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Kategorie: Biografie

Walter Kohl: Leben und gelebt werden

Walter Kohl: Leben und gelebt werden

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Kanzlersohn, was nun?

Beeindruckend und erschütternd sind die Erfahrungen und Erinnerungen, mit denen Walter Kohl eine Art Lebensbilanz über sein bisheriges Leben als Kanzlersohn zieht.

Der Satz seines Sohnes auf dem Weg zum Kindergarten: “Papa, ist das Leben schön?“ kann als Initialzündung angesehen werden, nach der Walter Kohl sich seiner Kindheit und seinem bisherigen Leben stellt.

Um es vorweg zu nehmen: es war keine glückliche Kindheit, die Walter mit seinem Bruder in dem immer dichter werdenden Netz von Fremdbestimmung, Bewachung und Isolation als Prominentenkind zugebracht hat.

Zeitlebens und bis heute wird er als „der Sohn vom Kohl“ angesehen. Doch nach einem langen und beschwerlichen Weg der Besinnung und inneren Einkehr, der Reflexion und der Suche nach Lösungen für einen ersehnten inneren Frieden ist es Walter Kohl gelungen, sich auf einen eigenen Weg zu machen. Bis dahin aber gab es seelische Verletzungen und schwerste Erfahrungen, die ihn lange Jahre seines Lebens von seiner frühesten Kindheit an wie eine Gefangenschaft erleben ließen.

Dem alles beherrschenden Politikervater waren die Karriere und Partei immer wichtiger als die heimische Familie.

Walter Kohl findet die richtigen Worte, seinen Werdegang unter den o.g. Bedingungen zu beschreiben.

1963 geboren fühlte er sich früh alleine gelassen und musste harte Prüfungen durch Hänseleien, Ablehnungen und Attacken von Menschen aller Couleur hinnehmen lernen. Die Folge ist eine totale Vereinsamung und ein Rätselraten, wie das alles zusammenhängen mag: sein Aufwachsen unter Festungsbedingungen, seine Isolation unter Mitschülern  und die Unmöglichkeit, über seine inneren Zustände weder mit dem Vater noch mit der Mutter reden zu können.

In diesem Buch beschreibt er seinen langen Weg aus der Einsamkeit, der von wechselnden Stimmungen und einer steten Unsicherheit gekennzeichnet war.

Nach einem Studium in Harvard und einem längeren  beruflichen Amerikaaufenthalt fühlte er sich fast befreit. Doch als seine erste Ehe scheitert, seine Mutter stirbt und der Vater wieder heiratet und den Bruch mit ihm vollzieht, erlebt er hohe Anforderungen an sein „Stehvermögen“, einem beliebten Ausdruck der Eltern, um an diesen Erlebnissen nicht zu zerbrechen.

Bemerkenswert sind die klaren, sachlichen und doch von tiefster Not zeugenden Ausführungen, in denen Walter Kohl sich beinahe selbst analysiert. Die  außergewöhnliche Lebenssituation als Kanzlersohn ist die eine Seite seines Berichtes; die andere beschäftigt sich mit den Charakterstrukturen der Eltern, die er mit kenntnisreichem und verständnisvollem Blick zeichnet.

Dieser Lebensbericht ist ungewöhnlich in der Intention, die nicht auf eine Abrechnung zielt, sondern zu einer Klärung der Lebensverhältnisse und der Erziehungsbedingungen beiträgt, denen Walter mit seinem Bruder Peter ausgesetzt war. Wohl selten hat man so anrührend und zugleich um Wahrhaftigkeit bemüht Erinnerungen eines Politikersohnes gelesen. Walter Kohl zeigt eine Versöhnlichkeit, der man höchsten Respekt zollt.

Walter Kohl
Leben oder gelebt werden
274 Seiten, gebunden
Integral, Januar 2011
ISBN-10: 3778792040
ISBN-13: 978-3778792049
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Andreas Maier: Das Zimmer

Andreas Maier: Das Zimmer

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Modernes Leben und Erinnerungen an eine versunkene Zeit.

Andreas Maier beschreibt in einem eigentümlich lakonischen Stil ausführlich ein Familienleben, das skurril, zuweilen witzig, sicher aber zu einem guten Teil nostalgisch zu nennen ist.

