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Autor: hera

Deon Meyer: Das Herz des Jägers

Deon Meyer: Das Herz des Jägers

Der seltsame Anruf wirft Johnny Kleintjes Tochter Monica aus der Bahn. Der Anrufer hat ihren Vater in der Gewalt und verlangt von ihr, ein Festplatten-Laufwerk aus dem Safe zu holen. Er gibt ihr genau 72 Stunden Zeit, es zu ihm zu bringen von Kapstadt ins Republican Hotel in Lusaka in Sambia.
Monica ist behindert, bei einem Verkehrsunfall verlor sie beide Beine. So erinnert sie sich an einen Freund des Vaters, an den sie sich im Falle eines Falles wenden könne: Thobela Mpayipheli. Der ist nicht begeistert von dem Auftrag. Er hat sich zur Ruhe gesetzt und lebt mit Miriam und deren Sohn zusammen. Doch Johnny Kleintjes ist ein alter Freund und Thobela schuldet ihm noch etwas.

Schon am Flughafen wollen ihn zwei Agenten aus dem Verkehr ziehen. Doch Thobela weiß sich zu wehren und er setzt die beiden Männer außer Gefecht. Im Laden, wo er arbeitet, borgt er sich ein Motorrad aus und macht sich wieder auf den Weg. Doch das Team an Agenten, rund um Janina Mentz, setzt alles daran, ihn zu fassen und die Festplatte mit den brisanten Daten in ihren Besitz zu bekommen. Schnell wird klar, dass die Agenten Thobela unterschätzt haben. Er ist, so wie es aussieht ein ehemaliger Freiheitskämpfer, der zudem eine Spezialausbildung genossen hat. Es wird immer schwieriger die aufwändige Operation geheim zu halten, zumal die Presse sehr schnell Wind von der Sache bekommen hat. Thobelas Ziel ist es, den Auftrag so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, doch die Vergangenheit holt ihn ein. Gnadenlos wird er gejagt und ob er will oder nicht, er muss sich zur Wehr setzen und tut es auch.

„Das Herz des Jägers“ ist ein spannender Thriller, dem man sich nicht entziehen kann. Besonders beeindruckend ist die Figur Thobela Mpayipheli, der mit seinem Motorrad dahinrast, die Verfolger dicht auf der Spur. Er hat mit seiner Vergangenheit abgeschlossen, lebt zufrieden und glücklich zusammen mit einer Frau, die er liebt, und deren Sohn. Zunächst macht er sich noch vor, dass nach drei Tagen, alles wieder so sein wird, wie vorher. Doch bald steckt er in einer krassen Verfolgungsjagd und der Leser fiebert mit. Der Thriller spielt in Südafrika nach der Apartheid. Teilweise sind die Hintergründe aber doch etwas schwer verständlich. Die vielen Abkürzungen der verschiedenen Organisationen verwirren. Aber man kann vorn zu einem Lagebericht blättern, der Aufschluss gibt. Eingestreut in den Text sind auch immer wieder Verhörprotokolle und die Pressemitteilungen. Als sehr spannend empfunden wird der Wettlauf mit der Zeit, den sich Presse und Geheimdienste liefern, was Informationsbeschaffung, den aktuellen Stand der Geheimoperation und die Einschätzung der Lage betrifft.

Über den Autor:
Deon Meyer wurde 1958 geboren. Er begann als Journalist und veröffentlichte 1994 seinen ersten Roman. „Das Herz des Jägers“ wurde mit dem begehrten afrikanischen ATKV Prose Prize ausgezeichnet. Zudem wurde das Buch in den USA zu den zehn besten Thrillern des Jahres gezählt. Der Autor lebt mit seiner Frau und vier Kindern in Melkbosstrand.

Rezension von Heike Rau

Deon Meyer
Das Herz des Jägers
Thriller
409 Seiten, gebunden
Rütten & Loening, Berlin
ISBN: 3-352-00727-6
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Das zufällige Leben des Homer Idlewilde

Das zufällige Leben des Homer Idlewilde

Homer wächst ohne Eltern auf. In keinem der Heime von Farrago und Umgegend fühlt er sich heimisch. Mit Sechzehn beginnt er herumzuwandern und kehrt erst als junger Mann zurück. Der Sheriff hält ihm zwar einen Vortrag, aber es versucht niemand mehr, ihn wieder in ein Heim zu stecken.

