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Schlagwort: Alltag

Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben

Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben

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Eine Geschichte aus Norwegen:

Hoch oben in den norwegischen Bergen gibt es ein Hotel, das einst florierte. Um es kurz zu machen: zu Beginn der Geschichte floriert das Hotel noch. Doch dann weitet sich der Tourismus in wärmere und südlichere Gefilde aus, so dass dem angestammten Holte finanzielle Ausfälle drohen.
Vor diesem Hintergrund spielt die Geschichte von Sedd, dem Enkel des Hotelbesitzerpaars Zacchariassen.

Über lange Seiten hinweg wird uns das Leben dieses 13jährigen Jungen erzählt. Er ist ein lieber und wohlerzogener Junge. Es bleibt lange unklar, wer seine Eltern sind.

Jim, der Küchengehilfe und Hausfaktotum in einem ist, zeigt sich als treuer Freund des kleinen Jungen, da er ihm Bruder, Vater und Mutter ersetzt, wenn die Großeltern häufig mit ihren eigenen Sorgen und Nöten beschäftigt sind.
Man bekommt lebhaft vor Augen geführt, wie das Leben im Hotel zwischen diesen vier Personen seinen Lauf nimmt.

Sedd ist ein kleiner Rettungssanitäter, der vergeblich bei einem Abendessen im Hotel den zusammengebrochenen Bankdirektor Berge wiederzubeleben versucht. Dieser verstirbt, und als Folge wird ein neuer Bankdirektor in das kleine Städtchen berufen. Damit zieht auch das Unglück ins Hotel ein, weil der Ruf von Herrn Zacchariassen dem Neuen nicht bekannt, und Kreditvergabe daher schwieriger geworden ist.

Allerlei Erlebnisse und zahlreiche Gespräche und Alltagsgeschichten nehmen breiten Raum ein. Da geht es um den freundlichen Umgang miteinander, um Zuwendung, und erste Lebenserfahrungen des kleinen Jungen. Meeresfrüchte zu den Mahlzeiten geben Hinweise auf den seltsamen Titel des Romans. Zuweilen ist man als LeserIn irritiert, weil man nicht so recht weiß, worauf es mit diesen Erlebnissen und mit alle den Alltagssorgen und Nöten, auch freundlichen Begebenheiten, hinauslaufen soll. Dass es eine herzliche Gemeinschaft zwischen den vier Hauptprotagonisten gibt, kann sehr fein aus den Schilderungen herausgehört werden. Hier kommt die sprachliche Eleganz des Autors Hansen zum Ausdruck. Man liest den sprachlich schönen ersten Teil mit Neugierde, denn er ist kurzweilig.

Erst im allerletzten Teil aber wird die Geschichte richtig aufregend und spannend.Steuern alle Beteiligten doch auf ein Ende zu, das skurril und aberwitzig ist. Nun versteht man, dass die lange Vorbereitungszeit mit den Landschafts-und Stimmungsbildern wichtig war, um den Eklat zum Ende hin zu verstehen.

Ein schönes, ruhiges Leseerlebnis für Mußestunden liegt mit diesem Roman vor.

Norwegen wird dieses Jahr Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. Erik Fosnes Hansen wird als Vertreter dieses Landes mit seinen Romanen breite Aufmerksamkeit finden.

Erik Fosnes Hansen
Ein Hummerleben
384 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, August 2019
ISBN-10: 3462050079
ISBN-13: 978-3462050073
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Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter

Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter

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Die Erzählung führt uns in die Mitte der sechziger Jahre an den Rand einer kleinen Stadt bei Köln: hier lebt das Ehepaar Ahrens in einem neu gebauten Einfamilienhaus mit Doppelgarage und Waschbetonterrasse. Tobi, der Sohn und Icherzähler, ist 11 Jahre alt. Schon bald ziehen neue Nachbarn ein. Sie stellen sich vor als Ehepaar Leinhard mit Tochter Rosa, die mit ihren 12 Jahren schon mitten in der Pubertät steckt.

Die sechziger Jahre werden mit diesen beiden Familien, ihrem Leben, ihren Gedanken und ihren Lebensformen vom Autor kolossal gut charakterisiert. Geht es doch darum, über Verklemmung und Fortschritt zu berichten.

