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Autor: Claudine Borries

Das Ende ist mein Anfang

Das Ende ist mein Anfang

Tiziano Terzani Das Ende ist mein Anfang DVA
ISBN 3421042926

Dieses Buch ist das Manifest und auch Vermächtnis eines großartigen Journalisten. Er wurde Journalist mit einer Leidenschaft und Beharrlichkeit, die einer Berufung gleichkam.

Am Ende seines Lebens stehend, wohl wissen, dass seine Tage gezählt sind, tritt er in ein langes Gespräch mit seinem Sohn ein, in dem er diesem von seinem Leben und seiner journalistischen Leidenschaft erzählt. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist offen und vertraut.

Tiziano Terzani stammte aus ärmlichen Verhältnissen aus der Nähe von Florenz und hat zielstrebig und intelligent seinen Weg zum Beruf des Journalisten gesucht.
Nach Studium und Berufserfahrung gelangte er als Korrespondent zum Spiegel, für den er Jahre lang aus Asien berichtet hat.
Neben dem Beruf hatte er in sehr jungen Jahren seine Frau gefunden, mit der er in inniger Gemeinschaft verbunden war.

Was er seinem Sohn zu erzählen hat, das zeugt von tiefer Lebenserfahrung, Menschenkenntnis und einem Reichtum an praktischer Erfahrung im Umgang mit politischen Systemen, für die man ihn wahrlich beneiden kann. Er hat Vietnam während des Krieges bereist, er war in China, Indien und Kambodscha und hat von allen Schauplätzen und Kriegsschauplätzen aus dieser Region berichtet. China hatte es ihm besonders angetan.

Angefangen von den Lügen, mit denen politische Systeme ihre Untaten in Kriegen und bei der Unterdrückung ihrer Bevölkerungen kaschieren, über die Korruption einzelner Staaten und der Arbeit ihrer Geheimdienste bis hin zur Konkurrenz unter den Kollegen: es bleibt nichts ungesagt, womit Journalisten in ihrem Berufsalltag konfrontiert werden.
Das Geschichtswissen um eine Region, in der man arbeitet, ist für ihn ein maßgebliches Instrument, um hinter verborgene Wahrheiten zu kommen.

Seine Berufsleben gipfelt in dem Satz: > Auf der Suche nach der Wahrheit durch die Welt zu reisen—- das ist Journalismus>.

Terzani ist unbestechlich und teilweise unter Lebensgefahr seiner Profession als freier Journalist nachgekommen. Je älter er wurde, desto weniger ließ er sich von seinem Weg abbringen. Zuletzt hat er dem Journalismus ganz entsagt.
Er wendet sich indischen Gurus zu und sucht sein Heil in der irdischen Entsagung. Mit dieser Einstellung gelingt ihm ein langsamer und schmerzloser Abschied von der Welt und von seiner Familie.
Am Ende seines Lebens ist er ein weiser Mann geworden, der aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfend ehrlich und aufrichtig das sagt, was er für die Wahrheit hält.

Das ist kein Buch, das einen literarischen Anspruch erhebt, sondern die Aufzeichnung eines sehr anrührenden Gesprächs zwischen Vater und Sohn.

Man liest den Bericht mit Faszination und ist ganz einfach beeindruckt von einem so vitalen, intensiven und abwechslungsreichen Leben und von dem persönlichen Charisma eines ungewöhnlichen Journalisten.
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So lange der Haifisch schläft

So lange der Haifisch schläft

Milena Agus So lange der Haifisch schläft
Klett-Cotta ISBN 3608937498

Dieser wunderbare, heitere, naive, herzerfrischend und sehr italienische Roman reißt den Leser sofort mit!

Eine Familie: Vater, Mutter, Bruder, Großmutter, eine Tante und die Icherzählerin leben zusammen in einem Dorf auf Sardinien.
Durch die Augen der Icherzählerin erfahren wir in leisen Tönen, naiv, lakonisch und treuherzig, wie jeder einzelne lebt und die Welt betrachtet.
Der Vater ist ein Weltverbesserer, der viel fort ist, um in sich in Südamerika als Entwicklungshelfer hervor zu tun. Die schöne Tante schwebt von einem Liebhaber zum anderen; nie klappt es wirklich mit der Liebe. Die Mutter, eine zarte kleine Person, ist von ihrem Mann aus mühevoller Archivarbeit befreit worden und darf nun malen. Sie widmet sich dem Metier mit Hingabe. Der Bruder bleibt im Schatten der anderen, leidet an der Welt und den bösartigen Mitschülern und spielt immer nur Klavier. Die Großmutter gibt über allen schwebend ihre weisen Kommentare von sich.
Und unsere Icherzählerin? Sie schreibt Geschichten und hat einen verheirateten und absolut perversen Liebhaber.