Homer lebt vor sich hin. Schmiedet Pläne, erstellt Ideen und verwirft sie wieder. So will sein Freund Elijah beispielsweise eine Schmiede aufmachen und Homer einstellen. Doch Homer weiß gar nicht, ob er Elijahs Gehilfe werden will. Homer lebt lieber in den Tag hinein und hört Geschichten. So auch die von Fausto, der einen kleinen Lebensmittelladen hat. Sein Leben beeindruckt Homer. Fausto hat ein Schicksal und auch Homer würde gerne aus seinem Leben ein Schicksal machen.

Der Wunsch beginnt bald, in Erfüllung zu gehen, denn Homers Leben fängt an, an Spannung zu gewinnen. In nur einer Nacht erfährt er, dass die Prostituierte Ophelia schwanger von ihm ist und beginnt Heiratspläne zu schmieden. Die Familie ernähren könnte er, wenn er den Job als Förster annimmt. Und plötzlich scheint für Homer nichts mehr unmöglich.

Homer ist ein Landstreicher und Träumer mit einem recht langweiligen Leben, der gerne Geschichten und Träume anderer hört. Diese hat der Autor immer wieder in die eigentliche Geschichte eingebunden und gibt dem Leser so die Möglichkeit auch über den Tellerrand von Homers eigener Geschichte hinauszusehen. Und gerade das Leben der anderen ist es, was Homer beflügelt und seine Fantasie anregt. Und dann bricht auch er mit seinem Leben aus den gewohnten Bahnen aus. Immer wieder passieren seltsame oder auch amüsante oder zufällige Dinge, die Homer dazu bringen umzudenken, sein Leben zu verändern oder die ihn zwingen zu handeln. Dabei wählt Homer nicht den einfachsten Weg zur Lösung auftretender Probleme, doch er ist stets erfinderisch.

Der Autor erzählt eine tragische, mitunter aber auch sehr komische Geschichte. Es ist sehr interessant zu lesen, wie Homer sich aus der einen oder anderen seltsamen Situation und auch aus unvorhergesehenen Ereignissen, die ihren eigenen Gesetzen folgen, herauswindet. Und doch hat das Buch auch einige Längen, wo es schwer fällt dranzubleiben, wo der Autor zu sehr abschweift. So wirkt das Buch inhaltlich etwas in die Länge gezogen. Die Entwicklung Homers verfolgt man dennoch mit Spannung. Es ist ein langer Weg, bis er lernt, für sein Leben die Verantwortung zu übernehmen.

Über den Autor:
Yann Apperry wurde 1972 geboren. Für seinen Roman „Diabolus in musica“ erhielt er den renommierten Prix Médicis. Um dem Medienrummel zu entgehen, vagabundierte er zwei Jahre durch Amerika, Kalifornien und Hawaii
Nach Frankreich zurückgekehrt, schrieb er das vorliegende Buch und wurde mit dem Prix Goncourt des Lycéens ausgezeichnet

Rezension von Heike Rau

Yann Apperry
Das zufällige Leben des Homer Idlewilde
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger
390 Seiten, gebunden
Aufbau-Verlag, Berlin
ISBN: 3-351-03050-9
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Nicht so tragisch

Nicht so tragisch

Adrien verlässt Louise nach allem, was war. Er zieht ihr den Boden unter den Füßen weg, entzieht ihr die Liebe und sie fällt in ein tiefes Loch. Es ist alles so unvorstellbar, so unwirklich.
Wie konnte es soweit kommen. Louise hat doch alles getan, um mit dem Leben klar zu kommen und mit der Liebe, hat Tabletten geschluckt, um zu funktionieren, um durchzuhalten, um ihre Angst aushalten zu können, um normal zu erscheinen. Nur mit Hilfe der Tabletten konnte sie so sein, wie sie glaubt, dass Adrien sie haben will.
Sie wird abhängig von den Medikamenten, von Adrien und seiner Liebe. Doch irgendwann geht es nicht mehr. So ist es kein Leben. Louise lässt sich von Adrien in die Klinik bringen. Sie macht einen Entzug und entfernt sich mit jeder Tablette weniger auch ein Stück weit von Adrien. Und auch Adrien geht auf Abstand, bis es zur mittlerweile unausweichlichen Trennung kommt. Für Louise bricht eine Welt zusammen und doch liegt in dieser Trennung auch eine Chance.

