Talschluss

Talschluss

Katharina hat Gretes Geburtstag vorbereitet. Sie, die Event-Managerin hat an alles gedacht. Nicht ist dem Zufall überlassen worden im Bauernhof am Ende des Tals. Alles stimmt, jedes Detail, bis hin zum Holzstapel hinter dem Haus. Sogar eine Tageszeitung wurde bestellt.
Als die ersten Gäste die festliche Scheinidylle verlassen wollen, stellt sich heraus, dass daraus nichts wird. Eine Viehseuche ist ausgebrochen. Das Tal ist abgeriegelt. Ob es wohl einen Unterschied macht, ob alle freiwillig bleiben oder, wie sich die Situation jetzt darstellt, bleiben müssen?

Wer nun ein großes Familiendrama erwartet, wird enttäuscht. Der Ich-Erzählerin Katharina haben es die kleinen Dinge angetan. Sie beobachtet genau, auch sich selbst. Gespräche, Gedanken und auch Selbstgespräche reihen sich unaufhörlich aneinander. Dabei schreibt die Autorin mit viel Sinn für psychologische Details. Auch die wundersame Kulisse wurde perfekt arrangiert, doch nimmt man diese eher als Bedrohung wahr. Es wurde viel zu sehr übertrieben. Doch mit den Erwartungen des Lesers wird gespielt. Vergeblich wartet man, dass etwas passiert und ein Familienkrach sich anbahnt oder notfalls ein Gewitter. Aber einzig Katharina entgeht der Langeweile durch eine fragliche Liebesnacht mit Artur. Aber auch das hat eigentlich nicht wirklich etwas zu bedeuten. Es stört den Frieden nicht.
Ohne die Viehseuche, die allen Geburtstagsgästen ein Entkommen unmöglich macht, wäre wohl kaum jemand auf dem Bauernhof geblieben. So viel hat man sich nicht zu sagen. Hier wird nichts künstlich aufgebauscht.
Interessant und auffällig ist der Sprachstil. Nicht selten erstaunt die Wortwahl, gibt Anlass innezuhalten und nachzudenken.

Über die Autorin:
Olga Flor wurde 1968 in Wien geboren. Aufgewachsen ist sie in Wien, Köln und Graz, wo sie heute lebt. Sie studierte Physik. Olga Flor erhielt für ihre Werke zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Reinhard-Priessnitz-Preis und der Otto-Stoessl-Preis.

Rezension von Heike Rau

Olga Flor
Talschluss
172 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag Wien
ISBN: 3-552-05332-8
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Der grüne Abgrund

Der grüne Abgrund

Nach einem Flugzeugabsturz findet Robert sich in einem Geisterwald wieder. Ein dichter, endlos scheinender Dschungel breitet sich vor ihm aus. Robert ist auf sich allein gestellt, kämpft um das nackte Überleben, gegen Hunger und Durst. Doch dann stellt er fest, dass doch jemand in der Nähe sein muss. Zunächst kann Robert nicht mal sagen, ob es ein Mensch ist oder nicht. Aber er bekommt ein wärmendes Fell und Nahrung. Das gibt ihm Anlass, sich auf die Lauer zu legen. Es ist ein Mädchen, das ihm hilft. Es gelingt Robert nicht, sie zu überwältigen, aber er nimmt die Verfolgung auf. Doch ein großer Vogel sieht in Robert eine willkommene Beute, verschleppt ihn auf einen Baum in seine Bruthöhle. Robert ist verletzt. Aber er weiß auch, dass er hier wieder raus muss, bevor dieses Ungeheuer von Vogel zurückkommt. Unter Aufbietung aller Kräfte schafft er es, aus der Bruthöhle zu kommen. Doch was er dann oben in dem Baumwipfel sieht, raubt ihm den Atem. Er ist unglaublich nah an seinem Zuhause, befindet sich im Park seines Wohnviertels. Doch die Größenverhältnisse stimmen nicht. Robert muss winzig klein sein. Aber wie auch immer die Dinge liegen. Er muss von diesem Baum runter und das Mädchen wiederfinden. Sie ist die Einzige, die ihm helfen kann. Sie und die Mitglieder ihrer Gruppe. Ob sie nun Feind oder Freund sind.