Onkel J. ist das Faktotum der Familie Boll, einer Steinmetzfamilie in der Wetterau, genauer gesagt in Friedberg. Um ihn wird sich die Geschichte drehen und damit die anderen Familienmitglieder in Erinnerung um sich scharen.

Der arme Onkel J. ist mit einer Behinderung geboren worden und wird ständig, immer und überall geärgert.  Zu Ende des 2. Weltkrieges war er gerade einmal 14 Jahre alt. Schon immer und bis zu ihrem Tod lebt er bei seiner Mutter. Er bastelt gerne, erledigt kleine Botengänge und Besorgungen für die Steinbruchfirma der Familie, bis ihm sein Schwager später eine Lohnarbeit bei der Post verschafft. Wir schreiben das Jahr 1969.

Der Autor nutzt die Geschichte seines Onkels für einen eindrucksvollen Bericht über die Wetterau und die eigenwilligen Charaktere seiner Familie in den sechziger Jahren. Friedberg, Bad Nauheim und die bewaldete Umgebung sind Orte der Handlung.

Da wird dem Bier schon in den frühen Morgenstunden zugesprochen, das Butterbrot in der Dose, Kino, der Kiosk an der Ecke und das Wirtshaus sind häufig erwähnte Elemente, die sowohl Stimmungen als auch das Wohlbefinden der Bürger gewährleisten. Das letzte Lebensjahr des Onkels bietet den Anlass, um sich einer Zeit zu nähern, die Gemächlichkeit verbreitet und Zufriedenheit signalisiert. Der Onkel ist ein tumber Tor, ein Behinderter, der durch sein Verhalten zur Belustigung seiner Mitmenschen beiträgt. Immerhin durfte er noch Auto fahren lernen und konnte seine einfache Arbeit bei der Post verrichten. Betäubend ist sein Körpergeruch, den der kleine Andreas als ekelerregend und zum Fürchten empfindet.

Sein Auto und seine Polohemden besitzen die gleiche Farbe, die an militärische Tarnfarbe denken lässt. Frauen spielen für Onkel J. eine gewichtige aber schamhafte Rolle, doch traut er sich kaum über Pornohefte und das Frankfurter Bahnhofsviertel hinaus. Andreas Maier schildert diesen Onkel als Unikum, abstoßend und faszinierend zugleich. Er ist die zentrale Figur des Romans, um die sich die Familie und die ganz und gar durchschnittlichen Bürger des  Städtchens scharen.

Das schlichte Leben und die simplen Freuden werden atmosphärisch dicht und genau beschrieben. Man spürt das gemütliche und einfache Dasein am besten in den Worten und Taten der Protagonisten. Die Vorboten des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts lassen Befürchtungen aufkommen, dass es mit der Idylle in der Wetterau bald vorbei sein könnte.

Hinreißende Naturbetrachtungen komplettieren den Eindruck einer verhältnismäßig heilen Welt. Das Rotkehlchen oder ein unvergleichlicher Sonnenuntergang, „den einem niemand nehmen kann, für das ganze Leben nicht“ führen immer wieder zur Atmosphäre des Ländlichen und Beschaulichen.

Der Autor Andreas Maier hat mit diesem Roman eine Familiengeschichte begonnen, in der man unschwer biographische Züge entdeckt, und von der man hofft, dass sie noch fortzuspinnen sein wird.

Andreas Maier
Das Zimmer
203 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag, 6. September 2010
ISBN-10: 3518421743
ISBN-13: 978-3518421741
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Tim Parks: Die Kunst stillzusitzen

Tim Parks: Die Kunst stillzusitzen

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Gesundheit und Heilung erfahren durch Stillsitzen? Auf den ersten Blick scheint das sehr unwahrscheinlich. Dennoch weckt das Buch Interesse. Um was es wohl geht?
Tim Park verlässt die gewohnten Bahnen und schreibt nun über sich selbst. Seit Jahren geht es ihm schon nicht gut. Er hat Schmerzen im Bauch, kann nicht gut sitzen, muss zu oft aufs Klo, vor allem nachts. Das könnte an einer vergrößerten Prostata liegen. Die Sache muss behandelt werden, damit er dann wieder leben kann wie zuvor, so sein Wunsch.
Eine Zeit komplizierter Tests beginnt. Und auch selbst versucht der Autor den Schmerzen etwas entgegen zu setzen. Er lebt gesünder, will sich mehr bewegen. Doch Sport zu machen, hilft genauso wenig, wie keinen Sport zu machen. Auch die Ernährung umzustellen, bringt nichts. Die Krankheit muss etwas Schwerwiegendes sein. Nur eine OP wird helfen können. Doch die medizinischen Tests, die Laboruntersuchungen zeigen, dass alles in Ordnung ist. Die Spezialisten entdecken nichts, was die Schmerzen erklären könnte. Dabei wird es stetig schlechter. Alles Einbildung? Ist es psychosomatisch?

