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Autor: Claudine Borries

Monika Helfer: Die Bagage

Monika Helfer: Die Bagage

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In einem Bergdorf in Österreich fernab größerer Siedlungen leben Maria und Josef mit ihren zahlreichen Kindern. Maria ist schön, so schön, dass sich ihrer Anziehung kein Mann entziehen kann.

Sie sind arm, leben in einer Hütte und gelten als die „Bagage“. Sie schlagen sich nur mühsam durch.

1914 muss Josef in den Ersten Weltkrieg ziehen. Er lässt seine Frau unter dem Schutz des Bürgermeisters im Bergdorf zurück.

Ein schöner Mann erscheint eines Tages: Georg! Er kam aus Hannover. Kurze Zeit nur weilt er hier. Dann ist er wieder verschwunden. Auch er kann sich der Anziehung der schönen Maria kaum entziehen. Was mag sich zwischen ihm und Maria abgespielt haben? Das Verhalten des Bürgermeisters treibt die Geheimnisse um die schöne Frau auf die Spitze.

Eine archaische Welt tut sich vor uns auf!

Die zentrale Figur dieser mit kurzen Sätzen und in einem stoischen Stil verfassten Geschichte ist die schöne Maria. Sie ist sehr auffallend. Von ihr geht eine erotische Strahlkraft aus, die fast alle Männer in Sehnsucht, Bewunderung und Begierde treibt.

Monika Helfer verfasst ihre Geschichte in Erinnerungssprüngen an die verschiedenen Generationen.

Maria ist die Großmutter, aus deren Schoß so viele Kinder geboren wurden. Mutter der Icherzählerin ist Marias Tochter Grete, ein Mädchen, dessen Herkunft während der Kriegszeit nicht so ganz sicher zu bestimmen ist.

Schaut Josef sie deswegen nie an und spricht auch nie ein Wort zu dieser Tochter? Hat er Zweifel an seiner Vaterschaft für dieses Kind?

Mit spröden Sätzen und in faszinierenden Bildmalereien ersteht ein Panorama, das Landluft und Natur mit einbezieht in die Geschichte einer großen Familie. Die Icherzählerin befasst sich mit den einzelnen Charakteren ihrer Onkel und Tanten, und es kommen skurrile Naturen zum Vorschein. Hervorstechend bleibt die Großmutter mit ihrer starken Anziehungs- und Verführungskraft.

In dieser Erzählung macht die Armut nicht hilflos und schwach, sondern sie erzeugt kraftvolle Menschen. Sie sind stolz und trotzen dem Hunger, der Kälte und der Armut. Auch verbindet die ganze Sippschaft eine enge Zusammengehörigkeit. Es gibt die Liebe, aber sie bleibt verhalten und man spricht nichts aus.

Zarte Beobachtungen der Natur und der Vogelwelt sind von poetischer Schönheit. Man fühlt sich hautnah dem Winter, dem Schnee und der Kälte ausgesetzt.

Die Autorin hat es geschafft, eine magische Welt zu beschreiben. Der Leser bleibt bis zuletzt im Banne der Geschichte und ist fasziniert, wie aus jedem skizzierten Leben eine ganz eigene Geschichte entsteht.

Das schmale Bändchen mit nur 158 Seiten hat das Zeug zu einem wirklich großen Roman.

Hervorragend!

Monika Helfer
Die Bagage
160 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Februar 2020
ISBN-10: 3446265627
ISBN-13: 978-3446265622
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Kerstin Hensel: Regenbeins Farben

Kerstin Hensel: Regenbeins Farben

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Kerstin Hensel beschreibt in ihrer Novelle das Leben von drei Witwen und einem Witwer, die auf ungewöhnliche Weise zusammentreffen. Sie befinden sich auf einem Friedhof, wo die Gräber der verstorbenen Partner nahe beieinanderliegen. An- und abfliegende Flugzeuge bieten die gleichmäßige Begleitmusik zu dieser Friedhofsidylle.

Die Personen und ihre Geschicke reihen sich als Einzelschicksale aneinander, die dann aber kunstvoll miteinander in Verbindung gebracht werden.

