Valentinsnacht

Valentinsnacht

„Melde dich oder lass es bleiben.“ Diese Annonce weckt Paulmanns Interesse. So nimmt er Kontakt auf. Das erste Gespräch verläuft nicht gerade optimal. Dennoch verabreden sich die beiden zu einem Kinobesuch. Die Frau, die Paulmann im Kino anspricht, ähnelt dem Foto, dass er von ihr hat zwar nicht, aber nach einer Typberatung sieht man nun mal anders aus. Vielleicht liegt es am Film. Die beiden landen noch an diesem Abend im Bett.

Wenig später findet Paulmann heraus, dass er offensichtlich die falsche Frau erwischt hat. Mit wem er die Nacht zusammen war, weiß er nicht. Doch angelogen hat sie ihn nicht, also findet er sie über ihre Arbeitsstelle. Als Paulmanns Wohnung saniert werden soll, zieht er bei Katarina ein. Schließlich hat sie ein Zimmer frei. Wie ein Paar leben die beiden allerdings nicht zusammen. Es ist, als hätte diese eine Nacht nicht existiert. Und doch hat sie ihre Spuren hinterlassen. Katarina ist schwanger.

Nun steht sie im Raum, die Kinderfrage. Sie ist Thema des Buches. Doch weder Katarina noch Paulmann wollen, so völlig überrumpelt, diese Frage entscheiden. Sie sind nicht in der Lage dazu.
Es gibt viele Bücher, die von Paaren erzählen, die ein Kind erwarten. Dieses ist ganz anders, viel tiefgründiger. Keine Entscheidung zu treffen heißt ja in diesem Fall, sich für das Kind zu entscheiden.
Interessant sind die Dialoge im Buch. Paulmann und Katarina überlegen hin und her, wägen ab. Das alles ist sehr nüchtern beschrieben. Es gibt keine Romantik zwischen diesem Zufallspaar.
Das Buch in seiner leisen Dramatik, mit sparsam eingerichteter und wenig Ablenkung bietender Kulisse, stimmt nachdenklich. Es wäre zu verhindern gewesen. Aber vielleicht ist es auch gut so. Man würde gerne wissen, wie die Geschichte weitergeht.
Vom Schreibstil her ist das Buch etwas Besonderes. Es ist sehr sensibel geschrieben und beleuchtet das Leben eines Paares zwischen fünfunddreißig und vierzig, dass beruflich in einer Sackgasse steckt und eben auch gefühlsmäßig. Selbst dann scheint es schwer, Kompromisse einzugehen. Man kommt als Leser nicht umhin, sich auch selbst die Frage zu stellen: Was wäre wenn…

Über den Autor:
Silvio Huonder wurde 1954 in Chur geboren. Er studierte an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz. Er arbeitete als Bühnenbildner und Regisseur und studierte an der Hochschule der Künste in Berlin Szenisches Schreiben. Auch Hörspiel und Theaterstücke hat er veröffentlicht. Der Autor lebt mit seiner Familie in der Nähe von Berlin.

Rezension von Heike Rau

Silvio Huonder
Valentinsnacht
189 Seiten, gebunden
Nagel & Kimche
ISBN-10: 3-312-00379-2
ISBN-13: 978-3-312-00379-2
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Schmetterlinge – Die Tagfalter Deutschlands

Schmetterlinge – Die Tagfalter Deutschlands

In diesem Buch findet man alle heimischen außeralpinen Tagfalter mit 700 Fotos der Falter, Raupen und Eier. Jede Art wird porträtiert. Dabei werden auch die verschiedenen Entwicklungsstadien vorgestellt. Auch Merkmale, Lebensweise und Lebensraum werden dargestellt. Man erfährt aber beispielsweise auch, ob der Schmetterling vom Aussterben bedroht ist oder auf der Roten Liste steht. Die Fotos sind brillant. Bei den Nahaufnahmen sind Details wunderbar zu erkennen. Sehr interessant sind auch die Phänogramme. Hier wird die Entwicklung der einzelnen Falter graphisch dargestellt und ist damit wunderbar zu überblicken.