Tim Parks kommt an einen Punkt, an dem er sich nicht länger mit den Ärzten und der Schulmedizin auseinandersetzen will. Er muss andere Wege gehen. Doch was die alternativen Heilmethoden betrifft, ist er ein Skeptiker.
Ausgerechnet ein Selbsthilfebuch ist es, dass ihn endlich auf die Spur bringt, Ursachen für seine Beschwerden auszumachen. Seine Symptome werden hier genau beschrieben. Sollte er selbst mit seinem Verhalten und seiner Art zu leben die Schmerzen auslösen? Er ist ein Mensch, der immer grübelt, der immer in Gedanken ist, der nicht locker lassen und entspannen kann. In verkrümmter Sitzhaltung hängt er auf dem Stuhl und schreibt seine Bücher. Er ist verspannt, bis in die Tiefen seines Bauches. Kein Wunder, dass es schmerzt. Schon manchmal hat er einen Hinweis darauf bekommen, was für ein Typ Mensch er ist, aber nie einen Zusammenhang hergestellt. Dabei geben sogar einige seine anderen Bücher Hinweise darauf.
Und nun muss er lernen loszulassen, muss Geist und Körper wieder zusammenbringen. Das ausgerechnet das Meditieren die Heilung bringt, damit hätte Tim Parks nie gerechnet.

Es ist ein offenes, ehrliches und auch schonungsloses Buch. Immer mehr Menschen werden von Krankheiten geplagt, die sich nicht erklären lassen. Man verschweigt es eher, doch Tim Parks spricht darüber. Anfangs kommt man sich fehl am Platze vor, wenn man eingeweiht wird in die intimsten Probleme eines anderen Menschen, doch das gibt sich. Schließlich hat man selbst auch das eine oder andere wegzudrücken, gerade auch wenn man älter ist.
Tim Parks Buch kann dann weiterhelfen. Man kann von seinen Erfahrungen und Erkenntnisse profitieren. Intensiv hat er über das Leben nachgedacht. Produktiv nachgedacht. Es hat sich als nicht gerade einfach erwiesen, sich nicht mit sinnlosen und belastenden Grübelein, die nur für neue Spannungen im Körper sorgen, ablenken zu lassen. Seine Sichtweise über das Leben und sich selbst zu ändern, ist ein langer Weg. Aber eben auch ein Weg zu Gesundheit und neuem Selbstvertrauen, wie sich für Tim Parks gezeigt hat.

Rezension von Heike Rau

Tim Parks
Die Kunst stillzusitzen
Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung
400 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann
ISBN-10: 3888976804
ISBN-13: 978-3888976803
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Anne-Gabriele Michaelis: Nordische Dichterinnen und Dichter

Anne-Gabriele Michaelis: Nordische Dichterinnen und Dichter

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Mit dem fünften Band in der Reihe „Die Welt der Poesie für neugierige Leser“ stellt Anne-Gabriele Michaelis dieses Mal nordische Dichterinnen und Dichter vor. Nach Bänden mit den Dichtern aus drei Jahrhunderten, den Romantikern aus Schwaben, den deutsch-jüdischen Poeten und den humoristischen Versschmieden nun eine gelungene Zusammenstellung der und Information über die Dichter aus dem Norden. In flüssig und wenig lehrbuchhaft zu lesender Weise widmet sich die Autorin dem Leben und Wirken von Tania Blixen, Theodor Storm, Hans Christian Andersen und Selma Lagerlöf.

Zu keiner Zeit gelangt der Leser zur Ansicht, ein Fachbuch mit schwerem Stoff in den Händen zu halten, wie es bei so manchem Sachbuch der Fall ist. Mit interessanten Details und kleinen Anekdoten aus dem Leben der Schriftsteller plaudert die Autorin über das Heranwachsen, über die ersten Lieben, die ersten Ehen, die Musen, die sie küssten, die Werke, die sie schufen. Nur eine umfangreiche Recherche macht es möglich, mit so viel Lockerheit über das Leben dieser wahrlich in der Literatur anerkannten Menschen zu schreiben. Gespickt werden die Biografien zusätzlich kontextbezogen mit Tipps zum Weiterlesen, in denen auf besondere Verse, Erzählungen und Novellen hingewiesen wird, bei denen es sich lohnt, sie in die Hand zu nehmen.