Der Friedhof und der Tod vereinigen drei Frauen unterschiedlichen Alters und der Lebensart. Der scheue Galerist liefert die Essenz, mit der die Geschichte eine gewisse Brisanz gewinnt.
Irgendwie scheinen sich die Wege der vier schon zu Lebzeiten der Verstorbenen gekreuzt zu haben.
Sie werden jeder/jede in ihrer Art als schrullig und skurril beschrieben.

Karline Regenbein ist Malerin. Sie war bescheiden und lebte im Abseits, bis der verstorbene Fotograf Rüdiger Habich ihren Weg kreuzte und sich an ihr Leben dranhängte. Auch er ein merkwürdiger und ungewöhnlicher Mensch mit einer starken Neigung zur Selbstüberschätzung.

Eduard Wettengel, ein etwas kauziger Galerist, hat die Malerin entdeckt, und stellt seine Gallerie für Ausstellungen der Künstlerin zur Verfügung.

Ziva Schlott, emeritierte Kunstprofessorin, besucht auf dem Friedhof ihren verstorbenen Mann, und Lore Müller-Kilian ist die Frau des verstorbenen Kunstmäzens Kilian. Auch er liegt hier begraben.

Karin Hensel konstruiert aus diesen Figuren eine der Kunst zugewandte Gesellschaft.
Ihre Erzählung lässt die drei Witwen unterschiedlichen Alters recht zufällig aneinandergeraten. Sie sind auf den Galeristen fixiert, der alle drei hofiert.

Die Geschichte ist etwas bizarr und gelegentlich mit einer gewissen Komik ausgestattet, weil die Figuren so unterschiedliche und leicht extravagante Züge tragen.

Angesiedelt ist das Geschehen in der ehemaligen DDR. Es fehlt nicht an Hinweisen darauf.

Prof. Schlott ist Jüdin, was sich bei Gelegenheit einer Grabschändung herausstellt. Hier wurde mir die Geschichte ein wenig zu voll gepackt mit beziehungsreichen Geschichtsereignissen.

Kerstin Hensel schreibt amüsiert und erheiternd. Ihre Figuren sind jede in ihrer Art besonders, und die Autorin macht sich fast ein wenig lustig über sie. Auf jeden Fall sind der Tod und das Leben hier auf eindrucksvolle Weise vereint!

Kerstin Hensel
Regenbeins Farben
256 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag, März 2020
ISBN-10: 3630876013
ISBN-13: 978-3630876016
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Graham Swift: Da sind wir

Graham Swift: Da sind wir

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In diesem schmalen Roman geht es um drei Varietékünstler, die 1959, geprägt von den Kindheitserinnerungen im Zweiten Weltkrieg, in Brighton/ England zusammenfinden.

Jack ist Tanzkünstler und Initiator des Events. Ronnie ist Zauberer und Magier, und Evie ist seine Assistentin. Sie pflegen einen Sommer lang mit zunehmendem Erfolg Ihre Auftritte in Brighton.
Während Ronnie sich mit Evie verlobt, kann schließlich doch der charmante Frauenheld und Charmeur Jack ihre Liebe gewinnen. Im Alter von 79 Jahren erzählt sie aus der Rückansicht die Geschichte ihres Lebens, in dem Ronnie und Jack ihren festen Platz hatten.

Wie haben sie zusammengefunden?

Das erfahren wir, wenn wir uns näher mit ihrer Herkunftsgeschichte befassen. Am interessantesten und eindrucksvollsten sind die Erfahrungen von Ronnie. Er kam aus ärmlichsten Verhältnisse in London. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 musste sich seine verhärmte und unglückliche Mutter von Ronnie trennen, und ihn zu hilfsbereiten Menschen nach Oxfordshire ziehen lassen. Mit Kindertransporten wurden während des Krieges die Kinder in weniger gefährdete entfernte Orte verschickt. Einigen Kindern ging es schlecht, andere trafen es blendend. Ronnie kam zu äußerst liebenswerten Menschen, die ihn wie einen Sohn aufnahmen. Er hatte es sehr gut dort und bekam für sein Leben viel mit. U.a. erlernte er die Zauberkunst von Eric, dem “Ersatzvater“. Zum Ende des Krieges musste er zurück zu einer Mutter, die ihm als unglückliche, alte Frau begegnete.
Bald schon traf er Jack und heuerte Evie an, um sich mit seinen Zauberkünsten als Varietékünstler zu verdingen.

Was macht die Geschichte so reizvoll?

