Browsed by
Kategorie: Belletristik

Ford Madox Ford: Die allertraurigste Geschichte

Ford Madox Ford: Die allertraurigste Geschichte

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Mit einer Widmung an seine Geliebte Stella beginnt Ford Madox Ford seinen Roman, ursprünglich „The Good Soldier“ betitelt, über zwei Ehepaare zu Beginn des Ersten Weltkriegs.

Die Geschichte ist sehr geheimnisvoll, steckt voller ahnungsvoller Gedanken über ein Geschehen, dass wir zu Beginn noch nicht erkennen. Edward Ashburnham, seine Frau Leonora, der Erzähler John Dowell und dessen Frau Florence verbringen jeden Sommer Tage der Kur in Bad Nauheim. Man ist sich in allem einig und es herrscht eitel Harmonie. Doch war das wirklich so?

Ein wenig mühsam muss man sich durch die einzelnen Episoden hindurchquälen, bis man einen roten Faden erkennt.

Langsam gewinnt man Einblick in das Leben und Treiben der vier Personen.

Florence und Dowell stammen aus Amerika, die anderen sind Engländer. Florence ist sehr krank, das darf man schon bald erfahren. So denkt man zunächst an eine gesellige Zeit der Kur für alle Beteiligten.

Die Geschichte entwickelt sich jedoch zu einer unendlichen Liebesgeschichte. Sie betrifft vor allem Edward Ashburnham, der seine Finger von keiner neuen Begegnung mit einer Frau lassen kann. Ob es sich um Florence oder andere weibliche Bekannte aus seinem Umkreis handelt: er scheut keine Mühen und kein Geld, um sich mit Damen aller Couleur zu verlustieren. Leonora ist die Leidtragende, die seine vielfachen Liebschaften erträgt und seine Finanzen in die Hand nimmt, um den totalen Ruin zu verhindern. Der 4. August ist ein magisches Datum, an dem sich immer wieder Entscheidendes ereignet. Der 4. August 1913 ist der letzte Abend in Bad Nauheim, bevor eine Katastrophe dem hässlichen Spiel zunächst ein Ende macht.

Es soll nicht zu viel des Inhalts verraten werden, denn genau genommen geht es um den Stil und die atmosphärische Widergabe einer längst vergangenen Welt. Es geht um die s.Zt. herrschende Moral und den gesellschaftlichen Umgang in bestimmten Kreisen. Verwirrend ist die Vielzahl an Männern und Frauen, die sich lieben, hassen, betrügen und verlassen. Immer im Zentrum sind die oben genannten Ehepaare. Die bizarren Verbindungen zeigen uns das verblasste Gesellschaftsbild der zwanziger Jahre in England, Frankreich und Deutschland.

Man liest das Buch in Muße und Geduld, um sich noch einmal auf die ferne Zeit   einzulassen. Literarisch vollkommen und doch breit angelegt werden wir mit einem Autor bekannt gemacht, der nur diesen einen Roman geschrieben haben soll. Er erschien 1915. Ford Madox Ford  (1873 -1939) war bekannt und befreundet mit zahlreichen Schriftstellern seiner Zeit: Hemingway, Henry James, Galsworthy  und Joseph Conrad, mit dem ihn „eine tiefe Freundschaft verband“( Wikipedia).

Julian Barnes gibt im Anhang einen Einblick in das Leben des Autors.

Der Roman ist lesenswert für Menschen mit literarisch hohen Ansprüchen.

Die Aufmachung des kleinen Werks ist edel gestaltet und bietet den Hinweis auf eine wertvolle Lektüre.

Ford Madox Ford
Die allertraurigste Geschichte
320 Seiten, gebunden
Diogenes; Auflage: New edition, November 2018
ISBN-10: 3257070381
ISBN-13: 978-3257070385
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Elizabeth Strout: Alles ist möglich

Elizabeth Strout: Alles ist möglich

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Wie immer nimmt sich Elizabeth Strout des Lebens der kleinen Leute an. Sie leben im Mittelwesten in Illinios oder Iowa. Man betreibt Mais- und Sojaanbau oder Milchwirtschaft, womit der Lebensunterhalt je nach Erntelage gesichert scheint. Tommys Hof ist abgebrannt, so dass er sich als Hausmeister einer Schule verdingt. Da bekommt man einiges mit, was in den Familien passiert.