Anzumerken ist den Texten allerdings, dass sie zeitlich unabhängig voneinander entstanden zu sein scheinen. Obwohl immer in dem lockeren Stil so wirkt die ansonsten eingehaltene chronologische Reihenfolge bei Hans Christian Andersen etwas durcheinander geraten. An manchen Stellen musste die Chronologie dem Verfolgen eines Themas weichen, wodurch dann, wenn das Thema beendet war, ein Zeitsprung eintreten musste, um in die Chronologie zurückzukehren. Dem Lesevergnügen tut das keinen Abbruch, genauso wenig wie der fehlende Verweis auf das prominenteste Werk von Tania Blixen: „Jenseits von Afrika“.
Insgesamt ist dieses überaus kurzweilige all jenen literarisch Interessierten zu empfehlen, die ihren Blick nicht nur auf die Werke der Schriftsteller und Dichter sondern auch auf deren Biografie richten.

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Anne-Gabriele Michaelis
Nordische Dichterinnen und Dichter
Sachbuch, Taschenbuch
Engelsdorfer Verlag
ISBN-10: 3869018887
ISBN-13: 978-3869018881
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2010
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Christopher Isherwood: Löwen und Schatten

Christopher Isherwood: Löwen und Schatten

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Erste Erfahrungen in einem Leben abseits der Norm.

Ein wenig mühselig beginnen die Aufzeichnungen von Christopher Isherwood, 1904 – 1986, in denen er von seinem Schulbesuch in London und der Hochschule in Cambridge berichtet. Mit seinen Mitschülern und Mitstudenten machte er sich an die Eroberung der Welt. Der erste Weltkrieg hat die Jahre der Schulzeit berührt, und jetzt beginnen die aufregenden zwanziger Jahre, von denen man in den Schilderungen dieser Jugendjahre jedoch noch wenig merkt. Schulstreiche und erste Liebesgefühle münden in lange Dispute mit Freunden und insbesondere mit dem Freund Chalmers. Die Freunde ergötzen sich an der Literatur und Isherwood entnimmt einem Buch von Montague den Titel zu einem eigenen Buch „Löwen und Schatten“. In romantisierender Verklärung geht es um Eros und Homoerotik, der sich der Autor jedoch erst schamhaft bewusst wird.

In Cambridge und London versuchte er sich in den Studiengängen Geschichte und Medizin, beides erfolglos. Mutwillig gibt er seinen Stipendienplatz in Cambridge auf, lebt einmal als Privatsekretär bei einem Musiker und dessen Familie, dann wieder als Hauslehrer. Er führt ein exzentrisches Leben und scheint immer auf der Suche nach dem wahren Platz im Leben zu sein.

Seine Erinnerungen in diesem Buch enden mit dem Aufbruch nach Berlin, wo er den berühmten Roman mit der Vorlage für das Theaterstück „Cabaret“  mit seinem Roman „Good-Bye to Berlin“ schrieb.

Wie es im Einband heißt, lesen sich diese Jugenderinnerungen wie eine „Education sentimentale“, was dem eigenen Eindruck durchaus entspricht.

Vom Glück träumen, der Realität ein Schnippchen schlagen, außergewöhnliche Erlebnisse forcieren, sich treiben lassen und schauen, was kommt, das ist die Devise des damaligen Lebens von Christopher Isherwood. Als Schriftsteller hat er gewonnen, denn sein Name ist berühmt geworden und stand für eine bestimmte literarische Gattung, der Vedanta, einer Richtung indischer Philosophie. Man muss sich für die Zeitströmung in England interessieren, die mit dem berühmt-berüchtigten Namen „Bloomsbury“ in Verbindung stand. Dort findet man einen anderen Höhepunkt in der existenziellen  Entwicklung von Schriftstellern, die sich mit den Namen von Virginia und Leonard Woolf zusammenfügt. Sie hatten freizügige  Vorstellungen und suchten nach dem Ende des viktorianischen Lebensgefühls nach persönlicher und moralischer Freiheit. Beide haben das vorliegende Buch von Christopher Isherwood 1938 erstmals in England herausgebracht.

