So lange der Haifisch schläft

So lange der Haifisch schläft

Milena Agus So lange der Haifisch schläft
Klett-Cotta ISBN 3608937498

Dieser wunderbare, heitere, naive, herzerfrischend und sehr italienische Roman reißt den Leser sofort mit!

Eine Familie: Vater, Mutter, Bruder, Großmutter, eine Tante und die Icherzählerin leben zusammen in einem Dorf auf Sardinien.
Durch die Augen der Icherzählerin erfahren wir in leisen Tönen, naiv, lakonisch und treuherzig, wie jeder einzelne lebt und die Welt betrachtet.
Der Vater ist ein Weltverbesserer, der viel fort ist, um in sich in Südamerika als Entwicklungshelfer hervor zu tun. Die schöne Tante schwebt von einem Liebhaber zum anderen; nie klappt es wirklich mit der Liebe. Die Mutter, eine zarte kleine Person, ist von ihrem Mann aus mühevoller Archivarbeit befreit worden und darf nun malen. Sie widmet sich dem Metier mit Hingabe. Der Bruder bleibt im Schatten der anderen, leidet an der Welt und den bösartigen Mitschülern und spielt immer nur Klavier. Die Großmutter gibt über allen schwebend ihre weisen Kommentare von sich.
Und unsere Icherzählerin? Sie schreibt Geschichten und hat einen verheirateten und absolut perversen Liebhaber.

Es geht um Gott und die Welt, um die Liebe, die Leichtigkeit und die Schwere des Seins.
Neben dem irdischen Allerlei des Tages wird immer wieder die Liebe in allen ihren Variationen thematisiert. Die herrlichsten poetischen Liebesbeweise tönen einem entgegen, hinreißend und von feinster Sprache zeugend.
Ohne Trauer und Verlust ist die Liebe nichts. Und so beschwört M. Agus die ganze Welt der Gefühle in ihrem Büchlein herauf.
Sie schreibt mit leichter Feder; selbst die unglaublichsten Einfälle von Perversion werden wie ganz normale leichte Geschichten daher erzählt. Fragen nach dem Lebenssinn und nach Gott werden unbeschwert, kindlich und naiv gestellt und beantwortet.
Die Familie ist scheinbar eng verbunden. Zugleich ist erkennbar, dass jeder seine eigene Philosophie und sein eigenes Bild von Gott und seinen Taten hat. Und zuletzt wird bei aller Einigkeit nach außen auch klar, dass jeder sein einsames Leben abgesondert vom Innenleben der anderen lebt.

Agus beschreibt ihre Charaktere kraftvoll und intensiv. Väter und Geliebte sind oft erotische Helden, die sich allerhand erlauben dürfen. Nichts aber ist verbissen, ehrpusselig oder gar moralisierend. Es ist wie es ist! Das mag als Motto für das Leben der hier beschrieben Menschen gelten.
Bei allem Ernst, der hinter den einzelnen Leben erspürt werden kann, ist die Geschichte heiter, zuweilen traurig, manchmal verzweifelt und melancholisch, immer aber auch südländisch und fröhlich.
Milena Agus ist eine wunderbare Erzählerin!
Man wünscht diesem Buch viele Leser und Leserinnen; es lohnt sich!
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Die Nudel

Die Nudel

Die Nudeln haben möglicherweise ihren Anfang im heutigen Irak, in Syrien oder vielleicht in Afghanistan genommen. Aber das ist nur eine Hypothese, eine umstrittene dazu. Dass sie schnell ins Innere Asiens gelangten, steht aber fest. Vermutlich war die Nudel das erste verarbeitete Grundnahrungsmittel mit dem im großen Stiele Fernhandel betrieben wurde. Der Autor versucht den Weg der Nudel über die Welt zu verfolgen und ihrer Ausbreitung nachzugehen. Schon das kommt einem Abenteuer gleich. Der Autor verweist auf Erwiesenes und Vermutetes.

