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Autor: Claudine Borries

Charles J. Shields: Der Mann, der den perfekten Roman schrieb

Charles J. Shields: Der Mann, der den perfekten Roman schrieb

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„John Williams, der den Roman „Stoner“ schrieb, wurde erst lange nach seinem Tod berühmt und gilt heute als Ikone in der amerikanischen Literatur“. So lautet es auf dem Klappentext. Und in der Tat ist der Roman „Stoner“ ein unerhörtes Leseerlebnis.

Charles Shields hat sich auf Spurensuche begeben und eine wunderbare Biographie dieses Ausnahmetalentes geschrieben.

In vielen Details, mit klugen Gedanken arbeitet er heraus, wie sehr John Williams’ Leben dem seines Romanhelden „Stoner“ glich.

Aus einfachen Verhältnissen stammend arbeitete Williams sich in zahlreichen Nebenjobs hoch, so dass er schon in jungen Jahren einen kleinen Verlag leitete. Bis dahin arbeitete er als Regisseur kleinerer Theater, war Radiomoderator, kämpfte in Zweiten Weltkrieg in der amerikanischen Luftwaffe, war schon mit 24 Jahren zum zweiten Mal verheiratete und so fort. Er lebte in verschiedenen mittelwestlichen Staaten der USA und kam viel herum. Doch dann begann er ein Literaturstudium, und er begann zu schreiben.
In der vorliegenden Biographie beschwört Shields die literarischen und verlegerischen Größen der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Westen und Süden Amerikas herauf. John Williams geriet unweigerlich in diese Kreise und nahm bald einen festen Platz unter ihnen ein.

Die Vielzahl der Namen von Professoren, Schriftstellern, Verlegern u.a. sind für den Leser nicht immer leicht zu behalten. Charles Shields’ Arbeit ist detailreich, genau und gleicht fast einer literarisch wissenschaftlichen Arbeit. Unter den äußeren Daten spürt man sehr genau, wo „Stoner“ biographische Züge seines Erfinders trägt. Wie „Stoner“ kam Williams aus einfachen Verhältnissen. Ein gemeinsames Merkmal scheint auch die Einsamkeit zu sein, unter der beide litten, auch wenn John Williams äußerlich einen großen Bekannten- und Berufskreis hatte. Wie sein Protagonist ist Williams besessen von seiner schriftstellerischen Arbeit und hat wenig Zeit für sein Privatleben. Kein Wunder, dass er vier Ehen hinter sich hat!

Shields versäumt nicht, auf die landschaftlichen Schönheiten der Aufenthalte von John und seiner vierten Frau hinzuweisen. Denver, Key West, Missouri, Boston und wie die Orte alle heißen, an denen John Williams lebte und arbeitete. Sie werden äußerst malerisch beschrieben. Wildes, schönes Amerika!

In dem ausführlichen Lebenslauf von Williams gab es Höhen und Tiefen, es gab viel Alkohol, es gab Stimmungsschwankungen, aber es gab auch eine Vielzahl von Begegnungen mit anerkannten Größen des Literaturbetriebs, Freundschaften, Feindschaften, Rivalitäten und nicht zuletzt zahlreiche anerkannte Preise.

Während der Roman „Stoner“ in Amerika in Vergessenheit geriet, entdeckte ihn die französische Schriftstellerin Anna Gavalda 2007 für Europa neu. Der Roman begann mit der Übersetzung in fast alle Sprachen von Belang seinen Siegeszug um die Welt.

Am Ende scheint es, dass Williams gar nicht so unbekannt war, wie es der Klappentext vermuten lässt.
Er war Dozent, Professor, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller aus Passion. Man liest das Buch voller Staunen über die Vielzahl an Ereignissen, die den Weg dieses Ausnahmeautors bestimmten.

Für Freunde der amerikanischen Literaturwissenschaft ist das Buch eine reiche Quelle, aus der man über die diversen Strömungen und Entwicklungen im Literaturbetrieb der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts etwas erfahren kann.

Meine Achtung gilt dem Autor Charles J. Shields für dieses umfassende Werk!

Charles J. Shields
Der Mann, der den perfekten Roman schrieb
384 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, Oktober 2019
ISBN-10: 342328191X
ISBN-13: 978-3423281911
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Dror Mishani: Drei

Dror Mishani: Drei

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Dieser Krimi führt über verschiedene Stränge zum Ziel der Aufklärung.
Der Handlungsort ist Tel Aviv in Israel.

