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Schlagwort: Reise

T. C. Boyle: Drop City

T. C. Boyle: Drop City

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Wer diesen Roman zur Hand nimmt, was gleich vorneweg sehr zu empfehlen ist, der wird sich zunächst auf zwei Geschichten einlassen müssen, die im ersten Moment nichts miteinander zu tun haben. In den sechs Teilen, in denen das Buch untergliedert ist, wird im Wechsel zunächst die Geschichte von einer Hippie-Kommune irgendwo in Kalifornien berichtet.

Dabei stehen nicht nur die zwei Personen Star und Ronnie (genannt Pan) im Vordergrund, die den Auftakt bilden. Sondern mit einem detailgetreuen Wissen um die Abläufe in solch einem Mikrokosmos, was eine Kommune ursprünglich auch darstellen sollte, gibt der Ex-Hippie Thomas C. Boyle vielen Figuren Raum in dieser Geschichte. Vielleicht ist aber gerade das der Grund, warum die Geschichte so detailliert und authentisch wirkt. So gibt es Norm und seine Frau, dem das Grundstück gehört, auf dem die Kommune lebt, der dadurch in eine Anführerrolle gerutscht ist, die er gar nicht gewollt hat. Es gibt Alfredo, den Möchte-gern-Chef der Gruppe, mit seiner Familie, es gibt die Clique der Schwarzen um Lester, denen unterstellt wird, dass sie zwar von der Kommune leben, ihr aber nichts beisteuern wollen.

Jeder Tag im sonnigen Kalifornien läuft wie der vorhergehende, und wenn die Kleinkinder mal zu lästig werden, dann werden sie mit LSD im Orangensaft ruhig gestellt. Ein Drink, der eigentlich nur für die Erwachsenen gemixt wurde. Aufregendes, abgesehen von den alltäglichen Problemchen sowie den Klagen der Nachbarn über diese verlausten Nichtsnutze oder gar eine Vergewaltigung innerhalb der Kommune, passiert nicht.

In der Parallelhandlung der anderen Teile im Buch geht es um Sess Harder, ein Mann, der für sich herausgefunden hat, dass ein Leben als einsamer Fallensteller in einer Blockhütte in Alaska das Leben ist, was für ihn nur in Frage kommt. Doch er weiß, dass es sich mit einer Frau an der Seite in der Einsamkeit auch sehr gut anfühlen kann und ist umso mehr überrascht, dass sich Pamela für ihn interessiert. Ursprünglich wollte Pamela nicht ihn, sie kannte ihn da noch nicht, sondern Joe Bosky besuchen. Der jedoch nimmt es seinem Nachbarn später übel, Pamela geheiratet zu haben.
Die Liebesgeschichte um Pamela, Sess und Joe könnte sicherlich auch alleine als spannender Roman funktionieren, wenn Norm, der Chef von Drop City, nicht die Schnauze voll von den Behörden und kein Grundstück in Alaska geerbt hätte. Er setzt allen den Floh ins Ohr, dass sie als Kommune in Alaska ein phantastisches Leben vor sich hätten, ein Leben in völliger Freiheit und Natur, unbelästigt von dem ganzen spießigen Kleinbürgertum.

Man ahnt es: an dieser Stelle werden die beiden Handlungsstränge ineinander geführt. Die Wege von Norm, Ronnie, Star und Sess kreuzen sich und das Desaster nimmt seinen Lauf. Die Hippies treffen in Alaska auf ein Umfeld, mit dem sie nicht gerechnet hatten, so hatten sie dieses Land in ihren Vorstellungen und Träumen nicht gesehen. Es kommt zu einer Vermischung mit den Einwohnern und sie werden in deren Probleme hineingezogen. Die Unterschiede zwischen einer Kommune im ewig sonnigen Kalifornien und einer in einem sechs Monate lang bei Temperaturen weit unterhalb von Null liegendem Alaska sind so gravierend, dass das Auseinanderbrechen der Gemeinschaft zwangläufig sein muss.

