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Kategorie: Sachbuch

Juli Zeh: Corpus Delicti – Ein Prozess

Juli Zeh: Corpus Delicti – Ein Prozess

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Von Juli Zeh ein Buch zu lesen bedeutet stets eine Denkakrobatik, um in unsere gesellschaftsgeschichtliche Gegenwart zu gelangen.

Was jedoch an diesem Werk „Fragen zu Corpus Delicti“ besonders nett ist, das ist die Art der Erklärungen, wie sie an ihr Scheiben herangeht. In Form eines fiktiven Interviews schreibt sie so, als sei man ihr Gesprächspartner, dem sie ein wenig vermitteln will, wie sie an ihre Texte kommt, und wie sie einen Roman oder, in diesem Fall ein Theaterstück, entstehen lässt.

Man lernt sie kennen als einen Menschen, der sich permanent mit Gesellschaft, Politik und allgemeinen philosophischen Fragen unseres Daseins auseinandersetzt. Aus diesem Denken heraus entwickelt sie ihre Figuren, die denn auch in unserer Zeit leben. Sie müssen sich den Fragen und Lebensfragen der Gegenwart stellen. Als Beispiel sei ihr Roman „Unterleuten“ genannt, der ein Stück gegenwärtiger Gesellschaftsgeschichte spiegelt.

„Fragen zu Corpus Delicti“ aber ist anders als ihre Romane. Das Buch war ursprünglich als Theaterstück konzipiert. Die Anfrage, diesen Stoff zu bearbeiten, hat sie zunächst irritiert. Das Stichwort dazu war „Mittelalter“. Selbstverständlich muss das Stück in der Gegenwart bleiben; so fällt ihr das Wort „Hexenjagd“ dazu ein, und das ist synonym für „Hexenjagden“ aller Art und zu jeder Zeit.
Auf diese Weise ist das Thema zu dieser Schrift entstanden.

Hauptprotagonistin ist Mia. Sie ist zuerst angepasst an ein System, die so genannte Methode, in dem es nur noch Gesundheit gibt. Mit einem unter die Haut gepflanzten Chip wird der Mensch in seinem Zustand ständig kontrolliert. Wer sich dieser Kontrolle entzieht, wird zum Angeklagten. Mia wandelt sich zum Individuum mit eigenen Ansichten, was in diesem System nicht erlaubt ist.

Sie wird zum Tod (durch Einfrieren) verurteilt. Der Tod aber hätte sie zur Märtyrerin gemacht. Also wird sie begnadigt, was angesichts der Lage in diesem Staat einer wirklichen Qual gleichkommt, denn sie wird in ein Sanatorium verbannt. Dazu lässt sich Juli Zeh vom Text des Zauberbergs von Thomas Mann inspirieren.

Die Autorin zeigt in Teilen ihre eigene Gegenwartsgeschichte (Haus, Mann, Kinder, Arbeit), was zu dem Eindruck führt, dass man sich im Gespräch mit ihr zu befinden glaubt.

Der Text ist zutiefst durchdrungen von den Einsichten der Aufklärung. Er zeigt Denkmuster des dialektischen Denkens. Um das zu verdeutlichen, führt sie die Erfahrung verschiedener Gefühlslagen auf: Trauer gegen Freude, Schmerz gegen Glück, Gesundheit gegen Krankheit und hell gegen dunkel etc. Erst die Polarität des Einen wie des Anderen lässt uns erfahren, dass es diese Empfindungen gibt.

Aus dem Text kann man u.a. herauslesen, was es mit der Freiheit des Geistes auf sich hat. Erst die Möglichkeit, eigene Entscheidungen treffen zu können und eigene Meinungen zu entwickeln, befähigen uns zur Demokratie. Bezugnahmen gibt es neben vielen anderen zu Adornos und Horkheimers philosophischen Thesen zur „Dialektik der Aufklärung“ (S. 175) und zu Kant.

Dieses Buch ist in der Vielfalt der Thesen zu unserem Tun und Sein und den Grundgedanken dazu beeindruckend.

Man liest konzentriert und gebannt, wie sich Juli Zeh ihrem Sujet aus unterschiedlichen Sichtweisen nähert.