Mit dem mysteriösen Flugzeugabsturz beginnt der Albtraum. Es ist unglaublich mit welch aussichtloser und unerklärbarer Lage Robert aus dem Nichts heraus konfrontiert wird. Zu verfolgen, wie Robert sich nun verhält, ist sehr spannend. Die Autorin schildert sehr präzise, gut nachvollziehbar und mit viel Sinn für Details, wie Robert um das Überleben kämpft und welche Gedanken ihm durch den Kopf gehen. Den Stadtpark-Dschungel beschreibt sie sehr bildhaft. Noch dramatischer wird es, als Robert feststellen muss, dass er nun winzig klein ist. Seine Lage scheint zunächst unerklärbar und hoffnungslos. Aber Robert ist nicht der Typ, der aufgibt. Das wird dem Leser schnell bewusst gemacht. Er will sein altes Leben wieder und zurück zu seiner Familie. Er denkt nicht daran, sich zu fügen. Roberts Schicksal berührt den Leser und nimmt ihn gefangen. Die Geschichte ist vom Stil her sehr fesselnd geschrieben, flott und kurzweilig. Die Autorin schreibt mit viel Einfühlungsvermögen. So erwartet man Band zwei der Trilogie mit Ungeduld.

Über die Autorin:
Gillian Cross studierte Englische Literatur an der Sussex University. Sie arbeitete unter anderem als Lehrerin und als Assistentin eines Parlamentsabgeordneten. Gillian Cross schreibt seit mehr als 20 Jahren Bücher für Kinder und Jugendliche. Ihre Bücher wurden unter anderem mit der „Carnegie Medal“ und den „Whitbread Children’s Novel Award“ ausgezeichnet.

Rezension von Heike Rau

Gillian Cross
Der grüne Abgrund
Aus dem Amerikanischen von Gudrun Likar
297 Seiten, lam. Pappband
ab 12
Verlag Carl Ueberreuter, Wien
ISBN: 3-8000-5124-9
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Die Lagune der Galeeren

Die Lagune der Galeeren

Italien im Jahre 1570. Der 17jährige Matteo hat seine Familie an die Pest verloren. Doch er lernt Fiona kennen, ein Dienstmädchen, das im Haus des Apothekers zurückgelassen wurde und schwer krank ist. Zum Glück ist es nicht die Pest, so wird das Mädchen dank seiner Führsorge wieder gesund. Aber ob die beiden in San Bernardo überleben können, ist fraglich. Zusammen fliehen sie auf abenteuerliche Weise aus der abgeriegelten Stadt und werden auf dem Gut von Fionas Eltern zunächst aus Angst unter Quarantäne gestellt, dann jedoch herzlich aufgenommen. Fionas Zwillingsschwester Antonia stiftet jedoch Unfrieden. Sie zerstört Matteos Hoffnung, dass Fiona und er ein Paar werden könnten. So beschließt Matteo sich doch an seinen unbekannten Onkel Tommaso Rovelli, Schiffbaumeister in Venedig, zu wenden. Er hofft, dass es ihm gelingt, dort sein Glück zu machen. Und vielleicht ist er dann, wenn er eines Tages zurückkehrt, als Schwiegersohn willkommen.

Rainer M. Schröder hinterlässt mit seinem historischen Roman einen nachhaltigen Eindruck. Die Geschichte um den jungen Matteo ist sehr fesselnd. Plötzlich auf sich allein gestellt, muss er sein Leben nun allein meistern. Schließlich verschlägt es ihn nach Venedig zu seinem unbekannten Onkel, der ihn notgedrungen aufnimmt und ihm Arbeit im Arsenal, der riesigen Schiffswerft, verschafft. Doch gefahrlos leben lässt es sich hier nicht. Den Schrecken der Pest entkommen, kommt er hier einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur. Doch immer wieder zieht Matteo voreilige Schlüsse aus scheinbar eindeutigen Situationen und er vertraut den falschen Leuten. So gerät er in Lebensgefahr. Eine ungeahnte Kraft gibt ihm jedoch seine Liebe zu Fiona, zu der er um jeden Preis zurückkehren möchte. Die Handlung ist durchweg spannend und dramatisch und verläuft nie so, wie man es erwartet. Denn auch als Leser durchschaut man die Situation nicht, glaubt, was Matteo glaubt und wird dann immer wieder überrascht. Der Autor schildert Venedig sehr bildgewaltig, vermittelt Matteos Begeisterung für die überwältigende, fremdartige Stadt. Wirklich ein einzigartiges Leseerlebnis. Zudem spart der Autor nicht mit geschichtlichem Hintergrundwissen, das in einem Nachwort noch einmal vertieft wird. Zusätzlich stehen Bildtafeln und Karten zur Verfügung.

