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Autor: Claudine Borries

Liska und ihre Männer

Liska und ihre Männer

Alexander Ikonnikow ist ein noch junger russischer Autor.
Im Klappentext wird sein Romandebüt als “ Kalaidoskop der russischen Provinzgesellschaft“ bezeichnet. Das trifft es sehr genau.

Liska, die Hauptprotaginistin, entstammt einem sehr kleinen Dorf; die Mutter verdient sich, nachdem der Vater verschwunden ist, ihren Lebensunterhalt mit Prostitution.
Irgendwann wird Liska in die Stadt zum Studieren geschickt. Dort macht sie sehr spannende Lebenserfahrungen. Sie muß sich um Job, Studium und Wohnung kümmern. Die Wohnungen sind natürlich z.T. gräßlich. Sie schließt Freundschaft mit Frauen der unterschiedlichsten Mentalität und Profession und begegnet den verschiedensten Männern: Stromern, reichen Parteigenossen, braven Arbeitern und lebt mit den verschiedensten Typen zusammen.
Wodka fließt in Strömen, und Geselligkeit ist hoch angesehen.
Über diesen Lebensalltag wird mit viel Witz, Humor und Schalkhaftigkeit berichtet.
Das Buch ist amüsant und locker-leicht geschrieben, fast wie eine Art Schelmenroman gepaart mit der russischen Seele , die vieles lakonisch und gelassen nimmt.
Es ist die karge Nach-Stalinära, in der die Dörfer und Städte in Armut und materieller Erbärmlichkeit erstarren. Dennoch liest sich das Buch keineswegs deprimierend, sondern es ist zügig und witzig in gutem Stil und in der schönen Tradition russischer Erzählkunst geschrieben.

Daß es zu einem aparten und ungewöhnlichen Happy-End kommt, hat mich zu dem Schluß kommen lassen: es ist ein wunderbares Buch!

Cl.B.

Alexander Ikonnikow
Liska und ihre Männer
Ein Lebensbild aus Russland
ISBN:349803216x
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Oskar und die Dame in Rosa

Oskar und die Dame in Rosa

Schmitt E.E. Meridiane Ammann ISBN 3250 60057 1

In einer anrührenden Geschichte wendet sich der zehnjährige Oskar, der weiß, daß er sterben wird, an die Dame in Rosa, um mit ihr seine wirklichen tiefsten Gedanken über seine Angst vor dem Sterben und dem Tod zu besprechen.
Die Dame in Rosa ist ein jener Frauen, die es sich zur sozialen Aufgabe gemacht haben, im Krankenhaus mit ihren Besuchen Menschen und Kindern in seelischer Not zu helfen.

Sie fängt es sehr vertrauenswürdig an, kleine Geheimnisse mit Oskar zu teilen.

Er kann ja mit niemandem so offen sprechen wie mit ihr. Seine Eltern und die Ärzte belügen ihn über seinen wahren Zustand. Er belauscht ihre Gespräche und weiß bescheid.

Die Dame in Rosa führt ihn spielerisch an den Gedanken mit Gott heran. Man sieht, daß hier Trost zu finden ist für den kleinen Jungen, auch wenn die Gottgläubigkeit weder für den LeserIn noch für die anderen handelnden Personen in der Geschichte Vorbedingung wird, um sich mit den letzten Dingen zu beschäftigen.
Es ist ein schönes, liebenswertes, ernst und heiter zugleich berührendes Büchlein. E.E. Schmitt versteht sich auf die Seelenzustände von Kindern; das hat er schon mit seinen Werk “ Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ bewiesen.
Claudine Borries 07/03Bestellen

Middlesex

Middlesex

Jeffrey Eugenides Middlesex ISBN 3 498 01670 9

Nach Jonathan Franzen und J.Safran Foer ist nun Jeffrey Eugenides mit einem meisterhaft geschriebenen Roman hervorgetreten.

