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Schlagwort: Hamburg

Wolf Serno: Große Elbstraße 7

Wolf Serno: Große Elbstraße 7

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Vicki zur Haiden hält die Langeweile im Lehrerinnenseminar in Lübeck, das sie auf Wunsch ihrer Eltern besucht, nicht mehr aus. Sie würde lieber Medizin studieren, aber das ist ihr natürlich nicht möglich. Sie reißt dennoch aus und kehrt heimlich nach Hamburg zurück. Es ist kein guter Zeitpunkt, denn gerade bricht die Cholera aus.

Als Vicki dem Arzt Johannes Dreyer begegnet, findet sie eine neue Aufgabe. Da man ihn im Krankenhaus nicht mehr sehen will, kümmert er sich nun auf eigene Faust um die Kranken. Irgendwie muss es für ihn ja weitergehen. Vicki steht ihm fortan zur Seite. Bis ihr Vater dahinterkommt und den Kontakt verbietet. Doch Vicki will nicht mehr auf ihren Vater hören. Sie findet einen Weg, sich weiter mit Hannes zu treffen.

Von Vickis Bruder Benno hingegen wird erwartet, dass er in die Fußstapfen seines Vaters tritt und Medizin studiert. Professor zur Haiden ist ein renommierter Chirurg und Chefarzt am Neuen Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf. Nur hat Benno absolut kein Interesse an der Medizin. Er ist eigenwillig und beschäftigt sich lieber mit gewagter Aktmalerei.

Man darf gespannt sein, wie die unterschiedlichen Geschwister sich aus der Enge des Elternhauses befreien. Denn darum geht es in der Familiensaga. Sie nimmt ihren Beginn im Jahre 1892 und ist perfekt eingebunden in die geschichtlichen Hintergründe der Zeit. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch der Stand der Medizin und der damit verbundenen Untersuchungs- und Heilmethoden am Universitätsklinikums Eppendorf. Der Fortschritt ist unaufhaltsam.

Der Roman ist unterhaltsam und der Schreibstil des Autors angenehm zu lesen. Es ist spannend, mitzuverfolgen wie Vicki alles daran setzt, auf eigenen Beinen zu stehen und ihre Berufung zu finden. Die Probleme, die die Zeit und ein konservatives Elternhaus mit sich bringen, sind gut dargestellt. Es ist interessant zu sehen, wie sie darum kämpft, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen und zu erweitern.

Das Buch konzentriert sich aber nicht nur auf Vicki. Es lässt einen breit gefächerten Blick auch auf die politischen Geschehnisse in der Stadt zu. Viele spannende Charaktere betreten die Bühne. So entsteht ein Gesamtbild, das die Geschichte sehr spannend und lesenswert macht.

Rezension von Heike Rau

Wolf Serno
Große Elbstraße 7
473 Seiten, Klappenbroschur
Rütten & Loening, 2. Auflage, September 19
ISBN-10: 3352009252
ISBN-13: 978-3352009259
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Micaela Jary: Das Kino am Jungfernstieg – Die Kino-Saga 1

Micaela Jary: Das Kino am Jungfernstieg – Die Kino-Saga 1

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Lili Paal arbeitet im Jahre 1946 in Berlin als Cutterin für die neugegründete DEFA. Als sie von ihrer Halbschwester Hilde erfährt, dass es ihrer Mutter Sophie gesundheitlich immer schlechter geht, sucht sie nach einer Möglichkeit, um zu ihr nach Hamburg reisen zu können. Der britische Filmoffizier John Fontaine ist bereit, ihr bei der Beschaffung der nötigen Reiseunterlagen zu helfen. Als Gegenleistung will sie ihm verraten, wo das Material des letzten Films mit Thea von Middendorff versteckt sein könnte. Der damalige Regisseur Leon Caspari ist ebenfalls in Hamburg. Er dreht den ersten Nachkriegsfilm.

Im ersten Buch der neuen Reihe geht es insbesondere um familiäre Belange. Lilis Vater hatte in den 30er Jahren das Lichtspielhaus am Jungfernstieg gegründet, das die Mutter dann leitete und das nun in einem sehr schlechten Zustand ist. Der Vater wurde kurz vor Kriegsende erschossen. Das Wohnhaus war nach einem Bombenangriff nicht mehr bewohnbar, sodass Sophie zu Hilde ziehen musste. Um ihre Gesundheit steht es sehr schlecht. Zuwendung bekommt sie nur von ihrer 16-jährigen Enkeltochter Gesa. Für Hilde ist sie nur eine Last.