In einer Einführung kann man Grundsätzliches nachlesen, zu Lebensweise und Lebensraum, welche Pflanzenfamilien bevorzugt werden, auf welche Weise sie an ihren Lebensraum gebunden sind, wie ihr Lebenszyklus verläuft, wie sie überwintern und vieles mehr. Das ist sehr lehrreich und interessant. Die Texte sind leicht verständlich. Im Buch findet man aber auch Zeichnungen zum Körperbau der Falter. Man kann sehen, wie ein Falterflügel aufgebaut ist oder auch welche wichtigen Schmetterlingsgebiete es gibt und wo diese liegen. Außerdem gibt es ein Glossar, eine Tabelle mit den wichtigsten Raupenfraßpflanzen und ein Register mit den deutschen und den wissenschaftlichen Falternahmen.

Um einen Falter identifizieren zu können, muss man nicht das ganze Buch durchblättern. Es gibt Bildtafeln mit deren Hilfe man alle Arten ganz einfach vergleichen kann. So kann man auch Verwechslungen besser ausschließen.
Wer möchte, kann an der Artenschutz-Aktion „Abenteuer Schmetterling“ teilnehmen. Informationen gibt es unter www.tagfalter-monitoring.de
Mit Hilfe des Buches „Schmetterlinge – Die Tagfalter Deutschlands“ wird es sicher auch Laien Spaß machen, sich der Aktion anzuschließen.

Rezension von Heike Rau

Josef Settele, Roland Steiner, Rolf Reinhardt, Reinart Feldmann:
Schmetterlinge – Die Tagfalter Deutschlands
Ulmer Naturführer
256 Seiten, Klappenbroschur, 720 Farbfotos
Verlag Eugen Ulmer Stuttgart
ISBN-10: 3-8001-4167-1
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Mach ich aber nicht!, sagt der kleine Fuchs

Mach ich aber nicht!, sagt der kleine Fuchs

Der kleine Fuchs hat mit Daxi den ganzen Tag gespielt. Im Dachsbau liegt das ganze Spielzug durcheinander. Nun muss erst einmal aufgeräumt werden. Als der kleine Fuchs von Daxis Mutter dazu aufgefordert wird, sagt er trotzig „Mach ich aber nicht!“ und läuft davon.
Zuhause geht das Drama weiter. Der kleine Fuchs, will nicht baden und auch zum Abendbrot sagt er: „Das ess ich nicht!“ Nur weil er nicht hungrig ins Bett gehen will, nimmt er noch eine Kleinigkeit.
Schlafen will der kleine Fuchs aber nicht. Erst als seine Mutter beginnt, eine Gute-Nacht- Geschichte vorzulesen, schlüpft er unter die Decke.
Auch am folgenden Tag, reagiert der kleine Fuchs immer wieder trotzig, bis er sogar seinem Vater die Jagd vermasselt. So kann es nicht weitergehen. Doch bald ergibt sich eine gute Gelegenheit, den kleinen Fuchs zur Vernunft zu bringen.

Die Trotzphase der Kinder bringt sicher so mache Eltern fast zur Verzweiflung. Das Buch beschäftigt sich genau mit diesem Thema. So können Kinder sehen, wie ihr Verhalten wirkt. Schließlich müssen diese die Konsequenzen für ihr Handeln tragen, was oft aber eher noch mehr Trotz hervorruft.
Auch der kleine Fuchs wird damit konfrontiert. Denn er erreicht mit seinem Verhalten nichts. Im Gegenteil, das Leben wird dadurch nicht einfacher. So hält das Buch auch für Eltern den einen oder anderen guten Tipp im Umgang mit Kindern parat. Es ist eine Phase, die vorübergeht und das ist tröstlich.
Die Illustrationen im Buch gefallen gut. Sie sind der detailreich. Fast möchte man einmal über das Fell des kleinen Fuchses streicheln, so plastisch erscheint es. Wenn Kinder die Bilder genauer anschauen, können sie viel entdecken. So macht es Spaß, sich mit dem Buch länger zu beschäftigen.