Es geht um Gott und die Welt, um die Liebe, die Leichtigkeit und die Schwere des Seins.
Neben dem irdischen Allerlei des Tages wird immer wieder die Liebe in allen ihren Variationen thematisiert. Die herrlichsten poetischen Liebesbeweise tönen einem entgegen, hinreißend und von feinster Sprache zeugend.
Ohne Trauer und Verlust ist die Liebe nichts. Und so beschwört M. Agus die ganze Welt der Gefühle in ihrem Büchlein herauf.
Sie schreibt mit leichter Feder; selbst die unglaublichsten Einfälle von Perversion werden wie ganz normale leichte Geschichten daher erzählt. Fragen nach dem Lebenssinn und nach Gott werden unbeschwert, kindlich und naiv gestellt und beantwortet.
Die Familie ist scheinbar eng verbunden. Zugleich ist erkennbar, dass jeder seine eigene Philosophie und sein eigenes Bild von Gott und seinen Taten hat. Und zuletzt wird bei aller Einigkeit nach außen auch klar, dass jeder sein einsames Leben abgesondert vom Innenleben der anderen lebt.

Agus beschreibt ihre Charaktere kraftvoll und intensiv. Väter und Geliebte sind oft erotische Helden, die sich allerhand erlauben dürfen. Nichts aber ist verbissen, ehrpusselig oder gar moralisierend. Es ist wie es ist! Das mag als Motto für das Leben der hier beschrieben Menschen gelten.
Bei allem Ernst, der hinter den einzelnen Leben erspürt werden kann, ist die Geschichte heiter, zuweilen traurig, manchmal verzweifelt und melancholisch, immer aber auch südländisch und fröhlich.
Milena Agus ist eine wunderbare Erzählerin!
Man wünscht diesem Buch viele Leser und Leserinnen; es lohnt sich!
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Der Bastard von Istanbul

Der Bastard von Istanbul

Nicht zu wissen, wo man hingehört und wo die eigenen Wurzeln liegen, das kann bedrückend und niederschmetternd sein!

Zwei junge Frauen, weitläufig mit einander verwandt, in ganz verschiedenen Welten zu Hause, die eine in Istanbul, die andere in Amerika, leiden beide an diesem Identitätssyndrom.

Asya ist das uneheliche Kind ihrer Mutter. Sie lebt in Istanbul unter verschwisterten Tanten, Mutter, einer Großmutter und einer Urgrußmutter in einem reinen Frauenhaushalt.
Die Familie gehört zur oberen Mittelschicht, ist akademisch gebildet und teilweise berufstätig.
Den Männern der Familie haftet das Gerücht an, dass sie nie lange leben, weil fast alle Ehemänner, Brüder und der Vater früh verstorben sind.
Um das einzige männliche Familienmitglied vor diesem Schicksal zu bewahren, wurde Mustafa nach Amerika geschickt.

Hier knüpft die amerikanische Geschichte an:
Rose, gebürtig aus Arizona, hatte einen Amerikaner armenischer Herkunft geheiratet, von dem sie geschieden ist. Die gemeinsame Tochter Armanoush aus dieser kurzen Ehe lebt bei ihr. Aus Rache an der großen armenischen Sippe und aus Liebe heiratet Rose in zweiter Ehe den Türken Mustafa, eben jenen Bruder der Sippe der Kazanci aus Istanbul.

Warum die Rache?
Es ist eine bekannte Geschichte, dass Armenier und Türken in Jahre langer Fehde zu einander standen, seit nach dem Ende des Osmanischen Reichs Mitglieder einer jungtürkischen Bewegung die armenischen Intellektuellen rücksichtslos verfolgten, aus Istanbul deportierten und damit den Völkermord an den Armeniern eingeleitet haben.

Neben der Identitätssuche der beiden Mädchen ist dieser Konflikt das ganz große Thema dieses Romans.

