Bang Bang stirbt

Bang Bang stirbt

Paria ist eine Reihe, die verschiedene Werke herausbringt. Frisch erschienen ist ein Kurzgeschichtenband von Andreas Gruber, der verschiedene Horrorgeschichten des Autors vereint. Exemplarisch stelle ich aber einen etwas ungewöhnlichen Band vor. »Bang Bang stirbt«, ist eine lupenreine Parodie, basierend auf einer Krimihandlung und zeigt die Vielseitigkeit dieser Reihe.
Zum Roman: Pachulke, Zabriskie und in einer Nebenrolle Dorfner haben eine delikate Aufgabe. Die „Rote Beete Fraktion“ hat es sich auf die Fahnen geschrieben, alle Tiere der Stadt freizubekommen und gleichzeitig dem Fleischverzehr den Kampf angesagt. Der Regierende Bürgermeister und geliebte Bausenator von Berlin sieht die Ehre der Stadt angegriffen und kocht sein eigenes Süppchen.
Doch nach diversen Anschlägen auf Metzgereien und Tierhandlungen macht die »Rote Beete Fraktion« bestehend aus Rettich, Tomate, Karotte und Zucchini ernst. Bang Bang, Pandabär und Mafiakiller, wird entführt. Gefordert wird die Freilassung aller Tiere im Berliner Zoo.
Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Der Regierende Bürgermeister und geliebte Bausenator von Berlin mag nicht nur den Ökoristen nachgeben, sondern fürchtet auch um diese, gilt doch Bang Bang als absolut gefährlich.
Der Roman, dessen phantastisches Element man vergebens sucht, ist eine Parodie über alle Felder der Politik. Selbstmörder werden geschult und fliegen mit einer Boing 747 in ein Gebäude, das zum Abriss freigegeben ist, damit spart der Berliner Senat Kosten – der Flug kostet natürlich ein Heidengeld, wer darf schon in ein historisches Gebäude fliegen – und hofft auf Schuldenfreiheit in 347 Jahren.
Die »Rote Beete Fraktion« ist trotz ihres gandenlosen Rufes alles andere als eine professionelle Vereinigung. Und in Nebensätzen bekommt selbst die Bildzeitung ihr Fett weg.
Das Buch ist wirklich empfehlenswert, wenn sich die Parodie auch zu Beginn ein wenig schwerfällig liest. Aber wenn man auf das fehlende phantastische Element keinen größeren Wert legt, ist der Roman eine gelungene Parodie der Gesellschaft, in der wirklich alle Seiten verulkt werden. Ich habe auf jeden Fall des Öfteren herzhaft gelacht und den Roman genossen.

Bisherige Ausgaben:
3001: Joe R. Lansdale, Sturmwarnung
3002: Andreas Gruber, Der fünfte Erzengel
3003: Rob Alef, Bang Bang stirbt

Rob Alef
Bang Bang stirbt
»Bang Bang stirbt«, ist eine lupenreine Parodie, basierend auf einer Krimihandlung
ISBN:3926126442
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Die Schatten von Pelican Bay

Die Schatten von Pelican Bay

Ada van de Wetering fliegt von Holland in die Karibik nach Pelican Bay, um einen alten mysteriösen Mordfall, der sich zum Ende des 18. Jahrhunderts ereignete, aufzuklären. Sie will den Lebenslauf ihres Vorfahren Jacob van de Wetering rekonstruieren, der seine hochschwangere Frau mit durchschnittener Kehle aufgefunden hat. Es besteht die Möglichkeit, dass er selbst der Mörder ist. Das glaubt Ada aus Briefen herauslesen zu können, die sich in ihrem Besitz befinden.
Außerdem hofft sie, ihren Adoptivbruder wiederzusehen, der die Familie an seinem 18. Geburtstag verließ, um in seine Heimat zurückzukehren.
Schon bei der Zollkontrolle wird Ada aufgehalten. Eine seltsame Sache, auch wenn die Beamten Ada schließlich gehen lassen müssen. Doch es ist spät, ein Auto kann sie nun nicht mehr mieten. Inspektor Marcus C. Penn nimmt sich Adas an und bringt sie zu seiner Mutter, die eine Pension besitzt. Auch wenn ihr Vorhaben nun anders begonnen hat, als geplant, beginnt Ada mit ihren Nachforschungen und mit der Suche nach ihrem Bruder. Doch bald kommen ihr Zweifel. Vielleicht ist es ein Fehler, in der Vergangenheit zu graben. Vielleicht sollte man ruhen lassen, was nun einmal geschah und sich nicht weiter damit auseinandersetzen. Tatsächlich ahnt Ada nicht, auf was sie sich eingelassen hat.