Rezension von Heike Rau

Christine Georg / Manfred Mai
Mach ich aber nicht!, sagt der kleine Fuchs
32 farbige Seiten, gebunden
ab 3 Jahren
Ravensburger Buchverlag
ISBN-10: 3-473-32337-3
ISBN-13: 978-3-473-32337-1
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Leo Kaplan

Leo Kaplan

Leon de Winter, ein Autor der für mich einer der wichtigsten
gegenwärtigen Autoren darstellt, hat ein Buch geschrieben, das
ohne Frage, erstmal, eines der herausragenden Bücher über-
haupt darstellt und zweitens ein Buch von menschlicher Ehrlichkeit
ist, das seinesgleichen sucht.
Leon de Winter, er ist ein großer Autor, gnadenlos ehrlich und
direkt, und dabei umspielt er das menschliche Sein mit solch
wunderbaren Geschichten, so das wir dahin schmelzen mit seinen
Helden und scheinbar Antihelden, dass wir sie fühlen und uns
wiederfinden.
Seine Kunst ist simpel,
nur die menschliche banale Existenz,
und doch schafft er es, diese menschliche, unwichtige
( und doch für jeden Einzelnen wichtige ), Daseinsberechtigung,
mit unglaublicher Kraft bis auf den absoluten Grund zu
durchleuchten.
Jeder Mensch findet sich in Leo Kaplan wieder, zumindest bruch-
stückhaft, Leo Kaplan ist ein unfreiwilliger Held, ein Held,
der nur eigentlich nur menschliche Schwäche zeigt, sie
ignoriert und am Ende, seine eigene Schwäche besiegt.
Und nicht nur er, besiegt die menschliche Schwäche, viele Romanfiguren sind auf der Suche, und überkreuzen Leo Kaplan, alle Figuren
sind unglaublich wichtig, nur sie bestimmen den Charakter
der Hauptfigur, nur sie machen den Leo Kaplan möglich.
Ich liebe dieses Buch und mein Wunsch ist es, dieses
Buch, auch weitergeben zu können,und deswegen entsteht hier dieser
Eintrag, Leon de Winter steht 100% in eurer Bibliothek,
scheut Euch nicht, seine Bücher haben ungalublich vielen
Menschen große Lesefreude und alles darüber hinaus, bedeutet.

Leon de Winter
Leo Kaplan
Die Banalität des Seins wird gekonnt facettenreich gespiegelt
ISBN:3257233175
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Talk Talk

Talk Talk

Dana Halter, Lehrerin an einer Schule für Gehörlose, hat es eilig. Sie muss zum Zahnarzt. Nur deshalb hält sie nicht am Stoppschild. Doch sie wird von der Polizei erwischt. Nachdem ihre Identität überprüft worden ist, wird sie aus dem Wagen gezerrt und festgenommen. Das übliche Programm beginnt. Dana weiß nicht, wie ihr geschieht. Endlich, als eine Gebärdendolmetscherin kommt, erfährt sie, weswegen sie festgenommen wurde. Unbegreiflicherweise liegen mehrere Haftbefehle gegen sie vor. Zum Beispiel wegen Autodiebstahl und Scheckfälschung. Die Verbrechen sind an Orten geschehen, die Dana teilweise nicht einmal kennt.

Danas Freund Bridger Martin versucht alles, um seine Freundin aus dem Gefängnis zu holen. Er erreicht jedoch nichts, beißt sich die Zähne aus. Er kann nicht verhindern, dass Dana von der Polizeiwache ins Gefängnis verlegt wird. Es ist auch nicht möglich, Kaution zu stellen. Dana muss das Wochenende in einer Zelle verbringen. Dann wird Dana Pflichtverteidigerin Marie Eustace zur Seite gestellt. Endlich kommt Licht ins Dunkel. Die Beweise für Danas Unschuld sind nicht von der Hand zu weisen. Es handelt sich um einen Fall von Identitätsdiebstahl. Die Klage wird abgewiesen. Dana war vollkommen grundlos eingesperrt.

