Karlchen

Karlchen

Der kleine Oliver geht mit seinem Kuschelkater in den Spielzeugladen. Oliver ist sicher, dass es Karlchen hier genauso gut gefallen wird, wie ihm selbst. Sogar eine riesige Modelleisenbahn gibt es hier. Bald stellt Oliver den Kater auf dem Fußboden ab, weil er so beschäftigt ist. Doch auf dem Boden gefällt es Karlchen nicht. Damit er nicht verloren geht, behält er Olivers Turnschuhe im Auge. Doch auf einmal läuft Oliver weg. Immer weniger Schuhe sieht Karlchen und bald sind gar keine Leute mehr da. Das Licht geht aus. Frau Talbot, die Ladenbesitzerin ist am Gehen, als sie Oliver erspäht. Sie glaubt, es ist ein neues Spielzeug und stellt Karlchen ins Regal. Er hört, wie sie sich entfernt und die Tür abschließt.

Draußen geht eine Straßenlaterne an und endlich sieht Karlchen wieder etwas. Er sitzt in einem Regal mit lauter anderen Kuscheltieren. Und die wundern sich über Karlchen. Er ist nämlich schon ganz abgewetzt. So wird ihn doch nie jemand kaufen! Aber Karlchen will ja auch gar nicht gekauft werden. Er gehört doch zu Oliver. Und dass er so schäbig aussieht hat doch einen Grund. Das kommt vom vielen Kuscheln mit Oliver. Der wird seinen Freund sicher schon vermissen. Zum Glück trägt Karlchen ein Halsband mit seinem Namen und Olivers Telefonnummer. Der Bär will sich das Halsband genau ansehen. Doch es reißt ab und fällt hinunter, direkt in das Metallgitter, das im Fußboden eingelassen ist. Karlchen ist entrüstet. Wie soll ihn Oliver denn jetzt wiederfinden?

Sicher kann sich jedes Kind vorstellen, wie es ist, wenn ein geliebtes Kuscheltier verloren geht und so die Geschichte sehr gut nachvollziehen. Dazu kommt, dass Kinder sich problemlos ausmalen können, dass Kuscheltiere nachts lebendig werden. Die Nacht im Spielzeugladen wird dann auch sehr spannend. Zunächst wundern sich die anderen Tiere noch, über Karlchens Zustand. Doch sie wünschen sich auch von einem Kind geliebt und geknuddelt zu werden. Mit ihm zu spielen und mit im Bett schlafen zu können. Da wird es nebensächlich, wenn an einigen Stellen, dass Fell ein wenig dünner ist. Es gibt Dinge, die wichtiger sind. Die fantasievolle Geschichte eignet sich sehr gut zum Vorlesen, auch wenn sie etwas länger ist. Sicher gibt sie auch Anlass zu Gesprächen zwischen Kind und Vorleser. Es ist kein Buch, das man liest, zuklappt und vergisst. Sondern eins, dass auch bei Kindern einen tiefen Eindruck hinterlassen dürfte.
Sehr gut gefallen haben die Illustrationen. Der Zeichner hat beispielsweise die nächtliche Stimmung im Spielzeugladen, unter Laternenlicht von draußen, perfekt eingefangen. Aber auch die Auswahl der verschiedenen Perspektiven ist sehr interessant. So darf der Betrachter, mit den anderen Tieren zusammen, von oben am Regal hinuntersehen.

Über die Autorin:
Sandi Douglas Parker ist professionelle Kunstmalerin. Sie lebt mit ihrem Mann und den zwei Kindern in Arlington, Virginia.

Über den Illustrator:
Gerhard Glück wurde 1944 in Bad Vilbel geboren. Er studierte Grafikdesign und Kunsterziehung, war von 1976-2003 in Kassel im Schuldienst und arbeitete parallel als Zeichner und Buchillustrator.