Es sind die vielen Details im Kleinen: die Trennung von seiner Mutter, die er zuerst noch schmerzvoll erlebt, um dann umso glücklicher bei den Ersatzeltern so sein. Dieses Glück beim Einzug in ein komfortables Haus, die duftenden Gardinen, die liebevolle Behandlung und das Zwitschern der Vögel im Morgengrauen sind atmosphärisch so eindringlich, dass man sich ganz zu dieser Idylle hingezogen fühlt. Ein staunender kleiner Junge erfährt das Glück!

Die Zauberei und die Magie in den Vorstellungen der drei geraten zu Glanzstücken der Beschreibung. Fiktion und Wirklichkeit liegen nahe beieinander. Der Reiz der Magie liegt darin, dass uns das Geheimnisvolle in der Zauberei erheitert, nachdenklich macht und uns eine schöne, entrückte Welt vorgaukelt, die voller Wunder steckt.

Neben dem Showbusiness sind die persönlichen Beziehungen der drei von ernsthafter und zu Herzen gehender Tiefe. Der Wechsel zwischen Magie und dem wirklichen Leben ist äußerst feinfühlig und anrührend beschrieben. Die poetischen Schilderungen lehren uns, dass Magie zuweilen scheinbar wie die Wirklichkeit daherkommt.

Graham Swift ist ein wunderbarer Erzähler. Er kann Geschichten erzählen, die wie im Märchen den Leser berühren und in Bann ziehen.

Man lese dieses Büchlein und genieße die Fiktion und erfreue sich zugleich am Leben!

Grajam Swift
Da sind wir
160 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, März 2020
ISBN-10: 3423282207
ISBN-13: 978-3423282208
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Elizabeth Strout: Die langen Abende

Elizabeth Strout: Die langen Abende

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Wie in zahlreichen vorangegangenen Romanen der Autorin Elisabeth Strout befinden wir uns wieder in Crosby, einer kleinen Stadt in Maine. Und wieder sind es die alltäglichen Ereignisse und die Kleinigkeiten des Zusammenlebens, die uns so anschaulich vor Augen führen, wie das Leben verläuft.

Olive Kitteridge ist eine pensionierte Lehrerin. Wir kennen sie schon aus dem Roman „Mit Blick aufs Meer“. Sie ist barsch mit sich und mit anderen, in der Regel kurz angebunden und weiß zu allem etwas zu sagen. Jack Kennison, ehemaliger Harvardprofessor, umwirbt sie, denn beide sind verwitwet und fühlen sich einsam. Die Kinder sind weit weg, und der Kontakt zu ihnen ist rar.
Sie sind die Hauptpersonen, um die sich nun das ganze Kleinstadtleben entfaltet. Zahlreiche weitere Protagonisten wie Kayley, die sich mit Putzen ein wenig dazu verdient, bevölkern die Erzählung. Nach dem frühen Tod des Vaters lebt sie mit ihrer strengen und freudlosen Mutter in einer kleinen Wohnung.

Elizabeth Strout fühlt sich tief in die Seelen ihrer Protagonisten ein. Sie kennt die Nöte, die Scham, und die Vergeblichkeit, mit denen ein jeder in seinem Leben zu kämpfen hat. Wie sie ihre Geschichte aufrollt, von einer Person zur anderen wandert, die Verbindungen knüpft und damit den Zustand einer ganzen Stadt atmosphärisch beschreibt, ist die ganz große Kunst der Autorin.

Insgesamt scheint hier ein Schleier der Vergänglichkeit über allem zu liegen. Die Kleinstadt, der Klatsch und Tratsch und das Einerlei der täglich sich abspielenden Tagesabläufe bringt wenig Hoffnung und gute Laune in das Geschehen. Kitteridge und Kennison sind um die 70, und folglich werden wir auch mit den letzten Jahren des Lebens, dem Seniorenheim und zuletzt dem Tod konfrontiert. Die Charaktere wandeln sich. Unter der rauen Schicht schlummern häufig empfindsame Seelen, denen das Leben Wunden geschlagen hat. Nichts jedoch scheint außergewöhnlich. Jedes Menschleben ist einmalig und jeder muss den letzten Weg alleine zu Ende gehen. Die kleinen Dinge des Lebens werden wichtig: ein schöner Sonnentag, ein Vogel am Fenster oder das Rauschen des Wassers. Die Figuren wachsen dem Leser ans Herz. Man fühlt mit ihnen und möchte sie auf allen Wegen begleiten.