Dana kehrt in ihre Leben zurück, versucht die Erlebnisse abzuschütteln. Der Schuldirektor zeigt jedoch kein Verständnis, gibt Dana die Schuld an der ganzen Misere. Es ist abzusehen, dass sie ihren Job los wird. Die Opferhilfe rät sogar, Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Der Verbrecher nutzt immer noch Danas Identität, das bekommt sie zu spüren. Bridger schafft es, an seine Telefonnummer zu kommen. Als er anruft, denkt er nicht daran, seine Nummer zu unterdrücken. So beginnt ein Katz- und Mausspiel und auch Bridgers Identität gerät in die Hände des Betrügers.

Das Buch ist spannend gemacht. Es ist sehr beängstigend zu sehen, wie leicht es ist, jemanden die Identität zu stehlen. Danas ganzes Leben wird praktisch in Frage gestellt. Von einer Minute auf die andere ist nichts mehr, wie es war. Dana bleibt nichts anderes, als den Betrüger, der sich als Dana Halter ausgibt, ausfindig zu machen. Bridger steht bedingungslos zu seiner Freundin. Allerdings haben die beiden überhaupt keine Erfahrung. Aber das macht die Verfolgung nur noch spannender. Schwierig ist auch der Umstand, dass Dana nicht hören kann. Aber sie versteht es zu kämpfen, will sich nicht unterkriegen lassen, auch wenn die Nerven flattern. Der Autor geht sehr sensibel auf die Stimmungen seiner Charaktere, die sehr glaubwürdig wirken, ein.
Außerdem liest sich das Buch sehr gut, ist sehr ergreifend. Der Spannungsbogen stimmt. Von der anspruchsvollen Handlung wird man regelrecht mitgerissen.

Über den Autor:
T. C. Boyle wurde 1948 in Peekskill, N.Y., geboren. Er unterrichtet an der University of Southern California in Los Angeles.

Rezension von Heike Rau

T. C. Boyle
Talk Talk
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
395 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag
ISBN-10: 3-446-20758-9
ISBN-13: 978-3-445-20758-5Bestellen

Ziersträucher von A-Z

Ziersträucher von A-Z

Sträucher setzten in Gärten schöne Akzente. Sie bezaubern durch schöne Blüten, auffallendes Laub, dekorative Früchte und manchmal auch durch ihre interessanten Wuchsformen. Das Angebot in Gartenmärkten ist unüberschaubar groß. Und was einmal aus der Pflanze wird, die da im Container oder im Topf angeboten wird, sieht man ihr nicht an.

Mit dem vorliegenden Ratgeber ist man daher gut beraten. Insgesamt werden hier 1500 Zierstraucharten und -sorten vorgestellt. Den Überblick verliert man trotzdem nicht. Es gibt ein Farbleitsystem. So kann man Sträucher ganz einfach nach gewünschter Blütenfarbe oder Blattfarbe aussuchen. Auch welche Sträucher dekorative Früchte oder Zweige haben, kann man sofort erkennen. Natürlich spielen auch die Wuchsformen und -größen eine Rolle. Interessant sind auch die Sträucher, die mit Sonderstandorten wie etwa Baumschatten oder Lehmboden zurechtkommen können. Zu jeder porträtierten Art gibt es zahlreiche Informationen und natürlich viele Fotos.

Aber damit nicht genug. Der Leser erhält Tipps zum Einkauf, Pflanztipps und Hinweise zur Pflege von Sträuchern. Übersichten kann man entnehmen, welchen Rückschnitt ein Strauch braucht und wie man ihn vermehren kann. Außerdem gibt es einen Blütenzeiten-Kalender und Angaben dazu, wie groß ein Strauch für gewöhnlich wird. Auch welche Sträucher Schmetterlinge anlocken, erfährt der Leser. Eine Liste mit Anbieteradressen ist vorhanden.

