer Zwangskrankheit von der heiteren Seite zu nehmen ist.

Der  mit hohem Preisen in Australien ausgezeichnete Debütroman von Toni Jordan tritt seine Reise um die Welt in vielen Sprachen an.

Toni Jordan
Tausend kleine Schritte
Gebundene Ausgabe: 270 Seiten
Verlag: Piper (September 2009)
ISBN-10: 3492052223
ISBN-13: 978-3492052221

Jean Echenoz: Laufen

Jean Echenoz: Laufen

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Eine Sportlegende macht Furore!

Laufen kann er, – der sagenhafte tschechische Läufer Emil Zatopek!

Zu Beginn des zweiten Weltkriegs 1939 entdeckt er seine Freude am Laufen, obwohl ihn Sport bis dahin nie interessierte. Beim Militärdienst, zu dem er als 17-Jähriger antritt, entdeckt man sein Talent und er läuft, und läuft und läuft! Mit anfänglich noch unausgebildetem Laufstil gelingen ihm doch schon bald erste Erfolge. 1953 erklimmt er den Gipfel sportlicher Leistung und wird Olympiasieger in drei Langstreckendisziplinen.

Seine Karriere als Läufer nimmt überraschende Formen an und parallel dazu verläuft seine Beförderung beim Militär. „Die tschechische Lokomotive“ wird er genannt und sein Laufstil bleibt für alle seine Zuschauer und Konkurrenten ein Wunder.

Im Hintergrund ziehen die politischen Machthaber ihre Strippen und Zatopek bleibt ein Läufer, den beinahe nichts anderes interessiert. Fast ohne es zu bemerken, wird er sein Leben lang zum  Spielball der politischen Verhältnisse. Zuerst läuft er für das „Reichsprotektorat“ Böhmen und Mähren. Nach dem Ende des Krieges läuft er zunächst im Namen der Volksrepublik Tschechien und später des „Sozialismus“ bei Wettkämpfen in aller Welt. Er erkämpft sich eine Trophäe nach der anderen. 1968 erwischt ihn der Prager Frühling dann auf der falschen Seite: nun wird er degradiert und läuft in den Strassen Prags für die Müllabfuhr. Seine Anhänger, die ihn auf jedem Platz und an jedem Ort der Welt bejubeln, verliert er nie.

Jean Echenoz hat am Beispiel des legendären Sportlers und Läufers erzählt, wie man den Sport zu politischen Zwecken nutzen und den Menschen zum Werkzeug eigener Ideologien  missbrauchen kann. Der Ton, im dem er seine Geschichte erzählt, zeigt den Läufer Zatopek als naiven, lieben Mann, der nur ein Ziel kennt: Laufen! Dass der Autor mit seinem Bericht einen exklusiven Politikthriller verbindet, in dem das Klima und die Beschaffenheit eines verruchten Systems karikiert wird, macht sein Buch zu einem amüsanten und anspruchsvollen Unterhaltungsroman. Man folgt belustigt den Kehrtwendungen und den Auf- und Abwärtsbewegungen des Läufers Emil Zatopek, die von den politischen Strömungen seiner Zeit umrahmt werden. Jean Echenoz hat dem legendären Läufer Emil Zatopek ein würdiges Denkmal mit seinem kleinen Roman gesetzt.

Jean Echenoz
Laufen
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag: Berlin Verlag (Oktober 2009)
ISBN-10: 3827008638
ISBN-13: 978-3827008633

David Shields: Das Dumme am Leben ist, dass man eines Tages tot ist

David Shields: Das Dumme am Leben ist, dass man eines Tages tot ist

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Eine kleine Lebens–und Sterbetrachtung!

Von der Wiege bis zur Bahre reichen die Stationen, mit denen uns David Shields in seiner „Anleitung zum Glücklichsein“ beglückt. Seine Mischung aus Sachbuch, Fachbuch und Biographie ist von erfrischender Ehrlichkeit.

