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Kategorie: Belletristik

Nancy Richler: Dein schöner Mund

Nancy Richler: Dein schöner Mund

Geboren wurde Miriam in einer jüdischen Kleinstadt, einem Schtetl, in den Sümpfen Weißrusslands. Ihre Mutter ist kurz nach ihrer Geburt in den Fluss gegangen. Miriam verbringt die ersten Jahre ihres Lebens bei Lipsa, die schon sechs Kinder hat. Als ihr Vater wieder heiratet, kehrt sie nach Hause zurück. Nun lebt sie bei ihrem Vater, der Schuhmacher ist und ihrer Stiefmutter Tsila, die Kleider näht. Im Schtetl lebt man nach festen Traditionen. Für die kleine Familie ist das Leben äußerst beschwerlich und von Entbehrungen und Ängsten geprägt. Miriam findet schwer Zugang zu anderen Kindern. Doch eines Tages freundet sie sich mit Sara an. Sara will Miriam mitnehmen zu einer Demonstration. Miriam überwindet ihre anfängliche Angst und ihre Vorbehalte, denn es fasziniert sie, dass eine Frau zur Menge sprechen will. Das will sie nicht verpassen. Miriam ist begeistert von Goldas Rede. Dabei sind es nicht einmal die Worte, die gesprochen werden, sondern die kraftvolle und unerschütterliche Ausstrahlung Goldas, die ihre Wirkung auf Miriam nicht verfehlt. Miriam beginnt noch unbewusst, sich der Revolution zu verschreiben.
Der Weg, den sie damit zu beschreiten beginnt, zieht sie immer tiefer in die Strudel der Russischen Revolution und in die Gefahren, die damit verbunden sind. Am Ende ihres Kampfes wird die schwangere Miriam zu lebenslanger Haft in Sibirien verurteilt, weil sie in höchster Not einen Gardisten erschossen hat.

Das Buch ist sehr beeindruckend und ergreifend. Geschildert wird der Lebensweg Miriams, die mehr durch das Zutun anderer in die Wirren der Russischen Revolution gerät. Auch wenn sie oft an ihrem Tun zweifelt, ein Zurück gibt es nicht.
Vater und Stiefmutter erfüllen sich einen Traum, sie wandern nach Argentinien aus, dahin, wo Christen die Juden nicht hassen. Miriam soll nachkommen, doch sie ist fasziniert von Kiew. Hier ist das Leben noch viel mehr vom Aufbegehren geprägt. Obwohl Miriam arbeitet, kann sie sich nur ein Bett in einem Keller leisten. Doch anders als in ihrer kleinen Heimatstadt findet sie hier viel schneller Anschluss. Wieder ist es eine Freundin, die Miriam auf sehr drastische Weise dazu bringt, sich der sozialistischen Bewegung anzuschließen.
Es ist spannend, Miriams Entwicklung zu verfolgen. Die Autorin schreibt sehr eindringlich, schildert die Verhältnisse und Lebensumstände im Russland vor und zur Zeit der Russischen Revolution aus der Sicht Miriams. Das Buch regt damit zu einer intensiveren Beschäftigung mit der Russischen Revolution und der Umstände, die dazu führten, an.

Über die Autorin:
Nancy Richler lebt in Vancouver. Sie veröffentlicht in verschiedenen kanadischen und amerikanischen Literaturzeitschriften. „Dein schöner Mund“ erhielt 2002 den Canadian Jewish Award.

Rezension von Heike Rau

Nancy Richler
Dein schöner Mund
446 Seiten, gebunden
Kindler Verlag, Berlin
ISBN: 3-463-40440-0
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Ursula Fricker: Fliehende Wasser

Ursula Fricker: Fliehende Wasser

Es stimmt, sie hat es sich gewünscht. Nun ist es wahr geworden, der Vater ist tot. Er liegt im Graben neben der Landstraße unter einer Lage frischen Schnees.
Nun blickt Ida zurück, erzählt von ihrer Kindheit und ihrem Vater Simon.

