Tabula Rasa

Tabula Rasa

Armin Rößler und Heidrun Jähnchen: Tabula Rasa

Tabula Rasa erscheint als Band 7 in der SF Reihe des Wurdack Verlages. In dieser Reihe sind bisher fünf Anthologien und ein Roman erschienen: Entheete von Armin Rößler.
Die Anthologien sind „Deus Ex Machina“, „Walfred Goreng“, „Überschuss“ und „Golem&Goethe“. Allesamt herausgeben von Armin Rößler (in Zusammenarbeit mit Dieter Schmitt bzw. Heidrun Jähnchen).

Tabula Rasa bietet 22 Kurzgeschichten aus dem Genre SF. Dabei treffen Kenner der Reihe auf zahlreiche Bekannte. Die Autoren sind.
Ines Bauer, Andreas Flögel, Arnold H. Bucher, Frank Hoese, Heidrun Jänchen, Melanie Metzenthin, Niklas Peinecke, Bernhard Schneider, Veronika Bicker, Bernhard Weißbecker, Birgit Erwin, Frank W. Haubold, Armin Rößler, Henning Mühlinghaus, Frank Hebben, Uwe Hermann, Christian Weis, Nina Horvath, Andrea Tillmanns, Axel Bicker, Edgar Güttge, Peter Hohmann & Thomas Liss

Inhaltlich findet sich die ganze Bandbreite der SF:
Weltraumgeschichten (Tabula Rasa, Fermente, Das Herz der Sonne), künstliche Intelligenz (KI 21, Der Wintergarten des Herrn Mix), Humor (Die Wege des Großen Konstrukteurs, Ordentlicher Lärm), Zeitreisegeschichten (Die Formel), Cyberpunk (20 Zeilen Code), Robotergeschichten (Die Augen ihrer Mutter) oder Bewusstseinstransfers (Team Omega).

Meine Favoriten sind „Die Weges des Großen Konstrukteurs“ von Uwe Herrmann, „Ordentlicher Lärm“, eine Satire aus der Feder Edgar Güttges, „Tabula Rasa“ von Frank Hoese und auch das stimmungsvolle Bild von Frank W. Haubold „Der Marsianer“.

Insgesamt bietet Tabula Rasa eine bunte Mischung aus erfahrenen Autoren und Neulingen. So sind auch die Geschichten recht unterschiedlich. Manchen hätte man noch etwas Reife gewünscht.
Wer aber gerne mal die weniger perfekten Geschichten frischer Autoren lesen möchte, ist mit der Anthologie gut bedient.

Armin Rößler und Heidrun Jänchen
Tabula Rasa
SF Anthologie mit 22 Geschichten
ISBN:3938065184
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168 – Verschollen in der Römerzeit

168 – Verschollen in der Römerzeit

Der Hausmeister des Internates für Hochbegabte Schloss Rosenstoltz hat in einem Beet beim Blumenzwiebeln stecken ein Metallstück gefunden. Nelson erkennt sofort, dass es sich um eine Münze handelt. Auch einige Tonscherben werden gefunden.
Nelson zeigt diese Fundstücke Professor Papadopoulos, der sie analysieren lassen will. Der Fund wird ansonsten geheim gehalten. Nelson vertraut sich nur seinen Freunden Levent, Luk und Judith an. Es wäre doch zu schön, wenn ein ganzer Römerschatz gefunden werden würde.
Tatsächlich findet Hausmeister Kunkel noch ein paar kleine Knochenstückchen und ein Bleitäfelchen mit eingeritzten Worten. Mittlerweile ist auch das Alter der Tonscherben bestimmt. Sie stammen aus dem Jahre 168 nach Christus.
Die Botschaft auf der Bleitafel stammt erstaunlicherweise von einem Christen, obwohl man davon ausgeht, dass die christliche Zeitrechnung erst viel später entstanden ist. Die Tafel enthält eine Art Testament.
Auch die Knochenstücke geben Rätsel auf. Darunter befindet sich nämlich ein Zahn mit Keramikverblendung. Für die Freunde ist klar, dass ein Zeitreisender unterwegs gewesen sein muss, offensichtlich mit seiner Schwester Miriam, wie der Tafel zu entnehmen ist.
Auch Nelson, Levent, Luk und Judith sind bereits mit einer, von Levent entworfenen Maschine, in der Zeit gereist, ins Jahr 1227. Für Levent und infolge auch für seine Freunde, war das ein traumatisches Erlebnis. So sollte eine weitere Zeitreise nicht stattfinden.
Doch jetzt wollen sie es wieder tun. Offensichtlich brauchen die Zeitreisenden, die in der Römerzeit verschollen sind, ihre Hilfe.