Fontaine ist ein charismatischer Mann. Aber Lili ist verheiratet, auch wenn sie ihren Mann, der in Kriegsgefangenschaft ist, kaum kennt. So versucht sie, ihrer Mutter zu helfen und sich auf die Suche nach den Filmrollen zu konzentrieren. Was sie in Erfahrung bringt, gibt Rätsel auf. Ihre Mutter könnte einige Fragen beantworten. Aber sie kann sich nicht äußern.

Schon mit diesem ersten Teil wird man sehr gut unterhalten! Die Autorin hat einen Roman entwickelt, der sich leicht liest und der authentisch und lebendig wirkt. Man wird hineinversetzt in die schwierige Nachkriegszeit. Das zerbombte Hamburg in einem sehr kalten Winter bildet eine bedrückende Kulisse. Aber es gibt Hoffnung. So wird auch daran gearbeitet, die Filmindustrie wieder aufzubauen. Lili setzt alles daran, das Kino, das ihrer Mutter immer noch viel bedeuten muss, zu retten, auch wenn ihr Schwager andere Pläne hat. Sie stellt sich den Schwierigkeiten trotz widriger Umstände. Und nach und nach wird ihre Mutter Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Das ist sehr spannend gemacht! Hinweise und Gerüchte lassen Ahnungen zu. Diese Geheimnisse werden jedoch noch nicht aufgelöst. Überhaupt endet das Buch anders als gedacht. Ich bin gespannt, auf den zweiten Teil!

Micaela Jary hat ihre Kindheit in der Filmstadt Hamburg verbracht. Ihr Vater war der bekannte Filmkomponist Michael Jary. Weitere spannende Hintergrundinformationen können im Nachwort nachgelesen werden.

Rezension von Heike Rau

Micaela Jary
Das Kino am Jungfernstieg – Die Kino-Saga 1
368 Seiten, gebunden
Goldmann Verlag
ISBN-10: 3442488486
ISBN-13: 978-3442488483
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Jürgen Ehlers: In Deinem schönen Leibe

Jürgen Ehlers: In Deinem schönen Leibe

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Der vorliegende Roman ist ein sogenannter historischer Kriminalroman. Die Handlung spielt im Deutschland des Jahres 1936 in der Hansestadt Hamburg. Die kleine Anna Altmann ist zusammen mit ihrem Schulranzen verschwunden. Wird deren Verschwinden zunächst noch mit einem „Die wird schon wieder auftauchen.“ abgetan, so sind die Polizisten bald der Meinung, dass es sich um eine ernsthafte Entführung handeln könnte. Doch schließlich wird auch mangels handfester Spuren eine Verbindung zu anderen vermissten Kindern hergestellt. Einige der zuvor Vermissten waren getötet worden. An diese drastische Option wollen die Polizisten im Falle Annas gar nicht denken.

Ehlers hat einen packenden Krimi rund um einen tatsächlich geschehenen Kriminalfall konstruiert. Die Verlagerung ins Jahr 1938 sowie die Überspitzung und Änderung einiger realer Fakten zugunsten der Dramaturgie sind durchaus legitim und fördern die Spannung beim Lesen.

Dieser Kriminalfall ist allerdings nicht der einzige spannende Strang in diesem Roman. Schließlich spielt der Nationalsozialismus eine wichtige Rolle. Denn die adoptierte Tochter des Polizisten Berger ist zu 3/4 jüdischer Herkunft nach damaliger Definition und wird von der Verfolgung bedroht. Berger selbst ist Mitglied der NSDAP, ein Zugeständnis seinerseits, um weiterarbeiten und somit die Familie schützen zu können. Und auch sein Kollege Richter, Mitglied der SS, sorgt für Überraschungen.

In der Konstellation der Figuren zeigt der Autor, dass nie immer alles schwarz-weiß ist, sondern stets Grautöne existieren. Dennoch stellt sich der Leser ständig die Frage, ob Bergers Tochter vor den Nazis gerettet werden kann oder nicht. Ehlers hat nicht nur die kriminalistischen Fakten penibel recherchiert und fantastisch in eine fiktive Handlung umgewandelt, sondern er hat auch den Geist der damaligen Zeit genau aufgenommen und so wiedergegeben, wie es hätte sein können.

Spannende Unterhaltung mit einer gehörigen Portion Geschichte aus einer Zeit, in der es in Deutschland sehr düster war.