Dass sie hier viel über ihr eigenes Denken spricht, macht sie nahbar. Und bei so vielen ihrer Einsichten dachte ich: genau das habe ich auch schon gedacht, ohne es so formulieren zu können.
Beispiel S. 153: wie wir Menschen wirklich sind!

Um ihre Bücher mit den gesellschaftspolitischen Themen zu verstehen, ist dies Buch eine wirkliche Hilfe.

Juli Zeh
Corpus Delicti: Ein Prozess
272 Seiten, broschiert
btb Verlag, Auflage: 01, August 2010
ISBN-10: 3442740665
ISBN-13: 978-3442740666
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Karl Schlögel: der Duft der Imperien

Karl Schlögel: der Duft der Imperien

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Anhand von Düften Zeitgeschichte darzustellen, das ist eine originelle Idee. Karl Schlögel hat sich dieser Aufgabe unterzogen. Er beschreibt die Jahrhundertwende vom 19. bis weit ins zwanzigste Jahrhundert. Es geht um die Düfte von Chanel Nr. 5 in Frankreich und Rotes Moskau in Russland.

Noch herrschen in Russland die Zaren. Karl Schlögel bemüht eine Vielzahl der Namen von Personen, die an der Entwicklung der beiden Düfte maßgeblich beteiligt waren.

In Wirklichkeit geht es um die Zuordnung der Düfte, die unweigerlich mit Orten und mit Geschichte verbunden waren. Karl Schlögel erinnert an das berühmte Beispiel von M. Proust, dem bei dem Duft von Madeleines Erinnerungen an seine Urlaube mit seiner Großmutter kamen.

Sehr entscheidend bei der Namensgebung und Etablierung der beiden Düfte waren Polina Shemtschushina Molotowa in Russland und Coco Chanel in Frankreich. Molotowa war die Frau des späteren Außenministers der Sowjetunion, Molotow.

Coco Chanel ist die berühmte Modedame in Paris. Beide waren in die jeweiligen politischen Verhältnisse mit verwickelt.

Chanel hatte sich aus armen Verhältnissen stammend in die Welt der high society hochgearbeitet und verkehrte mit allen Großen von Rang und Namen der dreißiger Jahre. Sie war im Grunde unpolitisch wechselte aber gelegentlich die Seiten.

Ihre Kontakte pflegte sie in England ebenso wie in Frankreich und Deutschland. Unter ihnen gab es Künstler, Politiker und hoch gebildete Schichten aus Intellektuellen und Schriftstellern. Auf diese Weise konnte sie auch ihren Einfluss geltend machen, um ihren Landsleuten in prekären Situationen zu helfen.

In Russland ist es die russische Revolution, die das gesellschaftlichen Leben veränderte. Nicht aber die Sehnsucht nach den gepflegten Düften!

Molotowa agiert politisch und tritt 1918 der Partei der Bolschewiki bei. Nach langen Jahren politischer Arbeit wurde sie als Jüdin 1949 zu fünf Jahren Verbannung verurteilt.

Ihr Weg durch zahlreiche hohe Ämter in Politik und Wirtschaft findet ausführlich Erwähnung in den Darstellungen von Karl Schlögel. U.a. war sie auch für die Kosmetikindustrie tätig, daher ihre Verbindung zu dem russischen Parfum Rotes Moskau.

Im Mittelpunkt der beschriebenen Ereignisse stehen die dreißiger Jahre, in denen Nationalsozialismus, die Folgen der russischen Revolution, Verfolgung und Krieg zu den zentralen Ereignissen des Jahrhunderts wurden.

Viele interessante Einzelheiten zum Regime unter Stalin machen immer wieder Staunen, wie die Anhänger Stalins jede noch so infame Strafe hinnahmen, ohne von ihm abzufallen.

Der Autor hat zahlreiche Einzelheiten zu den gesellschaftlichen Verbindungen der beiden Frauen in ihrer Zeit parat. Er hat für seine Ausführungen alles gründlich recherchiert.

In der Gegenüberstellung der beiden Frauen Coco Chanel und Polina Molotowa ersteht ein ganzes Jahrhundert mit den unterschiedlichen Tendenzen: Luxus, Reichtum, Bürgertum (Chanel) gegen Funktionärsmacht, Intrigen, politische Dominanz in allen gesellschaftlichen Bereichen ( Molotowa).