„Ziersträucher von A-Z“ ist ein sehr vielseitiges Buch. Man kann sehr gut damit planen, aber auch einmal nachschlagen, wie vorhandene Sträucher sich über die Jahre entwickeln werden. Zu manch unbekanntem Strauch im Garten findet man endlich einen Namen. Sehr gut gefallen hat die Einteilung. Das Buch ist gut strukturiert und damit sehr anwenderfreundlich. Den Porträts kann man alle wichtigen Daten entnehmen und erfährt zugleich sehr viel über verschiedene angebotene Sorten. Auch die Fotos überzeugen. Sehr schön ist, dass viele Besonderheiten der Sträucher herausgestrichen werden. Egal ob man nun nach einem Strauch sucht, der sehr schnell wächst oder nach einem, der auch im Winter ein Blickfang ist.

Über den Autor:
Didier Willery aus Frankreich ist Journalist und Gartenfotograf. Er schreibt für Gartenzeitschriften und hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht.

Rezension von Heike Rau

Didier Willery
Ziersträucher von A-Z
224 Seiten, 650 Farbfotos
Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart
Stuttgart: Verlag Eugen Ulmer, 2006
ISBN-10: 3-8001-4897-8
ISBN-13: 978-3-8001-4897-4
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Tim Parks: Stille

Tim Parks: Stille

Dieses Buch direkt bei Amazon bestellen!
Harold Cleaver ist Star-Journalist, Fernsehmoderator und Dokumentarfilmer. Nach einem Interview mit dem amerikanischen Präsidenten ist er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Allerdings hat sein Sohn ein Buch über ihn geschrieben: „Im Schatten des Allmächtigen“. Cleaver hat nur noch eins im Sinn, er muss weg, weg von seiner Lebensgefährtin und den Kindern. Der 55-jährige regelt eben noch das Finanzielle, damit seine Familie versorgt ist, dann macht er sich aus dem Staub. Nimmt nichts mit, nur das Handy, wohl wissend, dass der Akku irgendwann leer sein wird. Er liest noch die zahlreichen Nachrichten seiner Lebensgefährtin, antwortet aber nicht mehr.

Die Reise führt ihn von England nach Südtirol. Im Rosenkranzhof findet er Unterschlupf. In zweitausend Metern Höhe. Es ist ein kleines Haus, direkt am Abgrund. Dahinter tut sich eine Felswand auf. Anderthalb Kilometer sind es bis zum nächsten Hof. Sein Haus ist auf keiner Karte verzeichnet. Cleaver fühlt sich unauffindbar. Hier wird er, überarbeitet und übergewichtig wie er ist, Ruhe finden Familienstreitigkeiten und Karrierestress haben ihn aus der Bahn geworfen. Jetzt will er nur noch Mensch sein, sonst nichts. Hier kann er in Ruhe rätseln, was den Sohn bewogen hat, so über ihn zu schreiben. Dabei will er Abstand gewinnen und zu mehr Gelassenheit finden. Doch die eigenen Gedanken werden lauter und lauter.

Manchen Dingen kann man nicht entkommen, egal wie weit man sich entfernt. Der Autor zeigt sehr anschaulich, wie seine Figur Harold Cleaver seinen eigenen Gedanken in die Falle geht. Es gibt ja auch nichts, was ihn aus seinen Überlegungen reißen könnte. Geschrieben ist das Buch mit einer ungeheuren Intensität und psychologischem Feingefühl. Das sorgt für eine greifbar wirkende Spannung, mit der man so nach der Lektüre des Klappentextes nicht rechnet. Damit liest sich das Buch überraschend gut, auch wenn man als Leser oft nur mit den Gedanken des Protagonisten unterhalten wird, der sich ja aus eigenem Wunsch heraus von seiner Umwelt völlig isoliert hat und dennoch keine Ruhe findet. Und trotzdem findet eine Veränderung statt, denn es hat sich viel getan. Das Umfeld ist ein völlig anderes. Und der Mensch ist fähig, seine Gedanken zu steuern, abzuwägen, Fehler einzugestehen, wenigstens vor sich selbst. Man kann diesem Buch sehr viel für sich selbst entnehmen, sich hineinversetzten in die Figur Harold Cleaver. Wer kennt sie nicht, diese Gedankenstrudel, das Grübeln über alte Geschichten, die Ausweglosigkeit mancher Situation. Der Autor zeigt, was passiert, wenn man einen Schlussstrich zieht und seinem Leben entflieht und das auf eine sehr glaubwürdige und vor allem beeindruckende Art und Weise.