Louise erzählt aus ihrer Sicht, offenbart nach und nach die Dramen ihres Lebens. Gedanke um Gedanke, Satz an Satz reiht sie zu langen Ketten aneinander. Ein Schreibstil an den man sich erst gewöhnen muss. Die Autorin lässt keinen Platz zum Atemholen oder Innehalten. Der Text gewinnt dabei an Intensität und Tiefe und verfehlt damit seine Wirkung nicht. Und doch entbehrt „Nicht so tragisch“ auch einer gewissen Ironie nicht. Nach dem Tablettenentzug wird auch Louises Blick wieder klarer für die wichtigen Dinge im Leben. Louise beginnt, über ihr Leben wieder selbst zu bestimmen. Doch mit der Vergangenheit abzuschließen, ist nicht leicht. „Nicht so tragisch“ ist ein weitgehend autobiographischer Roman, der schonungslos offen daherkommt und der Anregung gibt, über den Sinn des Lebens und die verpassten Chancen nachzudenken.

Über die Autorin:
Justine Lévy lebt in Paris. Sie arbeitet als Verlagslektorin. 1995 erschien ihr erster Roman „Rendez-vous mit Alice“.

Rezension von Heike Rau

Justine Lévy
Nicht so tragisch
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
208 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann, München
ISBN: 3-88897-400-3
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Die Schatten von Pelican Bay

Die Schatten von Pelican Bay

Ada van de Wetering fliegt von Holland in die Karibik nach Pelican Bay, um einen alten mysteriösen Mordfall, der sich zum Ende des 18. Jahrhunderts ereignete, aufzuklären. Sie will den Lebenslauf ihres Vorfahren Jacob van de Wetering rekonstruieren, der seine hochschwangere Frau mit durchschnittener Kehle aufgefunden hat. Es besteht die Möglichkeit, dass er selbst der Mörder ist. Das glaubt Ada aus Briefen herauslesen zu können, die sich in ihrem Besitz befinden.
Außerdem hofft sie, ihren Adoptivbruder wiederzusehen, der die Familie an seinem 18. Geburtstag verließ, um in seine Heimat zurückzukehren.
Schon bei der Zollkontrolle wird Ada aufgehalten. Eine seltsame Sache, auch wenn die Beamten Ada schließlich gehen lassen müssen. Doch es ist spät, ein Auto kann sie nun nicht mehr mieten. Inspektor Marcus C. Penn nimmt sich Adas an und bringt sie zu seiner Mutter, die eine Pension besitzt. Auch wenn ihr Vorhaben nun anders begonnen hat, als geplant, beginnt Ada mit ihren Nachforschungen und mit der Suche nach ihrem Bruder. Doch bald kommen ihr Zweifel. Vielleicht ist es ein Fehler, in der Vergangenheit zu graben. Vielleicht sollte man ruhen lassen, was nun einmal geschah und sich nicht weiter damit auseinandersetzen. Tatsächlich ahnt Ada nicht, auf was sie sich eingelassen hat.

Die Autorin schreibt aus zwei Perspektiven. Ada erzählt von ihren Nachforschungen und dazwischen erfährt der Leser die rekonstruierte Geschichte ihres Vorfahren Jacob van de Wetering, der sich selbst Jacob Rivers nannte. Das Buch besticht durch seine Vielschichtigkeit und den Schreibstil der Autorin. Sie bedient sich einer sehr interessanten und vor allem intensiven Ausdrucksweise. Manche ihrer Sätze sind wahre Wortgefechte und doch fehlt es nicht an Witz und Ironie. Als Leser kommt man nicht selten ins Grübeln. Liest viele Abschnitte mehrmals, um die Kraft der Sätze und ihren Scharfsinn wirken zu lassen.
Die Geschichte verläuft nicht geradlinig. Immer wieder gibt es interessante Wendungen, muss Ada sich einer neuen Situation anpassen. Sie kämpft mit ihren widersprüchlichen Gefühlen, wird immer wieder manipuliert. So ist auch das Ende eine gelungene Überraschung. Die Geschichte wird zwar aufgelöst, doch es bleiben noch genügend Möglichkeiten, selbst der Wahrheit hinterher zu spekulieren. Ein sehr empfehlenswertes Buch!

Über die Autorin:
Nelleke Noordervliet wurde 1945 in Rotterdam geboren. Sie studierte Niederländisch, Literatur- und Theaterwissenschaften in Leiden und Uterecht. Sie lebt heute als freie Autorin in Amsterdam. Ihre Bücher wurden mit mehreren wichtigen Preisen ausgezeichnet.