Vom Jahr 1922 bist 1980 spannt sich der Bogen einer Familiensaga, die ihresgleichen sucht.
Flüchtlinge griechischer Herkunft , die Geschwister Eleutherios und Desdemona, fliehen 1922 im Zusammenhang mit dem Zerfall des osmanischen Reichs vor den marodierenden und mordenden Türken zuerst nach Smyrna und schließlich in die USA.
In Detroit treffen die beiden auf ihre Cousine Sourmelina, verheiratet mit Jimmy Zizmo , einer recht zwielichtigen Figur.
Eleutherios heißt nun Lefty, Sourmelina wird zu Lina, nur Desdemona behält ihren Namen.
Aus einer bravourös inszenierten Geschwisterehe zwischen Lefty und Desdemona geht ein Sohn mit Namen Milton hervor und nach einigen Jahren die Tochter Zoe. Sourmelina und J.Zizmo bekommen die Tochter Tessie.
Cousin und Cousinen wachsen zusammen in einem Haushalt auf, und wieder kommt es zwischen ihnen zu einer Verwandtenehe. Milt und Tessie heiraten. Ein Sohn und die Tocher Calliope gehen aus dieser Verbindung hervor. Calliope ist die/ der Icherzähler. Die Zwitterbezeichnung hat etwas mit einer sehr ernsten und verstörenden Erfahrung für alle Beteiligten zu tun.

Voller Witz , Humor und Phantasie werden in die Verbindung der Geschwister
Eleutherios und Desdemona und die folgenden Familienverwirrungen Fragmente aus der griechischen Götterwelt hineingesponnen. Es bleibt aber nicht bei den mythischen Deutungen , sondern sehr realistisch erfährt man im Laufe der Lebensbeschreibungen dieser Personen etwas über die zuerst griechisch -türkische, später amerikanische Geschichte. Prohibition, Börsenkrach und Wirtschaftskrise 1929, Koreakrieg und Rassenkravalle 1967,–das Leben spielt sich im Rahmen dieser historischen Ereignisse ab.
Daß die ehemaligen Griechen mit ihren Erinnerungen und noch in der Vergangenheit wurzelnden Gewohnheiten allmählich Sprößlinge hervorbringen, die der amerikanischen Zivilisation verbunden sind, liegt auf der Hand. Desdemona ist wohl diejenige, die die Tradition der Vergangenheit am wenigsten abstreifen kann und sich in düsteren Vorahnungen und von Gott erwarteten Bestrafungen verfängt.
Der Übergang von der zuächst von mythischen und auch komischen Bestandteilen durchsetzten Handlung zur realen, nüchternen amerikanischen Wirklichkeit ist für meine Begriffe hervorragend gelungen.

Das Buch ist voller Einfallsreichtum, eine Episode reiht sich an die andere, phantastisch, überschäumend , nie aber geht der Faden der Familiengeschichte verloren.
Viele der beschriebenen Erfahrungen regen zum Schmunzeln an, andere zum Nachdenken. Atemlos folgt man den Familienereignissen , keine Minute möchte man das Buch aus der Hand legen. Sprachlich und inhaltlich bleibt der LesrIn bis zuletzt gefesselt. Ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen.

Von Erzählern dieser Art wünscht man sich noch viele!

Claudine Borries

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Monsieru Ibrahim und die Blumen des Koran

Monsieru Ibrahim und die Blumen des Koran

Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran Eric-Emmanuel Schmitt
Ammann Verlag ISBN 3 250 60055 5 S. 101

