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Autor: Claudine Borries

Präludium für Josse

Präludium für Josse

Dieses Buch ist ein kleines Meisterwerk, unaufdringlich und bescheiden.

Angesiedelt ist die Geschichte in einem kleinen Ort in Niedersachsen.

Eine zarte Beziehung beginnt zwischen dem sechzehnjährigen Holtes und der Abiturientin Josse.
Sie lernen sich über die Musik und insbesondere die Musik von Bach kennen. Josse spielt Orgel und wird bald mit einem Studium der Kirchenmusik beginnen.

Holtes und Josse nutzen ein paar freie Tage in den Sommerferien, um eine Reise nach Lübeck auf den Spuren Bachs zu erleben.
So beginnt eine bezaubernde Liebesgeschichte zwischen den beiden. Zart, zurückhaltend und unspektakulär wandern sie durch die sommerliche Natur, beobachten die Landschaft, die Tiere und Pflanzen und nächtigen auf freiem Feld im Schlafsack, bestenfalls noch unter einem Igluzelt.
Holtes traut sich nur sehr zaghaft, seinen Gefühlen für Josse Ausdruck zu verleihen.

Sie besuchen Kirchen in Lüneburg und Lübeck, und Josse darf sogar einmal auf einer Orgel in Lübeck spielen.

Ihre Jugend und die Musik von Bach gestatten den beiden einen unverbildeten und vorsichtig tastenden Blick in die Zukunft und auf die Welt der Erwachsenen.

Der Großvater von Holtes, sein schwieriger Vater, die verständnislose Mutter, die Familie von Josse: sie alle bilden den Rahmen für eine Erzählung, in der sich Kinder aus der Welt der Erwachsenen entfernen, um ihren eigenen Weg zu suchen.

Als der Sommer zuende geht, zieht Josse nach Freiburg zum Studium und Holtes muß weiter die Schule besuchen.
Der unwiederbringliche Augenblick erster Annäherung und Liebe ist vorbei.
Holtes hängt in melancholischen Erinnerungen den vergangenen Sommertagen nach.

Für mich war das Buch voller poetischer Feinheiten und nachdenklicher Reflexionen über den Beginn des Erwachsenwerdens.

Snorre Björkson
Präludium für Josse
Erste Liebe im Zeiichen der Musik von Bach
ISBN:3351030851
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Die Rebellin

Die Rebellin

Peter Prange hat nach seinen Erfolgsromanen Die Principessa und Die Philosophin erneut einen Unerhaltungsroman mit historischem Hintergrund geschrieben.
Dass es sich um die leichte Muse der Unterhaltung handelt, soll hier nicht verschwiegen werden.
Dieses Mal geht es um die technische und industrielle Entwicklung in der Mitte des 19. Jahrhundert in England.

Die Rebellin ist die Tochter eines hoch gekommenen Gartenbauingenieurs in England, der in höchste Kreise gerät und eine grandiose Weltausstellung plant. In ihr sollen alle technischen und wirtschaftlichen Errungenschaften des Zeitalters ausgestellt und gefeiert werden.

Emily ist diese Tochter von Joseph Paxton, eben jenem Gartenbauingenieur, und seiner Frau Sarah. Emily wird die wichtigste Ratgeberin ihres Vaters, die ihn zu immer neuen Erfolgen ermutigt und ihn bei seinen Plänen unterstützt.

In diesen neuen Zeiten gibt es revolutionären Aufruhr und soziale Rebellionen in England ebenso wie anderswo.

Emily hatte einen Jugendfreund Viktor, der aufgrund seiner Herkunft in eine Rolle als Aufrührer und Sozialrevolutionär hinein geraten ist. Sie waren als Kinder befreundet. Später wächst ihre Freundschaft und wird zu einer großen Liebe, die jedoch vielen Anfechtungen ausgesetzt ist.