Es gibt die Eheleute mit einem langen gemeinsamen Leben, in dem sich dennoch ihr Glück nicht erfüllt; man findet verkorkste junge und ältere Leute, liebestolle Partner und impotente Ehemänner. Auch der nicht erfüllte Kinderwunsch findet sich unter den Ehefrauen. Eine jede Person hat ein ihr eigenes Schicksal. Es gibt Kinder, die den elterlichen Schlägen ausgesetzt waren, und aus denen nichts geworden ist. Aber auch eine erfolgreiche Schriftstellerin findet sich unter den beschriebenen Menschen, die E. Strout mit ihrem unnachahmlichen Erzähltalent der Realität der kleinen Provinzstädte nachempfunden hat.

Sie fängt ein Klima der Kleinbürgerlichkeit und der Engherzigkeit, der Intimität und der Absurdität ein, wie es ihresgleichen sucht. Ihre Erzählweise ist so lebendig und berückend, dabei keineswegs herablassend, dass man unwillkürlich in das Leben der von ihr beschriebenen Menschen reinschaut und zum Teilnehmer der vielen unterschiedlichen Lebensentwicklungen wird. Verbindungen der einzelnen Schicksale ergeben sich aus Nachbarschaft, Familienkonstellationen, Mitschülern und Ähnlichem. Man kann kaum glauben, wie beredt Elizabeth Strout sich in die Menschen einfühlt, denen sie Gesichter und Farben gibt. Und dann finden sich einfache Sätze wie „Sie berührte nur kurz seinen Arm. Da saßen sie, in der Sonne“, mit dem ein Kapitel schließt. (S.64) Besser kann man kaum ausdrücken, wie sich ein Ehepaar auch ohne große Worte versteht.

Liebesglück und Alterseinsamkeit, Eifersucht und Armut, Anhänglichkeit und nachbarschaftlicher Tratsch füllen ihren Roman, und wir erleben, wie die Welt wirklich ist.

Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, Gelassenheit und „sich abfinden“ sind die wahren Grundlagen für ein glückliches Leben. Aber wer findet zu dieser Weisheit? Es sind nur wenige, doch auch sie haben ihren Platz in der Erzählung.

Sich in diesem Kosmos zu bewegen und den Figuren zu folgen schafft dem Leser Glück und Anregung, sich über das Leben in seinen verschiedenen Schattierungen eigene Gedanken zu machen und zu den eigenen Erfahrungen neue Erkenntnisse hinzuzufügen. Am Ende heißt es in einem melancholischen Abgesang „Alles war möglich, für jeden“.

Ein rundum gelungener Roman liegt mit dieser Neuerscheinung vor.

Elizabeth Strout lebt in New York und Maine. Sie wurde für ihre Romane vielfach ausgezeichnet.

Elizabeth Strout
Alles ist möglich
256 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, November 2018
ISBN-10: 3630875289
ISBN-13: 978-3630875286
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Jean-Philippe Blondel: Ein Winter in Paris

Jean-Philippe Blondel: Ein Winter in Paris

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Victor studiert am Lycée D. Paris in der Vorbereitungsklasse. Er stammt aus einfachen Verhältnissen und ist froh, nun ein eigenes Leben zu haben. Doch es fällt ihm nicht leicht, dem Druck standzuhalten. Das Studium überfordert in. Dazu kommt, dass er kaum wahrgenommen wird. Freunde findet er nicht, dabei sehnt er sich nach Halt und Austausch. Aber vielleicht lässt sich mit Mathieu etwas aufbauen. Hin und wieder eine Zigarette zusammen zu rauchen, könnte der Anfang einer Freundschaft sein, auch wenn Mathieu einen Kurs unter ihm ist. Victor nimmt sich vor, ihn zu seinem Geburtstag einzuladen.