Über den Autor:
Tim Parks wurde 1954 in Manchester geboren. Er studierte in Cambridge und Harvard, gewann zahlreiche Literaturpreise. Der Autor lebt mit seiner Familie in Verona.

Rezension von Heike Rau

Tim Parks
Stille
Aus dem Englischen von Ulrike Becker
360 Seiten, gebunden
Verlag Antje Kunstmann
ISBN-10: 3-88897-443-7
ISBN-13: 978-3-88897-443-4
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Von der Schönheit

Von der Schönheit

Zadie Smith Von der Schönheit Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 3462037161

Dieser hinreißende Roman von Zadie Smith wird jung und alt bewegen.

Es handelt sich um einen großen Familienroman, der an der Ostküste Amerikas angesiedelt ist.

Howard Belsey ist Professor für Kunstgeschichte an einer Universität in der Nähe von Boston. Er ist weiß und lebt mit seiner farbigen Frau Kiki und seinen drei herangewachsenen Kindern Zora, Jerome und Levi in der Universitätsstadt Wellington, einem friedlichen und überschaubaren Ort.

Sein Sohn Jerome verliebt sich bei einem Besuch in England in die Tochter seines Erzfeindes Monty Kipps. Dieser ist farbig, ebenfalls Professor für Kunstgeschichte und hat mit einem Buch über Rembrandt Howard den wissenschaftlichen Rang abgelaufen. Zu allem Übel bekommt er auch noch einen Ruf an die gleiche Universität in Wellington,–und Kiki befreundet sich
mit dessen Frau.
Beide Professoren vertreten unterschiedliche gesellschaftspolitische Richtungen: Monty ist erzkonservativ, Howard liberal. Dass gerade der farbige Professor so strenge Maßstäbe bei der Vergabe von Studienplätzen setzt, wird ihm als Selbsthass der Schwarzen ausgelegt.

Um die Ehe von Howard und Kiki ist es nicht gut bestellt.

Howard, der aus einfachsten Verhältnissen in England stammt und es so weit gebracht hat, liebt seine Frau. Sie kann ihm einen Seitensprung nicht verzeihen. Er ist ein schwacher Charakter, der den starken Halt gerade dieser Frau sehr braucht!
In einer besonders gelungenen Szene verführt Victoria, die wunderschöne farbige Tochter von Monty Kipps, ausgerechnet am Beerdigungstag ihrer Mutter im allgemeinen Durcheinander der Trauerfeierlichkeiten Howard, der nicht weiß , wie ihm geschieht, da sie es ganz auf ihn abgesehen hat,–und er widerstrebend auch auf sie! Als auch dieser Seitensprung in einem dramatischen Finale Kiki zur Kenntnis gelangt, ist die Ehe am Ende.

In dem Roman entwickelt sich von Beginn an eine unterhaltsame, teils komische, aber auch ernste und traurige Geschichte um diese beiden Familien.
Die Geselligkeiten, Konkurrenzen, Liebeleien und die Entwicklungen der verschiedenen Personen gewinnen Konturen und lassen den Leser am lebendigen Leben und Treiben auf und um den Campus teilhaben. Die charaktervollste und echteste aller Figuren ist Kiki, die Dank ihrer Persönlichkeit alle anderen in den Schatten stellt. Sie ist liebenswert, selbstbewusst, hilfsbereit, stolz, mitfühlend,–alles in einem!