Der Vater weiß selbst, dass etwas mit ihm nicht stimmt. 18jährig beginnt er für den Verlobten einer Freundin zu schwärmen, stiehlt sogar ein Foto von ihm. Doch er will nicht werden wie der Friedli, dieser Perverse, dieser verkommene Mensch. Dem gefallen die Männer auch. Beide Eier hat man ihm abgeschnitten in der Anstalt.
Simon heiratet also, bekommt mit seiner Frau zwei Kinder. Disziplin ist alles in seinem Leben, damit bekommt er seine ruhelosen Gedanken in den Griff, das verlangt er auch von seinen Kindern. Es kommt nicht in Frage, dass sie Dreck essen. Dreck steht für Fleisch, aber auch für Zucker, Schokolade und Eis.

Bald kann er nicht mehr, hält den selbstauferlegten Verzicht nicht mehr aus. Der Magen knurrt auch noch nach zwei Kilo Weintrauben. Es rumort in seinem Bauch, dass er es selbst kaum mit anhören kann. Doch das Abweichen von seinen Regeln käme einem Selbstverrat gleich.

Die Familie muss mitziehen. Ida leidet besonders unter der Quälerei. Sie ist dem Spott ihrer Mitschüler ausgesetzt, fängt an, ihren Vater zu hassen. Sie beginnt sich zu widersetzten, startet einen Ausbruchsversuch aus ihrer Lage und wünscht sich, dass ihr Vater endlich stirbt.

Dieser biedere Familienvater bringt einen zur Raserei und hinterlässt nichts als Empörung. Man möchte ihn durchschütteln und zur Vernunft bringen. Und die Mutter gleich mit, auch wenn ihre Gründe, die „gesunde Ernährung“ durchzuziehen etwas anders liegen. Ihr scheint es tatsächlich um die Gesundheit zu gehen. Nach ihrer Meinung kann jedem Leiden von Krebs bis Verdauungsstörung durch entsprechende Nahrung begegnet werden.
Dass der Vater stirbt, wird gleich am Anfang erzählt. Und je mehr man gelesen hat von diesem Buch, um so klarer wird, dass dies der einzige Ausweg für den verbohrten Vater und die Familie ist.

Es wird abwechselnd aus der Sicht der Tochter und des Vaters vom alltäglichen Familienleben erzählt. Die Autorin lässt sich Zeit dabei, steigert die Beklemmung Schritt für Schritt, die den Leser unweigerlich überfällt. Wirklich ein ungewöhnliches Buch!

Über die Autorin:
Ursula Fricker ist Jahrgang 1965. Sie publizierte verschiedene Anthologiebeiträge und Reportagen u.a. für die SZ am Wochenende und die Aargauer Zeitung. 1997 erhielt sie das Alfred Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin. „Fliehende Wasser“ ist ihr erster Roman. Er wurde mit einem Förderbeitrag von Stadt und Kanton Schaffhausen ausgezeichnet.
Ursula Fricker lebt heute als freie Autorin in der Nähe von Berlin.

Rezension von Heike Rau

Ursula Fricker
Fliehende Wasser
167 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Pendo Verlag
ISBN: 3-85842-575-3
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Joanna Hershon: Mondschwimmen