Die Eheleute Leinhard verkörpern die intellektuelle Elite ihrer Zeit mit Adorno, Bloch und der Frankfurter Schule. Professor Leinhard lehrt Philosophie und ist Vertreter einer glühenden Weltbesserung. In den abendlichen Unterhaltungen wird viel vom Geist der damaligen Zeit spürbar. Ein wenig Salonkommunismus spielt in die Gespräche hinein.

Das Ehepaar Ahrens lebt in wirtschaftlich guten Verhältnissen, ist aber sexuell verklemmt, was auch dem Sohn aus nächtlich belauschten Gesprächen seiner Eltern ein wenig spürbar wird. Er kennt sich aber mit der Sexualität noch nicht so aus, denn seine Interessen liegen eindeutig bei der Erforschung des Weltraums.

Herr Ahrens ist ein liebevoller und partnerschaftlicher Vater für seinen Sohn und hält dennoch die Generationenschranke ein, “weil Kindheit schön ist“.

Als seine Frau der neuen Nachbarin nacheifert und Englisch lernen will, um wie diese Kriminalromane aus dem Englischen übersetzen zu können, ist er vollends ratlos! Was sollen die Freunde und Kollegen denken, da er doch gut verdient, und sie ihr Auskommen haben? Bürgerliche Wohlanständigkeit und eben solche Regeln vereinbaren sich schlecht mit der allgemeinen Aufbruchsstimmung hinzu mehr Freizügigkeit in allen Bereichen.

Mit dem Zusammenspiel der beiden Paare wird eine leicht erotisierende Stimmung erzeugt, die auch die beiden Kinder zusammenführt.

Woelk lässt die Zeit der sechziger Jahre neu erstehen. War es doch der Beginn gesellschaftlicher Umwälzungen in Form von Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, Befreiung der Frauen aus sexueller und wirtschaftlicher Abhängigkeit und ganz allgemein in weiten Kreisen auch Befreiung aus bürgerlichen Zwängen. Kindern wurde Freizügigkeit gewährt, und die Formen pädagogischer Allmacht lösten sich auf. Jeder wollte auf seine Weise an der allgemeinen Aufbruchsstimmung teilhaben.

Aus der Perspektive des 11 jährigen erscheinen die Beobachtungen teilweise naiv und sind von Ahnung, Unwissenheit, Hoffnung und Neugierde gekennzeichnet. Die Sätze sind knapp und kurz und zuweilen in ihrer Naivität auch drollig.

Dass die Geschichte einen unerwarteten und tragischen Ausgang nimmt, lässt sich zu Beginn nicht ahnen. Alles in Allem ist es Ulrich Woelk gelungen, ein Zeitkolorit mit adäquaten Stimmungsbildern zu erfassen. Das Büchlein ist konzentriert und inhaltsreich und sehr empfehlenswert!

Ulrich Woelk
Der Sommer meiner Mutter
189 Seiten, gebunden
C.H.Beck, Januar 2019)
ISBN-10: 3406734499
ISBN-13: 978-3406734496
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Bernard MacLaverty: Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty: Schnee in Amsterdam

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Ein schon älteres Ehepaar macht sich von Glasgow aus auf eine Reise nach Amsterdam.

Stella ist gläubige und praktizierende Katholikin und war Lehrerin. Gerry ist Architekt mit einer Professur an der Universität in Glasgow. Er steht Religion und Kirche eher distanziert gegenüber. Sie hat ihm die Reise zu Weihnachten geschenkt.

Minutiös wird die Reise in ihrer Planung und zu Beginn des Aufenthalts beschrieben. Jedes kleine Detail in den Hotels, in den Straßen, Plätzen, Pubs und mit den Menschen in ihrem Umfeld findet Erwähnung. Die beiden sind wirklich lange verheiratet, denn man spürt die langjährige Vertrautheit und unterschwellige Öde, die das Leben der beiden bestimmt.

Was als Abwechslung aus dem etwas abgestandenem Ehealltag gedacht war, entpuppt sich als Bilanz der Vergangenheit und schmerzhafte Erkenntnis über ein zunehmend unbefriedigendes Leben. Besonders Stella, Gerrys Ehefrau, sucht einen neuen Sinn im Leben, nachdem der einzige Sohn mit seiner Familie in Kanada lebt.