Ein hoch gelungenes aber dank der unzähligen Namensnennungen nicht ganz leicht zu lesendes Werk. Für Geschichtsinteressierte eine ganz neue Art, die Entwicklungen des vergangenen Jahrhunderts zu betrachten.

Eine lange Reihe von Anmerkungen vervollständigen das Werk zu einem ausgezeichneten Zeitdokument auf dem Weg über die „Düfte“!

Karl Schlögel
Der Duft der Imperien
224 Seiten, gebunden
Hanser Verlag, 2. Auflage, Februar 2020
ISBN-10: 3446265821
ISBN-13: 978-3446265820
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Andreas Dohmen: Wie digital wollen wir leben? – Die wichtigste Entscheidung für unsere Zukunft

Andreas Dohmen: Wie digital wollen wir leben? – Die wichtigste Entscheidung für unsere Zukunft

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Es geht spürbar voran mit der Digitalisierung, auch wenn es hin und wieder Kritik an der Vorgehensweise gibt. Vieles ist leichter geworden oder komplizierter. Es kommt auf die Meinung des Einzelnen an und seine Fähigkeiten. Wie auch immer, „Wie digital wollen leben?“ ist für jeden zu empfehlen. Es ist wichtig, sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen und das nötige Wissen aufzubauen.

Die Unterüberschriften zu den einzelnen Kapiteln sind als Fragen formuliert. So ist schnell herausgefiltert, was persönlich interessiert. Nun, bei mir waren es keine einzelnen Fragen, sondern das ganze Buch. Ich habe es mit großem Interesse von vorn bis hinten durchgelesen. Selbst wer bereits ein Verständnis für die verschiedenen Aspekte entwickelt hat, kann hier noch mal in die Tiefe gehen und seine Vorstellungen mit Fakten unterlegen. Was bedeutet Künstliche Intelligenz? Was ist 3D-Druck? Was versteht man unter Kryptowährung? Wo steht Deutschland mit der Digitalisierung im internationalen Vergleich? Wie sieht es mit dem Datenschutz aus? Wie wird sich die Digitalisierung weiterentwickeln? Das sind durchweg spannende Fragen!

Andreas Dohmen weiß, wovon er spricht. Dafür steht sein beeindruckender beruflicher Werdegang. Es gelingt ihm ausgesprochen gut, selbst komplizierte Sachverhalte anschaulich darzustellen und verständlich zu erklären. Das geschieht ab und an auch mal mit einem Augenzwinkern. So überträgt sich seine Interesse für das Thema leicht auf den Leser. Vorwissen ist nicht nötig, auch wenn sicher jeder schon auf die eine oder andere Weise Bekanntschaft mit der Digitalisierung gemacht hat, und sei es nur bei der Nutzung eines PCs oder Smartphones. Deshalb gibt es viele zusätzliche Ratschläge zur Verbesserung der eigenen Datensicherheit. Sehr gut gefallen haben mir zudem die Impulse zum Nachdenken. Es geht hier um Zukunftsaussichten, Möglichkeiten und Herausforderungen, die mit der Digitalisierung zu bewältigen sind. Es ist spannend, sich damit zu beschäftigen!

Rezension von Heike Rau

Andreas Dohmen
Wie digital wollen wir leben? – Die wichtigste Entscheidung für unsere Zukunft
272 Seiten, gebunden
Patmos Verlag
ISBN-10: 3843611513
ISBN-13: 978-3843611510
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Prof. Dr. Achim Gruber: Das Kuscheltierdrama – Ein Tierpathologe über das stille Leiden der Haustiere

Prof. Dr. Achim Gruber: Das Kuscheltierdrama – Ein Tierpathologe über das stille Leiden der Haustiere

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Haustiere leben in vielen Haushalten. Von gut 30 Millionen Tieren ist hier die Rede. Meist entsteht eine extrem tiefe Nähe. Doch diese zunehmende Verbundenheit birgt auch Gefahren für Tier und Mensch. Prof. Dr. Achim Gruber kennt diese. Er ist Tier-Pathologe und -Forensiker. Er möchte mit seinem Buch aufklären. Er übt Kritik und gibt Tipps zur Vermeidung von Tierleid, denn viele Fehler entstehen aus Unkenntnis oder falsch verstandener Tierliebe. Er setzt sich ein für ein gutes Verhältnis von Mensch und Haustier.