In einem Vorwort des hervorragenden Übersetzers Joachim Kalka kann man sich mit den Intentionen des Buches vertraut machen.

Dieses Buch wird einen ausgewählten Leserkreis ansprechen. Die Aufmachung des schönen Bandes aus dem Berenberg Verlag ist einladend mit dem feinem Druck und den Fotos von Christopher Isherwood und seinem Freund W.H. Auden auf dem Einband.

Christopher Isherwood
Löwen und Schatten
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Berenberg Verlag
ISBN-10: 3937834362
ISBN-13: 978-3937834368

Miriam Meckel: Brief an mein Leben

Miriam Meckel: Brief an mein Leben

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Als die bekannte Medienforscherin Miriam Meckel eines Morgens nach einem angestrengten Arbeitstag zusammenbricht, stehen damit auch ihr Selbstbild und ihre Tatkraft auf dem Prüfstand.
Ihre aufreibende Arbeit als Kommunikationswissenschaftlerin, Professorin und gefragte Vortragsreisende hat sie an die Grenzen ihrer Kräfte getrieben.
Nach einem Zusammenbruch mit Hörsturz und anderen Symptomen begibt sich die schöne, begabte und erfolgreiche Frau in eine Klinik im Allgäu. Dort sucht sie Ruhe, Heilung und Erholung. Die ärztliche Diagnose lautet: Burnout!

Nun hat sie ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben, in denen sie sehr persönlich ihre Geschichte erzählt.
Es ist eine Geschichte von Erfolg, Ehrgeiz und endlosen Aktivitäten, denn sie ist überall in der Welt gefragt als Moderatorin, Vortragende und Dozentin. Der Gesundheitscrash bietet Gelegenheit, einzuhalten und ihr Leben zu überdenken.
In der Klinik muss sie sich an einen strengen internen Tagesablauf gewöhnen. Ihr wird zur Einstimmung auf die kommenden Wochen mit Therapien aller Art ein Wochenende des Alleinseins verordnet. Man erwartet, dass sie sich jeder Tätigkeit enthält und ganz still und alleine den Tag verbringt.

Allein auf ihrem Zimmer erzählt sie in langen Passagen über ihre Sinneseindrücke in der Stille und vom dem kalten und nebligen Draußen. Der Eindruck einer intelligenten, nachdenklichen jungen Frau, die in Ruhestunden gerne Musik hört und liest, und die dennoch mit ihren Kräften nicht haushalten konnte, bestätigt sich. In ihrem Alltag gab es keine Rast, sondern andauernde Hyperaktivität, die zerrüttend wirkte.
Sichtbar hat man es bei der Autorin mit einer Lebens -und Sinnkrise zu tun, die so manchen Zeitgenossen gelegentlich erwischt. Euphorisierende Wirkungen haben Aufenthalte in Kliniken, in denen sich Menschen aller Couleur versammeln, um in ihren jeweiligen Krisen Hilfe zu suchen. Da entsteht eine Nähe, die unter fremden Menschen eher unüblich ist. Man merkt, wie sich Miriam Meckel zögerlich auf die verschiedenen Ebenen einzelner Therapien und auf die Begegnung mit ihren Mitpatienten einlässt. Ihre neuen Erfahrungen wecken Erinnerungen an vergangenes Leben, erlittene Verluste von Freunden und Verwandten und fördern neue Einsichten.

In ihrem Buch beschreibt Miriam Meckel den ganz normalen Alltag in einer psychosomatischen Klinik, in der Übungen verschiedener Art dazu herausfordern, inne zu halte, das bisherige Leben zu überdenken und sich neue Perspektiven für die Zukunft vorzustellen. Ihre Niederschrift gleicht Tagebuchaufzeichnungen mit sehr persönlichen Einsichten.
Der Bericht mag eine Art Befreiung für sie bedeuten, —aber muss die Öffentlichkeit davon wissen?
Ohne die gewohnte öffentliche Resonanz lebt es sich offensichtlich schwer!
Die Geschichte ist als Erfahrungsbericht interessant und bedient die voyeuristischen Bedürfnisse jener Menschen, die sich in ähnlichen inneren Konflikten verfangen haben, die sie an die Grenzen ihrer Kräfte getrieben haben.