Die Autorin schreibt aus zwei Perspektiven. Ada erzählt von ihren Nachforschungen und dazwischen erfährt der Leser die rekonstruierte Geschichte ihres Vorfahren Jacob van de Wetering, der sich selbst Jacob Rivers nannte. Das Buch besticht durch seine Vielschichtigkeit und den Schreibstil der Autorin. Sie bedient sich einer sehr interessanten und vor allem intensiven Ausdrucksweise. Manche ihrer Sätze sind wahre Wortgefechte und doch fehlt es nicht an Witz und Ironie. Als Leser kommt man nicht selten ins Grübeln. Liest viele Abschnitte mehrmals, um die Kraft der Sätze und ihren Scharfsinn wirken zu lassen.
Die Geschichte verläuft nicht geradlinig. Immer wieder gibt es interessante Wendungen, muss Ada sich einer neuen Situation anpassen. Sie kämpft mit ihren widersprüchlichen Gefühlen, wird immer wieder manipuliert. So ist auch das Ende eine gelungene Überraschung. Die Geschichte wird zwar aufgelöst, doch es bleiben noch genügend Möglichkeiten, selbst der Wahrheit hinterher zu spekulieren. Ein sehr empfehlenswertes Buch!

Über die Autorin:
Nelleke Noordervliet wurde 1945 in Rotterdam geboren. Sie studierte Niederländisch, Literatur- und Theaterwissenschaften in Leiden und Uterecht. Sie lebt heute als freie Autorin in Amsterdam. Ihre Bücher wurden mit mehreren wichtigen Preisen ausgezeichnet.

Rezension von Heike Rau

Nelleke Noordervliet
Die Schatten von Pelican Bay
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
492 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag. Wien
ISBN: 3-552-05350-6
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Bernhard Hennen: Alica und die Dunkle Königin

Bernhard Hennen: Alica und die Dunkle Königin

Alica steht allein auf dem Bahnhof. Die Großeltern sind nicht gekommen, um sie abzuholen. Da sie auch niemanden mit dem Handy erreichen kann, macht sie sich auf den Weg. Unterwegs wird sie aus einem haltenden Wagen heraus angesprochen. Der Fremde bietet an, Alica mitzunehmen. Obwohl sie genau weiß, dass sie das Angebot wohl besser nicht annehmen sollte, steigt sie ein. Der Fremde ist zum Glück der Landarzt Dr. Pförtner. Er setzt Alica wohlbehalten am Haus der Großeltern ab.
Zu Hause ist jedoch niemand. Alica bekommt es immer mehr mit der Angst zu tun. Vielleicht ist irgendwas passiert. Alica beschließt das Haus, das seltsamerweise nicht abgeschlossen ist, zu durchsuchen. Bis zum Speicher kämpft sie sich vor. Dort oben wird sie von einem Vogel angegriffen, so dass sie schwer stürzt und das Bewusstsein verliert.

Als Alica wieder zu sich kommt, sind ihre Großeltern da und haben sogar ein plausible Erklärung dafür, dass sie nicht rechtzeitig am Bahnhof waren. Alica soll sich erst mal von dem Sturz erholen. Sie wohnt nun im Turmzimmer des großen Herrenhauses. In der Nacht klopft es ans Fenster. Es ist eine Möwe, die hereingelassen werden will. Und noch jemand scheint nun im Zimmer zu sein, doch Alica vernimmt nur eine Stimme. Erst als sie den mitgebrachten Ring auf ihren Finger steckt, sieht sie, zu wem die Stimme gehört. Es ist Heinzelmann Wallerich. Er wurde vom Ältesten der Kölner Heinzelmänner ausgesandt, sich um den Geisterfalken zu kümmern.