Durch Stellas Reflexionen erfährt der Leser, wie belastend sie ihre momentane Lebenssituation empfindet. Im Alter neue Perspektiven zu suchen und zu entwickeln, ist kein leichtes Unterfangen.

Auf ihren Wegen und Erlebnissen in Amsterdam entspinnt sich in kleinen Einschüben ihr früheres Leben, das einen normalen und genügsamen Alltag bildete. Ein Ereignis zu Beginn ihrer Ehe spielte allerdings eine gravierende Rolle für das weitere Leben der beiden. Es hat mit den kriegerischen Auseinandersetzungen in Irland zu tun.

Mit fein gesponnenen Erinnerungen besinnen sie sich an Ereignisse ihrer Vergangenheit.

Bernard MacLaverty hat eine sensible und feine Ehestudie entwickelt. Seine Diktion zeugt von hoher Bildung und Feingefühl für die Tücken und Stolpersteine des Lebens.

Gerry wird mehr und mehr zum Trinker, der mit allerlei Tricks seinem Alkoholkonsum frönt und ihn gleichzeitig zu verstecken trachtet. Diese und ähnliche Malaisen führen zu Überdruss und Abneigung bei Stella. Blendend und faszinierend berichtet der Autor, wie gut die Ehe zu sein scheint. Zuletzt sieht es eher nach einem Ende der Geneinsamkeit aus! Das vermeintliche Liebesgeflüster und die Eintracht zwischen beiden wird unterminiert von Stellas stiller Abkehr von ihrem Mann.

MacLaverty holt nicht weit aus, sondern setzt die Erinnerungseinschübe und Gegenwartserlebnisse einem Mosaik gleich aneinander. Auf diese Weise entsteht eine tiefe und profunde Studie einer Ehe, die sich im Niedergang befindet.

Sprachlich vollkommen und zuweilen der biblischen Sprache gleich, geht er den Weg des Paares auf ihrer Reise nach, die synonym für ihr ganzes Leben steht.

„Gerry nickte und sagte: Und sie kehrten unter einem anderen Himmel heim als dem, der Zeuge ihres Aufbruchs war.“(S.282) Das Ende der Geschichte ist weise, klug und einsichtig.

Ein überzeugender und sehr anrührender Roman ist dem anerkannten Autor Bernard MacLaverty gelungen. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und lebt mit seiner Familie in Glasgow.

Bernard Laverty
Schnee in Amsterdam
288 Seiten, gebunden
C.H.Beck, August 2018
ISBN-10: 340672700X
ISBN-13: 978-3406727009
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Jonathan Evison: Eine fast perfekte Ehefrau

Jonathan Evison: Eine fast perfekte Ehefrau

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Harriet ist 78, als sie sich auf eine Kreuzfahrt nach Alaska begibt. Ihr Ehemann Bernhard ist tot, und ihre Freundin Mildred hat leider abgesagt. So begibt sie sich mit Hilfe ihrer Tochter auf das riesige Schiff, das ihr zunächst Angst macht.

Ein unbekannter Erzähler beginnt, sie mit einzelnen Stationen ihres Lebens zu konfrontieren.

Eigentlich war es ein gutes Leben. Leider kommen nach und nach Details ans Licht, die lebenslange Lügen überdeckt hatten.

Der gute Ehemann Bernhard entpuppt sich in der Rückschau als ganz untreuer Gefährte, der sie Jahre lang mit ihrer besten Freundin betrogen hat. Er gab vor, berufliche Dinge zu erledigen und nahm sich kaum Zeit zur Pflege ihrer ehelichen Beziehung. Die Kinder, ein Sohn und eine Tochter, hat sie praktisch alleine großgezogen. Zum besseren Verständnis ihrer Lage muss man wissen, dass ihr Vater ein erfolgreicher Anwalt war, während Bernhard nur so eine Art aufgestiegener Hausmeister ist.