Miriam Meckel
Brief an meine Leben
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Rowohlt, Reinbek, März 2010
ISBN-10: 3498045164
ISBN-13: 978-3498045166

Jean Echenoz: Laufen

Jean Echenoz: Laufen

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Eine Sportlegende macht Furore!

Laufen kann er, – der sagenhafte tschechische Läufer Emil Zatopek!

Zu Beginn des zweiten Weltkriegs 1939 entdeckt er seine Freude am Laufen, obwohl ihn Sport bis dahin nie interessierte. Beim Militärdienst, zu dem er als 17-Jähriger antritt, entdeckt man sein Talent und er läuft, und läuft und läuft! Mit anfänglich noch unausgebildetem Laufstil gelingen ihm doch schon bald erste Erfolge. 1953 erklimmt er den Gipfel sportlicher Leistung und wird Olympiasieger in drei Langstreckendisziplinen.

Seine Karriere als Läufer nimmt überraschende Formen an und parallel dazu verläuft seine Beförderung beim Militär. „Die tschechische Lokomotive“ wird er genannt und sein Laufstil bleibt für alle seine Zuschauer und Konkurrenten ein Wunder.

Im Hintergrund ziehen die politischen Machthaber ihre Strippen und Zatopek bleibt ein Läufer, den beinahe nichts anderes interessiert. Fast ohne es zu bemerken, wird er sein Leben lang zum  Spielball der politischen Verhältnisse. Zuerst läuft er für das „Reichsprotektorat“ Böhmen und Mähren. Nach dem Ende des Krieges läuft er zunächst im Namen der Volksrepublik Tschechien und später des „Sozialismus“ bei Wettkämpfen in aller Welt. Er erkämpft sich eine Trophäe nach der anderen. 1968 erwischt ihn der Prager Frühling dann auf der falschen Seite: nun wird er degradiert und läuft in den Strassen Prags für die Müllabfuhr. Seine Anhänger, die ihn auf jedem Platz und an jedem Ort der Welt bejubeln, verliert er nie.

Jean Echenoz hat am Beispiel des legendären Sportlers und Läufers erzählt, wie man den Sport zu politischen Zwecken nutzen und den Menschen zum Werkzeug eigener Ideologien  missbrauchen kann. Der Ton, im dem er seine Geschichte erzählt, zeigt den Läufer Zatopek als naiven, lieben Mann, der nur ein Ziel kennt: Laufen! Dass der Autor mit seinem Bericht einen exklusiven Politikthriller verbindet, in dem das Klima und die Beschaffenheit eines verruchten Systems karikiert wird, macht sein Buch zu einem amüsanten und anspruchsvollen Unterhaltungsroman. Man folgt belustigt den Kehrtwendungen und den Auf- und Abwärtsbewegungen des Läufers Emil Zatopek, die von den politischen Strömungen seiner Zeit umrahmt werden. Jean Echenoz hat dem legendären Läufer Emil Zatopek ein würdiges Denkmal mit seinem kleinen Roman gesetzt.

Jean Echenoz
Laufen
Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag: Berlin Verlag (Oktober 2009)
ISBN-10: 3827008638
ISBN-13: 978-3827008633

Edmund Hartsch: Maffay – Auf dem Weg zu mir

Edmund Hartsch: Maffay – Auf dem Weg zu mir

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Echter Lesespaß: „Maffay – auf dem Weg zu mir“

Nein, das Buch ist entgegen der meisten Presse-Aussagen keine Autobiografie. Es ist eine Biografie, ein echtes Edmund-Hartsch-Buch. In seinem knackig-spitzen Stil geschrieben – das allein wär schon Empfehlung genug. Ohne Drumherumgerede skizziert Journalist Edmund Hartsch, laut Wikipedia „Pressebetreuer in der Musikbranche“, nicht nur die Stationen des Peter Maffay, sondern auch das musikalisch-tagespolitische Umfeld, durch das hindurch Maffay seinen Weg zu sich suchte. Vieles erscheint dabei für das Thema des Buches irrelevant, sei es, weil es das wirklich war, weil Maffay die Relevanz nicht bewusst war oder weil er sie während der Gespräche mit dem Autor nicht dar- oder nahelegte. Interessant ist es trotzdem, weil es das Phänomen Maffay aus dem luftleeren Raum einer bloßen Faktensammlung holt und in die Wirklichkeit einsortiert.