Rezension von Heike Rau

Sandi D. Parker / Gerhard Glück
Karlchen
Deutsch von Klaus Modick
32 Seiten, gebunden, durchgehend illustriert
Lappan Verlag, Oldenburg
ISBN: 3-8303-1095-1
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Der kleine Zauberer mit den großen Füßen

Der kleine Zauberer mit den großen Füßen

Die Wasserhexe Mira hat den kleinen Zauberer Minimax zum Sommerfest am See eingeladen. Wie gerne würde er mit ihr tanzen. Die Chancen stehen nicht schlecht, denn wer beim Enteneierlaufen gewinnt und sein Ei nicht fallen lässt, darf genau das die ganze Nacht hindurch tun.
Aber Mira würde nicht mit ihm tanzen wollen, da ist Minimax sich sicher. Denn er hat Füße, die sind groß und platt wie Pfannkuchen. Zum Heulen ist das. Bisher hat er die Füße ja immer unter seinem Mantel verstecken können. Aber wie soll das gehen beim Tanzen? Da muss man die Beine herumwerfen.
Aber Minimax ist doch ein Zauberer! Seine Fledermaus schlägt vor, er solle die Füße doch einfach klein zaubern. Eigentlich kann Minimax sehr gut zaubern, doch bei seinen Füßen geht alles schief. Es gelingt ihm einfach nicht, kleine schöne Füße zu zaubern. Ob die Hexe Firlefanz das besser kann? Trotz ihrer schlechten Laune, die sie immer beim Putzen an den Tag legt? Sie hext tatsächlich für ihn. Doch das Ergebnis darf er nicht sehen. Die Hexe streift ihm dicke Socken über.
Die kleine Wasserhexe Mira staunt nicht schlecht über die neuen Füße von Minimax und zeigt ihre Enttäuschung offen. Sie fand nämlich, sehr zur Überraschung von Minimax, dass der kleine Zauberer die schönsten Füße weit und breit hatte.

Die Geschichte ist besonders Kindern zu empfehlen, die mit ihrem Aussehen nicht so ganz zufrieden sind. Sie gewinnen durch die Erlebnisse des kleinen Zauberers Minimax neues Selbstvertrauen und lernen, das kleine Makel auch anziehende Besonderheiten sein können. In der sehr spannenden und liebevoll gemachten Geschichte wird das spielerisch vermittelt. Dabei kommt der Spaß nicht zu kurz. Besonders lustig ist es, zu erleben, wie der Zauberer beim klein zaubern seiner Füße immer wieder Fehler macht.
Die Zeichnungen machen einen großzügigen Eindruck und auch die Farbauswahl ist sehr gut gelungen. Die Bilder wirken dadurch sehr stimmungsvoll. Für kleine Kinder wird die Geschichte so besser greifbar. Und auch der Vorlesende wird seine Freude daran haben.

Über die Autorin:
Friederun Reichenstetter studierte Sprachen in München, Strasbourg und London, arbeitete danach für verschiedene Organisationen im In- und Ausland. Seit einigen Jahren schreibt sie hauptberuflich Kinder- und Jugendbücher. Die Autorin lebt mit ihrem Mann in München.

Über die Illustratorin:
Charlotte Panowsky, in Niederbayern geboren, studierte an der Fachhochschule für Gestaltung in München. Seit 1980 arbeitet sie als freischaffende Illustratorin in München und hat bereits zahlreiche Bücher und Buchumschläge illustriert.

Rezension von Heike Rau

Friederun Reichenstetter / Charlotte Panowsky
Der kleine Zauberer mit den großen Füßen
28 Seiten, gebunden, durchgehend illustriert
ab 4 Jahren
Annette Betz Verlag
ISBN: 3-219-11222-6
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Der letzte Kampf des Tigers

Der letzte Kampf des Tigers

Als Yuri erfährt, dass sein Vater von einem Tiger getötet worden ist, bricht für ihn eine Welt zusammen. Er schwört, den Tiger zu jagen. Aber er weiß, dass er diesem gefährlichen Raubtier, das dazu noch verletzt ist, nicht gewachsen ist. So bittet er Wladimir, ein Jäger mit gutem Ruf und viel Erfahrung, ihn zu begleiten. Der alte Mann willigt schließlich ein. Aber er warnt Yuri auch eindringlich. Es ist schwierig, draußen in der Wildnis zu überleben. Es ist noch Winter und eisig kalt.