Rezension von Heike Rau

Nelleke Noordervliet
Die Schatten von Pelican Bay
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
492 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag. Wien
ISBN: 3-552-05350-6
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Bernhard Hennen: Alica und die Dunkle Königin

Bernhard Hennen: Alica und die Dunkle Königin

Alica steht allein auf dem Bahnhof. Die Großeltern sind nicht gekommen, um sie abzuholen. Da sie auch niemanden mit dem Handy erreichen kann, macht sie sich auf den Weg. Unterwegs wird sie aus einem haltenden Wagen heraus angesprochen. Der Fremde bietet an, Alica mitzunehmen. Obwohl sie genau weiß, dass sie das Angebot wohl besser nicht annehmen sollte, steigt sie ein. Der Fremde ist zum Glück der Landarzt Dr. Pförtner. Er setzt Alica wohlbehalten am Haus der Großeltern ab.
Zu Hause ist jedoch niemand. Alica bekommt es immer mehr mit der Angst zu tun. Vielleicht ist irgendwas passiert. Alica beschließt das Haus, das seltsamerweise nicht abgeschlossen ist, zu durchsuchen. Bis zum Speicher kämpft sie sich vor. Dort oben wird sie von einem Vogel angegriffen, so dass sie schwer stürzt und das Bewusstsein verliert.

Als Alica wieder zu sich kommt, sind ihre Großeltern da und haben sogar ein plausible Erklärung dafür, dass sie nicht rechtzeitig am Bahnhof waren. Alica soll sich erst mal von dem Sturz erholen. Sie wohnt nun im Turmzimmer des großen Herrenhauses. In der Nacht klopft es ans Fenster. Es ist eine Möwe, die hereingelassen werden will. Und noch jemand scheint nun im Zimmer zu sein, doch Alica vernimmt nur eine Stimme. Erst als sie den mitgebrachten Ring auf ihren Finger steckt, sieht sie, zu wem die Stimme gehört. Es ist Heinzelmann Wallerich. Er wurde vom Ältesten der Kölner Heinzelmänner ausgesandt, sich um den Geisterfalken zu kümmern.

Zusammen mit dem Heinzelmann und der Möwe macht Alica dann einen nächtlichen Ausflug nach „Nebenan“. Der Gartenpavillon ist das Tor. Wallerich will die Hexe besuchen, um Näheres über den Geisterfalken zu erfahren. Als Gegenleistung verlangt die Hexe eine Menge Backzutaten, um ihr Knusperhaus restaurieren zu können. Doch die Hexe wird durch ihre Kristallkugel vom Geisterfalken angegriffen und will nicht mehr weitermachen. Sie rät Alica und Wallerich, es selbst mit einer Geisterbeschwörung zu versuchen.
Wieder zu Hause angekommen, begegnet Alica noch ein anderer Geist. Es ist der Husarenjunge Franҫois, wie sie später erfährt. Aber es geschehen noch weitere seltsame Dinge, so dass Alica beschließt, es mit der Beschwörung zu versuchen. Sie will alles versuchen, um den Husaren und seinen Falken zu erlösen. Dazu muss sie zur Geisterstunde den Falken durch einen magischen Spiegel herbeirufen. Doch sie wird von einer fremden Stimme aufgefordert, in den Spiegel steigen. Niemand anderes als die Dunkle Königin ruft Alica zu sich. Sie verspricht zu helfen, doch ihr Preis ist hoch.

Bernhard Hennen schafft es, von der ersten Seite an, mit seiner fantastischen Geschichte zu begeistern. Sie ist durchweg spannend. Dabei überrascht der Autor mit vielen außergewöhnlichen Ideen und unglaublichen Details. „Nebenan“, das Märchenland, dürfte vielen Lesern schon aus dem gleichnamigen Buch bekannt sein, welches auch nur so vor Fantasie sprüht. Beeindruckend ist auch der Humor mit dem das vorliegende Buch geschrieben ist. Während der recht rigorose Heinzelmann Wallerich die Probleme mit modernster Technik zu lösen versucht, erliegt Alica immer mehr der Magie. Sie lässt sich von der anderen Welt verzaubern, nimmt auch haarsträubendes und völlig unwirklich scheinendes hin und sieht es als gegeben. Schließlich verliebt sie sich sogar in Franҫois, den Husarenjungen, der in ihrer Zeit nur als Geist existiert. Dennoch hat ihre Liebe, so unglaublich es klingen mag, eine Zukunft. Und das ist das schöne an diesem Buch. Dem Leser bleibt noch genügend Platz für eigene Träume.