Er berichtet abwechselnd über entwicklungsbiologische Tatsachen und Statistiken und belebt diese Fakten mit Erfahrungen seiner Beziehungen zu seinem Vater, zur Tochter und in Erinnerungen an seine eigenen Lebensetappen. Das Wechselspiel zwischen eigenen Erfahrungen und Sachinformation, mit denen der Autor aufwartet, ist belebend, und mit Humor zeigt er die Ambivalenzen, denen wir im Laufe des Lebens in verschiedenen Entwicklungsstufen ausgesetzt sind. Da wechseln Phasen zwischen Liebe und Hass, und der versierte Autor zeigt uns, dass diese ethnologisch überall auf der Welt parallel verlaufen.

Von der Entwicklung des Fötus bis zum Alter reichen seine Ausführungen, die er mit Zitaten aus Werken bekannter Philosophen, Abenteurern und Schriftstellern in loser Folge anreichert.

Zu Beginn schon zitiert er Kommentare zu den Hebräischen Heiligen Schriften, in denen es heißt, dass ein Baby mit geballten Fäusten auf die Welt kommt, als wolle es sagen:“ Alles gehört mir. Ich werde alles erben.“ Wenn der Mensch aber von der Welt geht, sind seine Hände geöffnet, als wolle er sagen:“Ich habe nichts von der Welt in meinen Besitz genommen.“

Die Zeit zwischen dem Leben und dem Tod sei gemessen an der Anzahl der Jahre, in denen die Welt besteht, als gering anzusehen.

Der Wechsel von philosophischer Weisheit und erfahrenem Leben macht den Reiz des Werkes von David Shields aus.

Von Beginn an vermerkt er die Gegenpole Leben und Tod als sich ergänzende Komponenten, die von uns Menschen als schwer verstehbare Ereignisse angesehen werden. Seine Aussagen kulminieren in dem Satz, den er in John Updykes „Hasenherz“gefunden hat:“ Die Fülle endet, wenn wir der Natur das Lösegeld gezahlt haben, wenn wir ihr Kinder übergeben. Dann ist sie fertig mit uns, und aus uns wird, erst innerlich, dann auch äußerlich, Abfall. Welke Blumenstengel.“ Mit anderen Worten, “ Sich vermehren und sterben. Fortpflanzen und Vergessen.“

Nicht zuletzt ist das Buch eine Hommage an den Vater von David Shields, den er mit amüsierten und erstaunten Blicken bei seinem Alterungsprozess begleitet. Ihm verdankt er die Liebe zum Sport und zur Sprache. Auf die Frage nach dem Fazit des Lebens antwortet der Vater: „Das Sterben ist einfach. Das schafft jeder. Zu leben ist das Kunststück!“

Die vielen Anekdoten und Zitate, dazu die melancholisch reflektierten Erinnerungen bieten eine sehr persönliche Note.

Ob wir mit den nüchtern -realistischen Betrachtungen dieses kleinen Werkes glücklich werden?

Diese Bilanz unseres Lebens ist radikal, sie ist genau, und sie ist ehrlich und treffend. Es bleibt bei „Einer Art Anleitung zum Glücksein,“ –in Abwandlung des Titels von dem bekannten Kommunikationsforscher Paul Watzlawik, der mit seinem Buch  „Anleitung zum Unglücklichsein“ Maßstäbe gesetzt und die Bestsellerlisten erobert hat.

Mit seinem Buch lag David Shields lange auf den New York Bestellerlisten.

David Shields
Das Dumme am Leben ist, dass man eines Tages tot ist
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: C.H. Beck
ISBN-10: 3406592856
ISBN-13: 978-3406592850

Manfred Lütz: Irre

Manfred Lütz: Irre

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Geistige Krankheit und Gesundheit: Unterscheidungsmerkmale!