Eine wunderbar leichte, heitere und liebenswerte Erzählung ist die Geschichte von Monsieur Ibrahim und seinem Ziehsohn Moses.
In allen Lebenslagen weiß Monsieur Ibrahim, ein Kolonialwarenhändler in der Rue Bleue in Paris, Rat für den einsamen , sich selbst überlassenen Sohn eines schwermütigen Rechtsanwalts: ob es ums Klauen, um die Liebe oder um das Fahren ohne Führerschein geht.
So entwickelt sich eine Vater-Sohn- Freundschaft, die von rührender Standfestigkeit zueinander zeugt.
Thema ist nicht , ob einer Araber oder Jude sei, sondern daß über alle Vorurteile hinweg im anderen der Mensch zu sehen ist mit seinen Gedanken, Kümmernissen und Freuden. Ganz eigene Kriterien gelten für das Dasein dieser beiden Hauptprotagonisten. Am Ende ist nicht einmal sicher, ob Monsieur Ibrahim überhaupt Araber ist: denn Araber sein bedeutet in der Branche „nachts und auch am Sonntag geöffnet“.
Das Buch liest sich unbeschwert, so wie die ganze Geschichte eine gewisse Leichtigkeit des Seins erkennen läßt; gleichwohl sind die übermittelten Lebensweisheiten nicht oberflächlich oder gar unernst.
Ich habe das Buch schnell und gerne gelesen und kann es sehr empfehlen!
Claudine BorriesBestellen

Zwölf

Zwölf

Der Autor hat den Roman “ Zwölf“ im Alter von 17 Jahren geschrieben.
Er gilt als shooting-star in den USA.

Es ist wohl seine eigene Geschichte, die der Autor hier in Abwandlungen beschreibt.

New York in den neunziger Jahren: es ist eine “ lost generation“, die zu dieser Zeit in der Stadt heranwächst. Junge Leute, teenies, wollen eine Sivesterparty feiern.
Zuvor erleben wir einige Protagonisten/Innen , wie sie ihre Ferien und Freizeit zu Hause in NY verbringen. Sie stammen fast alle aus reichen Familien und besuchen gewöhnlich ausgesuchte Internate oder Colleges.
Die Eltern gehen ihren eigenen Geschäften und Vergnügungen nach und überlassen ihre Kinder weitgehend sich selber.
So gammeln die jungen Leute in den Tag hinein, sehen fern, gehen aus, trinken, dealen oder konsumieren Drogen verschiedenenster Art. Eine davon, besonders hervorgehoben, heißt“ Zwölf“.
Mike White ist der Hauptprotagonist: er dealt nur , nimmt aber selber keine Rauschmittel.
Er erlebt mit, wie Freunde in Morde verwickelt werden, im Gefängnis sitzen, immer wieder nach neuen Gefährtinnen Ausschau halten und mit ihren pubertären Schwierigkeiten alleine bleiben.
Die ganze Geschichte gipfelt in der Silvesterparty, die einen schlimmen Ausgang nimmt.

Literarisch konnte ich dem Buch wenig abgewinnen.

In Zeiten, in denen in Erfurt ein Schüler ein Massaker anrichtet, Berichte aus den USA über Gewaltverbrechen in Schulen die Menschen aufrütteln, zeigt dieses Buch aber die Hintergründe, die zu solchen Exzessen führen könnten: Einsamkeit, Überdruss und Überfluss an materiellen Gütern, innere Leere und Angeödetsein, ohne familiären Bezug und Austausch.

Es ist ein trauriges Buch, daß den Leser/In ratlos zurückläßt.

Ich empfehle die Lektüre dennoch,weil sie einer Zeit Ausdruck gibt,die für viele junge Leute mit Orientierungslosigkeit beginnt und im Chaos endet.

Claudine Borries

Nick McDonell
Zwölf
Eine amerikanscieh Tragödie
ISBN:3462032283
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Das sterbende Tier

Das sterbende Tier

In einer stillen und mitreißenden Art und Weise läßt uns Philip Roth teilnehmen am Leben eines alternder Professors der Literaturwissenschaften.
Der Icherzähler legt Rechenschaft ab über sein Leben, vor allem sein Sexualleben, das er neben seinem intellektuellen und arrivierten Leben als Kulturkritiker und Radiokommentator lebt. Seine Affäre mit einer um 38 Jahre jüngeren Studentin nimmt breiten Raum ein; sie scheint seine letzte große Liebe gewesen zu sein . Seine Besessenheit von ihr wird in realistischen aber auch zarten Tönen beschrieben.

