Rezensionen, Buchbesprechungen und mehr… auf Leselupe.de!
  • Rezensionen abonnieren!

    Ihre Email-Adresse:

    Eine Abmeldung vom Newsletter ist natürlich jederzeit möglich!

  • Schlagworte

  • Kategorien

  • Rezensionen-Links

  • « | Home | »

    Lichte Augenblicke. Die besten Erzählungen von Theodore Sturgeon 1

    Von lapismont | 15.Juni 2005

    Ein Autor, der als unbekannt und dennoch als der große Meister der Kurzgeschichte gilt, erweckt zunächst Erstaunen.
    So berühmte SF-Gurus wie Samuel R. Delany, Asimov oder Clarke verehren ihn als den Unerreichbaren, ja als den größten SF-Autoren aller Zeiten.

    Dennoch ist er in Deutschland quasi unbekannt, warum?

    Sicher sind Kurzgeschichten, Kurzromane und ähnliches in Deutschland eher wenig nachgefragt und darum auch nur selten in den Verlagsprogrammen zu finden.
    Gerade die klassische SF hat das große Problem eine kleinen Fan-Kreis zu besitzen, die meist über eine stattliche Auswahl von Klassikern verfügt und daher nur selten zu Neuausgaben greift.
    Interessierte Neuleser haben genug damit zu tun, die etablierten Klassiker zu entdecken, etwa Dick, Asimov oder Lem.
    Dabei ist die Vielfalt außergewöhnlicher Werke in der SF so groß, dass es nicht verwundert, wenn dabei etliche Ihrer bedeutendsten Vertreter in den Schatten der Aufmerksamkeit geraten.
    Aber Theodore Sturgeon gehört eindeutig ins Licht!

    Der Shayol-Verlag hat das ambitionierte Vorhaben gewagt, eine Werkausgabe von Theodore Sturgeon in Deutschland zu veröffentlichen, die verlegerisch der hohen Qualität des Materials gerecht zu werden versucht und der Herausgeber Hannes Riffel stellt sich dieser Herausforderung mit Können und Mut.
    Das bedeutet nicht nur das hohe Risiko auf den Lizenzgebühren sitzen zu bleiben, nein, der Verein, von dem der Verlag betrieben wird und dessen Mitglied der Herausgeber ist, setzt bei der Umsetzung einen Maßstab an, der an Perfektion grenzt.
    So wurden allen Texte neu übersetzt, teils über ein Uni-Projekt, teils über einen Stab erfahrener Übersetzer. Jedem Text ist ein mustergültiger Quellnachweis angehängt, der die Sorgfalt und Liebe kennzeichnet, mit der das Buch herausgebracht wurde. Titelbild und Gestaltung setzen auf moderne Eleganz, was nicht nur dem gesamten Buch gerecht wird, es betont auch, wie zeitlos Sturgeon ist.

    Der Shayol Verlag legt großen Wert auf sekundärwissenschaftliche Arbeit. Darum enthält der Band auch eine Einleitung von Samuel R. Delaney über Theodore Sturgeon, die nicht nur den Geist für Sturgeons Kunst öffnet, sondern auch Einblicke in eine Zeit und eine Literaturlandschaft bietet, die so unendlich weit entfernt ist, wie es die Vierziger und Fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts nun einmal sind. Dieses Essay voran zu stellen, erweist sich als wichtig und gut gewählt.

    Die Texte aber sprechen für sich selbst.

    In „Donner und Rosen“ ist die USA durch Atombomben verstrahlt. In einer fernen Armeeeinheit kommt der Zerfall langsam zum Ausbruch, manifestiert sich am Schicksal der Sängerin Starr Anthim. Doch ihr Lied ist weit mehr als Unterhaltung.
    Durch Delaneys Einleitung sensibilisiert, liest man die Kurzgeschichte bereits wachsam, spürt den Feinheiten des Erzählstils nach. So skeptisch man dabei auch vorgeht, Sturgeons Intensität ist so gewaltig, dass sie den Leser in hellstes Tageslicht zu stellen scheint, das Details und Stimmungen so präzise ausleuchtet, dass man meint das Leben selbst in den Seiten gefunden zu haben. Bereits nach wenigen Absätzen beherrscht die Faszination das Lesen. Luftholend betrachtet man das Buch mit neuerlichem Unglauben. Diese Begegnung mit Sturgeon ist unvergleichlich, ein unverhoffter Schatz, dessen Größe und Umfang sich nach der ersten Geschichte nur vage erahnen lässt. Aber man spürt, dieser Autor kann mehr, als nur erzählen.