Über den Autor:
Bernhard Hennen wurde 1966 geboren. Er studierte Germanistik, Geschichte und Vorderasiatischen Altertumskunde, war Rollenspielautor, Radiomoderator und Journalist. Mehrere seiner fantastischen und historischen Romane wurden mit Preisen ausgezeichnet. Der Autor lebt in Krefeld.

Rezension von Heike Rau

Bernhard Hennen
Alica und die Dunkle Königin
323 Seiten, gebunden
ab 12 Jahren
Verlag Carl Ueberreuter, Wien
ISBN: 3-8000-5157-5
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HO RUCK!

HO RUCK!

Alles beginnt mit einer Katze, die in die Geschichte gerannt kommt. Als Nächstes schreit sie herzzerreißend. (Das kann man natürlich nicht hören, aber sehr gut sehen!) Damit lockt sie einen Hund und eine Maus an. Dann geht das Geflüster los. Was haben die drei Tiere nur zu bereden? Die Geschichte wird sogar noch rätselhafter, als die Maus auf die Katze klettert und diese wiederum auf den Hund. Die Tiere scheinen mit ihrer akrobatischen Vorführung jedoch nicht zufrieden zu sein. Die Maus schreit um Hilfe. Vielleicht ist ihr in dieser luftigen Höhe schlecht geworden. Es kommen zwei weitere Mäuse, doch statt zu helfen, klettern sie am Hund hinauf, auf die Katze, und auch noch auf die Maus, so dass ein hoher Turm entsteht. Alle zusammen rufen sie „Ho Ruck“ Denn das Ziel ihrer Aktion rückt in greifbare Nähe. Was das ist, soll hier aber nicht verraten werden…

Die Geschichte in nur zwölf Sätzen ist für Kinder sehr spannend erzählt. Die Tiere machen etwas Seltsames und Unerklärliches. Was sie mit ihrem Tun bezwecken, wird erst im elften Satz klar und es ist eine lustige Überraschung, ein gelungenes Aha-Erlebnis. Auch die Illustrationen machen Spaß. Sie sind großformatig und auf das Wesentliche beschränkt. Dabei bestimmen kräftige Farben die Bilder. Nicht nur für Kinder dürfte dieses Bilderbuch interessant sein. Auch für Sammler außergewöhnlicher Bilderbücher ist es zu empfehlen.

Rezension von Heike Rau

Heinz Janisch / Carola Holland
HO RUCK!
32 Seiten, lam. Pappband, durchgehend illustriert
ab 4 Jahren
Annette Betz Verlag
ISBN: 3-219-11200-5
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Ergebenst, eurer Schurik

Ergebenst, eurer Schurik

Da der Vater bei einem Unfall verstorben ist, wird Schurik im Einklang mit seiner Mutter von seiner Großmutter erzogen. Er hat eine glückliche Kindheit. Zu Beginn des letzen Schuljahres lernt er Lilja bei einer Literaturvorlesung kennen und verliebt sich heftig. Eine Einladung führt ihn in ein Atelier. Hier lernt er Mathilda kennen und beginnt mit ihr, eine immer nur Montags stattfindende, Liebebeziehung. Seine Gefühle zu Lilja beeinflusst das nicht. Doch Lilja wandert mit ihren Eltern nach Israel aus. Und auch seine geliebte Großmutter verlässt ihn nach einem Herzinfarkt. Die nächste Frau, der er sich nicht entziehen kann, ist Alja, eine Kommilitonin. Aber auch Faina, die Chefin seiner Mutter, hat es auf ihn abgesehen. Und Schurik versucht, allen „seinen“ Frauen gerecht zu werden. Dann wird Schuriks Mutter krank. Es ist die Schilddrüse. Ausgerechnet als Schurik sich heimlich aus der Wohnung geschlichen hat, erleidet sie einen Anfall und muss sich den Notarzt selber rufen. Schurik bereut, nicht rechtzeitig da gewesen zu sein. Eine heftige Abscheu gegen sich selbst packt ihn. Ab sofort soll alles anders werden. Doch die nächste Versuchung lauert schon.