In zahlreichen kleinen Episoden wird Harriets ganzes Leben transparent. Der Erzähler, den man auch als eine Art innerer Instanz betrachten kann, konfrontiert sie mit Tatsachen, die sie lange verdrängt hatte. Ob es ihr eigener Kindergeburtstag mit sechs Jahren war oder der ihrer Tochter, ob Bernhard Hochzeitstage ausfallen ließ und sich unter vorgeblicher Arbeit anderweitig verlustierte, ob Sex oder Gespräch, und dass sie ihr eigenes erstrebtes Jurastudium nie vollbrachte: es war alles in Allem ziemlich dürftig, was am Ende übrig blieb!

In einer wunderbaren Szene wird an die Belastung mit dem an Alzheimer erkrankten Bernhard erinnert: Schreckliches hat sie mit ihm da erlebt! Unverhohlen beschreibt die innere Instanz ihren Hass auf diesen Mann, der nicht mehr ihr Bernhard ist, ganz abgesehen davon, dass seine geheime Liebe sich mit derlei Nöten nicht herumschlagen muss.

Mit diesem subtilen Roman, in dem eine Lebensbilanz erstellt wird, ist Jonathan Evison eine hervorragende Sozialstudie gelungen. Er kann unterhaltend und ironisch, auftrumpfend und bissig von einer alten Dame erzählen, die die letzten Jahre alleine zubringen muss. Die Fülle des Lebens findet Raum in den zahlreichen Szenen aus unterschiedlichen Lebensabschnitten.

Der Kunsttrick besteht darin, einen Erzähler als Gegenüber zu wählen, der Harriet mit all’ den Ungereimtheiten in ihrem eigenen und dem Leben ihres Mannes und ihrer Kinder konfrontiert. In jedem Leben mag es Vergangenes und Verdrängtes geben, das tief verborgen in uns allen schlummert und zuletzt ans Licht drängt. Hier findet diese Form der Unterhaltung ihre Krönung, indem der Spannungsbogen weit über die Jahre von der Kindheit bis zur Bahre ausgebreitet wird. Jeder Lebensabschnitt hat seine Glücksmomente und seine in den Tiefen der Seele versteckten traurigen und unglücklichen Momente. Die Offenheit und die Wahrheit machen ein Leben erst komplett.

Jonathan Evison wurde für seinen ersten Roman „ Alles über Lulu“ ausgezeichnet und lebt mit seiner Familie in Bainbridge Island im Bundesstaat Washington.

Jonathan Evison
Eine fast perfekte Ehefrau
288 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, März 2017
ISBN-10: 3462048252
ISBN-13: 978-3462048254
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Navid Kermani: Sozusagen Paris

Navid Kermani: Sozusagen Paris

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Die große Liebe: ist sie ein Wunder oder alltägliche Erwartung mit ungewissem Ausgang?

In dem neuen Roman von Navid Kermani arrangiert er die Wiederbegegnung eines Paares dreißig Jahre nach deren großer Schülerliebe.

Anläßlich der Lesung seines neuen Liebesromans wird der Icherzähler von einer Dame angesprochen. Irritiert und erstaunt registriert er, dass es sich um Jutta, seine große Liebe aus Schülerzeiten, handelt. Diesen Namen hat er ihr als Pseudonym in seinem neuen Roman gegeben, denn den richtigen zu nennen wagte er nicht. Er hat hier die Geschichte seiner Jugendliebe aufgeschrieben.

Erst zaghaft, dann vertrauter nähert er sich ihrem Schicksal und ihrer inzwischen dreißigjährigen Ehe.

Es handelt sich um eine lange Geschichte über die Liebe, in der auch auf Eindrücke bei Proust, Guy de Maupassent oder Madam Bovary und weitere zurückgegriffen wird.

Zunächst schüchtern, immer aber beobachtend, erlebt der Icherzähler seine frühere Geliebte: sie ist älter geworden, gewiss, aber sie hat den Reiz der Reife und eines eigenen Lebens, das nach abenteuerlichem Beginn in den Fängen guter Bürgerlichkeit endete. Sie ist Ärztin, hat sich aber der Politik zugewandt und ist gar Bürgermeisterin in einem kleinen Kaff geworden. Ihr anfangs ebenso abenteuerlicher Ehemann hat sich im Alltag einer hausärztlichen Allgemeinpraxis eingerichtet. Vergangen sind die Träume von Hilfen für die dritte Welt und einer allgemeinen Weltverbesserungsvorstellung.