Doch soweit kommt es nicht. Mathieu stürmt nach einem Vorfall aus dem Klassenraum und springt über das Geländer. Victor sieht ihn am Boden liegen und kann es nicht fassen. Nur langsam realisiert er, was geschehen ist.
Auch wenn beide sich kaum kannten, wird er nun als Freund des Opfers für die anderen sichtbar. Mathieus Vater kommt nach Paris. Er will wissen, was geschehen ist und hofft darauf, dass Victor ihm helfen kann.

Das Buch ist sehr ergreifend. Es geht nicht so sehr um Mathieu und die Gründe für seinen Selbstmord, auch wenn das starre Schulsystem zusammen mit dem tyrannischen Lehrer Clauzet zur Sprache kommt. Vielmehr ist Victor die Hauptperson. Er lernt Mathieu erst nach dessen Tod besser kennen. Er wird erst jetzt zu einem Freund, so seltsam das klingt. Victor ist verstört und angreifbar, wie sollte es auch anders sein? Dadurch gelingt es Mathieus Vater Patrick Lestaing ihn für sich zu instrumentalisieren. Vielleicht geschieht das nicht bewusst. Aber Victor ist der Einzige, der ihn seinem Sohn noch einmal näher bringen kann. Er hat viel versäumt als Vater.

Die Geschichte wird im Rückblick erzählt. 30 Jahre sind vergangen, aber nichts ist vergessen. Das bietet viel Raum für Interpretationsmöglichkeiten. Der Schluss im Buch ist kein Ende. Es lässt den Leser zurück mit seinen Gedanken über das eigene Leben. Die melancholische Atmosphäre bleibt. Die Geister der Vergangenheit bleiben. Das Buch ist sehr traurig und doch auch melancholisch schön und anrührend.

Rezension von Heike Rau

Jean-Philippe Blondel
Ein Winter in Paris
Aus dem Französischen von Anne Braun
192 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-13: 978-3552063778
ISBN-10: 3552063773
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

John Jay Osborn: Liebe ist die beste Therapie

John Jay Osborn: Liebe ist die beste Therapie

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Dieser Roman erzählt in fachlich kompetenter Weise von einer Ehetherapie.

Das Paar Stev und Charlotte haben sich getrennt und wollen einen letzten Versuch wagen, ihre Ehe zu retten. Sie ist Universitätsdozentin und er Teilhaber an einer großen Kapitalinvestmentfirma. Sie haben zwei kleine Kinder und wohnen bereits in getrennten Wohnungen.

Sandy, die Eheberaterin, führt gekonnt in die Gesprächstechnik ein, mit der sie sich den Menschen in ihren besonderen Konfliktsituationen nähert.

Feinfühlig sind ihre Fragen und Aufforderungen, mit denen sie die Partner animiert, sich zu dieser oder jener Situation zu äußern.

Sie registriert in Zwischengedanken ihre Eindrücke, die sich ihr aus den Worten der Klienten erschließen.

Worum geht es?

Wie in so vielen Ehen haben Steven und Charlotte aufgehört, miteinander zu reden.
Jeder ist seiner Wege gegangen bis hin zu neuen Partnerbeziehungen. Das allerdings haben sie beide so nicht ausgemacht! Diese Beziehungen werden folglich als Seitensprünge bezeichnet.

So wie sich die Beziehung der beiden entwickelt, sieht es nicht danach aus, dass sie wieder zusammenkommen könnten. Charlotte ist aufmüpfig und wütend über Stevs Seitensprünge, während Stev nach heftigem Zerwürfnis immer neue Versuche startet, um Charlotte zurückzugewinnen, die ebenfalls inzwischen außereheliche Beziehungen eingegangen ist. Er ist eifersüchtig, spioniert ihr nach und macht ihr Zusammensein fast unmöglich.
Da beide zusammen eine Ehetherapie beginnen, scheinen sie die Hoffnung zu hegen, vielleicht noch etwas retten zu können.

Man merkt, dass der Autor Jay Osborn genaue Kenntnis vom unterschwelligen Miteinander ratsuchender Kontrahenten hat.