Viele Tiere, die auf unerklärlich zu Tode gekommen sind, kommen zur Untersuchung in die Tierpathologie. Was auf dem Seziertisch offen gelegt wird, kann man im Buch nachlesen. Jeder Fall macht sprachlos. Tiere sterben, weil sie dem Tierarzt zu spät vorgestellt werden, weil sie nicht artgerecht versorgt werden oder weil bereits in der Züchtung ein Fehler gemacht wurde. Nicht nur bei den an Krimis erinnernden Fällen ist detektivisches Gespür gefragt.

Jeder kennt diese kleinen, süßen Hunde, die durch ihr Aussehen, ihr Schnaufen und ihr atemloses Röcheln auf sich aufmerksam machen. Dass die Tiere stark beeinträchtigt sind, nimmt niemand zur Kenntnis. Das ist typisch für die Rasse, heißt es. Tatsächlich werden die Hunde immer mehr in diese Richtung überzüchtet. Es gibt viele weitere Beispiele, denn es trifft nicht nur Hunde. Auch damit kann sich der Leser einmal beschäftigen.

Im Buch geht es außerdem um übertragbare Krankheiten zwischen Tier und Mensch und umgekehrt. Prof. Dr. Achim Gruber betreibt hier Aufklärungsarbeit. Denn mit dem entsprechenden Wissen kann viel Leid vermieden werden.

Man könnte glauben, dass ein Buch, das sich mit Tierleid beschäftigt für empathische Menschen kaum lesbar ist. Aber dem Autor gelingt es, einen Ton anzuschlagen, der passend ist. Er appelliert dabei natürlich an das Mitgefühl. Seine Arbeit macht er mit Leidenschaft! Und genauso setzt er sich auch für die Tiere ein. Hinschauen statt wegschauen, da muss man durch! Nur durch ein Umdenken, kann sich die die Situation für unsere Haustiere verbessern. Dabei ist auch Psychologie im Spiel. Haustierhalter können mit dem nötigen Wissen, mit Einsicht und einer Verhaltensänderung dazu beitragen, viele Kuscheltierdramen vermeiden.

Rezension von Heike Rau

Prof. Dr. Achim Gruber
Das Kuscheltierdrama – Ein Tierpathologe über das stille Leiden der Haustiere
312 Seiten, gebunden
Droemer Verlag
ISBN-10: 3426277816
ISBN-13: 978-3426277812
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Irene Götz (Hrsg.): Kein Ruhestand – Wie Frauen mit Altersarmut umgehen

Irene Götz (Hrsg.): Kein Ruhestand – Wie Frauen mit Altersarmut umgehen

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Im Rahmen des DFG-Forschungsprojektes, das Prof. Irene Götz leitete, wurden Frauen im Alter zwischen 63 und 85 Jahren interviewt. Sie stammen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, haben aber eins gemeinsam: Das Geld ist knapp. Die Frauen leben von niedrigen Renten, sowie von ergänzender Grundsicherung oder einem kleinen Zusatzverdienst bzw. der Aufwandsentschädigung aus einem Ehrenamt.

Doch was heißt es, im Rentenalter mit wenig Geld auskommen zu müssen? Was bedeutet das im Alltag? Wie gehen die Frauen damit um, wie gestalten sie ihr Leben und auf welche Ressourcen können sie zurückgreifen? Diese Fragen sollen in den Interviews beantwortet werden. Der Leser erfährt ein Stück Lebensgeschichte. Dabei kristallisieren sich die Ursachen für die Altersarmut heraus. Selbst wer immer gearbeitet hat, kann im Alter von Armut betroffen sein. Das kann an den Lebensumständen liegen, am niedrigen Lohn, an Teilzeitarbeit oder an Zeiten, die sich eine Frau ausschließlich der Familie gewidmet hat. Auch hohe Mietkosten, etwa in einer Großstadt, können die Rente unverhältnismäßig schmälern.