Immer tiefer dringen die beiden vor in die Taigawälder des Sichote-Alin-Gebirges. Dann sehen sie die ersten Spuren. Wladimir rekonstruiert anhand der Spuren, was geschehen ist. An der alten Jagdhütte in einer Talsenke, wo Wladimir und Yuri die Nacht verbringen wollen, sehen sie den Tiger zum ersten Mal. Gespannt beobachten sie im Mondlicht, wie er einem Reh auflauert. Yuri meint, ihn jetzt töten zu können. Doch der alte Mann hält ihn davon ab. Die beiden beobachten weiter, bis der Tiger schließlich in Aktion tritt und das Reh mit einem gewaltigen Sprung erbeutet. Es ist ein beeindruckendes Schauspiel, das Yuri tief berührt. Und mit einem Mal ist der Hass auf den Tiger, den er eben noch deutlich gespürt hat, nicht mehr da.

Der sibirische Tiger ist vom Aussterben bedroht. Sein Verbreitungsgebiet wird immer mehr eingegrenzt. Sein größter Feind ist der Mensch. Das vorliegende Buch ist ein eindringliches Plädoyer für die größte Raubkatze der Welt, verpackt in eine aufregende, abenteuerliche Geschichte. Der alte Mann versteht es gut, seine Erklärungen und Argumente dem jungen Yuri verständlich zu machen und somit auch dem Leser. Er bringt Yuri schließlich zum Umdenken und den Leser zum Nachdenken. Besonders die Dialoge sind sehr einfühlend geschrieben. Dazu gelingt es dem Autor dem Leser besondere Stimmungen sehr gut nahe zu bringen. Auch die Beschreibungen der Natur sind sehr intensiv.
Das Buch ist so spannend und mitreißend geschrieben, dass man es kaum aus der Hand legen kann. Zusätzlich zur Geschichte gibt es interessante Sachinformationen im Anhang.

Über den Autor:
Werner J. Egli, geboren 1943 in Luzern in der Schweiz, lebt heute in Freudenstadt. Seine Jugendbücher wurden in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. So wurde er 2002 für die Hans-Christian-Andersen-Medaille nominiert, die international höchste Auszeichnung für Jugendliteratur.

Rezension von Heike Rau

Werner J. Egli
Der letzte Kampf des Tigers
200 Seiten, gebunden
Verlag Carl Ueberreuter, Wien
ISBN: 3-8000-5154-0
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Deon Meyer: Das Herz des Jägers

Deon Meyer: Das Herz des Jägers

Der seltsame Anruf wirft Johnny Kleintjes Tochter Monica aus der Bahn. Der Anrufer hat ihren Vater in der Gewalt und verlangt von ihr, ein Festplatten-Laufwerk aus dem Safe zu holen. Er gibt ihr genau 72 Stunden Zeit, es zu ihm zu bringen von Kapstadt ins Republican Hotel in Lusaka in Sambia.
Monica ist behindert, bei einem Verkehrsunfall verlor sie beide Beine. So erinnert sie sich an einen Freund des Vaters, an den sie sich im Falle eines Falles wenden könne: Thobela Mpayipheli. Der ist nicht begeistert von dem Auftrag. Er hat sich zur Ruhe gesetzt und lebt mit Miriam und deren Sohn zusammen. Doch Johnny Kleintjes ist ein alter Freund und Thobela schuldet ihm noch etwas.

Schon am Flughafen wollen ihn zwei Agenten aus dem Verkehr ziehen. Doch Thobela weiß sich zu wehren und er setzt die beiden Männer außer Gefecht. Im Laden, wo er arbeitet, borgt er sich ein Motorrad aus und macht sich wieder auf den Weg. Doch das Team an Agenten, rund um Janina Mentz, setzt alles daran, ihn zu fassen und die Festplatte mit den brisanten Daten in ihren Besitz zu bekommen. Schnell wird klar, dass die Agenten Thobela unterschätzt haben. Er ist, so wie es aussieht ein ehemaliger Freiheitskämpfer, der zudem eine Spezialausbildung genossen hat. Es wird immer schwieriger die aufwändige Operation geheim zu halten, zumal die Presse sehr schnell Wind von der Sache bekommen hat. Thobelas Ziel ist es, den Auftrag so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, doch die Vergangenheit holt ihn ein. Gnadenlos wird er gejagt und ob er will oder nicht, er muss sich zur Wehr setzen und tut es auch.