Wir sehen Orna, eine junge Frau, die frisch geschieden ist und mit ihrem Sohn Eran in enger Verbundenheit lebt.
Weiter gibt es Emilia, eine osteuropäische Altenpflegerin. Sie ist einsam, verloren und ein wenig ratlos, weil es mit den Arbeitsstellen nicht so richtig klappt.
Auf unterschiedlichen Wegen geraten die Frauen an Gil, einen Rechtsanwalt. Er macht der ersten seiner Bekanntschaften vor, er sei geschieden. Der Zweiten versucht er aus einer Patsche zu helfen. Und was ist mit der Dritten? Man wird sehen.

Es gibt Dates, Gespräche und Annäherungen. Die Frauen bleiben leicht distanziert und wissen nicht so recht, was sie von Gil halten sollen. Sie lassen sich aber immer wieder auf Treffen mit ihm ein, so auch auf kurze Reisen.

Das Leben der weiblichen Protagonisten wird mit allen den Unbilden, die das Leben für sie bereithält, aufgeblättert.

Als sich Ornas Exmann mit neuer Frau und zusammen vier Kindern bei ihr zu Besuch anmeldet, bekommt sie schreckliche Angst, dass er ihr Eran wegnehmen könnte.

Sie versucht tapfer, auch diese schwierige Situation zu meistern.

Gil ist im Hintergrund und versucht mit allerlei Tricks, die Frauen hinzuhalten, um sie dann wieder umso heftiger an sich zu ziehen.

Oran und Emilia werden eines Tages tot aufsgefunden. Suizid oder Mord? Das ist hier die Frage!

Der Roman ist so aufgebaut, das man hin und hergerissen wird zwischen dem Mitleid für das traurige Leben der Protagonistinnen und Sorgen, was dieser undurchsichtige Mann im Schilde führen könnte. Man ahnt Schlimmes und kann sich nicht von der Lektüre lösen.

Nun aber kommt eine dritte Frau ins Spiel. Sie ist Polizistin, ambitioniert und spielt eine besondere Rolle in diesem Drama.

Der Roman ist schmissig geschrieben, ereignisreich und mit ausgeprägten Charakterisierungen der handelnden Personen. Schnelle Schnitte von einem Ereignis zum nächsten erhöhen die Spannung. Die Geschichte ist perfide, psychologisch hintergründig und könnte durchaus dem wahren Leben abgeschaut sein. Die „Drei“ Frauen fügen sich gut zusammen zu einem Ganzen.

Ein Krimi, der Lust auf mehr in dieser Art macht.

Dror Mishani lebt in Israel. Mit diesem Roman gelang ihm der internationale Durchbruch.

Dror Mishani
Drei
336 Seiten, gebunden
Diogenes, August 2019
ISBN-10: 3257070845
ISBN-13: 978-3257070842
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David Wagner: Der vergessliche Riese

David Wagner: Der vergessliche Riese

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Demenz ist weithin bekannt, doch wie viele verschiedene Formen es gibt, das wissen die meisten nicht.

Alzheimer und die vaskuläre Demenz sind unter den Demenzerkrankten die am häufigsten vertretene Form der Krankheit. Sie nehmen den breitesten Raum in der öffentlichen Wahrnehmung ein.

David Wagner beschreibt mit äußerst sensiblen und einfühlsamen Worten, wie sich sein Vater verändert und welche Folgen das für alle Beteiligten hat.
Die Krankheit beginnt schleichend. Zuerst sind es nur Kleinigkeiten, die vergessen werden.

Nach und nach mehren sich die Verdrehungen und Ungenauigkeiten, mit denen sich die Krankheit manifestiert. Nachfragen und Wiederholungen seitens des Kranken, oft fragend, lassen sichtbar werden, dass der Vater, von dem hier die Rede ist, nicht mehr so klar in seinem Denken ist. Er vergisst Orte und Zeiten, kann sich im Gespräch nicht mehr an Vergangenes erinnern, und seine Orientierungslosigkeit wird immer deutlicher. Lange Zeit aber lassen sich Vergesslichkeiten durch Scherze oder Vertuschungen, auch eine besondere Form der Höflichkeit und Aufmerksamkeit in den Umgangsformen, immer wieder kompensieren. Niemand Außenstehender, selbst nahe Angehörige, die seltener mit dem Angehörigen zusammentreffen, können glauben, dass der Vater dement ist.