Das Buch ist spannend, keine Frage. Ganz leicht zu lesen, ist es allerdings nicht. Ein gewisses Interesse an Naturwissenschaften sollte schon vorhanden sein. Denn hin und wieder wird es im Verlaufe der Handlung sehr theoretisch. Allerdings erhält der Leser dadurch auch viel spannendes Hintergrundwissen über Zeitreisetheorien. Es ist die zweite Zeitreise der hochbegabten Schüler nach dem Buch „1227 – Verschollen im Mittelalter“. Auch diese wird wieder sehr gefährlich und dramatisch. Dementsprechend mitreißend ist die Handlung im dritten Teil des Buches. Zum Ende hin knistert die Spannung geradezu. Ganz nebenbei lernt der Leser viel über das römische Köln. Besonders Luk, kennt sich in Geschichte sehr gut aus und überrascht mit interessanten Einzelheiten. So kann man den Roman mehreren Genres zuordnen, wie Abenteuer und Historisches. Auch die Liebe spielt eine Rolle. Nelson und Luk kommen sich näher.
Das Buch ist zudem ausgesprochen gut geschrieben. Der Autor versteht es, seine Leser zu fesseln und ihr Interesse zu wecken.

Rezension von Heike Rau

Über den Autor:
Pete Smith studierte an der Universität Münster Germanistik, Philosophie und Publizistik. Seit 1989 lebt er als Schriftsteller und Kulturredakteur einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet. Pete Smith schreibt Romane, Erzählungen und Hörspiele für Kinder und Erwachsene.

Pete Smith
168 – Verschollen in der Römerzeit
272 Seiten, gebunden
für junge Erwachsene
Verlag Carl Ueberreuter, Wien
ISBN-10: 3-8000-5241-5
ISBN-13: 978-3-8000-5241-7
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Lucas

Lucas

Ende Juli kommt Lucas auf die Insel Hale vor der englischen Küste. Niemand weiß, wer er ist und woher er kommt. Auch die 15-jährige Caitlin nicht. Doch schon nachdem sie ihn zum ersten Mal gesehen hat, geht er ihr nicht mehr aus dem Kopf.
Lucas wird vom ersten Tag an angefeindet, besonders von den Jugendlichen. Caitlin versteht ihre Freunde in diesem Zusammenhang nicht. Sie schämt sich sogar, hofft, Lucas würde nicht schlecht von ihr denken.
Sie lernt ihn als feinfühligen, netten Jungen kennen, draußen am Strand, als er in einem Gezeitentümpel Krebse fängt. Selbst ihr Hund, sonst sehr skeptisch Fremden gegenüber, fasst auf Anhieb Vertrauen.

Bei einem Wohltätigkeitsrennen, einer Regatta mit Flößen, beweist er als einziger Charakter. Ein Mädchen fällt bei dem schlechten Wetter ins Wasser, ist offensichtlich am Ertrinken. Doch niemand hilft. Die See tobt, der Wind nimmt zu, die Lage für das Mädchen wird immer dramatischer. Lucas wagt es, das Mädchen aus dem Wasser zu ziehen. Es lebt. Ihr Bikini ist verrutscht. Gerade als er ihn geradeziehen will, kommt die Mutter des Mädchens angestürmt und verkennt die Lage. Sie glaubt, Lucas versuche, sich an ihrem Kind zu vergreifen. Niemand der Anwesenden hält es für nötig, die Situation zu klären. Caitlin ist zu weit weg, sie hat alles nur aus der Ferne beobachten können. Aber ohnehin will niemand die Wahrheit wissen.