Joanna Hershon: Mondschwimmen

Als Lila acht war, passierte ein schrecklicher Unfall, bei dem ihr Bruder Jack starb. Lila wurde von ihren Eltern eine Geschichte aufgetischt, die sie jedoch nicht akzeptieren konnte.
Lila wird erwachsen, sie beginnt ein Studium. Die Ungewissheit nimmt ihr immer mehr die Luft zum Atem. Sie muss sich endlich Gewissheit verschaffen. Es gibt Zeugen für den angeblichen Unfall. Ihr Bruder Aaron, doch der ist von Zuhause weggegangen. Keiner weiß, wo er ist. Aarons damalige Freundin Suzanne, die das Wochenende mit der Familie verbrachte, ist ebenfalls verschwunden. Lila beginnt eine akribische Suche nach Hinweisen.
Durch einen Zufall begegnet sie Suzanne tatsächlich. Diese ist mittlerweile verheiratet und an der Aufklärung der alten Geschichte nicht interessiert. Sie erzählt eine weitere Version, doch Lila glaubt auch ihr nicht recht. Doch sie erhält einen entscheidenden Hinweis, nimmt Kontakt zu Pria auf. Pria hatte an diesem schicksalhaften Abend, als Jack starb, eine Party gegeben. Auch sie nimmt eine Schlüsselposition ein. Endlich kommt Lila der Wahrheit näher. Sie setzt Susanne damit massiv unter Druck und endlich gesteht diese, Briefe von Aaron erhalten zu haben. Lila weiß nun, wo sie Aaron suchen kann. Sie muss ihn finden, muss auch seine Version der Ereignisse hören, muss wissen, ob er Jack tatsächlich umgebracht hat, wie sie vermutet, damit sie endlich damit aufhören kann, in der Vergangenheit zu leben.

Der vorliegende Roman ist in drei Teile gegliedert. „1987 – Aaron und Suzanne“, „1997 – Lila“ und Lila und Aaron“.
Im ersten Teil erfährt der Leser, wie es zu dem schrecklichen Unfall kommen konnte und kennt somit die Wahrheit. Lila kennt diese jedoch nicht. Sie muss sich damit zufrieden geben, was ihr die Eltern erzählen. Doch sie glaubt ihnen nicht, wird nicht damit fertig, dass ihr Bruder Jack tot und ihr Bruder Aaron verschwunden ist. Die Spurensuche gestaltet sich jedoch schwierig, nimmt Lilas ganze Kraft in Anspruch. Sie bricht ihr Studium ab. Auch auf die Liebe zu ihrem Freund Ben, kann sie sich nicht recht einlassen. Zu vieles aus ihrer Vergangenheit ist nicht aufgearbeitet.
Suzanne und Pria stellen ihre Version des Geschehens sehr unterschiedlich dar, versuchen sich zu rechtfertigen und selbst zu schützen. Lila glaubt, dass nur Aaron, weil er ihr Bruder ist, die Wahrheit sagen wird.
Die Autorin zeichnet die einzelnen Charaktere dabei sehr glaubhaft. Es sind Menschen mit Fehlern, Schwächen und inneren Widersprüchen. Sie geht sehr genau auf die Gefühle der Akteure ein und ihre Beziehungen zueinander. Besonders Lilas innere Zerrissenheit und ihre Verzweiflung werden sehr deutlich.

Rezension von Heike Rau

Joanna Hershon
Mondschwimmen
Aus dem Amerikanischen von Jörn Ingwersen
301 Seiten, Taschenbuch
Aufbau Taschenbuch Verlag
ISBN: 3-7466-1348-5
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Robert Sonnleitner: Tagebuch eines werdenden Vaters

Robert Sonnleitner: Tagebuch eines werdenden Vaters

Wenn eine Frau ein Tagebuch über ihre Schwangerschaft schreibt, ist das völlig normal. Wenn es ein Mann tut, ist es doch eher ungewöhnlich und wenn dieses Tagebuch dann auch noch veröffentlicht wird, weckt es natürlich Neugier. Eine Schwangerschaft aus der Sicht des Mannes zu erleben, ist in diesem Fall äußert lustig und für „Betroffene“ sehr erbaulich.

Und so geht es, nachdem der erste freudige Schock überwunden ist, auch schon munter los. Auf der Tagesordnung stehen: befremdliche Frauenarztbesuche, unglaubliche Schwangerschaftsgelüste, kreative Namenssuche, seltsamer Aberglaube, kurzweilige Geburtsvorbereitungskurse, erbauliche Männergespräche, sagenhafte Katzenkloprobleme und viel mehr. Zwischenmenschliches wird mit einem Augenzwinkern gnadenlos ausgeleuchtet.