„Das Herz des Jägers“ ist ein spannender Thriller, dem man sich nicht entziehen kann. Besonders beeindruckend ist die Figur Thobela Mpayipheli, der mit seinem Motorrad dahinrast, die Verfolger dicht auf der Spur. Er hat mit seiner Vergangenheit abgeschlossen, lebt zufrieden und glücklich zusammen mit einer Frau, die er liebt, und deren Sohn. Zunächst macht er sich noch vor, dass nach drei Tagen, alles wieder so sein wird, wie vorher. Doch bald steckt er in einer krassen Verfolgungsjagd und der Leser fiebert mit. Der Thriller spielt in Südafrika nach der Apartheid. Teilweise sind die Hintergründe aber doch etwas schwer verständlich. Die vielen Abkürzungen der verschiedenen Organisationen verwirren. Aber man kann vorn zu einem Lagebericht blättern, der Aufschluss gibt. Eingestreut in den Text sind auch immer wieder Verhörprotokolle und die Pressemitteilungen. Als sehr spannend empfunden wird der Wettlauf mit der Zeit, den sich Presse und Geheimdienste liefern, was Informationsbeschaffung, den aktuellen Stand der Geheimoperation und die Einschätzung der Lage betrifft.

Über den Autor:
Deon Meyer wurde 1958 geboren. Er begann als Journalist und veröffentlichte 1994 seinen ersten Roman. „Das Herz des Jägers“ wurde mit dem begehrten afrikanischen ATKV Prose Prize ausgezeichnet. Zudem wurde das Buch in den USA zu den zehn besten Thrillern des Jahres gezählt. Der Autor lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Melkbosstrand.

Rezension von Heike Rau

Deon Meyer
Das Herz des Jägers
Thriller
409 Seiten, gebunden
Rütten & Loening, Berlin
ISBN: 3-352-00727-6
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Das zufällige Leben des Homer Idlewilde

Das zufällige Leben des Homer Idlewilde

Homer wächst ohne Eltern auf. In keinem der Heime von Farrago und Umgegend fühlt er sich heimisch. Mit Sechzehn beginnt er herumzuwandern und kehrt erst als junger Mann zurück. Der Sheriff hält ihm zwar einen Vortrag, aber es versucht niemand mehr, ihn wieder in ein Heim zu stecken.

Homer lebt vor sich hin. Schmiedet Pläne, erstellt Ideen und verwirft sie wieder. So will sein Freund Elijah beispielsweise eine Schmiede aufmachen und Homer einstellen. Doch Homer weiß gar nicht, ob er Elijahs Gehilfe werden will. Homer lebt lieber in den Tag hinein und hört Geschichten. So auch die von Fausto, der einen kleinen Lebensmittelladen hat. Sein Leben beeindruckt Homer. Fausto hat ein Schicksal und auch Homer würde gerne aus seinem Leben ein Schicksal machen.

Der Wunsch beginnt bald, in Erfüllung zu gehen, denn Homers Leben fängt an, an Spannung zu gewinnen. In nur einer Nacht erfährt er, dass die Prostituierte Ophelia schwanger von ihm ist und beginnt Heiratspläne zu schmieden. Die Familie ernähren könnte er, wenn er den Job als Förster annimmt. Und plötzlich scheint für Homer nichts mehr unmöglich.

Homer ist ein Landstreicher und Träumer mit einem recht langweiligen Leben, der gerne Geschichten und Träume anderer hört. Diese hat der Autor immer wieder in die eigentliche Geschichte eingebunden und gibt dem Leser so die Möglichkeit auch über den Tellerrand von Homers eigener Geschichte hinauszusehen. Und gerade das Leben der anderen ist es, was Homer beflügelt und seine Fantasie anregt. Und dann bricht auch er mit seinem Leben aus den gewohnten Bahnen aus. Immer wieder passieren seltsame oder auch amüsante oder zufällige Dinge, die Homer dazu bringen umzudenken, sein Leben zu verändern oder die ihn zwingen zu handeln. Dabei wählt Homer nicht den einfachsten Weg zur Lösung auftretender Probleme, doch er ist stets erfinderisch.