Was macht diesen Roman so eindrucksvoll?

Es ist sind die vielfältigen Gedanken und die Abwägung eines Für oder Wider, mit denen Navid Kermani die Welt und die Liebe zu verstehen trachtet. Das ist die große Stärke des Autors: er beleuchtet Menschen, Ereignisse, gesellschaftliche Phänomene und religiöse Widersprüche immer aus einer Innen-und Außensicht.

So kann er wertfreier zu Eindrücken kommen als es herkömmlich der Fall ist. Auch die Liebe lebt von ihren inneren Widersprüchen, und sie dauert niemals ewig, so wenig wie das Leben, das Werden und Vergehen.

Das Buch beinhaltet gedankenschere Eindrücke davon, wie die Liebe sich im Laufe eines langen Lebens zu zweit verändert, und wie man die eheliche Beziehung über so lange Zeit lebendig erhalten könnte.

Insofern handelt es sich bei Navid Kermanis Roman neben dem alltäglichen Liebesgeplänkel um gewissermaßen philosophische Abhandlungen. Seine Sprache ist differenziert und prägnant. Man möchte bei jedem Satz verharren, um den tieferen Gehalt seiner Aussagen zu behalten. Anhand eines Songs von Neil Young geht ihm auf, in wie wenigen Worten man das Drama einer Ehe beschreiben kann. Und wieder weiß der Leser nicht so genau, ob es das Fazit von Juttas Ehe ist, das er hier heraufbeschwören will, oder ob er mit dem Lied eher zu allgemeingültigen Einschätzungen kommen will.

Ein endlos fortbestehendes Glück scheint es für Kermani und seine Romanfiguren nicht zu geben. Die nachdenklich stimmende Abhandlung mit philosophischen Einsichten macht das Buch zur anspruchsvoller Lektüre.

Navid Kermani

Sozusagen Paris
288 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, September 2016
ISBN-10: 3446252762
ISBN-13: 978-3446252769
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Ulla Lachauer: Der Garten meines Lebens – Die Geschichte der Sesterhof-Bäuerin

Ulla Lachauer: Der Garten meines Lebens – Die Geschichte der Sesterhof-Bäuerin

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Ulla Lachauer, Dokumentarfilmerin und Journalistin, erzählt in ihrem von Bigi Möhrle reich bebilderten Buch von Agnes Sester. Die 87-jährige lebt auf einem Bauerhof im Kinzigtal zu Füßen des Schwarzwaldes. Die Liebe der alten Bäuerin gehört neben ihrer Familie dem Garten. Auch darauf liegt ein Schwerpunkt, den die Autorin setzt, denn diese Biografie soll auch ein Gartenbuch sein.

Erinnerungen werden wach. Agnes Sester erzählt. Von ihrer Kindheit, dem Zweiten Weltkrieg und der Zeit danach, dem Traum vom eigenen Bauernhof, der Heirat, der Geburt der Kinder und den frühen Tod ihres Mannes. Den Lebensunterhalt sichert der Bauernhof, der sich wandelt im Laufe der Jahrzehnte.
Agnes Sester ist offen für Neues, das auch Einzug hält auf dem Hof. Man muss mitgehen mit der Zeit. Und so kommen Urlaubsgäste auf den Hof, die angetan sind von der Ruhe, den Tieren und dem Garten. Hier wachsen nicht nur Gemüse, obwohl das einst so war, sondern bald auch Beerenobst und Blumen. Agnes Sester mag Blumen. Bunt soll alles sein. Die stimmungsvollen Gartenbilder sind schön anzusehen.

Als Leser kann man mit verfolgen, wie die Familie größer wird und wie der Hof sich entwickelt. Viele Fotos illustrieren den Text. Die Schar der Enkelkinder wächst. Eine der Töchter übernimmt mit ihrem Mann den Sesterhof. So manche Traditionen wir fortgeführt. Zur Kirschenzeit gibt es Kriese-Plotzer, im Sommer zu Mariä Himmelfahrt werden Kräuterbüschel gebunden, nach Weihnachten wird der Schnaps gebrannt.