Zusammen mit dem Heinzelmann und der Möwe macht Alica dann einen nächtlichen Ausflug nach „Nebenan“. Der Gartenpavillon ist das Tor. Wallerich will die Hexe besuchen, um Näheres über den Geisterfalken zu erfahren. Als Gegenleistung verlangt die Hexe eine Menge Backzutaten, um ihr Knusperhaus restaurieren zu können. Doch die Hexe wird durch ihre Kristallkugel vom Geisterfalken angegriffen und will nicht mehr weitermachen. Sie rät Alica und Wallerich, es selbst mit einer Geisterbeschwörung zu versuchen.
Wieder zu Hause angekommen, begegnet Alica noch ein anderer Geist. Es ist der Husarenjunge Franҫois, wie sie später erfährt. Aber es geschehen noch weitere seltsame Dinge, so dass Alica beschließt, es mit der Beschwörung zu versuchen. Sie will alles versuchen, um den Husaren und seinen Falken zu erlösen. Dazu muss sie zur Geisterstunde den Falken durch einen magischen Spiegel herbeirufen. Doch sie wird von einer fremden Stimme aufgefordert, in den Spiegel steigen. Niemand anderes als die Dunkle Königin ruft Alica zu sich. Sie verspricht zu helfen, doch ihr Preis ist hoch.

Bernhard Hennen schafft es, von der ersten Seite an, mit seiner fantastischen Geschichte zu begeistern. Sie ist durchweg spannend. Dabei überrascht der Autor mit vielen außergewöhnlichen Ideen und unglaublichen Details. „Nebenan“, das Märchenland, dürfte vielen Lesern schon aus dem gleichnamigen Buch bekannt sein, welches auch nur so vor Fantasie sprüht. Beeindruckend ist auch der Humor mit dem das vorliegende Buch geschrieben ist. Während der recht rigorose Heinzelmann Wallerich die Probleme mit modernster Technik zu lösen versucht, erliegt Alica immer mehr der Magie. Sie lässt sich von der anderen Welt verzaubern, nimmt auch haarsträubendes und völlig unwirklich scheinendes hin und sieht es als gegeben. Schließlich verliebt sie sich sogar in Franҫois, den Husarenjungen, der in ihrer Zeit nur als Geist existiert. Dennoch hat ihre Liebe, so unglaublich es klingen mag, eine Zukunft. Und das ist das schöne an diesem Buch. Dem Leser bleibt noch genügend Platz für eigene Träume.

Über den Autor:
Bernhard Hennen wurde 1966 geboren. Er studierte Germanistik, Geschichte und Vorderasiatischen Altertumskunde, war Rollenspielautor, Radiomoderator und Journalist. Mehrere seiner fantastischen und historischen Romane wurden mit Preisen ausgezeichnet. Der Autor lebt in Krefeld.

Rezension von Heike Rau

Bernhard Hennen
Alica und die Dunkle Königin
323 Seiten, gebunden
ab 12 Jahren
Verlag Carl Ueberreuter, Wien
ISBN: 3-8000-5157-5
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HO RUCK!

HO RUCK!

Alles beginnt mit einer Katze, die in die Geschichte gerannt kommt. Als Nächstes schreit sie herzzerreißend. (Das kann man natürlich nicht hören, aber sehr gut sehen!) Damit lockt sie einen Hund und eine Maus an. Dann geht das Geflüster los. Was haben die drei Tiere nur zu bereden? Die Geschichte wird sogar noch rätselhafter, als die Maus auf die Katze klettert und diese wiederum auf den Hund. Die Tiere scheinen mit ihrer akrobatischen Vorführung jedoch nicht zufrieden zu sein. Die Maus schreit um Hilfe. Vielleicht ist ihr in dieser luftigen Höhe schlecht geworden. Es kommen zwei weitere Mäuse, doch statt zu helfen, klettern sie am Hund hinauf, auf die Katze, und auch noch auf die Maus, so dass ein hoher Turm entsteht. Alle zusammen rufen sie „Ho Ruck“ Denn das Ziel ihrer Aktion rückt in greifbare Nähe. Was das ist, soll hier aber nicht verraten werden…

Die Geschichte in nur zwölf Sätzen ist für Kinder sehr spannend erzählt. Die Tiere machen etwas Seltsames und Unerklärliches. Was sie mit ihrem Tun bezwecken, wird erst im elften Satz klar und es ist eine lustige Überraschung, ein gelungenes Aha-Erlebnis. Auch die Illustrationen machen Spaß. Sie sind großformatig und auf das Wesentliche beschränkt. Dabei bestimmen kräftige Farben die Bilder. Nicht nur für Kinder dürfte dieses Bilderbuch interessant sein. Auch für Sammler außergewöhnlicher Bilderbücher ist es zu empfehlen.