Die Geschichte kommt einer Hexenjagd gleich. Fast alle Bewohner der Insel sehen in Lucas eine Bedrohung. So sind sie bereit, alles zu tun, um ihn zu verjagen und gehen dabei zu weit. In ihrem Hass überschreiten sie jede Grenze und fühlen sich dabei auch noch im Recht.
So unglaublich die Geschichte auch ist, als Leser wird man sofort mitgerissen. Aber das Buch geht auch derb unter die Haut und man fühlt sich der Geschichte hilflos ausgeliefert.
Besonders von der Sprache her, gefällt das Buch gut. Sie ist perfekt auf Jugendliche zugeschnitten, auch wenn eine Gruppe dieser im Buch sehr schlecht wegkommt. Hier hätte man sich Gegenspieler, außer Caitlin und ihrem Vater, gewünscht.
Interessant auch die sich entwickelnde Gruppendynamik. Die Geschichte bekommt ja an einem Punkt praktisch Selbstlauf, weil es kein Zurück mehr gibt. Der Autor spielt hier wirklich ein schreckliches Szenario durch, bei dem es kein gutes Ende geben kann. So legt man das Buch, einmal gelesen, mit großer Fassungslosigkeit aus der Hand.

Über den Autor:
Kevin Brooks, der in Birmingham und London studierte, versuchte sich als Musiker und arbeitete u.a. als Tankwart und Postbote. Der Autor lebt heute in Manningtree, Essex.

Rezension von Heike Rau

Kevin Brooks
Lucas
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
448 Seiten, gebunden
ab 14 Jahren
dtv extra
Deutscher Taschenbuchverlag
ISBN-10: 3-423-70913-8
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Das weiße Segel

Das weiße Segel

Michael ist Finanzberater einer Firma. Der Job ist hart, lässt ihm keine Freizeit. Seine Träume bleiben Träume. Reisen ist seine Leidenschaft, doch dafür ist keine Zeit. Auch seine Ehe mit Kate leidet darunter. Die beiden leben nur noch nebeneinander her. Als Michael den Hochzeitstag vergisst, ist das Fass am Überlaufen. Zwar hat Kate Verständnis, sie ist ja beruflich ebenso eingespannt, doch es wird klar, dass sich etwas ändern muss.

Die Bücher in Mr. Blakes Buchhandlung inspirieren Michael. Er wünscht sich immer mehr, aus dem Alltagstrott auszuscheren, um sich die Welt anzusehen. In langen Gesprächen werden Kate und Michael sich einig. Sie wollen ihre Liebe wieder wecken und ihre Abenteuerlust endlich zulassen. So kaufen sie gemeinsam ein altes Segelboot, lassen es in Ordnung bringen und brechen zu einer langen Reise auf, lassen alles hinter sich, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.

Das Buch lebt von Träumen, die meist nicht ausgelebt werden können. Doch Michael und Kate, finanziell gut ausgestattet, können es wagen, ihren Job hinzuschmeißen und sich auf ein Abenteuer einzulassen. Ihre Suche nach dem Glück muss praktisch erfolgreich sein, das erwartet man von Anfang an und wird auch nicht enttäuscht.
Der Autor macht es sich hier sehr einfach. Er setzt auf die üblichen Lebensweisheiten, die im Buch von großer Bedeutung sind. Dabei wird er philosophisch bis rührselig. So wirken die Dialoge auch sehr konstruiert, auf jedermann verständlich zugeschnitten.
Aber man muss nicht unbedingt so kritisch an das Buch herangehen. Man kann einfach zuhören und mitnehmen, was an Lebensweisheiten für einen selbst interessant und hilfreich ist.
Gelesen wird das Buch sehr souverän von Markus Hoffmann, der viel Herzblut hineingelegt zu haben scheint. Man kann ihm gut folgen. Es ist ein Buch ohne laute Töne, das zum Entspannen einlädt.

Über den Autor:
Sergio Bambaren, in Peru geboren, reiste um die ganze Welt. Um sich ganz dem Schreiben widmen zu können und seiner Leidenschaft, dem Meer, gab er seinen Ingenieurberuf auf. Er lebt heute in Lima.