David Wagner wählt die besondere Form des Dialogs, um auf das Verschwimmen der Gedanken aufmerksam zu machen. Der Leser wird Teil des Prozesses, in dem der Geist seinen Bezug zur Realität verliert. Die Gespräche verlaufen liebevoll, fast zärtlich und zeugen von anhaltender Teilnahme. Der Autor nimmt alles ernst, was der Vater sagt. Da wird nichts beschönigt oder gar verbessert. Liebevoll versucht er, dem Vater bei seinen Erinnerungslücken auf die Spur zu helfen.
Und liebevoll ist auch die Schilderung, wie der Vater selber seine Vergesslichkeit wahrnimmt.

Wer selber so etwas erlebt hat, wird alles genau so wiederfinden, wie er selbst den Prozess des Hirnabbaus miterleben konnte.
Unaufhaltsam naht der Tag der Heimunterbringung. Man kann zahlreihe Pflegefälle im eigenen Heim bewältigen. Bei Demenz im in fortgeschrittener Ausprägung lässt sich das nicht realisieren. Zu pflegeintensiv und zeitaufwendig sind die Forderungen des Alltags, denn Unruhezustände, Angst und unvorhergesehene Handlungen machen eine Fürsorge rund um die Uhr erforderlich.
Für Angehörige ist die Heimunterbringung ein schwerer Schritt. Möchte man den Wechsel von der vertrauten Umgebung in eine fremde, beängstigende Welt einem Dementen doch auf jeden Fall ersparen.

Es ist David Wagner gelungen, seinem Vater mit diesem Dokument der Erinnerung ein würdiges und von Anerkennung durchzogenes Denkmal zu setzen. Der Vater bleibt der Riese, der er für seine Kinder ja war, er ist nun nur vergesslich!

Ein rundum lesenswertes Buch, das zudem die ganze Zeit einen tröstlichen Unterton behält.

David Wagner
Der vergessliche Riese
272 Seiten, gebunden
Rowohlt Buchverlag, 2. Auflage, August 2019
ISBN-10: 3498073850
ISBN-13: 978-3498073855
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Simone Lappert: Der Sprung

Simone Lappert: Der Sprung

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Eine Frau Steht auf dem Dach eines Hauses in einer mittelgroßen Kleinstadt. Sie wird entdeckt von Menschen, die sie kennen und von anderen, die sich fürchten vor dem, was da kommen mag. 

In einer Reihe von literarischen Porträts der Zuschauer des aufregenden und beängstigenden Vorgangs erfährt man, wie ein jeder sein Leben lebt. Durch die Dramatik des Spektakels verlieren einige das innere Gleichgewicht. Andere sind eher sensationslüstern, erleben das Ganze als Nervenkitzel, das sie aus dem öden Alltag reißt.

Ja, diese Frau will offensichtlich Suizid begehen.

Klug aufgebaut macht uns die Autorin bekannt mit dem, was ein Kleinstadtleben ausmacht. Jeder hat sein eigenes Schicksal. Glück und Unglück, Eintönigkeit und Langeweile liegen nahe beieinander. Aber ein Einsatz wie den, den die Frau auf dem Dach bei Polizei und Feuerwehr auslöst, findet man nicht alle Tage. Schlagartig beleuchtet das Schicksal von Manu, so heißt die Frau auf dem Dach, auch die Schicksale der anderen. In einzelnen Kapiteln wird jeder/ jede in seinem Umfeld beobachtet.

Der Polizist wird früh morgens zum Einsatz gerufen, gerade als er sich überlegt, wie er sich seiner Frau verständlich machen könnte, die sich über sein ständiges Schweigen beschwert hat.

Finn bewundert seine Freundin, die Frau auf dem Dach, für ihre gärtnerischen Fähigkeiten und ihre Naturliebe.
Seine Äußerung „Ich kenne wirklich niemanden, der so ist wie du“ und ihre Antwort „Trifft das nicht auf jeden zu, dem man begegnet“ (S. 43) stehen in ihrer Einfachheit fast als Beispiel für alle Begegnungen in dem Roman.
Es sind zahlreiche Figuren, auf die man trifft. Fast möchte man meinen, eine jede Romanfigur gleicht in ihrer Darstellung einer eigenen kleinen abgeschlossenen Erzählung.
Doch eines treibt alle, auch den Leser, an: wie wird die Geschichte weitergehen, wie wird sie ausgehen?