Dass man zum Genuss des Inhalts wenn schon nicht Maffay-Fans sein, so doch wenigstens mit „Peter was am Hut“ haben sollte, liegt nahe. Tatsächlich bleibt bei aller Detailiertheit und vieler kraftstrotzender Auf-den-Punkt-Aussagen ein Beobachter-Abstand erhalten, der es Nicht-Fans vielleicht erschwert, Zugang zu dem Menschen Maffay zu bekommen. Dass dies zu dessen Charakter des offenen, sich aber nicht entblößenden Menschen passt, kann man als Geniestreich Hartschs auffassen, ist aber wohl eher Zufall.

Vielleicht ist dieser Abstand und dieses Tempo, dieses nicht in Gefühlsduselei-gedrängt-Werden, aber auch ein Vorteil für Nicht-Maffay-Fans. Denn egal, ob man zur Masse der Peter-Treuen gehört oder nicht: Das Buch liest sich wie locker-fröhliche Unterhaltung, wie ein witzig-bissiger Abriss über 40 Jahre Populärmusik Deutschlands. Vor allem wer Spaß am Wort hat, wird bestens bedient – Musikszenekenntnisse können da ruhig rudimentär sein.

Und als sei das alles nicht genug, besticht das Buch durch ein ungewöhnliches, dekoratives und doch höchst lesefreundliches Layout. Es balanciert mit traumwandlerischer Sicherheit jenseits der buchtypischen „Bleiwüsten mit Bild“ und diesseits der überdekorierten „Schmuck-Stücke“. Jede Seite ist grafisch konsequent durchgestaltet, Spaltenstrukturen werden aufgebrochen, Illustration und Text fließen zuweilen ineinander, Details erfrischen den Blick ohne abzulenken.

Nur das Schlusswort, das ist irgendwie daneben gegangen. Hartsch schreibt es durchweg in der Vergangenheit. Vielleicht sollte das den frisch-witzigen Ton mit einem Maffays Leistungen angemessenen Pathos überziehen, tatsächlich jedoch klingt das Schlusskapitel wie ein Nachruf. Aber wie heißt es so schön? Totgesagte leben länger.

Edmund Hartsch
Maffay – Auf dem Weg zu mir
Bertelsmann, 2009
ISBN 978-3-570-01029-7

Helmut Schmidt und Giovanni DiLorenzo: Auf eine Zigarettenlänge mit Helmut Schmidt

Helmut Schmidt und Giovanni DiLorenzo: Auf eine Zigarettenlänge mit Helmut Schmidt

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Wie sehr wünschen sich Menschen in unserer Republik Vorbilder in Politik und Gesellschaft!

Einer der wenigen, die uns geblieben sind, hat bereits ein hohes Alter erreicht. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt ist in seinem gradlinigen, aufrechten und gelegentlich kantigen Auftreten unsentimental aber mit verborgenen Gefühlen versehen einer dieser wenigen. In wöchentlichen Gesprächen und Interviews mit dem Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und anderen Gesprächspartnern der Wochenzeitung > Zeit< hat er sich zu Fragen der Gegenwart geäußert und Gedanken zu Wirtschaft, Politik und Gesellschaft artikuliert. Die stetig brennende Zigarette ist sein unverkennbares Markenzeichen bei allen seinen Auftritten. In den Gesprächen kommt sein Charakter zur Geltung: klar, kurz, präzise und bestimmt sind seine Antworten auf die Fragen zur Politik. In ähnlicher Weise beantwortet er persönliche Fragen zu Eindrücken von Weggefährten, Politikern, seiner Einstellung zur Jugend und Fragen zur Kriminalität. Das Kapitel mit Fragen über seine Vorlieben in der Musik beantwortet Helmut Schmidt sachlich, ohne dass verborgen bliebe, wie viel sie ihm bedeutet. Die Verhaltenheit im äußern eigener Gefühle ist anrührend. In diesen Kurzinterviews wird fast die ganze Geschichte der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gestreift. Helmut Schmidt hat mehr als einmal für richtig befundenen Entscheidungen auch gegen Widerstände durchgesetzt. Der bedeutendste neben anderen war der Nato- Doppelbeschluss, mit dem er sich Feinde in der eigenen Partei gemacht hat. In seinen fast einem Lebensabriss gleich kommenden Gesprächen gibt er auch über sein Privatleben, seine Lektüren und fast über alles Auskunft, was den wissbegierige Leser interessieren könnte. Dennoch gibt es Grenzen, selten, in denen er ganz einfach die Antwort verweigert. Helmut Schmidt ist heute fast so etwas wie eine legendäre Figur der Geschichte. Wer 90 Jahre alt werden konnte, geistig fit, wenn auch körperlich beeinträchtigt, seinen Interessen folgen durfte, wer ein Leben reich an politischen und menschlichen Erfahrungen gesammelt und Begegnungen mit allen politischen Größen der Zeit erlebt hat, dem sind ein Zuwachs an Einsichten und Erkenntnissen gewiss. Da er bis in sein hohes Alter, an den politischen Geschehnissen, zuletzt als Herausgeber der >Zeit >, aktiv beteiligt ist, legen auch heute noch Politiker aus aller Welt Wert auf sein Urteil.