    So beginnt man „Killdozer“ bereits mit leichter Euphorie zu lesen. Ein Bauarbeitertrupp wird auf eine einsame Insel verfrachtet, um mit hochmodernen Baufahrzeugen eine Landebahn zu bauen. Dabei stoßen sie auf eine uralte Waffe, die sich im neuesten der Bulldozer manifestiert und schon bald wieder ihrer ursprünglichen Aufgabe nachgeht: Töten.
    Wem der Plot bekannt vorkommt, vielleicht sogar an Steven King denkt, mag es vielleicht nicht glauben, aber das hier ist das Original.
    Und damit schrumpft bereits alles andere in die Bedeutungslosigkeit zurück.
    Der Kampf der Maschine gegen eine Schar Männer bringt in wenigen Szenen eine Menge an sozialen Konflikten zu tage, die Sturgeons genaue Beobachtungsgabe zeigt und zudem noch eine Wahrhaftigkeit ausstrahlt, die in keinem Augenblick Zweifel an der Echtheit der Figuren aufkommen lassen. Selten kommen Nuancen in der Persönlichkeit deutlicher zum Vorschein, als hier in der Darstellung der Bauarbeiter. Jeder von ihnen bewegt sich innerhalb eines dichten Figurenhintergrundes ohne dabei seine Bedeutung in der Geschichte zu verlieren, oder etwa als Typ eines hart arbeitenden Mannes unglaubwürdig zu werden.
    Genauso präzise erfolgen Sturgeons Blick auf die Maschinen. Bauteile und Funktionen gewinnen vor dem Auge des Lesers eine Schärfe, die es mühelos schafft, den trennenden Abgrund der Jahre zu überbrücken. Jenseits von Computern und jeglicher Hochtechnologie, aber auch weit ab vom antiquierten Relaisklicken, ist Sturgeon direkt in das Wesen der Maschine eingetaucht. Dabei bleibt er erstaunlicherweise als Autor stets außen vor, einzig durch seine brillante Wortwahl und einer unglaublich mühelos erscheinenden Feinabstimmung zwischen Beschreibung und Handlung, gelingt es ihm, diese Nähe zu erzeugen. „Killdozer“ überrascht durch das Fehlen von Pathos oder psychologischer Tricks. Sturgeon erzeugt nicht Horror, lenkt somit auch nicht ab von dem, was er zu erzählen hat.

    Insofern verwundert auch seine Handhabung eines Themas, dass selbst heute noch polarisiert. In „Langsames Wachstum“ geht es primär um die Frage nach Verschluss unprofitabler wissenschaftlicher Entdeckungen. Also um die Ethik des Wissenschaftlers, der Millionen Leidenden helfen könnte, aber nicht darf. Mit der Konsequenz, dass er sich die Frage stellen muss, ob er nicht eher zu schwach ist, es zu können. Wie weit bringt die Verweigerung des Systems durch Isolation tatsächlich eine Gewissensbefriedigung, oder ist eine gelegentliche Heilung und die damit verbundene unaufdringliche Enttarnung der Heilmethode, nicht eine wirksamere Revolte, als es die Verweigerung sein kann?
    Denn Sturgeon verbindet diese Fragen, die ja eher rhetorisch für den Wissenschaftler sind, mit einer persönlichen Geschichte. Eine Frau geht zu einem bekannten Wunderheiler. Zwischen der Angst vor der Krankheit und der emotionalen Bindung zwischen Mann und Frau balanciert Sturgeon mit leichter Hand und einer Art vorsichtiger Zärtlichkeit. Die Erzählung ist trotz der großen Themen, ruhig, zeitnehmend. Sturgeon widmet sich dem Thema ohne Wertungen abzugeben, ohne eine Tendenz vorzuschlagen. Seine Kraft liegt wie in den anderen Texten, in einer wunderschönen Farbigkeit der Beschreibungen. Düfte, Farben, Töne – mit Sturgeon wird das Buch zu einer Tür ins Leben.