Mit ihrer lebensklugen und feinen Beobachtungsgabe wird der Leser von Simone Lappert mitgenommen auf eine Reise ins Ungewisse. Der Alltag ringsum, und die Entwicklungen, die sich beim Lesen auftun, nehmen einen ganz gefangen. Bei einigen gibt es nur die Öde und Langeweile, die sie zu Zuschauern der Schauergeschichte machen. Denn Manu schmeißt auch noch mit Ziegeln um sich. Neugierde und Sensationslust füllt rundum die Straßen und Gaststätten mit Gaffern und Zuschauern. Simone Lappert gewährt einen Blick hinter die Kulissen des schönen Scheins. Aufgewühlt durch die Nähe des möglichen Suizids brechen Familienkonflikte auf und schwelende Wut, Eifersucht und gelegentlich auch Einsicht bringen die Menschen aus dem Gleichgewicht. Die Autorin wählt mir ihrer Darstellung das Soziogramm eines kleinen Bezirks der Stadt, in der die festgefügte Ordnung zwischen Freunden, Verwandten und losen Beziehungen innerhalb weniger Tage aufbricht.

Der Roman bietet Spannung pur ohne mit einer gewissen Ruhe im Detailreichtum der Geschichten einzelner für den Ausgleich zu sorgen, mit dem man sich geduldig dem Ende nähert. 

Sehr lesenswert!

Simone Lappert
Der Sprung
336 Seiten, gebunden
Diogenes, August 2019
ISBN-10: 3257070748
ISBN-13: 978-3257070743
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Ursula Voß: Ein Leben für die Liebe

Ursula Voß: Ein Leben für die Liebe

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Louise de Vilmorin war eine berühmte Salonière zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Frankreich. Sie entstammte einem begüterten Landadelsgeschlecht und lebte von 1902-1969. Als einzige Tochter neben zahlreichen Brüdern der Familie wurde sie zärtlich verwöhnt.
Sie war schön, reizvoll und besaß Esprit.

In ihren Pubertätsjahren erkrankte sie an Tuberkulose und musste Jahre lang das Bett hüten. Doch sie war verführerisch, so dass sich schon bald die ersten Bewerber um ihre Liebe einstellten. Der Schriftsteller und berühmte Flieger Saint-Exupéry war einer der ersten Bewerber um ihre Gunst. Er sollte nicht der einzige bleiben! Der Briefwechsel mit der von ihm Geliebten brach allerdings erst nach seinem Tod ab.

Louise heiratet mit 23 Jahren einen amerikanischen Unternehmer und geht mit ihm nach Las Vegas in Amerika. Nach der schnellen Geburt dreier Töchter langweilt sie sich, so daß es sie nach New York treibt. Dort begannen entscheidende Jahre, in denen sie sich zu einer Stilikone, Dichterin und Geliebten zahlreicher reicher und berühmter Männer wandelte.

Etwa 1933 zog sie zurück nach Paris. Exupéry führte sie in Paris in den Salon von Madame Lestrange ein. Dort fand sie sich im Kreis anerkannter Intellektueller wieder, und dort fand sie ihre Bestimmung: eine begehrte Dichterin und Liebhaberin zahlreicher Männer und alles Mondänen und Außergewöhnlichem zu werden.

Unter den Liebhabern traten Namen hervor wie Man Ray, Friedrich Sieburg, Jean, Cocteau und Orson Wells. Der aus dem ungarischen Adelsgeschlecht stammende Fürst Esterhazy und am längsten und intensivsten André Malraux und viele andere mehr gehörten ebenfalls zu ihren Liebhabern.

Ursula Voß gebührt Anerkennung dafür, wie sie das Leben dieser außergewöhnlich exzentrischen und verführerischen Dame charakterisiert und nachgezeichnet hat.
Wunderbar beschreibt sie Louise de Vilmorin mit ihrer Ausstrahlung, die sie auf fast jeden hatte, dem sie begegnete. Ihr Esprit, Charme und das glamouröse Ambiente ihrer Kleidung und ihres Auftretens war legendär.
Die Details der Stationen ihres Lebens lassen das Leben der Moderne in Paris und anderswo hervortreten, so dass man sich ein lebhaftes Bild von den Salons und dem kulturellen Leben zu Beginn des 20.Jahrhunderts machen kann.