Für Pärchen, die am Anfang einer Schwangerschaft stehen, ist das Buch sehr zu empfehlen. Der Autor hat den einen oder anderen hilfreichen Tipp in Form von leicht ironisch klingenden, aber extrem wichtigen Merksätzen parat, dazu kommen regelmäßige Informationen zum Baby. Aber auch wenn die eigenen Kinder längst größer sind, macht es Spaß, mit diesem Buch mal wieder in Erinnerungen zu schwelgen oder zu vergleichen.

Rezension von Heike Rau

Robert Sonnleitner
Tagebuch eines werdenden Vaters
345 Seiten, broschiert
Wiesenburg Verlag Schweinfurt
ISBN: 3-932497-93-7

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P.N.Elrod: Vampirdetektiv Jack Fleming

P.N.Elrod: Vampirdetektiv Jack Fleming

Titel: Vampirdetektiv Jack Fleming
Autor: P.N.Elrod
Nosferatu 1402 / Festa-Verlag ( Nov. 2002 )
Amerikanische Orginalausgabe : Blood List (1990)
Übersetzer : Heiko Langhans
Broschiert – 256 Seiten – Festa
Erscheinungsdatum: 2002
ISBN: 3-935822-56-1
Genre : Dark Fantasy
Erhältlich bei Amazon

„Der Wagen hatte mindestens vierzig Meilen drauf, als der vordere rechte Kotflügel mir gegen die linke Hüfte drosch, mich von der Straße schleuderte und als schlaffen Haufen auf einen Busch aus dicken windzersausten Gräsern beförderte.“

So fängt der Roman „Vampirdetektiv Jack Fleming“ von Patricia Nead Elrod an. Er spielt in Chicago Anno 1936. Jack wird angefahren und anschließend erschossen. Doch er stirbt nicht. Er überwältigt seinen Attentäter und reist in den nächstgelegenen Ort.
Nach und nach stellt Jack Fleming seine Andersartigkeit fest. Er ist ein Vampir. Nicht im Spiegel zu sehen, die Nacht verbringt er in einem riesigen Koffer gefüllt mit Heimaterde. Er kann sich entstofflichen, um sich vor Kugeln in Sicherheit zu bringen oder einfach verschlossene Türen zu durchdringen.
Doch seine jüngste Vergangenheit bleibt ihm ein Rätsel. Fest steht, er wurde umgebracht. Eine Mafiagang aus Chicago hatte ihn wegen einer mysteriösen Liste in die Mangel genommen. Details seines Todes, oder der Tage vorher, bleiben im Dunkeln. Nach und nach erinnert er sich.
Einst in New York lebend, hatte der Journalist Jack Fleming eine Liebesbeziehung zu Maureen, die er im Zuge von Recherchen kennen und lieben gelernt hat. Sie ist ein Vampir und lässt ihn zur Ader. Doch nicht aus reinem Hungergefühl, sondern als Höhepunkt einer Leidenschaft. Jack weiß von ihrem Wesen und hofft, nach seinem Ableben ihre Wesensart zu teilen, um sein Leben für immer mit ihr zu verbringen.
Doch Maureen flüchtet, da jemand auf ihre Fährte gefunden hat und sie vernichten möchte. Fünf lange Jahre hat Jack nichts mehr von ihr gehört und beschließt, in Chicago ein neues Leben zu beginnen. Dies gelingt, doch nicht so, wie er es erwartet hatte.
Auf der Suche nach seinen Mördern lernt er Charles Escott kennen, ein Privatdetektiv, der schon immer vom Übersinnlichen fasziniert war. Sie beschließen zusammen zu arbeiten. Escott beginnt die Ermittlungen zu Flemings Fall und stößt schon schnell auf ein Wespennest.