Rezension von Heike Rau

Heinz Janisch / Carola Holland
HO RUCK!
32 Seiten, lam. Pappband, durchgehend illustriert
ab 4 Jahren
Annette Betz Verlag
ISBN: 3-219-11200-5
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Ergebenst, eurer Schurik

Ergebenst, eurer Schurik

Da der Vater bei einem Unfall verstorben ist, wird Schurik im Einklang mit seiner Mutter von seiner Großmutter erzogen. Er hat eine glückliche Kindheit. Zu Beginn des letzen Schuljahres lernt er Lilja bei einer Literaturvorlesung kennen und verliebt sich heftig. Eine Einladung führt ihn in ein Atelier. Hier lernt er Mathilda kennen und beginnt mit ihr, eine immer nur Montags stattfindende, Liebebeziehung. Seine Gefühle zu Lilja beeinflusst das nicht. Doch Lilja wandert mit ihren Eltern nach Israel aus. Und auch seine geliebte Großmutter verlässt ihn nach einem Herzinfarkt. Die nächste Frau, der er sich nicht entziehen kann, ist Alja, eine Kommilitonin. Aber auch Faina, die Chefin seiner Mutter, hat es auf ihn abgesehen. Und Schurik versucht, allen „seinen“ Frauen gerecht zu werden. Dann wird Schuriks Mutter krank. Es ist die Schilddrüse. Ausgerechnet als Schurik sich heimlich aus der Wohnung geschlichen hat, erleidet sie einen Anfall und muss sich den Notarzt selber rufen. Schurik bereut, nicht rechtzeitig da gewesen zu sein. Eine heftige Abscheu gegen sich selbst packt ihn. Ab sofort soll alles anders werden. Doch die nächste Versuchung lauert schon.

Schurik ist ein herzensguter Mann, freundlich, großzügig, hilfsbereit und voller Pflichtgefühl. Wie eine Marionette lässt er sich von den Frauen in seiner Umgebung leiten, allen voran seine Mutter, mit der er untrennbar verbunden ist, bzw. zusammenlebt. Die Autorin erzählt die Geschichte mit viel Humor und Ironie und spart nicht mit tiefgründigen Anspielungen. Die Liebe ist für Schurik nur Mittel zum Zweck, hat bald nichts Romantisches mehr. Aus Mitleid steht er seinen Mann oder weil es eben kein anderer tut. Immer ist er zur Stelle, besorgt Medikamente, füttert die Katzen oder spendet Trost. Er kann nicht anders.

Die Geschichte ist verrückt und komisch und doch auch wieder traurig und tragisch. Dabei spielt Schurik als Hauptperson gar nicht mal immer die tragende Rolle. Es sind doch eher die Frauen, so unterschiedlich und doch immer gleich, mit ihren Bedürfnissen. Echte und falsche Gefühle werden mit ungeheurer Intensität und sehr unverblümt beleuchtet. Behutsam und nicht schonungslos werden Schuriks Schwächen auf sehr unterhaltsame Art und Weise offengelegt. Trotz aller Ironie wirkt er jedoch nicht lächerlich, auch wenn man einige Male nicht umhin kommt, ihn, der oft nur aus Mitleid und Hilfsbereitschaft heraus handelt und sich selbst dabei vergisst, zu bedauern.
Die vom Schreibstil her sehr gut lesbare Geschichte ist eingebettet in den sowjetischen Alltag der neunzehnhundertfünfziger bis achtziger Jahre. Das ist eine sehr faszinierende Kulisse mit interessanten Einblicken in diese Zeit.

Über die Autorin:
Ljudmila Ulitzkaja wurde 1943 geboren und wuchs in Moskau auf. Sie schreibt Drehbücher, Hörspiele, Theaterstücke und erzählende Prosa und erhielt in Frankreich 1996 für ihre Erzählung „Sonetschka“ den Prix Médicis. 2001 erhielt die Autorin den Booker Prize Russland.