Es wird persönlich im Buch, aber die interviewten Frauen sind bereit, viel von sich preiszugeben. Sie zeigen, wie sie mit der Situation umgehen und welche Strategien sie nutzen, um mit der knappen Rente auszukommen. Es geht aber nicht nur um die damit verbundene Sparsamkeit, sonder auch um Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, um Teilhabe am Leben und damit den Erhalt von Lebensqualität, solange es möglich ist. Daraus resultieren natürlich auch Zukunftsängste, falls sich Situation und Gesundheit weiter verschlechtern.

Die Bestandsaufnahme analysiert die politischen und gesellschaftlichen Ursachen für Altersarmut auf und zeigt, dass Änderungen dringend nötig sind. Das ist ein ausgesprochen aktuelles Thema, aber auch ein sehr weites. Das Buch kann dazu beitragen, ein Nachdenken und Diskutieren anzuregen.

Für den Moment ist es wichtig zu wissen, wo es Unterstützung gibt oder wo man sich nach Hilfsangeboten erkundigen kann. Hier hilft der Anhang des Buches mit Adressen und Anlaufstellen weiter. Damit ist es Buch auch als Ratgeber anzusehen.

Rezension von Heike Rau

Irene Götz (Hrsg.)
Kein Ruhestand – Wie Frauen mit Altersarmut umgehen
Unter Mitarbeit von Esther Gajek, Alex Rau, Marcia von Rebay, Petra Schweiger, Noémi Sebök-Polyfka
280 Seiten, broschiert mit Schutzumschlag
Verlag Antje Kunstmann
ISBN-10: 3956142926
ISBN-13: 978-3956142925
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William E. Glassley: Eine wildere Zeit – Aufzeichnungen eines Geologen vom Rande des Grönland-Eises

William E. Glassley: Eine wildere Zeit – Aufzeichnungen eines Geologen vom Rande des Grönland-Eises

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William E. Glassley erzählt in diesem Buch von einer seiner Expeditionen, die er zusammen mit Kai Sørensen und John Korstgård gemacht hat. In der unberührte Landschaft Grönlands galt es, Forschungen zu betreiben, die eine These beweisen sollte: Grönland könnte durch eine Kollision zweier Kontinente entstanden sein, während das Meer dazwischen verdrängt wurde. In völliger Abgeschiedenheit, die natürlich auch Gefahren in sich birgt, wird geforscht.

Die Geologen haben ein geschultes Auge. William E. Glassley vermag das, was er sieht, in Worte zu fassen. Das geschieht auf eine sehr bildhafte Art und Weise. Das Vorstellungsvermögen wird zusätzlich von Bildmaterial angeregt.

Es gibt kein exaktes Kartenmaterial über die Fels- und Tundralandschaft, in der die Forscher ihre Zelte aufschlagen. Die Gegend ist unberührt. Das fasziniert den Autor, der versucht, alle Eindrücke aufzunehmen, zu beschreiben und an den Leser weiterzugeben. Das gelingt wirklich gut, wenn man sich Zeit lässt für das Buch und die tiefgehenden Gedanken wirken lässt, statt darüber hinwegzulesen. Die Notizen haben zudem eine persönliche Note, denn auch auf die Lebensumstände der Forscher vor Ort wird eingegangen.

Die Forscher sind äußerst motiviert. Sie wollen offene Fragen klären und schreiben mit den Antworten ihre Vorstellungen um. Sie rekonstruieren ein Stück Erdgeschichte und beweisen ihre Datierungen mit Gesteinsproben.

Es geschieht viel Unvorhergesehenes während der Forschungsarbeiten. Spektakuläre Naturerscheinungen sind zu beobachten. Die Expedition ist ein unglaubliches Abenteuer voller Gefahren und grenzwertiger Erlebnisse. Die Geologen sehen Dinge, die bisher wohl noch kein Mensch gesehen hat.

Das Buch ist gut lesbar, überaus faszinierend und für Interessierte sehr gut zu verstehen!