Jede Kultur hat ihre eigenen Nudelspezialitäten entwickelt. Es gibt unglaublich viele Sorten die in verschiedenen Variationen gegessen werden. Der Autor macht Station in Italien, China und anderen Ländern, schaut tief in die Töpfe und probiert was gegessen wird. Dabei wirft er auch einen Blick auf die Herstellungsarten der Nudel. Auch Deutschland gilt sein Interesse. Die Maultaschen sollen ja die Mönche von Maulbronn zu Zeiten Luthers erfunden haben. Vielleicht war aber auch alles ganz anders. Legenden gibt es genug. Die Beweislage ist schwierig. Möglicherweise sind die Maultaschen gar russische Pelmeni. Der Autor geht trotzdem der Frage nach, woher der Begriff kommt und wie genau sie zubereitet werden und wie man sie isst.

Die Herkunft von Rezepten zu erforschen, ist keine leichte Aufgabe. Die Vielfalt der Nudeltypen und Gerichte ist riesengroß. 320 Seiten braucht der Autor um die Geschichte der Nudel zu erzählen. Er tut dies auf eine sehr humorvolle und ausschweifende Art und Weise. Als Nudelliebhaber wird man damit sehr gut unterhalten. Vor der Lektüre des Buches sollte man sich aber einen Vorrat an Nudeln oder den Zutaten zum Nudelteig bereitstellen. Denn das schön gestaltete Buch hat eine nicht zu unterschätzende Nebenwirkung. Es macht großen Appetit.

Rezension von Heike Rau

Christoph Neidhart
Die Nudel
Eine Kulturgeschichte mit Biss
Gestaltet und illustriert von Günter Mattei
Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien
320 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3552060425
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Zimmerflimmern

Zimmerflimmern

Rein namentlich unterscheidet die Beiden jeweils nur ein Buchstabe. Hans Magnus, geboren 1929 und laut Meyers Taschenlexikon bekannt und berühmt wegen seiner zeitkritischen Lyrik in schmuckloser klarer Sprache, schreibt seinen Familiennamen mit „b“ wie Enzensberger. Manfred Enzensperger, geboren 1952, wird mit seiner klaren, aber keineswegs schmucklosen Sprache immer bekannter und steigerte mit seinem neusten Gedichtband „Zimmerflimmern“ seine lyrischen Qualitäten ein weiteres Mal.
Mit diesem auch nicht gerade zeitunkritischen Band legt er einen lyrischen „Reiseführer“ durch Straßen, Länder und Städte vor, mit dem er nicht nur vor Haus- und Wohnungstüren kehrt. Er findet den Weg ins Private und wieder hinaus. Und bereits im ersten Gedicht seines Lyrik-Bandes lässt er „bäume“ in sein „zimmer“ kommen und fordert „schieß doch, parkhaus“.
Enzensperger, egal, ob er gerade im niederländischen Seeland oder in Venedig wortreich ausgeschmückte eindrucksvolle Bilder sammelt, hat immer auch „seine“ Stadt Köln zum Vergleich in Kopf und Bauch und hilft damit, Fremdes zu verinnerlichen und sinnlich erfahrbar bisherigen Erlebnissen hinzu zu fügen.
Zugegeben, ein Rezensent lässt sich manchmal aus Zeitmangel zum „Querlesen“ verführen.
Zimmerflimmern erlaubt diese Lesart nicht. Selbst wenn darin – zum Schein einschränkend – „eine blume verspricht eine blume zu sein“ kann doch „irgendwo zwischen herne und wanne“ „ein streunendes weiterso in der luft liegen“, das ausgiebiges Weiterdenken und sorgfältiges Einfühlen verdient.
Der Autor versteht es, Leser und Leserinnen mit seinem lyrischen „Reiseführer“ immer wieder an zunächst unscheinbare Ecken und in scheinbare Sackgassen zu führen, hinter denen oder an deren Ende es unerwartet immer noch Türen, Gänge und Tore gibt, die nicht ausschließlich, aber meistens ins Innere führen. Und dort „liegt“ unvermutet plötzlich „die wahrheit an der oberfläche“.
Ein Reise(ver)führer, der auch dazu animiert, die darin beschriebenen Orte aufzusuchen, um dort die Empfindungen des Autors aufzunehmen und weiter zu spinnen, denn „wäre rom nicht rom was wäre rom“?