Während Mustafa sich aus allen Familienbanden entfernt hat und Amerikaner geworden ist, hat die in San Francisco ansässige armenische Familie ihren starken Zusammenhalt beibehalten und ist von erdrückender Fürsorge für fast alle ihre Familienangehörigen.

Asya und Armanoush sind jede in eine Welt und in Familien hineingeboren worden, in denen es unmöglich ist, Klarheit über ihre Zugehörigkeit sowohl zu einer Nation als auch zu einer Familie zu gewinnen. Auf der Suche nach ihrer wahren Identität begegnen sich die beiden Mädchen in der Familie von Armanoushs Stiefvater in Istanbul.
Hier beginnt die eigentliche Geschichte. Die beiden Mädchen kommen sich näher, teilen abenteuerliche Erlebnisse und Begegnungen und führen viele wunderbare literarische und philosophische Gespräche.
Der ganze Roman ist von einem ungewöhnlichen Zauber verschiedener Welten, Kulturen und dem Zusammenprall unterschiedlicher Völker und Charaktere.

Elif Shafak gelingt es, in einem groß angelegten Zeitgemälde zwei verschiedene Familienszenarien zu zeichnen.

Alle Figuren werden mit ihren Eigenheiten, Sonderbarkeiten, teilweise Verrücktheiten und Aufsässigkeiten und in ihrem ganz gewöhnlich Alltagsverhalten sehr persönlich charakterisiert.
Man bekommt Einblick in innerfamiliäre Familienstrukturen und Lebensgewohnheiten in der Türkei, von denen man hier nur wenig weiß.

Kaum ist je so klar geworden, dass es auch in der Türkei feizügige und liberal eingestellte Stadtbewohner und ein hinterwäldlerisches Völkergemisch gibt, das zu explosiven Spannungen innerhalb des Landes führen kann.

Geschichte und kulturelles Anderssein wird leichter begreiflich, wenn man Eindrücke durch personifizierte Handlungen vermittelt.
Elif Shafak ist das mit diesem Roman gut gelungen.
Sie ist eine angesehene Autorin, vielfach ausgezeichnet und gleichzeitig in der Türkei für diesen Roman verfolgt, angeklagt und frei gesprochen worden, da sie das Tabu des armenischen Völkermordes hier thematisiert hat.
Dieses Buch ist lesenswert und hoch aktuell.

Elif Shafak
Der Bastard von Istanbul
Auf Spurensuche nach Istanbul
ISBN:3821857994
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Hochzeit in Jerusalem

Hochzeit in Jerusalem

Niemand will ständig von der Familie behelligt werden, um familiäre Angelegenheiten für andere, insbesondere Verheiratungen, mit zu regeln. Die junge Anja gerät in eine bedauerliche Lage, da ihre Mutter sie drängelt, für den Bruder eine Braut aufzutreiben.
Sie ist nicht erbaut und verweigert sich diesem Anliegen!

Als Kontingentjüdin ist sie mit ihrer Familie Anfang der neunziger Jahre aus Russland nach Deutschland gekommen und lebt inzwischen nach westlichem Muster ihr eigenes Leben.

Im Internet stößt Anja zufällig auf Julian.
Er sucht Hilfe, um seinen jüdischen Wurzeln auf die Spur zu kommen. Sein Vater hatte ihn recht unvermittelt darüber in Kenntnis gesetzt, dass er durch ihn, seinen Erzeuger, jüdischer Herkunft sei. Viel mehr kann er von diesem schweigsamen und von der Mutter geschiedenen Mann leider nicht erfahren.
Anja bietet dem neuen Freund unvoreingenommen und ohne tiefere Absichten ihre Hilfe an.
So beginnt eine Reise durch das Dasein als Jude im heutigen Deutschland und in die Vergangenheit gekoppelt an eine nicht ganz einfache Beziehung zu Julian.

Da ist von den Gutmenschen die Rede, die sich heute gerne und fast aufdringlich mit jüdischen Freunden umgeben; da gibt es eine Vielzahl von Verwandten hier und in aller Welt verstreut, die auf eine chaotische Weise alle miteinander verbunden sind. Und wie hat man sich überhaupt jüdisches Aussehen vorzustellen? Keine anzügliche Frage bleibt ausgespart.
Anjas Erinnerungen an Russland und ihr Leben heute zeigen anschaulich, wie sehr das Leben und die Identitätssuche gerade der jüngeren Generation jüdischer Herkunft mit den Jahren und abhängig von den Ortswechseln einem Wandel ausgesetzt ist.