Hatte ich schon erwähnt, ein Fan schwarzer Krimis zu sein? Oder ein Liebhaber von Vampirgeschichten?
Der vorliegende Roman vereinigt Beides. Das Krimigefühl der Al Capone- Zeit, wie es z.B. in den Romanen von Frederic Brown oder Max Allan Collins lebendig wird. Die detailreiche Beschreibung des Lebens der dreißiger Jahre in Amerika, geprägt von Mafiabanden, Glücksspiel und schönen Frauen.
Dazu kommt der Vampir-Mythos. Elrods Vampir schläft am Tag in Heimaterde, da die Sonne der todbringende Feind ist. Er kann seinen Körper verstofflichen, außerdem ist er übermenschlich stark und schnell. Normale Waffen können ihn nicht töten, nur das gespitzte Eichenholz in sein Herz, oder fließendes Wasser können ihm neben dem Tageslicht den Garaus machen.
P.N.Elrod schafft es mühelos, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Es fällt schwer, den Roman zur Seite zu legen und die lebendig gewordene Welt eines imaginären Chicagos zu verlassen. Fleming ist kein Supervampir, sondern ein normaler Mensch, der sich seiner Fähigkeiten erst nach und nach bewusst wird. Auch seine Gegner sind normale Menschen, soweit man das von gnadenlosen Mördern behaupten kann.
Die gelungene Mischung aus Schwarzem Krimi und Vampirgeschichte macht Lust auf mehr. Eine erfrischende Abwechslung zu den üblichen Geschichten, in denen es um die Rettung oder Veränderung der Welt geht.

Fazit : Mich hat der Roman beeindruckt, für Liebhaber realitätsnaher Geschichten ein unbedingtes Muss. Es besteht Suchtgefahr. Wer jedoch auf der Suche nach Superlativen ist, in dem die Bösen immer mächtiger und fremdartiger werden, sollte vielleicht die Finger von „Jack Fleming“ lassen.
Einziges Manko ist die Gutartigkeit des Jack Flemings. Ein wenig mehr Undurchsichtigkeit, einen nicht ganz so aufrichtigen Charakter, hätte meiner Meinung nach besser gepasst. So wird dem Leser Jack schon fast zu sympathisch.
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Tim Parks: Doppelleben

Tim Parks: Doppelleben

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Richter Savage kann sich glücklich schätzen. Er ist seit zwanzig Jahren verheiratet und hat zwei Kinder. Auf der Karriereleiter ist er trotz seiner dunklen Hautfarbe ganz oben angekommen oder vielmehr deshalb. Endlich erfüllt sich auch der Traum vom eigenen standesgemäßen Haus. Richter Savage ist nun in einem Alter, in dem er etwas ruhiger angehen lassen will, wenigstens nach außen hin und vor allem vor seine Frau, die zumindest die Seitensprünge, die er gestanden hat, großzügig vergessen will. Doch daraus wird nichts. Eine verflossene Geliebte taucht auf, bittet ihn um Hilfe. Und Hilfsbereitschaft kann man Richter Savage nun wirklich nicht absprechen. Er ist kein Drückeberger. Aber hier hätte er sich besser raushalten sollen. Ehe er weiß, wie ihm geschieht, landet er zusammengeschlagen im Krankenhaus. Seiner Frau und auch der Polizei ist er einige Antworten schuldig. Sein Doppelleben fliegt auf. Und dann geraten auch noch brisante Informationen an die Presse. Aus dem mächtigen Mann wird ein Lüstling. Richter Savage lernt nicht aus seinen Fehlern, er erkennt sie nicht einmal als solche an. Immer tiefer gerät er in einen Strudel aus seinen Lügen und setzt alles, was ihm wichtig ist aufs Spiel.

Die Geschichte turbulent zu nennen, ist noch untertrieben. Fassungslos liest man vom wahrheitsliebenden Richter, der gleichzeitig ein notorischer Lügner ist. Die Geschichte ist tragisch und sehr menschlich. Trotzdem kann man sich das Schmunzeln beim Lesen nicht verkneifen, schreibt der Autor doch mit viel Ironie und ordentlichen Seitenhieben auf die Ehe und die Gesellschaft.
An den Stil des Buches muss man sich aber erst gewöhnen. Es wird sehr schnell erzählt. Der Autor spart mit Anführungszeichen bei wörtlicher Rede und auflockernden Absätzen. Die Übersetzung wirkt an manchen Stellen etwas eigenartig.