Manfred Enzensperger, Zimmerflimmern, Gedicht, Horlemann-Verlag, Bad Honnef, 2007, 79 Seiten, € 12,90

Manfred Enzensperger
Zimmerflimmern
Ein lyrischer „Reiseführer“
ISBN:389502242X
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Gran Sol

Gran Sol

Nach dem Abschied von den Familien geht es an Bord. Die Leinen werden losgemacht und die „Aril“ sticht in See, gerade als das Gewitter beginnt und es die ersten Tropfen regnet. Es verläuft alles normal, auch wenn das Meer aufgewühlt ist und die Brecher das Schiff erzittern lässt.
Gran Sol ist das Ziel der Fischer. Die lange Fahrt dorthin verbringen die Männer mit Routinearbeiten und Gesprächen. Paulino Castro schreibt in sein Logbuch „Keine weiteren Vorkommnisse,…“
Dann endlich kommt Bewegung in den eintönigen Alltag. Das Netz wird zu Wasser gelassen, die „Aril“ und ihr Schwesterschiff die „Uro“ beginnen zu schleppen. Der Ton unter den Männern wird härter. Die anstrengende Arbeit zermürbt, zumal der Fang gering ausfällt. Schleppgang um Schleppgang müssen die Männer bewältigen.
Die Bank von Gran Sol liegt noch siebzig Meilen entfernt. In den Nachrichten wird noch schlechteres Wetter vorhergesagt. Trotzdem geht die Arbeit weiter, weil Kapitän Orozco es so will. Eine Havarie lässt nicht lange auf sich warten. Das Netzt verhakt sich in der Schraube der „Uro“. Der Fang geht verloren. Für die „Uro“ besteht nur eine Chance, wenn es gelingt mit Hilfe der „Aril“ das Schiff trotzt Schlechtwetterfront in einen sicheren Hafen zu ziehen.

Ignacio Aldecoa nimmt seine Leser direkt mit an Bord eines Hochseekutters und lässt ihn teilhaben am Arbeitsalltag der dreizehn kantabrischen Fischer, die unterwegs zur Fischbank Gran Sol westlich von Irland sind. Ihre Gespräche, Rangeleien und derben Scherze untereinander kann man so hautnah miterleben. Es ist, als hätte man Anteil an ihren Sorgen, Nöten und Hoffnungen. Der Autor beschreibt ihr Leben an Bord akribisch genau, lässt verschiedene Stimmungen deutlich werden. Seine Schilderungen des unberechenbaren Meeres bei Wind und Wetter sind so gut, dass man dem nachspüren kann. Die Gefahr, der sich die Männer aussetzten, ist stets präsent.
Die Charaktere werden so lebendig beschrieben, dass man eine echte Chance hat, sie kennen zu lernen. Die Fischer, denen ihre Sterblichkeit praktisch angesichts des Unwetters jede Minute vor Augen geführt wird, sind die Helden des Buches. Sie werden vom Autor mit viel Einfühlungsvermögen beschrieben und genau beobachtet. Der Roman besticht durch seine deutliche Sprache, so dass sehr eindringliche Bilder bei der Lektüre des Romans entstehen.

Über den Autor:
Ignacio Aldecoa lebte von 1925-1968. Er studierte an der Universität von Madrid. Er gilt als einer der Wegbereiter der spanischen Literatur und ist einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Rezension von Heike Rau

Ignacio Aldecoa
Gran Sol
Übersetzt von Willi Zurbrüggen
300 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3866480575
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Der Bastard von Istanbul

Der Bastard von Istanbul

Nicht zu wissen, wo man hingehört und wo die eigenen Wurzeln liegen, das kann bedrückend und niederschmetternd sein!

Zwei junge Frauen, weitläufig mit einander verwandt, in ganz verschiedenen Welten zu Hause, die eine in Istanbul, die andere in Amerika, leiden beide an diesem Identitätssyndrom.

Asya ist das uneheliche Kind ihrer Mutter. Sie lebt in Istanbul unter verschwisterten Tanten, Mutter, einer Großmutter und einer Urgrußmutter in einem reinen Frauenhaushalt.
Die Familie gehört zur oberen Mittelschicht, ist akademisch gebildet und teilweise berufstätig.
Den Männern der Familie haftet das Gerücht an, dass sie nie lange leben, weil fast alle Ehemänner, Brüder und der Vater früh verstorben sind.
Um das einzige männliche Familienmitglied vor diesem Schicksal zu bewahren, wurde Mustafa nach Amerika geschickt.