Die Namen der Personen, denen sie in ihrem Leben begegnete und die Orte und Städte, in denen sie sich aufhielt, sind so zahlreich, dass man fast ein wenig Mühe hat, sich alle zu merken.
Louise fühlte sich selbst zur Schriftstellerin berufen und hat einige namhafte Roman, unter ihnen „Die Frau im Taxi“, verfasst. Mit dem Verleger Gallimard, auch er einer ihrer Verehrer und eine bekannte Größe im damaligen Geistesleben Frankreichs, hatte sie die nötigen Verbindungen, um als Schriftstellerin Erfolg zu haben.

Ein unterhaltsames, informatives und malerisches Bild ist der Autorin Ursula Voß mit ihrem vorliegenden Buch gelungen.

Ursula Voß
Ein Leben für die Liebe
144 Seiten, gebunden
Verlag:Ebersbach & Simon, September 2019
ISBN-10: 3869151870
ISBN-13: 978-3869151878
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Ursula Ott: Das Haus meiner Eltern hat viele Räume

Ursula Ott: Das Haus meiner Eltern hat viele Räume

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In diesem Buch des Abschieds und der Erinnerungen kann sich sicher jeder in irgendeiner Weise wiederfinden, der seine alten Eltern ins betreute Wohnen oder in ein Altersheim verabschieden muss.

Die Eltern der Autorin gehörten zur Nachkriegsgeneration, in der noch sehr andere gesellschaftliche Vorstellungen über die Regeln des Zusammenlebens herrschten als in der Welt ihrer Kinder, die zu Beginn der sechziger Jahre geboren wurden. 

Als die Mutter der Autorin nach dem frühen Tod des Vaters zusehends älter wird und zu vereinsamen droht, fassen ihre Töchter und sie selber den Entschluss, in ein betreutes Wohnen umzuziehen. Da die Töchter beruflich und familiär in weit entfernte Städte gezogen sind, ist der Besuch und die Betreuung der Mutter schwierig geworden.

Sie wird vom Bodensee nach Stuttgart ziehen. Der Entschluss ist gefasst, doch bis der Umzug erfolgen kann, müssen alle das Haus ausräumen. Mit diesem Vorgang befasst sich die Autorin in ihrem vorliegenden Büchlein.
Jedes Blatt, jedes Bild und jedes Möbelstück, wird auf seine Verwertbarkeit begutachtet. Was will man behalten, was soll entsorgt werden, was kann man verschenken oder verkaufen?

Und natürlich sind alle Gegenstände mit Erinnerungen verbunden.
Ursula Ott versteht es vorzüglich, das Design der Dinge, seien es Wohn- oder Küchenmöbel, Teppiche oder praktische Geräte, mit dem Geschmack der sechziger und siebziger Jahre in Verbindung zu bringen, so dass fast eine kleine Geschichte familiären Lebens entstanden ist.
Melancholie und gelegentlich sogar Tränen lassen den Abschiedsgedanken aufkommen, der das Haus und sein Inneres mit der Aufgabe des Schutzes früherer Jahre in Verbindung bringt. 

Hoch reflektiert und talentiert zeigt die Autorin, dass es sich so leicht anhört: „ins Heim gehen“, doch in Wahrheit ist das ein langer Prozess. Die Familie löst diesen Konflikt blendend, in dem sie der Mutter ein Jahr für den endgültigen Abschied gewährt. So lange dauert die Auflösung des elterlichen Haushalts, und so lange bleibt Mutter noch die Besitzerin des Hauses.

Ursula Ott hat ein anrührendes und zu Herzen gehendes Stück eigener und allgemeiner Zeitgeschichte verfasst.
Es ist ein sehr lesenswertes Erinnerungsbuch für Menschen, die Abschied von den Wurzeln des Zuhauses in irgendeiner Weise ja alle erleben werden. Zu Kriegszeiten gab es keine Muße des Abschieds, alles geschah schnell und überrannte die Menschen. Heute in unserer langen Friedenzeit darf man sich diesem Geschehen mit der notwenigen Zeit und Besinnung überlassen. Ursula Ott hat alles gekonnt in ihren Gedanken und mit ihren Worten zusammengefasst. 