Elizabeth Strout ist eine kluge Beobachterin und sprachgewandte Erzählerin, die uns tief in den Sog der beschriebenen Geschichten hineinzieht. So lebendig und klar weiß sie zu erzählen, dass einem die Tage wie im Roman schnell zu verrinnen scheinen.

Poetisch hinreißend beschrieben sieht man das Land und den See, an dem Crosby liegt; die Jahreszeiten im Wechsel geben dem Inhalt des Romans seinen besonderen Touch, so dass man sich fürwahr dort selber aufzuhalten scheint!

Elizabeth Strout
Die langen Abende
Luchterhand Literaturverlag, März 2020
ISBN-10: 3630875297
ISBN-13: 978-3630875293
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Jean Philippe Blondel: This is not a love song

Jean Philippe Blondel: This is not a love song

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Eine Reise in die Vergangenheit.

Vincent und Susan leben in London und sind gut situiert. In Paris haben sie sich kennengelernt, und Vincent, der nicht so recht wusste, wohin sein Leben steuert, ist mit Susan nach London gezogen. Inzwischen haben sie zwei kleine Töchter, und es sieht so aus, als seien sie glücklich.
Eines Tages bittet Susan ihren Mann um eine Auszeit. Sie will sich mit den Kindern bei ihren Eltern vom Alltag erholen und meint, Vincent könne doch einmal seine Eltern in Frankreich besuchen.

Widerwillig macht er sich auf den Weg. Seine Eltern sind schlichten Gemüts, und sein Bruder Jerôme ist ein Langweiler mit einer strengen Frau. Besonderer Schicksalsschlag: die beiden können keine Kinder bekommen.
Vincent ahnt nicht, wie ihn auf dieser Reise in die Vergangenheit seine Jugend nochmal einholen wird.

Er hatte in jungen Jahren einen Freund, mit dem er lange in einer Wohngemeinschaft vereint war. Etienne ist auf die schiefe Bahn geraten und in der Obdachlosigkeit gelandet. Bei seiner Heimkehr erfährt Vincent nach und nach von den Umständen, in denen seine Freundinnen und Freunde ihr Leben verbracht haben. Da gibt es Trennungen, Scheidungen und — Etienne. Nicht zuletzt aber auch Céline, seine Schwägerin, die ihm in aller Ehrlichkeit die Wahrheit über Etienne sagt.

Philippe Blondel hat ein feines Gespür für die Brüche im Leben seiner Protagonisten. Man wird hineingezogen in eine verwirrende Geschichte aus Hass, Liebe, Treue, Verführung, Schuld und Versagen. Freundschaften sind sang-und klanglos vergangen, und niemand hat sich weiter füreinander interessiert. Besonders Vincent hat sein altes Leben und die ungeliebten Eltern samt Bruder und Schwägerin hinter sich gelassen. Man fragt sich natürlich, ob nicht jeder das Recht hat, seinen eigenen Weg und das Glück zu suchen. Die besonderen Verwicklungen zwischen allen Beteiligten hier in der Provinz machen den Roman jedoch zu einem spannenden Leseerlebnis. Atemlos folgt man dem Geschehen, das immer neue Verstrickungen offenbart.

Fein ziseliert sind die Charaktere gezeichnet und einprägsam das Milieu, in denen ein jeder sich am Ende wiederfindet.

Lebenswege sind oft unglaublich in ihren Abläufen, und die hier beschriebenen lassen den Gedanken aufkommen, dass die Geschichte aus dem richtigen Leben stammen könnte.

Philippe Blondel gelingen seine Milieustudien hervorragend. Man kann die Lektüre nur empfehlen.

Philippe Blondel
This is not a love song
Goldmann Verlag, Juli 2017
ISBN-10: 3442485932
ISBN-13: 978-3442485932
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Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte

Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte

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Inkarnation eines Lebens im Bereich von Philosophie und Dichtung

Im folgenden Roman geht es um die Liebe zur Literatur und um Sprachen im weitesten Sinne.