Der Autor erzählt eine tragische, mitunter aber auch sehr komische Geschichte. Es ist sehr interessant zu lesen, wie Homer sich aus der einen oder anderen seltsamen Situation und auch aus unvorhergesehenen Ereignissen, die ihren eigenen Gesetzen folgen, herauswindet. Und doch hat das Buch auch einige Längen, wo es schwer fällt dranzubleiben, wo der Autor zu sehr abschweift. So wirkt das Buch inhaltlich etwas in die Länge gezogen. Die Entwicklung Homers verfolgt man dennoch mit Spannung. Es ist ein langer Weg, bis er lernt, für sein Leben die Verantwortung zu übernehmen.

Über den Autor:
Yann Apperry wurde 1972 geboren. Für seinen Roman „Diabolus in musica“ erhielt er den renommierten Prix Médicis. Um dem Medienrummel zu entgehen, vagabundierte er zwei Jahre durch Amerika, Kalifornien und Hawaii
Nach Frankreich zurückgekehrt, schrieb er das vorliegende Buch und wurde mit dem Prix Goncourt des Lycéens ausgezeichnet

Rezension von Heike Rau

Yann Apperry
Das zufällige Leben des Homer Idlewilde
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger
390 Seiten, gebunden
Aufbau-Verlag, Berlin
ISBN: 3-351-03050-9
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Nicht so tragisch

Nicht so tragisch

Adrien verlässt Louise nach allem, was war. Er zieht ihr den Boden unter den Füßen weg, entzieht ihr die Liebe und sie fällt in ein tiefes Loch. Es ist alles so unvorstellbar, so unwirklich.
Wie konnte es soweit kommen. Louise hat doch alles getan, um mit dem Leben klar zu kommen und mit der Liebe, hat Tabletten geschluckt, um zu funktionieren, um durchzuhalten, um ihre Angst aushalten zu können, um normal zu erscheinen. Nur mit Hilfe der Tabletten konnte sie so sein, wie sie glaubt, dass Adrien sie haben will.
Sie wird abhängig von den Medikamenten, von Adrien und seiner Liebe. Doch irgendwann geht es nicht mehr. So ist es kein Leben. Louise lässt sich von Adrien in die Klinik bringen. Sie macht einen Entzug und entfernt sich mit jeder Tablette weniger auch ein Stück weit von Adrien. Und auch Adrien geht auf Abstand, bis es zur mittlerweile unausweichlichen Trennung kommt. Für Louise bricht eine Welt zusammen und doch liegt in dieser Trennung auch eine Chance.

Louise erzählt aus ihrer Sicht, offenbart nach und nach die Dramen ihres Lebens. Gedanke um Gedanke, Satz an Satz reiht sie zu langen Ketten aneinander. Ein Schreibstil an den man sich erst gewöhnen muss. Die Autorin lässt keinen Platz zum Atemholen oder Innehalten. Der Text gewinnt dabei an Intensität und Tiefe und verfehlt damit seine Wirkung nicht. Und doch entbehrt „Nicht so tragisch“ auch einer gewissen Ironie nicht. Nach dem Tablettenentzug wird auch Louises Blick wieder klarer für die wichtigen Dinge im Leben. Louise beginnt, über ihr Leben wieder selbst zu bestimmen. Doch mit der Vergangenheit abzuschließen, ist nicht leicht. „Nicht so tragisch“ ist ein weitgehend autobiographischer Roman, der schonungslos offen daherkommt und der Anregung gibt, über den Sinn des Lebens und die verpassten Chancen nachzudenken.

Über die Autorin:
Justine Lévy lebt in Paris. Sie arbeitet als Verlagslektorin. 1995 erschien ihr erster Roman „Rendez-vous mit Alice“.

Rezension von Heike Rau

Justine Lévy
Nicht so tragisch
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
208 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann, München
ISBN: 3-88897-400-3
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Bang Bang stirbt