Hier knüpft die amerikanische Geschichte an:
Rose, gebürtig aus Arizona, hatte einen Amerikaner armenischer Herkunft geheiratet, von dem sie geschieden ist. Die gemeinsame Tochter Armanoush aus dieser kurzen Ehe lebt bei ihr. Aus Rache an der großen armenischen Sippe und aus Liebe heiratet Rose in zweiter Ehe den Türken Mustafa, eben jenen Bruder der Sippe der Kazanci aus Istanbul.

Warum die Rache?
Es ist eine bekannte Geschichte, dass Armenier und Türken in Jahre langer Fehde zu einander standen, seit nach dem Ende des Osmanischen Reichs Mitglieder einer jungtürkischen Bewegung die armenischen Intellektuellen rücksichtslos verfolgten, aus Istanbul deportierten und damit den Völkermord an den Armeniern eingeleitet haben.

Neben der Identitätssuche der beiden Mädchen ist dieser Konflikt das ganz große Thema dieses Romans.

Während Mustafa sich aus allen Familienbanden entfernt hat und Amerikaner geworden ist, hat die in San Francisco ansässige armenische Familie ihren starken Zusammenhalt beibehalten und ist von erdrückender Fürsorge für fast alle ihre Familienangehörigen.

Asya und Armanoush sind jede in eine Welt und in Familien hineingeboren worden, in denen es unmöglich ist, Klarheit über ihre Zugehörigkeit sowohl zu einer Nation als auch zu einer Familie zu gewinnen. Auf der Suche nach ihrer wahren Identität begegnen sich die beiden Mädchen in der Familie von Armanoushs Stiefvater in Istanbul.
Hier beginnt die eigentliche Geschichte. Die beiden Mädchen kommen sich näher, teilen abenteuerliche Erlebnisse und Begegnungen und führen viele wunderbare literarische und philosophische Gespräche.
Der ganze Roman ist von einem ungewöhnlichen Zauber verschiedener Welten, Kulturen und dem Zusammenprall unterschiedlicher Völker und Charaktere.

Elif Shafak gelingt es, in einem groß angelegten Zeitgemälde zwei verschiedene Familienszenarien zu zeichnen.

Alle Figuren werden mit ihren Eigenheiten, Sonderbarkeiten, teilweise Verrücktheiten und Aufsässigkeiten und in ihrem ganz gewöhnlich Alltagsverhalten sehr persönlich charakterisiert.
Man bekommt Einblick in innerfamiliäre Familienstrukturen und Lebensgewohnheiten in der Türkei, von denen man hier nur wenig weiß.

Kaum ist je so klar geworden, dass es auch in der Türkei feizügige und liberal eingestellte Stadtbewohner und ein hinterwäldlerisches Völkergemisch gibt, das zu explosiven Spannungen innerhalb des Landes führen kann.

Geschichte und kulturelles Anderssein wird leichter begreiflich, wenn man Eindrücke durch personifizierte Handlungen vermittelt.
Elif Shafak ist das mit diesem Roman gut gelungen.
Sie ist eine angesehene Autorin, vielfach ausgezeichnet und gleichzeitig in der Türkei für diesen Roman verfolgt, angeklagt und frei gesprochen worden, da sie das Tabu des armenischen Völkermordes hier thematisiert hat.
Dieses Buch ist lesenswert und hoch aktuell.

Elif Shafak
Der Bastard von Istanbul
Auf Spurensuche nach Istanbul
ISBN:3821857994
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Das große Ravensburger Natur-Spielebuch

Das große Ravensburger Natur-Spielebuch

Man liest es immer wieder in der Presse. Unsere Kinder bewegen sich zu wenig, sitzen stattdessen vor dem Fernseher oder dem Computer. Vielleicht ist aber auch kein Spielplatz in der Nähe oder die Kinder haben einfach keine Idee, was sie draußen machen könnten. Diese Ausreden zählen nun nicht mehr. Der Autor erklärt Wiesen, Bäche, Wälder, Parks und sogar die Innenstädte zu Spielplätzen. Es gibt eine Menge Spiele, die man ohne großen Aufwand und mit den einfachsten Materialien spielen kann, aber auch solche, die gewisse Anforderungen an ein Team stellen.