Dass in der Kommune nicht viel passiert, ist natürlich weit untertrieben. Die detailgenaue Phantasie Boyles schafft genügend spannende Momente, die den Leser die Zeilen verschlingen lassen. Aber in der Phantasie des Autors mag zwar die Handlung in der Natur Alaskas gelegen haben, das detailreiche Wissen darüber verdankt er seinen Recherchen. Außerdem ist Boyle eines seit seiner Hippie-Zeit geblieben: die Liebe zur Natur. Auch heute noch wandert er tagelang durch abgeschiedene Landschaften.

Boyle ist ein großes Epos über ein als alternativ möglich gesehenes Gesellschaftsmodell, welches mit dem heutigen Abstand auch in seinen Augen als gescheitert anzusehen ist, gelungen. Er schreibt von Menschen, die davon reden, im Einklang mit der Natur zu leben (wie die Hippies) und von solchen, die es tatsächlich tun (wie die Einsiedler in Alaska). Boyle schreibt von Menschen, deren Naivität schier grenzenlos zu sein scheint, die damit aber nichts anderes als das blanke Chaos hervorrufen. Der Zusammenbruch der Gemeinschaft wird schließlich dadurch symbolisiert, dass die Hippies plötzlich ihre Namen auf das Geschirr kratzen, wo bis dato doch allen alles gehörte.
Ein Buch, welches unbedingt gelesen werden sollte.

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T. C. Boyle
Drop City
528 Seiten, gebunden
Hanser Verlag
ISBN-10: 3446203486
ISBN-13: 978-3446203488
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2010
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Die Reise in der Suppenschüssel

Die Reise in der Suppenschüssel

Das Kochbuch ist eine Einladung für Kinder und Eltern neue Welten zu entdecken, was das Essen betrifft. Angetreten wird die Reise in einer Suppenschüssel. Mit an Bord sind die Autorin Sabine Bohlmann, ihre Freundin Fumi Dehnst und die Kinder Jakob, Paulina, Luca und Hannah. Wer mit auf die Reise gehen will, braucht zunächst einmal eine Schürze. Und die wird auch gleich genäht. Die Anleitung im Buch macht es möglich.

Der erste Halt wird in Italien gemacht. Nudeln mag ja jedes Kind. Aber wie wäre es, diese einmal selbst zu machen. Auch die Pizza sieht sehr lecker aus. Wenn man hier Hand anlegt, hat zum Schluss jeder auf der Pizza, was er am liebsten mag. So eine Pizza ist auch ein tolles Spielzeug. Mit Essen soll man aber nicht spielen, das ist schon klar. Deswegen ist die Spiel-Pizza auch aus Stoff. Die kann im Kinderkaufmannsladen mit verkauft werden.

Mit der Suppenschüssel wird beispielsweise auch in Indien, im Hexenwald, in Japan, auf dem Kartoffelacker oder an der Tankstelle gelandet. Und falls die Flugzeit mal etwas länger dauert, gibt’s Leckeres für unterwegs. Vieles davon passt auch in eine Brotdose. Die kann man auch mit in die Schule nehmen.

Haltgemacht wird auch im Schlaraffenland. Kinder mögen auch gerne mal Süßes. Dagegen spricht auch nichts, wenn man sich die Leckereinen gut einteilt und nicht ständig am Naschen ist. Die leckeren Schokofrüchtekuchen kann man auch verschenken. Wer möchte kann auch Tortenmagnete aus Fimomasse basteln. Die sind zwar nicht unbedingt lecker, aber sehr schön anzusehen.