Über den Autor:
Rainer M. Schröder wurde 1951 geboren. Er lebt nach vielseitigen Studien und der Ausübung mehrerer Berufe seit 1977 als freier Autor in Deutschland und Amerika.

Rezension von Heike Rau

Rainer M. Schröder
Die Lagune der Galeeren
461 Seiten, gebunden
für Jugendliche und Erwachsene
Arena Verlag, Würzburg
ISBN: 3-401-05324-8
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Reiten lernen mit Spaß

Reiten lernen mit Spaß

Reiten ist eine Sportart mit der viele Kinder liebäugeln, die jedoch auch einiges an Wissen erfordert. Denn Reiter und Pferd bilden ein Team, müssen lernen sich zu verstehen. Dabei verbringt man bei diesem Hobby, das schell zur Leidenschaft werden kann, seine Zeit natürlich nicht nur auf dem Rücken des Pferdes. Viel Zeit muss auch für die Pflege und Versorgung des Pferdes eingeplant werden.

Zunächst geht es um die erforderliche Reitausrüstung, um die Grundausstattung, aber auch um spezielle Ausstattungsteile, wie man sie etwa für Geländeritte oder Turniere braucht. Auch das Pferd braucht eine Ausrüstung, wie beispielsweise Sattel oder Zaumzeug.
Viel Interessantes wird nun der Reihe nach erklärt. Wie kommt man aufs Pferd und wieder runter? Wie sitzt man richtig? Wie kommt man vorwärts und dirigiert das Pferd? Erklärt werden die verschiedenen Gangarten. Sprungübungen werden vorgestellt und auch das Dressurreiten. Aufgezeigt wird aber auch, was bei einem Geländeritt beachtet werden muss oder was an Mannschaftsspielen so faszinierend ist. Auch die beliebten Reiterferien sind ein Thema.

Das Buch enthält neben den kurzen und leicht verständlichen Texten und vielen hilfreichen Expertentipps zahlreiche sehr anschauliche Fotos. Viele zeigen genaue Schritt-für-Schritt-Anleitungen oder sind mit Begriffsbezeichnungen versehen. Jedes Kind, das Reiten lernen möchte, kann sich einen umfassenden Überblick verschaffen und einschätzen, was es erwartet und sich Wissenswertes aneignen. Gut geeignet ist das großformatige Buch aber auch zum Nachschlagen. Ein hilfreiches Glossar und ein Register sind vorhanden. Deutlich gemacht wird, dass das Reiten ein Hobby ist, das eine hohe Einsatzbereitschaft und Geduld fordert, aber auch sehr reizvoll ist. Nicht selten werden Pferd und Mensch dicke Freunde.

Fazit: Für junge Pferdefreunde ist dieses reich bebilderte Buch als Informationsquelle und Nachschlagewerk sehr zu empfehlen.

Rezension von Heike Rau

Debby Sly
Reiten lernen mit Spaß
Aus dem Englischen von Wiebke Krabbe
48 Seiten, gebunden
ab 6 Jahren
Xenos Verlagsgesellschaft, Hamburg
ISBN: 3-8212-2924-1
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Debby Sly: Mein Pferd – Haltung und Pflege

Debby Sly: Mein Pferd – Haltung und Pflege

Ein eigenes Pferd ist der Wunsch vieler reitbegeisterter Kinder. Aber es gibt doch eine ganze Reihe von Dingen, die zu beachten sind und die man realistisch überdenken muss. Die richtige Wahl zu treffen ist nicht ganz leicht. Man sollte sich Zeit lassen mit dem Kauf. Vielleicht kommt auch ein Pferd in Frage, welches das Kind schon kennt. Im Buch wird aufgezeigt, welche Kosten auf den Pferdehalter zukommen. Neben dem Kaufpreis fallen noch viele andere Dinge ins Gewicht, etwa Tierarztkosten, Stallgebühren, Futter oder Ausstattung.