Eltern und Erzieher finden in diesem Buch über 200 Spiele für ein bis zwei Kinder, aber auch für kleine und große Gruppen. Das Wetter spielt dabei fast keine Rolle und auch die örtlichen Gegebenheiten werden perfekt genutzt. Das Buch ist in die unterschiedlichen Spielorte gegliedert: „Spiele auf der Wiese und im Park“, „Spiele im Wald und im Gelände“, „Spiele in der Stadt und im Dorf“, „Spiele am und im Wasser“, Spiele mit Sand und Steinen“, „Spiele bei Regen oder Schnee“, „Spiele bei Dämmerung und in der Nacht“, „Spiele mit den vier Elementen“, „Spiele für alle Sinne“, „Spiele zum kreativen Gestalten“, „Spiele für größere Aktionen und Gruppen“, „Kooperative Spiele“.

Spiele auf der Wiese und im Park:
Hier werden Blatttabletts balanciert, Bäume bestimmt, auf selbst gebastelten Wippen balanciert, verstecken gespielt und Naturmaterialien erkundet. Es gibt ruhige Spiele und Spiele bei denen sich die Kinder austoben können. Die Natur spielt eine große Rolle.

Spiele bei Regen oder Schnee:
Hier werden auch die Stubenhocker vor die Tür gelockt. Die Ausrede, das schlechtes Wetter ist, zählt nicht. Je nach dem ob Regenwetter ist oder Schnee liegt, stehen beispielsweise folgende Spiel zur Auswahl: Pfützenweitsprung, Pfützenbüchsengolf, Tiefschneeball, Spurensuche oder Schneeballballern. Aus Schnee kann aber auch etwas gebaut werden, zum Beispiel eine Schnee-Bobbahn für Murmeln.

Auch in den anderen Kapiteln geht es darum, die Natur kennen zu lernen und dem Bewegungsdrang nachzugeben. Ganz nebenbei werden die Kinder gefördert, beispielsweise in der Teamfähigkeit. Gefördert werden die Sinne, und damit auch Konzentration, Merkfähigkeit, Geschicklichkeit, Gleichgewichtssinn, Körpergefühl und vieles mehr. Eltern und Erzieher können die Spiele gezielt auswählen, denn es gibt ein Register mit Angabe der Förderbereiche. Hier kann man auch sehr gut ablesen, wie lange ein Spiel dauert, für welche Altersgruppe es geeignet ist, wie viele Kinder mitspielen können und ob ein Spielleiter gebraucht wird.
Der Autor beschreibt ein Spiel nicht nur, er gibt auch hilfreiche Tipps zum Gelingen. Auf einen Blick sieht man auch sofort, ob Materialen und wenn ja, welche, gebraucht werden. Hier liegt der Schwerpunkt auf Naturmaterialien, wie man sie überall finden kann.
Die witzigen Illustrationen sind eine zusätzliche Anregung, sich an den Spielen zu versuchen. Man kann mit Hilfe des Buches auch Kinderfeste, Aktionstage und Spielenachmittage für die ganze Familie vorbereiten. Viele Spiele lassen sich perfekt zwischendurch bei einem Spaziergang spielen. Sie wecken die Abenteuerlust und vertreiben die Langeweile.

Rezension von Heike Rau

Uli Geißler
Das große Ravensburger Natur-Spielebuch
Über 200 Spiele für Kinder
Mit Illustrationen von Birgit Rieger
140 Seiten, gebunden
Ravensburger Buchverlag
ISBN: 978-3473556236
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Hochzeit in Jerusalem

Hochzeit in Jerusalem

Niemand will ständig von der Familie behelligt werden, um familiäre Angelegenheiten für andere, insbesondere Verheiratungen, mit zu regeln. Die junge Anja gerät in eine bedauerliche Lage, da ihre Mutter sie drängelt, für den Bruder eine Braut aufzutreiben.
Sie ist nicht erbaut und verweigert sich diesem Anliegen!

Als Kontingentjüdin ist sie mit ihrer Familie Anfang der neunziger Jahre aus Russland nach Deutschland gekommen und lebt inzwischen nach westlichem Muster ihr eigenes Leben.