    „Das [Fringding], das [Frangding] und Boff“ ist ein Kurzroman. Den Herausgebern ist zu danken, dass sie mit der Wahl einer kleineren Schrift eine Veröffentlichung ermöglichten.
    Im eigentlichen Sinne eine klassische SF-Geschichte, in der Aliens zu Forschungszwecken auf der Erde weilen und die Menschen einer Pension einer intensiven Prüfung auf der Suche nach der „Synapse Beta sub Sechzehn“ unterziehen. Doch Sturgeon gibt sich nicht nur in der Form unklassisch, indem er den Leser vor die Herausforderung stellt, die Forschungsberichte der Aliens in einer lückenhaften Übersetzung lesen zu müssen, nein Sturgeon verschiebt das Gewicht wieder einmal auf eine präzise Belebung der Figuren. Nach einer bereits sehr anschaulichen Charakterisierung der Pensionsbewohner zu Beginn, und hier zaubert Sturgeon in wenigen Absätzen lebendigere Personen, als es die meisten Autoren in einem kompletten Roman vermögen, baut er die Menschen sorgfältig zu den Größen auf, die er in die Gleichung seiner Handlung dann spielerisch einsetzt. Die Figuren leben ein einfaches Leben, das immer komplexer wird, oder eher durch die nähere Betrachtung an Komplexität gewinnt. Erst durch den Sturgeon-Blick wird das Alltägliche außergewöhnlich und bedeutsam. Damit geht der Leser denselben Erkenntnisweg wie die Aliens, macht uns Sturgeon zu den eigentlichen Aliens. Wir blicken auf das Alltagsleben, das auch unser sein könnte, und lernen darin Wunder zu erblicken und Möglichkeiten zu entdecken. So sind wir Prüfer und Prüflinge zugleich.
    Vor allem aber dringt man in das Leben anderer Menschen ein, voller Freude und Erwartung, nimmt Anteil und entwickelt sich mit. Sturgeon schafft es mühelos, die Distanz zwischen seiner Geschichte und dem Leser wegzuwischen. Spätestens an dieser Stelle der Lektüre wird klar, dass man eines der besten Bücher in den Fingern hat. Vielleicht sogar das Beste.

    Nicht ohne Absicht steht wohl „Ein lichter Augenblick“, die titelprägende Erzählung am Schluss der Auswahl, die wahrlich voller lichter Augenblicke ist.
    Ein Mann schleppt eine blutende Frau in seine Wohnung. Recht schnell wird klar, dass der Mann einen sehr geringen Intellekt hat, dennoch vermag er die Frau zu heilen. Über mehrere Wochen hinweg sorgt er sich um die Frau, stellt sie doch etwas völlig Neues in seinem Leben dar: Ein Mensch, für den er da sein kann, dem er etwas zu geben hat, das dieser auch braucht.
    Sturgeon geht mit seiner Figur feinfühlig und doch wieder rein betrachtend um. So wirklich und dinglich lässt er uns die Versorgung der Wunden beobachten, so nah sind wir am Blut, seinem Tropfen und Fließen und Trocknen und Nässen, dass einem fast schlecht wird davon.
    Die Probleme des eingeengten Geistes, die Qualen im Empfinden des Mannes, der seine Umwelt in anderen Wertigkeiten begreift, der so völlig andersartig denkt, fließen mit einer stillen Deutlichkeit in die Handlung ein. Dabei ergibt sich gerade aus dem völligen Fehlen von Vorurteilen oder Wertungen ein Verständnis für beide Personen, die mehr zum Nachdenken anregen, als dass sie Mitleid erheischen. Dieser lichte Augenblick, in dem ein Mensch etwas in sich erkennt, dass bisher nutzlos in ihm ruhte, das berühmte Übersichhinauswachsen, ist das Thema, das durch alle Texte des Bandes hindurch und auf sehr unterschiedliche, aber stets meisterliche Weise bearbeitet wird.

    Sturgeon hat über 150 Werke verfasst. und nur fünf von ihnen liegen hier vor. Zwar ist Band 2 der Werkausgabe bereits erschienen, doch leider hat dieses wunderbare erste Buch, in einer sehr kleinen Auflage von nur 500 Exemplaren 2003 erschienen, kaum Käufer gefunden. Nur 500 Bücher wurden gedruckt und fast zwei Jahre später ist die Auflage immer noch nicht verkauft. All die Mühen der gründlichen Neuübersetzungen, die liebevolle Gestaltung von Text und Buch, das penible Korrektorat, die Arbeit der Lektoren wird nicht gewürdigt. Und das ist schade, denn irgendwann ist auch für den altruistischsten Verein solch eine kostspielige Pflege ausgezeichneter Literatur unhaltbar.
    Wer aber erst einmal in die Kunst des Theodore Sturgeon eingetaucht ist, und sei es auch nur in eine einzige Kurzgeschichte, der will sich dieses durchdringende Empfinden der Lebendigkeit nicht mehr nehmen lassen, die daraus sprüht und strahlt.

    Theodore Sturgeon
    Lichte Augenblicke. Die besten Erzählungen von Theodore Sturgeon 1
    Wer erst einmal in die Kunst des Theodore Sturgeon eingetaucht ist, und sei es auch nur in eine einzige Kurzgeschichte, der will sich dieses durchdringende Empfinden der Lebendigkeit nicht mehr nehmen lassen, die daraus sprüht und strahlt.t.
    ISBN:3926126299
    Bestellen



    ... Kommentare deaktiviert für Lichte Augenblicke. Die besten Erzählungen von Theodore Sturgeon 1 | Kategorie Allgemein | Tags , , | Trackback: URL/trackback

    Kommentare geschlossen.



    Top Suchbegriffe:

    • Lichte Augenblicke:
    • Theodore Sturgeon die besten erzählungen
    ";