Julian will mehr über den jüdischen Glauben und die religiösen Riten herausfinden. So planen die beiden jungen Leute eine Reise nach Jerusalem. Unvermutet und nicht gerade erwünscht schließt sich die Familie von Anja den Reisenden an, um bei der Hochzeit einer Cousine dabei zu sein.
Die Hochzeit in Jerusalem bietet Anlass, sich all derer zu erinnern, die überall und nirgendwo zu Hause sind!

Es handelt sich bei diesem Buch um eine Mischung aus Identitätssuche und Entwicklungsroman.

Die spritzige Lebendigkeit, mit der Erfahrungen und Begegnungen beschrieben werden, ist von hintergründigem Humor und feiner Selbstironie.
In einem unkonventionellen Stil und mit einfallsreichen Gedanken wird die Mischpoche unter die Lupe genommen.

Das Buch ist voller Ideen, feinem Zynismus und freimütiger Beobachtung. Mit lakonischen und unbefangenen Bemerkungen amüsiert sich die Protagonistin über Jugendliche mit linken Ideologien und reichen Eltern im Hintergrund. Andere modische Ideologien werden auf feinsinnige Art auseinander genommen.
Die leise Melancholie zum Ende der Erzählung hin bietet eine Ahnung davon, dass das Leben in der Fremde nicht immer leicht zu ertragen ist.

Die Autorin hat ein ähnliches Schicksal wie ihre Heldin.

Sie ist jung, kommt aus Russland und bezeichnet sich als jüdische Deutsche. Mit ihrem ersten Roman Meine weißen Nächte (2004) war sie sehr erfolgreich. Sie wurde 2005 mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet.
Man wünscht sich noch viele gleichwertige Romane aus ihrer Feder!

Lena Gorelik
Hochzeit in Jerusalem
Auf Identitätssuche
ISBN:3865550371
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Margarettown

Margarettown

Ist dieser Roman ein Märchen, eine verzaubernde Geschichte oder eine Hommage an die Frauen in ihren verschiedenen Lebenszeiten?

Alles fängt ganz realistisch an, als der Icherzähler eine Studentin aufsucht, der er ein Examen in Philosophie abnehmen soll. Da sie nie in seinem Seminar erschienen ist, wird er sie durchfallen lassen müssen, will aber zuvor wenigstens wissen, wer das ist, den er da durchfallen lassen wird. Es ist Margaret aus Margarettown!

Ganz unvermittelt finden wir die beiden in einer Beziehung wieder, die in New York spielt.

Sie fahren in ihren Heimatort, Margarettown, wo es nur das Haus mit dem Namen Margaron gibt.

Zuerst dreht sich alles um die Namen Margaret, die es in vielen Versionen gibt, und die uns anhand einer langen Epistel erläutert werden. Auch in dem Haus gibt es alte und junge Margarets mit abgewandelten Namensbildungen. Sind sie alle echt oder nur Verkörperungen der einen und einzigen Margaret?
In die reale Handlung werden magische und träumerische Begebenheiten hineinphantasiert.
Wir wissen nicht, wo die Wirklichkeit aufhört und wo die Vision beginnt!
Was zuerst eher an ein Märchen denken lässt, wandelt sich zu einer wahren Geschichte.

Der Protagonist erzählt sie seiner Tochter. Er berichtet von seinen Eltern, seinem Leben mit ihrer Mutter, von Tanten und von seinem Onkel, der ihm ein reiches Erbe vermacht hat.

Die Geschichte handelt von der Liebe, von Treue, von Trennungen und vom Abschied. Sie handelt von den Veränderungen im Menschen und von dem, was wir zu sehen glauben und für wahr halten, oder was wir nur als Wahrheit interpretieren. Sie ist ernst und heiter, und traurig und voller Komik; und sie enthält viele wahre Einsichten über das Leben und den Tod!
Leicht und verzaubernd kommt die Geschichte daher, und genauso leicht liest sie sich auch.
Die Autorin ist begabt, Lebenswirklichkeiten beschwingt und
heiter zu erzählen, ohne den Ernst dahinter zu verbergen.
Alles ist so fern jeder Lebensdramatik und Düsternis, dass der Leser sich aller Erdenschwere entrückt glaubt. Und doch ist man angerührt von diesem überaus klugen Buch einer noch so jungen Autorin.
Es handelt sich um eine entspannt erzählte Lebens – und Liebesgeschichte, die voll tiefer Weisheiten steckt. Man findet dergleichen nicht so schnell auf dem Büchermarkt.