Schurik ist ein herzensguter Mann, freundlich, großzügig, hilfsbereit und voller Pflichtgefühl. Wie eine Marionette lässt er sich von den Frauen in seiner Umgebung leiten, allen voran seine Mutter, mit der er untrennbar verbunden ist, bzw. zusammenlebt. Die Autorin erzählt die Geschichte mit viel Humor und Ironie und spart nicht mit tiefgründigen Anspielungen. Die Liebe ist für Schurik nur Mittel zum Zweck, hat bald nichts Romantisches mehr. Aus Mitleid steht er seinen Mann oder weil es eben kein anderer tut. Immer ist er zur Stelle, besorgt Medikamente, füttert die Katzen oder spendet Trost. Er kann nicht anders.

Die Geschichte ist verrückt und komisch und doch auch wieder traurig und tragisch. Dabei spielt Schurik als Hauptperson gar nicht mal immer die tragende Rolle. Es sind doch eher die Frauen, so unterschiedlich und doch immer gleich, mit ihren Bedürfnissen. Echte und falsche Gefühle werden mit ungeheurer Intensität und sehr unverblümt beleuchtet. Behutsam und nicht schonungslos werden Schuriks Schwächen auf sehr unterhaltsame Art und Weise offengelegt. Trotz aller Ironie wirkt er jedoch nicht lächerlich, auch wenn man einige Male nicht umhin kommt, ihn, der oft nur aus Mitleid und Hilfsbereitschaft heraus handelt und sich selbst dabei vergisst, zu bedauern.
Die vom Schreibstil her sehr gut lesbare Geschichte ist eingebettet in den sowjetischen Alltag der neunzehnhundertfünfziger bis achtziger Jahre. Das ist eine sehr faszinierende Kulisse mit interessanten Einblicken in diese Zeit.

Über die Autorin:
Ljudmila Ulitzkaja wurde 1943 geboren und wuchs in Moskau auf. Sie schreibt Drehbücher, Hörspiele, Theaterstücke und erzählende Prosa und erhielt in Frankreich 1996 für ihre Erzählung „Sonetschka“ den Prix Médicis. 2001 erhielt die Autorin den Booker Prize Russland.

Rezension von Heike Rau

Ljudmila Ulitzkaja
Ergebenst, eurer Schurik
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
494 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag München Wien
ISBN: 3-446-20665-5
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Caspar

Caspar

Ende des 18. Jahrhunderts. Der siebenjährige Caspar sitzt im Gasthaus Schwan bei Exenheim in Würzburg und wartet. Doch seine Mutter und der Stiefvater kommen nicht zurück. So muss er vorerst bei der Schwanenwirtin Kreszenz Borst bleiben, die aber will ihn gar nicht. Noch einen Esser mehr, kann sie nicht brauchen, was sie Caspar nur allzu deutlich macht. In Karolin, der Tochter der Wirtin, die ihm oft seltsame Geschichten erzählt, findet er eine Freundin und erlebt so wenigstens einig glückliche Momente.
Der Pfarrer bringt den Zettel, der um Caspars Hals hing, zum Amtmann Bröm. Hierauf steht, wer der Vater sein soll, nämlich der Schwartz, Porzellanmaler in der welschen Schweiz. So, wie es aussieht, hat er einiges an Vermögen beim Amtmann hinterlegt. Davon will die Schwanenwirtin natürlich ihren Teil für die Verpflegung des Jungen. Aber nun wittern auch andere, dass es etwas zu holen gibt. Und bald findet Caspar eine neue Unterkunft. Er kommt zu Bauer Melcher, der das Kostgeld gut gebrauchen kann, aber sonst an dem Jungen kein gutes Haar lässt. Zusammen mit Karolin träumt er von Flucht. Bis dahin ist es jedoch ein weiter Weg. Und doch schafft er es eines Tages, Arbeit in der Porzellanfabrik zu finden und sich damit den Wunsch nach Unabhängigkeit für eine gewisse Zeit ein Stück weit zu erfüllen.