Sich mit der gesunden Reaktion Kranker auf ihre Umgebung und der Krankheit der Gesunden zu befassen, ist schon den englischen Antipsychiatern Ronald D. Laing und David Cooper vor mehr als sechzig Jahren gelungen. Hatten sie doch früh erkannt, dass der Wahnsinn eine gesunde Reaktion auf den ganz normalen Alltag sein kann; der schizoide oder paranoide Patient reagiert vollkommen adäquat auf eine Umgebung, die in ihrem Verhalten die vermeintlich kranken Reaktionen hervorrufen.

Manfred Lütz, der bekannte Psychiater und Theologe, hat den verdienstvollen Versuch gewagt, diese frühe Erkenntnis über den ganz alltäglichen Wahnsinn in humorvoller Weise an den Mann/ die Frau zu bringen, wobei sein Ansatz überwiegend auf der organisch bedingten Krankheit liegt.

Seine Eingangskapitel sind launig und spritzig und beschreiben unseren gewöhnlichen Alltag, in dem nicht jeder, der sich im Verhalten außerhalb der Norm bewegt, schon einer „Diagnose“ oder gar „Behandlung“ bedarf. Für den Laien verständlich und witzig zugleich sind seine Einführungskapitel, wozu auch die heiteren Betrachtungen des Arztes und Komikers Eckart von Hirschhausen im Vorwort beitragen.

Ein Zustand wird nach Lütz erst dann zur behandlungsbedürftigen Krankheit, wenn der Anteil eines so genannter „Leidensdrucks“ als belastendes Kriterium bei der Selbsteinschätzung und Fremdwahrnehmung hinzu kommt. Der Autor berichtet in überschaubarer Form über vielfältige Behandlungsmethoden in der Psychiatrie. Von den Gesprächsmethoden, Verhaltenstherapien und Hypnoseverfahren über die Medikamentenbehandlung bis zum Elektroschock reichen seine Hinweise. Eingeflochten sind Beispiele aus seiner Praxis, so dass er einen gründlichen Eindruck vermittelt, wie mit psychischen Störungen umzugehen sei.

Da der Laie häufig zu vorschnellen „ Diagnosen“ neigt, wird in einem anschließenden Kapitel auch darüber berichtet.

Über Schizophrenie, Depression und Demenz, über Alkohol -und Medikamentenabhängigkeit berichtet er so geläufig wie über Obdachlose und ihre oftmals erschütternden Geschichten.

In einem kurzen Kapitel finden noch die sozial verursachten psychischen Schäden Erwähnung und die Behandlungsmöglichkeiten dafür. Insgesamt ist der Ansatz von Manfred Lütz jedoch organmedizinisch. Den Theorien einer Gruppe von Wissenschaftlern um den Anthropologen Gregory Bateson, der den Begriff des „ double bind“ erfunden hat und in seine Theorien über das menschliche Verhalten einführte, misst Lütz bei seinen Ausführungen keinerlei Bedeutung bei. Er legt Wert auf eine humanitäre Einstellung zu allen Abartigkeiten in der Gesellschaft und vermittelt ein liebevolles und durchaus dem Humor zuneigendes Menschenbild. Der Theologe mit Fähigkeiten zur Wahrnehmung der Komik im Verhalten des Menschen führt hier das Wort. Seine Begründungen für zahlreiche psychische Krankheiten betonen immer wieder die organisch bedingten Ursachen. Damit schafft er Erleichterung für alle jene, die sich „ schuldig“ fühlen, sei es für die eigene Sucht oder für die psychischen Krankheiten ihrer Nächsten.

Für den Laien gut verständlich hat Manfred Lütz ein hilfreiches Buch geschrieben, das auf knapp 208 Seiten einen aufschlussreichen Beitrag zum Thema „ psychische Krankheit“ leistet.

Manfred Lütz
Irre
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Gütersloher Verlagshaus
ISBN-10: 3579068792
ISBN-13: 978-3579068794

Wallace Stegner: Die Nacht des Kiebitz

Wallace Stegner: Die Nacht des Kiebitz

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Subtile Ehegeschichte und Rückschau auf ein langes Leben.

Das Alter bedeutet nicht für jeden nur Spaß und Freude!