Zauberhaft und sehr lesenswert ist dieser wunderbare Roman!

Gabrielle Zevin
Margarettown
Humorige und weise Geschichte über das Leben und die Liebe
ISBN:3827005973
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Irgendwo

Irgendwo

Es sind ganz normale Menschen in ganz verrückten Geschichten, die uns in den Erzählungen von Agota Kristof über den Weg laufen.
Man meint, das Leben sei auf den Kopf gestellt.

Da findet eine Frau ihren Mann am Morgen mit einem Beil im Kopf. Er liegt blutüberströmt auf dem Boden neben dem Bett. Sie macht ganz naiv Mitteilung davon. Sie erzählt so, als sei es ganz normal und überhaupt nicht verwunderlich. Die Geschichte ist kurz und zuletzt verflüchtigt sie sich wie ein offen gelassener Satz…

Da will ein Kind ein Gewehr und bekommt es nicht, weil es kein schönes Spielzeug sei, woraufhin es beschließt, die verlogenen Erwachsenen, die selber mit richtigen Gewehren spielen, später einmal umzubringen.

Ein Mann flüchtet aus der lauten Stadt in die Stille eines Bauernhofs. Doch bald ist sein Grundstück von einer neu gebauten Autobahn eingeschnürt, eine Müllverbrennungsanlage entsteht und in seiner Nähe werden zwei Gastanks aufgestellt. Als er die Stadt besucht, findet er Blumenbeete, verkehrsberuhigte Strassen und eine idyllische Ruhe vor.
Eine andere Geschichte, der Kanal, erscheint wie ein Traum. Ein Mann sieht sein Auto verbrennen, dann sucht er seinen Sohn und das Haus, in dem er aufgewachsen ist. Am Ende begegnet ihm ein Puma. Er unterhält sich mit ihm. Es endet vollkommen ungereimt und verrückt.

So reiht sich eine Geschichte an die andere.

In kurzen Sätzen und einem ruhigen und lakonischen Ton werden die absurdesten Ereignisse vorgetragen.
Die Naivität und die Selbstverständlichkeit, mit der diese ungewöhnlichen Geschichten erzählt werden, sind teilweise urkomisch und gleichzeitig faszinierend. Neben der Verrücktheit lauert die ganz gewöhnliche Wahrheit: dass man vielleicht froh ist, wenn der Mann mit seinem nächtlichen Schnarchen endlich Ruhe gibt; dass ein Kind wütend ist auf Erwachsene, die mit ihren Widersprüchen für ein Kind nicht zu verstehen sind. Und die ganze Wahrheit ist, dass die Natur auf dem Bauernhof durch zivilisatorische Einflüsse verloren geht, und dass man in die Stadt Dank bürokratisch eingreifender Maßnahmen, bereinigter Luft und in ruhige Straßen wieder zurückkehren kann.

Agota Kristof bedient sich eines schwarzen und trockenen Humors, um die Welt mit ihren traurigen, schönen, grausamen und wahren Gesichtern zu zeigen. Was makaber anmutet, das wird so erzählt, als sei es ganz normal.

Diese kleinen Nouvelles lesen sich leicht und wie zwischendurch. Sie wirken unbeschwert und sind dabei kein bisschen oberflächlich.
Es geht um kleine Lebensskizzen, die, herausgeschnitten aus einem Ganzen, wichtige Details wiedergeben, um ganze Gesellschaftszustände zu beschreiben.
Hervorragend und sehr zu empfehlen!

Agota Kristof
Irgendwo
Verrückte Welt mit Wahrheitsgehalt
ISBN:3492048714
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Über Nacht

Über Nacht

Wenn es möglich wäre, würde ich diesem Roman sechs Sterne zubilligen!
Es geht um zwei Frauen, zwei Menschenleben, zwei Schicksale: ihre Wege kreuzen sich in Rom.
Was aber haben sie gemeinsam, was führt sie zusammen?
Es sind zuerst die Männer und dann das Leben, das sie mit Alter, Krankheit und Tod konfrontiert.