Rezension von Heike Rau

Tim Parks
Doppelleben
440 Seiten, gebunden
Antje Kunstmann Verlag, München
ISBN: 3-88897-323-6

Martin R. Dean: Meine Väter

Martin R. Dean: Meine Väter

Als Roberts Stiefvater Neil gestorben ist, beschließt er mit der Vaterlüge ein Ende zu machen. 40jährig und nun selbst schon Vater will er herausfinden, wer sein leiblicher Vater ist. So viele Jahre hat er dessen Existenz verleugnet, nicht zuletzt weil seine Familie ihn dazu gezwungen hat. Nun will er Licht in das Dunkel seiner Kindheit bringen. Verdrängte Gedanken und Selbstverleugnung haben dazu geführt, dass Robert immer wieder von Krankheiten geplagt wird, denn der fehlende Vater hat in seiner Seele eine Wunde entstehen lassen, die nicht heilen will und ihn immer wieder an Bett fesselt.
Doch Roberts Euphorie wird gebremst, als er seinen Vater in einem Pflegeheim vorfindet, in schlechter Verfassung, der Sprache nicht mehr mächtig.
Es ist wie in einem Alptraum. Roberts Wunsch endlich mehr über seinen Vater und sich selbst zu erfahren, läuft ins Leere.
Aber es gibt noch andere Wege, einen Menschen kennen zu lernen. Und so begibt sich Robert mit seinem Vater auf eine Reise in die Vergangenheit, an Schauplätze, die Erinnerungen wach rufen sollen.

Eine bewegende und aufwühlende Vater-Sohn-Geschichte, in die der Leser sofort hineingezogen wird. Der Autor erzählt sehr ausführlich und mit Feingefühl, so dass die inneren Konflikte der Hauptperson Robert, der nicht länger Sohn eines unbekannten Vaters sein will, sehr gut nachvollziehbar sind.

Rezension von Heike Rau

Martin R. Dean
Meine Väter
Ein Beziehungsdrama zwischen Vater und Sohn
ISBN:3446202668
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Mario Fortunato: Die Liebe bleibt

Mario Fortunato: Die Liebe bleibt

In der schönen Tradition der großen italienischen Erzähler wie N.Ginzburg,
G. Bassani und I.Svevo erzählt uns M.Fortunato die Geschichte einer Familie in einem kleinen Ort in Süditalien.
An einem winterlichen Morgen wird der Kinderarzt Italo Blasi ermordet aufgefunden. Niemand weiß etwas über den Mord, und er bleibt unaufgeklärt. In geheimnisvoller Weise scheint die Familie des Apothekers Elia Sciaki mit der Sache etwas zu tun zu haben. Aber viel erfahren wir nicht.
Elia wurde zwar der Prozess gemacht, da man ihn des Mordes verdächtigte. Aber er wird mangels Beweises freigesprochen.
Anna, Tochter von Lea und Elia Sciaki, ist merkwürdigerweise neun Monate nach der Ermordung des Kinderarztes geboren.
Viel später dann hat Anna offensichtlich eine Affäre mit ihrem Schwager. Bekam sie ein Kind von ihm?
So vieles bleibt nur angedeutet und ungesagt! Das aber macht den geheimen Reiz des Buches aus: der LeserIn kann die eigene Phantasie bemühen und darf selber seine Schlüsse aus dem ganzen Geschehen ziehen.
Aus unterschiedlichen Perspektiven, mal der des unbekannten Erzählers, mal der von Anna, der jüngsten Tochter von Elia und Lea, und mal eines Neffen von Anna, –ist der möglicherweise ihr Sohn ?—ersteht vor uns die Welt einer zahlreichen Familie mit Großeltern, Geschwistern, Onkeln, Tanten und Neffen. Ferien in den Bergen und Baden am Meer wechseln ab mit Begegnungen und Festen.
Nicht ganz erklärlich sind zuweilen die Beziehungen der verschiedenen Personen untereinander, denn auch Freunde tauchen gelegentlich auf. Es stellt sich jedoch heraus, daß das letztendlich unwichtig ist.
Es geht um die Liebe, um die Beständigkeit von Familienbeziehungen, um erotische Anziehung, Abhängigkeiten und unerfüllte Sehnsüchte, die den Ton bestimmen. Dazu verspürt der Leser die Luft, die Landschaft, das kleinbürgerlich enge Leben, aber auch die Weite und Kultur italienischen Lebens. Die untergründige Spannung, mit der ich auf Enthüllungen wartete, die Klarheit in die von einem Kriminalfall ausgehende Handlung bringen könnte, löste sich allmählich auf; für die Erzählung ist die Aufklärung des Falles am Ende gar nicht so wichtig, sondern wichtig ist die tiefe Anhänglichkeit innerhalb der Familie, die erlebte Gemeinsamkeit, und am Ende die Lösung von Bindungen, die das Alter und der Tod mit sich bringt. So erscheint die Erzählung gleichsam wie eine Parabel auf das Leben.
Die Geschichte ist meisterhaft erzählt. Kenner und Liebhaber Italiens sollten sie sich nicht entgehen lassen!
Claudine Borries