Anhand der Figur von Emily entwickelt Prange seine These von der Rebellion gegen Herkunft, Tradition und Verlogenheit einer Klasse, der es nur um den eigenen Vorteil geht auch unter Preisgabe von Mitmenschlichkeit gegenüber den Schwächsten in der Gesellschaft.
Es ereignen sich eine Menge Verwicklungen, kriminelle Machenschaften und Liebesaffären.
Das Sitten – und Sozialgemälde, das Peter Prange zeichnet, ist lebendig, realitätsnah und liest sich spannend. Für ruhige Schmökerstunden ist der Roman sehr geeignet.

Peter Prange
Die Rebellin
Geschichte im Kleid der leichten Muse
ISBN:3426631601
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Brennendes Eis

Brennendes Eis

Dieser Roman ist auf den ersten Blick äußerst bedrückend.
Er handelt auf weiten Passagen von der menschlichen Niedertracht.
Es geht um eine Sozialstudie weit hoch im Norden Kanadas, wo das Leben rau ist und die Menschen unter ärmlichsten Bedingungen arbeiten und hausen.
Sidney, einer der Hauptprotagonisten, hat als Junge im Streit einen Freund von Dach gestoßen. Er schwört, wenn dieser den Sturz überlebt, keinem Menschen je wieder Gewalt anzutun.
Der Freund hat ihn nur gefoppt und steht munter wieder auf, Sidney aber hält sich an seinen Schwur.

Sidney liest und bildet sich, wird aber von niemandem gefördert. Er ist ein guter Mensch, der eine sehr schöne Frau findet, die von vielen begehrt wird.
Sie bekommen Kinder, leben aber bedürftig und arm von harter Arbeit. Das Geld reicht nie.

Bei der schweren Arbeit in den Wäldern und beim Brückenbau geschehen merkwürdige Dinge.

Es zieht sich ein Spinnenetz von Intrigen um Sidney zusammen, dem viele die Frau nicht gönnen, und der in seiner Einfachheit, Gradlinigkeit, Hilfsbereitschaft und in seinem Großmut als Außenseiter gilt. Er beteiligt sich nicht an einer Männergesellschaft, die trinkfest, gewalttätig und betrügerisch nur auf den Überlebenskampf des Stärkeren aus ist. Seine Frau, sein Sohn Lyle und seine Tochter sind infolge des Außenseitertums des Vaters den Hänseleien von Kindern und Erwachsenen ausgesetzt.

Sidney gerät in die Schusslinie von Kriminellen, die ihn anschwärzen und in Verdacht zu Gewaltverbrechen bringen. Wie es in so kleinen Kommunen zuweilen geschieht, wird er zum Verfemten und das Schicksal nimmt allmählich einen schrecklichen Verlauf.

Lyle, Sidneys Sohn, beobachtet lange die Wehrlosigkeit seines Vaters und begreift sie nicht. Zuletzt wird er selber zu einem Aufsässigen: er betrügt, trinkt und ist hin und her gerissen zwischen der Liebe zu seinen Geschwistern, seiner Mutter und zu seinem wilden Leben. Den Vater verachtet er und versteht ihn nicht.

Die Geschichte gewinnt weiter an Dynamik und zeigt ein kleines Gemeinwesen, in dem nur die Macht des Stärkeren gilt und in der die niedrigsten Instinkte zum Überlebenskampf geweckt werden.

In dem Buch ist von Armut, Not, Hass aber auch von treuer Liebe die Rede. Dass daneben ein fast kriminaler Spannungsbogen die Geschichte zusammenfügt, macht den Roman zu einem äußerst spannenden Leseerlebnis.

David Adams Richards
Brennendes Eis
Sozialstudie aus einem fernem Land
ISBN:3100101103
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Der vollkommene Schmerz

Der vollkommene Schmerz


In diesem umfangreichen Familienepos breitete Ugo Riccarelli die ganze Epoche der politischen Wirren von Beginn des 19. Jahrhunderts über den ersten Weltkriegs bis zum Ende des zweiten Weltkriegs in Italien vor uns aus.