Das Buch ist nicht einfach nur ein Kochbuch, sondern auch ein Kinderbeschäftigungsbuch. Das Thema Ernährung wird in all seinen Facetten aufbereitet und so aus allen möglichen Blickwinkeln betrachtet. Kinder werden also nicht einfach nur vor den Teller gesetzt, um zu essen. Da werden Einkaufslisten gemalt, Küchenschürzen genäht und Dekorationsmaterial gebastelt. Gemeinsam wird eingekauft, geschnippelt, gerührt und gekocht. Das Essen selbst wird zur gemütlichen Sache. Zwänge gibt es keine und auch keine Ermahnungen für pingelige Esser. Die Kinder kommen hier ganz von allein auf den Geschmack, dürfen mit entscheiden und bestimmen. In den Fotos wird dies widergespiegelt. Es sind keine Studiofotos, sondern Bilder mitten aus dem Familienleben und der Küche zu Hause. Einfach klasse!

Rezension von Heike Rau

Sabine Bohlmann
Die Reise in der Suppenschüssel
Die Vielfalt des Essens spielerisch entdecken
143 Seiten, broschiert
Egmont Vgs
ISBN: 978-3802517785
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Die unglaubliche Reise der Lillian Leyb

Die unglaubliche Reise der Lillian Leyb

Amy Bloom
Die unglaubliche Reise der Lillian Leyb
Hoffmann und Campe
ISBN 3455400914

Abenteuerreich und vielschichtig ist die Geschichte über das Leben und die Reisen der Lillian Leyb.
Wir schreiben das Jahr 1920 und erleben sie als junge Frau in New York.
Sie ist gerade mit einem Einwandererschiff angekommen und schleppt sich buchstäblich mit letzter Kraft zur Adresse einer Cousine. Dort wird sie unter ärmlichsten Bedingungen in ein Schlafquartier eingewiesen, das sie sich mit noch anderen Ankömmlingen teilen muss.
Sie ist Jüdin und kommt aus Russland. Dort hat sie bei einem Pogrom ihre ganze Familie verloren, nur ihre kleine Tochter ist verschwunden.
Lillian beginnt in New York als Näherin bei einer jüdischen Theatergruppe. Mitglieder der Truppe, ein imposanter Vater und sein Sohn, Regisseur der eine und Schauspieler der andere, werden ihre Liebhaber. Beide sind recht sonderbare Gestalten. Lillian ist alles egal: es gilt nur, das Szenario des Untergangs hinter sich zu bringen.

Niemand kann Lillian aufhalten, als sie erfährt, dass ihre Tochter Sophie angeblich noch lebt,–in Sibirien!
Sie macht sich auf die Reise, um die Tochter zu finden.

Es geht aber in der Erzählung nicht vordergründig um die Suche nach der Tochter. Vielmehr scheint die Reise und Suche nach ihr den Plot zu geben für ein Leben, das von außergewöhnlichen Randbedingungen gekennzeichnet ist.

Die Geschichte spielt zwischen Neuankömmlingen in New York, zwischen Ganoven und Lebenskünstlern, Theaterleuten aus russisch jüdischen Einwandererzirkeln und allerhand verlorenen Gestalten.

Lillian taumelt zwischen Traum und Wirklichkeit dahin. Sie wirkt fast unbeteiligt und spielt ein Spiel mit, von dem nicht klar ist, wie es enden wird. Es geht immer nur ums nackte Überleben und dazu gehört Geld, wie immer man es sich beschafft.

Abenteuerlich, phantasievoll und fast betäubend wird über die Leiden der Lillian Leyb auf ihrem Weg zurück nach Russland berichtet.
Mit Chuzpe und Geschick setzt sie unbeirrt ihre Reise durch.

Auf ihrer Reise landet Lillian einmal im schwarzen Prostituiertenmilieu in Seattle mit unglaublichen Zuständen, dann wieder im Knast auf dem Weg nach Kanada.
Ob sie ihr Ziel je erreichen wird?