Erklärt wird im Buch, wie ein Pferd gehalten werden soll und welche Arbeiten, die nicht zu unterschätzen sind, anfallen werden und wie viel Zeit für das Pferd eingeplant werden muss. Gezeigt wird aber auch, wie man die Gesundheit seines Pferdes einschätzen kann, wie man ein Pferd pflegt, es putzt, welche Pflege die Hufe brauchen, was es frisst und was man beachten muss, wenn das Pferd mit seinem Besitzer verreist, etwa zu einem Turnier und vieles mehr.

„Mein Pferd – Haltung und Pflege“ ist ein sehr aufschlussreicher Ratgeber für Kinder, die ihren Traum vom eigenen Pferd verwirklichen wollen. An was alles gedacht werden muss, wird genau erläutert, so dass man sich einen ersten Überblick über das, was einen jungen Pferdehalter erwartet, verschaffen kann. Beschönigt wird dabei nichts. Es wird klar gemacht, welche große Verantwortung mit dem Erwerb eines eigenen Pferdes übernommen werden muss. Erklärt wird immer in Wort und Bild, oft mit Schritt-für-Schritt-Erklärungen, Begriffsbezeichnungen zu den zahlreichen Fotos und vielen ergänzenden Expertentipps. Die Texte sind leicht verständlich und gut nachvollziehbar. Ein ausführliches Glossar und ein Register sind vorhanden.

Fazit: Sehr empfehlenswertes Sachbuch für angehende Pferdebesitzer mit vielen tollen Fotos und informativen und gut nachvollziehbaren Texten.

Rezension von Heike Rau

Debby Sly
Mein Pferd – Haltung und Pflege
Aus dem Englischen von Wiebke Krabbe
48 Seiten, gebunden
ab 6 Jahren
Xenos Verlagsgesellschaft, Hamburg
ISBN: 3-8218-2923-3
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Zusammen ist man weniger allein

Zusammen ist man weniger allein

Man könnte sagen, das Schicksal hat sie zusammengeführt. Da sind der stotternde Philibert, vornehmer Adel, aber verarmt. Dann ist da noch Franck, der Koch. Gut aussehend, aber ungehobelt. Er hat nur Augen für Frauen und sein Motorrad. Zu ihnen gesellt sich die erschreckend dünne Camille. Sie lebt nicht, sie überlebt. Nachts geht sie putzen, statt ihr künstlerisches Talent weiterzuentwickeln. Francks Großmutter ist die Vierte im Bunde. Sie erträgt es nicht, ihren Lebensabend in einem Heim zuzubringen. Zusammen leben sie nun in einer 300 Quadratmeter großen alten Wohnung, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Für jeden von ihnen beginnt ein neuer Lebensabschnitt, zu einer Zeit, als keiner von ihnen weiß, wie es eigentlich weitergehen soll, die Schatten der Vergangenheit nicht weichen wollen und die Einsamkeit übermächtig zu drohen scheint. Die Frage ist, was sie daraus machen werden.

Anna Gavalda schreibt in ihrem Buch über vier ganz verschiedene Menschen. Außergewöhnliche Menschen, die sich gesellschaftlichen Zwängen nicht unterordnen wollen. Es geht um die ganze Bandbreite zwischenmenschlicher Beziehungen, um Vergangenheitsbewältigung, die Angst vor großen Gefühlen, um Liebe, die nicht zugelassen werden kann, um die Frage, was Glück bedeutet und was den Sinn des Lebens für jeden einzelnen ausmacht. Dabei sind es besonders die Dialoge, die den Reiz der Geschichte ausmachen. Die Autorin schreibt mit viel Einfühlungsvermögen über die Probleme ihrer Protagonisten, die allerdings nicht immer ganz nachvollziehbar sind, manchmal etwas unspektakulär wirken oder aufgebauscht. Interessant ist es aber zu verfolgen, wie diese vier Menschen überhaupt miteinander zurechtkommen, wie sie ihren Alltag gestalten und durch ihre Gespräche wieder Halt im Leben finden. Es entstehen eine Vielzahl von Situationen und Gefühlsausbrüchen – komisch, bewegend, desillusionierend, aber auch hoffnungsvoll.