Ein junger Freiheitskämpfer, hier als Maestro bezeichnet, kommt zu Beginn des 19. Jahrhunderts in die Toskana und verliebt sich in eine junge Witwe, die den tragischen Tod ihres Mannes zu verwinden trachtet.
Sie leben in freier Liebe zusammen, was milde belächelt und geduldet wird von den Mitbewohnern des Dorfes, weil die große, sanfte Liebe zwischen den beiden gesehen wird.

Daneben gibt es eine reaktionäre und später faschistische Familie mit vielen Abkömmlingen, die in vielerlei Verzweigungen in Hass und Liebe, aber auch Verrat und Totschlag mit einander verbunden sind.

Wie bei Romeo und Julia treffen die jüngsten Abkömmlinge dieser beiden so verschiedenen Familien am Ende in Liebe auf einander und bilden das Ende des langen Reigens von Verwandtschaftsbeziehungen. Natürlich wird diese Liebe nicht geduldet.

Dass es um die Liebe geht, um die Fortpflanzung, um Krieg, Lebenserwerb und Frieden; es bleibt nichts ausgespart, um einen Eindruck von der Geschichte jener Zeit zu vermitteln.

In einem wundersamen Singsang entwickelt sich die Erzählung. Es gibt Träume und Visionen, und es gibt handfeste Verfolgungen und Todesfälle.
Die liebenden Frauen sind die sanften, aber auch duldsamen Wesen, die das Leben forttragen.

Die Sympathien des Autors ruhen für mich eindeutig auf den Rebellen und Aufständischen, die den Sozialismus herbeisehnen. Die andere Familie besteht aus den Geschäftemachern, teilweise skrupellos und gerissen und verbissen in den eigenen Vorteil, ohne Scheu und jede Moral außer Acht lassend.

Der vollkommene Schmerz: das ist das immer wieder kehrende Motto, mit dem Geburt und der Verlust durch Trennung, Verfolgung oder Tod geliebter Menschen erduldet werden muß. Das Glück, die Liebe, die Schönheit und ihre Vergänglichkeit, der Kummer und der Schmerz, auch so häufig der Hass zwischen den Menschen, bilden die Kernpunkte in den Aussagen des Romans.

Man versinkt beim Lesen in diese Welt, und meint doch zu spüren, wie der Kreislauf des Lebens von der Geburt bis zum Tod ein irgendwie immer gleicher ist, nur unterschieden durch die Zeit, die Stunde und die Art des Todes.

Ugo Riccarelli
Der vollkommene Schmerz
Ein schöner Familienroman aus Italien
ISBN:552053875
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Kommt ein Mann ins Zimmer

Kommt ein Mann ins Zimmer

Kommt ein Mann ins Zimmer Rowohlt
ISBN: 349803524X

Dieses ist die seltsame Geschichte von Samson Greene.

Er wird eines Tages verwirrt in der Wüste von Nevada aufgefunden, und man entfernt ihm einen Tumor aus dem Gehirn.
Seither hat er keine Erinnerung mehr an das, was nach seinem 12. Lebensjahr geschah.

Er wird von seiner Frau Anna nach New York zurückgeholt. Er weiß gar nicht, wer sie ist. Sie ist ihm ebenso fremd wie seine Stelle als Anglistikprofessor an der Universität. Man entlässt ihn gnädig aus dem Dienst, da man mit ihm nichts mehr anzufangen weiß.
Anna hofft und wartet, dass es ein Erkennen oder eine Nähe geben könnte. Es ist umsonst. Sie liebt ihn, kann aber seine Erinnerungen nicht wecken. Der ständige Druck auf Samson, dass er sich doch erinnern möge, ist ihm lästig und macht ihn unsicher.
Eines Tages wird Samson von einem Hirnforscher in Nevada aufgefordert, an einem wissenschaftlichen Experiment teilzunehmen. Er nimmt die Einladung freudig an.
Nun beginnt eine abenteuerliche Reise mit den sonderbarsten Begegnungen und Ereignissen. Es ist ein skurriles Aussteigerleben, das Samson da führt. Verrückte Gestalten bevölkern seinen Weg.
Was bleibt von alle dem?