Mario Fortunato
Die Liebe bleibt
Eine delikate Familien- und Kriminalgeschichte
ISBN:3803131766
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Lorna Landvik: Patty Jane’s Frisörsalon

Lorna Landvik: Patty Jane’s Frisörsalon

Patty Jane ist jung und voller Pläne für die Zukunft. Aber als sie hochschwanger ist, verlässt ihr Mann Thor sie ohne Vorwarnung. Patty Jane ist verzweifelt, aber sie bekommt Hilfe von ihrer Schwester Harriet und ihrer Schwiegermutter Ione, die ihren Sohn auch nicht verstehen kann. Trotz der Hilfe eines Privatdetektivs bleibt Thor spurlos verschwunden
Die traurigen Zeiten verlieren ihren Schrecken, als Harriet Avel kennen lernt, der wirklich in jeder Hinsicht eine gute Partie ist. Aber auch bei Harriet währt das Glück nur, bis Avel bei einem Flugzeugabsturz kurz vor der Hochzeit ums Leben kommt.
Trotz der schwierigen Situation geben die Frauen nicht auf und bauen sich mit einem besonderen Frisörsalon eine Existenz auf. Die „Flotte Locke“ wird bald der Mittelpunkt für die Frauen des gesamten Ortes und vertreibt Einsamkeit und Trauer ein wenig.
Doch das Leben ist alles andere als einfach. Harriet kann nicht vergessen, verzweifelt fast an ihrer schwierigen Situation und will sich nicht mehr helfen lassen. Mehr denn je ist die jahrelange freundschaftliche und familiäre Verbundenheit der Frauen gefragt.

Ein Buch, dass sich nicht so leicht in eine Schublade stecken lässt. Es ist eine Familientragödie, eine Liebesgeschichte, ein Frauenroman. Ein Buch das berührt, zu Tränen rührt, aufwühlt und trotzdem mit einem gewissen Humor geschrieben ist.

Rezension von Heike Rau

Lorna Landvik
Patty Jane’s Frisörsalon
Über das Leben und seine Stolpersteine
ISBN:3492235441
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Martin Page: Antoine oder die Idiotie