Die Geschichte von Simon Leyland beginnt, als er gerade nach London zurückgekehrt ist, wo er das Haus eines Onkels geerbt hat. Wer Bücher liebt wird alsbald im Helden des Romans einen leidenschaftlich Literaturbesessenen finden. Er hat bereits einen Teil seines Lebens hinter sich, als er nach einer neuen Lebensstruktur sucht.
Als Junge hatte er die Schule verlassen und ist aus seinem Elternhaus in Oxford geflohen. In London verdingt er sich zum Ärger seines Vaters, eines angesehenen Wissenschaftlers, als Nachtportier in einem mittelklassigen Hotel. Sein Ziel sind „Wörter“.

Früh ist er dem Reiz von „Sprache“ verfallen. Hier scheint er seinem Schöpfer Pascal Mercier sehr ähnlich zu sein. Leyland will alle Sprachen lernen, die rund ums Mittelmer gesprochen werden. Neben seinem Job bemüht er sich erfolgreich, diesem Ziel nahezukommen. Es gelingt, und nach ersten Übungen verdient er sich seinen Unterhalt als Übersetzer.

Im weiteren Verlauf der Geschichte führt ihn sein Weg nach Triest, wo seine Frau Livia einen Verlag geerbt hat.

Durch eine Fehldiagnose war er vorübergehend ganz aus der Bahn geworfen worden. Sie hatte ihn mit seinem Lebensende konfrontiert.

Pascal Mercier lässt in seine Geschichte Wahrheiten und philosophische Erkenntnisse einfließen, die den Lebenslauf des Helden der Geschichte beleuchten.

Es gibt eine Handlung, und es gibt viele Personen, die in Leylands Leben eine Rolle spielen. Seine verstorbene Frau, seine erwachsenen und liebevoll ihm zugewandten Kinder,
Schriftsteller und Verleger, eine jede Figur hat ihren Platz in diesem Roman.
Personen geraten in Beziehung zu einander, sie verändern sich, und man befindet sich zuletzt auch im Roman fast am Ende des Lebens von Leyland. Er sucht den Weg zu einer eigenen Erzählung, um Schriftsteller zu werden.
Für den Leser wird es schwieriger, Fiktion und Wirklichkeit, den Roman im Roman, auseinander zu halten. Leyland erkennt, dass sich die Gedanken seiner Romanfigur, des pensionierten Lehrers Fontaine, mit seinen eigenen Gedanken vermischen: „Ich mache keine neuen Erfahrungen mehr mit mir“ lässt Leyland ihn sprechen oder „Meine Seele ist meines Lebens überdrüssig“.

Eines verbindet alle Personen in diesem Roman: Sprache, Wörter und die Faszination der Literatur in allen Formen.
Weisheiten und Reflexionen bieten vielfältige Angebote, sich selber mit philosophischen Fragen des Seins zu beschäftigen.

Pascal Mercier, pensionierter Philosophieprofessor der FU in Berlin, hat bereits mit seinem Roman „Nachtzug nach Lissabon“ und unter seinem richtigen Namen Peter Bieri „Eine Art zu leben“ Furore gemacht.

Sein neues Buch ist ebenso faszinierend wie einfühlsam geschrieben. Leyland steht für die hoch sensible Reflexion einer langen Lebensbetrachtung.
Pascal Mercier zeigt sich erneut als außergewöhnlicher Erzähler, den die Leidenschaft für Sprache, Wörter, Dichtung und Philosophie tief durchdrungen haben.

Pascal Mercier
Das Gewicht der Worte
576 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, 2. Auflage, Januar 2020
ISBN-10: 3446265694
ISBN-13: 978-3446265691
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Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht

Jan Costin Wagner: Sommer bei Nacht

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Ein unheimlicher Mann hat einen kleinen Jungen an einem schönen Sommertag mit einem Teddy aus einer Versammlung freundlicher Flohmarktverkäufer weggelockt und in sein Auto verschleppt. So beginnt der Roman von Jan Costin Wagner. Er mündet in eine psychologisch profunde Studie.

Wie geht es weiter?

In Wiesbaden findet im Hof einer Schule ein Flohmarkt statt. Lange Tische und zahlreiche Menschen bevölkern den Platz im hellen Sommersonnenschein.
Die Mutter des kleinen Jungen war nur einen Moment weg. Zuerst langsam, dann immer aufgeregter suchen Mutter, Schwester und Bekannte nach Jannis.
Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Ein großer Teddy ist zurückgeblieben. Er gehörte nicht ihm. Er wurde jedoch mit einem gleichgearteten Teddy weggelockt.