Es ist die Einsicht, dass uns Gewohnheiten und Erinnerungen an Gelebtes zu sozialen Wesen machen. Eine tiefe, schmerzliche Einsamkeit bricht bei Samson immer wieder hervor, und macht ihn zu einer traurigen und verlorenen Gestalt.
Dass das Buch dennoch kein nur trauriges ist, liegt an den humorvollen und skurrilen Einfällen, mit denen Nicole Krauss die Gefährten auf dem den Weg des unglücklichen Professors schildert.
Mit ihrem zweiten Buch aber, Die Geschichte der Liebe, hat Nicole Krauss dieses Buch bei weitem übertroffen.
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Die Habenichtse

Die Habenichtse

Es handelt sich in diesem Buch um eine düstere und unterschwellig dramatische Geschichte.

Jakob und Isabelle, die zwei Hauptprotagonisten, treffen sich zehn Jahre nach ihrer ersten Begegnung an einer Universität am 11. September 2001 in Berlin, wo beide tätig sind. Er ist Rechtsanwalt und sie Grafikerin. Er ist mit der Rückübertragung von Vermögensangelegenheiten betraut, die sich nach dem Krieg und dem Fall der Mauer ergeben haben.

Der Tag des 9.11. bildet einen Markstein im Fühlen und Denken vieler Bürger der westlichen Hemisphäre.
Eine Art Düsternis liegt seitdem über den Ländern und großen Städten, weil sich tiefe Unsicherheit darüber breit macht, wie wir ohne Angst und Not nun weiterleben werden. Diese Not zeigt sich auch im Verlauf der weiteren Geschichte.

Isabelle und Jakob verlieben sich und heiraten. Die Liebe zwischen den beiden wirkt lau und wenig überzeugend. Es sieht so aus, als ginge es ihnen um Geborgenheit und Zugehörigkeit zu einander mehr als um die große Liebe.

Jakob bekommt eine Stelle in London, da der dafür ausersehene Kollege bei dem Anschlag auf das WTC in New York ums Leben gekommen ist.

Jakob und Isabelle beziehen ein kleines Häuschen in einer nicht ganz so feinen Gegend Londons.

Als Parallelgeschichte dazu figurieren Jim, Ben, Albert und Jims Freundin Mae, die aber verschwunden ist. Diese Personen agieren im kriminellen Milieu in London.

Während Jakob mit seiner Arbeit und seinen Kollegen, die aus dem homosexuellen Milieu stammen, beschäftigt ist, entfernen sich Isabelle und Jakob innerlich sehr weit von einander.
Allmählich gewinnt die Geschichte eine fast surreale Dimension: Isabelle verliert sich an Jim, den Dealer und Kriminellen.
Es wechseln die Orte und die Gesprächspartner. Manche Szenen erscheinen wie ein Traum, in anderen wieder geht es grausam bis realistisch zu.
Die ganze Erzählung hindurch spürt man Trostlosigkeit und Leere. Es scheint so, als lebten die Personen von Augenblick zu Augenblick ohne wirklich langfristige Perspektiven oder Lebensziele.

Das ist m.M. nach die Kunst von Katharina Hacker: sie hat eine Stimmung eingefangen, wie sie sich erst nach dem 11. September mit allen ihren wirtschaftlichen Konsequenzen und allgemeinen Daseinsfragen durch die weltpolitischen Veränderungen zugleich mit dem Ende des kalten Krieges bei vielen Bürgern in unserer westlichen Welt eingestellt hat.
Es gibt keinen festen Halt, es gibt keine sicheren Daseinsformen; wir sind einer Zeit der Unsicherheit ausgesetzt, die neu ist. Traditionen und Familiensicherheiten sind z.T. verloren gegangen.
Ich war fasziniert und abgestoßen zugleich: von einer heilen Welt kann man sich nach diesem Buch endgültig verabschieden. Es ist dennoch ein großartiges Buch, intelligent ausgedacht, scharf in der Beobachtung, in einem wunderbaren Stil geschrieben, anspruchsvoll und absolut überzeugend in der Darstellung unserer heutigen Welt, in der sich die Konturen zwischen den gesellschaftlichen Strukturen verwischen.