Neben dem New Yorker jüdischen Viertel ist es die gefährliche Reise über den halben Kontinent nach Alaska und Sibirien, die mit vielen Abenteuern aufwartet. Charakterstudien und Lebenskunst sind die herausragenden Merkmale der Erzählung.
Milieustudien von seltener Vielfarbigkeit bieten bestechende Unterhaltung.
Die Geschichte ist gelegentlich in epischer Breite angelegt.

Trotz wortgewaltiger Passagen und der phantasiereichen Geschichte möchte ich das Buch eher dem Genre gehobener Unterhaltung als der großen Literatur zurechnen.

Rezension von Claudine Borries

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Snack Daddys abenteuerliche Reise

Snack Daddys abenteuerliche Reise

Eine so umwerfende, witzige, satirische und humorvoll-skurrile Geschichte hat es wohl lange nicht mehr auf dem Büchermarkt gegeben!
Die Geschichte beginnt Anfang der achtziger Jahre und endet ca 2003. Einmal sind wir in New York und dann wieder in Leningrad und an anderen Orten.
Snack Daddy (Mischa) Vaingart, 31 Jahre alt, ist gebürtiger Russe, Jude, Faulpelz und zudem noch reich.

In New York von emigrierten russischen Eltern geboren, verschlägt ihn das Schicksal zurück nach Leningrad, wo er mit seinen Freunden in den Tag hinein lebt, teils der Hauptfigur Idiot in dem Roman von Dostojewski ähnlich, und teils eine moderne Form von Oblomow nach der von Gontscharow geschaffenen Figur des ewig antriebsarmen Faulpelzes.

Snack Daddy selbst hat eine barocke, fette und unansehnliche Figur, ist voller Sehnsucht nach Liebe und Heimat, die ihn umtreibt, und die er weder in Leningrad noch in New York wirklich findet. In Lenigrad muß er verweilen, weil sein Vater in den USA wegen eines Verbrechens gesucht wird, und er daher kein Visum für eine Rückkehr in die USA bekommen kann.
Sein Vater wird in Leningrad ermordet, weil er in krumme Geldgeschäfte verwickelt war.
Über Absurdistan, einer Fantasierepublik am Kaspischen Meer, versucht Mischa schließlich vermittels eines belgischen Visums aus der östlichen Region zu entkommen.
Bürgerkriegsverhältnisse dort und verwickelte Freundschafts -und Liebesgeschichten überall beleben die Szenen des alltäglichen Lebens in jeder Zeile der Geschichte, die drastisch, lakonisch und voller Komik ist.

Politische Verwicklungen, die unsere heutige Zeit karikieren, Russland und Amerika als Gegenpole, das Ganoventum und die Geldmacher hier wie dort, alles wird in den farbigsten Mustern ausgemalt.

Wie die Orte beschrieben werden: das alte, schöne aber auch in seiner Bausubstanz verkommene Leningrad, das wilde, großspurige, moderne und mit Wolkenkratzern bestückte New York, das ist einmalig, rührend und hinreißend.

Der Einfallsreichtum der wortgewaltigen Beschreibungen des Gary Shteyngart ist berückend. Sein Roman lebt auch in der Tradition eines I.B. Singer oder Meir Shalevs, die mit feinem jüdischem Humor das Leben mit einem Hauch Ironie ansehen und alles nicht zu ernst nehmen.
Wer diese Art Humor und Literatur liebt, der sollte sich diesen Roman auf keinen Fall entgehen lassen!

Gary Shteyngart
Snack Daddys abenteuerliche Reise
Humorvolle Groteske und literarisch politsche Satire
ISBN:3827006619
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Große Reise ins Feuer

Große Reise ins Feuer

Seyran Ates hat in diesem Buch ihren eigenen Lebensweg von der Türkei nach Deutschland als Migrantin beschrieben.
Ihre Eltern hatten sich ihre Heirat durch Flucht ertrotzt und waren in steter Liebe einander verbunden.
Sie zogen, um Arbeit zu finden, aus einem Dorf nach Istanbul.
Seyran hat zwei ältere Brüder, eine jüngere Schwester und einen jüngeren Bruder.
Als Seyran fünf Jahre alt war, ist ihre Mutter, an der sie sehr hing, verschwunden. Später ist auch der Vater weg. Sie bleibt bei Verwandten und versteht erst später, dass die Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland gegangen sind.
Die Kinder werden etwas später erst nach Deutschland geholt.