Bang Bang stirbt

Paria ist eine Reihe, die verschiedene Werke herausbringt. Frisch erschienen ist ein Kurzgeschichtenband von Andreas Gruber, der verschiedene Horrorgeschichten des Autors vereint. Exemplarisch stelle ich aber einen etwas ungewöhnlichen Band vor. »Bang Bang stirbt«, ist eine lupenreine Parodie, basierend auf einer Krimihandlung und zeigt die Vielseitigkeit dieser Reihe.
Zum Roman: Pachulke, Zabriskie und in einer Nebenrolle Dorfner haben eine delikate Aufgabe. Die „Rote Beete Fraktion“ hat es sich auf die Fahnen geschrieben, alle Tiere der Stadt freizubekommen und gleichzeitig dem Fleischverzehr den Kampf angesagt. Der Regierende Bürgermeister und geliebte Bausenator von Berlin sieht die Ehre der Stadt angegriffen und kocht sein eigenes Süppchen.
Doch nach diversen Anschlägen auf Metzgereien und Tierhandlungen macht die »Rote Beete Fraktion« bestehend aus Rettich, Tomate, Karotte und Zucchini ernst. Bang Bang, Pandabär und Mafiakiller, wird entführt. Gefordert wird die Freilassung aller Tiere im Berliner Zoo.
Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Der Regierende Bürgermeister und geliebte Bausenator von Berlin mag nicht nur den Ökoristen nachgeben, sondern fürchtet auch um diese, gilt doch Bang Bang als absolut gefährlich.
Der Roman, dessen phantastisches Element man vergebens sucht, ist eine Parodie über alle Felder der Politik. Selbstmörder werden geschult und fliegen mit einer Boing 747 in ein Gebäude, das zum Abriss freigegeben ist, damit spart der Berliner Senat Kosten – der Flug kostet natürlich ein Heidengeld, wer darf schon in ein historisches Gebäude fliegen – und hofft auf Schuldenfreiheit in 347 Jahren.
Die »Rote Beete Fraktion« ist trotz ihres gandenlosen Rufes alles andere als eine professionelle Vereinigung. Und in Nebensätzen bekommt selbst die Bildzeitung ihr Fett weg.
Das Buch ist wirklich empfehlenswert, wenn sich die Parodie auch zu Beginn ein wenig schwerfällig liest. Aber wenn man auf das fehlende phantastische Element keinen größeren Wert legt, ist der Roman eine gelungene Parodie der Gesellschaft, in der wirklich alle Seiten verulkt werden. Ich habe auf jeden Fall des Öfteren herzhaft gelacht und den Roman genossen.

Bisherige Ausgaben:
3001: Joe R. Lansdale, Sturmwarnung
3002: Andreas Gruber, Der fünfte Erzengel
3003: Rob Alef, Bang Bang stirbt

Rob Alef
Bang Bang stirbt
»Bang Bang stirbt«, ist eine lupenreine Parodie, basierend auf einer Krimihandlung
ISBN:3926126442
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Die Schatten von Pelican Bay

Die Schatten von Pelican Bay

Ada van de Wetering fliegt von Holland in die Karibik nach Pelican Bay, um einen alten mysteriösen Mordfall, der sich zum Ende des 18. Jahrhunderts ereignete, aufzuklären. Sie will den Lebenslauf ihres Vorfahren Jacob van de Wetering rekonstruieren, der seine hochschwangere Frau mit durchschnittener Kehle aufgefunden hat. Es besteht die Möglichkeit, dass er selbst der Mörder ist. Das glaubt Ada aus Briefen herauslesen zu können, die sich in ihrem Besitz befinden.
Außerdem hofft sie, ihren Adoptivbruder wiederzusehen, der die Familie an seinem 18. Geburtstag verließ, um in seine Heimat zurückzukehren.
Schon bei der Zollkontrolle wird Ada aufgehalten. Eine seltsame Sache, auch wenn die Beamten Ada schließlich gehen lassen müssen. Doch es ist spät, ein Auto kann sie nun nicht mehr mieten. Inspektor Marcus C. Penn nimmt sich Adas an und bringt sie zu seiner Mutter, die eine Pension besitzt. Auch wenn ihr Vorhaben nun anders begonnen hat, als geplant, beginnt Ada mit ihren Nachforschungen und mit der Suche nach ihrem Bruder. Doch bald kommen ihr Zweifel. Vielleicht ist es ein Fehler, in der Vergangenheit zu graben. Vielleicht sollte man ruhen lassen, was nun einmal geschah und sich nicht weiter damit auseinandersetzen. Tatsächlich ahnt Ada nicht, auf was sie sich eingelassen hat.