Die Lebensgeschichte von Agnes Sester ist auf eine sehr berührende Art und Weise geschrieben. Es gibt so viele emotionale Momente. Hell und Dunkel sind nah beieinander, wie Agnes Sester sagt. So mache Erinnerung weckt Wehmut. Die Hoffnung bleibt. Nächstes Jahr, auch wenn Agnes Sester auf ihre alten Tage nicht mehr so viel tun will wie im letzten Jahr, wird sie vielleicht wieder einen Kriese-Plotzer backen.

Rezension von Heike Rau

Ulla Lachauer
Der Garten meines Lebens – Die Geschichte der Sesterhof-Bäuerin
Mit Fotografien von Bigi Möhrle
158 Seiten, gebunden
Verlag Eugen Ulmer
ISBN-10: 3800182599
ISBN-13: 978-3800182596
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Ulli Stein: Erwin und Martha

Ulli Stein: Erwin und Martha

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Wer in einer langjährigen Ehe lebt, weiß Bescheid. Immer wieder ergeben sich Situationen im Alltag, die einfach nur urkomisch sind. Vielleicht nicht für die Betreffenden, aber doch für Außenstehende.
Ulli Stein hat diese Szenen zu Cartoons verarbeitet. Sein Traumpaar Erwin und Martha steht also stellvertretend für typische Eheszenen, die wohl fast jeder aus dem eigenen Erleben heraus kennt.
Missverständnisse, Fragwürdiges, Lustiges, Streitbares, Absonderliches, leicht Makaberes und Wundersames hat Ulli Stein in seine Cartoons gepackt.
Mal muss man beim Betrachten der Bilder herzhaft lachen, mal amüsiert lächeln und ein andermal sich mit einem Kopfschütteln wundern. Erwin und Martha bekommen, so wie sie vorgeführt werden, immer ihr Fett weg. Gute Unterhaltung ist für den Betrachter der Cartoons also garantiert.
Der Schwerpunkt, das ist klar, liegt auf den Bildern, die ihren ganz eigenen Charme haben. Mimik und Gestik der Figuren, ihr Erscheinungsbild und ihr Auftreten sprechen für sich. Kleine Sprechblasen oder kurze Untertitel reichen aus, um eine Bildaussage zu erstellen. Immer spielt hier ein gewisses Maß an Ironie und Zweideutigkeit mit. Aber auch gesellschaftlich Relevantes wird immer mal wieder mit eingebaut.
Die Cartoons sind abwechslungsreich und ausgesprochen bunt gehalten. Auf den knapp 200 Seiten ist viel untergebracht. Der Ehealltag wird also umfassend und sehr anschaulich karikiert. Und das in einem doch recht großzügigem Format. Ein bis zwei Cartoons füllen jeweils eine im zarten Pastellton farbig hinterlegte Buchseite. Es geht auch nicht nur um Erwin um Martha, sondern auch um ihre Kinder und weitere Personen aus dem Umfeld.
Das Buch eignet sich nicht nur zum Selberlesen und Anschauen für alle Altersklassen, es ist auch ein schönes Geschenk, insbesondere für Verlobte und Ehepaare.

Rezension von Heike Rau

Ulli Stein
Erwin und Martha
192 Seiten, gebunden
Lappan Verlag
ISBN-10: 383033267X
ISBN-13: 978-3830332671
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Julian Barnes: Unbefugtes Betreten

Julian Barnes: Unbefugtes Betreten

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Wahre Geschichten aus dem richtigen Leben…

Zahlreiche Episoden bilden den Plot zu diesen Erzählungen, die in sich abgeschlossene kleine Lebensgeschichten enthalten.

Da ist Vernon, der Immobilienmakler, dessen Leben durch Scheidung und Arbeit und gelegentliche Treffen mit seinen beiden Kindern gekennzeichnet ist. Mehr zufällig verliebt er sich in eine Kellnerin,–oder ist es nur ein Verlegenheitstreffen, weil er keine anderen Menschen kennt? Die Frau seiner Wahl hat eigene Geheimnisse, die er erst im Nachhinein ergründen kann.