Es geht in diesem Roman auch um Schwarz und Weiß, um die Rechte der Farbigen in Amerika, um Liebe, Kampf und Gleichberechtigung, um den Wissenschaftsbetrieb an einer Universität und politische Diskussionen aller Couleur.

Das Ende der Ehe zwischen Kiki und Howard bleibt am Ende
versöhnlich und hoffnungsfroh offen.

Dass das Buch so lebendig und unterhaltsam ist, kann man sicher der amüsanten und bei allem Ernst doch auch komischen Diktion von Z. Schmith’s Erzählweise verdanken.
Sie ist weise und klug in der Art, wie sie Charaktere der verschiedensten Alterstufen darstellt.
Der Roman ist ein reifes Werk für eine noch junge Autorin, von der man sicher weiterhin viel erwarten darf.

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Vampyr

Vampyr

Glen Beag, Schottische Highlands 1727.
Catherine hat keine Wahl. Sie muss Martáinn warnen, soll der Attentäter sein Ziel nicht erreichen. Um nicht entdeckt zu werden, flieht sie. Doch dann ist der Attentäter hinter ihr her. Ohne die Hilfe eines Clanskriegers wäre sie nun tot. Zu ihrem Erstaunen geht Hauptmann Farrell, Mitglied der Burgwache, jedoch davon aus, dass sie selbst den Attentäter ermordet hat. Der Clanskrieger war demnach keiner von seinen Männern.

Catherine muss Farrell zur Burg folgen. Der Fremde, der ein Hintermann des Anschlages sein könnte, kann nur dort zu finden sein. Catherine ist davon nicht begeistert. Um keinen Preis, möchte sie das der Earl erfährt, dass sie wieder hier ist. So verkleidet sich die junge Frau und tritt als Bursche in Hauptmann Farrells Dienste.

Bei ihren Nachforschungen gerät sie an zwei Jungen, die sich mit ihr anlegen. Doch mit Hilfe einer seltsamen Kreatur übersteht sie diese Demütigung. Daeron ap Fealan, der Catherine schon bei der ersten flüchtigen Begegnung erkannt hat, bringt die Verletzte in seine Räumlichkeiten. Damit Daeron sie nicht an den Earl verrät, muss sie nun bei ihm bleiben und sein „Bursche“ werden.

Eine Begegnung mit Martáinn ist natürlich unausweichlich. Und sofort entflammen die alten Gefühle wieder. Endlich erfährt Catherine, was hinter den Burgmauern vorgeht. Als sie Farrell eine Nachricht überbringen will, begegnet sie wieder dieser seltsamen Kreatur. Sie sucht Zuflucht in Farrells Schlafzimmer, der nicht da ist. Als Fenster und die Tür versperrt sind, versucht die Kreatur durch den Kamin zu ihr zu gelangen. Catherine gerät in Panik. Doch alles wird noch viel schlimmer, als sie die wahre Identität des Untieres erfährt.

Eine alte Legende um eine Hexe und der damit verbundene Aberglaube schaffen in diesem Buch eine ungewöhnliche Stimmung, der man sich nicht entziehen kann. In welche Geschichte Catherine da hineingerät, liegt jenseits von Gut und Böse. Sie wird hineingezogen in den Machtkampf der herrschenden Familie, der mit unlauteren Mitteln ausgefochten wird. Dafür steigen sogar Tote wieder aus dem Grab. Die Geschichte ist dementsprechend gruselig, furchteinflößend und beängstigend. Auch die Kulisse ist einzigartig und verstärkt diese Gefühle noch. Alles passt wunderbar zusammen. Es ist ein Buch, das sicher alle begeistert, die Dark Fantasy mögen und den Mythos, der zu Vampiren gehört.
Auch vom Schreibstil her gefällt das Buch gut. Man kann der Autorin wunderbar folgen. Ihre Geschichte ist nicht abgedroschen wie manch anderer Vampir-Roman, sondern einzigartig und außergewöhnlich.