Die Autorin schreibt aus zwei Perspektiven. Ada erzählt von ihren Nachforschungen und dazwischen erfährt der Leser die rekonstruierte Geschichte ihres Vorfahren Jacob van de Wetering, der sich selbst Jacob Rivers nannte. Das Buch besticht durch seine Vielschichtigkeit und den Schreibstil der Autorin. Sie bedient sich einer sehr interessanten und vor allem intensiven Ausdrucksweise. Manche ihrer Sätze sind wahre Wortgefechte und doch fehlt es nicht an Witz und Ironie. Als Leser kommt man nicht selten ins Grübeln. Liest viele Abschnitte mehrmals, um die Kraft der Sätze und ihren Scharfsinn wirken zu lassen.
Die Geschichte verläuft nicht geradlinig. Immer wieder gibt es interessante Wendungen, muss Ada sich einer neuen Situation anpassen. Sie kämpft mit ihren widersprüchlichen Gefühlen, wird immer wieder manipuliert. So ist auch das Ende eine gelungene Überraschung. Die Geschichte wird zwar aufgelöst, doch es bleiben noch genügend Möglichkeiten, selbst der Wahrheit hinterher zu spekulieren. Ein sehr empfehlenswertes Buch!

Über die Autorin:
Nelleke Noordervliet wurde 1945 in Rotterdam geboren. Sie studierte Niederländisch, Literatur- und Theaterwissenschaften in Leiden und Uterecht. Sie lebt heute als freie Autorin in Amsterdam. Ihre Bücher wurden mit mehreren wichtigen Preisen ausgezeichnet.

Rezension von Heike Rau

Nelleke Noordervliet
Die Schatten von Pelican Bay
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
492 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag. Wien
ISBN: 3-552-05350-6
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Bernhard Hennen: Alica und die Dunkle Königin

Bernhard Hennen: Alica und die Dunkle Königin

Alica steht allein auf dem Bahnhof. Die Großeltern sind nicht gekommen, um sie abzuholen. Da sie auch niemanden mit dem Handy erreichen kann, macht sie sich auf den Weg. Unterwegs wird sie aus einem haltenden Wagen heraus angesprochen. Der Fremde bietet an, Alica mitzunehmen. Obwohl sie genau weiß, dass sie das Angebot wohl besser nicht annehmen sollte, steigt sie ein. Der Fremde ist zum Glück der Landarzt Dr. Pförtner. Er setzt Alica wohlbehalten am Haus der Großeltern ab.
Zu Hause ist jedoch niemand. Alica bekommt es immer mehr mit der Angst zu tun. Vielleicht ist irgendwas passiert. Alica beschließt das Haus, das seltsamerweise nicht abgeschlossen ist, zu durchsuchen. Bis zum Speicher kämpft sie sich vor. Dort oben wird sie von einem Vogel angegriffen, so dass sie schwer stürzt und das Bewusstsein verliert.

Als Alica wieder zu sich kommt, sind ihre Großeltern da und haben sogar ein plausible Erklärung dafür, dass sie nicht rechtzeitig am Bahnhof waren. Alica soll sich erst mal von dem Sturz erholen. Sie wohnt nun im Turmzimmer des großen Herrenhauses. In der Nacht klopft es ans Fenster. Es ist eine Möwe, die hereingelassen werden will. Und noch jemand scheint nun im Zimmer zu sein, doch Alica vernimmt nur eine Stimme. Erst als sie den mitgebrachten Ring auf ihren Finger steckt, sieht sie, zu wem die Stimme gehört. Es ist Heinzelmann Wallerich. Er wurde vom Ältesten der Kölner Heinzelmänner ausgesandt, sich um den Geisterfalken zu kümmern.

Zusammen mit dem Heinzelmann und der Möwe macht Alica dann einen nächtlichen Ausflug nach „Nebenan“. Der Gartenpavillon ist das Tor. Wallerich will die Hexe besuchen, um Näheres über den Geisterfalken zu erfahren. Als Gegenleistung verlangt die Hexe eine Menge Backzutaten, um ihr Knusperhaus restaurieren zu können. Doch die Hexe wird durch ihre Kristallkugel vom Geisterfalken angegriffen und will nicht mehr weitermachen. Sie rät Alica und Wallerich, es selbst mit einer Geisterbeschwörung zu versuchen.
Wieder zu Hause angekommen, begegnet Alica noch ein anderer Geist. Es ist der Husarenjunge Franҫois, wie sie später erfährt. Aber es geschehen noch weitere seltsame Dinge, so dass Alica beschließt, es mit der Beschwörung zu versuchen. Sie will alles versuchen, um den Husaren und seinen Falken zu erlösen. Dazu muss sie zur Geisterstunde den Falken durch einen magischen Spiegel herbeirufen. Doch sie wird von einer fremden Stimme aufgefordert, in den Spiegel steigen. Niemand anderes als die Dunkle Königin ruft Alica zu sich. Sie verspricht zu helfen, doch ihr Preis ist hoch.