Und dann kommen Phil und Joanna: sie haben eine nette Gesellschaft und man kommt von einem Thema zum anderen. Die Gespräche kreisen um Politik, Obama, die Clintons, Reagans und noch anderes mehr. Doch dann dreht sich alles ums Rauchen und seine Auswirkungen und um die Lügen der Entwöhnung und die Beharrlichkeit einiger, das Rauchen doch nicht aufzugeben.

Eine gesellige Plauderrunde vermag einen ganzen Kosmos an Themen zu mobilisieren. Hier erfahren wir sehr reale Alltagsgeschichten, wie sie jedem von uns begegnen könnten.

Die beiden Freundinnen Jane und Alice tauschen sich über Gott und die Welt und die eigenen Liebeserlebnisse aus.

Julian Barnes findet Worte, mit denen er realitätsnah seine Figuren agieren lässt. Seine Episoden machen jede Geschichte zu einer Einmaligkeit, so wie das Leben eines jeden Menschen in der Einmaligkeit besteht. Jeder von uns könnte die Personen kennen und über die Vergeblichkeit der Kümmernisse und Freuden nachsinnen…

Die Erzählungen des Autors zeigen einmal mehr, dass er ein Meister des Wortes ist, der zudem Tatsachen und Empfindungen punktgenau zu verbinden weiß. Seine Sprache alleine ist schon ein Genuss, und man mag keines seiner Worte missen.

Ich bin kein Liebhaber von Kurzgeschichten. Doch hier mache ich die große Ausnahme wie auch bei Alice Munro oder Raymond Carver.

Die wahrhaft großen Erzähler können noch aus den einfachsten Begebenheit Geschichten erfinden, die uns fesseln und bezaubern.

Unbefugtes Betreten? Das ist das Geheimnis dieser Geschichten: man scheint ein Lauscher beim Zuhören von persönlichen Gesprächen zu sein. Doch gönnt uns Julian Barnes die Beteiligung am Privaten!

Julian Barnes
Unbefugtes Betreten
304 Seiten, gebunden
Kiepenheuer& Witsch, 4.auflage, August 2012
ISBN-10: 346204480X
ISBN-13: 978-3462044805

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Klaus Nonnenmann: Die sieben Briefe des Doktor Wambach

Klaus Nonnenmann: Die sieben Briefe des Doktor Wambach

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Doktor Hubert Wambach genießt seinen Ruhestand. Das Leben des ehemaligen Obervertrauensarztes ist von den immer gleichen alltäglichen Verrichtungen geprägt. Jeden Tag spaziert Dr. Wambach zum Grab seiner Frau, bis er eines Tages auf seinem Weg die kleine Louise trifft. Die Fünfjährige ist verzweifelt. Ihre Puppe Rapunzel ist verschwunden. Dr. Wambach ist betroffen und auch ein bisschen hilflos. Die kleine Louise tut ihm leid. Er fragt sich, wie er das Mädchen trösten kann. So schreibt er einen Brief auf einen Werberezeptblock. Es soll so aussehen, als schreibe Rapunzel an ihre Puppenmutti Louise. Mit dem Schreibstil ist er allerdings nicht zufrieden. Für ein Kind ist das nichts.
Dr. Wambach scheint sich ohnehin tüchtig verzettelt zu haben. Als er mit Louise im Hotelcafé Rheinterrasse sitzt, macht die zufällig vorbeikommende Mutter Louises eine gewaltige Szene. Wie kommt ihre Louise dazu hier mit einem fremden alten Mann auf der Terrasse zu sitzen und Kakao mit Sahne zu löffeln?