Beide Frauen sind jung und im besten Alter.

Mira in Rom geht unverdrossen ihrer Arbeit in der Altenpflege nach, die sie eher nüchtern und sehr menschlich verrichtet. Im Altenpflegeheim erlebt sie die Bewohner mit ihren misanthropischen Einstellungen und sieht Abhängigkeiten und Autonomieverluste, die nachdenklich stimmen. Wunderbar werden einzelne Alte mit ihren skurrilen Sonderlichkeiten beschrieben.

Privat steigert sich Mira in eine schleichende und von Ahnungen beflügelte Eifersucht hinein, weil sie ihren Mann einer Affäre verdächtigt.

Irma ist in Wien ansässig, hat einen Sohn von einem davon gelaufenen Liebhaber und bekommt gerade eine neue Niere transplantiert. Sie geht nach der Transplantation ihrem Alltag nach, versorgt ihren kleinen Sohn und verdient sich mit Interviews von Menschen mit aussterbenden Berufen ihren Unterhalt. Auf diese Weise entstehen sehr phantasiereiche und poetische Erzählungen.

Neben der Frage über die Zulässigkeit von Transplantationen quälen Irma Schuldgefühle, weil der Tod eines anderen Menschen ihr erst das Fortleben ermöglicht hat.

Sehnsucht nach der wahren Liebe treibt beide Protagonistinnen in gleicher Weise um. Abgründe aber tun sich ihren Liebesbeziehungen auf! In Rom befindet sich der Mann, dessen Existenz für beide Frauen schicksalhaft ist..
Die Konfrontation mit dem Tod, mit Alter und Siechtum und die Unvereinbarkeiten, die zwischen Männern und Frauen bestehen, bilden eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden Frauen.

Die eine kann mit ihrem Mann nicht weiterleben, die andere wagt nicht, sich auf neue Beziehungen einzulassen.
So schwanken beide zwischen Hoffen und Zweifeln.

Der Leser fiebert mit, wie die beiden ihr Leben in den Griff bekommen werden.

Liebe, Krankheit und nie versiegende Hoffnung sind die großen Themen in diesem Roman. Das Thema ist weit umspannend, dessen sich die Autorin angenommen hat.

Gruber befleißigt sich einer Sprachfertigkeit, die keinen Moment Überdruss oder Langeweile aufkommen lässt.
Die Straßen, Plätze, Märkte und Cafes in Wien und Rom werden vielfarbig und bunt beschrieben. Alle handelnden Personen und die Alten im Heim sind lebendig und charakterlich so unterschiedlich gezeichnet, dass man sich eine lebhafte Vorstellung von ihnen machen kann. Verzweiflung und Zuversicht, je wen sie betreffen, entsprechen dem wahren Leben.
Jeder Satz ist ein Genuss und es werden Allegorien ins Spiel gebracht, die manche Zusammenhänge gut versinnbildlichen.

Die Geschichte bewegt sich auf hohem Niveau und regt zu Reflexionen an. Profane Abgründe werden dabei nicht ausgespart.
Dieser talentierten und sprachgewandten Erzählerin ist weiterhin viel Erfolg zu wünschen!

Sabine Gruber
Über Nacht
Von Liebe und Freude, von Hoffnung und Vergangenheit
ISBN:3406556124
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Schöne Verhältnisse

Schöne Verhältnisse

Wenn man eine Geschichte in Lacoste in der Provence ansiedelt, so lässt das schon Schlüsse auf die Handlung zu.
Hier befindet sich nämlich das Schloß des Marquis de Sade!

Die Villa der Familie Melrose liegt bei Lacoste.
Der Hausherr David Melrose, Engländer wie seine Frau, beschießt gerade mit dem Wasser aus einem Gartenschlauch Ameisen, die sich auf ihrem Weg trollen oder erledigt sie mit einer glühenden Zigarette Er ist an die sechzig Jahre alt. Seine Frau Eleanor trinkt, raucht und nimmt jede Menge Medikamente. Ein kleiner Sohn von fünf Jahren spielt zwischen alten Gemäuern im Garten. Er ist sich selbst überlassen und offensichtlich nicht sehr erwünscht.