Im Internet stößt Anja zufällig auf Julian.
Er sucht Hilfe, um seinen jüdischen Wurzeln auf die Spur zu kommen. Sein Vater hatte ihn recht unvermittelt darüber in Kenntnis gesetzt, dass er durch ihn, seinen Erzeuger, jüdischer Herkunft sei. Viel mehr kann er von diesem schweigsamen und von der Mutter geschiedenen Mann leider nicht erfahren.
Anja bietet dem neuen Freund unvoreingenommen und ohne tiefere Absichten ihre Hilfe an.
So beginnt eine Reise durch das Dasein als Jude im heutigen Deutschland und in die Vergangenheit gekoppelt an eine nicht ganz einfache Beziehung zu Julian.

Da ist von den Gutmenschen die Rede, die sich heute gerne und fast aufdringlich mit jüdischen Freunden umgeben; da gibt es eine Vielzahl von Verwandten hier und in aller Welt verstreut, die auf eine chaotische Weise alle miteinander verbunden sind. Und wie hat man sich überhaupt jüdisches Aussehen vorzustellen? Keine anzügliche Frage bleibt ausgespart.
Anjas Erinnerungen an Russland und ihr Leben heute zeigen anschaulich, wie sehr das Leben und die Identitätssuche gerade der jüngeren Generation jüdischer Herkunft mit den Jahren und abhängig von den Ortswechseln einem Wandel ausgesetzt ist.

Julian will mehr über den jüdischen Glauben und die religiösen Riten herausfinden. So planen die beiden jungen Leute eine Reise nach Jerusalem. Unvermutet und nicht gerade erwünscht schließt sich die Familie von Anja den Reisenden an, um bei der Hochzeit einer Cousine dabei zu sein.
Die Hochzeit in Jerusalem bietet Anlass, sich all derer zu erinnern, die überall und nirgendwo zu Hause sind!

Es handelt sich bei diesem Buch um eine Mischung aus Identitätssuche und Entwicklungsroman.

Die spritzige Lebendigkeit, mit der Erfahrungen und Begegnungen beschrieben werden, ist von hintergründigem Humor und feiner Selbstironie.
In einem unkonventionellen Stil und mit einfallsreichen Gedanken wird die Mischpoche unter die Lupe genommen.

Das Buch ist voller Ideen, feinem Zynismus und freimütiger Beobachtung. Mit lakonischen und unbefangenen Bemerkungen amüsiert sich die Protagonistin über Jugendliche mit linken Ideologien und reichen Eltern im Hintergrund. Andere modische Ideologien werden auf feinsinnige Art auseinander genommen.
Die leise Melancholie zum Ende der Erzählung hin bietet eine Ahnung davon, dass das Leben in der Fremde nicht immer leicht zu ertragen ist.

Die Autorin hat ein ähnliches Schicksal wie ihre Heldin.

Sie ist jung, kommt aus Russland und bezeichnet sich als jüdische Deutsche. Mit ihrem ersten Roman Meine weißen Nächte (2004) war sie sehr erfolgreich. Sie wurde 2005 mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet.
Man wünscht sich noch viele gleichwertige Romane aus ihrer Feder!

Lena Gorelik
Hochzeit in Jerusalem
Auf Identitätssuche
ISBN:3865550371
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Stefan Markus: Erste-Hilfe-Handbuch

Stefan Markus: Erste-Hilfe-Handbuch

Der Gedanke irgendwann einmal Erste Hilfe leisten zu müssen, macht vielen Menschen Angst. Meist liegt es daran, dass der Erste-Hilfe-Kurs schon länger zurückliegt und man glaubt, zu viel vergessen zu haben, um noch angemessen Handeln zu können. Man hat Angst, dem Verletzen mit falscher Hilfe zu schaden.

Mit dem vorliegenden Buch kann man noch einmal alle Aspekte der Ersten Hilfe durchgehen. Der Leser erhält Hilfestellung für alle möglichen vorkommenden Unfälle in den Bereichen Straßenverkehr, Freizeit, Haushalt und Arbeitsplatz.