Seyran empfindet ihr Leben sehr bald schon als Zumutung: sie muß ständig dienen und bedienen und heimst viele Schläge ein, mal vom Vater und mal vom älteren Bruder, auch von der Mutter.
Sie besucht die Grundschule und wird mit einem der besten Zeugnisse für das Gymnasium empfohlen.
So wechselt sie auf eine weiter führende Schule und kommt mehr und mehr mit ihrem häuslichen und außerhäuslichen Leben in Konflikte.
Die Freiheiten der deutschen Schülerinnen sind ihr nicht gegeben. Sie muß zu Hause die unterwürfige Tochter und Schwester sein, in der Schule aber lernt sie die Freiheit der Selbstbestimmung kennen.
Je länger sie in der Schule ist, zunächst noch abgelehnt, allmählich dank ihrer Leistungen anerkannt, desto schwerer fällt ihr der klimatische Wechsel.

Mit ca 17 Jahren beschließt sie, von zu Hause abzuhauen.
Es beginnt eine zermürbende Zeit, hin und her gerissen zwischen den Banden der Großfamilie, die sie liebt, und ihrem Freiheitsdrang.

Daneben macht sie eine ausgezeichnete Schülerinnenkarriere, wird Schulsprecherin, nimmt an Demonstrationen teil und benimmt sich in jeder Hinsicht sehr aufmüpfig.
Alles in allem ist Seyran Ates von ausgeprägter Charakterstärke und einem eisernen Willen beseelt, der sie viele Hürden überwinden lässt.
Am Ende studiert sie Jura.
Inzwischen schafft sie es, sich mit den Eltern, die sie lieben und die sie liebt, zu versöhnen, wenn auch von massiven Ängsten bei ihren diversen Besuchen begleitet.
Sie ist politisch aktiv, lebt in Wohngemeinschaften, lebt sieben Jahre mit einem guten Freund zusammen,–alles geduldet und am Ende auch respektiert von ihrer Familie.
Ein Attentat in einem Frauenberatungszentrum überlebt sie schwer verletzt und kann erst nach langer Zeit ihr Studium wieder aufnehmen und beenden.
Heute lebt sie als Anwältin in Berlin.
Viele Menschen haben ihr geholfen und zur Seite gestanden, was sie mit warmer Dankbarkeit erwähnt.

Ihr Leben ist ungewöhnlich und sicher nicht exemplarisch für allzu viele Migrantinnen aus der Türkei.
Im ersten Teil verdeutlicht sie sehr anschaulich die Konflikte, die das Leben zwischen zwei Kulturen heraufbeschwört. Einerseits die wichtige Funktion der Verwandten und das Geborgenheitsgefühl in der traditionellen Großfamilie, andererseits die Freiheit und Selbstbestimmung in einer westlich geprägten Kultur. Ihre Verzweiflung, diese beiden Welten nicht miteinander vereinbaren zu können, wirkt sehr authentisch.

Der letzte Teil des Buches ist voller idealistischer Vorstellungen, dass diese zwei Leben zu vereinigen doch möglich sein sollte. Hier befindet sich Seyran Ates nach meinem Gefühl noch auf einem Weg, der vielleicht eines Tages wünschenswert wäre, von dem wir aber nicht wirklich wissen, ob er in unserer Welt realisierbar ist.
Es ist ein interessantes, aufschlussreiches und sehr lesenswertes Buch, da Seyran Ates mit aufgeklärtem Geist aus ihrer so anderen Welt ín unsere gewechselt ist und weiterhin die Verbindung zu ihrer alten Welt pflegt und aufrechterhält.
Sie hat großartige Eltern, die sich über alle kulturellen Grenzen hinweg bemüht haben, ihr Kind anzunehmen und gelten zu lassen Das ist auch unter heutigen Bedingungen in türkischen Familien nicht unbedingt selbstverständlich.