Rezension von Heike Rau

Sergio Bambaren
Das weiße Segel
Wohin der Wind des Glücks dich trägt
Aus dem Englischen von Barbara Röhl
Hörbuch, gelesen von Markus Hoffmann
3 CDs, 245 Minuten Spielzeit
Steinbach sprechende Bücher
ISBN-10: 3-88698-736-1
ISBN-13: 978-3-88698-736-8
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Aussicht auf bleibende Helle

Aussicht auf bleibende Helle

In ihrer unnachahmlichen Leichtigkeit, mit der Renate Feyl sich schon anderen Frauen der Geschichte und der Romantik zugewandt hat, beschreibt sie hier das Leben der Sophie Charlotte ( geb. 1668) , der Frau von Friedrich dem III, später als König Friedrich der Erste von Preußen aus dem Hause Hohenzollern in die Geschichte eingegangen.
Charlotte ist eine junge 16 jährige Prinzessin aus dem Haus des Kurfürsten von Hannover, als der früh verwitwete und nur zehn Jahre ältere Friedrich von Preußen um ihre Hand anhält.
Zwischen den beiden herrscht zu Beginn eine große und aufrichtige Liebe. Aus der Ehe geht ein Sohn hervor, Friedrich Wilhelm von Preußen.
Als sich Friedrich zum König von Preußen krönen lässt, wird er zu einem putz – und ruhmsüchtigen Manne, der streng auf Etikette und Äußerlichkeiten achtet. Seine Frau kann dem nichts abgewinnen.
Charlotte hatte schon im Hause ihres Vaters zu Hannover den berühmten Mathematiker und Philosophen Leibniz kennen und schätzen gelernt.
Sie holt ihn nach Berlin, um mit seiner Hilfe eine Akademie der Wissenschaften zu gründen. Charlotte erweist sich als intelligente, gebildete und aufgeschlossene Frau, die in Leibniz einen ebenbürtigen Gesprächspartner gefunden hat. Sie fördert ihn mit allen Kräften. Zwischen beiden entwickelt sich eine geistig- erotische Beziehung, von Leibniz auch als mariage mystique bezeichnet. Er ist tief entzückt und hingerissen von ihr. Sie ihrerseits schätzt seine Bewunderung und labt sich im Rummel des Hoflebens, das ihr nicht immer zusagt, an den gemeinsamen Gesprächen mit ihm. Oft provozierend, kokett und intelligent reizt sie den Philosophen zum Nachdenken und immer klareren Aussagen.
So gibt es hinreißende Gesprächspassagen, voller Gedankenschärfe und tiefgründigen Aussagen beider Partner.
Renate Feyl ist eine wunderbare Erzählerin, die den richtigen Ton und die richtigen Worte findet, um eine Zeit zu beschreiben, die uns heute weitgehend entrückt ist.

Eine Zeittafel zur Geschichte fehlte zu meinem Bedauern.

Für mich macht Geschichte in dieser romanhaften Nacherzählungsform Sinn, weil mir die längst vergangenen Zeiten, die doch Vorläufer immer auch unserer heutigen Geistesgeschichte sind, auf diese Weise lebendig werden. Es war ein Vergnügen für mich, dieses Buch zu lesen.

Renate Feyl
Aussicht auf bleibende Helle
Zurück in ein anderes Jahrhundert
ISBN:3462037129
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Mindestens tausend Verwandte

Mindestens tausend Verwandte

Eine Zigeunerin hatte Natalka vorhergesagt, dass sie als Konzertpianistin nach Wien, Paris und London gehen würde. Sie weiß also, was sie vom Leben erwarten darf. Was sie von ihrer Ehe mit Zenon Zabobon erwarten kann, davon hat sie allerdings keine Vorstellung. Aber, dass man in der Stadt anders wohnt, als auf dem Land bei den Eltern ist ihr schon klar. In St. Petersburg im Jahre 1917 bringt sie ihr erstes Kind zur Welt. Das Mädchen wird Lastivka genannt. Allerdings steht Natalka allein mit dem Kind da. Ihr Mann ist erschossen worden. Sie glaubt es, bis er nach sechs Monaten wieder auftaucht. Er hat eine unglaubliche Geschichte zu erzählen. Und er hat sich verändert, so dass Natalka ihn kaum wiedererkennt.