Sehr lesenswert!

Ursula Ott
Das Haus meiner Eltern hat viele Räume
192 Seiten, gebunden
btb Verlag, März 2019
ISBN-10: 3442758246
ISBN-13: 978-3442758241
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Isabel Bogdan: Laufen

Isabel Bogdan: Laufen

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Man kennt den Ausdruck “um sein Leben laufen“. Hier ist es Wirklichkeit geworden und in eine Sprache gefasst, die unvergleichlich intensiv, sensibel und Schritt für Schritt dieses Laufen beschreibt.
Eine ungenannte Erzählerin beginnt zu Laufen, weil sie sich nicht mehr anders zu helfen weiß in einem tiefen Kummer um ihren verlorenen Lebensgefährten.

Während des Laufens wird zunächst der Körper beobachtet: wie er schnauft, wie es scheint, er kann nicht mehr, jeder Schritt und jede Ecke muss erkämpft werden. Mit der Zeit wird es dann leichter.
Dabei lässt die Autorin ihre Romanfigur das Leben reflektieren; man erfährt nach und nach, wie ihre Beziehung war, die Eltern des Gefährten, und wie sie unter der Einsamkeit leidet. Die gemeinsame Wohnung musste sie schon aufgeben, weil sie diese alleine nicht mehr bezahlten konnte. Da sie mit ihrem Partner nicht verheiratet war, konnten dessen Eltern alles mitnehmen, was ihrem Sohn gehörte.

Bilder aus dem vorbeifliegenden Park werden so poetisch geschildert, dass man fast in ein Gemälde zu schauen meint. Die Läuferin sieht das Glück der anderen, will es nicht sehen, will sich am liebsten verkriechen und läuft doch tapfer weiter. Diese Form der Trauerbewältigung ist einmalig, intensiv und hoch einfühlsam beschrieben. Wie kann und wie soll man einen Verlust dessen beschreiben, der zu Hause, Geborgenheit und Liebe in einem bedeutete?
Das ganze Leben dieses Paares scheint auf in seinen glücklichen, trauten und fernen Momenten.

Und immer wieder wird das Ausatmen und Einatmen beschworen. So als könne der Körper sein Gleichgewicht nur wiederlangen, in dem er sich zum Laufen zwingt, um die Leere und das Alleinsein erträglich zu machen.
Gehalten wird die Frau von sehr wenigen guten Freunden; Rike, ihr Mann und die Kinder sind die wirklich vertrauten Menschen. Ihre eigene vertane Zeit mit einem Mann, der an schweren Depressionen litt, so dass in der Beziehung nichts mehr lief, auch der lange ersehnte Kinderwunsch nicht in Erfüllung gehen konnte: das alles wird in atemloser Weise während des Laufens erinnert.

Es ist ein Buch der Gefühle, der Trauer und der Bewältigungsversuche. Intensiv, drängend und laufend versucht die Protagonistin, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Entstanden ist eine Geschichte, die von der inneren Unruhe und der Suche nach dem Sinn dieses Todes und dieses gemeinsamen Lebens handelt. Anrührend, aufrichtig, unverfälscht und wahrhaftig begegnen wir einem Menschen, der wie sicher viele andere eine Trauerbewältigung auf die ihr eigene Weise versucht. Ob es gelingt, bleibt offen. Wahre Liebe ist unvergänglich, und ein letzter Ausruf offenbart das!

Isabel Bogdan besitzt umfassendes psychologisches Einfühlungsvermögen. Sie findet die richtigen Worte, um aus dem Roman eine sensible und beeindruckende Studie zu machen, die dem wahren Leben abgeschaut zu sein scheint.
Sie lebt in Hamburg und ist eine ausgewiesene Übersetzerin aus dem Englischen.

Isabel Bogdan
Laufen
208 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, September 2019
ISBN-10: 3462053493
ISBN-13: 978-3462053494
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Norman Wolf: Die Fische schlafen noch

Norman Wolf: Die Fische schlafen noch

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In einer anrührenden Erzählung beschreibt Norman Wolf, wie er seinen Vater an den Alkohol und zuletzt an die Obdachlosigkeit verlor.