Martin Page: Antoine oder die Idiotie

Martin Page Antoine oder die Idiotie Wagenbach ISBN 3 8031 31677
S.135

Martin Page, Jahrgang 1975, hat mit der vorliegenden Erzählung eine äußerst geistreiche, hintergündige Geschichte über die Abgründe des menschlichen Daseins und Denkens vorgelegt.
Wer hat nicht schon mal daran gedacht, daß zu viel Denken , Wissen und Verstehen zu Vereinzelung, Außenseitertum und folgerichtig zu Isolation führen kann?
Hier versucht einer, diesem Teufelskreis des Daseins als Wissender und Intellektueller zu entkommen.
Atoine ist der Protagonist der Geschichte. Seine Familie stammte zur Hälfte aus Burma. Seine Großeltern väterlicherseits waren in den dreißiger Jahren nach Frankreich gekommen auf den Spuren einer Vorfahrin , die 700 Jahre zuvor Europa entdeckt hatte! Schon dieses klingt, als stünde die Welt auf dem Kopf.
Seine Mutter war Bretonin und Strandaufseherin des Umweltministeriums.
Im Alter von 18 Jahren hat Antoine seine liebevollen und fürsorglichen Eltern verlassen, um in der Haupstadt sein Glück zu suchen. Da er vorurteilsfrei und von wachem Verstand ist, bleibt er unter den Massen ein Heimatloser.
Sein bester Freund Aslee hat als Säugling als Versuchsobjekt für neue Babynahrung von Nestlé gedient, die mit Phosphor angereichert war. Nun läuft er nachst leuchtend durch die Welt.
Ein anderer Kumpel, Nachbar im achten Stockwerk seines Wohnhauses, trägt ihn die Treppe hinauf , da Antoine zu unsportlich ist, um die acht Stockwerke immer zu schaffen.
Antoine verdient sich das Geld für die Miete seiner schlichten Wohnung mit der Übersetzungsarbeit an der Suche nach der verlorenen Zeit ins Aramäische. Der Verlag geht leider Pleite, womit seine Geldquelle versiegt.
Die Mietzahlungen kann er einstellen, da der Vermieter an Alzheimer leidet.
Im Konflikt zwischen dem Versuch, ein unmoralischer, der Welt angepasster Mensch zu werden und sich um den Vermieter zu kümmern, entscheidet er sich für letzteres. Dieser Konflikt setzt sich fort. Mal bangt Antoine um den wissenschaftlichen Frotschritt zu Heilung für Herrn Brallaire, mal sorgt er sich, daß damit seine Finanzmisere offenkundig würde.
Um von seinem Verstand loszukommen, der ihn “ arm, ledig und deprimiert sein läßt“,versucht Antoine sich zuerst als Alkoholiker, besucht danach eine Schule zum Erlernen des Selbstmordes, um sich schließlich ganz der Aufgabe zu widmen, das eigene Denken aufzugeben und sich der Idiotie zu verschreiben. Ein Hilfsmittel bei diesem Vorhaben ist die von seinem Kinderarzt verordnete Medizin Heurozack. Damit gelingt es ihm , die Welt gelassener und ruhiger zu betrachten , und nicht alles und jedes Ding zu hinterfragen.
Er sucht ein Fitneßstudio auf, pflegt sein Äußeres und wird mehr und mehr zum Durchschnittsbürger, bis er zuletzt als Krönung seiner Laufbahn zum Börsenmakler wird.
Am Ende wirdwird die Geschiche ein wenig irreal. Der Autor kann die kultivierte und feinsinnig-skurrile Erzählung nicht bis zum Ende durchhalten.

In Ansätzen aber hat er uns die Welt gezeigt , wie sie ist: voller Widersprüche, Ungereimtheiten, Ungleichheit. Arm und reich und klug und dumm: beide Seiten des Lebens bestehen nebeneinander . Keine Seite ist ohne die andere denkbar.
Alles läuft darauf hinaus, den Sinn des Lebens zu ergründen, der aber nicht zu finden ist.

In wahren Gedanken-und Wortkaskaden und mit einem kunstfertigen Sprachgberauch wird die Welt von Antoine, und damit unsere Welt, in diesem Buch beschrieben. Nicht in gleichmäßigem Fluß verläuft die Erzählung, sondern versetzt mit den satirischen, überzeichneten Selbst-und Fremdbeobachtungen des Antoine erleben wir die Widersprüche und Irrwitzigkeiten, mit denen das Leben ausgestattet ist.
Das Buch ist heiter, voll spritziger Komik, philosophisch und hintergründig und bereitet einen großen Spaß beim Lesen.
Claudine Borries
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