Über die Autorin:
Brigitte Melzer wurde 1971 geboren. Sie kam über Fantasy-Rollenspiele zum Schreiben. Ihr erster Roman „Whisper – Königin der Diebe“ gehörte zu den drei besten Manuskripten, die für den Wolfgang-Hohlbein-Preis 2003 eingeschickt wurden. Brigitte Melzer lebt in München. www.brigitte-melzer.de

Rezension von Heike Rau

Brigitte Melzer
Vampyr
272 Seiten, gebunden
Verlag Carl Ueberreuter, Wien
ISBN-10: 3-8000-5268-7
ISBN-13: 978-8000-5268-4
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Der finstere Plan des Professor Murdo

Der finstere Plan des Professor Murdo

Weil die Eltern beruflich unterwegs sind, darf Sam für eine Woche zu Prof. Ampersand. Bei ihm leben auch zwei Kinder. Seine Großnichte Zara und sein Großneffe Ben. Prof. Ampersand ist ein guter Freund von Sams Eltern. Er lebt in Edinburgh und ist Erfinder. So kommt Sam in einen echten, chaotischen Erfinderhaushalt. Er fühlt sich dort auf Anhieb wohl.

Gleich am ersten Abend taucht ein Besucher auf. Eric bringt Neuigkeiten über Professor Murdo. Er hat herausgefunden, dass dieser an etwas sehr Gefährlichem forscht. Wenn sein Vorhaben gelingt, könnte das das Ende des menschlichen Lebens bedeuten. Prof. Ampersand informiert sofort andere Kollegen von diesem beängstigenden Vorgehen. Murdo muss unbedingt das Handwerk gelegt werden. Während Erik allen erzählt, was er erlebt hat, landet ein merkwürdiges Flugzeug im Garten. Und schon wird scharf geschossen. Major Nigel Smedling, Sicherheitschef der Forschungsgesellschaft Nordbergen, nimmt den Professor und seine Freunde gefangen. Mit Kindern hat er allerdings bei dem unverheirateten Professor nicht gerechnet. Und die waren so schlau, sich zu verstecken und bleiben somit unentdeckt.

Die Kinder wissen zunächst nicht, was sie tun sollen. Doch Prof. Gauntraker hat Instruktionen dagelassen. Versteckt in einem Knopf. Diese Hinweise führen die Kinder zu einem geheimen Untergrundbahnhof. Von hier kommt man überall hin. Auch von Edinburgh nach Nordbergen. Die Kinder planen eine Befreiungsmission, ohne zu wissen, auf was sie sich einlassen.

Das Buch ist mit Schwung und Tempo geschrieben. Und die Kinder erleben auf ihrer Rettungsmission ein Abenteuer nach dem anderen. Es geht schließlich um Mord, Erpressung und illegale Genexperimente. Die Kinder müssen eine Katastrophe aufhalten. Dabei zeigen sie sich zuverlässig und mutig und dürften damit auf jeden Leser großen Eindruck machen. Man lernt die Kinder gut kennen, kann sich perfekt in sie hineinversetzen. So wird man richtig in die Geschichte hineingezogen. Der Autor beweist Einfallsreichtum und Fantasie. Seine Beschreibungen wirken sehr bildhaft. Man kann sich die einzelnen Szenen sehr gut vorstellen. Außerdem gibt es einige Illustrationen und auch Karten von bestimmten Orten. So macht es viel Spaß, das Buch zu lesen.

Über den Autor:
John Fardell ist freiberuflicher Karikaturist, Illustrator, Designer und gelegentlich Puppenspieler. Arbeiten von ihm sind in vielen bekannten Zeitschriften erschienen. John Fardell lebt in Edinburrg. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Rezension von Heike Rau

John Fardell
Der finstere Plan des Professor Murdo
Aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung
311 Seiten, gebunden, ab 10 Jahren
Ravensburger Buchverlag
ISBN-10: 3-473-34481-8
ISBN-13: 978-473-34481-9
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