Das Schicksal Caspars, so erfährt der Leser im Anhang, ist historisch belegt. Auch wenn es nur wenige Dokumente gibt. Der Autorin ist es gelungen, die Lücken glaubwürdig auszufüllen. Sie erzählt die tragische Geschichte mit viel Fingerspitzengefühl, besticht mit einem sehr individuellen Erzählstil und verleiht dem menschlich sehr bewegenden Schicksal Caspars damit eine spürbare Tiefe. Die Hintergründe sind sehr gründlich recherchiert, so dass die Geschichte durch viele historische Details sehr lebendig wirkt. In diesem Zusammenhang sind zum Beispiel die Ausführungen über die Porzellanfabrik zu nennen, in der Caspar lernt. Sehr tiefgreifend ist auch Caspars schwierige Freundschaft zu Karolin beschrieben, die er liebt, mit der er seine Fluchtpläne teilt und die er doch so sehr verletzt. Immer hofft man mit Caspar auf ein gutes Ende und ahnt doch, dass dieser junge Mann kaum eine Chance hat.

Über die Autorin:
Beate Rothmaier wurde 1962 in Ellwangen geboren. Sie studierte in München und Tübingen Germanistik und Romanistik, unterrichtete Deutsch an einem Lysèe in Frankreich, arbeitete für verschiedene Verlage und als Texterin in einer Webeagentur. Die Autorin lebt in Zürich.

Rezension von Heike Rau

Beate Rothmaier
Caspar
192 Seiten, gebunden
Nagel & Kimche
ISBN: 3-312-00367-9
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Charlie Bone und das Geheimnis der blauen Schlange

Charlie Bone und das Geheimnis der blauen Schlange

Benjamin muss mit seinen Eltern, die dort einen gut bezahlten Auftrag an Land gezogen haben, nach Hongkong. Da sein großer Hund Runnerbean nicht mitkommen kann, drängt Benjamin ihn kurzerhand Charlie auf. Das Tier muss jedoch vor Grandma Bone versteckt werden, da diese Hunde über alles hasst. Vielleicht kann Onkel Paton helfen. Doch der ist gar nicht da und hat eine seltsame Nachricht für Charlie hinterlassen. Angeblich führen seine merkwürdigen Schwestern etwas im Schilde, wogegen Paton etwas unternehmen muss, da sonst eine sehr gefährliche Person auftauchen wird. Für Charlie ist dieser Brief ein Rätsel. Er erzählt seiner anderen Großmutter Maisie von dem Hund und dem Brief. Und sie will versuchen, sich um den Hund zu kümmern. Am selben Tag schleppen Grandma Bone, Tante Lucretia und Tante Venetia ein seltsames Mädchen an. Ihr soll Charlie von seiner Schule erzählen, der Bloor-Akademie für sonderbegabte Kinder, die Belle nun auch besuchen soll. Worin Belles Sonderbegabung besteht, bleibt Charlie jedoch zunächst verborgen. Ob sie gar am Ende die gefährliche Person ist, über die Onkel Paton geschrieben hat?
In der Schule findet Charlies Mitschülerin Emma auch einen Brief. Der Schreiber warnt ebenfalls vor dem Auftauchen einer bestimmten Person, einem Gestaltwandler. Der Brief gehört Mr Boldova, dem Kunstlehrer, der auf der Suche nach seinem kleinen Bruder Ollie ist. Dieser ist eines Tages einfach verschwunden. Emma glaubt, dass er irgendwo auf dem Speicher der Bloor-Akademie sein könnte. Dafür hat sie glaubhafte Argumente. Charlie und Emma finden Ollie tatsächlich, doch er ist unsichtbar, bis auf einen Zeh. Angeblich ist eine blaue Schlange für sein Schicksal verantwortlich. Die Kinder wollen Ollie gerne helfen, doch so einfach ist das nicht.

Der 12-jährige Charlie, der Bilder sprechen hören und in sie hineingehen kann, erlebt wieder unglaubliche Abenteuer. Die Autorin hat sich jede Menge Neues einfallen lassen, so dass es nie langweilig wird. Doch auch bekannte Figuren haben ihren Auftritt. Die drei unheimlichen Schwestern übertreiben es in ihrer Boshaftigkeit diesmal, so dass die Spannung ins Unermessliche geht. Nichts ist vorhersehbar, immer wieder gibt es interessante Wendungen und Überraschendes, das begeistert. Und auch an humorvollen Szenen fehlt es nicht. Charlie nutzt auch wieder seine Sonderbegabung, doch wird ihm das diesmal fast zum Verhängnis. Er befreit aus Versehen einen berüchtigten Hexenmeister aus einem Bild. Doch er entdeckt dadurch auch eine weitere Begabung, die ihm bisher verborgen geblieben ist und die er hoffentlich in einem nächsten Band weiterentwickeln wird.
Vom Schreibstil her liest sich das Buch sehr gut. Es ist mit viel Tempo geschrieben, die Handlung ist sehr packend, wirkt gut durchdacht und ist trotz der vielen fantastischen Elemente sehr gut vorstellbar. Wer die Zeit hat, wird es in einem Rutsch durchlesen.