Katharina Hacker
Die Habenichtse
Eine neue Zeit nach dem 11.September 2001
ISBN:3518417398
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Die besten Beerdigungen der Welt

Die besten Beerdigungen der Welt

Eine unbefangene Einstellung zu Tod und Sterben zeichnet das Leben von Kindern aus. So manches Kind hat Oma oder Opa durch den Tod verloren, und Fragen nach dem woher und wohin bewegen die lieben Kleinen.
In diesem wunderschön illustrierten Buch spielen Kinder Beerdigung.
Angefangen bei der toten Hummel, über die Maus bis zu einem toten Hasen,– alles wird zur Feier von Beerdigung und Trauerritual gesucht und der Feierlichkeit unterzogen.
Abgelauscht der Erwachsenenwelt wird gesungen, gedichtet, beerdigt und mit Holzkreuz und Namen versehen , wie sich das gehört, für alles, was da so kreuchte und fleuchte und nun tot ist und auf die Beerdigung wartet.
In dieser Geschichte kann sowohl über Angst gesprochen werden, als auch die Benennung von Trauer und Tod geübt und gespielt werden.
Kinder haben eine ausgewogene Einstellung zu Tod und Sterben und was heute noch traurig macht, das ist morgen vergessen und das Leben geht weiter.
Die Kinder sind sehr lebendig dargestellt in ihrer Phantasie, mit der sie das Beerdigungsspiel betreiben. Sie eignen sich damit spielerisch etwas von der täglichen Realität unseres Lebens an.
Die Zeichnungen sind wunderschön und ansprechend, die Geschichte teils spaßig und teils traurig, wie das Leben eben so spielt.

Dieses Buch ist sehr geeignet für Kinder ab 6 Jahren.
Kleinere Kinder hielte ich für überfordert, zu begreifen, was dieses Buch uns sagen will.

Ulf Nilsson Eva Eriksson
Die besten Beerdigungen der Welt
Eine schöne Bilderbuchgeschichte
ISBN:3895651745
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Aussicht auf bleibende Helle

Aussicht auf bleibende Helle

In ihrer unnachahmlichen Leichtigkeit, mit der Renate Feyl sich schon anderen Frauen der Geschichte und der Romantik zugewandt hat, beschreibt sie hier das Leben der Sophie Charlotte ( geb. 1668) , der Frau von Friedrich dem III, später als König Friedrich der Erste von Preußen aus dem Hause Hohenzollern in die Geschichte eingegangen.
Charlotte ist eine junge 16 jährige Prinzessin aus dem Haus des Kurfürsten von Hannover, als der früh verwitwete und nur zehn Jahre ältere Friedrich von Preußen um ihre Hand anhält.
Zwischen den beiden herrscht zu Beginn eine große und aufrichtige Liebe. Aus der Ehe geht ein Sohn hervor, Friedrich Wilhelm von Preußen.
Als sich Friedrich zum König von Preußen krönen lässt, wird er zu einem putz – und ruhmsüchtigen Manne, der streng auf Etikette und Äußerlichkeiten achtet. Seine Frau kann dem nichts abgewinnen.
Charlotte hatte schon im Hause ihres Vaters zu Hannover den berühmten Mathematiker und Philosophen Leibniz kennen und schätzen gelernt.
Sie holt ihn nach Berlin, um mit seiner Hilfe eine Akademie der Wissenschaften zu gründen. Charlotte erweist sich als intelligente, gebildete und aufgeschlossene Frau, die in Leibniz einen ebenbürtigen Gesprächspartner gefunden hat. Sie fördert ihn mit allen Kräften. Zwischen beiden entwickelt sich eine geistig- erotische Beziehung, von Leibniz auch als mariage mystique bezeichnet. Er ist tief entzückt und hingerissen von ihr. Sie ihrerseits schätzt seine Bewunderung und labt sich im Rummel des Hoflebens, das ihr nicht immer zusagt, an den gemeinsamen Gesprächen mit ihm. Oft provozierend, kokett und intelligent reizt sie den Philosophen zum Nachdenken und immer klareren Aussagen.
So gibt es hinreißende Gesprächspassagen, voller Gedankenschärfe und tiefgründigen Aussagen beider Partner.
Renate Feyl ist eine wunderbare Erzählerin, die den richtigen Ton und die richtigen Worte findet, um eine Zeit zu beschreiben, die uns heute weitgehend entrückt ist.