Schließlich wird die Polizei eingeschaltet.
Die zwei Hauptermittler Ben und Christian machen sich auf die Suche. Man recherchiert, wälzt Akten und sucht nach gleich gearteten Fällen und wird tatsächlich fündig.

Vor Jahren schon wurde auf gleiche Weise ein Söhnchen griechischer Einwanderer entführt und nie mehr aufgefunden.
Bemerkenswert sind von nun an die Assoziationen und Gedanken der beiden eingeschalteten Kommissare, wie sie uns Jan Costin Wagner nahebringt.
Sie bewegen sich zuweilen wie im Traum und sehen die Szenen der Entführungen vor ihrem inneren Auge ablaufen. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Gespräche zwischen ihnen, den Vorgesetzten, zwischen der Familie des kleinen Jannis und vielen mehr wird in einzelnen Passagen aufgeblättert. Überschrieben mit den Namen der Hauptbeteiligten steht jeweils eine Figur im Fokus. Unweigerlich bekommt man Einblicke in die Charaktere aller Beteiligten, und es tun sich Abgründe auf, wenn man den inneren Zuständen der Personen näherkommt.

Jeder Mensch hat seine Geheimnisse. Und jeder Mensch verbirgt geheime Gedanken, Sehnsüchte und Wünsche, Ängste, Trauer und Gefühle der Einsamkeit. An diese heranzukommen versucht Jan Costin Wagner mit seiner subtilen Methode, den Wegen, Träumen und Gedanken der Protagonisten auf die Spur zu kommen. Er beobachtet sie wie im richtigen Leben, indem er Regungen, Bewegungen, Stimmungen bei Sonne und Dunkelheit verfolgt. Wagner überlässt es dem Leser, aus seinen Beobachtungen Schlüsse zu ziehen, was, wer, wann und wo mit den Entführungsfällen zu tun hat. Dieses ungefähre Wabern zwischen den einzelnen Figuren und ihren Gedanken und Gefühlen gibt dem Ganzen einen tiefenpsychologischen Touch, der den Roman so anziehend und faszinierend macht.

Man fühlt sich ganz in den Sog der Geschichte hineingezogen.
Jan Costin Wagner hat seine Psychostudien so lebensnah konstruiert, dass sie dem wahren Leben gleichen.
Das Werk ist literarisch und inhaltlich von ausgezeichneter Qualität. Man kann es nur wärmstens empfehlen.

Jan Costin Wagner
Sommer bei Nacht
320 Seiten, gebunden
Galiani-Berlin, Februar 2020
ISBN-10: 3869712082
ISBN-13: 978-3869712086
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Michael Kumpfmüller: Ach, Virginia

Michael Kumpfmüller: Ach, Virginia

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In dem hier vorliegenden biographischen Roman geht es um das letzte Lebensjahr von Virginia Woolf.

Wir haben das Jahr 1941. Der Zweite Weltkrieg steckt in einer beängstigenden Phase, und Fantasien von einer Invasion mit schrecklichen Folgen bedrängen V. Woolf.

Michael Kumpfmüller hat die besondere Gabe, sich ganz in seine Hauptfigur hineinzuversetzen. Aus ihren Gefühlen und Empfindungen heraus berichtet er über innere seelische Befindlichkeiten wie keiner nach ihm.

Nach seinen Darstellungen erscheint uns Virginia Woolf als eine hypersensible, dramatische und krankhaft ichgestörte Person. Aus ihrer Lebensdaten geht hervor, dass sie an manisch- depressiven Zuständen litt.

Sie denkt nur über ihre eigene Unzulänglichkeit nach und beklagt ihre mangelnde Fähigkeit, einen achtbaren Roman zu schreiben. Insgeheim bewegt sie die ganze Zeit die Möglichkeit zu einem erfolgreichen Suizid.

Männer scheinen ihr ein Gräuel gewesen zu sein, einschließlich ihr eigener Mann Leonard.

Sie wird getrieben durch die Gedanken, in denen sie sich fast masochistisch klein macht, und die sie umkreisen und ihr den Schlaf rauben. Leonard ist dauernd um sie und sorgt für ihr leibliches Wohl. Sein eigenes Wohl geht in der Fürsorge für seine Frau ganz unter.