Rezension von Heike Rau

Ljudmila Ulitzkaja
Ergebenst, eurer Schurik
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
494 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag München Wien
ISBN: 3-446-20665-5
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Caspar

Caspar

Ende des 18. Jahrhunderts. Der siebenjährige Caspar sitzt im Gasthaus Schwan bei Exenheim in Würzburg und wartet. Doch seine Mutter und der Stiefvater kommen nicht zurück. So muss er vorerst bei der Schwanenwirtin Kreszenz Borst bleiben, die aber will ihn gar nicht. Noch einen Esser mehr, kann sie nicht brauchen, was sie Caspar nur allzu deutlich macht. In Karolin, der Tochter der Wirtin, die ihm oft seltsame Geschichten erzählt, findet er eine Freundin und erlebt so wenigstens einig glückliche Momente.
Der Pfarrer bringt den Zettel, der um Caspars Hals hing, zum Amtmann Bröm. Hierauf steht, wer der Vater sein soll, nämlich der Schwartz, Porzellanmaler in der welschen Schweiz. So, wie es aussieht, hat er einiges an Vermögen beim Amtmann hinterlegt. Davon will die Schwanenwirtin natürlich ihren Teil für die Verpflegung des Jungen. Aber nun wittern auch andere, dass es etwas zu holen gibt. Und bald findet Caspar eine neue Unterkunft. Er kommt zu Bauer Melcher, der das Kostgeld gut gebrauchen kann, aber sonst an dem Jungen kein gutes Haar lässt. Zusammen mit Karolin träumt er von Flucht. Bis dahin ist es jedoch ein weiter Weg. Und doch schafft er es eines Tages, Arbeit in der Porzellanfabrik zu finden und sich damit den Wunsch nach Unabhängigkeit für eine gewisse Zeit ein Stück weit zu erfüllen.

Das Schicksal Caspars, so erfährt der Leser im Anhang, ist historisch belegt. Auch wenn es nur wenige Dokumente gibt. Der Autorin ist es gelungen, die Lücken glaubwürdig auszufüllen. Sie erzählt die tragische Geschichte mit viel Fingerspitzengefühl, besticht mit einem sehr individuellen Erzählstil und verleiht dem menschlich sehr bewegenden Schicksal Caspars damit eine spürbare Tiefe. Die Hintergründe sind sehr gründlich recherchiert, so dass die Geschichte durch viele historische Details sehr lebendig wirkt. In diesem Zusammenhang sind zum Beispiel die Ausführungen über die Porzellanfabrik zu nennen, in der Caspar lernt. Sehr tiefgreifend ist auch Caspars schwierige Freundschaft zu Karolin beschrieben, die er liebt, mit der er seine Fluchtpläne teilt und die er doch so sehr verletzt. Immer hofft man mit Caspar auf ein gutes Ende und ahnt doch, dass dieser junge Mann kaum eine Chance hat.

Über die Autorin:
Beate Rothmaier wurde 1962 in Ellwangen geboren. Sie studierte in München und Tübingen Germanistik und Romanistik, unterrichtete Deutsch an einem Lysèe in Frankreich, arbeitete für verschiedene Verlage und als Texterin in einer Webeagentur. Die Autorin lebt in Zürich.

Rezension von Heike Rau

Beate Rothmaier
Caspar
192 Seiten, gebunden
Nagel & Kimche
ISBN: 3-312-00367-9
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Saturday

Saturday

Ian McEan Saturday Diogenes ISBN 3 257064942

Nachdem ich mich zunächst ein wenig an die etwas hochgeschraubten Satzkonstruktionen, die einem artistischen Sprachspiel gleichen, gewöhnen musste, hat mir der Roman
„ Saturday“ ausnehmend gut gefallen.
Natürlich denkt man an Joyce, wenn es sich um einen Tag im Leben des Henry Perowne handelt. Dennoch ist es ein ganz anderer Tag als der, den Joyce beschreibt.
H.P. steht in der Mitte des Lebens, ist erfolgreicher Neurochirurg und schaut auf ein zufriedenes und beruflich erfülltes Leben mit seiner Frau, seinen Kindern, seinen Kollegen und Freunden.