Eine Zeittafel zur Geschichte fehlte zu meinem Bedauern.

Für mich macht Geschichte in dieser romanhaften Nacherzählungsform Sinn, weil mir die längst vergangenen Zeiten, die doch Vorläufer immer auch unserer heutigen Geistesgeschichte sind, auf diese Weise lebendig werden. Es war ein Vergnügen für mich, dieses Buch zu lesen.

Renate Feyl
Aussicht auf bleibende Helle
Zurück in ein anderes Jahrhundert
ISBN:3462037129
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Tief im Hirn

Tief im Hirn

Helmut Dubiel ist Professor der Soziologie und lehrt in Deutschland und Amerika.
Helmut Dubiel ist krank.
Zunächst weiß er es nicht. Er rätselt über merkwürdige Muskelunregelmäßigkeiten, die er an sich beobachtet.
Steifigkeit der Gelenke, unkontrollierte Bewegungen und unerklärliche Missempfindungen, sowohl körperlicher als auch psychischer Art, machen ihm zu schaffen.
Langsam tastet er sich an die Symptome heran, indem er in Büchern nachsucht: ist es Parkinson? Er ist doch erst 46 Jahre alt, noch zu jung für diese Krankheit, die als Alterskrankheit gilt.

Am Ende kommt er nicht umhin: er sucht eine Klinik auf.
Seitens der Assistenzärzte findet die Krankheit Parkinson erste Erwähnung. Er glaubt es nicht!
Am Ende steht die Diagnose fest: es ist Parkinson.
Es beginnt eine lange Zeit der Verleugnung und des sich Täuschens,–er will es nicht glauben.

Alles das, was man aus der Beobachtung von Parkinsonkranken kennt, gewinnt hier Wort und Gestalt.

Endlich bedient er sich der anerkannten medikamentösen Behandlungen, die zu einer Milderung der Krankheitssymptome verhelfen können. Heilen kann man die Krankheit nicht.

Helmut Dubiel ist ein scharfer Beobachter seiner selbst und auch seiner Umwelt.
Er erlebt und beschreibt die Tragödie, wie man als kluger, autonomer Mensch langsam merkt, dass die körperliche Autonomie dem eigenen Willen entgleitet.
Freunde, Kollegen, Verwandte und Bekannte reagieren unterschiedlich. Bei aller eigenen Betroffenheit versucht er, die Reaktionen der Menschen um sich herum zu verstehen.

So beargwöhnt er sich selber und die anderen und beginnt, Bilanzen über sein Leben zu treffen. Er lernt immer kritischer mit sich selbst zu werden und am Ende neue Wege zu suchen, wie er den medizinischen Fortschritt für sich nutzen kann. Dabei kommt es zu komplizierten und schwerwiegenden Überlegungen. Er liefert sich Ärzten und ihren schwankenden Entscheidungen bezüglich neuer neurologischer Eingriffe aus, die ihm als einzige Chance erscheinen, sein Leben weiterhin im Griff zu behalten.
Dass es ihm nach einem Eingriff mit einem Hirnschrittmacher eher noch schlechter geht, er sich wie ein an und auszuschaltender Roboter fühlt, das macht die Lektüre bedrückend. Gleichzeitig gibt es einen Schimmer vom Kampf ums Glück, der die Weisheit und den Lebensmut des Autors erahnen lässt.