Während des zweiten Weltkrieges muss die Familie flüchten. Es geht nach Klagenfurt. Natalka, Lastivka und Zenons Bruder Stefan reisen allein. Zenon bleibt zurück, wegen einer Frau. Das wird ihm zum Verhängnis. Seine Familie reist weiter in ein amerikanisches Flüchtlingslager in Berchtesgaden. Lastivka kann hier sogar ihre Klavierstunden weiter nehmen. Hier lernt sie auch Arkady kennen, den sie 1950 heiratet, bevor die Familie nach Amerika auswandert, um ein neues Leben zu beginnen.

Die Geschichte zeigt den Lebensweg einer ukrainischen Familie über zwei Weltkriege und damit über Generationen hinweg, die sich immer wieder neu konstituieren muss. Es gibt nicht unbedingt einen roten Faden, der Autor springt von Familie zu Familie, so dass der Eindruck entsteht, es gibt tatsächlich mindestens tausend Verwandte. Sie alle haben Schicksalhaftes erlebt. Angehörige sind gestorben und doch wurden auch Kinder geboren. So bleibt die Hoffnung auf die Zukunft. Und doch wird immer wieder in die Vergangenheit geblickt, denn die lässt sich nun mal nicht vergessen. So kann man nicht direkt von einem Neuanfang in Amerika sprechen, denn die Geister der Vergangenheit sind immer mit dabei. Nicht selten bleiben Wüsche einfach nur Wünsche und nur wenige Pläne lassen sich umsetzten.
Ob das Buch gefällt oder nicht, ist Geschmackssache. Vielleicht sind es ein wenig zu viele Verwandte, die eine Rolle im Buch spielen. Tiefsinnig und vielschichtig ist es auf jeden Fall.

Über den Autor:
Askold Melnyczuk wurde 1954 in New Jersey geboren. Die Ukraine ist die Heimat seiner Eltern. Der Autor veröffentlichte Kurzgeschichten, Gedichte und Übersetzungen. „Mindestens tausend Verwandte“ ist sein erster Roman und wurde von der „New York Times“ als „notable book“ ausgezeichnet.

Rezension von Heike Rau

Askold Melnyczuk
Mindestens tausend Verwandte
207 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3-552-06037-5
ISBN-13: 978-3-552-06037-1
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Das gruselige Spukschloss

Das gruselige Spukschloss

Kunibert, das kleine Schlossgespenst, langweilt sich. Ihm fehlen die anderen Gespensterkinder. Zur Gesellschaft hat er nur noch Karl von der Knochenburg, den Vampir Volker und die Gespensteroma. Das liegt daran, dass aus dem alten Schloss ein Schlosshotel geworden ist. Jetzt heißt es, nur nicht auffallen. Nicht auszudenken, wenn einer von ihnen entdeckt werden würde. Zum Glück ist noch niemand in die Turmstube gekommen. Kunibert soll mit den Eulenkindern und den Fledermäusen spielen, aber dazu hat er keine Lust.

Als Kunibert um Mitternacht um den Schlossturm schwebt, erinnert ihn die alte Eule an den Gespensterwunschspruch. Damit wünscht Kunibert sich einen Freund herbei. Und tatsächlich begegnet er kurz darauf einem Gespensterkind. Es heißt Flixi-Flaxi von der Felsenburg und ist ziemlich aufgeweckt. Tolle Streiche hat es auf Lager. Es fliegt mit Kunibert in den großen Speisesaal und erschreckt die Gäste. Das macht Spaß! Die Gäste kreischen und schreien nach dem Direktor und flüchten schließlich. Vielleicht wird im Schloss bald wieder alles so, wie es einmal war.