Seyran Ates
Große Reise ins Feuer
Leben zwischen zwei Welten
ISBN:3871344524
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Miss Harriets Reise mit dem Drachen

Miss Harriets Reise mit dem Drachen

Miss Harriet ist eine berühmte Forschungsreisende. Nun hat sie den ungewöhnlichen Wunsch, einen Drachen aufzuspüren und nach England zu bringen, obwohl diese als ausgestorben gelten. Sie erinnert sich an eine Geschichte, die ihr einst ein alter Mann bei einer Expedition durch Südpadagonien erzählt hat. Angeblich sollen im Inneren der Erde Drachen leben, die mit ihrem feurigen Atem die vorhandenen Lavamassen am glühen halten.

Miss Harriets nächste Reise führt also nach Padagonien. Sie fliegt mit ihrem Heißluftballon, begeleitet von Papagei Frederick, los. In den Bergen, in der Nähe des höchsten Gipfels, entdeckt Miss Harriet tatsächlich ein Nest mit einem Drachen und einem Ei. Mit Lasso und Netz fängt sie den Drachen und auch das Ei kommt mit auf die Reise zurück nach England. Dort bringt sie die Leute zum Staunen. Da Drachen sehr gefährlich sind, kommt das Tier in einen Spezialkäfig. Doch dann kommt ein seltsamer Vogel und stiehlt das Ei. Miss Harriet nimmt unerschrocken die Verfolgung auf. Der Vogel verschwindet direkt in einem dunklen Krater. Miss Harriet zögert nicht und fliegt ihm mit ihrem Ballon nach.

Die Autorin erzählt eine fantasievolle und sehr aufregende Geschichte. Miss Harriets Mut wird sicher jeden zum Staunen bringen. Allerdings ist die Geschichte doch etwas sehr kurz gefasst und auf das Wesentliche beschränkt. Gern hätte man viel mehr erfahren. Die Details sind eher den Bildern zu entnehmen als der Geschichte. Die Illustrationen sind sehr fein, aufwändig und mit einer breit angelegten Farbpalette gezeichnet. Hier gibt es Unglaublich viel zu entdecken. Damit man im Inneren der Erde nicht den Überblick über oben und unten verliert, kann man sich am Papagei orientieren und so erkennen, wie herum man das Buch drehen muss. Gezeichnet sind die Illustrationen nämlich aus ungewöhnlichen Perspektiven. Kinder werden sich freuen, selbst aktiv werden zu können. Mit im Buch ist ein Bastelbogen zum Anfertigen eines eigenen Ballons. Auch Papagei Frederick aus Pappe ist dabei. Mit ihm kann man eine Fantasiereise im Ballon unternehmen oder auch direkt durchs Buch reisen. Er passt durch die ausgestanzten Löcher auf den Seiten. Durch den eingeschränkten Blick kann man zunächst nur erraten, was es wohl auf der nächsten Seite zu sehen gibt. Erst wenn man mit dem Papagei durch das Loch geflogen ist, kann man sehen, was es auf der nächsten Seite wirklich gibt. Das ist nicht nur sehr spannend, es macht auch sehr viel Spaß.
Geeignet ist das Buch schon für Kindergartenkinder. Aber auch Bilderbuchliebhaber werden an diesem wundervollen Buch ihre Freude haben.

Über die Autorin:
Sue Scullard wurde 1958 in Medway Towns geboren. Heute lebt sie in Kent. Sie studierte an der Camberwell School of Art und am Royal College of Art und hat seit 1983 ihren Magister of Art. Sie arbeitet als Holzschnitzerin und freie Autorin.