Ehlers, Jürgen
In Deinem schönen Leibe
KBV Verlag, Hillesheim
ISBN 9783942446112

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016
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Micaela Jary: Das Haus am Alsterufer

Micaela Jary: Das Haus am Alsterufer

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Die Geschichte beginnt in Hamburg im Jahre 1911. Die angesehene Familie Dornhain, in dessen Besitz sich eine Reederei befindet, steht im Blickpunkt des Romans. Der verwitwete Victor Dornhain ist das Familienoberhaupt. Er hat drei erwachsene Töchter: Ellinor, Helene und Lavinia. Mit zum Familienhaushalt gehört Victors Mutter Charlotte.

Helene lebt nicht mehr zu Hause, sie ist künstlerich begabt und studiert in München. Ellinor engagiert sich in einer Frauenbewegung. Die jüngste Tochter, Lavinia, genießt die angenehmen Seiten des Lebens und möchte möglichst bald heiraten. Sie schmeißt sich dem Architekten Konrad Michaelis an den Hals, bringt ihn in eine ausweglose Lage und sorgt für einen drohenden Skandal, sodass er nicht anders kann, als Lavinia einen Heiratsantrag zu machen. Dabei ist er unsterblich in Helene verliebt. Das muss nun angesichts der Umstände geheim bleiben, so viel ist auch Helene klar.

Die Geschichte einer weiteren jungen Frau wird im Buch erzählt. Sie kommt als Hausmädchen in den Haushalt der Familie. Ihre Ziehmutter hat das arrangiert. Dass Klara Thießen näher verbunden sein muss mit Dornhains wird schnell klar. Aber bald verschieben sich die Prioritäten in der Familie. Nämlich dann, als der Krieg ausbricht.

Die Familiensaga ist in verschiedene Teile gegliedert. So wird die Geschichte von den unterschiedlichen Standpunkten der Familienmitglieder betrachtet. Die Töchter unterscheiden sich sehr in ihrem Charakter, sodass nicht die gleichen Lebensziele vorhanden sind.

Die Autorin schreibt sehr ausschweifend und bildhaft und versucht dabei Nähe zur Familie Dornheim mit all ihren Facetten herzustellen. Der geschichtliche Hintergrund spielt eine tragende Rolle. So ist die zweite Hälfte des Buches sehr viel spannender als die erste, weil die Familie während der Kriegszeit auf eine harte Probe gestellt wird.

Rezension von Heike Rau

Micaela Jary
Das Haus am Alsterufer
576 Seiten, broschiert
Goldmann Verlag
ISBN-10: 3442480280
ISBN-13: 978-3442480289
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Siegfried Lenz: Fundbüro

Siegfried Lenz: Fundbüro

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Henry Neff, ein junger Mann Anfang Zwanzig und in seiner Art ein Aussteiger aus dem System, hat den Platz in seinem Leben, an dem er sich wohlfühlt. Er arbeitet im Fundbüro am Hauptbahnhof. Zwar hatte auch er sich anfangs gefragt, was das wohl für ein Arbeitsplatz wäre, auf den er sich beworben hatte und den er anstrebte. Aber dann stellt er fest, dass es Spaß macht und befriedigen kann, sich mit all den verlorenen Gegenständen und mit den damit verbundenen Lebensgeschichten ihrer Verlierer zu befassen. Dabei trifft er auf so sympathische Leute, dass er manchmal in seine eigene Tasche greift, um die für die Herausgabe fälligen Gebühren zu zahlen. In Gesprächen mit Kollegen, Verwandten und Bekannten lässt er unmissverständlich anklingen, dass er nicht daran interessiert ist, das Spiel von der Karriereleiter mitzuspielen. Selbst sein Chef geht anfangs davon aus, dass Henry nur ein durchlaufender Mitarbeiter wäre. Henry jedoch beweist das Gegenteil.
Doch eine heile Welt, wie Henry sie sich wünscht, sind auch der Arbeitsplatz im Fundbüro und der Kiez, in dem er lebt, nicht. Irgendwann muss er erkennen, dass er sich nicht immer nur heraushalten und von den netten Geschichten im Fundbüro leben kann.