Die Interviewpartner sind dem Staatsmann gewogen; sie dürfen Fragen stellen, die nicht jedem erlaubt wären. Sie machen das gut: einfühlsam, direkt, nachdrücklich und respektvoll.

Die Leser der „Zeit“ sind Helmut Schmidts Ausführungen mit hohem Interesse und begeisterter Aufmerksamkeit gefolgt.

Helmut Schmidt und Giovanni DiLorenzo
Auf eine Zigarettenlänge mit Helmut Schmidt
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 3462040650

Carol Vraham Chudley und Dorothy Field: Gartengespräche unter Frauen

Carol Vraham Chudley und Dorothy Field: Gartengespräche unter Frauen

„Gartengespräche unter Frauen“ ist ein Briefwechsel zwischen Gärtnerinnen, der aus einer Freundschaft heraus entstanden ist. Beide Frauen sind Künstlerinnen mit dem Blick für das Besondere im Alltäglichen. Kurz vor Erscheinen des Buches erlag Carol Graham Chudley einer schweren Erkrankung, dem Chronischen Müdigkeitssyndrom. Im Briefwechsel geht es um das liebste Steckenpferd der beiden, ihre Gärten. Immer wieder eingestreut sind Tagebuchaufzeichnungen Carols, die den Krankheitsverlauf dokumentieren.

Das Buch nimmt 1995 seinen Anfang. Dreh- und Angelpunkt sind dabei die eigenen Gärten im Jahresverlauf. Aber nicht nur aktuelle Beobachtungen werden niedergeschrieben, auch Erinnerungen beispielsweise an die Kindheit werden wieder lebendig. Damit ist das Hörbuch eine Art naturnahe Biographie mit vielen Geschichten und Erlebnissen eingebettet in ein Gartenjahr. Die Liebe der beiden Frauen zu allem was grünt und blüht wird auch für den Zuhörer spürbar.
Die beiden Autorinnen zeichnen ganz besondere Bilder mit künstlerischer Wortmalerei.

Für Gartenliebhaber ist das Hörbuch äußerst interessant. Die Autorinnen geben ja auch ihre Erfahrungen wieder. Und sie lehren den Zuhörer, den Augenblick zu genießen. „Vom Pflanzen, Wachsen und Vergehen“ wird erzählt und natürlich hat das eine ganz besondere Symbolik. Die immer wieder eingestreuten Tagebuchaufzeichnungen über Carols Krankheit machen das Herz schwer. Dennoch sind die Briefe geprägt von Hoffnung, denn Glücksmomente bekommen eine ganz andere Wertung, werden viel bewusster wahrgenommen.
Ursula Illert und Andrea Hörnke-Trieß, die beiden Sprecherin tragen diesen Umständen Rechnung. Sie lesen äußerst einfühlsam.

Um die Wunder der Natur auch selbst im Garten verfolgen zu können, liegt jedem Hörbuch ein Tütchen mit Kürbissamen bei. Auch das kleine Booklet mit Zitaten und Fotos der Jahreszeiten ist etwas ganz Besonderes.

Rezension von Heike Rau

Carol Vraham Chudley & Dorothy Field
Gartengespräche unter Frauen
Vom Pflanzen, Wachsen und Vergehen
gelesen von Ursula Illert und Andrea Hörnke-Trieß
aus dem Englischen von Ilse Tothfuss
3 CDs, 231 Minuten
Steinbach sprechende Bücher
ISBN: 978-3886988693
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