Zunächst werden die Grundlagen der Ersten Hilfe besprochen. Der Leser erfährt, welche Aufgaben dem Ersthelfer zukommen und welche Sofortmaßnahmen beim Warten auf den Rettungsdienst eingeleitet werden müssen. Danach geht es ins Detail. Hier werden mögliche Verletzungen durch Unfälle gezeigt und die entsprechende Behandlung vorgeschlagen, ob es sich um Herz-Kreislauf-Störungen, Wunden, Verletzungen des Bewegungsapparates, Verbrennungen, Vergiftungen oder psychiatrische Notfälle handelt. Gezeigt wird aber auch die Behandlung von häufiger auftretenden Erkrankungen oder Befindlichkeitsstörungen wie Fieber, Erbrechen und Durchfall, Halsschmerzen oder Schwindel.

Das Buch ist für jeden geeignet, der Erste Hilfe leisten möchte oder muss. Die Erklärungen, immer in Wort und Bild, sind sehr gut nachvollziehbar. Die Erläuterungen erfolgen zudem in Schritten. Wichtige Aspekte werden oft wiederholt, so dass man diese schon beim Lesen des Buches automatisch verinnerlicht. Sehr hilfreich sind auch die Zusammenfassungen. Hier muss man sozusagen entscheiden, welchem roten Faden man folgt und sieht so auf einen Blick, welche Maßnahmen zu ergreifen sind. Diese Zusammenfassungen kann man leicht auswendig lernen.
Gut gefallen hat, dass dem Helfer Mut gemacht wird zu handeln, dass dabei aber auch auf seine Ängste und Zweifel eingegangen wird.

Damit man überhaupt einschätzen kann, wie es dem Patienten geht, muss man natürlich wissen, wie der menschliche Körper aufgebaut ist und funktioniert. Deshalb gibt es auch eine Einführung in Anatomie und Physiologie. Damit ist man gut gerüstet für alle Eventualitäten.

Fazit: Diese Buch sollte in jedem Haushalt vorhanden sein. Ein Notfall tritt schneller ein, als gedacht und dann ist richtiges und umsichtiges Handeln gefragt.

Rezension von Heike Rau

Stefan Markus / Dr. Sybille Tönjes
Erste-Hilfe-Handbuch
Wissen – Ratschläge – Selbsthilfe
In Zusammenarbeit mit dem Malteser Hilfsdienst
Aus dem Englischen von Tobias Immenroth
288 Seiten, broschiert, über 400 Fotografien und 70 Illustrationen
Dorling Kindersley Verlag
ISBN: 978-3831010080
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Der weiße und der schwarze Bär

Der weiße und der schwarze Bär

Die Nacht ist schon ein wenig unheimlich, findet das kleine Mädchen. Wenn es mit offenen Augen im Bett liegt und ihr Zimmer betrachtet, fühlt es sich wie in einem Wald, man könnte sich verlaufen. Allein ist das Mädchen zum Glück nicht, denn im Wald, da gibt es Bären. Nachts sitzt ein weißer Bär am Bett des Mädchens, so ist es nicht ganz so stockdunkel. Der weiße Bär schimmert nämlich ein wenig im Dunklen. Wenn der weiße Bär nicht da ist, dann ist auch der Mond verschwunden. Dann sitzt der schwarze Bär am Bett. Sehen kann man ihn nicht, so unglaublich dunkel ist es, aber atmen kann man ihn hören.

Der Autor taucht ganz tief in die Fantasiewelt kleiner Kinder ein. Er bietet ihnen eine Sichtweise an, die es ermöglicht, die oft vorkommende nächtliche Angst in ihre Schranken zu weisen oder zu überspielen. Die Lichtverhältnisse sind nachts nicht immer gleich, so finden auch die Mondphasen Beachtung.
Das Buch ist sehr fantasievoll illustriert. Die Bären sehen schon ein wenig unheimlich aus, so groß, wie sie dargestellt sind. Aber wie man den Bildern entnehmen kann, fühlen sich Kinder wohl in ihrer Nähe. Die Bären nehmen der Nacht ihre Unheimlichkeit, auch wenn sie nur erfunden sind, wie jedes Kind weiß. Das Buch regt an, sich mit der nächtlichen Angst bewusst auseinander zu setzen, die Vorstellungskraft zu aktivieren und der Nacht ihre schönen Seiten abzugewinnen.