Wir hätten es nicht mit einem Autor wie Philip Roth zu tun, wenn er uns nicht mit subtilen Beschreibungen eine Kuturkritik mitlieferte.
So erinnert sich der Professor an seine Ehe und an die Gewöhnung, die alle Beweglichkeit zunichte macht; an seinen Sohn, der ihn lange Zeit abgelehnt hat und an die Zeitläufte, mit denen das Sexualleben, auch das seiner etablierten Freunden, auf der Strecke bleibt.
Daß es nach der zwangsläufigen Trennung von Consuela , seiner letzten Liebe, zu Trauer und Verlusterscheinungen kommt, macht das Buch menschlich und den Protagonisten liebenswert. Die Welt ist ohne Altwerden, Auflehnung, Verlustängste und immerwährende Trennungen nicht vorstellbar!
Wer Philip Roth schätzt, wird in diesem Buch den verstehenden, selbstkritischen aber auch menschlich – anteilnehmenden Autor wiederfinden, den wir bereits aus anderen seiner Bücher kennen. Ich mag ihn, weil er Zeitströmungen auf besondere Art und Weise reflektierend wiederzugeben vermag.
Claudine Borries

Philip Roth
Das sterbende Tier
Eine Geschichte über Alter, Sexualtät und Verlust
ISBN:3446202730
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Mario Fortunato: Die Liebe bleibt

Mario Fortunato: Die Liebe bleibt

In der schönen Tradition der großen italienischen Erzähler wie N.Ginzburg,
G. Bassani und I.Svevo erzählt uns M.Fortunato die Geschichte einer Familie in einem kleinen Ort in Süditalien.
An einem winterlichen Morgen wird der Kinderarzt Italo Blasi ermordet aufgefunden. Niemand weiß etwas über den Mord, und er bleibt unaufgeklärt. In geheimnisvoller Weise scheint die Familie des Apothekers Elia Sciaki mit der Sache etwas zu tun zu haben. Aber viel erfahren wir nicht.
Elia wurde zwar der Prozess gemacht, da man ihn des Mordes verdächtigte. Aber er wird mangels Beweises freigesprochen.
Anna, Tochter von Lea und Elia Sciaki, ist merkwürdigerweise neun Monate nach der Ermordung des Kinderarztes geboren.
Viel später dann hat Anna offensichtlich eine Affäre mit ihrem Schwager. Bekam sie ein Kind von ihm?
So vieles bleibt nur angedeutet und ungesagt! Das aber macht den geheimen Reiz des Buches aus: der LeserIn kann die eigene Phantasie bemühen und darf selber seine Schlüsse aus dem ganzen Geschehen ziehen.
Aus unterschiedlichen Perspektiven, mal der des unbekannten Erzählers, mal der von Anna, der jüngsten Tochter von Elia und Lea, und mal eines Neffen von Anna, –ist der möglicherweise ihr Sohn ?—ersteht vor uns die Welt einer zahlreichen Familie mit Großeltern, Geschwistern, Onkeln, Tanten und Neffen. Ferien in den Bergen und Baden am Meer wechseln ab mit Begegnungen und Festen.
Nicht ganz erklärlich sind zuweilen die Beziehungen der verschiedenen Personen untereinander, denn auch Freunde tauchen gelegentlich auf. Es stellt sich jedoch heraus, daß das letztendlich unwichtig ist.
Es geht um die Liebe, um die Beständigkeit von Familienbeziehungen, um erotische Anziehung, Abhängigkeiten und unerfüllte Sehnsüchte, die den Ton bestimmen. Dazu verspürt der Leser die Luft, die Landschaft, das kleinbürgerlich enge Leben, aber auch die Weite und Kultur italienischen Lebens. Die untergründige Spannung, mit der ich auf Enthüllungen wartete, die Klarheit in die von einem Kriminalfall ausgehende Handlung bringen könnte, löste sich allmählich auf; für die Erzählung ist die Aufklärung des Falles am Ende gar nicht so wichtig, sondern wichtig ist die tiefe Anhänglichkeit innerhalb der Familie, die erlebte Gemeinsamkeit, und am Ende die Lösung von Bindungen, die das Alter und der Tod mit sich bringt. So erscheint die Erzählung gleichsam wie eine Parabel auf das Leben.
Die Geschichte ist meisterhaft erzählt. Kenner und Liebhaber Italiens sollten sie sich nicht entgehen lassen!
Claudine Borries