Rezension von Heike Rau

William E. Glassley
Eine wildere Zeit – Aufzeichnungen eines Geologen vom Rande des Grönland-Eises
Aus dem Englischen von Christine Ammann
224 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann
ISBN-10: 3956142586
ISBN-13: 978-3956142581
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Barbara Ehrenreich: Wollen wir ewig leben? – Die Wellness-Epidemie, die Gewissheit des Todes und unsere Illusion von Kontrolle

Barbara Ehrenreich: Wollen wir ewig leben? – Die Wellness-Epidemie, die Gewissheit des Todes und unsere Illusion von Kontrolle

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Die meisten von uns tun viel, um den Tod hinauszuschieben. Aber irgendwann wird dennoch Schluss sein. Auch wenn uns das bewusst ist, verdrängen wir es im Alltag, so gut es geht. Wir verwenden teure Pflegeprodukte, zwingen uns ein Sportprogramm auf, folgen den neusten Ernährungstrends, machen ständig Diäten, gehen zu allen Vorsorgeuntersuchungen, schlucken unsere Nahrungsergänzungsmittel und verhalten uns achtsam. Wir hoffen, damit Kontrolle über unser Leben zu erlangen. Doch das wir die nicht haben, schwant und spätestens im mittleren Lebensalter. Also verschärfen wir unsere Aktivitäten, auch wenn der Körper sich sträubt und ersinnen eine noch bessere Verdrängungstaktik, was das immer näher rückende Ende betrifft, und bauen die Hoffnung auf, dass etwas von uns bleiben wird.

Barbara Ehrenreich, Jahrgang 1941, ist in einem Alter, in dem ein Rückblick möglich ist. Sie beleuchtet die vergangenen Jahrzehnte hinsichtlich unseres Umgangs mit dem Leben und dem Tod. Dabei zeigt die Autorin auch ihre eigenen Erfahrungen und die dadurch gewonnenen Erkenntnisse auf. Es ist ernüchternd, ermöglicht aber auch, sich eine andere Denkweise zuzulegen!

Es geht um unsere eigenen Bestrebungen und natürlich auch um die von Medizin und Wissenschaft, den Tod hinauszuschieben. Nicht nur der Nutzen, sondern auch die Sinnlosigkeit mancher gesundheitlicher Maßnahmen, die daraus entstehen, wird beleuchtet. Was hilft es, das Leben zu verlängern, wenn es dann nicht mehr lebenswert ist. Und wie kommt es, dass der Körper trotz aller Therapien, der Aktivierung der Selbstheilungskräfte und der Stärkung des Immunsystems, sein Programm zur Selbstzerstörung fortsetzt?

Ratschläge gibt es im Buch nicht. Es wird kein Programm vorgestellt, das uns weitere Lebensjahre verschaffen könnte. Es geht vielmehr darum, die Wahrnehmung zu schärfen, über unsere Art zu leben. Es ist ja die Frage, ob die Maßnahmen, die wir so verbissen ergreifen, wirklich helfen. Oder ob es besser ist, etwas entspannter zu sein, das Leben zu genießen und das Ende zu akzeptieren?

Rezension von Heike Rau

Barbara Ehrenreich
Wollen wir ewig leben? – Die Wellness-Epidemie, die Gewissheit des Todes und unsere Illusion von Kontrolle
Aus dem Englischen von Ursel Schäfer und Enrico Heinemann
Verlag Antje Kunstmann
240 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3956142349
ISBN-13: 978-3956142345
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Heng Ou: Die ersten vierzig Tage – Was junge Mütter nach der Geburt wärmt und stärk

Heng Ou: Die ersten vierzig Tage – Was junge Mütter nach der Geburt wärmt und stärk

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Die ersten Wochen nach der Geburt eines Babys sind ein Lebensabschnitt, in dem Mutter und Kind sich langsam aneinander gewöhnen. Im vorliegenden Buch geht es aber einmal nicht um das Neugeborene, sondern um die Mutter.
Heng Ou hat sich hier von traditionellen chinesischen Ritualen inspirieren lassen, die einen Rückzug, verbunden mit viel Ruhe und Wärme vorsehen. Die junge Mutter erhält emotionale Unterstützung sowie stärkende Speisen. Im Buch kommen alte Weisheiten und moderne Erkenntnisse zusammen.

Zunächst erzählt die Autorin ihre eigene Geschichte und stellt ihre Mitstreiterinnen vor. Auch schaut sie auf Geschichtliches und beschreibt alte Traditionen der Mütterpflege. Mit der Rückbesinnung auf Altes ergeben sich fünf Säulen: Auszeit, Wärme, Unterstützung, Ruhe und Ritual. Danach wird aufgezeigt, wie die ersten vierzig Tage für Mütter heute aussehen könnten. Das ist natürlich kein starres Konzept. Jede Mutter kann diesem Plan nach ihren eigenen Bedürfnissen und natürlich auch nach ihren Möglichkeiten folgen.