Der Tag aber , ein Samstag, an dem er früh schon aus seinem Schlafzimmerfenster beobachtet, wie eine Maschine im Anflug auf den Flughafen Heathrow ganz in der Nähe seines Hauses in Flammen steht, macht ihm bewusst, wie zerbrechlich ihrer aller Leben ist.
In der Reflexion und Beobachtung dessen, was um ihn herum geschieht, kann der LeserIn nachfühlen, wie es einem Mann mit annähernd fünfzig ergeht, der seine Kinder erwachsen werden sieht, seiner Frau sehr zugetan ist und in seinen Gedanken aller Geschehnisse gedenkt, die seinen Lebensweg begleitet haben.
So schildert er anschaulich und berührend den Zustand seiner inzwischen alten und dementen Mutter, die Originalität seines skurrilen Schwiegervaters, eine politische Auseinandersetzung mit seiner schriftstellernden Tochter Daisy, und den Tag , an dem in London von hundert Tausenden für Frieden und gegen einen Krieg im Irak demonstriert wird.

Im weiteren Verlauf des Tagesgeschehens ereignet sich
sehr gegenwärtig noch eine spannende Kriminalgeschichte. Sie spannt den Bogen zu unserer Zeit, in der nichts mehr sicher ist, in der auch das kleinste Glück von den Unbilden einer unsicher gewordenen Welt bedroht zu sein scheint.

Bemerkenswert für mich war die liebevolle Beziehung von Henry P. zu allen seinen Familienangehörigen, besonders zu seinen beiden Kindern und ganz innig auch zu seiner Frau. Die für ihn unersetzbare Geborgenheit und Zugehörigkeit zu ihr nimmt einen gewichtigen Platz ein in dieser Geschichte. Das ist einmal ganz neu in einem Familienroman, dass eine Familie intakt ist, ohne dass man denkt, das wäre vielleicht kitschig oder unecht.

Im Kontrast zu diesem privaten Glück eröffnet McEwans Roman mit seinen fragilen Infragestellungen die apokalytische Vorahnung dessen, was im 21. Jahrhundert für die Bewohner unserer Erde zur Bedrohung geworden ist: eine unheimliche , nicht fassbare Gefährdung der bestehenden Verhältnisse dargestellt an dieser einen Familie.

Ich denke, dass dieses Buch für viele LeserInnen eine höchst eindrucksvolle Lektüre werden wird.

Cl.B.
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Charlie Bone und das Geheimnis der blauen Schlange

Charlie Bone und das Geheimnis der blauen Schlange

Benjamin muss mit seinen Eltern, die dort einen gut bezahlten Auftrag an Land gezogen haben, nach Hongkong. Da sein großer Hund Runnerbean nicht mitkommen kann, drängt Benjamin ihn kurzerhand Charlie auf. Das Tier muss jedoch vor Grandma Bone versteckt werden, da diese Hunde über alles hasst. Vielleicht kann Onkel Paton helfen. Doch der ist gar nicht da und hat eine seltsame Nachricht für Charlie hinterlassen. Angeblich führen seine merkwürdigen Schwestern etwas im Schilde, wogegen Paton etwas unternehmen muss, da sonst eine sehr gefährliche Person auftauchen wird. Für Charlie ist dieser Brief ein Rätsel. Er erzählt seiner anderen Großmutter Maisie von dem Hund und dem Brief. Und sie will versuchen, sich um den Hund zu kümmern. Am selben Tag schleppen Grandma Bone, Tante Lucretia und Tante Venetia ein seltsames Mädchen an. Ihr soll Charlie von seiner Schule erzählen, der Bloor-Akademie für sonderbegabte Kinder, die Belle nun auch besuchen soll. Worin Belles Sonderbegabung besteht, bleibt Charlie jedoch zunächst verborgen. Ob sie gar am Ende die gefährliche Person ist, über die Onkel Paton geschrieben hat?
In der Schule findet Charlies Mitschülerin Emma auch einen Brief. Der Schreiber warnt ebenfalls vor dem Auftauchen einer bestimmten Person, einem Gestaltwandler. Der Brief gehört Mr Boldova, dem Kunstlehrer, der auf der Suche nach seinem kleinen Bruder Ollie ist. Dieser ist eines Tages einfach verschwunden. Emma glaubt, dass er irgendwo auf dem Speicher der Bloor-Akademie sein könnte. Dafür hat sie glaubhafte Argumente. Charlie und Emma finden Ollie tatsächlich, doch er ist unsichtbar, bis auf einen Zeh. Angeblich ist eine blaue Schlange für sein Schicksal verantwortlich. Die Kinder wollen Ollie gerne helfen, doch so einfach ist das nicht.