Fing doch das Leben von Norman so wohlbehütet und beschützt im Kreise seiner Familie an! Die liebevolle Mutter, ein grundgütiger Opa und ein kumpelhafter Vater bereiteten ihm einen guten Start ins Leben. Warum er dennoch in der Schule angefeindet wurde, bleibt nicht ganz verstehbar. Zeigte sich hier schon eine besondere Sensibilität, die für die Mitschüler unheimlich war?

Als der Vater seine Stelle verliert und so bald auch keine neue findet, beginnt ein scheußlicher Abstieg in der ansonsten bisher so ruhig verlaufenen Familiengeschichte.
Die Streitereien zwischen den Eltern nehmen an Schärfe zu, als der Vater immer häufiger dem Alkohol zuspricht, die Mutter viel weint, und Norman sich zunehmend ängstigt. Schließlich muss der Vater seine Familie verlassen; die Mutter will es so.

Über zehn Jahre hört niemand etwas von ihm. Den Unterhalt für die Kinder bleibt er schuldig, und gelegentlich denkt man, dass der Vater eben tot ist. In die Familie zieht endlich wieder Ruhe ein.

Zehn Jahre später hat Norman sein Psychologiestudium beendet und ist auf dem Weg nach Amerika, wo er eine Arbeit annehmen wird. Als ihn eine Nachricht vom Vater erreicht, dass dieser inzwischen in Hamburg auf der Straße lebt, beginnt die eigentliche Geschichte. Mit Hilfe der neuen Medien, insbesondere über Twitter, wird von Norman eine aufwendige Suche nach dem Vater gestartet. Zahlreiche Menschen beteiligen sich, helfen, sprechen Mut zu und Norman ist immer weiter auf der Suche nach Kontakten zum Vater, der immer mal wieder unauffindbar ist.

Auffällig ist die außerordentliche Anhänglichkeit und Empathie von Norman. Dass ein Mensch so viel tut, um die verloren gegangene Welt wiederzufinden, dabei stete Liebe und Zuneigung zu Mutter, Vater und Opa zeigt, ist bemerkenswert.
Der Autor war sich unsicher, ob er sein Schicksal in einem öffentlichen Medium wie Twitter preisgeben soll. Viele gute aber auch negative Erfahrungen haben ihn nicht von seinem Vorhaben abbringen können, die Suche nach dem Vater aufzugeben.
Das Buch zeigt sein ungewöhnliches Talent, Empfindungen in Sprache zu fassen. Seine Offenheit und Wahrhaftigkeit sind beeindruckend.
Damit sind seine Aufzeichnungen hilfreich für alle, die Ähnliches mit Angehörigen oder geliebten Menschen erlebt haben oder noch erleben. Man liest das Buch mit Spannung und angehaltenem Atem.

Norman Wolf
Die Fische schlafen noch
224 Seiten, broschiert
mvg Verlag, August 2019
ISBN-10: 3747400779
ISBN-13: 978-3747400777
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Udo Jürgens: Spiel des Lebens

Udo Jürgens: Spiel des Lebens

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Ja, dass das Leben ein Spiel sei, wie im Titel angedeutet, mag wohl angehen, zumal wenn einer mit jugendlichen Elan seiner inneren Stimme folgt. Aber in den nun folgenden Geschichten von Udo Jürgens, die er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Michaela Moritz verfasst hat, merkt man sehr schnell, dass es auch Mühsal und Plage sein kann.

Es geht ganz einfach um Beobachtungen von Menschen, die im Alter unerwartet großen Ruhm erlangten; es geht um Betrachtungen über Vergänglichkeit und wesentliche Lebensveränderungen, und es zeigt einmal mehr die nachdenkliche und melancholische Mentalität des Sängers, Entertainers und Chansoniers Udo Jürgens. Eigene Lebenserinnerungen mischen sich mit solchen, die nichts mit seinem Leben zu tun haben.