Mario Fortunato
Die Liebe bleibt
Eine delikate Familien- und Kriminalgeschichte
ISBN:3803131766
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Korrekturen

Korrekturen

Dieses Buch, über das schon so viel geschrieben und gesprochen worden ist, gehört zu den großartigsten, die in letzter Zeit zu entdecken waren.

Das Leben von Al und Enid bilden den Kern der Erzählung. Wir erleben sie im kleinbürgerlichen Milieu des Mittelwestens der Vereinigten Staaten.
Ihre Kinder Gary, Chip und Denise, 60 ziger Jahre Kids, Banker der eine , verkrachter Professor der andere und Edelrestaurantköchin die Tochter, geben die Umrahmung für eine Schilderung, in der die amerikanische Familie und damit die Gesellschaft mit der Lupe seziert wird.
Es geht nicht immer gut zu in dieser Gesellschaft, beileibe nicht!
Garys Ehe mit Caroline kriselt, Chip wird aus seiner Lehrtätigkeit gefeuert, weil er eine Affäre mit einer Studentin hatte, und Denise ist mal in eine hetero-und mal in eine homoerotische Beziehung mit den Partnern eines miteinander verheirateten Paars verwickelt.
Enid redet viel und gerne unnützes Zeug, Al leidet an beginnender Altersdemenz, was bei seiner lebenslänglichen mürrischen Starrsinnigkeit zunächst gar nicht so groß auffällt.
Enids größter Wunsch ist , noch einmal ein gemeinsames Weihnachtsfest mit ihren Kindern und Enkelkindern zu feiern. Dieses Ziel hält die Rahmenhandlung zusammen, in der es auch um Old und New Ökonomie geht und in der die Verwerfungen aller traditionellen Bindungen ihre Offenbarung erleben.
Man kann unsere heutige Gesellschaft, nicht nur die amerikanische, in allen Zügen wiedererkennen. Ob es die Paarbeziehungen, die Eltern-Kindbeziehung oder Geschwisterrivalitäten sind,–der Leser wird bei genauem Hinsehen immer auch Stücke des eigenen Lebens in diesem Roman wiederfinden.
Das Buch ist humorvoll und traurig zugleich, denn es entlarvt einen gesellschaftlichen Zustand, in dem jeder nur an sich selber denkt, in dem es keine wirklichen Verpflichtungen gibt, in der die Familie ohne die traditionellen Bindungen und Zwänge eine totale Vereinsamung des Einzelnen erkennen läßt.
Der langsam in Demenz versinkende Vater, die um ihr selbständiges Leben ringende Enid sind traurige Beispiele für den Preis, den wir für unseren Fortschritt zahlen und für den nicht aufhaltbaren Zerfall familiärer Strukturen. Chip und Denise sind um die Eltern bemüht. Sie sehen aber mit Grauen, was da alles geschieht.
Schonunglos und offen sehen wir unsere Wirklichkeit.
Tenor des Inhalts ist das Bemühen aller Figuren, „Korrekturen“ an den eigenen Lebensentwürfen vorzunehmen. Daß das nicht gelingen kann, sondern daß jeder “ nur ein Leben und einen
Tod “ hat, ist die schlußendliche Weisheit, die man aus diesem Buch mitnehmen kann. Ein zugleich tröstliches und auch resignierend anmutendes Ende.
Abgesehen von gelegentlichen Längen finde ich das Buch großartig, packend , erschütternd und zuweilen erheiternd zugleich.
Unbedingt empfehlenswert!
Claudine Borries