Der 12-jährige Charlie, der Bilder sprechen hören und in sie hineingehen kann, erlebt wieder unglaubliche Abenteuer. Die Autorin hat sich jede Menge Neues einfallen lassen, so dass es nie langweilig wird. Doch auch bekannte Figuren haben ihren Auftritt. Die drei unheimlichen Schwestern übertreiben es in ihrer Boshaftigkeit diesmal, so dass die Spannung ins Unermessliche geht. Nichts ist vorhersehbar, immer wieder gibt es interessante Wendungen und Überraschendes, das begeistert. Und auch an humorvollen Szenen fehlt es nicht. Charlie nutzt auch wieder seine Sonderbegabung, doch wird ihm das diesmal fast zum Verhängnis. Er befreit aus Versehen einen berüchtigten Hexenmeister aus einem Bild. Doch er entdeckt dadurch auch eine weitere Begabung, die ihm bisher verborgen geblieben ist und die er hoffentlich in einem nächsten Band weiterentwickeln wird.
Vom Schreibstil her liest sich das Buch sehr gut. Es ist mit viel Tempo geschrieben, die Handlung ist sehr packend, wirkt gut durchdacht und ist trotz der vielen fantastischen Elemente sehr gut vorstellbar. Wer die Zeit hat, wird es in einem Rutsch durchlesen.

Über die Autorin:
Jenny Nimmo spielte nach ihrem Schauspielstudium Kindertheater und arbeitete beim Rundfunk. Ihr erste Kinderbuch erschien 1975. Ihre Bücher wurden mehrfach mit dem britischen „Smartie-Award“ für Kinderliteratur ausgezeichnet und teilweise fürs Fernsehen verfilmt. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in einer alten Wassermühle in Wales.
Rezension von Heike Rau

Kleiner Hinweis: Besprechungen zum ersten Band „Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder“ und zum zweiten Band „Charlie Bone und die magische Zeitkugel“ befinden sich ebenfalls in unserem Rezensionspool. Einfach den Titel in die Suchmaske eingeben!

Jenny Nimmo
Charlie Bone und das Geheimnis der blauen Schlange
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
336 Seiten, gebunden
ab 10 Jahren
Ravensburger Buchverlag
ISBN: 3-473-34470-2
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Aufbruch ins Blaue

Aufbruch ins Blaue

Lorenz Breitfeld und Kurz Leopoldseder teilen ihre Begeisterung für den hohen Norden. Sie sind von sogenannten „arktischen Virus“ befallen. Kennen gelernt haben sie sich in Grönland, waren aber, als das Buch entstand, noch nicht zusammen unterwegs gewesen. Dennoch entschlossen sie sich gemeinsam, dieses Buch zu schreiben. So bringen sie ihre abenteuerlichen Reisen von Island über Grönland, Baffin Island, Kanada, Alaska bis Spitzbergen dem Leser nahe.

Sie reisen mit dem Kajak, zu Fuß, auf Skiern oder mit dem Hundeschlitten, erkunden die einsamen Landschaften. Sie schildern unvergessliche und wohl auch einmalige Momente, meistern gefährliche Situationen, loten ihre Grenzen aus, erleben Lebenshöhepunkte und bewähren sich unter menschenfeindlichen Bedingungen.

Mit den Texten und Tagebucheinträgen ist es den Autoren nicht ganz gelungen ihre Faszination für den hohen Norden herüberzubringen. Nach längerem Lesen wirken sie zu wenig ausgearbeitet und gleichförmig, als wollten die Autoren ihre Gefühle doch nicht gänzlich offenbaren oder fanden keine Worte dafür. Die Stärke des Buches liegt eindeutig in den sensationellen Fotografien. Hier sind die Bilder von den Nordlichtern auf Baffin Island und in Grönland zu nennen oder auch das Foto vom Mount Hunter. Sehr gut gefallen haben auch die großen zweiseitigen Fotografien mit reizvollen Bild in Bild Arrangements, die außerordentlich beeindruckend sind. Die Motive sind einzigartig und nicht selten grandios. Von diesen Bildern kann man einfach nicht genug bekommen.