Eine ruhige und einfühlsame Geschichte, wie von Siegfried Lenz nicht anders zu erwarten. Ein filigranes Wortspiel, wenn vom interessanten Leben der „Verlierer“ gesprochen wird, mit einer Doppeldeutigkeit, wie sie selten zu finden ist und die dadurch eine Art von Humor an den Leser vermittelt, auf die er sich zurückgelehnt einlassen kann. Das Fundbüro als Mikrokosmos der heilen Welt, die doch so leicht von außen bedroht werden kann. Beim Dahingleiten im Text mit seinem beruhigenden Schreibstil hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte wie Öl die Speiseröhre hinunter läuft. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Menschen im Buch soviel Gemeinsames mit den Menschen in meinem Bekanntenkreis haben, dass es nicht um Helden und Antihelden geht, sondern um „Normalos“ in der heutigen Gesellschaft.

Ein schnell zu lesendes Buch mit einem ironischen Blick auf die heutige Gesellschaft, welches für jede Stimmungslage empfohlen werden kann.
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Siegfried Lenz
Fundbüro
335 Seiten, gebunden
Hoffmann und Campe
ISBN-10: 3455042805
ISBN-13: 978-3-455-04280-1
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2010

Irgendwo in Hamburg

Irgendwo in Hamburg

Nach zehn Jahren sehen sie sich zufällig wieder. Jakob Vogelwart der Schriftsteller und Thorsten Riebach, der scheinbar kein Unternehmensberater mehr ist. Sie wollen in Kontakt bleiben, mal telefonieren, weil das besser ist als ein direkter Besuch. Und dann klingelt tatsächlich das Telefon bei Jakob. Der Anruf von Thorsten klingt wie ein Hilferuf. Klar, dass Jakob sich sofort in Bewegung setzt. Na ja, nicht sofort, sondern erst, nachdem er seinen in der Wand feststeckenden Finger befreit hat.
Aus dem Haus kommt ein seltsames Mädchen, das ihn fesselt. Jakob verschiebt seinen Besuch ein wenig und folgt erst mal dem Mädchen, hilft ihr Zahncreme zu kaufen. Dann wird er niedergeschlagen oder auch nicht, vielleicht ist es ein epileptischer Anfall. Die kommen immer ganz plötzlich. Oder Jakob ist einfach ausgerutscht. Auch das kann ganz plötzlich kommen. Eigentlich ist gar nichts passiert.
Den Besuch bei Thorsten lässt Jakob erst mal sein. Er ruft lieber an. Doch das seltsame Gespräch ist für ihn ein erneuter Hilferuf. Und schon steht Jakob wieder vorm Haus. Doch Thorsten ist nicht da. Angeblich ist er ausgezogen. Jakob wird die Wohnung angeboten. Sie wird möbliert vermietet, komplett mit Wintermantel und Gurke im Kühlschrank. Die Miete darf der neue Mieter selbst bestimmen.
Jakob zieht ein. Er will wissen, was in diesem seltsamen Haus nicht stimmt. Er will auch mehr über das seltsame Mädchen erfahren und natürlich muss er herauskriegen wohin Thorsten verschwunden ist.

Was hier abläuft ist ein riesiges Verwirrspiel, das die Hausbewohner ausgeheckt haben. Man kommt aus dem Staunen gar nicht heraus. Die Ideen die der Autor verarbeitet hat, sind oft völlig aus der Luft gegriffen und überhaupt nicht nachvollziehbar. Es ist auch kein Krimi im herkömmlichen Sinne. Zwar sind wohl Morde im Haus passiert und die Hausbewohner haben so einiges zu verbergen. Aber Jakob und somit auch der Leser kommen einfach nicht dahinter, was hier gespielt wird. Die Hausbewohner reden immer um den heißen Brei herum, sind talentierte Schauspieler. Man weiß nicht was man glauben soll, was Wahrheit ist, was Spiel. Damit kein Missverständnis aufkommt. Es hat Spaß gemacht, das Buch zu lesen. Es ist komisch, satirisch, ironisch und makaber. Immer wenn man denkt, schlimmer kann es nicht mehr kommen, setzt der Autor noch eins drauf. Seine Phantasie schäumt über.
Eigentlich erwartet man, dass das Buch mit einem großen Knall endet, aber so ist es nicht. Hier hat sich wohl die Phantasie des Autors endlich erschöpft. Der Leser kann aufatmen.

Rezension von Heike Rau

Gunter Gerlach
Irgendwo in Hamburg
Krimi
265 Seiten, Taschenbuch
Rotbuch / Sabine Groenewold Verlage, Hamburg
ISBN: 3-434-54049-0
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