Die Gespensterkinder sind ganz schön frech. Das wird kleinen Kindern gut gefallen. Dass ihr Schloss, einfach zum Schlosshotel gemacht worden ist, wollen sie sich nicht gefallen lassen. Die erwachsenen Gespenster mögen sich fügen, die Gespensterkinder allerdings setzen sich zur Wehr. Es macht viel Spaß, anzusehen, wie die Gespenster die Hotelgäste mal so richtig erschrecken und auf die Schippe nehmen. Ordentlich turbulent geht es im Hotel zu.
Dabei sehen die Gespensterkinder eigentlich gar nicht so gruselig aus. Sie sind fast wie normale Kinder, nur dass unten aus ihren T-Shirts keine Beine heraussehen, sondern das typische weiße Gespenstergewand. Und natürlich sind sie sehr blass, auch wenn sie beim Herumspuken rosa angehauchte Bäckchen bekommen. Jedes Kind wird sich problemlos mit ihnen identifizieren können.
Eltern, die ihren Kindern dieses Buch schenken, müssen allerdings damit rechnen, dass sie bald von verkleideten Gespensterkindern mal so richtig erschreckt werden, auch wenn nicht Fasching oder Halloween ist, denn die Geschichte weckt die Fantasie.

Rezension von Heike Rau

Barbara Cratzius / Susanne Schwandt
Das gruselige Spukschloss
Mit Bildern von Susanne Schandt
26 Seiten, gebunden, durchgehend illustriert
ab 3 Jahren
Annette Betz Verlag
ISBN-10: 3-219-11262-5
ISBN-13: 978-3-219-11262-7
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Tief im Hirn

Tief im Hirn

Helmut Dubiel ist Professor der Soziologie und lehrt in Deutschland und Amerika.
Helmut Dubiel ist krank.
Zunächst weiß er es nicht. Er rätselt über merkwürdige Muskelunregelmäßigkeiten, die er an sich beobachtet.
Steifigkeit der Gelenke, unkontrollierte Bewegungen und unerklärliche Missempfindungen, sowohl körperlicher als auch psychischer Art, machen ihm zu schaffen.
Langsam tastet er sich an die Symptome heran, indem er in Büchern nachsucht: ist es Parkinson? Er ist doch erst 46 Jahre alt, noch zu jung für diese Krankheit, die als Alterskrankheit gilt.

Am Ende kommt er nicht umhin: er sucht eine Klinik auf.
Seitens der Assistenzärzte findet die Krankheit Parkinson erste Erwähnung. Er glaubt es nicht!
Am Ende steht die Diagnose fest: es ist Parkinson.
Es beginnt eine lange Zeit der Verleugnung und des sich Täuschens,–er will es nicht glauben.

Alles das, was man aus der Beobachtung von Parkinsonkranken kennt, gewinnt hier Wort und Gestalt.

Endlich bedient er sich der anerkannten medikamentösen Behandlungen, die zu einer Milderung der Krankheitssymptome verhelfen können. Heilen kann man die Krankheit nicht.

Helmut Dubiel ist ein scharfer Beobachter seiner selbst und auch seiner Umwelt.
Er erlebt und beschreibt die Tragödie, wie man als kluger, autonomer Mensch langsam merkt, dass die körperliche Autonomie dem eigenen Willen entgleitet.
Freunde, Kollegen, Verwandte und Bekannte reagieren unterschiedlich. Bei aller eigenen Betroffenheit versucht er, die Reaktionen der Menschen um sich herum zu verstehen.

So beargwöhnt er sich selber und die anderen und beginnt, Bilanzen über sein Leben zu treffen. Er lernt immer kritischer mit sich selbst zu werden und am Ende neue Wege zu suchen, wie er den medizinischen Fortschritt für sich nutzen kann. Dabei kommt es zu komplizierten und schwerwiegenden Überlegungen. Er liefert sich Ärzten und ihren schwankenden Entscheidungen bezüglich neuer neurologischer Eingriffe aus, die ihm als einzige Chance erscheinen, sein Leben weiterhin im Griff zu behalten.
Dass es ihm nach einem Eingriff mit einem Hirnschrittmacher eher noch schlechter geht, er sich wie ein an und auszuschaltender Roboter fühlt, das macht die Lektüre bedrückend. Gleichzeitig gibt es einen Schimmer vom Kampf ums Glück, der die Weisheit und den Lebensmut des Autors erahnen lässt.