Im Gegensatz zu den möglichen Erwartungen des Lesers sind die Betrachtungen und Erfahrungsberichte nicht oberflächlich oder nichtig. Die zwei ersten Erzählungen tragen autobiographische Züge und wirken daher echt.
Sei es plötzlicher Ruhm und Erfolg mit den materiellen Möglichkeiten, die diesen Erfolg begleiten, oder sei es eine Wiederbegegnung wie die zwischen dem erfolgreichen Maler und den vor Jahren schon in Berlin in der Paris Bar erlebten Kellner: hier wird Atmosphäre vermittelt, die man unmittelbar nachempfinden kann.
Die Erzählungen erheben allerdings sicher nicht den Anspruch hochwertiger Literatur.

Die folgenden Geschichten aber wirken weit hergeholt und können dem angestrebten Anspruch nicht gerecht werden. Sie sind schlichtweg langweilig.

Der hoch gepriesene Sänger hatte es nicht nötig, sich auch noch ein literarisches Denkmal zu setzen. Insofern nur als leichte Lektüre zu empfehlen.

Udo Jürgens
Spiel des Lebens
224 Seiten, gebunden
S. FISCHER, August 2019
ISBN-10: 3100024354
ISBN-13: 978-3100024350
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Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben

Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben

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Eine Geschichte aus Norwegen:

Hoch oben in den norwegischen Bergen gibt es ein Hotel, das einst florierte. Um es kurz zu machen: zu Beginn der Geschichte floriert das Hotel noch. Doch dann weitet sich der Tourismus in wärmere und südlichere Gefilde aus, so dass dem angestammten Holte finanzielle Ausfälle drohen.
Vor diesem Hintergrund spielt die Geschichte von Sedd, dem Enkel des Hotelbesitzerpaars Zacchariassen.

Über lange Seiten hinweg wird uns das Leben dieses 13jährigen Jungen erzählt. Er ist ein lieber und wohlerzogener Junge. Es bleibt lange unklar, wer seine Eltern sind.

Jim, der Küchengehilfe und Hausfaktotum in einem ist, zeigt sich als treuer Freund des kleinen Jungen, da er ihm Bruder, Vater und Mutter ersetzt, wenn die Großeltern häufig mit ihren eigenen Sorgen und Nöten beschäftigt sind.
Man bekommt lebhaft vor Augen geführt, wie das Leben im Hotel zwischen diesen vier Personen seinen Lauf nimmt.

Sedd ist ein kleiner Rettungssanitäter, der vergeblich bei einem Abendessen im Hotel den zusammengebrochenen Bankdirektor Berge wiederzubeleben versucht. Dieser verstirbt, und als Folge wird ein neuer Bankdirektor in das kleine Städtchen berufen. Damit zieht auch das Unglück ins Hotel ein, weil der Ruf von Herrn Zacchariassen dem Neuen nicht bekannt, und Kreditvergabe daher schwieriger geworden ist.

Allerlei Erlebnisse und zahlreiche Gespräche und Alltagsgeschichten nehmen breiten Raum ein. Da geht es um den freundlichen Umgang miteinander, um Zuwendung, und erste Lebenserfahrungen des kleinen Jungen. Meeresfrüchte zu den Mahlzeiten geben Hinweise auf den seltsamen Titel des Romans. Zuweilen ist man als LeserIn irritiert, weil man nicht so recht weiß, worauf es mit diesen Erlebnissen und mit alle den Alltagssorgen und Nöten, auch freundlichen Begebenheiten, hinauslaufen soll. Dass es eine herzliche Gemeinschaft zwischen den vier Hauptprotagonisten gibt, kann sehr fein aus den Schilderungen herausgehört werden. Hier kommt die sprachliche Eleganz des Autors Hansen zum Ausdruck. Man liest den sprachlich schönen ersten Teil mit Neugierde, denn er ist kurzweilig.

Erst im allerletzten Teil aber wird die Geschichte richtig aufregend und spannend.Steuern alle Beteiligten doch auf ein Ende zu, das skurril und aberwitzig ist. Nun versteht man, dass die lange Vorbereitungszeit mit den Landschafts-und Stimmungsbildern wichtig war, um den Eklat zum Ende hin zu verstehen.

Ein schönes, ruhiges Leseerlebnis für Mußestunden liegt mit diesem Roman vor.

Norwegen wird dieses Jahr Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. Erik Fosnes Hansen wird als Vertreter dieses Landes mit seinen Romanen breite Aufmerksamkeit finden.

Erik Fosnes Hansen
Ein Hummerleben
384 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, August 2019
ISBN-10: 3462050079
ISBN-13: 978-3462050073
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