Über den Autor:
Jürg Schubiger wurde 1936 in Zürich geboren. Er arbeitete als Gärtner, Winzer, Holzfäller, Kartonagen-Zuschneider, Werbetexter und Verleger und hat dann Germanistik, Psychologie und Philosophie studiert und über Franz Kafka promoviert. Seit 1980 arbeitet er als Psychotherapeut. Als Autor schreibt für Kinder und Erwachsene und wurde vielfach ausgezeichnet, beispielsweise 1996 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und 1997 mit dem Silbernen Griffel für sein Kinderbuch „Als die Welt noch jung war“. Auch die Luchs-Jury hat seine Bücher zweimal prämiert. Für „Seltsame Abenteuer des Don Quijote“ und „Aller Anfang“ bekam der den Luchs.

Über die Illustratorin:
Eva Muggenthaler wurde 1971 in Fürth geboren. Sie studierte an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg Illustration und Grafik. Ihr erstes eigenes Bilderbuch „Der Schäfer Raul“ erschien 1997 im Peter Hammer Verlag und wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Eva Muggenthaler lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Nordfriesland.

Rezension von Heike Rau

Jürg Schubiger / Eva Muggenthaler
Der weiße und der schwarze Bär
32 Seiten, gebunden, durchgehend illustriert
Peter Hammer Verlag
ISBN: 978-3-7795-0078-0
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Margarettown

Margarettown

Ist dieser Roman ein Märchen, eine verzaubernde Geschichte oder eine Hommage an die Frauen in ihren verschiedenen Lebenszeiten?

Alles fängt ganz realistisch an, als der Icherzähler eine Studentin aufsucht, der er ein Examen in Philosophie abnehmen soll. Da sie nie in seinem Seminar erschienen ist, wird er sie durchfallen lassen müssen, will aber zuvor wenigstens wissen, wer das ist, den er da durchfallen lassen wird. Es ist Margaret aus Margarettown!

Ganz unvermittelt finden wir die beiden in einer Beziehung wieder, die in New York spielt.

Sie fahren in ihren Heimatort, Margarettown, wo es nur das Haus mit dem Namen Margaron gibt.

Zuerst dreht sich alles um die Namen Margaret, die es in vielen Versionen gibt, und die uns anhand einer langen Epistel erläutert werden. Auch in dem Haus gibt es alte und junge Margarets mit abgewandelten Namensbildungen. Sind sie alle echt oder nur Verkörperungen der einen und einzigen Margaret?
In die reale Handlung werden magische und träumerische Begebenheiten hineinphantasiert.
Wir wissen nicht, wo die Wirklichkeit aufhört und wo die Vision beginnt!
Was zuerst eher an ein Märchen denken lässt, wandelt sich zu einer wahren Geschichte.

Der Protagonist erzählt sie seiner Tochter. Er berichtet von seinen Eltern, seinem Leben mit ihrer Mutter, von Tanten und von seinem Onkel, der ihm ein reiches Erbe vermacht hat.

Die Geschichte handelt von der Liebe, von Treue, von Trennungen und vom Abschied. Sie handelt von den Veränderungen im Menschen und von dem, was wir zu sehen glauben und für wahr halten, oder was wir nur als Wahrheit interpretieren. Sie ist ernst und heiter, und traurig und voller Komik; und sie enthält viele wahre Einsichten über das Leben und den Tod!
Leicht und verzaubernd kommt die Geschichte daher, und genauso leicht liest sie sich auch.
Die Autorin ist begabt, Lebenswirklichkeiten beschwingt und
heiter zu erzählen, ohne den Ernst dahinter zu verbergen.
Alles ist so fern jeder Lebensdramatik und Düsternis, dass der Leser sich aller Erdenschwere entrückt glaubt. Und doch ist man angerührt von diesem überaus klugen Buch einer noch so jungen Autorin.
Es handelt sich um eine entspannt erzählte Lebens – und Liebesgeschichte, die voll tiefer Weisheiten steckt. Man findet dergleichen nicht so schnell auf dem Büchermarkt.

Zauberhaft und sehr lesenswert ist dieser wunderbare Roman!

Gabrielle Zevin
Margarettown
Humorige und weise Geschichte über das Leben und die Liebe
ISBN:3827005973
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