Es ist ein dramatisches, kluges, anrührendes und zutiefst menschliches Buch, mit dem Helmut Dubiel an die Herzen der Menschen rührt und so ein Beispiel dafür gibt, wie man mit schweren Schicksalsschlägen und insbesondere mit der immer noch nicht heilbaren Krankheit Parkinson umgehen kann.
Da das Buch keinesfalls rührselig oder selbstmitleidig ist, eher einer kritischen Selbstanalyse gleicht, auch philosophische Betrachtungen beinhaltet, ist es spannend und fesselnd zugleich.

Helmut Dubiel gilt meine ganze Hochachtung!

Helmut Dubiel
Tief im Hirn
Krankheit als Unglück und Chance
ISBN:3888974518
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Unentschlossen

Unentschlossen

Benjamin Kunkel gilt als neuer Shootingstar der New Yorker Literaturszene. Erst 28 Jahre alt, hat er im vergangenen Jahr seinen ersten Roman vorgelegt, der ihm sogleich die Begeisterung und Zustimmung seiner LeserInnen einbrachte.
In einer unglaublich witzigen, teils komischen, immer aber sprühend vor Ideen und Geistesblitzen erleuchteten Darstellung, erzählt er uns die Geschichte von Dwight Wilmerding.

Dwight ist gleichaltrig mit dem Autor. Er wohnt in New York in einer WG, arbeitet bei einem Pharmaunternehmen und steht kurz vor der Entlassung. Ursprünglich hatte er Philosophie studiert. Er ist ein Looser – oder Hangertyp, einer, der vor sich hintrödelnd seinen philosophischen Gedanken über das Leben, insbesondere das eigene, nachhängt. In Anlehnung an den Philosophen Heidegger hat er einen Gedankenspender, Otto Knittel, bei dem er über den
Gebrauch der Freiheit zu seinen Nachdenklichkeiten gelangt. Daneben entdeckt er den Begriff für die Krankheit Indecision, einen mit dem Ausdruck Unentschlossen nicht ausreichend gekennzeichneten Begriff für Entscheidungsunfähigkeit. Ein Freund bringt ihn auf die Idee, sich als Proband für das Mittel Abulinix zur Verfügung zu stellen, ein Mittel gegen eben jene Unentschlossenheit.
Er entschließt sich, vor einem geplanten Klassentreffen nach Ecuador zu fliegen, um seine Klassenkameradin Natascha zu treffen, die er sehr mochte.
Schließlich landet er mit einer Freundin von Natascha im Dschungel von Ecuador und beginnt eine abenteuerliche Selbstfindungsreise.
Es sind eine Menge Verwicklungen, denen er sich ausgesetzt sieht. Z.T. macht er seine Erfahrungen unter Drogen. Eine inzestuöse und schwierige Liebe zu seiner Schwester, eine eher kumpelhafte zum Vater und zu der ausgeflippten Mutter runden das Durcheinander seines Lebens und das Bild seiner Herkunft ab.
In einem unentwegten Gedankenstrom beobachtet er sich und die Mitwelt. Seine Beobachtungen sind höchst amüsant und geistreich.

Der philosophische Höhepunkt der Einsichten gipfelt schließlich in der Erkenntnis, sich der eigenen Mittelmäßigkeit zu stellen.
Es gibt nach allerhand Abenteuern sogar ein fröhliches Happyend.

Zwar ist dieser Dwight ein Neurotiker. Die Erzählung aber ist leicht und unbeschwert. Beruf, Reisen, Wohnungs -und Geldprobleme: für alles gibt es Dank der Jugend von Dwight eine Lösung.
Diese Leichtigkeit und dieses In- den- Tag -hinein- Agieren neben den tiefsinnigen Gedanken über das Leben, die Eltern, die Schwester und viele andere machen das Buch äußerst liebens – und lesenswert. Mich hat die Gedankenfülle und der Sprachreichtum begeistert.

Ich kann das Buch nur jedem jungen und jung gebliebenen Leser empfehlen!

Bejmanin Kunkal
Unentschlossen
Ein wunderbarer und anspruchsvoller Entwicklungsroman unserer Zeit
ISBN:3827006805
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