Jonathan Franzen
Korrekturen
Ein mit kritischen Blick geschriebener Gesellschaftsroman
ISBN:3498020862
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Ein perfekter Freund

Ein perfekter Freund

Martin Suter hat mit dem vorliegenden Roman eine sehr eigenwillige und kapriziöse Geschichte erzählt.

Der Journalist Fabio Rossi wacht nach einer Kopfverletzung in einer Klinik auf und kann sich an die letzten fünfzig Tage seines Lebens nicht mehr erinnern.
Er bemüht sich verzweifelt, die Erinnerung an sein Leben vor dem Gedächtnisverlust wiederzufinden.
So entdeckt er , daß er zwei Frauen, Marlen und Nora, zu Gefährtinnen hat. Die eine, Nora, war es, Marlen ist es jetzt.
Nora , die er liebt und als seine richtige Freundin betrachtet, ist aber jetzt mit seinem engsten Freund Lucas Jäger liiert.
Fabio hat angeblich seinen Job bei einer Zeitung gekündigt, kann sich aber natürlich auch daran nicht erinnern.
Sein Freund Lucas spielt eine undurchsichtige Rolle bei der Suche nach seiner verloren gegangenen Erinnerung.
Langsam zieht sich ein Netz aus Mißtrauen, Spekulationen und Halbwahrheiten zusammen, mit dem Fabio diesen guten Freund Lucas der Untreue und der Intrige verdächtigt.
Schlußendlich gerät Fabio bei der Suche nach einer wahren Geschichte um einen Lebensmittelskandal, der von der Presse der Öffentlichkeit vorenthalten werden soll, an seine eigene Geschichte.
Es wäre kein guter Krimi, wenn sich die Fäden zu einfach entwirren ließen.

Suter berichtet über diesen Kriminalfall detailgetreu und mit großer Sachkenntnis. Er malt ein Bild um die verschlungenen Schicksalswege des Menschen und um die Scheuklappen, mit denen zuweilen einige ihre eigene Lebenssituation verkennen.
Fabio ist ein Mensch in zwei Personen und das macht dem Roman zu einem besonderen. Das Entwirren der zwei Identitäten ist eine spannende Suche nach dem wahren Selbst, den guten und den negativen Eigenschaften in der Person des Fabio Rossi.
Es ist die hohe Kunst des Schreibens, der wir in dieser Form begegnen und ein sehr lesenswertes Buch, das den Leser zum Mitdenken anregt.
Claudine Borries

Martin Suter
Ein perfekter Freund
Identitätssuche in einer verworrenen Welt
ISBN:3257063067
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Martin Page: Antoine oder die Idiotie