Die Gespräche mit der Therapeutin werden als Versuch dargestellt, erst einmal Ordnung in die Gefühlswelt der Ratsuchenden zu bringen d.h., sich selbst bewusst zu machen, wo sie überhaupt stehen, und was sie wollen. Es ist ein mühsames Unterfangen!

Es gibt Szenen von wütendem Aufbegehren und Missverstehen und langsam wachsender Einsicht, wie sehr einer den anderen verletzt hat.

Menschen wissen oft nicht, wie sie über ihre Gefühle sprechen sollen und geraten gerade dadurch in so genannte „Kommunikations Sackgassen“. Erst, wer seine eigenen Gefühle kennt und direkt darüber sprechen kann, wird im Leben Frieden finden und sich nicht im Netz von Missverstehen, falschen Verdächtigungen und Kränkungen verfangen.

Die Therapeutin Sandy sucht immer neue Wege, um die Klienten zu Selbsteinsichten zu führen. Diese könnten eine Änderung im Verhalten erst möglich machen.

Man wird als Leser quasi zum voyeuristischen Zuschauer beim Aufblättern zweier unterschiedlicher Charaktere und deren Ausdrucksformen. Der Roman wird zu einer Lehre in Sachen „Eheberatung“.
Dieses Fazit lässt sich aus den hervorragenden Beschreibungen von John Jay Osborn ziehen. Der Roman ist nicht nur von literarischem Wert sondern bietet auch lehrreiche Einblicke in therapeutische Abläufe.

John Jay Osborn ist Juraprofessor, Anwalt und lebt in Palo Alto.

John Jay Osborn
Liebe ist die beste Therapie
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Diogenes, Oktober 2018)
ISBN-10: 3257070438
ISBN-13: 978-3257070439
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Adriana Altaras: Die jüdische Souffleuse

Adriana Altaras: Die jüdische Souffleuse

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Adriana Altaras ist Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin.

Sie hat mit ihrem Buch „Titos Brille“ s.Zt. einen Coup gelandet, der ihr hohe Anerkennung eingebracht hat. Seit dieser Zeit kennt man sie als schlagfertig, eloquent, witzig und fantasiebegabt. Genauso erlebt man sie in ihrem neuen Roman „Die jüdische Souffleuse“.

Schmissig, spitzig und flott beginnt die Autorin ihre Erzählung über eine jüdische Souffleuse, die sie auf einer ihrer Theatertourneen kennenlernt.

Adriana will in einer beliebigen deutschen Stadt eine Mozartoper einstudieren.

Ihre treuen Begleiter sind der Bühnenbildner Elio und die Kostümbildnerin Nora. Mit ihnen ist sie schon durch Dick und Dünn gegangen.

Dieses Mal aber erlebt sie eine ungewöhnliche Begegnung. Susanne oder besser „Sissele“, die Souffleuse des Theaters, wirkt überspannt und durchgedreht. Sie tischt der zunächst etwas gelangweilten Adriana eine Geschichte auf, von der man nicht recht weiß: ist sie erfunden oder entspricht sie der Wahrheit? Sie will Adriana bei der Suche nach ihren Verwandten um Hilfe bitten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in alle Welt verstreuten wurden.

Kurz gesagt geht es um ein jüdisches Schicksal, das einmal mehr höchst diffizil und wirklich kaum glaubhaft erscheint. Doch wird die Erzählerin mehr und mehr in Bann gezogen, und, wie könnte es anders sein, Adriana fühlt sich emotional angerührt.

Eingestreut in die Alltagserlebnisse der Regisseurin nimmt die Geschichte einen sehr spannenden und ungewöhnlichen Verlauf.

Der Lebenslauf von Sissele ist verwirrend. Sie wurde nach dem Krieg in Israel geboren, ist mit ihren Eltern nach Deutschland eingewandert als sie knapp 1 Jahr alt war und wurde früh nach dem Tod der Mutter Halbwaise. Damit nahm ihr unglückliches Schicksal seinen Lauf.