Da gibt es die kleinen Wehwehchen überall, und der Körper will nicht mehr so wie einst. Wallace Stegner weiß lebendig davon zu berichten. Sein alter ego ist Joe Allston, ein pensionierter 69 jähriger Literaturagent, der mit seiner Frau Ruth den Lebensabend im geruhsamen Kalifornien verbringt. Er führte alle die Jahre eine gute Ehe mit ihr und ist seiner Frau stets treu gewesen. Ein kleines Geheimnis blieb lange unentdeckt, bis Joe seine Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 1954 wiederfindet. Auf der Reise in die Vergangenheit entdeckt man eine fast kriminelle Familiengeschichte, die es in sich hat.

Sein Berufsleben hat Joe in der anregenden und kulturell lebendigen Stadt New York verbracht. Jetzt bestimmen die Gartenarbeit und gelegentliche Geselligkeiten sein Leben.    Aber ist Joe wirklich zufrieden?

Sein italienischer Freund Césare ist entsetzt über die Abgeschiedenheit seines jetzigen Lebens und den Mangel an abwechslungsreicher Unterhaltung hier im friedlichen Umfeld seiner neuen kalifornischen Heimat.

Mit Witz, Ironie und einer guten Portion Sarkasmus bei gleichzeitiger Empfindsamkeit erzählt Joe Allston über seine kleinen Maläsen, über seine lange Ehe mit Ruth und über ihre eingeübten Gewohnheiten, die sehr originell beschrieben sind. Sie witzeln und kennen die Eigenarten des anderen. Gemütlich ist es allemal, wenn sie zusammen sitzen und Musik hören oder fernsehen. Seine Freunde sind ebenfalls alt, und er sieht, wie der eine oder andere schon scheiden muss. Die alltägliche Gegenwart ist absolut witzig und treffend gezeichnet. Gespräche über den Gartenzaun erzeugen eine sehr persönliche Atmosphäre. „ Der Wind rüttelt sanft, doch energisch am Haus. Man hörte den Regen gegen die Scheiben prasseln. Nichts konnte mehr Geborgenheit bieten als das. Und nichts ist so vergänglich.“

Depressionen überfallen ihn heute zuweilen, wenn er die Kürze der Zeit bedenkt, die seine Altersperspektive ihm gewährt.

Die Tagebücher, aus denen er Ruth eines Abends vorliest, führen die beiden zurück nach Dänemark, wo sich Joe im Jahr 1954 auf Spurensuche nach seinen Vorfahren begeben hatte. Hier beschreibt er ein mit reisendes Paar  als  “ fromm, kleinkariert, strikt gegen Rauchen, Trinken, Kartenspiel, Kino, Bücher, Sprachen, Denken.“ Spießbürger par excellence!

Die Abenteuer in Dänemark wirken fast wie eine eigene eingeschobene Geschichte, die nur mittelbar mit seinem Lebensbericht in Verbindung steht. Das Bild rundet sich und man beobachtet Joe Allston beim Nachdenken und Sinnieren. Geheimnisse werden aufgedeckt, die seiner Geschichte eine spannende Wende geben.

Wallace Stegners Werke handeln vom einfachen Leben, von Freude, Leid und der Vergänglichkeit. Sehr nahe kommt man seinen Empfindungen, denn er schreibt seine Romane wie Berichte an einen guten Freund. So fühlt man sich heimisch bei der Lektüre und meint, man könnte auch zu seinen Gästen zählen. Dieser Autor bietet Geschichten an, in denen es wie im wirklichen Leben zugeht: fröhlich, traurig, ehrlich, aufrichtig und nicht zuletzt oft versöhnlich.

Der Autor Wallace Stegner, 1909 -1993, gehört zu den wichtigsten amerikanischen Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts. Er wurde mit dem National Book Award 1977 ausgezeichnet.

Wallace Stegner  
Die Nacht des Kiebitz
Taschenbuch: 280 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3423247460
ISBN-13: 978-3423247467