Über die Autoren:

Lorenz Breitfeld, geboren 1974, reiste schon in seiner Jugend in ganz Europa, Australien und Afrika. Seit über 10 Jahren unternimmt er Reisen in den hohen Norden. Er unterbrach sein Medizinstudium, um eine Saison als Hundeschlittenführer in Spitzbergen zu arbeiten und verbrachte einen Sommer in Ostgrönland, um in einem Krankenhaus ein Praktikum zu absolvieren. Lorenz Breitfeld lebt heute in Lienz, Osttirol.

Kurz Leopoldseder, geboren 1965, verdiente sich mit Jobs als Koch und Kellner das nötige Geld, um sich seine Träume zu erfüllen. So hat er Opale in Australien gesucht oder ist Tausende von Flusskilometern durch das Yukon-Territorium gepaddelt. In den letzten Jahren war er zunehmend in arktischen Regionen unterwegs. Seine Sehnsucht nach neuen Abenteuern ist ungebrochen.

Rezension von Heike Rau

Lorenz Breitfeld / Kurt Leopoldseder
Aufbruch ins Blaue
128 Seiten, zahlreiche Farbfotografien
Verlag J. Neumann-Neudamm, Melsungen
ISBN: 3-7888-0900-0
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Wildschweingeschichten

Wildschweingeschichten

Wildschweine sind Heinz Meynhardts Forschungsobjekt. In diesem Buch erzählt er, was er in neun Jahren bei seinen täglichen Besuchen im Wald erlebt hat. Er hat das Unmögliche geschafft. Er hat sich den Tieren genähert und ihr Vertrauen gewonnen. Und das ihm diese Arbeit viel Spaß gemacht hat, merkt man dem Buch an.

Der Autor erzählt auf welche Art und Weise er sich den sehr scheuen und nicht ungefährlichen Tieren genähert hat. Viel Geduld und Mühe war erforderlich. Immerhin hat es zwei Jahre gedauert, bis der erste echte Sozialkontakt aufgebaut war. Täglich hat er Mais, ein großer Leckerbissen für Wildschweine, an einer bestimmten Stelle ausgestreut, bis es endlich soweit war, und die Tiere sich nicht mehr an seiner Anwesenheit störten und er sie nun viel besser beobachten konnte. Doch bis er als Ranghöchster in der Rotte anerkannt wurde, war es noch ein langer und spannender Weg.

Der Verlag J. Neumann-Neudamm hat das beliebte DDR-Kinderbuch neu aufgelegt. Kinder ab 10 Jahren erfahren hier viel Wissenswertes über freilebende Wildschweine. Natürlich dürfen auch Erwachsene lesen. Der Autor wartet auf mit vielen verblüffenden Erkenntnissen und einzigartigen Erfahrungen. So hautnah wie er, hat nie ein Mensch zuvor, die Tiere erleben können. Seine Begeisterung ist spürbar. Von seiner Forschungsarbeit zeugen auch die vielen, fast immer ganzseitigen Fotos, die einen tiefen Einblick in das Wildschweinleben in freier Natur geben. Es gibt Originalfotografien aber auch aktuelle Aufnahmen, die den Text ergänzen. Gut gefallen hat, dass der Autor mit viel Humor von „seinen“ Tieren erzählt und Fachbegriffe immer gleich im Text erklärt, was besonders wichtig für das Verständnis von Kindern ist.

Über den Autor:
Hein Meynhardt, 1989 verstorben, gilt als international anerkannter Schwarzwildexperte und renommierter Buch-, Film-, und Fernsehautor.

Rezension von Heike Rau

Heinz Meynhardt
Wildschweingeschichten
96 Seiten, gebunden, mit zahlreichen Fotos
ab 10 Jahren
Verlag J. Neumann-Neudamm, Melsungen
ISBN: 3-7888-1018-1
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