Der Vater ließ sie einmal hier und einmal dort und riss sie immer wieder aus den jeweils einigermaßen erträglichen Lebensstationen heraus. Zuletzt gab er sie zu Nonnen in ein katholisches Kloster. Auch sein Schicksal ist Nebenschauplatz der Erzählung.

In lockerer, leichter Manier rollt Adriana Altaras das Leben dieser an den Folgen des Zweiten Weltkriegs immer noch leidenden Mitbürgerin Sissele auf. Jüdisches Leben, Verfolgung und drastische Schilderungen aus den Kzs geben der Erzählung Tiefe und zeigen zugleich, wie schnell alles in Vergessenheit zu geraten droht. Herzenswärme und Mitgefühl ziehen Adriana hinein in die Suche, die auf ungewöhnlichem Wege zu einer glücklichen Lösung führt.

Zuweilen mutet die Erzählung ein wenig zu spöttisch und leicht erzählt an. Die eingestreuten Witze gehören wohl dazu, wenn man eine Erzählung beschwingter daherkommen lassen will, als sie ist. Der rote Faden muss immer wieder zwischen Theaterproben und Alltagsgeschichten gesucht werden. Eigenes Leben, Alltag und Gefühlsbeschreibungen nehmen ebenso viel Platz ein wie die Geschichte der jüdischen Souffleuse. Alles in allem ist der Roman leicht zu lesen, unterhaltsam und witzig.

Adriana Altaras
Die jüdische Souffleuse
208 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, Oktober 2018
ISBN-10: 3462051997
ISBN-13: 978-3462051995
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Tim Parks: In Extremis

Tim Parks: In Extremis

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Thomas Sanders befindet sich auf einem Physiotherapeutenkongress in Holland. Er ist emeritierter Professor für Linguistik, hält Vorträge, schreibt und ist in Madrid glücklich mit einer sehr viel jüngeren Frau liiert, denn von seiner Frau ist er geschieden. Seine vier Kinder aus der Ehe sind erwachsen.

In Holland erreicht ihn die Nachricht, dass seine Mutter im Sterben liegt.

Der Kongress löst einige unangenehme körperliche Beschwerden bei ihm aus, denn es handelt sich beim Thema um Beckenbodenschwäche des Mannes, die mit einer besonderen Methode zu behandeln ist. Er muss nun eilends nach London, wo seine Mutter in einem Hospiz liegt.

Zwischen den Zeilen liest man weit ausholend intime Gedanken zu seinem bisherigen Leben.

Seine Eltern waren fromme Leute, der Vater war Pfarrer. Thomas zählt sich zu den 68-zigern, die sich aufmüpfig gegen ihre Eltern verhalten haben.

Mit der Zeit kommt man dem Protagonisten näher, indem man immer tiefere Einblicke in sein Innenleben erhält. Das ist nicht nur angenehm, denn Thomas wirkt gelegentlich weinerlich, selbstzweifelnd und zeigt sich seiner selbst nicht gewiss. So vieles gibt es zu bereuen in seinem Leben! Man fragt sich, ob er auf seinem Wege trotz beruflicher Anerkennung jemals zufrieden werden könnte.

Z.Zt. unterzieht er sich gerade einer Psychoanalyse.

Nicht nur seine eigene Familienmisere beschäftigt ihn, sondern auch die von seinem Freund David. Dieser hat sich nach langjähriger Beziehung zu Deborah mit zahlreichen gemeinsamen Kindern endlich zu ihrem sechzigsten Geburtstag zur Heirat mit ihr entschlossen Es gibt auch hier Konflikte ganz eigener Art.

Wie immer geht es bei Tim Parks um Ehe, Familie und Beziehungen, die vielfach Ursache und Bindeglied für Kummer, Sorgen, Missempfindungen und Störungen sind. Familiäre Bindungen bieten einerseits Zusammenhalt und Sicherheit, geben aber auch in zahlreichen Fällen Anlass für Fehlentwicklungen und Missverstehen. Tim Parks ist empathisch interessiert an seinen Protagonisten. Man glaubt, die Personen mit ihren Malaisen selbst intensiv kennen zu lernen. Ein bigottes Familienklima hat die Mitglieder unterschiedlich beeinflusst und zu auseinanderstrebenden Entwicklungen geführt.