Die Autorin geht immer wieder auf Befindlichkeiten in diesen ersten und doch sehr sensiblen Wochen ein. Sie beschreibt die mögliche Gefühlslage und zeigt auf, wie die Mutter nach anstrengender Schwangerschaft und Geburt ihr Gleichgewicht und ihre Kraft wiederfinden kann. Die Autorin findet den richtigen Ton! Sie wiederholt sich oft, sodass ihr Zuspruch verinnerlicht werden kann. Beschrieben wird, wir Hilfe gefunden werden und auch auf welche Weise diese angenommen werden kann.

Im letzten Kapitel des Buches geht es um die Ernährung. Suppen, Mama-Bowls und Getränke werden hergestellt. Zwar gibt es genaue Rezepte. Aber eigentlich wird einfach und intuitiv gekocht. Es gibt also einfache und gehaltvolle Gerichte, solche, die die Milchbildung anregen und Gerichte, die Geschwisterkinder mitessen können. Wärmende und gesunde Zutaten werden bevorzugt. Nach Möglichkeit werden die Speisen für die Mutter von anderen gekocht oder vorbereitet. Auch können Suppen schon in der Schwangerschaft vorgekocht und eingefroren werden.

Der Autorin und ihren Mitautorinnen ist ein sehr schönes Buch gelungen, das die erste Zeit mit dem Neugeborenen sehr erleichtern kann. Die Informationen, Anleitungen und der Zuspruch sind gerade, wenn es das erste Kind ist, sehr hilfreich.

Rezension von Heike Rau

Heng Ou
Die ersten vierzig Tage – Was junge Mütter nach der Geburt wärmt und stärk
Mit Amely Greeven und Marisa Belger
Fotos von Jenny Nelson
Aus dem Englischen von Magdalena Kotzurek
240 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann
ISBN-10: 3956142098
ISBN-13: 978-3956142093
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Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

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In diesem kleinen Büchlein über den Begriff des Anstands hat der Schriftsteller Axel Hacke in feuilletonistischer Art und Weise versucht, uns mit seiner Definition von Anstand bekannt zu machen.

Hacke beschreibt auf Seite zwanzig in wenigen Worten, wie man Anstand interpretieren kann, und das klingt ganz einfach: Begriffe wie Gerechtigkeit, Solidarität und Fairness fallen in diesem Zusammenhang ebenso wie Aufrichtigkeit im Handeln und Reden und, sehr wichtig wie mir scheint, die Fähigkeit, das eigene Denken kritisch zu überprüfen.

Schnell wird aus seinen folgenden Ausführungen jedoch klar, dass „Anstand“ in der Tat seit längerer Zeit der Verrohung herkömmlichen Umgangsformen gewichen ist. Es fällt im Alltag gar nicht so sehr auf, wie weit wir uns vom Verfall guter Sitten und der Grenzüberschreitung im persönlichen Umgang entfernt haben.

An zahlreichen Beispielen macht A. Hacke seine Thesen fest. Er nennt die Namen einer Vielzahl bekannter Dichter, Philosophen und Denker, um seine Argumente zu untermauern. Kästner, Fallada, Marc Aurel, Kant und nicht zuletzt David Foster Wallace und viele andere mehr werden in Zitaten herangezogen, um über Formen des Anstands zu referieren.

Vom Steinzeitmenschen bis in die Gegenwart reichen Hackes Vergleiche, was Formen des Anstands und des Umgangs miteinander betrifft. Durch seine Zeilen erfährt man, wie über die Jahrtausende durch Bildung, Entwicklung und Forschung ein faires Miteinander erst möglich wurde. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Studie von Norbert Elias „Über den Prozess der Zivilisation“ hingewiesen.

Da das Buch eher die Erwartung an ein Feuilleton erfüllt, muss der geneigte Leser keine wissenschaftliche Studie erwarten. Der Bericht ist gewissermaßen ein Parforceritt im Plauderton durch die Geschichte und heutige Gegenwart.