Ihre selbstverachtende Mentalität bietet ihr nirgends inneren Frieden. Schuldgefühle, ihrem Mann keine gute Ehefrau zu sein, treiben sie um. Visionen und Einbildungen täuschen eine Realität vor, die es so nicht gibt. Zuweilen wechseln Wachträume mit Ängsten aller Art. Und immer wieder treibt sie ihr Tun zu dazu, sich ihren Suizid im Fluss vorzustellen, was ihr zuletzt auch gelingt.
Fast kann man ihren Lebensüberdruss verstehen. Allerdings sind die Mitgefühle ambivalent, da sie so eine manisch vom eigenen Ich besessene Person gewesen zu sein scheint, die alle anderen Menschen nur im Bezug zu sich selbst betrachtet.

Michael Kumpfmüller schreibt assoziativ ganz aus der Innenschau seiner Figur. Diese wabernden Gefühle, Gedanken und Fantasien gewinnen an Intensität und Farbigkeit. Stimmungen werden nachvollziehbar und stecken fast an in ihrer düsteren Besessenheit.

Der Autor begibt sich so sehr in den inneren Seelenzustand seiner Protagonistin, dass man sich quälend selbst betroffen fühlt.

Es ist eine bedrückende Szenerie, die sich dem Leser da auftut; und doch ist Virginia Woolf in ihrer Erscheinung, ihrer intellektuellen Brillanz und in ihrem exotischen Auftreten ganz präsent. Sie hatte Wirkung auf die Frauenbewegung und Emanzipation und war eine allseits anerkannte Persönlichkeit. Man kann sich sehr gut vorstellen, wie sie am Leben litt. Dieses Bild von ihr bringt der Autor mit seinem tiefen Einfühlungsvermögen hervorragend zu Geltung. Michael Kumpfmüller ist ein anerkannter Schriftsteller, dem schon zahlreiche hervorragende Lebensbilder gelungen sind. Einer seiner Bestseller gilt dem letzten Jahr von Franz Kafka mit dem Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“.

Michael Kumpfmüller
Ach, Virginia
240 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, Februar 2020
ISBN-10: 3462049216
ISBN-13: 978-3462049213
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Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

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Was für eine wunderbare, zarte und bezaubernde Geschichte liegt uns hier vor!

Man ist schon nach den ersten Zeilen gefangen und kann sich dem Sog dieser Erzählung nicht entziehen.

Addie Moore ist eine Witwe von 70 Jahren. Sie geht eines Tages zu Louis Waters und macht ihm einen Vorschlag: ob er nicht nachts bei ihr schlafen möchte, denn sie fühlt sich einsam.
Sie könnten sich immer etwas erzählen vor dem Einschlafen

Louis ist ebenfalls Witwer und 70 Jahre alt.

Er traut seinen Ohren kaum, und kann sich nicht vorstellen, wie das vor sich gehen soll.
Sie leben in Holt, einem kleinen Städtchen in Colorado. Jeder kennt jeden und geklatscht wird viel.
Nun, Addie ist eine unabhängige und selbstständige Frau, die keine Risiken scheut. Das Gerede der Nachbarn ist ihr so wie so egal.

Also beginnt diese Geschichte mit einem teils zarten aber doch bestimmten Antrag ihrerseits.

Er geht zum Frisör und trifft Vorbereitungen, die ihn adrett und sauber eines Abends bei ihr erscheinen lassen. In einer Papiertüte bringt er Pyjama und die Zahnbürste mit.

Schüchtern steigen sie zu Bett und beginnen, sich ihre Lebensgeschichten zu erzählen.

Ihre jeweiligen Ehen und der Gang der Dinge von Beginn an bieten genügend Stoff für lange Abende und kurzweilige Erzählungen.

Der Klatsch und Tratsch blüht, doch Addie und Louis meistern das Gerede mit überzeugender Schlagfertigkeit.

Die nächtlichen Verabredungen gehen in gemeinsame Unternehmungen und abwechslungsreiche Zusammenkünfte über.

Wie das Leben so spielt, bleibt nicht alles dabei. Das Ende bringt kein happy end. Melancholisch, zu Herzen gehend und zart, wie die Geschichte beginnt, so endet sie auch.