Bernhard Hennen schafft es, von der ersten Seite an, mit seiner fantastischen Geschichte zu begeistern. Sie ist durchweg spannend. Dabei überrascht der Autor mit vielen außergewöhnlichen Ideen und unglaublichen Details. „Nebenan“, das Märchenland, dürfte vielen Lesern schon aus dem gleichnamigen Buch bekannt sein, welches auch nur so vor Fantasie sprüht. Beeindruckend ist auch der Humor mit dem das vorliegende Buch geschrieben ist. Während der recht rigorose Heinzelmann Wallerich die Probleme mit modernster Technik zu lösen versucht, erliegt Alica immer mehr der Magie. Sie lässt sich von der anderen Welt verzaubern, nimmt auch haarsträubendes und völlig unwirklich scheinendes hin und sieht es als gegeben. Schließlich verliebt sie sich sogar in Franҫois, den Husarenjungen, der in ihrer Zeit nur als Geist existiert. Dennoch hat ihre Liebe, so unglaublich es klingen mag, eine Zukunft. Und das ist das schöne an diesem Buch. Dem Leser bleibt noch genügend Platz für eigene Träume.

Über den Autor:
Bernhard Hennen wurde 1966 geboren. Er studierte Germanistik, Geschichte und Vorderasiatischen Altertumskunde, war Rollenspielautor, Radiomoderator und Journalist. Mehrere seiner fantastischen und historischen Romane wurden mit Preisen ausgezeichnet. Der Autor lebt in Krefeld.

Rezension von Heike Rau

Bernhard Hennen
Alica und die Dunkle Königin
323 Seiten, gebunden
ab 12 Jahren
Verlag Carl Ueberreuter, Wien
ISBN: 3-8000-5157-5
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HO RUCK!

HO RUCK!

Alles beginnt mit einer Katze, die in die Geschichte gerannt kommt. Als Nächstes schreit sie herzzerreißend. (Das kann man natürlich nicht hören, aber sehr gut sehen!) Damit lockt sie einen Hund und eine Maus an. Dann geht das Geflüster los. Was haben die drei Tiere nur zu bereden? Die Geschichte wird sogar noch rätselhafter, als die Maus auf die Katze klettert und diese wiederum auf den Hund. Die Tiere scheinen mit ihrer akrobatischen Vorführung jedoch nicht zufrieden zu sein. Die Maus schreit um Hilfe. Vielleicht ist ihr in dieser luftigen Höhe schlecht geworden. Es kommen zwei weitere Mäuse, doch statt zu helfen, klettern sie am Hund hinauf, auf die Katze, und auch noch auf die Maus, so dass ein hoher Turm entsteht. Alle zusammen rufen sie „Ho Ruck“ Denn das Ziel ihrer Aktion rückt in greifbare Nähe. Was das ist, soll hier aber nicht verraten werden…

Die Geschichte in nur zwölf Sätzen ist für Kinder sehr spannend erzählt. Die Tiere machen etwas Seltsames und Unerklärliches. Was sie mit ihrem Tun bezwecken, wird erst im elften Satz klar und es ist eine lustige Überraschung, ein gelungenes Aha-Erlebnis. Auch die Illustrationen machen Spaß. Sie sind großformatig und auf das Wesentliche beschränkt. Dabei bestimmen kräftige Farben die Bilder. Nicht nur für Kinder dürfte dieses Bilderbuch interessant sein. Auch für Sammler außergewöhnlicher Bilderbücher ist es zu empfehlen.

Rezension von Heike Rau

Heinz Janisch / Carola Holland
HO RUCK!
32 Seiten, lam. Pappband, durchgehend illustriert
ab 4 Jahren
Annette Betz Verlag
ISBN: 3-219-11200-5
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