Dazu gehören natürlich Tablets und Smartphones, die Paare, Eltern und Kinder im Beisammensein vereinsamen lassen, weil die Technik das Gespräch verdrängt.

In langen Passagen widmet sich der Autor den schrillen Tönen auf Facebook.

Axel Hacke fasst in seinem Buch zusammen, wie wir die Welt und die Formen unseres Umgangs erleben. Seine Ausführungen lassen uns von einer versöhnlichen Welt träumen, in der man Rücksicht nimmt, Gegensätze friedlich austrägt und insgesamt ein harmonisches Miteinander pflegt. Eine schöne, einträchtige Welt, wie wir alle sie uns wünschen würden! Leider sieht die Wirklichkeit anders aus, und Hoffnungen auf ein besseres Zusammenleben sind eine schöne Utopie!

Man kann Hackes Ausführungen als berechtigte Zivilisationskritik betrachten.

Sein Werk mag auch als ein Appel an uns alle gelten, uns um Umgangsformen zu bemühen, die uns Respekt, Höflichkeit und Zuhören abverlangen. In seltenen Fällen bei aufgeklärter Bildung und Erziehung mag das gelingen. Doch wenn man einmal mit Lehrern spricht, dann weiß man, wie schwer diese hoffnungsvollen Vorsätze an der Wirklichkeit integrativer Vielfalt zerschellen! Darüber hinaus bietet die derzeitige globale Politik keinen Hoffnungsschimmer auf eine bessere Welt.

Ich empfehle das Büchlein dennoch, weil es auf einfache Weise vermittelt, was uns allen so sehr fehlt: Eintracht, Freundlichkeit und—-Menschenliebe!

Axel Hacke
Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen
192 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann, August 2017
ISBN-10: 3956142004
ISBN-13: 978-3956142000
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André Heller: Uhren gibt es nicht mehr – Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr

André Heller: Uhren gibt es nicht mehr – Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr

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102 Jahre alt ist Elisabeth Heller, die Mutter des Autors André Heller. 1914 wurde sie geboren, wuchs in Wien und Südtirol auf, heiratete 1933 den Großindustriellen Stephan Heller und bekam zwei Söhne. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1958 wurde sie Directrice in Gertrud Höchsmanns Haute-Couture-Salon.

Elisabeth Heller sieht sich innerlich manchmal noch jung. Sie versteht es, zu träumen. Sie denkt aber auch mit Melancholie ans Verabschieden. Sie verdrängt das Thema nicht.

In den Gesprächen mit dem Sohn werden Erinnerungen wach. Es geht nicht mehr um Essentielles, die Gegenwart oder die Zukunft betreffend. Dennoch sind diese Gespräche innig und klar, klären sogar manchmal Missverständnisse zwischen Mutter und Sohn. Es wird geredet über Alltägliches, über Begegnungen und Gedanken, die in den Sinn kommen. Die Annäherung der beiden und ihr wachsender Respekt voreinander sind spürbar.

Vielleicht stellt sich so mancher das Leben mit über 100 Jahren als Last vor, beschwert von so vielen Erinnerungen. Die schönen, die melancholisch machen und die leidvollen, die für Kummer sorgen. Aber es ist auch von Weisheit, Nachsicht und Herzenswärme geprägt. Und daraus wiederum kann man Zuversicht schöpfen.

André Heller hat die Gespräche kaum gelenkt. Er ist im Hintergrund geblieben. Hat Stichworte gegeben und sanft nachgefragt. Hat auch das Schweigen zugelassen. Er hat aufgefangen, was die Mutter gerade beschäftigt oder was ihr einfach so in den Sinn gekommen ist.

Es ist ein beeindruckendes Buch, ein kleines Kunstwerk entstanden, das unglaublich viele sanfte Gefühle in sich trägt. Es verursacht eine etwas melancholische Stimmung, aber keine tieftraurige. Das Leben, auch im Alter, mit Humor zu nehmen, macht das Abschiednehmen doch etwas einfacher. Und Humor beweist Elisabeth Heller im Gespräch immer wieder.

Rezension von Heike Rau

André Heller
Uhren gibt es nicht mehr – Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr
112 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag
ISBN-10: 3552058311
ISBN-13: 978-3552058316
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