Das Leben des Doktor Wambach geht zu Ende. Der Tag ist bestimmt von Eintönigkeit. Wie immer. Aber das Alter fordert nun mal seinen Tribut. Wambach ist dennoch zufrieden. Mehr braucht er nicht. Er genießt die Ruhe und das gute Essen von Frau Gutöhrlein, die ihm momentan den Haushalt führt. Der Autor betrachte die Gewohnheiten des alten Mannes mit Traurigkeit, die geschickt, aber doch nicht vollständig, hinter Ironie verborgen wird.
Die kleine Louise bringt wieder Leben ins Haus. Der alte Mann und das kleine Mädchen werden schnell Freunde. Sie kommen nicht drauf, dass ihre Freundschaft auf andere, auch auf die Eltern von Louise, befremdlich wirken könnte. Wie kann ein alter Mann nur so naiv sein? Man kommt ihm dennoch mit Wohlwollen entgegen oder man übernimmt die Sympathie, die der Autor dem Doktor entgegenbringt. So verzeiht man auch die Briefe, die alles andere als kindgerecht sind. Aber Louise mit ihren fünf Jahren, blendet ohnehin alles aus, das sie sich nicht erklären kann. Die Briefe sind viel wertvoller für Dr. Wambach selbst, der mit ihnen noch einmal Erinnerungen an sein gelebtes Leben wachruft. Die Zeit läuft schließlich für ihn ab und das mit jedem Tag und jedem Kapitel im Buch. Vielleicht ahnt er es.
Man liest das kleine Büchlein mit Vergnügen, auch wenn es wehmütig macht. Die Neuauflage ist in Leinen gebunden. Die Erstausgabe erschien im Jahre 1959.

Rezension von Heike Rau

Klaus Nonnenmann
Die sieben Briefe des Doktor Wambach
155 Seiten, gebunden
Unionsverlag
ISBN-10: 3293004504
ISBN-13: 978-3293004504
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Hans Zippert: Die 55 beliebtesten Krankheiten der Deutschen – Im Selbstversuch getestet

Hans Zippert: Die 55 beliebtesten Krankheiten der Deutschen – Im Selbstversuch getestet

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Das Buch ist Mogelpackung und der Titel ein Lockvogel. Man kann es nicht anders sagen. Der Autor hat sich nicht extra für dieses Buch Blasenentzündungen, Parasitenbefall, Hämorrhoiden, Sehschwäche, Flugangst, Wechseljahresbeschwerden oder Altersstarrsinn zugelegt, auch wenn diese Krankheiten im Inhaltsverzeichnis stehen und als Überschriften für die Texte herhalten müssen. Es ist ohnehin Unsinn zu glauben, man könne sich eine Krankheit einfach zu zulegen, die kommen von ganz allein, auch wenn natürlich Fördermöglichkeiten bestehen.

Hans Zippert versucht uns mit seinem Buch seine alten satirischen Texte, bereits veröffentlicht auf den Blogseiten der Zeitschrift „Cicero“, unterzujubeln. Diese jetzt noch mal in einem Buch versammeln zu müssen, schreibt er seiner Krankheit „Verlustangst“ zu. Da ihm klar war, dass diese Kolumnen auch in Buchform kaum einer lesen würde, hat er diesen reißerischen Titel für seine Texte missbraucht, um wenigstens einen Verlag zu überzeugen. Es ist eine Wiederholungstat, denn das Buch erschien schon einmal (Edition Tiamat, 2008). Wobei die vorliegende Auflage auch einige neue Texte enthalten soll.

Tja, und so muss man sich mit den mal mehr, mal weniger lustigen Texten auseinandersetzen. Wobei es auch reicht, sie einfach nur zu lesen. Es geht um dies und das aus dem Alltag eines beruflich schreibenden Familienvaters, der Sorge hat, zu sterben, bevor die Steuererklärung gemacht ist, an Verschwörungstheorien arbeitet, es mit seiner Tierliebe übertreibt, der Morgengymnastik mag, unter eingebildeten Krankheiten leidet und eben einfach zu viel denkt und das alles auch noch aufschreiben muss.

Diese kurzen satirischen Texte helfen schon ein wenig über die gekonnt gemachte Täuschung hinweg. Trotzdem, wenn man was anderes bekommt, als erwartet, und auch noch dafür bezahlt hat, ist das immer eine Enttäuschung. Es wird Leser geben, die das genauso sehen.

Rezension von Heike Rau

Hans Zippert
Die 55 beliebtesten Krankheiten der Deutschen – Im Selbstversuch getestet
192 Seiten, broschiert
Heyne Verlag, München
ISBN-10: 3453590252
ISBN-13: 978-3453590250
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