Es ist ein dramatisches, kluges, anrührendes und zutiefst menschliches Buch, mit dem Helmut Dubiel an die Herzen der Menschen rührt und so ein Beispiel dafür gibt, wie man mit schweren Schicksalsschlägen und insbesondere mit der immer noch nicht heilbaren Krankheit Parkinson umgehen kann.
Da das Buch keinesfalls rührselig oder selbstmitleidig ist, eher einer kritischen Selbstanalyse gleicht, auch philosophische Betrachtungen beinhaltet, ist es spannend und fesselnd zugleich.

Helmut Dubiel gilt meine ganze Hochachtung!

Helmut Dubiel
Tief im Hirn
Krankheit als Unglück und Chance
ISBN:3888974518
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Lilly die Tigerin

Lilly die Tigerin

Amicam hat Lilly kurz vor der Hochzeit verlassen. Für das Hochzeitskleid hat Lilly nämlich einige Pfunde zu viel. Eine Abmagerungskur würde hier nichts helfen. Es ist vorbei. Lilly empfindet sich nicht als zu dick. Sie findet sich ausgesprochen weiblich und lebt diese Weiblichkeit auch in vollen Zügen aus. Dennoch ist es schwer, den Schmerz zu überwinden. Lilly ist froh, ihre Freundin Ninusch an ihrer Seite zu haben, die viel Trost spendet.

Eigentlich wollte Lilly mit Ninusch in den Zirkus. Aber die sagt ab. So macht Lilly sich allein auf den Weg, nimmt sich ein Taxi. Taxifahrein Michaela schafft es nicht, Lilly rechtzeitig beim Zirkus abzuliefern. Als sie ankommt ist alles vorbei. Doch Lilly gibt sich nicht geschlagen und organisiert sich rasch noch eine Verabredung mit dem Zirkusdirektor. Okasaki ist eine alte Jugendliebe, die nur Minuten gedauert hat, aber sehr intensiv war.

Zwölf Jahre sind vergangen. Natürlich hat Okasaki sich verändert, wenn Lilly auch noch nicht weiß, wie sehr. Er schenkt Lilly ein Tigerbaby, bevor er wieder auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Ein Tigerjunges zu versorgen ist keine einfache Sache, auch wenn Lilly Hilfe von Ninusch und der Taxifahrerin, die ihr auch eine Freundin geworden ist, erfährt. So wie der Kleine wächst, geht in Lilly eine Wandlung vor, die man nicht für möglich gehalten hätte.

Die israelische Autorin Alona Kimhi hat drei interessante Frauen skizziert. Da gibt es Ninusch, aus der Sowjetunion nach Israel ausgewandert, eine wahrhaft hübsche Frau, mit Defiziten im Dentalbereich und einem Freund, der sie gern aus Liebe verprügelt und ihr, um ihre Karriere als Prostituierte voranzutreiben, ein neues Gebiss bezahlt hat. Michaela, die Taxifahrerin dagegen, ist eine Geschichtenerzählerin. Sie ist nicht auf den Mund gefallen. Allerdings wurde sie von ihrem Mann verlassen und auch die Kinder haben sich aus dem Staub gemacht. So konzentriert sie ihre Liebe auf Ninusch.

Hauptperson der Geschichte ist und bleibt Lilly mit ihren 112 kg. Sie ist eine Frau, die sich ihrer Weiblichkeit sehr bewusst ist. Ihre Neurosen treiben allerdings absonderliche Blüten. So gerät die ganze Geschichte irgendwann aus der Bahn. Das Lebensbild wird satirisch verzerrt, bis es unerträglich wird. Die Verwandlung der Hauptperson wird unumgänglich, anders kann man so ein Buch gar nicht beenden.
Man kann viel in die Geschichte, die in Tel Aviv spielt, hineininterpretieren. Zunächst recht realistisch erzählt, wechselt die Autorin irgendwann ins Fantastische. Die Grenze verläuft fließend. Die Autorin gräbt in der Psyche der Frauen und holt alles herauf. So ist die Geschichte sehr skurril und dennoch wahrhaftig.