Rezension von Heike Rau

Anna Gavalda
Zusammen ist man weniger allein
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
555 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, München / Wien
ISBN: 3-446-20612-4
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Lukas Hartmann: Die Deutsche im Dorf

Lukas Hartmann: Die Deutsche im Dorf

Es ist das Jahr 1967 als eine Fremde im kleinen Dörfchen Tannwiler im Emmental ankommt. Eine Deutsche, genau wie die Witwe Stucki, bei der sie von nun an wohnen wird. Den drei Jungen Simon, Christian und Otto kommt sie von Anfang an unheimlich vor. Es ist schnell klar, dass diese seltsame Alte irgendetwas zu verbergen hat. Die Kinder ergehen sich in wilden Spekulationen. Ihre Beobachtungen geben ihnen Anlass zu der Vermutung, die Görres sei gar keine Frau, sondern ein verkleideter Mann. Christian glaubt gar in Görres Hitler wiedererkannt zu haben, über den die Jungen gerade einen Dokumentarfilm gesehen haben. Der Gedanke lässt sie nicht wieder los. Simon, Christian und Otto wollen die wahre Identität der Görres um jeden Preis aufklären. Ihr Jagdeifer lässt sich nicht mehr bremsen, ihre Wahrnehmung verschiebt sich. Mit unglaublichen Mitteln treiben die Jungen die alte Frau immer weiter in die Enge, bis es schließlich zur Katastrophe kommt.

Die unglaubliche Geschichte wird aus der Perspektive Simons erzählt. Er erinnert sich als Erwachsener an die Geschehnisse von damals, als er noch ein halbes Kind war. Schon von der ersten Seite an wird der Leser gefesselt. Fasziniert spürt man das Unfassbare nahen, weiß vom Klappentext, dass die Geschichte nicht gut ausgehen wird. Mit Spannung verfolgt man, wie die drei Jungen, zwischen denen eine seltsame Verbundenheit herrscht, immer mehr aus einem Hirngespinst heraus, folgenschwere Fehler begehen. Wie vernagelt halten sie an ihrem Plan fest, blenden aus, was sie nicht hören und sehen wollen. Sie finden keinen Weg zurück in ein normales Alltagsleben. Und aufgehalten werden sie auch nicht. Die Erwachsenen mit ihrer Einstellung schüren eher noch die Neugier der Kinder. Doch niemals würde man diesen bis dahin unauffälligen Kindern so etwas zutrauen. Und auch die Jungen selbst, sind zuletzt überrascht von ihrem Tun, hatten sie sich doch „nur“ ein Abenteuer erhofft und etwas mehr Spannung im Alltag. Helden wollten sie werden.
Der Autor schreibt mit unglaublicher Intensität und großer Ernsthaftigkeit, gewährt tiefe Einblicke in die Psyche der Kinder und ihr Verhalten in der kleinen Gruppe. Er überlässt es jedoch dem Leser, zu urteilen. „Die Deutsche im Dorf“ ist ein Buch, das hängen bleibt, das man nicht einfach nach dem Lesen ins Regal stellen kann, so packend, ergreifend und vor allem beunruhigend ist die Geschichte.

Über den Autor:
Lukas Hartmann ist Jahrgang 1944. Er studierte Germanistik, Psychologie und Musik, ist Schriftsteller, Journalist und Medienberater und wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet. Lukas Hartmann lebt in der Nähe von Bern.

Rezension von Heike Rau

Lukas Hartmann
Die Deutsche im Dorf
302 Seiten, gebunden
Nagel & Kimche
ISBN: 3-312-00350-4
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Cassandra Frenchs Männerverbesserungsanstalt

Cassandra Frenchs Männerverbesserungsanstalt

Cassandra French lebt als Single in Hollywood. Ihre Arbeit als Anwältin für ein Filmstudio langweilt sie fast zu Tode. Und ihre Freundinnen Claire und Lexi sind ziemlich durchgeknallt. Einzig um ihre Mutter hat sich Cassandra zu kümmern. Die hat nämlich einiges auf dem Kerbholz und darf sich nicht sehr weit von ihrer Wohnung entfernen. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes mit einer elektronischen Fußfessel an ihre Wohnung gekettet.
Der perfekte Mann ist Cassandra noch nicht über den Weg gelaufen. Und die Hoffnung, dass das noch kommt, ist dahin. Sie weiß, dass sie die Sache selbst in die Hand nehmen muss. So ist sie mitten in einem Experiment. In ihrem Keller, einer Verbesserungsanstalt, hält sie drei männliche Zeitgenossen gefangen. Mit Hilfe von Chloroform, Drogen und proteinarmer Diät, Ketten und Handschellen hält sie die Jungs unter Kontrolle. Ein ausgeklügelter Lehrplan soll dafür sorgen, dass aus diesen Jungs wahre Männer werden.
Die Jungs machen erstaunliche Fortschritte. Doch mit der erzwungenen Ruhe ist es vorbei, als Cassandra einen neuen Schüler aufnimmt, den Schauspieler Jason Kelly. Er setzt sich zur Wehr und sabotiert den Schulalltag. Cassandra muss zu drastischen Mitteln greifen, die Jason gar nicht gut bekommen.
Es nützt nicht, Clarissa muss ihre verrückten Freundinnen einweihen. Die sind zunächst entsetzt, gewöhnen sich aber sehr schnell an den Gedanken, ebenfalls Männer umzuerziehen.