Martin Page: Antoine oder die Idiotie

Martin Page Antoine oder die Idiotie Wagenbach ISBN 3 8031 31677
S.135

Martin Page, Jahrgang 1975, hat mit der vorliegenden Erzählung eine äußerst geistreiche, hintergündige Geschichte über die Abgründe des menschlichen Daseins und Denkens vorgelegt.
Wer hat nicht schon mal daran gedacht, daß zu viel Denken , Wissen und Verstehen zu Vereinzelung, Außenseitertum und folgerichtig zu Isolation führen kann?
Hier versucht einer, diesem Teufelskreis des Daseins als Wissender und Intellektueller zu entkommen.
Atoine ist der Protagonist der Geschichte. Seine Familie stammte zur Hälfte aus Burma. Seine Großeltern väterlicherseits waren in den dreißiger Jahren nach Frankreich gekommen auf den Spuren einer Vorfahrin , die 700 Jahre zuvor Europa entdeckt hatte! Schon dieses klingt, als stünde die Welt auf dem Kopf.
Seine Mutter war Bretonin und Strandaufseherin des Umweltministeriums.
Im Alter von 18 Jahren hat Antoine seine liebevollen und fürsorglichen Eltern verlassen, um in der Haupstadt sein Glück zu suchen. Da er vorurteilsfrei und von wachem Verstand ist, bleibt er unter den Massen ein Heimatloser.
Sein bester Freund Aslee hat als Säugling als Versuchsobjekt für neue Babynahrung von Nestlé gedient, die mit Phosphor angereichert war. Nun läuft er nachst leuchtend durch die Welt.
Ein anderer Kumpel, Nachbar im achten Stockwerk seines Wohnhauses, trägt ihn die Treppe hinauf , da Antoine zu unsportlich ist, um die acht Stockwerke immer zu schaffen.
Antoine verdient sich das Geld für die Miete seiner schlichten Wohnung mit der Übersetzungsarbeit an der Suche nach der verlorenen Zeit ins Aramäische. Der Verlag geht leider Pleite, womit seine Geldquelle versiegt.
Die Mietzahlungen kann er einstellen, da der Vermieter an Alzheimer leidet.
Im Konflikt zwischen dem Versuch, ein unmoralischer, der Welt angepasster Mensch zu werden und sich um den Vermieter zu kümmern, entscheidet er sich für letzteres. Dieser Konflikt setzt sich fort. Mal bangt Antoine um den wissenschaftlichen Frotschritt zu Heilung für Herrn Brallaire, mal sorgt er sich, daß damit seine Finanzmisere offenkundig würde.
Um von seinem Verstand loszukommen, der ihn “ arm, ledig und deprimiert sein läßt“,versucht Antoine sich zuerst als Alkoholiker, besucht danach eine Schule zum Erlernen des Selbstmordes, um sich schließlich ganz der Aufgabe zu widmen, das eigene Denken aufzugeben und sich der Idiotie zu verschreiben. Ein Hilfsmittel bei diesem Vorhaben ist die von seinem Kinderarzt verordnete Medizin Heurozack. Damit gelingt es ihm , die Welt gelassener und ruhiger zu betrachten , und nicht alles und jedes Ding zu hinterfragen.
Er sucht ein Fitneßstudio auf, pflegt sein Äußeres und wird mehr und mehr zum Durchschnittsbürger, bis er zuletzt als Krönung seiner Laufbahn zum Börsenmakler wird.
Am Ende wirdwird die Geschiche ein wenig irreal. Der Autor kann die kultivierte und feinsinnig-skurrile Erzählung nicht bis zum Ende durchhalten.

In Ansätzen aber hat er uns die Welt gezeigt , wie sie ist: voller Widersprüche, Ungereimtheiten, Ungleichheit. Arm und reich und klug und dumm: beide Seiten des Lebens bestehen nebeneinander . Keine Seite ist ohne die andere denkbar.
Alles läuft darauf hinaus, den Sinn des Lebens zu ergründen, der aber nicht zu finden ist.

In wahren Gedanken-und Wortkaskaden und mit einem kunstfertigen Sprachgberauch wird die Welt von Antoine, und damit unsere Welt, in diesem Buch beschrieben. Nicht in gleichmäßigem Fluß verläuft die Erzählung, sondern versetzt mit den satirischen, überzeichneten Selbst-und Fremdbeobachtungen des Antoine erleben wir die Widersprüche und Irrwitzigkeiten, mit denen das Leben ausgestattet ist.
Das Buch ist heiter, voll spritziger Komik, philosophisch und hintergründig und bereitet einen großen Spaß beim Lesen.
Claudine Borries
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