Über die Autorin:
Alona Kimhi, geboren 1966 in der UdSSR, emigrierte 1972 mit ihrer Familie nach Israel. Sie war Schauspielerin. Später veröffentlichte sie Kurzgeschichten und Romane und wurde mit dem Bernstein Award ausgezeichnet.

Rezension von Heike Rau

Alona Kimhi
Lilly die Tigerin
358 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag München Wien
ISBN-10: 3-446-20764-3
ISBN-13: 978-3-446-20764-6
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Kamtschatka

Kamtschatka

Eine Reise mitten in der Schulzeit ist ungewöhnlich, zumal die Fahrt Hals über Kopf und ohne Reisegepäck beginnt. Es war nichts abgesprochen. Harry und sein kleiner Bruder haben viele Fragen, doch die Mutter hält sich bedeckt. Zuerst geht es zu Freunden, um zu warten, bis der Vater da ist. Dann fährt die Familie weiter bis zu einem abgelegenen Landhaus. Hier will die Familie bleiben, bis die Lage sich entspannt.

Harry wittert ein Abenteuer. Seine Fantasie wird durch die Regeln, die die Mutter den Kindern auferlegt noch mehr angeregt. So darf zum Beispiel das Telefon nicht benutzt werden. Der Vater lässt sich einen Schnurrbart wachsen. Alle denken sich neue Namen aus. Die Kinder schlagen die Zeit tot, vermissen ihr Zuhause. Aber der Plan, die beiden in die Obhut der Großmutter zu geben, schlägt fehl.

Eines Tage kommt ein 18-jähriger Junge in die Familie. Zunächst empfinden ihn die Kinder als Eindringling. Aber er fungiert auch als Babysitter, so dass die Eltern das Haus immer mal wieder verlassen können.
Harry und sein Bruder gehen schließlich wieder zur Schule. Es ist eine kirchliche Schule und der Priester ist ein Freund des Vaters. Die Kinder können sich dort sicher fühlen. Doch Harry verweigert das Lernen.

Die Lage ist angespannt. Die Mutter hat ihre Arbeit im Labor verloren, der Papa hat keine Kanzlei mehr. Harry hat Angst, dass seine Eltern eines Tages nicht zurückkommen könnten. Er träumt davon, ein berühmter Entfesselungskünstler zu werden. Unbewusst versucht er damit auch seinen eigenen Fesseln zu entkommen.

Der Autor erzählt die Geschichte aus der Sicht des kleinen Harry, der die entstandene Gefahr gar nicht begreifen kann. Für einen Zehnjährigen spielt die Politik noch keine Rolle und doch wird er damit konfrontiert. Sein Leben wird auf den Kopf gestellt. Zusammen mit seiner Familie muss er untertauchen, ohne die politischen Hintergründe verstehen zu können. Während die Eltern versuchen zu überleben, erlebt Harry ein Abenteuer. Versucht so, die Schrecken und die Bedrohung auf seine Weise zu kompensieren.
Die Geschichte ist sehr sensibel erzählt. Aber gerade die kindliche Sichtweise auf die Dinge, macht sie so schockierend, so unglaublich desillusionierend. Kinder beobachten ihren Alltag genau, so auch Harry, der aber die Bedrohung ganz anders wahrnimmt, als die wissenden Eltern. So sind viele Szenen für den Leser, der ja im Gegensatz zu den Kinder begreift, was wirklich passiert, schwer zu verkraften. So ist es kein Wunder, dass diese Geschichte lange im Gedächtnis bleibt.

Über den Autor:
Marcelo Figueras wurde 1962 in Buenos Aires geboren. Er arbeitete als Journalist und Redakteur für verschiedene Zeitungen, veröffentlichte Kurzgeschichten, Romane und schrieb mehrere Drehbücher, auch für „Kamtschatka“. Der Kinofilm wurde als bester ausländischer Film für den Oscar nominiert.

Rezension von Heike Rau

Marcelo Figueras
Kamtschatka
320 Seiten, gebunden
Nagel & Kimche
ISBN-10: 3-312-00377-6
ISBN-13: 978-3-312-00377-8
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