Eric Garcia jubelt seinen Lesern hier eine unglaublich freche und bösartige Geschichte unter. Und doch ist Clarissa so naiv und überzeugt, das einzig Richtige zu tun, dass man ihr die Sache mit der Männerverbesserungsanstalt im Keller erst mal belustigt durchgehen lässt. Im Grunde hat sie ja keine Wahl. Anständige, zivilisierte Männer mit Moral, die wirklich so sind, wie Frauen sie wollen, sind eine Seltenheit.
Die Jungs fügen sich. Ausbruchsversuche scheinen gar nicht in Frage zu kommen. Jede Verfehlung wird ja auch hart bestraft. Notfalls wendet Clarissa drastische Foltermethoden an. Hier ist sie sehr erfinderisch. Zeitweise bleibt einem als Leser hier glatt die Spucke weg. Und der eine, der später hinzukam und es gewagt hat, sich zu wehren, für den ist das Leben vorbei.
So recht weiß man nicht, was man von diesem Buch halten soll. Es ist provozierend, dramatisch, lustig, voller Ironie und sehr unterhaltsam. Aber es zeigt auch die verzweifelte Lage einsamer Frauen auf, die aber zu allem Schrecken selbst wahre Zicken sind und ebenfalls gut in einer Besserungsanstalt aufgehoben wären. So löst das Buch zwiespältige Gefühle aus und sorgt für reichlich Stoff zum Nachdenken und für Streitgespräche.

Über den Autor:
Andy Garcia, 31 Jahre alt, lebt in Los Angeles. Er hat mehrere Romane und Drehbücher für Sitcoms geschrieben.

Rezension von Heike Rau

Eric Garcia
Cassandra Frenchs Männerverbesserungsanstalt
Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer Schmidt
386 Seiten, gebunden
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main
ISBN: 3-8218-5739-0
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Imago – Die geheime Reise

Imago – Die geheime Reise

Die 12jährige Wanja lebt bei ihrer Mutter. Ihren Vater kennt sie nicht. Dass die Mutter nicht bereit ist, über ihn zu sprechen, betrübt das Mädchen sehr.
Wanja kann es kaum glauben, als der Radiowecker ihr mitten in der Nacht eine Ankündigung macht. Die Stimme einer Frau lädt sie ein in die Ausstellung „Vaterbilder“. Die Ausstellung ist nur für eingeladene Kinder bestimmt, befindet sich in einem Raum der Kunsthalle, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Viele Bilder gibt es hier, doch nur von einem fühlt Wanja sich magisch angezogen. Durch das Bild wird ihr für einige Male für eine bestimmte Zeit der Zutritt in eine andere Welt namens Imago ermöglicht. Ein Zirkus ist hier Zuhause und Wanja fühlt sich sofort wohl an diesem Ort. Zu ihrem Erstaunen zieht das Bild auch Mischa magisch an, einen Jungen, der in die gleiche Schule wie Wanja geht. Besonders zum Akrobaten Taro fühlt Wanja sich hingezogen. Es wäre schön, wenn ihr Vater so wäre wir er. Die Idylle an diesem verzauberten Ort trügt jedoch. Ein schwarzer Vogel verbreitet Angst und Schrecken. Nach jedem Angriff wird er größer und bedrohlicher.