In Parks Detailgenauigkeit liegt seine Stärke und zuweilen auch Schwäche. Besonders die lange Trauerfeier für Thomas’ Mutter mit all’ ihren christlichen Traditionen, den Texten und Liedern sind zunächst nicht ganz überzeugend. Bis man begreift, dass hier ein letzter Überzeugungsversuch seitens der Mutter gegenüber ihren Söhnen stattfindet, die beide ungläubig sind.

Alles in Allem zeigt die Geschichte, wie tief Tim Parks sich mit seinen Figuren befasst, wie philosophisch-religiöse Sinnfragen die Erzählung mitbestimmen.

Familie, Nähe, Trennung und Zugehörigkeit sind die Pfeiler der Gesellschaft. Hier haben sie in Form eines Romans Gestalt angenommen.

Tim Parks
In Extremis
400 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann, September 2018
ISBN-10: 3956142527
ISBN-13: 978-3956142529
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Karl-Heinz Ott: Und jeden Morgen das Meer

Karl-Heinz Ott: Und jeden Morgen das Meer

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Es hätte ewig so weitergehen können mit dem Hotel „Lindenhof“ am Bodensee. Sonja Bräuning war hier, bis zum Tod ihres Mannes Bruno, die Chefin. Vielleicht hätte sie auch ohne Bruno, der eine Zeit lang als Sternekoch ausgezeichnet war, weitermachen können. Brunos Bruder Arno will jedoch das Hotel mitsamt den Schulden übernehmen. Aber ohne Sonja. Nun muss sie sehen, wo sie bleibt, mit ihren 62 Jahren. Mr. Pettibone, ein ehemaliger Stammgast, rät ihr ab, die heruntergekommene Pension seines Onkels zu übernehmen. Doch das stürmische Meer ist herrlich hier in Wales! Viele Gäste sind nicht zu erwarten.

Es ist ein hartes Schicksal, mit dem Sonja fertig werden muss. Ihre Gedanken umkreisen das, was sie verloren hat. Der Autor betrachtet die Tragödie recht nüchtern. Sonja, die so viel geleistet hat in ihrem Leben, steht vor dem Nichts. Sie muss sich neu orientieren, ihre Verbitterung überwinden und wählt, so mag es scheinen, den einfachsten Weg. Vielleicht ist es auch eine Flucht oder ein Rückzug. Aber das, was sie erarbeitet hat, ist nicht mehr von Bedeutung. Gnadenlos wird reflektiert, dass man sich nie zu sicher fühlen darf.

Auch wenn das Buch sehr traurig auf mich wirkt, habe ich es gern gelesen. Ich kann mir vorstellen, dass es Sonja da am Meer besser geht. Denn so wirklich positiv ist ihr Leben als Hotelchefin für mich nicht gewesen und auch ihre Ehe war nicht eben glücklich. Nun ist noch die Demütigung durch Arno dazugekommen. Der Sturm an der Steilküste wird das das alles wegblasen. Er ist kraftvoll und unnachgiebig!

Einen umfassenden Einblick in Sonjas Leben bekommt man nicht. Ich habe nicht das Gefühl, sie auch nur halbwegs zu kennen. Ich kann nicht einmal sagen, dass sie mir sympathisch ist. Aber die Details, die der Autor aufgegriffen hat, sind gut gewählt, sodass ein bestimmtes Bild entsteht, das eine Wirkung hat, die nicht sofort beim Weglegen des Buches verblasst.

Rezension von Heike Rau

Karl-Heinz Ott
Und jeden Morgen das Meer
144 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag
ISBN-10: 3446259953
ISBN-13: 978-3446259959
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Rachel Khong: Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte

Rachel Khong: Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Ruth ist die Hauptprotagonistin in diesem Buch über ein Jahr mit einem Vater, der an Demenz leidet.