Diese wunderbare Erzählung entführt einen in die Welt des Alterns, der Vergänglichkeit und kleinen Hoffnungen, die doch das Leben erst lebenswert machen. Liebevoll werden die handelnden Figuren beschrieben, und malerisch sind die Orte, die man aufsucht, und wo man seine kleinen Abenteuer erlebt. Der Leser meint sich auf den Feldern und Wiesen bei Sonnenschein und Regen wiederzufinden. Dieses Miterleben macht den kleinen Roman so liebenswert.

Kent Haruf ist ein mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter Erzähler, dem man gerne in seine
Welt des kleinbürgerlichen Alltags in Amerika folgt. Er starb bereits 2014.

Die Geschichte ist sehr empfehlenswert!

Kent Haruf
Unsere Seelen bei Nacht
208 Seiten, gebunden
Diogenes, März 2017
ISBN-10: 3257069863
ISBN-13: 978-3257069860
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James Wood: Upstate

James Wood: Upstate

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Worum geht es in diesem Roman?
Alan Qirry ist ein alternder Unternehmer, der in England lebt.
Er hat zwei Töchter, Helen und Vanessa, die längst in Amt und Würden ihr eigenes Leben führen.
Helen ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Vanessa ist eine leicht unglückliche Person, die als Philosophieprofessorin in Amerika lebt und arbeitet.

In langen Passagen erfahren wir Alans Gedanken zu seinem Leben, seiner Vergangenheit und seine Gedanken zur Gegenwart. Er ist immer noch erfolgreich in Beruf als Immobilienmakler. Cathy hat ihn vor langen Jahren verlassen, sehr zum Unglück seiner Kinder. Inzwischen ist sie verstorben. Seine zweite Frau Candace spielt in seinen Gedanken kaum eine Rolle.
Es sind Reflexionen zu gelebtem Leben, zur Gegenwart und Zukunft.
Alan beschreibt in seinen Gefühlen die Strassen und Orte seines Lebens und gibt sich seinen Erinnerungen an die Vergangenheit hin. Dabei überkommt ihn so mancher elegische Augenblick.
Er ist besorgt, als Helen ihn bittet, mit ihm nach Amerika zu fahren, weil sie den Eindruck hat, dass Vanessa in einer Krise steckt. Es wäre nicht ihre erste!
Upstate liegt nördlich von New York. Es ist Winter und die Strassen sind verschneit, so dass die Stimmung auch von der Düsternis des Winters mitbestimmt wird.

Die genaue und sensible Beobachtung aller Geschehnisse; die Stimmungen zu Ort und Wetter bestimmen das Leben in Saratoga Springs. Es passiert nichts Aufregendes. Die nachdenklichen Betrachtungen teilen sich dem Leser mit und faszinieren, weil man sich in diesen Gefühlen dem Erzähler verbunden fühlt.
In den Dialogen zwischen Helen, dem Vater und Vanessa spürt man sehr unterschiedlichen Charakteren nach. Warum ist Helen zu lebendig und lebensfroh und Vanessa zu schwermütig? Alan versucht, all’ dem auf die Spur zu kommen. Er ist voller Sorgen um Vanessa, die sich sehr in einen jüngeren Mann verliebt hat.
Josh ist ein lieber Kerl, der sich den ängstlichen Forderungen von Vanessa nach Nähe und Geborgenheit nicht gewachsen fühlt. Zaghaft bittet er Alan um Hilfe, weil er sich insgeheim von Vanessa erdrückt fühlt und eher eine Trennung ins Auge fasst. Alan aber traut sich nicht, Vanessa auf diese Trennung vorzubereiten.
Die Verstrickungen aller Personen in die ungeklärten Verhältnisse sind vielfältig und bedrückend: Helen, die sich entzieht und Alan, der standhält. Gleichzeitig ist man fasziniert und irritiert von den Gefühlen aller Personen, die so nachvollziehbar sind.
James Wood hat ein feines Gespür für die innersten Gefühle seiner Protagonisten. Er versteht es ausgezeichnet, diesen inneren Monologen und Gedanken in beredten Worten Ausdruck zu geben.

Es ist eine tiefgründige und anrührende Geschichte, die einen ganz eigenen Sog ausübt, so dass man von der Geschichte nicht lassen kann.

James Wood
Upstate
304 Seiten, gebunden
Rowohlt Buchverlag, Dezember 2019
ISBN-10: 3498074067
ISBN-13: 978-3498074067
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