Was leicht sadistisch mit dem Jagen und Töten von Ameisen beginnt, wird weitergeführt mit dem Bericht über eine Reihe von Menschen, die uns in dieser ländlichen Villa begegnen.
Die englische Adelsschicht gibt sich ein Stelldichein und zu jeder Person gehört eine Geschichte.

Ein älterer Philosophieprofessor jüdischer Herkunft gehört zu den Freunden des Hauses ebenso wie seine amerikanische Freundin Anne, Nicholas und seine vulgäre Freundin Bridget.

Die Gesellschaft pflegt Kontakte und hält die Etikette ein. Gespräche sind geistreich und beweisen Bildung, wechseln jedoch häufig zu zynischer Überheblichkeit, bei der jeweils der eine erniedrigt, der andere mit dem Mythos der Überlegenheit ausstattet wird. Man weiß, woher jeder kommt. Eton als Ort der Bildungsherkunft ist die mindeste Voraussetzung, um hier dazu zu gehören.

Insgesamt handelt es sich um eine dekadente und überdrüssige Gesellschaft. Jeder beäugt jeden und jeder weiß über jeden Nachteiliges zu berichten.
Keiner kann sicher sein, dass er nicht Zielscheibe von bösartigen Gerüchten und morbiden Unterstellungen wird.
Im Zentrum aller Figuren steht David, ein bösartiges Ungeheuer, der mit seinen Sarkasmen alle übertrifft.
Ein unerhörter Zwischenfall lässt ahnen, dass sich an diesem Ort Tragödien sadistischen Ausmaßes abspielen.

Die Geschichte ist packend und randvoll mit scharfen Monologen und Dialogen. Dazwischen gibt es malerische Landschaftsbeschreibungen, mit denen die Provence ins Blickfeld gerückt wird.
Mit schwarzem Humor und kritischem Blick karikiert der Autor Abgründe in der Gesellschaft. Eine scheinheilige Adelswelt, ihre verlogenen Ansichten und die gegenseitigen Abhängigkeiten werden entlarvt.
Da die Geschichte in Frankreich spielt, wird Distanz zu DER englischen Oberschicht geschaffen. Es sind einzelne, die dieses Leben führen. Sie haben keine Aufgaben, frönen dem Müßiggang und sind vor allem reich.

Die Figuren werden einfallsreich und tiefgründig beschrieben. Einige der Schilderungen sind mir fast ein wenig zu weitschweifig. Z.B.: ein Glas Pastis stand wie eine eingefangene Wolke auf dem Klavier.
Man kann darüber hinwegsehen.
St Aubyn ist ein renommierter englischer Autor. Das beweist er mit diesem Buch erneut.
Die Geschichte ist anspruchsvoll und spannend erzählt. Sehr lesenswert!

Edward St Aubyn
Schöne Verhältnisse
Eine morbide Gesellschaft
ISBN:3832180125
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Zwei Leben und ein Tag

Zwei Leben und ein Tag

Anna Mitgutsch Zwei Leben und ein Tag

Luchterhand Verlag ISBN 3630872565
Psychogramm einer Ehe

Die Prallelen zweier Lebensgeschichten: H. Melville gibt den Stoff zu der einen, das Leben von Edith und Leonard beinhaltet die zweite.

Letztere sind sich in jungen Jahren begegnet. Leonard schrieb an einer Dissertation über Melville und hatte damit Ediths Interesse geweckt. Sie willigte nur zögerlich in eine Beziehung zu ihm ein, die in eine Ehe mündete.

Nach vielen Jahren ist sie geschieden von Leonard und erinnert sich in der Form des Briefromans noch einmal an die Stationen ihrer Ehe.

Eingebettet in Beschreibungen der Natur um den Hudson River, wo alles begann, wird zugleich Hermann Melvilles Leben, seine Ehe und seine Dichtung in die Erzählung einbezogen.
Es gibt Parallelen zwischen beider Ehen: das anfängliche Glück z.B., das schon bald von einem unsteten Nomadenleben und mangelnder Behaustheit bei beiden Paaren gekennzeichnet ist.
Edith und Leonard sind beruflich viel in Ländern Südostasiens und Osteuropas unterwegs gewesen, weil Leonhard in Amerika keine Stelle finden konnte.
Aus der Ehe von Edith und Leonard ging ein Sohn hervor, der psychisch krank ist. Schreckliche Panikzustände und auffällige Verhaltensweisen haben die Eltern auf eine harte Probe gestellt und ließen sie verzweifeln an seiner Fortentwicklung. Er bleibt ein Außenseiter, der sich in keine Gesellschaft einfügen kann. Durch seine Entwicklung bekommt die Geschichte eine nachhaltige Dramatik.