Sie ist keine besonders erfolgreiche Person, und sie steht vor der zerbrochenen Beziehung zu ihrem Verlobten. Ins Elternhaus zurückgekehrt, trifft sie sich mit Freunden und Freundinnen aus ihrer Jugend und denkt sich eine besondere Freude für ihren Vater aus. Er war erfolgreicher Geschichtsprofessor und darf nicht mehr unterrichten, weil man seine Demenz bemerkt hat. Sie findet Kollegen und Freunde, die ein Seminar für den Vater organisieren, in dem ihm die Fiktion eines normalen und gesunden Daseins vorgespielt wird.

Das Buch ist reich an Episoden. Eine fortlaufende Handlung ist nur schwer erkennbar.

Die Sätze sind kurz und lakonisch.

Alle möglichen Freunde und Freundinnen aus der Kindheit tauchen auf, Studenten des Vaters kommen zu Besuch und man isst, trinkt und erfreut sich des Augenblicks. Die Demenz des Vaters ist nicht sehr ausgeprägt, und seine Aussetzer versetzen die Familie nur selten in Schrecken.

Rachel Khong schreibt in Tagebuchform und in einem locker-fröhlichen Stil. Ihre Erzählung besteht aus freien Assoziationen, Begegnungen, Kindheitserinnerungen und Aktionen für den Vater. Mir fehlten tiefere Gedanken der Reflexion, wie man sie bei Arno Geigers Buch über seinen Vater findet.

Für Freunde der leichten Unterhaltung und der Situationskomik mag dieses Buch jedoch durchaus einen Aspekt der Demenz vermitteln.

Rachel Khong
Das Jahr in dem Dad ein Steak bügelte
256 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, September 2018
ISBN-10: 3462049720
ISBN-13: 978-3462049725
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte

Elizabeth McKenzie: Im Kern eine Liebesgeschichte

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Paul macht Veblen einen Heiratsantrag! Er ist ein Neurologe, der sich mit Hirnforschung befasst, und Veblen betätigt sich freiberuflich als Übersetzerin. Sie befinden sich in den Dreißigern.

Kurz und bündig werden wir Zuschauer einer komplizierten Liebesverbindung.

Kompliziert deshalb, weil Veblen eine sonderbare Vorliebe für die Sprache der Eichhörnchen hat, und Paul Hilfe für verletzte Veteranen des Weltkriegs zu erforschen trachtet. Er muss dazu viele Tierversuche machen, die wiederum Veblen stören. Schlimmer noch ist die Tatsache, dass Paul für einen großen Pharmaziekonzern Kriegsveteranen in seine Hirnforschungen einbezieht.

Beide Liebesleute sind überglücklich zu Beginn ihrer Liebschaft. Das Paar entdeckt Gemeinsamkeiten aber auch Hürden auf dem Weg zur Hochzeit. Insbesondere die Eltern beider Protagonisten bieten versteckte Stolpersteine. Veblens Mutter ist Hypochonderin par excellence und stellt Paul auf die Probe mit seinem medizinischen Wissen bei der Aufzählung ihrer zahlreichen Krankheiten.

Sie gibt vor, ihre Tochter unendlich zu lieben, ist aber ständig dabei, sie zu bevormunden.

Veblen ist ganz verängstigt, es ihrer Mutter recht zu machen. Diese ist insgeheim voller Aversionen gegen ihren zukünftigen Schwiegersohn.

Paul entstammt einer lustigen Hippieehe. Für ihn als Kind war das nicht immer lustig.

Die Geschichte ist voller kleiner skurriler Nebengeschichten und bezeugt einen langen Lernprozess beim gegenseitigen Kennenlernen. Immer wieder ist das Thema „Eltern“ dran, und wirklich: Veblens Mutter ist in ihrer wehleidigen Dominanz unausstehlich! Es gilt weiterhin, das eine oder andere Geheimnis um Veblens Zeugung zu erforschen!

Mit langen Windungen und eigenartigen Verdrehungen im gegenseitigen Verstehen rackern sich die beiden auf dem Weg zu ihrer Hochzeit ab.