Über die Autorin:
Jenny Nimmo spielte nach ihrem Schauspielstudium Kindertheater und arbeitete beim Rundfunk. Ihr erste Kinderbuch erschien 1975. Ihre Bücher wurden mehrfach mit dem britischen „Smartie-Award“ für Kinderliteratur ausgezeichnet und teilweise fürs Fernsehen verfilmt. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in einer alten Wassermühle in Wales.
Rezension von Heike Rau

Kleiner Hinweis: Besprechungen zum ersten Band „Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder“ und zum zweiten Band „Charlie Bone und die magische Zeitkugel“ befinden sich ebenfalls in unserem Rezensionspool. Einfach den Titel in die Suchmaske eingeben!

Jenny Nimmo
Charlie Bone und das Geheimnis der blauen Schlange
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
336 Seiten, gebunden
ab 10 Jahren
Ravensburger Buchverlag
ISBN: 3-473-34470-2
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Aufbruch ins Blaue

Aufbruch ins Blaue

Lorenz Breitfeld und Kurz Leopoldseder teilen ihre Begeisterung für den hohen Norden. Sie sind von sogenannten „arktischen Virus“ befallen. Kennen gelernt haben sie sich in Grönland, waren aber, als das Buch entstand, noch nicht zusammen unterwegs gewesen. Dennoch entschlossen sie sich gemeinsam, dieses Buch zu schreiben. So bringen sie ihre abenteuerlichen Reisen von Island über Grönland, Baffin Island, Kanada, Alaska bis Spitzbergen dem Leser nahe.

Sie reisen mit dem Kajak, zu Fuß, auf Skiern oder mit dem Hundeschlitten, erkunden die einsamen Landschaften. Sie schildern unvergessliche und wohl auch einmalige Momente, meistern gefährliche Situationen, loten ihre Grenzen aus, erleben Lebenshöhepunkte und bewähren sich unter menschenfeindlichen Bedingungen.

Mit den Texten und Tagebucheinträgen ist es den Autoren nicht ganz gelungen ihre Faszination für den hohen Norden herüberzubringen. Nach längerem Lesen wirken sie zu wenig ausgearbeitet und gleichförmig, als wollten die Autoren ihre Gefühle doch nicht gänzlich offenbaren oder fanden keine Worte dafür. Die Stärke des Buches liegt eindeutig in den sensationellen Fotografien. Hier sind die Bilder von den Nordlichtern auf Baffin Island und in Grönland zu nennen oder auch das Foto vom Mount Hunter. Sehr gut gefallen haben auch die großen zweiseitigen Fotografien mit reizvollen Bild in Bild Arrangements, die außerordentlich beeindruckend sind. Die Motive sind einzigartig und nicht selten grandios. Von diesen Bildern kann man einfach nicht genug bekommen.

Über die Autoren:

Lorenz Breitfeld, geboren 1974, reiste schon in seiner Jugend in ganz Europa, Australien und Afrika. Seit über 10 Jahren unternimmt er Reisen in den hohen Norden. Er unterbrach sein Medizinstudium, um eine Saison als Hundeschlittenführer in Spitzbergen zu arbeiten und verbrachte einen Sommer in Ostgrönland, um in einem Krankenhaus ein Praktikum zu absolvieren. Lorenz Breitfeld lebt heute in Lienz, Osttirol.

Kurz Leopoldseder, geboren 1965, verdiente sich mit Jobs als Koch und Kellner das nötige Geld, um sich seine Träume zu erfüllen. So hat er Opale in Australien gesucht oder ist Tausende von Flusskilometern durch das Yukon-Territorium gepaddelt. In den letzten Jahren war er zunehmend in arktischen Regionen unterwegs. Seine Sehnsucht nach neuen Abenteuern ist ungebrochen.

Rezension von Heike Rau

Lorenz Breitfeld / Kurt Leopoldseder
Aufbruch ins Blaue
128 Seiten, zahlreiche Farbfotografien
Verlag J. Neumann-Neudamm, Melsungen
ISBN: 3-7888-0900-0
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