Rezension von Heike Rau

Sue Scullard
Miss Harriets Reise mit dem Drachen
Übersetzung von Hildegart Krahé
40 farbige Seiten, gebunden
mit Bastelanleitung für den Ballon und ausgestanztem Papagei
ab 5 Jahren
Lappan Verlag, Oldenburg
ISBN: 3-8303-1097-8
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Imago – Die geheime Reise

Imago – Die geheime Reise

Die 12jährige Wanja lebt bei ihrer Mutter. Ihren Vater kennt sie nicht. Dass die Mutter nicht bereit ist, über ihn zu sprechen, betrübt das Mädchen sehr.
Wanja kann es kaum glauben, als der Radiowecker ihr mitten in der Nacht eine Ankündigung macht. Die Stimme einer Frau lädt sie ein in die Ausstellung „Vaterbilder“. Die Ausstellung ist nur für eingeladene Kinder bestimmt, befindet sich in einem Raum der Kunsthalle, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Viele Bilder gibt es hier, doch nur von einem fühlt Wanja sich magisch angezogen. Durch das Bild wird ihr für einige Male für eine bestimmte Zeit der Zutritt in eine andere Welt namens Imago ermöglicht. Ein Zirkus ist hier Zuhause und Wanja fühlt sich sofort wohl an diesem Ort. Zu ihrem Erstaunen zieht das Bild auch Mischa magisch an, einen Jungen, der in die gleiche Schule wie Wanja geht. Besonders zum Akrobaten Taro fühlt Wanja sich hingezogen. Es wäre schön, wenn ihr Vater so wäre wir er. Die Idylle an diesem verzauberten Ort trügt jedoch. Ein schwarzer Vogel verbreitet Angst und Schrecken. Nach jedem Angriff wird er größer und bedrohlicher.

Die Geschichte spielt sowohl in einer realen, als auch in einer fantastischen Welt. Wanja und Mischa lernen sich erst im Zirkus richtigen kennen. Beide verbindet die Probleme mit ihren Vätern. Wanja kennt ihren nicht und Mischas Vater ist Alkoholiker. Die Welt Imago ist also eine Art Zuflucht für die Kinder. Doch auch hier müssen sie sich ihren Sorgen und Ängsten stellen. Ein wenig wundert man sich allerdings, wie selbstverständlich die Kinder diese andere Welt nehmen. Sie hinterfragen kaum und zweifeln nicht. Immer wieder treten sie ihre Reise nach Imago an, auch als es zunehmend gefährlicher wird. Aber Wanja und Mischa entwickeln sich weiter, lernen, dass sie ein Recht darauf haben, zu erfahren, wo ihre Wurzeln sind. Sie lernen Verantwortung zu übernehmen. Die Autorin vermittelt diese Entwicklung auf dem Weg zum Erwachsenwerden sehr bildhaft. Die eigentlich unwirkliche Stimmung im Zirkus wird sehr spannend dargestellt. Von den Geschehnissen dort wird man in den Bann gezogen. Aber auch die Atmosphäre zu Hause mit allen Sorgen und Nöten wird gut nachvollziehbar gezeichnet. Die Autorin hat mit ihrer Geschichte ein wichtiges Thema einfühlsam umgesetzt.

Über die Autorin:
Isabel Abedi, Jahrgang 1967, hat 13 Jahre als Webetexterin gearbeitet. Inzwischen hat sie mehrere Kinderbücher veröffentlicht, von denen einige ausgezeichnet und in andere Sprachen übersetzt wurden. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Töchtern in Hamburg. „Imago – Die geheime Reise“ ist ihr erster Jugendroman.

Rezension von Heike Rau

Isabel Abedi
Imago – Die geheime Reise
404 Seiten, gebunden
ab 12 Jahren
Arena Verlag Würzburg
ISBN: 3-401-05572-0
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