McKenzie erfasst menschliche Charaktere mit klugem Blick und vermag Stimmungen hervorragend einzufangen. Die tierliebe Veblen und der ehrgeizige Paul passen wohl in vielen Bereichen gar nicht zusammen, und Veblens Mutter weiß die Gunst der Stunde für sich zu nutzen. Doch verbindet Paul und Veblen ein andauerndes Bemühen um Verständnis und Frieden. Eltern auf Abstand zu halten und sich abgrenzen zu lernen, bedeutet Sieg oder Niederlage.

McKenzie kennt die Abhängigkeiten und die Versuche, es den Eltern recht zu machen. Es bedarf starker Charaktere, sich aus deren Klauen zu befreien. Nicht nur in diesem Kampf muss man zugunsten seiner neuen Verbindung auf Erden einiges riskieren. Auch im Beruf gibt es Rivalitäten und Konkurrenzen, die zuweilen harte Formen annehmen. McKenzie gibt allen Parteien Raum zu Entfaltung. Gelegentlich etwas ausschweifend ist ihr dennoch ein gelungenes Familienporträt gelungen, mit dem sie den Leser unterhält und animiert, die eigenen Verhaltensweisen zu überdenken.

„Extrem lustig und sprachlich herausragend“ ziert der Ausspruch von Jonathan Franzen das Cover zum Buch.

Elizabeth McKenzie
Im Kern eine Liebesgeschichte
480 Seiten, gebunden
DuMont Buchverlag, August 2018
ISBN-10: 3832198776
ISBN-13: 978-3832198770
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen

Peter Henisch: Siebeneinhalb Leben

Peter Henisch: Siebeneinhalb Leben

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Paul Spielmann ist Autor. Gern sitzt er ungestört im Park und schreibt. Doch eines Tages wird er von Max Stein angesprochen. Er glaubt, dass Spielmann ihn einst zu einer literarischen Figur in seinem Buch „Steins Paranoia“ gemacht habe. Allerdings seien ihm da Fehler unterlaufen, die berichtigt werden müssen. Tatsächlich heißt die Figur im Buch auch Max Stein. Es gibt weitere Parallelen, doch sind diese natürlich Zufall. Das will sich Stein aber nicht einreden lassen.

Spielmann ist irritiert. Er will sich mit Stein nicht auseinandersetzen und macht ihm das unmissverständlich klar. War er zu drastisch? Geht man so mit seinen Lesern um? Er will die Auseinandersetzung so nicht stehen lassen. Er hofft, Stein zur Vernunft bringen zu können. Als er erkennt, dass er keine Chance hat, zieht er sich endgültig zurück. Damit ist die Sache jedoch nicht beendet. Stein findet Mittel und Wege, Spielmann das Leben schwer zu machen.

Es ist eine gespenstige Vorstellung, dass ein Leser ein Buch auf diese Weise infrage stellt. Dass er keine Ruhe gibt, weil er glaubt, im Recht zu sein, und nichts hören will, was seine Meinung ändert. Was will Stein, fragt sich Spielberg? Es ist 30 Jahre her, dass das Buch über ihn, wie er glaubt, erschienen ist. Vielleicht ist Stein auch ein Psychopath. Ganz langsam entwickelt sich das Buch in eine ungemütlich werdende Richtung. Wie soll Spielmann unter diesen Umständen an seiner Biografie weiterarbeiten? Schließlich muss er nun „Steins Paranoia“ noch einmal gedanklich auseinandernehmen. So vermischt sich die Gegenwart mit der Vergangenheit, was ja dann auch irgendwie wieder passt, wenn man an einer Biografie schreibt und auf Erinnerungen angewiesen ist oder die Vergangenheit aufarbeiten muss.

Das Buch ist faszinierend, weil es mit einer unglaublichen Möglichkeit spielt, die nicht zu stoppen ist, auch weil sie zur Gewissensfrage wird.

Rezension von Heike Rau

Peter Henisch
Siebeneinhalb Leben
128 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552063803
ISBN-13: 978-3552063808
-> Dieses Buch jetzt bei Amazon bestellen