Auch in H. Melvilles Leben gab es Unvereinbarkeiten zwischen Eltern und Söhnen und das Außenseitertum.

Ediths Betrachtungen zwischen kontemplativer Rückschau, empathischer Einfühlung in die Familiengeschichte Melvilles und realistischer, traurig-melancholischer Einsicht in die nicht gelungene eigene Ehe, ist anrührend.
Anna Mitgutsch kann mit ihrem Sprachtalent psychische Empfindungen zwischen Menschen beschreiben, die außerordentlich nahe an der Realität sind.
Sprachlosigkeit, Angst, Beklemmung, Nähe – und Distanz finden präzisen Ausdruck.
Sie beschreibt wechselnde Gefühlswelten, die für die Beziehung zwischen zwei Menschen beängstigend und befremdlich sind.
Mitgutsch beweist mit dieser Geschichte eine klare Denkungsart. Sie spiegelt uns ein Bild zwischenmenschlicher Beziehungen, das im täglichen Leben vorkommt, das aber selten in dieser reflektierten Weise vorgetragen wird.

Zugleich entsteht ein Panorama der Welt Melvilles, das fast einer Biographie dieser unsteten, düsteren, von Zweifeln, Wut, Hass und Getriebensein bedrückten Persönlichkeit gleichkommt.

Die Spannung der Erzählung wird durch die zügig vorangetriebene Geschichte bewirkt. Der Roman ist anspruchsvoll, psychologisch -analytisch klug aufgebaut und sehr genau konstruiert und schlüssig durchgearbeitet.
Man liest ihn mit anhaltender Spannung.

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Präludium für Josse

Präludium für Josse

Dieses Buch ist ein kleines Meisterwerk, unaufdringlich und bescheiden.

Angesiedelt ist die Geschichte in einem kleinen Ort in Niedersachsen.

Eine zarte Beziehung beginnt zwischen dem sechzehnjährigen Holtes und der Abiturientin Josse.
Sie lernen sich über die Musik und insbesondere die Musik von Bach kennen. Josse spielt Orgel und wird bald mit einem Studium der Kirchenmusik beginnen.

Holtes und Josse nutzen ein paar freie Tage in den Sommerferien, um eine Reise nach Lübeck auf den Spuren Bachs zu erleben.
So beginnt eine bezaubernde Liebesgeschichte zwischen den beiden. Zart, zurückhaltend und unspektakulär wandern sie durch die sommerliche Natur, beobachten die Landschaft, die Tiere und Pflanzen und nächtigen auf freiem Feld im Schlafsack, bestenfalls noch unter einem Igluzelt.
Holtes traut sich nur sehr zaghaft, seinen Gefühlen für Josse Ausdruck zu verleihen.

Sie besuchen Kirchen in Lüneburg und Lübeck, und Josse darf sogar einmal auf einer Orgel in Lübeck spielen.

Ihre Jugend und die Musik von Bach gestatten den beiden einen unverbildeten und vorsichtig tastenden Blick in die Zukunft und auf die Welt der Erwachsenen.

Der Großvater von Holtes, sein schwieriger Vater, die verständnislose Mutter, die Familie von Josse: sie alle bilden den Rahmen für eine Erzählung, in der sich Kinder aus der Welt der Erwachsenen entfernen, um ihren eigenen Weg zu suchen.

Als der Sommer zuende geht, zieht Josse nach Freiburg zum Studium und Holtes muß weiter die Schule besuchen.

Holtes hängt melancholischen Erinnerungen über die vergangenen Sommertag nach. Hat er etwas versäumt, weil er nicht wusste, wie und auf welche Weise er sich Josse nähern könnte?

Für mich war das Buch voller poetischer Feinheiten und nachdenklicher Reflexionen über den Beginn des Erwachsenwerdens.

Snorre Björkson
Präludium für Josse
Zarte erste Liebe
ISBN:3351030851
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