Die Geschichte spielt sowohl in einer realen, als auch in einer fantastischen Welt. Wanja und Mischa lernen sich erst im Zirkus richtigen kennen. Beide verbindet die Probleme mit ihren Vätern. Wanja kennt ihren nicht und Mischas Vater ist Alkoholiker. Die Welt Imago ist also eine Art Zuflucht für die Kinder. Doch auch hier müssen sie sich ihren Sorgen und Ängsten stellen. Ein wenig wundert man sich allerdings, wie selbstverständlich die Kinder diese andere Welt nehmen. Sie hinterfragen kaum und zweifeln nicht. Immer wieder treten sie ihre Reise nach Imago an, auch als es zunehmend gefährlicher wird. Aber Wanja und Mischa entwickeln sich weiter, lernen, dass sie ein Recht darauf haben, zu erfahren, wo ihre Wurzeln sind. Sie lernen Verantwortung zu übernehmen. Die Autorin vermittelt diese Entwicklung auf dem Weg zum Erwachsenwerden sehr bildhaft. Die eigentlich unwirkliche Stimmung im Zirkus wird sehr spannend dargestellt. Von den Geschehnissen dort wird man in den Bann gezogen. Aber auch die Atmosphäre zu Hause mit allen Sorgen und Nöten wird gut nachvollziehbar gezeichnet. Die Autorin hat mit ihrer Geschichte ein wichtiges Thema einfühlsam umgesetzt.

Über die Autorin:
Isabel Abedi, Jahrgang 1967, hat 13 Jahre als Webetexterin gearbeitet. Inzwischen hat sie mehrere Kinderbücher veröffentlicht, von denen einige ausgezeichnet und in andere Sprachen übersetzt wurden. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Hamburg. „Imago – Die geheime Reise“ ist ihr erster Jugendroman.

Rezension von Heike Rau

Isabel Abedi
Imago – Die geheime Reise
404 Seiten, gebunden
ab 12 Jahren
Arena Verlag Würzburg
ISBN: 3-401-05572-0
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Der Flüsterer

Der Flüsterer

Auf einer Schrotthalde am Stadtrand leben zwei verfeindete Katzenbanden. Sie streiten und beschimpfen sich. Die Ratte ist froh darüber. Solange die Katzen ihre Kämpfe austragen, hat sie ihre Ruhe.
Doch dann passiert das Unglaubliche. Die Ratte muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass Sohn und Tochter der verfeindetet Bandenführer sich ineinander verliebt haben. Noch weiß niemand außer der Ratte davon. Doch sie sorgt dafür, dass die Liebelei bekannt wird. Die Ratte wird zum Flüsterer, flüstert ihre Nachricht durch dünne Wände und Abflussrohre.
Die beiden Katzenbanden beschließen, eine Kampfpause einzulegen, um sich mit den zwei verliebten Katzen zu befassen. Die Angelegenheit muss in Ordnung gebracht werden. Doch so leicht lässt sich das Liebespaar nicht auseinanderbringen. Und so muss der Flüsterer doch um seine Ruhe bangen.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der Ratte. Sie will, das alles bleibt, wie es ist und die Katzenbanden sich weiter streiten und sie dafür in Ruhe lassen. Deshalb gönnt sie dem Katzenpärchen ihre Liebe nicht und verpetzt sie ganz gemein.
Der Autor lässt den Flüsterer in seiner fantasievollen Geschichte in einem legeren Ton erzählen, genau so, wie man es von einer Ratte erwarten würde. Das verleiht der Geschichte das gewisse Etwas, macht sie reizvoll und spannend.
Die Zeichnungen gefallen. Sie sind trotz der nächtlichen Atmosphäre sehr ansprechend, farbenfroh und voller Details. Das Erzählte spiegelt sich in den lebendigen Gesichtausdrücken der Akteure wieder. Es macht viel Spaß, der Geschichte zu folgen und sich an den niedlichen Illustrationen zu erfreuen.
So ist das Buch sicher nicht nur Kindern zu empfehlen, sondern auch erwachsenen Katzenfans und Bilderbuchsammlern.

Über den Autor und Illustrator:
Nick Butterworth, geboren 1946, entwarf Schriften in verschiedenen Druckerei- und Grafikbetrieben, bevor er sich als Autor und Illustrator selbstständig machte. Er moderierte für einen englischen TV-Sender ein Kinderprogramm und produzierte eine regelmäßige Bildergeschichte für das Magazin des Sunday Express. Der weltweit erfolgreiche Bilderbuchkünstler lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern im englischen Suffolk.

Rezension von Heike Rau

Nick Butterworth
Der Flüsterer
32 farbige Seiten
Lappan Verlag, Oldenburg
ISBN: 3-8303-1089-7
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